Herbsthochzeit - Pascalis - E-Book

Herbsthochzeit E-Book

Pascalis

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Beschreibung

`Herbsthochzeit´ ist eine Sammlung von Erzählungen, Kleinkunststücken und `Portraits´ aus dem letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts. Brilliant geschrieben, fesselt jede Seite den Leser umgehend und gibt oft Einblick in ungewöhnliche Lebensbereiche. Die Autorin `Pascalis´ weiß, weshalb sie unter Pseudonym schreibt.

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Seitenzahl: 267

Veröffentlichungsjahr: 2017

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INHALT

Gabriela

Begegnung

Kahle Wände

Herbsthochzeit

Die Blauen

Kreuzförmige Geschichte

Das Gellesje

Der Tierarzt

Katzengeschichte

Kurschatten

Helen B.

Der Cousin

Anni, Änne, ich

GABRIELA

GABRIELA WÄRE der junge Bauer trotz allem nicht aufgefallen, zumal sie so kurz nach dem Umzug in den kleinen Industrieort zwischen Teutoburger Wald und Niedersächsischer Seenplatte, aus der Großstadt kommend, noch zu viele und neue Eindrücke zu bewältigen hatte, wenn er nicht auf diese gewisse leise, unauffällige, doch eindeutig zärtliche Weise hinter ihr her gepfiffen hätte. Sie drehte sich erstaunt und verstohlen um und sah ihn mit langen Beinen und breiten Schultern, die kleine Ölkanne in der Hand, über seinen Hof gehen und im Dunkel eines Schlepperschuppens, oder was es war, verschwinden. Mit dieser kleinen Ölkanne war er eben, als sie, mit dem Kinderwägelchen vor und den quietschenden Dreirädern neben sich, langsam auf der Straße vorbeigezogen war, ohne ein Wort der Erklärung, nicht mal des Grußes, zu ihnen getreten, hatte den zwei kleinen Mädchen bedeutet anzuhalten und unter ihren rund gewordenen Augen rasch und mit Sachverstand ein paar Öltropfen dort hingesetzt, wo sie dringend vonnöten waren. Er hatte Gabriela anschließend kurz angesehen, gemurmelt, daß man dieses schreckliche Getön beim besten Willen nicht mehr mit anhören könne, und war schon wieder auf dem Rückzug gewesen, ihren etwas verlegen geäußerten Dank nicht weiter beachtend.

Sie hätte die kleine Begebenheit vergessen, wäre sie nicht mit den Leuten von diesem Hof näher bekannt geworden, der mit seinen Gebäuden, seinen Feldern und Weiden unweit von ihrem Haus und dem Garten lag, in dem sie mit Sven und den Kindern nun lebte. Sie erfuhr, daß man dort frische Eier haben konnte, schellte so eines Tages an dieser Haustür, ihre Kleinen wie immer um sich. Es öffnete eine ältere Frau, fragte in ihrer weißen Schürze etwas streng nach dem Begehr, doch als sich Gabriela freundlich als neue Nachbarin vorstellte, wurde sie höflich hereingebeten, jedes der Kinder nach seinem Namen gefragt und verbindende Worte geäußert. Als Frau Dahlen nach hinten in unsichtbare Vorratsräume verschwand, hatte Gabriela einen Augenblick Zeit, die schöne Eingangshalle zu betrachten, in der herrliche alte Eichenmöbel standen, dazu in einem hohen, irdenen Krug ein großer Strauß bunter Schnittblumen. Als sie so stand, die Kinder in der fremden Umgebung ausnahmsweise scheu und still an ihren Knien, kreuzte ein junger Mann die Halle. Es war nicht der mit der Ölkanne, er war groß und blond, grüßte, ohne stehen zu bleiben, und stieg hinter einem Vorhang eine Treppe hoch. Frau Dahlen erschien mit den Eiern sowie Plätzchen für die Kinder, Gabriela bezahlte, fragte gleichzeitig, um das mitzuerledigen, was die Fuhre Gartenmist kosten würde, die ihr Mann vor ein paar Tagen telefonisch erbeten und heute morgen wie von Heinzelmännchen gebracht vorgefunden hatte. Ach, hob Frau Dahlen die Augenbraue und nannte den Preis, dann hat Borge sie schon gefahren, er sagte gar nichts davon …

Borge – was für ein Name! Bei diesem ersten Besuch hatte Gabriela nicht gewagt zu fragen, doch in der Folgezeit erfuhr sie, daß Frau Dahlen die Mutter war, ein Vater seit geraumer Zeit verstorben, der Blonde Ben hieß und Borge der mit der Ölkanne war. Ben arbeitete in der kaufmännischen Abteilung eines der örtlichen Werke, Borge, ein gut Teil älter und etwa Anfang Dreißig, führte den Betrieb; zwei nicht mehr junge Schwestern, beide genau so groß, stattlich und unverheiratet wie ihre Brüder, lebten, tagsüber berufstätig, noch auf dem Hof. Ein ebenfalls lediger Knecht namens Niklas vervollständigte diese spröde Lebensgemeinschaft.

Gabriela und Sven lebten sich ein, sie sahen bald, daß es sich in dieser sehr ländlichen Gegend mit ihrer eigenartigen Mischung von Industrie und Bauerntum gut leben ließ. Daß sie selbst vom ersten Tag ihres Dortseins beobachtet und besprochen wurden, wußten sie nicht. Das lag nicht nur daran, daß Sven, der wie Ben Dahlen in einem der örtlichen Werke arbeitete, einen ungewöhnlich auffallenden Sportwagen besaß, mit dem er sich einen Traum erfüllt hatte und der, obwohl aus zweiter oder dritter Hand erworben und keineswegs teuer, doch danach aussah, dazu gefährlich schnell und mit silberblauem Lack atemberaubend schön. Gabriela hatte Herzklopfen bekommen, als sie zum erstenmal in dem schicken Renner gesessen hatte, und nach Luft geschnappt, als sie ihn schließlich selbst – zu weiter nichts als Einkaufenfahren – benutzen mußte. Sie hatte jedesmal aufrichtiges Verständnis für das stets gleiche Trüppchen Halbwüchsiger, das sich, wo immer er stand, um den Wagen sammelte, und lachte in sich hinein, wenn den jungen Leuten an der Nasenspitze anzusehen war, wie wenig sie davon hielten, daß ausgerechnet sie, Gabriela, und ihre überquellenden Einkaufstaschen zu diesem funkelnden Gefährt gehörten. Ein flottes Ding in hautengen Hosen, mit Lederjacke und langer blonder Mähne – so was war sie ganz sicher nicht.

Gabriela war zart, schlank und nicht sehr groß, sie hatte dunkles, fast schwarzes Haar, das in lieblicher Fülle um ihr Gesicht lag. Dieses selbst war ebenmäßig, fast schön, voller Kraft und in sich ruhender, frischer und süßer Mütterlichkeit, ernst und doch gelegentlich voller Schabernack. Sie war auf unbekümmerte Weise jederzeit elegant gekleidet und mit ruhigen, angenehmen, sogar edlen Bewegungen begabt. Sie und Sven hatten noch kein Jahrzehnt ihrer Ehe hinter sich, auch waren die Kinder ihnen nicht mehr so fassungslos neu wie zu Beginn ihrer Gemeinschaft. Diese selbst, so sahen sie das, war sicherer Pferch geworden, Sven trug Gabriela mit unerschütterlicher Gewißheit im Herzen, im Blut, nie würde er sie jemals daraus wieder entlassen. Als er sie entdeckt hatte vor Jahren, war sein zerflattertes Leben zum erstenmal zur Ruhe gekommen, und seit er sie, nach sorgsamem Sichprüfen, als seine Frau besaß, wußte er endlich, was Lieben, Wohltun und Stetigkeit bedeuteten.

Als Neuankömmlinge waren Sven und Gabriela ihren bäuerlichen Nachbarn gegenüber mit einer eröffnenden Einladung am Zug, sie machten daraus eine unverbindliche Kaffeerunde und wurden zu ihrem Erstaunen mit einer größeren Einladung, einem mehrgängigen Abendessen auf dem Dahlen-Hof belohnt. Sie waren beide aufs äußerste beeindruckt – und das war wohl die beabsichtigte Wirkung – von der wohlhabenden Behäbigkeit, dem stolzen, selbstverständlichen und doch schlichten Prunken. Die mit allem einschlägigen Wissen vertrauten Frauen waren damit beschäftigt, eine reiche Speisenfolge zuzubereiten und aufzutischen, die Männer, sie beide und zwei weitere Ehepaare tafelten und plauderten. Das Gespräch ging mühelos über den von Sven und Gabriela erwarteten Rahmen hinaus, und eines der Themen kreiste gekonnt um das neueste Werk eines keineswegs allgemein bekannten, doch guten Schriftstellers sowie um Einzelheiten über seine Verbindungen zu bestimmten Verlagen. Daß man anschließend durch die Ställe ging, Pferde, Vieh und Säue zu besichtigen, war kein Gegensatz. Gabriela, selbst auf dem Land groß geworden, fühlte sich glücklich, den guten fruchtbaren Gründen von Ackererde und lebendigen Tieren wieder nahe zu sein. Stadtmenschen waren jahrelang um sie gewesen, blasse Denker und Leute, die vornehm, aber nicht fähig gewesen waren, kräftige, einfache Dinge zu tun. Daß Ben ihr ein quiekendes Ferkelchen unter allseitigem Gelächter in den Arm gab, machte ihr Spaß, und daß Borge sie dabei ansah, als neide er dem kleinen Ding diesen Platz, überraschte sie nicht mehr. Sie sah Ben und Borge in den folgenden Wochen öfter – über die Felder und Weiden hinweg, in der Kirche, wenn Diesel und Sportwagen einander im Verkehr begegneten. Ben, blond, groß und stattlich, errötete, wenn er sie grüßte, Borge, dunkel, größer, stattlicher, sah Gabriela nicht länger als den Bruchteil einer Sekunde an, doch entdeckte sie eines Tages verwirrt, daß sie dabei errötete.

In dieser Zeit freundete sich Gabriela mit einer Nachbarin an, die wie sie kleine Kinder und damit ähnliche Sorgen hatte, zu wenig oder zu viel Zeit und ein mächtig aufgestautes Verlangen nach Gesprächen und Gedankenaustausch. Margrets Mann war klein, glatzköpfig, tüchtig und ein hervorragender Gärtner, Margret breit, prall, sehr hübschen Gesichts, laut, fröhlich und so leicht zu durchschauen wie die jederzeit blankpolierten Gläser in der Vitrine ihres Wohnzimmers. Es erwies sich, daß sie Dahlens schon lange kannte und, ohne daß es ihr selbst auch nur im geringsten bewußt schien, bis über beide, etwas zu groß geratene Ohren in Borge vernarrt war. Gabriela bemerkte dies nicht zum erstenmal, als Margret und Kurt an einem langen Winterabend kontaktfreudig bei Sven und ihr auftauchten. Margret, unruhig im Wohnzimmer auf und ab gehend, schließlich vor dem Fenster stehenbleibend und in eine zauberhaft mondhelle Schneenacht hinaussehend, sagte: Man müßte eigentlich irgend etwas unternehmen, draußen ist es zu schön, was meint ihr, wollen wir nicht Schlitten fahren, wollen wir nicht Ben und Borge anrufen und alle zusammen rodeln? Es gelang ihr tatsächlich, die beiden flottzumachen, und als der Bauer schwer und breit auf dem lächerlichen kleinen Kinderschlitten saß, dachte Gabriela amüsiert: Niemals würde er etwas derart Albernes bei Tag tun, da ihn jedermann sehen kann, und niemals, wenn ihn nicht eine Frau lockte. Margret war selig, kindisch und unvorsichtig, Borge zu ihr ausgesprochen garstig, und Gabriela erkannte listig, daß er einzig und allein gekommen war, um sie zu sich auf den engen Schlitten zu nehmen.

Der Winter brachte außer Schlittenfahrten auch eine Reihe von Einladungen und Festlichkeiten. Gabriela und Sven, die einen netten Bekanntenkreis gefunden hatten, konnten, sooft sie wollten, Abwechslung und Freude haben. Mit Ben tanzte sie einmal, ein zartes florfliegenfarbenes Kleid wie eine Ballerina um sich, und er hielt sie wie eine Kostbarkeit. Er führte gut, aufs äußerste korrekt, wagte nicht, sie anzusehen, denn alle seine Kollegen sahen ihm bei diesem Tanz zu. Margret trafen sie bei fast jeder dieser Veranstaltungen. Zwischen ihr und Gabriela machte sich in diesen Wochen eine Spannung bemerkbar, Margret sah zu deutlich, wie lieblich Gabriela war, schlank und mit Kleidern angetan, die in ihrer Eleganz sie selbst in kompaktem Rosa, mit bloßen fleischigen Armen, hochtoupierter und glasierter Frisur und sowieso schon mehr als üppigen Leibes einfach stehenließen. Gabriela erbarmte es fast, zu sehen, wie Margrets Lachen gefror, wenn Sven und sie den Festraum betraten, denn Margrets Lachen gerade war so nett, lustig und überwältigend, daß sie damit ohne weiteres alle ihre Minuspunkte hätte wettmachen können. Borge sah Gabriela nur einige wenige Male, doch spürte sie seine Anwesenheit sofort, und ein bestimmtes Prickeln, das ihr den Rücken überlief, sagte ihr, daß er sie mal wieder aus einem sicheren Schlupfwinkel heraus, einer Fensternische, einem Nebenraum, einem Gespräch mit Freunden, beobachtete. Sie war nicht mehr ganz so sorglos, sie fürchtete sich, sie sehnte sich, sie ertappte sich bei dem Wunsch, sich lange und möglichst alleine mit Borge unterhalten zu können. Als sie ein paar Stunden vor dem Ball der Schützen, dem Höhepunkt der Saison, das neue Kleid dafür, das noch geändert worden war, bei der Schneiderin abholte, ging sie anschließend kurz in die abendlich stille und leere Kirche, kniete eine Weile, die Hände vor dem Gesicht, und steckte eine Kerze unter dem Bildnis des Pfarrpatrons an, dem lilientragenden heiligen Josef. Auf der Heimfahrt in Svens Cabriolet fühlte sie einmal mehr den gewissen Schauer im Rücken und erkannte in dem Wagen, der geräuschvoll hinter ihr herfuhr, Borges Diesel.

Der Ball wurde Gabrielas Ball, von der ersten Minute an, da sie den Saal betreten, und ein ungeheures Fest. Der Schützenverein umfaßte alle von Stand und Namen, die der Kreis zu bieten hatte, und alles, was Stadt und Land zu bieten hatten, war anwesend. Gabriela war der Begriff Ballkönigin nie geheuer gewesen, und sie hatte nicht geglaubt, daß es so etwas gäbe – warum sollten Männer ausgerechnet nur für eine Frau Augen haben, wenn der Saal voll war von ihnen? Doch nun spürte sie, erschrocken erst, erstaunt, dann verzaubert bis in jeden Nerv, daß sie selbst der Mittelpunkt des Abends war – ein leuchtender, märchenhafter Nachtstern, um den sich der Reigen bewundernder Wünsche wie ein gefährlicher Nebel drehte. Das Kleid war in der Tat vollkommen, ein Wunderwerk, anscheinend nur für sie gemacht. Mit ihm zusammen erst überwuchs sie alle zu einer derart phantastischen Form und war ihnen allen gleichzeitig eine Nacht lang Geheimnis, Wunder und Geschenk. Genaugenommen war Gabriela in ihrem Leben sonst eher ein kleiner Strolch, ein immer unternehmungslustiger Kamerad, und Sven wußte schon, warum er sie sich an Land gezogen hatte. Er liebte an ihr wie nichts sonst den warmherzigen Spott, die Güte, die sich darunter verbarg. Sie konnte dazu so voller hinreißendem Übermut sein, daß er, die Härte des Berufslebens vergessend, gelegentlich alles stehen und liegen ließ und sie nur entzückt und lachend in den Arm nahm. Daß sie ihm die Nächte in tiefer und strahlender Schönheit verzaubern konnte wie ein exotischer Feuervogel, war bisher sein innerstes Geheimnis gewesen, seines einzig und allein.

Das Kleid war mit enganliegendem, bogenförmig ausgeschnittenem Oberteil, schmalen Ärmeln und weitem, entzückend schwingendem Rock, mit seidig changierenden Effekten tiefdunkelrot. Gabriela trug an Schmuck dazu nichts weiter als eine einfache Kette winziger goldgefaßter Perlen, die Sven ihr einmal von einer Reise mitgebracht hatte. Ihr Haar lag dunkel auf den wohlgeformten Schultern, sie war blaß und leuchtend, ihr Teint perlmuttfarben, der Ausdruck ihres Gesichts von überwältigender Süße. Die Männer, die sie kannten, sahen sie an, sahen wieder weg und mußten sie erneut betrachten. Die anderen fragten, wer sie sei, und auch ihnen blieben die Blicke haften. Margret schluckte und diesmal ging ihr Blick endlich zu Borge, denn einzig und allein um den war es ihr nicht egal, daß Gabriela alle an sich riß. Aber sie konnte zu ihrer Beruhigung sehen, daß Borge saß wie ein Klotz, oben an dem Tisch Nummer sieben, unter Freunden und mit deren Frauen. Gabriela bemerkte der nicht, gottdank, sollte sie alle anderen nur haben. Als der Tanz mit aufrauschenden Klängen begann, mit Tönen und einem Rhythmus, der jedem mit Macht in die Knochen ging und zum Aufspringen zwang, hatte Sven seine Frau im Arm wie einen Strauß duftender Rosen und präsentierte sie so allen Blicken. Pah, sollten sie starren und sie ihnen ruhig gefallen, auch von ihm aus Borge und Ben, die er beide sehr mochte. Er sah es wohl, daß sie heute schön war wie nie, und war sich ihrer tief und dankbar bewußt. Er hatte sich selbst auf das Fest gefreut und war vergnügt, arglos und glücklich.

Gabriela tanzte an diesem Abend jeden Tanz. Sie war atemlos vor Entzücken und flog von einem Arm in den anderen. Der Saal bot Raum auch für weitgeschwungene Walzer, die Kapelle besaß Phantasie und Ausdauer, und die Stücke, von denen sie eines am anderen sich steigern ließ, waren von aufpeitschender, unter die Haut gehender Gewalt. Gabriela schüttelte übermütig ihr Haar, wenn sie sah, daß die Herren sie nicht aus den Augen ließen, die Damen kapitulierten und der junge Trompeter das Solo allein für sie zu blasen schien. Ben trat an und hielt sie wieder, als sei sie aus edlem Porzellan, auch wenn er von einem Tisch kam, an dem unter anderem Jungvolk die blonde und blutjunge Kathrin saß, mit der er sich demnächst verloben wollte. Rolf und Bernhard baten um einen Tanz, der frisch verheiratete Sigurd sogar und fast jeder von Prominenz, Stand, Ansehen und Einfluß. Der Ortsbaron schleuderte sie in wilden Schwüngen bis fast zur Decke hinauf, und sie fand sich, an der Bar bei einem Glas Sekt verschnaufend, mit dem Pastor in ein plötzliches Gespräch über frühe oder späte Kinderkommunion vertieft, die Wirkungen von Gnade und Ungnade, Realität und Wahrheit der Sakramente … Der Saal war groß, sein Bretterboden hatte Platz für vieles.

Um Mitternacht verließ der Pastor das Fest, und die Polonaise brachte nun jeden in aufkreischender Lebensfreude aufs Parkett. Ring und Reigen lösten sich wieder auf in einzeln kreisende Paare, die Paare in wechselnde Partner, die Partner für Gabriela in ein lachendes Gedränge. Doch Borge kam nicht. Als die Nacht wuchs, die Stimmung stieg, Stunde um Stunde vertanzt wurde, fühlte Gabriela ihre Hochstimmung, ihren Glanz, ihre Ausstrahlung nachlassen, herabsinken, wie Quellen in heißen Sommern versiegen. Hatte sie sich denn etwas erwartet von diesem Fest? Hatte sie sich vielleicht darauf gefreut, zu allen ihren Tänzen noch einen ganz besonderen zu tanzen? Wünschte sie sich am Ende gar – trotz Svens unerschütterlicher Treue – in die Kraft bäuerlicher Arme? Sie suchte Borge unter gesenkten Wimpern hervor mit den Augen, sah ihn mal hier, mal dort sitzen, sah ihn sich um alles, nur nicht Gabriela kümmern und schließlich mit Margret tanzen. Margret geriet völlig in Ekstase darüber, das konnte keinem entgehen, sie lachte laut und girrend, und Gabriela hörte sie einmal im Vorbeifliegen sagen, niemand tanze so herrlich wie Borge Dahlen. Gabriela verlor ihre Heiterkeit, sie empfand einen bösen Schmerz – nun war sie an der Reihe zu schlucken, Beherrschung zu zeigen, ihre Züge zu überwachen. Sie war entsetzt, als sie fühlte, wie sehr sie litt, wie sehr sie wünschte, Borge möge mit ihr tanzen. Bei der nächsten Damenwahl – sie hatte da bisher Sven geholt – erwog sie, zu Borge zu gehen, wie unabsichtlich, unbefangen, ein bißchen lachend – Hallo, Herr Nachbar, warum so spröd, und wollen wir nicht … Sie hätte lieber das Fest sofort verlassen, als nur einen Schritt von sich aus in eine solche Richtung zu tun. Ein taumeliger Schmetterling mit verwirrten, verwurstelten Flügeln – so tanzte sie weiter.

Borges Blick kam lange nach Mitternacht, traf sie in den Armen eines der galanten Werksdirektoren und mit ungeheurer Wucht. Bei der nächsten Aufforderung, nach einer Pause, als die Kapelle, erholt und durch reichlich Bier erfrischt, mit neuem Schwung anhob, stand er plötzlich vor ihr. Er verneigte sich ohne ein Wort, legte den Arm um ihre Schultern wie um etwas, das ihm zustand, und führte sie zur Tanzfläche. Sie hatte keinen Laut, keinen Scherz auf die Lippen bekommen und seinen Arm gespürt wie einen elektrischen Stromstoß, sie begann diesen Tanz blaß, ernst, hilflos und wünschte sich auf einmal weit weg in irgendeinen schützenden Winkel. Borge sprach belanglose Sätze, deutlich um die neugierigen Blicke, die wie geschwätzige Vögel um sie kreisten, zu füttern, und tanzte keineswegs so göttlich, wie Margret das vorhin verkündet hatte. Er war von einer Härte, ja Gewalttätigkeit, auf die Gabriela nicht gefaßt war, sie selbst gespannt und plötzlich voller Abwehr, auf jeden Fall empfand sie nun keinerlei Freude oder Vergnügen. Vielleicht war Borge überhaupt zu breit, zu groß und zu stark für sie – wie er sie drehte und herumschwang, das konnte einem die Luft nehmen! Dann aber, wie ein Pferd, das sich darauf besinnt, nicht nur schnaubend vorwärtszudrängen; wie ein Sturm, der vergißt zu rasen, veränderte sich seine Haltung, er gab Gabriela winzige Chancen, wurde ruhiger, sogar sanft. Langsam verließen sie Spannung und Furcht, sie lächelte wieder, sie lächelte ihm versuchsweise ins Gesicht, sie lehnte sich zurück in seine Arme. Und nun wurde es anders. Ein rauschendes Drehen, ein versunkenes Kreisen, noch immer in kaum glaublicher Schnelligkeit und mit wenig Rücksicht auf den Spielraum gar anderer Paare, Gabriela hob erneut ihre Augen und sah in Borges Gesicht, in seine Härte, seine Kraft, seine merkwürdig verschlossene Scheu. Es kam ihr in den Sinn, wie Frau Dahlen, seine Mutter, einmal erzählt hatte, daß sie eine Liebe, eine Heirat dieses Sohnes und Erben erfolgreich verhindert habe, weil das Mädchen, das anderen Glaubens und nicht von bäuerlichem Blut gewesen war, ja wohl nicht auf den Hof gepaßt hätte. Gabrielas eigenes Gesicht war wieder gelassener, mitten in dem schnellen und schleudernden Schweben, Kreisen und Wirbeln erfaßte sie nun Ruhe. Als Borge sie endlich ansah und seinen Blick nicht mehr von ihren Augen nahm, wurde sie sogar gleichgültig gegenüber den Vogelblicken. Ihr Gesicht war preisgegeben, ohne Schutz, sie konnte und wollte jetzt nichts mehr verbergen. Verschwommen nahm sie einmal kurz Margrets wahr, das, von ihnen fortkreisend, wie erloschen zu ihr hinstarrte.

In den schwebenden, schwatzenden Mondgesichtern ringsum war jedoch kaum mehr Gefahr zu fürchten. Nun waren sie alle verwunschen, verweht. Von Bier und Korn aus ihren schweren Leibern, Stahlsehnen, Alltagsmuskeln und erschöpften Denkzellen herausgehoben, erfüllte sie Nebel des Wohlseins, und das war der Sinn des Geschehens: Einmal dürfen sie über den Zaun klettern, in Nachbars Garten, zu seinen Früchten, seinen Frauen. Das hier ist nichts für unverheiratete ältere Schwestern – die Dahlen-Mädchen waren nicht anwesend – , junge ja, zum Aussuchen und Erproben für andere Junge. Die Ehefrauen aber sind es, sorgsam ansonsten von ihren Gehegen umschlossen, die nun bis zu einem gewissen, ganz feinen Grad freigegeben werden, für eine Nacht solcher Art von Belustigung. Ach, morgen sind wir wieder brav und jeder in seinem Pferch, wir wissen es alle. So halten wir es besser aus: die Woche, die Arbeit, das Gleis, die Treue. Ha, nicht so, daß uns dies Fron wäre. Wir lachen darüber und wissen uns genau so goldrichtig gefahren. Aber das jetzt und heute ist Spaß, Erquickung, niemand nimmt es ernster als nötig. Laß Borge ruhig Svens junge Frau begehren und Margret Borge – das Leben ist hart und schwer wie guter Ackerboden. Morgen sitzt er wieder auf seinem Traktor, und Margret wäscht, bügelt und kocht und hat keine Zeit mehr, an anderes zu denken. Selbst Margrets Mann schäkerte nun wie ein ungeschickter Ziegenbock mit Sigurds junger Frau Hiltrud.

Doch Gabriela vergaß nicht, fand sich am nächsten Morgen leuchtend wie eine Fackel vor ihrem Pferch, unfähig, über den Zaun zurückzuklettern. Sie wanderte herum, berauscht vor Glück, sah ihr Gesicht im Spiegel wie eine fremde, schöne Blüte, befühlte das dunkelrote Kleid, das anmutig und unzerstört am Bügel hing. Sie ging mit den Kindern, mit Sven spazieren, sie schwieg, sie erzählte, sie war in zwiefacher Ausführung vorhanden. Sah Sven, was mit ihr los war?

Es ist überhaupt nicht zu fassen, wie kindlich, ja naiv Gabriela noch immer empfand. Sie grübelte einzig und allein darüber nach, warum Borge ihr trotz allem nicht näher gekommen war. Er hatte den Tanz, sie kurz und heftig an sich ziehend, so überraschend abgebrochen, wie er ihn begonnen, und sie zurück zu Sven gebracht, der mit einer der Direktorsgattinnen im Gespräch saß, ohne ein Wort der Erklärung. Bald danach war er gegangen, hatten sie selbst das Fest verlassen, war dieses erloschen wie ein ausgebranntes Feuer. Gabrielas unerhörtes Erhobensein dauerte bis über das Wochenende an. Sie war noch mitten darin, als ihr wie ein erstauntes Flattern – absurd in seiner nicht für möglich gehaltenen Verspätung, grotesk in bisher nicht erfaßter Selbstverständlichkeit – die Erkenntnis kam: Sven. Sven und ich. Borge sieht nicht mich, mich, Gabriela Schmetterling, sondern mich und Sven. Ich bin nicht eins, sondern zwei, ich bin wir, wir sind, ich bin – verheiratet.

Diese Erleuchtung wurde ihr zuteil, als richte in schwärzester Regennacht ein Scheinwerfer plötzlich seinen souveränen Strahl, sein spaltendes Licht auf verschlafen zwinkernde Augen – mit keulenhaft eindringlicher Ernüchterung. Sie war sehr jung gewesen, als Sven sie zur Frau genommen hatte, und war es noch. So also war das. Nun, da sie so hübsch war und beachtet wurde, nun da die vielen wunderbaren Männer kamen und unter ihnen einer wie Borge, war sie gebunden und gefesselt. Aber es war Sven allein, dem sie all dies verdankte. Er allein hatte sie zu dem gemacht, was sie jetzt war, durch seine Liebe, seine Wärme, seine Arme. Es war wie Wachsen gewesen, Sichentfaltendürfen innerhalb eines guten Gartens. Die Kinder – von ihm! – hatten sie dazu so reich gemacht, so überbordend vor Freude. Daß sie Sven liebte, ihn brauchte wie Brot und alle Nahrung der Welt, wie Luft, Schlaf, Arbeit und Lob stand vollkommen außer Zweifel. War das Treue, nun, da sie anders konnte, an seiner Seite zu bleiben, nichts, überhaupt nichts anderes im Sinn?

In diesen Tagen, in wenigen Stunden wuchs Gabriela um einen ganzen Lebensabschnitt. In allen ihren Anlagen von vielleicht etwas zu vertrauensvollem, doch kühnem, reichem, ja ritterlichem Wesen, konnte sie nun voll herausgeben. Sie ächzte vor Schmerz, und die Schwerter, die ihr nun mitten durch ihr törichtes Herz gingen, schienen ihr jede Kraft und das Leben selbst zu durchstoßen. Doch sie kletterte nicht zurück aus Nachbars Garten, sie übersprang den Zaun mit einem einzigen Satz. Es geschah anschließend Erstaunliches. Sie verlor weder ihre Kraft noch ihr Leben noch ihr wundervolles Herzblut, sondern befand sich nach geraumer Zeit erneuert, stiller geworden vielleicht, doch ungleich stärker, auf geheimnisvolle Weise bereichert und vorwärtsgekommen.

Borge? Gabriela war froh, daß er sie deutlich mied und ihre Wege nicht mehr kreuzte. Erst ein halbes Jahr später, bei Bens Hochzeit, zu der sie und Sven eingeladen wurden, sah sie ihn wieder. Er kam sofort auf sie zu, begrüßte auch Sven frei und freundlich, wie er das früher nie getan, und so, als sei er ihnen, ihnen beiden, für irgendeine erhaltene Gabe dankbar. Er wirkte entspannt, war locker geworden, erstaunt sah Gabriela ihn sogar lachen, fröhlich sein.

Als Gabriela eines Tages wieder bei Margret anklopfte, ein wenig verlegen, doch mit aufrichtigen Augen, betrachteten sie einander eine Weile, lachten dann befreit. Ehe sie sich versahen, waren sie wie früher in Gesprächen über Kinder und Schulen, Impfungen, Eingewecktes, über dickschädlige Ehemänner, über ausgelesene Bücher, überwundene Fieberattacken … Bald danach folgte Margrets Mann dem Ruf einer Firma im südlichsten Bayern, sie zogen in Eintracht fort, zurück blieb ein kleiner, saatloser, doch säuberlich gejäteter Garten.

Sven und Gabriela wanderten ebenfalls: Für Sven winkte eine neue und weiterführende Tätigkeit nahe der dänischen Grenze, wo er zu Hause war. Gabriela zog einen Flunsch. Sie stammte aus Tirol, liebte Berge und fröhliche Sonne mehr als die See und heroische Wolkenstürme, doch da Sven tausendmal reicher, wärmer und zuverlässiger war als alle Berge und fröhliche Sonne zusammen, sie beide zusammen seit neuestem stärker als die See und heroische Wolkenstürme, freute sie sich doch.

Kurz bevor sie den Ort verließen, hielt sie noch einmal Zwiesprache mit dem Patronatsheiligen in der Kirche und wollte, wie schon einmal, eine Kerze vor seinem Bildnis entzünden – Damit, so flüsterte sie kaum hörbar, auf einem gewissen Hof neben einem gewissen Hoferben bald eine junge, schöne, tüchtige Hausfrau steht, die dieser so nötig braucht wie seine Felder Sonnenschein, Regen und Wind – , fand aber den Ständer bereits voll und keinen der kleinen Leuchter mehr frei. So warf sie die Münze in das Kästchen, legte die Kerze an den Rand des Opfertischchens unter die flackernden Lichter der anderen, die Wärme und guten Duft verbreiteten. Sie kniete noch eine Weile und verließ die Kirche, eine der Seitentüren benutzend. Gabriela sah so nicht mehr die junge Frau, die fast gleichzeitig durch das Hauptportal hereinkam. Sie war auffallend groß, schlank und gut gewachsen, das Gesicht ernst, doch von hohem Liebreiz, dabei merkwürdig reif, wissend und mit ruhigen und graublauen Augen. Wenn Gabriela bei dem Ball damals ein bißchen mehr gesehen hätte als nur sich selbst, wäre ihr dieses Gesicht, dieses Mädchen, das an Bens Tisch neben dessen jetziger süßer und blutjunger Frau gesessen hatte, sofort aufgefallen. Nicht nur durch die Art der Erscheinung, sondern weil dieses Mädchen, das auf einem großen Hof im angrenzenden Kreis lebte, wo es als Älteste der verwitweten Mutter bei sechs jüngeren Geschwistern und wie ein Mann auf dem Felde half, seine Augen mehrmals und mit schwer zu deutendem Ausdruck auf Borge ruhen ließ, den Ben kurz an den Tisch gebracht hatte. Sie hätte dann vielleicht bemerkt, daß Borge aus seiner Trunkenheit heraus – Bier war ihm ja reichlich durch die Kehle gelaufen – dieses Mädchen einen kurzen Moment lang, bevor er Gabriela erneut unter verschlagenen Lidern im Saal suchte, angesehen und dabei ein Gesicht gemacht hatte, als entdecke er plötzlich in Finsternis und Nacht ein kleines Licht oder, nüchterner, als sei in dieser Richtung vielleicht, wie bei blankem Vieh, Korn und gesunder Frucht, ein lang erwünschter, erfreulich sinnvoller Handel zu tun.

Das Mädchen ging, wie vor Minuten Gabriela, zu den hell tanzenden Lichtern unter dem Bildstock des Heiligen. Es trug in den Händen einen einmalig schön gebundenen Feldblumenstrauß, nahm sich eines der Gläser, die bereitstanden, goß Wasser aus einer Kanne daneben hinzu und stellte die Blumen auf das Podest zu Füßen der Statue. Es stand eine Weile, still und mit bittenden, ruhigen Gedanken. Als es sah, wie eines der Flämmchen aufzuckend erlosch, nahm es sogleich die Kerze, die Gabriela vorhin zwischen die anderen gelegt hatte, entzündete sie und steckte sie – sein ernstes Gesicht voller Inbrunst, Hoffnung, Verlangen und Kraft – auf den leer gewordenen, sanft schimmernden Dorn.

BEGEGNUNG

SIE SCHRITTEN aufeinander zu, als hätten sie – jeder für sich – ihr Leben lang auf diese Begegnung gewartet: Der Mann mit der Kutte trug eine solche Freude auf dem Gesicht und ging mit erhobenen Händen, mit weit ausgebreiteten Armen vorwärts. Freund, murmelte er dabei, du weißt nicht, was für eine Tat du mir spendest. Und der andere mit seinem Dolch, seinem lächerlichen Fahrtenmesser, das er gestern, unter einem Baum sitzend, nur so aus Langeweile scharf und immer schärfer geschliffen hatte und das er nun ebenfalls mit weit gebreiteten Armen hoch und noch höher erhob. Sein ganzer ungeschlachter riesiger Körper schien dabei noch anzuschwellen, aufzuquellen – mit einem raubtierhaft schauerlichen Sprung schnellte er vorwärts und stach zu. Er traf den mit der Kutte mit Sicherheit und unglaublicher Kraft, und er traf ihn mitten ins Herz: Der Stahl durchdrang blitzschnell mit schneidender, nicht mehr rückgängig zu machender Akkuratesse das grobe Gewebe des Stoffes und das feine von Haut, Sehnen und Muskeln darunter. Langsam, sehr langsam – die furchtbare Hand hatte das Messer genau so rasch wieder aus dem Körper des Opfers gezogen – ging der Mönch in die Knie, die Arme noch immer weit gebreitet, seine Augen suchten die Lichter des anderen, hielten an ihnen fest. Es war, als bildeten sich jetzt Bahnen, auf denen unnennbare Kräfte Leben aus den brechenden Augen des einen in die glotzenden und leeren des anderen schickten, so sahen und starrten und saugten die beiden einander nun an, eine lange lautlose Weile – schlug das durchstoßene Herz denn noch immer? Dann leerten sich die leuchtenden Lampen des einen, erloschen, die Arme klappten herab wie abgeschlaffte Schläuche, die Kutte fiel zusammen.

Das Gesicht des Mörders – wie eine Maske bisher – , mit noch weniger Leben darin als in den gefällten Zügen dieses einen und all seiner bisherigen Opfer, mit Winkeln des Grauens, Flächen der Kälte, bar auch des geringsten Fältchens der Freude, erstarrte vollends in einem neuen, nie gefühlten Erschrecken, brach dann auf und entzwei wie ein zerschmettertes Gefäß, zerschlug und zersprang. Der Mann stieß seinen Kopf nach oben, sein Mund öffnete sich und entließ einen brüllenden, grauenvoll röhrenden Schrei, so als sei er – der Mann – der zu Tode Getroffene und nicht der braune Hügel vor seinen Füßen, dieser Leib darunter, der endgültig um- und in sich zusammengesunken war wie ein ebenfalls abgelegtes, abgetragenes, nicht mehr benötigtes Gewand.

Als der Mann, der noch immer das Messer mit dem schmalen Streifen roten Blutes daran in seiner verkrampften Hand hielt, seinen fürchterlichen Schrei zu Ende geschrien hatte, stand er wie ein Klotz. Mit gespreizten Beinen, den Kopf, das Gesicht erhoben, die Lider mit scharfen Falten fest über die Augen gepreßt, als könne er nie wieder das Licht, das zwischen schwarzen, violetten und purpurnen Wolken jetzt in breiten Bahnen vom Himmel fiel, zu sehen ertragen. Doch auch so, als erkenne er etwas anderes, vollkommen Neues und Niegeschautes, etwas, das sein Trotz, sein herausforderndes Schlachten, Lästern und Schandtun verschüttet, vergessen und immer und immer gesucht hatten.

KAHLE WÄNDE

NEIN, VOLLKOMMEN kahl waren sie nicht – dem Bett gegenüber und so, daß man es von dort aus am besten sehen konnte, hing das einfach gerahmte Foto eines blonden, etwa vierzehnjährigen Jungen mit einem hübschen, hochmütigen Gesicht, Annabells Jüngstem. Sonst gab es nichts an diesen Wänden, die in einem dunklen, vielleicht ganz angenehmen Uni-Grün gestrichen waren.

Ich war Annabell dankbar, daß sie mir während der Siesta ihr Schlafzimmer überlassen hatte. Draußen vor den herabgezogenen Jalousien lag kristallklare Mittagshitze und machte mich schläfrig, mehr aber war ich noch geschwächt von einem kurzen, außerordentlich heftigen Infekt, einer typischen Reisekrankheit fremder Zonen, die meine Innereien heftig erwischt hatte. Den kleinen Sonntags-Asado eben draußen unter den hohen Bäumen hatte ich wenig würdigen können, wenn auch der alte Juan mir riet, von dem Fleisch nur tüchtig zu essen, niemals könne es schaden, im Gegenteil, es bringe rascher Heilung und die verlorenen Kräfte zurück als jede Medizin. Das Fleisch der Rinder von den glorreichen Pampas! Voller Würze, voller Saft, Essenz des Landes, magische, fast heilige Speise – theoretisch glaubte ich ihm aufs Wort.