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Die 65jährige verwitwete Barbara kehrt von einer sechswöchigen Südostasien-Rundreise zurück und stellt fest, dass sich entgegen ihrer Hoffnung im heimischen Alltag nichts verändert hat. Sie fühlt sich genauso einsam wie vorher und da ihre finanziellen Mittel knapp und die sozialen Bezüge eher schmal sind, befürchtet sie, in ihrer Wohnung zurückgezogen in Banalität und Gleich-förmigkeit zu versinken. Resigniert nimmt sie alte Gewohnheiten wieder auf und erst als sie Zeugin einer Auseinandersetzung zwischen einer Marktfrau und einem älteren Herrn wird, reflektiert sie ihre düstere Sicht auf die Zukunft und weiß, dass sie nicht das einfältige Leben ihres engstirnigen Freundes teilen möchte. Sie will ihre Lebensgeister spüren und Lust leben.
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Seitenzahl: 248
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Die 65jährige verwitwete Barbara kehrt von einer sechswöchigen Südostasien-Rundreise zurück und stellt fest, dass sich entgegen ihrer Hoffnung im heimischen Alltag nichts verändert hat. Sie fühlt sich genauso einsam wie vorher und da ihre finanziellen Mittel knapp und die sozialen Bezüge eher schmal sind, befürchtet sie, in ihrer Wohnung zurückgezogen in Banalität und Gleichförmigkeit zu versinken. Resigniert nimmt sie alte Gewohnheiten wieder auf und erst als sie Zeugin einer Auseinandersetzung zwischen einer Marktfrau und einem älteren Herrn wird, reflektiert sie ihre düstere Sicht auf die Zukunft und weiß, dass sie nicht das einfältige Leben ihres engstirnigen Freundes teilen möchte. Sie will ihre Lebensgeister spüren und Lust leben.
Inge Kleinschmidt. Geboren in Döhren/Weser, kleinbäuerliche Landwirtschaft, erste Land-WG, Studium Sozialpädagogik und Soziologie, Erprobung alternativer Lebensformen, Arbeit und Leben im Kollektiv, eigenes Damenschuhgeschäft, Zweitstudium Literaturwissenschaft und Philosophie, zwei Ehen, eine Scheidung, 2011 Roman „Frauenschuh“, 2016 Roman „Tochter dazwischen“. Inge Kleinschmidt lebt und arbeitet in Nordhorn, Grafschaft Bentheim.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Erschöpft vom stundenlangen Dämmern und Dösen schob ich vorsichtig die Sonnenblende hoch und blickte in den hellen Morgenhimmel. Nun dauerte es nicht mehr lange bis zur Landung. Meine mittlerweile steifen Gliedmaßen ließen sich in der Enge schwerlich strecken. Nach und nach versuchte ich die Füße, die Beine, die Arme, Hände und Finger zu dehnen, dann rollte ich so gut es ging die Schultern und brachte Bewegung in meinen Nacken. Nie wieder würde ich einen Langstreckenflug unternehmen, nie wieder stundenlang wach stillsitzen. Im Flugzeug konnte ich einfach nicht schlafen.
Meine Sitznachbarin, eine junge Thailänderin, schlief beneidenswert tief und wachte nur kurz für ein Getränk oder zum Essen auf. Ihr kindlicher Körper passte nicht zu dem stark geschminkten Gesicht, dem europäisch geschminkten Gesicht. Eingangs hatte sie erwähnt, vom Besuch ihrer Familie im Isaan zu ihrem Ehemann nach Dortmund zurückzukehren. Vermutlich handelte es sich um eine dieser typischen Ehen zwischen einer jungen Asiatin und einem älteren europäischen Mann. Bangkok war voll von solchen Paarkonstellationen. Dass die Familien selbst die Töchter zum Geldverdienen in die Metropole des Sextourismus schickten, war für mich unvorstellbar. Bei der Fahrt durch den Isaan hatte der deutsche Reiseführer spöttisch auf die blauen Verbundziegeldächer hingewiesen, die sich diejenigen Familien leisten konnten, die von ein oder zwei in Bangkok arbeitenden Töchtern versorgt wurden. Zahlreiche blaue Dächer hatte ich in den Dörfern gesehen.
Die Beleuchtung im Flugzeug wurde wieder eingeschaltet, eine Stewardess kam durch den Gang. Sie wirkte ausgeruht und verteilte lächelnd mit einer langen Metallzange weiße, feuchtheiße Tücher an die Passagiere. Ich wischte mein Gesicht ab und erinnerte mich, wie vor einigen Jahrzehnten Stewardess ein Traumberuf gewesen war. Heute waren es Servicekräfte in der Luft, die stets zu lächeln hatten. Mit ihrem zuvorkommenden und freundlichen Auftreten relativierte sich manche negative Erscheinung wie die Enge, die grässlichen Toiletten, das verpackte Essen. Ihr tätiges Bemühen um das Wohlergehen eines jeden Passagiers ließ selbst das trockene Frühstücksbrötchen schmackhaft werden.
Die Thailänderin wachte auf, nahm die Tasse Tee in ihre zierlichen Hände, schlürfte und lächelte mich an: „Gut, gut.“ Bestätigend lächelte ich zurück. Im Laufe der sechswöchigen Rundreise entwickelte ich Misstrauen gegenüber der asiatischen Freundlichkeit. Das Lächeln wie das Aneinanderlegen der Handflächen empfand ich als Automatismus. In den Geschäften und auf den Märkten wurde bei uns Touristen die ursprüngliche Begrüßungsgeste gegenseitiger Höflichkeit als Kaufmotivation instrumentalisiert.
Die inzwischen mit Überwurfschürzen bekleideten Stewardessen sammelten die Verpackungen mit Frühstücksresten ein. Dann ertönten Durchsagen zur baldigen Landung in Düsseldorf, zum Wetter und ein Dank vom Kapitän.
Mit meiner kleinen Kosmetiktasche machte ich mich auf den Weg zur Toilette. Mir fielen die derangierten Frisuren, besonders die zerzausten Hinterköpfe der meisten Passagiere ins Auge. Sicherlich sah ich nicht anders aus. Beim Öffnen der Toilettentür strömte mir ein strenger Geruch entgegen. Dazu wirkte nach zehn Stunden Flug jedes Detail der Toilette wenig einladend. Ich verbrauchte Unmengen Papier, um die Brille auszulegen und bemühte mich, möglichst nichts zu berühren. Mit den äußersten Zeigefingerspitzen stützte ich mich an der klebrigen Kabinenwand ab. Meine Zähne putzte ich so gut es ging und kämmte meine Haare, zuletzt schminkte ich die Lippen. Danach war ich froh, diesen Gang hinter mir zu haben. Auf dem Weg zurück blickte ich in die müden und teilnahmslosen Gesichter der Passagiere, viele hatten die Augen geschlossen, andere schauten durch mich hindurch.
„Bald da“, nickte die Thailänderin und ließ mich zu meinem Fensterplatz durch.
„Holt Ihr Mann Sie ab?“, fragte ich. An und für sich war mir gleichgültig, wer sie abholte. Gern hätte ich gewusst, ob meine Vermutung stimmte und der Ehemann ein alter Mann war, den sie in Bangkok kennengelernt hatte, ob er sie gut behandelte, ob sie glücklich war, doch derlei Fragen überschritten die Grenze der Höflichkeit.
„Ja, holt ab, freut sich, ich zurück. Sie holt ab Mann?“, fragte sie und fingerte nebenbei an ihrem Handy.
„Nein! Mein Mann ist gestorben, tot, eine Freundin holt mich ab.“
Die Thailänderin lächelte kopfnickend, sie schien sich zu freuen. Ich bezweifelte, verstanden worden zu sein, aber sah von weiteren Erklärungen ab. Es war einerlei, ob sie wusste, dass mein Mann gestorben war.
Kurz vor der Landung wechselte die träge Flugzeugatmosphäre in Unruhe. Die Passagiere redeten miteinander, richteten die Haare, versuchten sich zu strecken, sammelten ihre Dinge ein und jeder zeigte Erleichterung, die vielen Stunden in weniger als zwei Kubikmeter Freiraum überstanden zu haben. Sowie das Flugzeug die Parkposition einnahm, entstand Gedränge und Gewühl um die Handgepäckfächer.
Obwohl ich keine Eile hatte, reihte ich mich ein und lief inmitten der anderen Passagiere zum Gepäckband, wartete ungeduldig, peilte die eintreffenden Koffer an und zerrte meinen vom Band, packte ihn am Griff und verließ durch die sich automatisch öffnenden Türen den internen Flughafenbereich in die Ankunftshalle.
„Huh, huh“, hörte ich Brigitte und sah mich um, „huh, huh.“
Die helle Stimme war unverkennbar. Sofort entdeckte ich sie, wir umarmten uns, ich freute mich: „Schön, dass du da bist und vielen Dank, dass du mich abholst!“
„Ich danke dem lieben Gott, dass du heil zurück bist. Tag und Nacht habe ich an dich gedacht und gehofft, eher gebetet, dass dir nichts passiert. Keine Nachrichtensendung habe ich ausgelassen“, sagte sie und beobachtete aus den Augenwinkeln die asiatischen Passagiere, die von ihren Familien hörbar freudig in Empfang genommen wurden. „Hong, hong, hong. Unglaublich diese kleinen Wichtel. Mit deinem einen Meter zweiundsiebzig wirkst du wie ein Riese, wie ein ungelenkes Monster. Mein Gott“, schüttelte sie un-gläubig den Kopf, „sei froh, wieder unter deinesgleichen zu sein.“
Ich wusste nicht, ob ich froh oder traurig war. Mir stiegen Tränen in die Augen.
„Komm her, ich sehe, es war schlimm“, zog Brigitte mich an sich heran, „du wolltest ja nicht hören. Freu dich, dass du in deinem Alter unbeschadet zurück bist. Hier kommt niemand über fünfzig aus dem Flieger und du fliegst mit fünfundsechzig Jahren allein in die Wildnis. Gott sei Dank, du bist wieder hier und vergisst alles ganz schnell.“
Brigittes Resolutheit machte mir Angst. Keineswegs wollte ich meine Eindrücke von sechs Wochen Asien vergessen, sechs Wochen Lebenszeit vergaß man nicht einfach.
Auf der Heimfahrt berichtete ich aus Laos, aus Thailand und spürte an Brigittes Entsetzen, nicht die treffenden Worte zur Schilderung des dortigen Lebens gefunden zu haben.
„Wie, sie lausen sich auf den Märkten zwischen Obst und Gemüse? Igitt“, empörte sie sich.
„Im Grunde genommen verbringen sie ihr Leben auf dem Markt, der Marktstand ist ihr zweites Zuhause, sie sind zufrieden, lachen und erzählen. Oft übernachtet die Familie unter ihrem Stand und am nächsten Morgen machen sie sich frisch und das Leben geht weiter“, berichtete ich.
„Mein Gott, wie schrecklich, dann stinken sie bestimmt.“ Obwohl Brigitte das Auto lenkte, machte sie Gebärden des Ekels: „Keinen Tag hätte ich es ertragen.“
„Niemand stinkt, sie riechen wie wir, wie alle Menschen“, bemühte ich mich um Verständnis für die Thailänder und Laoten in ihren beschwerlichen Lebensbedingungen, wenngleich ich mich selbst oft vor dem unhygienischen Umgang mit Lebensmitteln geekelt hatte.
Nach zwei Stunden Fahrt erreichten wir meine Wohnung. „Ich werde mich melden, sobald ich wach bin, erst einmal herzlichen Dank, dass du mich abgeholt hast“, verabschiedete ich mich von Brigitte.
Die Wohnung war warm, Brigitte hatte die Heizung angestellt. Ich fröstelte, stellte den Koffer ab und sah mich um. Alles stand an seinem Platz, überall war es sauber. Etliche Male hatte ich mir in den letzten zwei Wochen diesen Moment meiner Rückkehr vorgestellt und herbeigewünscht, nun fühlte ich mich unbehaglich, verschwitzt, zu schmuddelig für meine Wohnung.
Vier Briefe lagen chronologisch angeordnet auf dem Tisch. Ich öffnete sie, zwei Angebote der Telekom, eine Einladung zur Krebsvorsorge und die neuen Termine für Yogakurse. Vier kümmerliche Briefe innerhalb von sechs Wochen. Vor einer Reise klebte ich die Mitteilung „Keine Werbung bitte“ an den Briefkasten. In der übrigen Zeit nahm ich Werbung an, so hatte ich immerhin die Illusion, Post zu erhalten.
In meinen Ohren rauschte es, der Kopf dröhnte. Den Koffer brachte ich in das kleine Gästezimmer, nahm Zigaretten aus der Handtasche, ging durch das Wohnzimmer, schob den Vorhang zur Seite und betrat den Balkon. Nach sechs Wochen stand ich wieder hier und alles war unverändert. Die schnatternden Enten im Wassergarten waren vermutlich auch dieselben wie vor meiner Reise. Ich betrachtete die gegenüberliegenden Häuser, die menschenleeren Balkone, die von Gardinen verhangenen Fenster. Hatten Nachbarn mich vermisst? Höchstwahrscheinlich war niemandem aufgefallen, dass ich eine Weile nicht zu Hause war. Ich bin wieder da, sagte ich leise und kehrte zurück in die Wohnung.
Mir war kalt, innerlich kalt, ich schlotterte. Vielleicht hatte ich Angst vor der Totenstille in meinem Zuhause. Nach Wochen in pausenloser Gesellschaft verschiedener Menschen bedrohte sie mich regelrecht. In den verschiedenen Reisegruppen war ich oft die älteste gewesen, dennoch hatte ich mich integriert gefühlt und von morgens bis abends, bis nachts geredet, gefragt, gelacht. Innerhalb von zwölf Stunden war ich jetzt in mein vorheriges Alleinsein zurückgeworfen und zum Platzen voll mit Reiseeindrücken. Vor seinem Tod hatte wenigstens Roland, trotz Alkoholpegel, auf mich gewartet, nicht nur nach einer Reise, täglich, wenn ich aus dem Kindergarten kam. Selbst betrunken hatte er wissen wollen, wie es mir ergangen war.
„Alles blöd!“, stieß ich aus und begann laut mit ihm zu reden, „ach Roland, jetzt bilde ich mir ein, dass das Leben mit dir besser war. Dabei war ich sehr einsam, bloß habe ich es nicht gemerkt. Gefreut hast du dich immer, sobald ich nach Hause kam. Nach Hause zu kommen war schön.“
Die Erinnerung an die schreckliche Rückkehr aus New York korrigierte unmittelbar meinen verklärten Blick. Roland hatte gekocht und wir aßen zusammen, während ich meine Eindrücke präsentierte. Als er nach der zweiten geleerten Flasche Rotwein eine dritte geholt hatte, war ich wütend geworden und hatte ihn angeschrien, falls er sich zu Tode saufen wollte, dann sollte er es endlich tun, ohne mich weiterhin zu quälen. Daraufhin war er mit der dritten Flasche Rotwein in sein Zimmer verschwunden. Damals hatte ich oft an Trennung gedacht, aber nie einen Schritt in dieser Hinsicht unternommen.
„Mein versäumtes Leben“, heulte ich, die Tränen galten weniger dem Verlust von Roland als meiner Einsamkeit.
Trotz völliger Erschöpfung vom Flug fand ich im Bett keine Ruhe, ein Gedanke jagte den nächsten. Wie lange hatte ich mir die Thailand-Laos-Rundreise gewünscht und wie froh war ich gewesen bei der Vorstellung, in den Zentren des Buddhismus ruhig und gelassen zu werden, um anschließend glücklich zurückzukehren? Und? Nichts hatte sich verändert. Ich fühlte mich wie vorher. Schlimmer noch, nun bestand nicht einmal mehr die Aussicht auf ein anderes Lebensgefühl. Keine Hoffnung. Aus der Traum. Ab jetzt hieß es für mich, in der Wohnung hocken und aufs Sterben warten. Grandiose Perspektive.
Das eigene Leben annehmen, lehrte die Yogalehrerin. Konnte ich ein solches Leben annehmen? Müsste ich nicht erst mein Leben daraus machen? Aber wie?
Die in Staub und Schmutz lebenden Bergvölker in Thailand und die Monk in Laos kannten höchstwahrscheinlich keine derartigen Probleme. In den Dörfern am Mekong schienen die Familien zufrieden. Gelassen lagen Alte, Junge und Kinder zusammen auf dünnen Matten auf einem großen Holzgestell. Jeder ging seinen eigenen Bedürfnissen nach, lausen, Nägel schneiden, Zähne reinigen, dösen, erzählen. Meist saß das eine oder andere Huhn mit auf dem Gestell. Die Atmosphäre schien trotz der Ruhe lebendig, ohne laut zu sein. Eine beneidenswerte Idylle.
Inmitten einer Familie wäre ich sicherlich auch glücklich. Froh über meine Rückkehr und gespannt auf meine Erlebnisse hätte man mich vom Flughafen abgeholt. Was phantasierte ich mir zusammen? Ich hatte keine Familie, keinen Mann, keine Kinder, keine Eltern mehr, dafür eine Schwester, die wenig liebenswert war.
Sterben musste ich allein. Würde überhaupt jemand meinen Tod betrauern? Eventuell Brigitte und meine Schwester. Eine Grabstelle brauchte ich nicht. Wer sollte zu mir kommen? Weitgehend anonym gelebt, dann anonym begraben und schnell vergessen. So war es eben, wenn man keine Kinder hatte. Einfach vergessen, aus den Augen, aus dem Sinn. Tante Anni war mit einem Wellensittich, Butschi, alt geworden, der kurz vor ihr starb. Vielleicht sollte ich mir einen Wellensittich holen, angeblich sprachen Wellensittiche. Ich könnte ebenso einen Hund nehmen, Katzen mochte ich nicht. Ein Tier würde mich nach meinem Tod möglicherweise vermissen. Ein Tier!
Wehmütig dachte ich an unseren geliebten Berner Sennenhund, Moritz. Sechs Jahre hatte er mir das Leben mit Rolands Saufereien erträglicher gemacht, dann starb der Hund, Krebs. Rotz und Wasser hatte ich geheult. Über Rolands Tod war ich zuerst wie betäubt gewesen. Später weinte ich, nicht ausschließlich um ihn, auch um meine vergangene von ihm aufgezehrte Zeit, um meine verlorene Lebenszeit.
Bin ich doch eingeschlafen, wachte ich am frühen Abend auf und nahm sofort das Rauschen im Ohr wahr. Druck auf die Gehörgänge veränderte nichts, das Rauschen blieb.
Brigitte hatte Lebensmittel in den Kühlschrank gestellt, Butter, Marmelade, Käse, ein Päckchen Brot. Sie war eine zuverlässige Freundin. Als ich Tee kochte und ein Brot aß, hatte ich das Gefühl, alles aus einer entfernten Perspektive wahrzunehmen.
Im kleinen Zimmer öffnete ich den Koffer. Muffiger Geruch stieg mir in die Nase. Der Muff aus Bangkok, schnüffelte ich und prompt standen vor meinen geistigen Augen die jungen Frauen in den schmuddeligen roten Minikleidern, die sich in den Lokalen nahe des Hotels in der Sukhumvit Road an ältere Männer heranmachten. Trotz ihres jugendlichen Alters hatten sie sich wie erfahrene Bardamen gebärdet. Was reizte einen älteren Mann an einer jungen Frau, mit der er nur eingeschränkt verbal kommunizieren konnte? War es ausschließlich der zierliche, eher kindliche Körper?
Sextouristen widerten mich an, eklig. Viele ältere Männer, oft mit roten Köpfen, waren durch die Straße gelaufen, hatten mit den Augen die Körper der jungen Geschöpfe taxiert, um für sich ein passendes auszuwählen.
Anfangs war ich voller Mitgefühl für die Frauen gewesen, nach kurzer Zeit erkannte ich jedoch ihren geschäftlichen Eifer im Umgang mit potentiellen Kunden und darüber hinaus die Überheblichkeit gegenüber uns älteren Europäerinnen. In ihren Blicken befand sich der sichere Trumpf der Jugendlichkeit.
An meinem ersten Morgen zu Hause wachte ich früh auf und begann den Tag mit Yoga, wie regelmäßig vor meiner Reise. Den Tagesbeginn anders zu gestalten, kam mir nicht in den Sinn.
Der Schneidersitz fiel mir wie immer schwer, da ich seit Jahren mit wenigstens acht Kilogramm Übergewicht kämpfte. Ich mochte für mein Leben gern Kekse und legitimierte jeden einzelnen Keks als köstlichen Faltenfüller. Auch die Sonnengrüße waren nach sechs Wochen Passivität ausgesprochen anstrengend. Durchhalten ließ mich die Erinnerung an das wohle Körpergefühl danach.
Hinterher kochte ich Tee, schlurfte in der Wohnung umher, räumte meinen Koffer weitgehend leer, betrachtete die bunten Tücher aus Laos, suchte im Wohnraum einen Platz für die gekaufte Tempelglocke aus Messing. Ich ließ mir Zeit, folglich begab ich mich spät ins Bad. Besonders gut sah ich nicht aus und meine ausgeblichenen, grau herausgewachsenen, sonst braun gefärbten Haare verlangten dringend nach einem Friseur. Das Telefon klingelte.
„Du meldest dich gar nicht“, begann Brigitte, „du hast bestimmt geschlafen wie im siebten Himmel.“
„So ungefähr“, antwortete ich und entschuldigte mich, sie gestern Abend nicht mehr angerufen zu haben. „Ich bin kurz aus dem Bett gekrochen und war fix und fertig. Übrigens vielen Dank für die leckeren Lebensmittel, ich bezahle sie, sobald wir uns sehen.“
„Ist gut. Kommst du nachher vorbei?“, fragte Brigitte, „ab morgen habe ich keine Zeit, ich muss Vorbereitungen für die Handwerker treffen.“
„Am späten Nachmittag kann ich kommen. Gleich möchte ich zum Wochenmarkt, dann unbedingt ins Café und Zeitung lesen. Danach will ich zum Friseur, falls es kurzfristig einen freien Termin gibt.“
„Zum Friseur musst du unbedingt, deine Haare sind viel zu lang und schrecklich ausgeblichen. Lass dich richtig flott machen, ins Café kannst du immer noch gehen. Hast du Werner gesprochen?“
Werner! Der Gedanke an ihn bereitete mir Unbehagen. Die letzten sechs Wochen hatte ich ihn mehr oder weniger erfolgreich aus meinem Gedächtnis verdrängt. Jetzt wollte ich nicht über ihn reden und verneinte knapp.
„Warum nicht?“, fragte Brigitte scharf, „er freut sich sehr auf dich. Ich soll dir ausrichten, falls du ihn nicht erreichst, ruft er dich an. Er passt auf seine kranke Enkeltochter auf und abends kegelt er.“
„Ich habe ihn nicht erreicht“, log ich und Brigitte war zufrieden.
Für den Wochenmarkt nahm ich den grünen Einkaufskorb, das große Portemonnaie und füllte es mit Kleingeld auf, nahm die Eierpappe und einen Brotbeutel. Bei einem Biobauern kaufte ich Eier und Kartoffeln, an meinem Lieblingsstand kaufte ich dunkles Vollkornbrot und an einem weiteren Bio-Marktstand versorgte ich mich mit Obst und Gemüse für die nächsten zwei Tage. „An apple a day keeps the doctor away“, entsann ich mich, wenngleich mir während der gesamten Reise kein einziges Mal der Gedanke an den täglichen, heilenden Apfel gekommen war.
Wie schnell ich alte Gewohnheiten wieder aufnahm, der grüne Korb, das Kleingeldportemonnaie, sechs Eier, das gleiche Vollkornbrot, drei Äpfel. Guten Morgen, Guten Tag, ach Sie waren im Urlaub, wie schön. Ja, es hat mir gut gefallen. Wie war das Wetter? Ach, wie schön, so eine Reise. Beneidenswert. Was erwartete ich? Sollten mich die Marktfrauen fragen, was die Reise mit mir gemacht hatte? Sie hatte nichts mit mir gemacht, alles war wie immer.
An einem Stand mit exotischem Gemüse suchte ich Zitronengras.
„Hei nicht anfassen!“, ließ mich die herrische Stimme der Marktfrau aufschrecken. Doch nicht ich, ein älterer Herr mit einem Granatapfel in der Hand war gemeint.
„Wie bitte?“, sah der Herr auf.
„Ja, ja, ich meine Sie. Hier steht extra ein Schild und Sie fassen mittlerweile den dritten Granatapfel an. Das geht nicht“, wies die Marktfrau mit dem rechten Zeigefinger auf eine handgeschriebene Pappe: „Berührte Ware muss gekauft werden“.
„Warum?“, legte der Mann den Granatapfel in die Kiste zurück und zog an seiner Zigarette in der linken Hand.
„Es kann nicht jeder am Obst herumgrapschen, andere Leute wollen es essen, igitt, und dann noch mit Nikotinfingern. Nein, nein, nein, nein, nein.“
„Sie fassen das Obst und das Gemüse auch an, obwohl ich es essen werde“, entgegnete der ältere Herr verständnislos. „Meinen Sie, die Landarbeiter in Südeuropa oder Asien tragen Gummihandschuhe und rauchen nicht bei der Ernte? Die Chinesen drücken ihr halbes Leben auf Nahrungsmitteln herum, um das Beste zu finden und sie sind nicht ausgestorben. Im Gegenteil, sie werden immer mehr.“ Er drehte sich zum Gehen um und schmunzelte.
Innerlich musste ich ebenfalls schmunzeln, seine Erwiderung nahm der zeternden Marktfrau den Triumph.
„Dann grapschen Sie doch bei den Chinesen an dem Obst herum“, zischte sie laut hinter ihm her und schüttelte hämisch grinsend den Kopf in meine Richtung. „Naja, alt und wunderlich.“
Gelassen wandte der Mann sich um. „Richtig erkannt“, lächelte er, „glücklicherweise habe ich die Zeit erreicht. Alt und wunderlich zu sein ist sehr schön. Neid gestehe ich Ihnen zu, aber bitte mit Respekt.“ Dann drehte er sich um und ging.
Ich war verblüfft und sah hinter ihm her, er war klein und zog das linke Bein nach. Die Marktfrau fingerte irritiert am Gemüse und brummelte etwas in sich hinein. Kurzentschlossen verließ ich den Stand. Was brauchte ich Zitronengras? Es war ohnehin eine ökologische Sünde, das Zeugs viele tausend Kilometer durch die Luft zu befördern.
Mein Café-Besuch musste bedauerlicherweise aus-fallen, ansonsten verpasste ich den Friseurtermin. So saß ich kurze Zeit später in einem Frisiersalon, ausgestattet mit einem schwarzen Kunststoffumhang und einer weißen Halskrause, und betrachtete mich im Spiegel. Das kalte Neonlicht verwandelte meine gesunde Gesichtsbräune in eine farblose Hautfläche, von der sich meine dunkelblauen Augen wie mein voller tief rot geschminkter Mund gespenstisch abhoben. Ich dachte an einen Harlekin. Als ich mich näher an den Spiegel heranbeugte, entdeckte ich in meinen Augenbrauen einige graue Härchen. Wie mochte ich mit ungefärbten Haaren und grauen Augenbrauen aussehen, überlegte ich. Wahrscheinlich alt, einfach nur alt.
„Na, was machen wir heute?“, fragte die forsche Friseurin, eine Frau um dreißig Jahre alt. Mit beiden Händen strich sie fest über mein schulterlanges leicht gewelltes Haar. „So, wie ich das sehe“, schob sie ihre violett geschminkten Lippen vor, „sollten Sie das Haar kürzer tragen, modischer, jugendlicher, gestufter Hinterkopf, vorn kinnlang, dann eine dunkle Tönung und für die Bewegung braun-goldene Strähnen.“ Sie griff in die Haare am Hinterkopf, nahm sie hoch und ließ sie hinunterfallen. Ihr Mund wurde zum Schmollmund und der Kiefer bewegte sich, als ob sie ihre Überzeugung kaute: „Trotz Ihres Alters können wir gut einen Bob schneiden, das Haar ist voll.“
„Danke, nein“, wehrte ich freundlich ab, „bitte schneiden Sie die Haare fünf bis sechs Zentimeter ab und tönen Sie sie in dem Braunton wie bisher. Etwas anderes möchte ich nicht.“
„Ich an Ihrer Stelle würde mal etwas verändern. Sie tragen die Haare immer gleich, es ist langweilig und macht alt. Zurzeit ist der Bob absolut der Hit, topmodern, gestufter Hinterkopf, rasierter Nacken und vorn etwas länger, sozusagen mit Herrenwinkern“, zwinkerte die Friseurin mit dem linken Auge und ergänzte, „alle Frauen sind begeistert, gucken Sie, ich trage neuerdings auch Bob.“ Sie drehte sich und zeigte, wie gut die Frisur an ihrem Kopf aussah.
„Einer jungen Frau steht die Frisur ausgezeichnet, ich möchte sie nicht“, lehnte ich ab und reagierte heiter auf die Herrenwinker, „ich möchte nicht jedem Herrn winken.“ Mein Argument gefiel mir sehr gut.
Die Friseurin verzog das Gesicht. „Sie müssen es wissen. Ein modischer Haarschnitt macht einige Jahre jünger, so ist es eben. Gut, aber wer nicht will“, reagierte sie patzig und zuckte mit den Schultern.
Ich schwieg, ich wollte keine andere Frisur und war froh, dass die Friseurin die Beratung einstellte. Wie ungezwungen sie mein Alter angesprochen hatte, wunderte mich. Sah ich so alt aus? Ich fühlte mich nicht alt, ich fühlte mich älter, dabei immer noch jung. Wie fühlte sich überhaupt Altsein an? Gab es absolute Gefühle für unterschiedliche Altersgruppen, vielleicht wunderlich? Die Selbstsicherheit des älteren Herrn, alt und wunderlich als positive Eigenschaften herauszukehren, beeindruckte mich nachhaltig. Bedeutete es, das eigene Alter mit allen Erscheinungen zu akzeptieren und nicht bei jeder neuen Anti-Age-Creme auf ein Wunder zu hoffen? Höchstwahrscheinlich galt die Anerkennung des eigenen Alters bereits als wunderlicher Wesenszug.
Wunderlich war eine Außenwirkung und bedeutete vielleicht nichts anderes, als eigenes Verhalten nicht erwartungsgemäß auszurichten. Man verhielt sich, wie man es für richtig erachtete, ohne Angst vor Anerkennungsverlust. Ich verhielt mich eher konform, drückte so gut wie nie meinen Ärger aus und ärgerte mich hinterher still für mich.
Die sonst plappernde Friseurin schwieg heute. Konsequent ignorierte sie meine Impulse für ein Gespräch und gab nichts als Laute wie „mmmh, aha“ von sich. Zum Schluss präsentierte sie wortlos ihr Werk mit einem großen runden Spiegel.
„Schön, so hatte ich es mir vorgestellt. Danke“, lobte ich sie.
Mit unveränderter Miene legte sie den Handspiegel zur Seite und murmelte: „Dann sind Sie ja zufrieden.“
„Nein“, widersprach ich und erschrak im selben Moment über die für mich ungewöhnliche Reaktion. Zweifelsfrei stand sie im Zusammenhang mit den vorherigen Überlegungen, aber stellte mich nun vor die Herausforderung einer Begründung. Ich spürte ein innerliches Zittern: „Mit der Frisur bin ich zufrieden, aber Ihr Schweigen während der gesamten Zeit hat mir zu denken gegeben und es war kein Vergnügen hier zu sitzen.“
„Wenn ich Ihren Erwartungen nach Unterhaltung nicht gerecht werden konnte, tut es mir leid. Sie sind hier bei einem Friseur und das Wichtigste ist die Frisur, oder?“, zischte sie und wechselte ein spöttisches Lächeln mit der Kollegin.
Natürlich ärgerte mich die Häme der beiden, ich kochte innerlich, allerdings bemühte ich mich ruhig zu bleiben und entgegnete: „Wie man es nimmt.“
Dann bezahlte ich, gab aus Rache kein Trinkgeld und ließ mir nicht in den Mantel helfen. Vor der Tür hätte ich am liebsten vor Wut mit den Füßen aufgestampft, doch nach kurzen Überlegungen ärgerte mich nur noch meine eigene Verärgerung und ich nahm mir vor, mich zukünftig nicht von unverschämten Verhaltensweisen provozieren zu lassen, sondern sie einfach zu ignorieren.
Am späten Nachmittag ging ich zu Brigitte. Sie bewohnte allein das frühere gemeinsame Haus der Familie unweit der Innenstadt im Musikerviertel. Gleich beim ersten Gong öffnete sie die Haustür und bat mich sichtlich erfreut in die Diele, die vom Duft ihres Eau de Toilette erfüllt war. Wie immer war Brigitte vortrefflich zurecht gemacht, beige Hose, rosafarbene Bluse, geschminkt in Braun und Rosa, exakt frisierte kinnlange blonde Haare.
Als Dank für die Mühe mit meiner Wohnung überreichte ich ihr einen Frühlingsstrauß und ein in original laotischer Verpackung mitgebrachtes Seidentuch. Die Geschenke im Arm schritt sie zackig voran in die Küche, schnitt die Blumen an, drapierte sie geschickt in eine passende Vase und nahm alles mit ins Wohnzimmer. Sie packte das Tuch aus, dem Originalpapier aus Laos schenkte sie keine Aufmerksamkeit.
„Wunderschön das Tuch, meine Farben, Beige und Rosa, herrlich reine Seide. Danke.“ Dabei neigte sie den Kopf zur Seite und liebkoste ihre Wange an dem Seidentuch.
Darüber freute ich mich. Die Wahl war mir nicht schwergefallen, Brigittes Farbrepertoire beschränkte sich mit geringen Abweichungen auf Beige und Rosa.
Nach den vielen kräftigen Farben Asiens fühlte ich mich in dieser Umgebung von Beige und Rosa nahezu verschluckt und war froh über den bunten Blumenstrauß, der etwas Lebendigkeit in die Ton-in-Ton-Atmosphäre brachte. Das ganze Haus war Beige und Rosa ausgestattet, beige Vorhänge, beige Kerzen, rosafarbene Servietten, rosafarbene Kissen auf einem beigen Sofa.
Vor sieben Jahren lernten Brigitte und ich uns in der Volkshochschule kennen, Brigitte als geschiedene finanziell sehr gut abgesicherte Hausfrau und ich als berufstätige frische Witwe mit einem hinreichenden Einkommen. Obwohl wir sehr verschieden waren, mochten wir uns. Zu mir bequemen übergewichtigen Genussraucherin verkörperte Brigitte als sogenannte flotte gepflegte Frau genau das Gegenteil. Sie war schlank, flink, sportiv und orientierte sich an Nährstoffen und Kalorien. Jeder respektierte die Eigenarten des anderen. Brigittes Welt war tadellos. Meines Erachtens fehlte einzig der richtige Mann an ihrer Seite, den sie nach einigen Versuchen vor meiner Zeit nicht mehr zu finden glaubte und jegliche Aktivität in dieser Hinsicht eingestellt hatte.
„Du warst beim Friseur?“, betrachtete sie meine Frisur von allen Seiten, „der Schnitt ist wie immer. Deinen Pony hättest du besser lang behalten, wieder siehst du aus wie Prinz Eisenherz.“
In Übereinstimmung mit der Friseurin fand auch sie eine modische Frisur verjüngend und zusammen mit einem klassischen Outfit würde ich ein ganz anderer Mensch sein. Sie strahlte mich an, als wollte sie sagen, es ist nicht zu spät, noch kannst du es ändern.
„Ich will kein anderer Mensch sein und schon gar kein junger Mensch“, wehrte ich ab. „Für mich mag ich kein Rosa, kein Hellblau und kein Zitronengelb und kein Beige, keine Hemdblusen, keine Blazer und keine Bügelfaltenhosen und keine praktische Frisur. Guck mich an“, sah ich an mir herunter, „ich bin mollig und habe es gern bequem und bin ein dunkler Typ und liebe kräftige Farbtöne.“
„Ich meine nur, du könntest dich vorteilhafter kleiden, vielleicht ein bisschen figurbetont“, strengte Brigitte sich an. Sie nahm einen Schluck Tee und biss sich unruhig auf die Lippen.
„Ich bin so wie ich bin“, umarmte ich sie lachend, „und freue mich, dass es dich gibt, auch wenn du stets gebügelt und gefaltet bist.“
Jetzt musste sie ebenfalls lachen. „Ich finde, da du nun einen Freund, beziehungsweise einen Lebensgefährten an deiner Seite hast, solltest du etwas flotter aussehen. Hast du Werner erreicht?“
Daher wehte also der Wind, für Werner sollte ich mich flotter herrichten. Ich wollte mit Brigitte weder über Werner noch über ihn als meinen Lebensgefährten reden. Hatte Werner mit ihr über uns gesprochen? „Werner ist ein guter Freund für mich, …“.
Weiter konnte ich nicht ausführen, sie unterbrach mich lachend: „Ja, ja, ja, das sagt man dann so.“
Ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut zu werden. Konsequent ignorierte ich weitere Anspielungen und lenkte das Gespräch auf den bevorstehenden Besuch ihrer Tochter.
Zurück in meiner Wohnung blinkte der Anrufbeantworter: „Hier ist Werner. Es ist achtzehn Uhr zweiunddreißig, leider war ich heute nicht zu Hause, erst war ich bei meiner Enkelin und gleich gehe ich Kegeln. Ich hoffe, Barbara, wir sehen uns morgen Abend. Ruf bitte kurz an, ob es dir passt. Tagsüber kümmere ich mich um die kleine Nele, sie ist krank. Nun muss ich los, ich stelle mich auf sieben Uhr morgen Abend bei mir zum Abendbrot ein. Bis dahin.“
Zum Abendbrot! Mein Herz schlug schneller. Es war soweit, ich musste mich der Geschichte stellen. Wie sollte ich Werner nach der Nacht begegnen, wie ihm meine Haltung erklären? Höchstwahrscheinlich würde es das letzte Gespräch sein, dennoch wollte ich ihn nicht verletzen.
