Herbstgesummse - Uwe Wedemeyer - E-Book

Herbstgesummse E-Book

Uwe Wedemeyer

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Beschreibung

"Ich hätte da eine Aufgabe für dich, Benno. Einen verrückten Job, einen, der dir sicherlich viel Spaß machen könnte, einen... etwas illegalen Job." Kurz vor seinem Ableben vereint Vincent Bartholdi fünf Menschen mit seinem außergewöhnlichen Jobangebot: Benno Tornedde, schon über sechzig, zur Zeit arbeitslos und bald Harz IV-Empfänger; Lea Aust, die Frau, mit der es die Männer nicht immer gut gemeint haben und die sich durchs Leben schlägt; Ex-Knacki Rudi, eine Frohnatur durch und durch; Chefarzt Professor Doktor Kurt Martin, der keinen rechten Sinn mehr im Leben sieht, seit er von seinem Lebensgefährten verlassen wurde und Maria von Hückenberg, die sich reich geheiratet hat, nur um dann selbst tief zu fallen. Zusammen schlagen sie sich durch, um Vincents Idee auszuführen: Sie doubeln Verstorbene und geraten dadurch in aberwitzige Situationen.

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Seitenzahl: 247

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Impressum

© / Copyright: 2017 Uwe Wedemeyer , 77746 Schutterwald

[email protected]

Lektorat, Korrektorat: Sybille Martens

Umschlaggestaltung, Monja Rajnys

Auflage 1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Herbstgesummse

oder

Tot sein ist noch lange kein Grund, nutzlos rumzuliegen

Für Brigitte, Marco, Yannik, Tim und Krümel

Kapitel 1

Benno Tornedde

Dass das Leben manchmal sonderbare Wendungen einschlug, hatte Benno schon einige Male in seinem Leben erfahren müssen. Als Junge träumte er von einer Fußballkarriere und er war tatsächlich ein vielversprechendes Talent, doch im Alter von dreizehn Jahren zerstörte eine Blutgrätsche sein rechtes Sprunggelenk. Die Verletzung heilte zwar ab, aber fortan war sein Gelenk nicht mehr zum Fußballspielen zu gebrauchen. Schweren Herzens hängte er die Fußballschuhe an den Nagel. Auch der Wunsch, beruflich Karriere zu machen, hatte sich im Laufe der Jahre verflüchtigt. Er war ein guter Schüler mit schlechten Noten, wie er zu sagen pflegte. Das Fehlen eines abgeschlossenen Studiums befähigte ihn, laut seiner Vorgesetzten, lediglich zu einer mittleren kaufmännischen Laufbahn. Der Preis, die Karriereleiter immer höher zu steigen, war ihm die Einsamkeit an der Spitze eines Unternehmens, das Ärgern über Mitarbeiter und insbesondere die fehlende Freizeit auch nicht wert gewesen. Er hätte es Zeit seines beruflichen Strebens sicherlich zum Abteilungsleiter oder einer ähnlich betitelten Position bringen können, hätte er nicht ein menschliches Manko aufgewiesen, das einige seiner Vorgesetzten sauer aufstoßen ließ. Er hatte Courage; zeigte Rückgrat und lebte nach dem Prinzip „Ein Mann - ein Wort“. Nachteile seitens seiner Arbeitgeber nahm er in Kauf. Die Konsequenzen prallten von ihm ab wie die Brandung an einem Felsen. Er setzte sich zwar für die Belange seiner jeweiligen Firma ein, blieb aber seinen Standpunkten treu; es gibt nichts für lau.

Was nichts wert ist, taugt nichts. Ungerechtigkeiten waren ihm ein Gräuel. Mitmenschen und Kollegen gegenüber, zeigte er sich kollegial und freundlich, verteidigte sie manchmal sogar gegen ihre Vorgesetzten, auch wenn seine Kollegen ihm das nicht immer vergalten. Außerdem hatte ihn manch verbale Entgleisung gegenüber Vorgesetzten auf die Abschussliste gebracht, sodass er sich von Zeit zu Zeit einen neuen Arbeitgeber hatte suchen müssen. Auf diese Art und Weise hatte er auch seinen letzten Job verloren, weil ein neuer, nach Höherem strebender Verkaufsleiter Bennos jungen Innendienst-Kollegen gefragt hatte, wie viele Kinder er denn habe.

Charlie Ohnemus, sein Kollege, zeigte ihm voller Stolz das Foto seiner drei Kinder - keines älter als zehn Jahre - zwei Mädchen und ein Junge, die fröhlich vor der Kamera posierten.

„Jetzt wird mir klar, warum Ihre Leistungen ständig zu wünschen übrig lassen“, entgegnete der Verkaufsleiter herablassend. „Wer nach Feierabend und nachts so aktiv ist, scheint nicht ausgelastet über den Tag hin.“ Er schenkte Charlie ein süffisantes Lächeln. „Was machen Sie sonst noch in Ihrer Freizeit, außer… Sie wissen schon was ich meine?“

Charlie, kompetent aber still, wurde puterrot und getraute sich nicht, etwas zu erwidern. Er war Alleinverdiener, brauchte den Job.

Zeit, dass Benno Tornedde eingriff, dessen Arbeitsplatz direkt an Charlies Schreibtisch grenzte. „Entschuldigung, dass ich mich einmische“, sagte Benno ganz ruhig und schaute von seiner Tastatur auf. „Herr Ohnemus arbeitet stets sehr gewissenhaft, zur vollen Zufriedenheit unserer Kunden. Und das ist es doch, was unsere Geschäftsleitung und unsere Kunden wollen. Ich kann mich an keine Reklamation seitens Herrn Ohnemus erinnern. - Und das Privatleben Ihrer Kollegen, Herr Plaue, geht Sie nichts an.“

Verdutzt und ein wenig verstört blickte Dieter Plaue zu ihm runter. „Sind Sie denn verheiratet“, setzte Benno nach.

„Ja“, antwortete sein Vorgesetzter. „Seit vier Jahren. Warum?“

„Und wie viele Kinder haben Sie?“

„Keine. Hat noch nicht geklappt bisher.“ Er gab ein seehundähnliches Bellen von sich. „Öff. Öff. Öff.“

„Manchmal hilft es, einfach mal die Körperöffnungen zu wechseln, vielleicht

klappt es ja dann.“

Die anderen Kollegen im Großraumbüro prusteten los. Das Gesicht des Verkaufsleiters ähnelte nun der Farbe eines Feuerlöschers.

Er hob entrüstet den rechten Zeigefinger und deutete damit auf Benno, brachte aber kein Wort hervor, da Benno die Sache abgehakt hatte und an seiner Kalkulation weiter arbeitete, als wäre nichts gewesen, seinen Vorgesetzten völlig ignorierend. Wütend stapfte der Verkaufsleiter hinaus.

Das war nun fast zwei Jahre her. Sein Arbeitgeber hatte ihn mit einigen anderen älteren Kollegen wegrationalisiert. Eine kleine Abfindung, ein paar geheuchelte Worte und raus war er.

Vor ein paar Tagen hatte er seinen einundsechzigsten Geburtstag gefeiert. Der Arbeitsmarkt blieb ihm trotz reichlicher Erfahrungen und etlichen Bewerbungen verschlossen. Er entsprach nicht mehr den erforderlichen Anforderungsprofilen. Wie ein Rentner fühlte er sich noch nicht und gern hätte er noch gearbeitet. Zu allem Übel musste er auch noch einen großen Teil seiner Arbeitslosenunterstützung seiner Ex-Frau abtreten. Das war okay für ihn. Schließlich hatte sie fast zwanzig Jahre lang sein Leben geteilt.

Aber es blieb dadurch nicht mehr sehr viel übrig. Außerdem lief das Arbeitslosengeld in vier Wochen aus und dann rutschte er in Hartz IV. Altersarmut - ich komme, dachte er zynisch. Mal schnell ein paar Wochen in den Urlaub, aufwendige Reparaturen oder kostspielige Neuanschaffungen waren einfach nicht mehr drin. Irgendeine Arbeit mit einem fairen Gehalt wollte und sollte er noch ausüben. Aber auch Jobs, die lediglich den Mindestlohn einbrachten, fand er nicht.

Benno war groß gewachsen, von kräftiger Statur. Seine Haare und sein kurzgehaltener Vollbart wiesen interessante Grautöne auf und trotz seiner zehn Kilo Übergewicht wirkte der gutaussehende Mann vital und lebensfroh.

In seinen graublauen Augen schien beständig eine lebensbejahende Freude zu blühen, die seinen Mitmenschen zeigte, dass er sich nicht von seinen Schicksalsschlägen hatte besiegen lassen.

Als er seine Jugendliebe heiratete, war er von der Beständigkeit ihrer Beziehung überzeugt gewesen. Damals träumten sie beide, dass sie alt und grau miteinander werden würden. Die Ehe hielt lediglich fünf Jahre. Josi, seine zweite Ehefrau, brachte zwei Kinder mit in die Ehe, die Benno adoptierte. Er liebte Ria und Samuel wie seine eigenen Kinder, die ihm leider verwehrt geblieben waren. Mittlerweile war auch die Ehe mit Josi geschieden. Immerhin hatte sie achtzehn Jahre lang gehalten. Mit seiner Ex verstand er sich immer noch freundschaftlich, obwohl ihr Kontakt sich aufs Telefon oder auf das Internet beschränkte. Sie wohnte mit ihrem neuen Lebensgefährten in Wien. Die Kinder sah er nur selten. Samuel studierte in England und Ria in Hamburg.

Nachdem er an diesem schönen Tag gefrühstückt, das Geschirr in den Spüler verfrachtet und seine wenigen Mails abgerufen hatte,

nahm er sich vor, seinen ehemaligen Ausbilder Vincent Bartholdi zu besuchen. Dieser Besuch sollte eine entscheidende Wendung in seinem Leben bringen, aber das wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht. Erst gestern hatte er bei Vincent angerufen, aber lediglich seine Tochter hatte das Gespräch angenommen. „Meinem Vater geht es sehr schlecht, Herr Tornedde. Wir fürchten, es geht nicht mehr lange mit ihm“, sagte sie. „Er ist zurzeit in einer Pflegeeinrichtung in der Oststadt. Peter, mein Partner, und ich müssen ja arbeiten“, fügte sie an, sich fast dafür entschuldigend.

„Kann ich ihn dort besuchen?“, fragte Benno. „Ich bin ein ehemaliger Arbeitskollege von ihm und er war mein Ausbilder.“

Melanie Bartholdi schwieg einen Moment lang als wäge sie ein Für und Wider ab. „Wissen Sie, Herr Tornedde, Papa ist nicht mehr der Alte. Seit etwa einem Jahr ist er dement. Er erkennt uns kaum. Und sein Hörvermögen wird auch nicht besser, im Gegenteil. Aber probieren Sie es aus. Seien Sie aber nicht enttäuscht, wenn er Sie als Fremden behandelt. An manchen Tagen ist er wieder hellwach, ganz der Alte, als wäre er nie dement gewesen; dann läuft er mit seinem Rollator durchs Haus, unterhält sich mit fremden Menschen in der Cafeteria und freut sich des Lebens.“ Sie gab ihm die Adresse.

„Danke. Vielen Dank“, sagte Benno und legte auf.

Das Altenwohnheim erwies sich als u-förmiger Gebäudekomplex mit sechs Stockwerken. Benno versuchte die Fenster zu zählen, als er seinen alten VW Touran auf dem Besucherparkplatz abstellte. Aber nachdem er drei Mal gezählt hatte und jedes Mal ein anderes Ergebnis herauskam, gab er es auf.

Die Frau am Empfang gab ihm Auskunft.

„Wir haben hier hundertachtzig Dauergäste und dreiunddreißig Tagespflegestellen“, erklärte sie voller Stolz. „Alles Einzelzimmer mit Dusche und sanitären Anlagen. Alle rollstuhlgerecht. Um die zweiundzwanzig Quadratmeter groß. Das Haus ist auf dem neuesten Stand, gerade mal eineinhalb Jahre alt.“ Sie schickte Benno in den vierten Stock.

Vincent Bartholdi saß in einem Sessel und starrte aus dem Fenster. In der Ferne konnte Benno die Weinberge erkennen, die jetzt im vollen Grün standen. Noch weiter hinten erstreckten sich die rötlichen Mauern von Schloss Ortenberg.

Einige Spaziergänger flanierten auf den schmalen Wegen zwischen den einzelnen Weinanbauflächen.

Fast hätte er Vincent nicht mehr erkannt. Der alte Mann hatte deutlich an Gewicht verloren; durch sein dünnes Haar schimmerte fleckige Kopfhaut. Benno versuchte sich zu erinnern, wann er ihn das letzte Mal gesehen hatte. Drei Jahre war es her und damals war der Dreiundachtzigjährige noch fidel gewesen, fit für sein Alter, der immer noch einmal wöchentlich gemächliche Runden um den Sportplatz drehte. Und auch fit im Kopf. Doch nun wirkte er eingefallen und dumpf vor sich hin brütend. Ein dünner Speichelfaden rann aus seinem Mundwinkel. Er sah Benno kaum an.

Benno nahm seine Hand. „Hallo Vincent. Ich wollte dich mal wieder besuchen. Wie geht es dir?“

Der alte Mann starrte ihn nur fragend an, schüttelte dann den Kopf. „Sind Sie der Doktor?“ Seine Stimme klang leise und brüchig. „Ich kenne Sie irgendwoher.“

„Nein, ich bin nicht der Doktor. Ich bin es, Benno. Benno Tornedde, dein ehemaliger Lehrjunge.“

„Was für ein Meerjunge?“, fragte Vincent und musterte Benno nun genauer. Aber in seinen Augen lag kein Erkennen.

„Dein ehemaliger Auszubildender, Benno Tornedde.“

„Ja, ja, ja“, grinste der Alte und Benno sah, dass er in den Weiten seiner Erinnerung nach Antworten suchte. „Toilette? Warum Toilette? Da will ich aber nicht hin.“

Er tat Benno leid. „Tornedde“, korrigierte Benno. „Kannst du dich gar nicht an mich erinnern?“

Er legte den Kopf schief und versuchte, mit Bennos Gesicht eine Erinnerung wachzurufen. „Sind Sie der Doktor?“, fragte Vincent abermals, verlor aber erneut jegliches Interesse als Benno den Kopf schüttelte.

Es hatte keinen Sinn, länger zu bleiben. Die Festplatte seines ehemaligen Ausbilders hatte irreparablen Schaden genommen. Er stellte gerade den mitgebrachten Saft und die Kekse auf den Tisch, als eine Schwester erschien. Sie lächelte Benno an. „An manchen Tagen ist er wieder klarer im Kopf“, sagte sie. „Aber es geht rasant bergab. Vielleicht kommen Sie an einem anderen Tag wieder – oder besser noch, seine Tochter ruft Sie an oder schreibt eine SMS. Dann ist der Weg nicht umsonst.“

„Im Hallenbad kostet der Föhn zwanzig Pfennige“, brabbelte der Greis vor sich hin. „Meine Mama schimpft, wenn ich mit nassen Haaren nach Hause komme. Und meine Badehose ist auch noch nass.“

Seine Hose war tatsächlich nass – aber es war keine Badehose, die er trug.

Benno gab der Schwester seine Telefonnummer und verabschiedete sich. Jetzt brauchte er erst einmal einen anständigen Kaffee.

Als er aus dem Fahrstuhl trat, stieß er mit einer kleinen, attraktiven Frau zusammen. Sie wäre fast gestürzt, hätte Benno sie nicht an den Schultern festgehalten. „Hoppla. Oh, entschuldigen Sie. Ich war gedanklich noch ganz woanders.“

„Alles gut“, sagte die Blondine. Sie ging ihm gerade bis zur Schulter. „Ist ja nichts passiert.“ Sie schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln und zupfte ihren dünnen Mantel zurecht. „Das nächste Mal kostet es einen Kaffee“, strahlte sie ihn mit ihren grünen Augen an.

Benno war hin und weg und einen Moment lang völlig sprachlos. Ihr Strahlen faszinierte ihn. Sie musterte ihn lächelnd und schien sich über seine Verwirrung lustig zu machen. Sie hob ihre Hand und klappte seinen Unterkiefer zu. „Mund zu, die Mandeln werden kalt.“ Benno fiel in ihr Lachen ein. Was für ein freches Ding, dachte er. Göre wäre wohl der bessere Ausdruck gewesen, aber aus einer Göre war sie längst herausgewachsen.

Er schätzte sie auf Anfang fünfzig. „Hab keine mehr“, antwortete er.

„Ich verstehe nicht“, sagte sie.

„Na, Mandeln“, lachte Benno. „Aber einen Kaffee würde ich Ihnen sofort ausgeben. Und ein halbes Stück Kuchen wäre auch noch drin.“

Sie trat in den Fahrstuhl, drückte die Sechs und bevor die Tür sich schloss, sagte sie lächelnd: „Da komme ich drauf zurück. - Irgendwann.“

Benno starrte noch einige Sekunden die geschlossene Tür an. Er überlegte, ob sie einen Ring getragen hatte, aber ihm war nichts aufgefallen. Er ging in die Cafeteria und bestellte einen Cappuccino. Hinten am Fenster saß ein kleiner, schmaler Mann, der eine Fliege trug und ins Offenburger Tageblatt vertieft war.

Er schaute kurz auf und nickte Benno zu.

Zwei Tische weiter wurde er von einer aufgehübschten, schlanken Frau gemustert, die sich bei seinem Anblick sogleich eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht wischte. Da er momentan nicht an einem weiteren Flirt interessiert war, setzte er sich mit dem Rücken zu den anderen Gästen und dachte an Vincent. So wollte er nicht enden.

Kapitel 2

Lea Aust

Während Benno seinen Cappuccino trank, betrat die kleine blonde Frau, Lea Aust, die oberste Etage und ging in das Stationszimmer. Sie holte ihren Kittel aus dem mitgebrachten Köfferchen und dachte kurz an den Mann von eben. Der war ja mal echt nett gewesen. Und wie der sie angesehen hatte… Das war ihr schon lange nicht mehr passiert. Lea verdrängte den Gedanken, als Schwester Beate ins Zimmer kam. „Hallo Lea“, grüßte sie. „Du strahlst ja so. Ist etwas passiert?“

Lea lächelte sinnlich. „Nee, leider nicht. Das heißt, mir ist ein sympathischer Mann in die Arme gelaufen. Groß, schwer und nett aussehend, irgendwie charismatisch.“

„Die Netten sind immer vergeben oder schwul“, zerstörte Beate ihren Tagtraum. „Schließlich möchte jede von uns einen netten Kerl. Und deshalb gibt es nicht genug von ihnen. Zu wenig nette Männer für so viele unglückliche Frauen.“

Lea stimmte ihr zu. „Ja, das ist wohl unser Schicksal. Entweder sind sie verheiratet oder haben eine Macke oder verhalten sich wie Paschas.“ Sie zuckte die Achseln. „Was soll´s. Abgehakt. Wahrscheinlich ist er ein verheirateter Pascha mit einer oder sogar mehreren Macken.“ Sie öffnete ihr mitgebrachtes Köfferchen und kontrollierte, ob sie ihre Scheren, Kämme und das Rasierzeug dabei hatte.

Beate machte eine abfällige Handbewegung. „Du meine Güte, wenn ich da an meine letzte Eroberung denke. Der hat ohne Navi nicht mal den Weg zum Kühlschrank gefunden. Und das Wort ‚Saubermachen‘ war ein Fremdwort für diesen Stehendpinkler. Im Bett wollte er immer nur an meinen Zehen lutschen.

Speziell am großen Onkel.“

„Nee, oder? Du veräppelst mich“, fragte Lea.

„Keineswegs“, antwortete Beate. „Immer nur Zehen lutschen. Das brachte seinen Schniedel so richtig in Stimmung und sein Blut in Wallung.“

Lea lachte. „Oh Gott, dann lieber ohne Kerl leben. So, wem von den Senioren soll ich denn heute die Haare schneiden?“

Beate sagte es ihr.

Lea hatte sich zwei Etagen nach unten gearbeitet und schnitt gerade Vincent Bartholdi die Haare, der das gleichmütig über sich ergehen ließ und angefangen hatte, eine nette kleine Melodie zu summen. Bereits beim Rasieren des dementen Patienten waren ihre Gedanken ständig in die Vergangenheit gewandert. Wie wäre ihr Leben wohl verlaufen, wenn es nicht diesen einen Tag in ihrem jungen Leben gegeben hätte? Sofort bauten sich gewaltige Bilder und Stimmungen in ihrem Kopf auf, als hätten die Erinnerungen in einer Schublade geruht, die sie lange nicht mehr geöffnet hatte, um nun umso heftiger wieder in der Vordergrund zu streben.

Sie kamen zu zweit. Ein Mann mit schulterlangen, fettigen Haaren und eine Frau mit roter Brille und biederem Rock und Jacke. Es war ein nebliger Morgen im Herbst zweiundachtzig. Kurz nach acht Uhr klingelten sie an der Tür. Lea war gerade dabei den drei Monate alten Jasper zu wickeln. Seine Schwester, Lisa Marie, quengelte, weil sie in den Kindergarten wollte. Sie stand schon an der Treppe mitsamt ihrer Lieblingspuppe unter dem Arm. Den kleinen Rucksack hatte sie auch schon übergestreift. „Trudi kommt ja gleich, Schatz“, rief Lea aus dem Badezimmer, als es auch schon klingelte.

„Ich mache schon auf, Mama“, rief Lisa Marie und stapfte langsam die Stufen hinunter. Trudi, die Mama von Henning, hatte diese Woche Fahrdienst und sammelte noch zwei weitere Kinder ein. „Okay“, rief Lea. „Sag Trudi, dass sie den blauen Anorak für dich mitnehmen soll. Und dein Pausenbrot nicht vergessen.“

„Ja, sag ich und mach ich.“ Sie öffnete die Haustür und sah in zwei fremde Gesichter.

„Hallo“, grüßte die Frau mit ernstem Gesicht. „Rufst du bitte mal deine Mama?“

Lisa Marie war enttäuscht, dass es nicht Trudi war. Die Frau versuchte ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern, was ihr allerdings missglückte. Der Mann starrte Lisa Marie nur schweigsam an.

Lisa Marie rief nach ihrer Mama. Als sie, den Säugling im Arm, die Tür wieder schloss, war ihre Welt nur noch ein Scherbenhaufen.

Der Geisterfahrer, ein alter Mann, hatte die Gewalt über seinen Wagen verloren, als eine Niesattacke ihn heimsuchte. Er verriss das Lenkrad und steuerte seinen Wagen auf die Gegenfahrbahn. Gerhard, Leas Mann, starb noch an der Unfallstelle, keine fünf Minuten von zu Hause entfernt.

Vincent Bartholdi unterbrach sein Summen als Lea seinen Nacken ausbürstete und sagte mit völlig klarer Stimme: “Du musst ihm helfen, kleine Frau. Du musst zusammen mit dem Meerjungen unseren Familien helfen.“

Lea war verwirrt. Die Stimme des Alten klang völlig klar, so, als wäre er nie auf den imaginären Straßen seiner Erinnerungen herum geirrt. „Was für einen Meerjungen?“, fragte sie freundlich und nahm seine alten Hände in die ihren.

Vincent Bartholdi schüttelte den Kopf. „Lehrjungen, meine ich. Benno, meinen Auszubildenden. Stift haben wir die Lehrlinge früher genannt.“

Er gab ein feuchtes Lachen von sich, das in einem Hustenanfall endete. Lea klopfte ihm auf den Rücken und tupfte mit einem Papiertuch seinen Mund ab.

„Ich weiß nicht, was Sie meinen, Herr Bartholdi“, sagte sie. „Ich kenne keinen Benno. Wie kann ich ihm da helfen?“

Er drückte kurz ihre Hände und sah sie fragend an. „Er wird dir sagen, was du tun musst“, flüsterte er und schloss die Augen. Gleich darauf war er eingeschlafen.

Keine Ahnung, was er meinte, dachte sie, packte den Umhang und die anderen Utensilien in ihr Köfferchen und gab der Stationsschwester Bescheid, dass Herr Bartholdi schlief und sie für heute fertig war.

Zehn Jahre nach dem tödlichen Unfall heiratete Lea ein zweites Mal. Bis dahin hatte sie ihre beiden Kinder mehr schlecht als recht durchs Leben gebracht. Finanziell kam sie gerade so über die Runden. Mit den Halbwaisenrenten ihrer Kinder und ihrem Halbtagsjob als Friseurin waren Luxuskleidung und Ferien am Mittelmeer oder wieder einen neuen Computer oder Spielekonsole einfach nicht drin, da konnte ihre pubertierende Dreizehnjährige noch so rummaulen. Lisa Marie fand es total assi, mit einem fünf Jahre alten Computer zu arbeiten, wollte aber auch keine Zeitungen austragen oder während der Weinlese helfen, um ihre finanzielle Lage aufzubessern. Lea versuchte, wieder in ihrem gelernten Beruf als Maskenbildnerin Fuß zu fassen, doch niemand gab der alleinerziehenden Mutter eine Chance.

Auf dem jährlich stattfindenden Offenburger Weinfest lernte sie Paul Aust kennen. Er war großgewachsen, mit schütterem Haar und mit einem umwerfenden Lächeln ausgestattet.

Nach einigen Gläsern Wein fanden sie sich gegenseitig sympathisch und verabredeten sich in den nächsten Wochen immer öfter. Die Kinder fanden ihn cool, weil der Informatiker sich gut mit Computern auskannte und ihre Mutter wieder zum Lachen brachte.

In den ersten Jahren funktionierte ihre Ehe sehr harmonisch, auch wenn der Funke der Begehrlichkeit immer seltener übersprang. Paul wurde zum Abteilungsleiter befördert, war für ein Dutzend Mitarbeiter verantwortlich und verdiente einen Haufen Geld. Mit der Beförderung fing alles an. Sie kauften sich ein Reihenhaus in Ortenberg, mit Sicht auf die Weinberge, das Lea und die Kinder nahezu allein einrichteten, da Paul immer unregelmäßiger nach Hause kam. Manchmal saß er bis Mitternacht über einem EDV-Problem, ging dann anschließend in einen Club und entspannte sich bei Poker, Black Jack und Alkohol. Je öfter Paul beim Spiel gewann, desto größer waren die psychischen Hochphasen. Lea störte es dennoch, dass er sich nur noch sporadisch um seine Familie, seine Arbeit und das Haus kümmerte. Dafür hatte sie nicht geheiratet. Bevor er am nächsten Tag das Haus verließ, versuchte sie, ihm ins Gewissen zu reden.

„Was willst du denn“, polterte er los. „Wer bringt denn die meiste Kohle nach Hause? Bestimmt nicht du, mit deiner Halbtagsstelle.“

„Darum geht es doch gar nicht, Paul.“ Ihr traten die Tränen in die Augen. „Wann haben wir das letzte Mal etwas gemeinsam unternommen? Wann waren wir das letzte Mal tanzen oder im Kino? Weißt du noch, wann du mich das letzte Mal umarmt, geschweige denn mit mir geschlafen hast?“

Paul schwieg nachdenklich. Dann umarmte er sie spontan. „He, Lea, ich liebe dich doch. Ich mache das doch auch für uns. Wir brauchen das Geld.“

Sie löste sich aus seiner Umarmung und trat einen Schritt zurück. „Geld, Geld, Geld! Das ist nicht alles im Leben, Paul. Wir kämen auch mit weniger Geld aus. Und was ist, wenn du verlierst?“

Paul schüttelte den Kopf. „Das wird nicht passieren. Ich habe da so ein System…“

Die nächsten Monate kam Paul immer öfter erst in den frühen Morgenstunden nach Hause.

Er roch nach Rauch und billigem Fusel, war schlecht gelaunt, mürrisch und wortkarg. Seine Körperhygiene war ihm nicht mehr wichtig. Er roch unangenehm nach Schweiß. Seine Begeisterung für seine Arbeit ließ derart nach, dass er sich immer öfter krank meldete. Lea wurde immer verzweifelter, doch Paul zeigte sich uneinsichtig. „Das Glück wird wiederkommen“, sagte er. „Ich fühle das.“ Abends lag sie im Bett und ihre Tränen versickerten in den Tiefen ihres Kopfkissens.

Sie klappte wie ein Taschenmesser zusammen, als seine Faust ihr unvermittelt in den Magen schlug. Sie japste nach Luft, ging in die Knie und versuchte verzweifelt, Sauerstoff in ihre Lungen zu bekommen. Schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen. Der nächste Schlag traf sie direkt unter dem linken Jochbein. Sie fiel nach hinten und die erlösende Dunkelheit nahm ihr nicht nur die Schmerzen sondern auch ihre Überraschung, als sie in sein wütendes Gesicht blickte. Doch ihre Ohnmacht dauerte nur wenige Sekunden. Er riss sie an den Haaren in die Höhe, sodass sie erneut aufschrie. „Los, unterschreib das hier, du blöde Kuh“, presste er zwischen den Lippen hervor. Speichel traf ihr Gesicht.

Er war kaum wiederzuerkennen. Sein Gesicht glich einer wutverzerrten Maske. Das war nicht der Mann, den sie geheiratet hatte. Sie dankte Gott, dass ihre Kinder nicht im Haus waren. Wieder hielt er ihr die Papiere vors Gesicht und einen Moment lang konnte sie erkennen, was es mit den Papieren auf sich hatte. „Kreditvertrag“ lautete die Überschrift.

Ihr linkes Auge begann sich zu schließen. „Paul, was machst du?“, schluchzte sie. „Ich will das nicht unterschreiben. Das können wir unmöglich zurückzahlen.“

Wütend knallte er ihren Kopf gegen den Küchenschrank und ihre Welt wurde erneut dunkel. Als sie wieder zu sich kam, blickte sie verstört um sich. Was machte sie hier in der Küche auf dem Fußboden und warum konnte sie ihr linkes Auge nicht öffnen? Nur langsam dämmerte ihr, was gerade passiert war. Sie rief nach Paul, bekam aber keine Antwort. Er war fort. Sie richtete sich auf und sah aus dem rechten Augenwinkel etwas Längliches unter dem Esstisch liegen. Pauls Kugelschreiber.

Lea riss sich von ihren Gedanken los und ging Richtung Ausgang. Sie überlegte kurz, ob sie in der Cafeteria noch einen Kaffee trinken sollte, entschied sich aber anders, als sie an ihr spärliches Barvermögen dachte. Mit dem bisschen musste sie bis Monatsende auskommen.

Kapitel 3 

Maria von Hückenberg

Die nicht gerade dezent geschminkte Frau im Café, die Benno beim Hereinkommen gemustert und ihn für interessant befunden hatte, seufzte leise auf, als der große Mann ihr den Rücken zuwandte und einen Cappuccino bestellte. Schade, dass er keinen weiteren Blick für sie übrig gehabt hatte. Dabei hatte sie sich heute besonders hübsch gemacht. Vielleicht bevorzugte er einen anderen Frauentyp? Oder er stand auf junges Gemüse. Einen Ehering hatte er jedenfalls nicht getragen, aber auch solch ein Zeichen ehelicher Bindung war für sie noch nie ein Grund gewesen, die Finger von einem Bewunderer zu lassen. Sie holte einen kleinen Spiegel aus ihrer Handtasche, klappte ihn auf und musterte ihre tadellos geschminkten Lippen. Erdbeermund. Immer noch hübsch anzusehen, dachte sie. Wirklich schade, dass sie in letzter Zeit so wenig Gelegenheit bekommen hatte, mit ihrem Erdbeermund Dinge zu tun, die sie so unglaublich beherrschte.

Sie blickte auf ihre Rolex Imitation. Es war Zeit, dass ihre frühere Nachbarin auftauchte, die seit einigen Monaten hier im Altersheim ein Zimmer bewohnte. Agnes war geistig voll auf der Höhe, aber ihr neunzigjähriger Körper wollte ihr nicht mehr so wie früher gehorchen. Maria hatte ihr vor einigen Wochen einen Rollator im oberen Preissegment geschenkt, den sie sich selbst bei einem Fachhändler mal kurz zum Probeschieben ausgeliehen hatte. Natürlich hatte sie ihren Namen nicht richtig preisgegeben, als der kompetente Mitarbeiter sie danach fragte. „Ich fahre nur eine Runde um den Block“, hatte sie gesagt und war mit dem Rollator fluchtartig zur Tür hinaus, bevor der Mann sie nach ihrem Ausweis fragen konnte.

Auf dem Weg zu ihrem Auto sah sie zwei junge Männer auf sich zukommen, die ihr mitleidige Blicke ob ihrer Behinderung zuwarfen und sie verfluchte den Rollator. So alt war sie nun auch wieder nicht. Den Rollator betrachtete sie als Dauerleihgabe, auch wenn der Händler nichts davon ahnte – nahm ihn als Geschenk, zum Weiterverschenken. Maria trank einen winzigen Schluck von ihrem Kaffee, so dass es aussah, als nippe ein Vögelchen daran, um sich sogleich erneut umzuschauen. Hinten am Fenster saß ein älterer Herr, vertieft in seine Zeitung. Der Mann war sehr gut gekleidet, trug eine Fliege zum weißen Hemd und dunklen Blazer, mochte Ende Sechzig sein und hatte auffallend schmale Schultern. Er schien kaum größer als sie, also knapp über 1,60 m. Seine zarten, langgliedrigen Finger passten zu seiner schmächtigen Erscheinung.

Der Mann hatte ihr vorhin flüchtig zugenickt, als er den Tisch am Fenster ansteuerte und ihr Interesse war sofort erloschen. Mist! Obwohl sie sicherlich nur einige Jahre jünger war, schätzte sie ihr eigenes Aussehen weitaus erfreulicher ein. Sie fand, dass sie noch als Mitte bis Ende vierzig durchgehen konnte, obwohl sie die Sechzig auch schon überschritten hatte. Mein Gott, bloß nicht daran denken. Sie zupfte ihr Halstuch zurecht, um ein paar Falten am Hals zu kaschieren. Besorgt blickte sie auf ihre Hände, die ebenfalls Rückschlüsse auf ihr wahres Alter zuließen. Sie wollte gern wieder dreißig sein, ohne diese Runzeln und Krater am Hals und ohne diese hässlichen Flecken auf den Händen. Wenn sie noch genug Vermögen gehabt hätte, wäre sie jetzt sicherlich irgendwo in den Staaten, käme aus einer dieser zahllosen Schönheitsfabriken und wäre wieder faltenfrei und attraktiv.

Sie blickte erneut zu dem älteren Herrn. Er sah gut aus, war teuer gekleidet, da kannte sie sich aus. Der hatte Geld.

Bevor sie ihr eigenes Vermögen verlor, hatte sie auch aus dem Vollen geschöpft; schöner Schmuck, tolle Reisen, rassige Autos sowie attraktive Männer, die ihr das luxuriöse Leben finanzierten. Mit Wehmut dachte sie an ihre letzte Eroberung und verdrängte den Gedanken schnell wieder. Vielleicht sollte sie ihre Ansprüche mal langsam ihrem Alter anpassen? Und ältere Herren waren vielleicht auch nicht schlecht im Bett, sofern ihre Prostata es zuließ.

Und vielleicht war er auch so einsam wie sie.

Bis zur Pubertät war Maria klein und pummelig gewesen, hatte ein lückenhaftes Gebiss und große runde Augen. Bereits mit fünfzehn Jahren galt sie nicht gerade als Augenweide, aber als unersättlich und Experimenten nicht abgeneigt, vorausgesetzt, die Jungen verfügten über Geld und Auto.

Ihr Ruf eilte ihr voraus und änderte sich auch nicht nach ihrem Schulabgang. Sie fing eine Lehre als Bürokauffrau an und ließ sich ein paar Wochen später vom Juniorchef schwängern. Sie heiratete mit siebzehn.

Auch nach der Schwangerschaft, die im vierten Monat mit einer Fehlgeburt endete, galt sie als unschöne Nymphomanin, die allerdings in den nächsten Jahren Chefin über dreihundertsechzig Mitarbeiter sein würde. Nachdem ihr Mann innerhalb einiger Monate das Interesse an ihr deutlich verloren hatte, begann sie eine Affäre mit ihrem Schwiegervater, der allerdings auch nur eineinhalb Jahre durchhielt und sie dann fallen ließ, als sie ihm zu anstrengend wurde. Vier Mal die Woche Liebe machen, das war nichts mehr in seinem Alter.

Ihre erste Nasenkorrektur und Brustvergrößerung bezahlte noch ihr Schwiegervater, als er noch nicht genug von ihr bekommen konnte.

Im Laufe der nächsten Jahre folgten Zahnbehandlungen sowie weitere Schönheitsoperationen und sie verwandelte ihr Äußeres immer mehr in eine hübsche junge Frau. Die Männer begannen, sich nach ihr umzudrehen. Manch einer stieß einen anerkennenden Pfiff aus, als sie vorüberging. Einige ihrer Eroberungen sahen in ihr eine entfernte Ähnlichkeit mit Senta Berger, was sie ja auch mit den Korrekturen ihres Erscheinungsbildes bezweckt hatte.

Als sie zweiundzwanzig wurde, musste die Firma ihres Schwiegervaters Insolvenz anmelden und wurde letztendlich liquidiert. Da ihre Ehe nur noch dem Namen nach bestand, ließ sie sich kurzerhand scheiden und suchte sich in den nächsten paar Jahren den einen oder anderen potenten und solventen Liebhaber. Es folgten im Laufe der Jahre Ehe Nummer zwei, drei, vier und fünf. Jeder neue Ehemann hatte ein relativ kurzes Verfallsdatum. Schnell begann sie, sich in ihren jeweiligen Ehen zu langweilen. Sie war bereits Ende vierzig, als das Schicksal ihr einen unglaublich attraktiven Mann beschenkte. Sie heiratete zum sechsten Mal. Dieses Mal war der Angetraute achtzehn Jahre jünger als sie, was ihrer Liebe keinen Abbruch tat, war sie doch der Meinung, man sehe ihr den Altersunterschied nicht an. Ihr Mann brachte nur wenig Geld mit in die Ehe und war so lieb, ihren Nachnamen anzunehmen, da von Hückenberg besser klang, als Peter Sperlich. Sie war sich sicher, dass der Name von Hückenberg ihm manche bisher verschlossene Türe öffnen würde. Maria war zum ersten Mal in ihrem Leben überzeugt, dass diese Liebe die einzig wahre Liebe in ihrem Leben sei. Sie würden lange, lange glücklich miteinander sein.