Herbstschatten - V. J. Marin - E-Book

Herbstschatten E-Book

V. J. Marin

4,9

Beschreibung

Bis dass der Tod euch scheidet, trifft nicht immer die Realität. Das ist eine der drei Lektionen, die das Leben zu ihrem 30. Geburtstag für Natalie parat hält. Sie muss erkennen, dass Glück vergänglich ist, aber jedes Ende auch einen neuen Anfang bedeuten kann. Kompliziert wird es, als sich Berufliches und Privates vermischen. Gefangen in einem Sturm aus Gefühlen, in dem Herz und Verstand einen erbitterten Kampf ausfechten, versucht Natalie ihren Weg zu finden. Hat die Liebe unter diesen Voraussetzungen überhaupt eine Chance?

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Seitenzahl: 224

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Patrick

Natalie

Kapitel Vier

Patrick

Natalie

Patrick

Natalie

Patrick

Natalie

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Patrick

Natalie

Kapitel Acht

Patrick

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Patrick

Kapitel Elf

Patrick

Natalie

Kapitel Zwölf

Patrick

Natalie

Patrick

Natalie

Kapitel Dreizehn

Patrick

Natalie

Patrick

Natalie

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Epilog

EINS

Der sonnige Spätsommertag neigte sich langsam, aber unaufhörlich dem Ende zu. Die Blätter des Waldes, durch den ich lief, standen noch im Grün, doch mit dem aufziehenden Herbst würden sie bald in ein leuchtend buntes Kleid schlüpfen. Ein wunderschönes Farbenspiel, das ich jedes Jahr genoss.

Dieser Abend war wie geschaffen für Spaziergänge oder sonstige Tätigkeiten im Freien, und ich war nicht die Einzige, die die Möglichkeit nutzte. Nicht nur andere Jogger begegneten mir, auch Hunde mit ihren Besitzern und Spaziergänger kreuzten meinen Weg. Die tief stehende Sonne bahnte sich einen Weg durch das dichte Blätterdach, ließ Licht und Schatten spielen und malte Muster auf dem Waldboden. Ich nutzte die Zeit zum Abschalten.

Nach jahrelanger sportlicher Abstinenz hatte ich im Frühjahr erneut mit dem Laufen begonnen und es bis heute nicht bereut, im Gegenteil. Es war schön, an nichts anderes denken zu müssen. Nur dem eigenen Atem zu lauschen, den Schritten auf dem Waldboden, den Geräuschen der Natur.

Zugegeben, die Überwindung des inneren Schweinehundes, der sich nach einem langen Arbeitstag auf die Couch legen wollte, war nicht so leicht gewesen. Aber ich war froh, es geschafft zu haben. Die sportliche Beschäftigung forderte mich, hatte überflüssige Pfunde schmelzen lassen und war fast täglich meine Flucht aus dem Alltag.

Doch an diesem Donnerstag half mir auch das geliebte Laufen nicht dabei, den Kopf freizubekommen, zu viel geisterte darin herum. Mit Absicht entschied ich mich für die längere Strecke, um komplett abzuschalten. Meist gelang es mir schon nach kurzer Zeit, nicht so heute. Ich war bereits auf dem Rückweg und von Entspannung keine Spur. Wenigstens waren nun nicht mehr so viele Menschen unterwegs, sodass ich meinen Gedanken nachhängen konnte.

Es gab einen simplen Grund, der mir Kopfzerbrechen bereitete: Mein Mann Fabian und ich verstanden uns überhaupt nicht mehr. Selten verging ein Tag ohne Sarkasmus, Streit oder böse Worte. Kaum auszuhalten. Bei näherer Betrachtung war von simpel keine Rede, es war schlichtweg kompliziert.

Seit zwei Jahren lebte jeder sein eigenes Leben. Gemeinsam verbrachte Zeit gab es nicht mehr, und ich legte im Moment auch keinen gesteigerten Wert darauf. So etwas geschah nicht von heute auf morgen. Ein schleichender Prozess, den wir nicht aufzuhalten vermochten. Jetzt sah ich mich mit der Möglichkeit einer Scheidung konfrontiert, so sehr ich mich auch dagegen sträubte. Aufzugeben lag nicht in meiner Natur, dennoch schien dieser Kampf verloren.

Der unerfüllte Kinderwunsch stand ganz oben auf der Liste der Gründe, die letztendlich zum Scheitern unserer Ehe geführt hatten. Neun Jahre waren wir ein Paar, sieben davon verheiratet. Seit der Hochzeit bemühten wir uns vergeblich darum, ein Kind in die Welt zu setzen. Während ich sämtliche Untersuchungen über mich ergehen ließ, weigerte sich mein Herr Gemahl standhaft und fühlte sich gar in seiner Männlichkeit gekränkt, wenn ich auch nur andeutete, dass es an ihm liegen könnte. Bei mir gab es keinerlei negativen Befund. Folglich stand schon seit Jahren Sex nach Kalender auf dem Programm. Das ging mir mittlerweile dermaßen gegen den Strich, dass ich überhaupt keine Lust mehr verspürte. Ich war mir ziemlich sicher, Fabian fühlte ebenso.

Ich weiß noch, wie naiv und enthusiastisch ich an das Thema Kinderwunsch heranging. Häufig hörte ich im Bekanntenkreis etwas von „Unfällen“, einem Schuss, einem Treffer und Ähnliches. Wieso sollte es ausgerechnet bei mir ewig dauern?

Doch jeden Monat wieder die Enttäuschung. Des Öfteren traf meine Periode zu spät ein und mein Körper oder mein Geist spielten mir einen Streich nach dem anderen. Leider wurde der Test dadurch auch nicht positiv. Mit Fabian darüber zu reden war aussichtslos, immer, wenn ich die Sprache darauf brachte, blockte er ab und wechselte abrupt das Thema.

Adoption war für ihn ebenfalls ein rotes Tuch, ein No-Go. Langsam beschlich mich das Gefühl, dass er gar keine Familie wollte und insgeheim sogar froh darüber war, dass es bisher nicht geklappt hatte.

Diese Kleinigkeiten lenkten mich dermaßen ab, dass ich nicht allzu sehr auf den Weg achtete. Es war schon spät und in der zunehmenden Dunkelheit des Waldes war nicht mehr viel davon zu erkennen. Unbemerkt von mir hatten sich auch die letzten Sonnenstrahlen verabschiedet und machten den Nachtschatten den Weg frei.

So dauerte es nicht lange, bis ich im unebenen Waldboden in ein Loch trat und mit einem Aufschrei stürzte. Ich landete praktisch mit der Nase im Dreck. Prima. Das hatte mir gerade noch gefehlt, im Moment ging aber auch fast alles schief. Frustriert schlug ich mit der Faust auf den Boden, bevor ich mich aufrappelte und den Fuß untersuchte.

Autsch, das Ding schmerzte heftig. „Scheiße“, fluchte ich leise und sah mich um. Natürlich war weit und breit kein Haus oder Mensch in Sicht. Wo waren die ganzen Spaziergänger, wenn man sie brauchte? Vorhin musste ich ihnen noch zuhauf ausweichen und nun? Keine Menschenseele zu entdecken. So blöd, im Dunklen durch den Wald zu rennen, war wohl nur ich.

Seufzend zog ich mein Handy hervor, das, wie sollte es auch anders sein, auf nichts mehr reagierte und praktisch tot war. Typisch. Entweder ein Totalschaden durch den Sturz oder ich hatte mal wieder schlicht das Laden des Akkus vergessen. Passierte mir leider ständig. Wenn etwas schief lief, dann aber gründlich.

Frustriert steckte ich es ein und versuchte mich zu orientieren, was bei der zunehmenden Dunkelheit gar nicht so leicht war. Hätte ich mal besser darauf geachtet, wo ich war, statt über Sachen nachzudenken, die ich doch nicht ändern konnte und akzeptieren musste.

Kreuzte nicht da hinten eine Straße den Waldweg? Ganz sicher war ich mir nicht, da ich im Dämmerlicht meine sonstigen Orientierungspunkte nicht mehr erkannte. Wenn ich recht hatte, dann waren es über diesen Weg noch knapp zwei Kilometer bis nach Hause. Doch ich glaubte nicht daran, dass ich das zu Fuß schaffte.

Wie weit konnte man oder besser gesagt ich im Dunkeln auf unebener Strecke auf einem Bein hüpfen? Ich war nicht wirklich gewillt, das heraus zu finden. Hier sitzen zu bleiben, war ebenfalls keine Option, auch wenn ich das liebend gern getan hätte, um bittere Tränen zu vergießen. Was brachte es mir schon, wenn ich jetzt heulen würde? Stattdessen sollte ich lieber versuchen aus diesem Wald herauszukommen, bevor das letzte Licht mich verließ.

Vorsichtig stand ich auf und versuchte den Fuß zu belasten. Schmerzhaft war das allemal, doch ich musste die Straße erreichen, wenn ich nicht die Nacht allein hier im Wald verbringen wollte. Ohne Handy würde auch Fabian nicht wissen, wo er mich suchen sollte, vorausgesetzt, er bemerkte mein Fehlen überhaupt, was ich arg zu bezweifeln wagte.

Entschlossen humpelte ich los, stolperte unterwegs über einen halbwegs passenden Ast, auf den ich mich stützte. Damit kam ich deutlich besser voran.

Als ich die gefühlten fünfhundert Kilometer endlich hinter mich gebracht hatte, ließ ich mich schweißgebadet auf einen großen Stein am Straßenrand sinken und atmete auf.

Diese erste Etappe wäre geschafft. Hoffentlich kam demnächst ein Auto vorbei, denn zu allem Übel würde es bald stockfinster sein und langsam wurde mir mulmig zumute. Wenn doch wenigstens Vollmond wäre! Warum hatte ich bloß keine Taschenlampe eingesteckt? Müßig, darüber nachzudenken. Das Ding lag, wie so oft, vergessen zu Hause auf dem Küchentisch.

Ich lauschte auf die Geräusche, die um mich herum waren. Überall raschelte und knackte es, der Wald wurde lebendig. Ich fand rasch heraus, dass ich mich allein bei Dunkelheit hier nicht wohlfühlte. Bei Tag liebte ich es, hier zu sein, aber jetzt wurde das Unbehagen übermächtig. Was für Tiere hier lebten? Ich fühlte mich wie gestrandet, in der Wildnis vergessen oder so etwas in der Art, dabei war ich ja nicht gerade weit von zuhause entfernt. Das Herz rutschte mir in die Hose.

Natalie, hör damit auf, dich verrückt zu machen, schimpfte ich mit mir. Der Kloß in meinem Hals wurde immer dicker. Um nicht wirklich in Panik zu geraten, atmete ich mehrmals langsam tief ein und aus. Danach ging es etwas besser, und ich fühlte mich wieder in der Lage zu funktionieren. Einfach nicht mehr darüber nachdenken.

Angestrengt lauschte ich in die Dunkelheit, versuchte, die beängstigenden Geräusche auszublenden. Täuschte ich mich oder hörte ich in der Ferne tatsächlich ein Auto, das näherkam? Zu allem Übel befand ich mich an einer kaum genutzten Nebenstrecke. Wenn ich Pech hatte, dann eben richtig.

Ich konzentrierte mich einzig auf dieses Geräusch und wirklich, schon bald sah ich die Scheinwerfer eines Autos zwischen den Bäumen auf mich zukommen. Gott sei Dank, Rettung nahte!

Als der Wagen nahe genug herangekommen war, sprang ich auf, um zu winken. Das hätte ich besser nicht getan. Ein heftiger Schmerz durchzuckte den Fuß, sodass ich mit einem Aufschrei sofort auf den Stein zurücksank. Für einen kurzen Moment hatte ich doch glatt vergessen, warum ich überhaupt hier saß, denn im Ruhezustand spürte ich nichts.

Der Fahrer des Autos hatte mich anscheinend gesehen und hielt an. Natürlich handelte es sich um einen Mann, und dazu noch um einen großen, wie ich feststellte, als er ausstieg. Ich schluckte und versuchte den Kloß im Hals loszuwerden, der sich erneut dort zusammen klumpte. Mein Herz klopfte wie verrückt. Was, wenn es sich um einen Mörder, Vergewaltiger oder so etwas handelte, auf die Suche nach einem Opfer?

Es war eindeutig zu spät für solche Überlegungen, denn langsam kam er auf mich zu. Trotz meiner Furcht freute ich mich darüber, nicht mehr allein zu sein, aber ich umklammerte meinen Ast stärker, um mich im Notfall verteidigen zu können.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte eine angenehm tiefe Männerstimme. Wenn ich richtig lag, hörte ich sogar eine Spur Besorgnis heraus. Na hoffentlich nicht nur Wunschdenken. „Haben Sie sich verletzt?“

Meine Angst legte sich etwas, ich schaute auf und blinzelte ins grelle Scheinwerferlicht. Wenn er nur ein bisschen näher käme, wäre ich in der Lage, sein Gesicht zu erkennen, dass sich nach wie vor im Dunkel verbarg. Unfair, denn meines wurde hervorragend ausgeleuchtet. Ich wollte zu gern wissen, um wen es sich handelte.

„Ich habe mir den Knöchel geprellt oder verstaucht“, gab ich zurück, konnte ein Zittern meiner Stimme jedoch nicht ganz verhindern. Nun wusste er auch, dass ich Angst hatte. Toll, wirklich toll. Bestürzt biss ich mir auf die Unterlippe, bis ich mich wieder im Griff hatte. „Darf ich Ihr Handy benutzen? Dann könnte ich jemanden anrufen, der mich abholt.“

Er trat noch näher. Ich registrierte, dass ein beruhigendes, freundliches Lächeln seine sinnlich weichen Lippen umspielte und das ansonsten markante Gesicht entschärfte. Gern hätte ich die Farbe seiner Augen gesehen, aber das gleißende Licht verhinderte das. Außerdem stand er noch zu weit entfernt. Automatisch erwiderte ich sein Lächeln und strich mir die Haare aus dem Gesicht.

„Ich könnte mir Ihren Fuß ansehen, soweit das unter diesen Umständen möglich ist. Zufällig bin ich Arzt.“ Nun stand er vor mir.

Zufälle gab es! Dass es sich um einen Arzt handelte, war das erste Positive, das ich heute Abend hörte. Als ich zustimmend nickte, ging er neben mir auf die Knie und griff nach meinem Fuß.

Was jetzt geschah, war schier unglaublich, denn kaum berührte er mich, zuckte ich wie elektrisiert zusammen. Doch nicht vor Schmerz, sondern weil ich mit einem Mal ein heftiges Verlangen nach diesem Mann verspürte, den ich nie zuvor gesehen hatte. Gefühlte 100.000 Volt jagten durch meinen Körper. Er roch so gut und meine Haut kribbelte verheißungsvoll bei jeder Berührung. Was war denn das jetzt bitte? Meine Reaktion auf seine Berührung stürzte mich in tiefe Verwirrung. Ich konnte es nicht fassen. Er blickte auf.

„Schmerzen?“

Leicht benommen schüttelte ich den Kopf. „Oder doch ein bisschen schon“, fügte ich hinzu. Wie sollte ich auch in Worte fassen, was ich selbst nicht verstand und nicht glauben konnte. Der Schmerz war so nebensächlich geworden, dass ich ihn kaum mehr verspürte. Stattdessen loderte das Verlangen heiß in meinem Unterleib. Sehnsucht nach Zärtlichkeit, nach allem, was ich so lange entbehren musste.

Natürlich war ich dankbar für seine Hilfe. Er war sympathisch und attraktiv, daran bestand kein Zweifel. Aber was bewog mich dazu, dass das Verlangen, mich einfach in seine Arme zu werfen, beinahe übermächtig wurde? Etwas Derartiges hatte ich noch nie erlebt oder gar für möglich gehalten. Es war wie ein Blitzschlag.

Rasch hatte er meinen Fuß untersucht. „Scheint nicht allzu schlimm zu sein, wohl wirklich nur eine Verstauchung oder Prellung, soweit ich das unter den gegebenen Umständen beurteilen kann. Sie sollten das morgen untersuchen lassen. Kann ich Sie irgendwo absetzen?“

Für einen Moment schwieg ich, ließ mir sein verlockendes Angebot durch den Kopf gehen. So gern ich auch wollte, aber ich konnte es nicht annehmen. Schließlich war er ein Fremder, und nur, weil er gut aussah und mir gerade geholfen hatte, hieß das noch lange nicht, dass von ihm keine Gefahr ausging. Es stand nicht jedem Verbrecher sein Vorhaben deutlich ins Gesicht geschrieben. Waren es nicht gerade die sympathischen Typen, bei denen man so etwas nie vermuten würde?

„Wenn ich einfach nur Ihr Handy benutzen dürfte?“, versuchte ich es nochmals. Diese Frage hatte er vorher schon nicht beantwortet. Wieder dieses Lächeln, das mir so durch und durch ging, jetzt aber eindeutig amüsiert.

„Sie sind vorsichtig“, stellte er ruhig fest und musterte mich aufmerksam. „Nicht, dass Ihnen das viel nützen würde, wenn ich irgendwelche bösen Absichten hegte.“

Mist, wer war der Kerl, konnte er etwa Gedanken lesen? Innerlich knirschte ich mit den Zähnen. Vielleicht lag es auch nur daran, dass ich an meinem Pokerface noch unheimlich arbeiten musste.

„Es tut mir leid, ich komme vom Training und habe kein Handy dabei“, fuhr er fort. „Das lenkt mich sonst nur ab.“

„Verflixt, heute geht wirklich alles schief. Nicht mein Tag eben“, murmelte ich verdrossen.

„Also, wo darf ich Sie absetzen?“, wiederholte er geduldig.

Was blieb mir denn anderes übrig, als mit ihm zu fahren, wenn ich nicht die ganze Nacht hier sitzen bleiben wollte? Wer wusste schon, wer als nächstes meinen Weg kreuzte, wenn es überhaupt jemand tat. Darauf, zu Fuß die restlichen knapp zwei Kilometer zu humpeln, war ich nicht scharf.

„Also gut.“ Ich stand auf und ließ meinen Ast los, den er erst jetzt mit hochgezogenen Augenbrauen registrierte. Doch er behielt jeglichen Kommentar für sich und lächelte nur still vor sich hin. Sein Duft stieg mir in die Nase, eine Mischung aus Parfüm und Mann. Unwillkürlich hielt ich die Luft an. Der Griff um meinen Arm fühlte sich fest und tröstlich an, als er mir in den Wagen half. Erwartungsvoll schaute er mich an und wartete. Aber worauf? Blut schoss mir in die Wangen, als mir einfiel, dass er nicht wusste, wohin er mich bringen sollte. Leise nannte ich ihm meine Adresse.

Es war zwar nur ein kurzer Weg, aber auch der konnte lang werden. Ich schwieg, mir seiner Anwesenheit überaus bewusst. Hin und wieder warf ich ihm einen Blick von der Seite zu und versuchte herauszufinden, woher meine unerklärliche Faszination für diesen Mann kam. Dieses leichte Lächeln lag nach wie vor auf seinen Lippen. Auf Lippen, bei denen ich mich fragte, wie sie sich auf meinen anfühlen mochten. Himmel, wie kam ich nur auf so was?

Liebe war es kaum, wohl eher Lust, die nach längerer Durststrecke wieder erwachte. Anders war das nicht zu erklären. Ja, das musste es sein. Woher sollte das verlangende Ziehen in meinem Unterleib sonst herrühren? So etwas war mir im Leben noch nie passiert.

„An Ihrer Stelle würde ich mir überlegen, so spät allein im Wald laufen zu gehen“, sagte er in leichtem Plauderton in die Stille hinein. Verdammt, konnte er nicht einfach das Radio anmachen? Seine guten Ratschläge brauchte ich nun wirklich nicht! Schließlich hätte ich mich deswegen schon selbst ohrfeigen können.

„Normalerweise gehe ich auch früher laufen und bin weit vor der Dämmerung zu Hause. Aber heute ist Donnerstag. Da ist die Praxis länger geöffnet, und ich war erst spät zu Hause. Ich hätte wohl besser die kleinere Runde genommen.“ Musste ich mich denn wirklich vor ihm rechtfertigen? Aus irgendeinem Grund hatte ich leider das Gefühl und ging in die Verteidigung. Schweigen legte sich erneut über das Wageninnere, bis er anhielt.

„Wir sind da“, verkündete er. Er hielt vor meinem Haus, das ich vor zehn Jahren geerbt hatte, nachdem meine Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren. Papa hatte es erworben, nachdem er sein Bauunternehmen verkauft und in den Ruhestand gegangen war, den sie leider nicht mehr lange genießen durften. Jedes Mal, wenn ich es sah, fühlte ich mich daran erinnert, wie glücklich meine Eltern hier gewesen waren.

Es handelte sich um einen alten Kotten aus gelblichem Sandstein mit rotem Ziegeldach, den mein Vater liebevoll nach und nach restauriert hatte. Die meisten Nebengebäude hatte er abgerissen, um mehr von dem Grundstück zu haben. Nur die Garage und zwei kleinere ehemalige Ställe erhielt er. Der Waldrand begann in unmittelbarer Nähe des Gartens.

Auf den breiten Fensterbänken standen nach wie vor Kästen üppig mit bunten Blumen bepflanzt. Meine Mutter liebte die Gestaltung und Pflege des Gartens. Seit ihrem Tod tat ich mein Möglichstes, um ihn so zu erhalten, wie sie ihn zurückgelassen hatte. Es gab mir ein Gefühl von Sicherheit und Nähe.

Früher hatte ich ihr gern dabei geholfen, und auch heute fühlte ich mich mit ihr verbunden, wenn ich ihre Blumen pflegte.

Das Tor zur Einfahrt war geschlossen, Fabian musste zu Hause sein. Verlegen suchte ich nach Worten, wurde mir bewusst, dass wir bereits eine Zeit hier standen und uns anschwiegen, während ich in Gedanken versunken war. Ich fühlte seinen prüfenden Blick und konnte nicht verhindern, dass mir eine verräterische Röte ins Gesicht stieg.

„Danke“, sagte ich nur leise, weil mir beim besten Willen nichts Besseres einfiel. Endlich erkannte ich, dass er grüne Augen hatte, Augen, in denen ich mich verlieren könnte. Wie ungewöhnlich. Dazu hatte er dunkle wellige Haare, die ihm wirr in die Stirn fielen und einen gebräunten Teint, was ihn alles in allem in meinen Augen ungemein attraktiv erscheinen ließ. Ich musste mir den Kopf angeschlagen haben, anders konnte ich es mir nicht erklären. Dummerweise wusste ich genau, dass das nicht passiert war.

„Gern geschehen. Ich bin übrigens Patrick.“

„Und mein Name ist Natalie.“

„War mir ein Vergnügen, Natalie.“ Sein Lächeln vertiefte sich, als wüsste er, wie sehr ich mich im Grunde dagegen sträubte, auszusteigen.

„Danke nochmals. Wie sieht es aus, kann ich Sie irgendwann zu einem Kaffee einladen, als Dank für Ihre Hilfe heute?“

Ich lächelte ihn kokett an, setzte alles auf eine Karte und … verlor. Sein bedauerndes Lächeln kam rasch, leider viel zu rasch. Warum hatte ich das überhaupt gesagt?

„Ich glaube, das wäre keine allzu gute Idee.“ Er wackelte vielsagend mit seinem Ringfinger, an dem ein goldener Ring glänzte. „Meine bessere Hälfte würde das leider nicht spaßig finden.“

„Oh, tut mir leid. Ich wollte Ihnen gewiss nicht zu nahe treten.“ Rasch ruderte ich zurück. War doch klar. Die tollen Männer waren entweder schwul, besetzt oder sonst schon vorgeschädigt und außerdem war ich verheiratet. „Ich sollte rein gehen. Fabian macht sich bestimmt Sorgen, wo ich bleibe.“

„Soll ich Ihnen helfen?“, bot er sich höflicherweise an.

„Danke, aber ich denke, die letzten Meter schaffe ich allein.“ Damit stieg ich entschlossen aus und schloss mit einem letzten Lächeln die Autotür hinter mir, um zum Tor zu humpeln.

Patrick blieb noch einen Moment, wartete, bis ich die Haustür hinter mir zudrückte und fuhr davon.

„Ich bin wieder da“, rief ich, während ich den Schlüssel herumdrehte. Keine Antwort. Wahrscheinlich saß Fabian in seinem Büro, arbeitete oder surfte im Internet oder tat etwas, von dem ich keine Ahnung hatte. Egal. Erst einmal wollte ich nur aus den Klamotten raus, duschen und mir den Knöchel bei Licht ansehen.

Er war geschwollen und blau, doch gebrochen wohl nicht. Zwei Wochen hatte ich noch Zeit, um ihn zu kurieren, dann stieg meine Geburtstagsfeier. Bis dahin wollte ich fit sein. Für ein paar Tage musste ich allerdings auf mein geliebtes Laufen verzichten.

Ein Blick in den Spiegel ließ mich aufstöhnen, und ich schlug bestürzt die Hände vors Gesicht. An Patricks Stelle hätte ich mich auch abblitzen lassen. Verschwitzt, Dreck im Gesicht, mein Zopf hatte sich weitgehend aufgelöst, und das Haar hing mir wirr ins Gesicht. Das hätte ich gern früher gewusst. Schnell unter die Dusche und nicht mehr an diesen Kerl denken.

Später machte ich es mir auf dem Sofa bequem, kühlte den Knöchel und schaltete den Fernseher an. Doch immer wieder musste ich an diese grünen Augen denken, die sich mir ins Gehirn eingebrannt hatten. Ob ich ihn je wiedersehen würde? Ein Teil von mir wünschte es sich glühend, der andere dachte nur daran, dass das egal war, denn er war vergeben und ich nach wie vor verheiratet.

Zu einer Trennung konnte ich mich nicht durchringen, auch das hatte mit Sicherheit etwas mit meinem Sturkopf zu tun, obwohl unsere Ehe eindeutig in der Sackgasse steckte. Liebten wir uns eigentlich noch oder waren wir schier aus Gewohnheit zusammen? Früher oder später würden wir uns beide ernsthaft damit auseinandersetzen müssen. Schon seit Wochen quälte ich mich mit diesen und anderen Gedanken herum und langsam wurde es Zeit für eine Lösung, damit ich wieder gut schlafen konnte.

Mein Mann hatte mich nicht vermisst, wie es schien. Den ganzen Abend bekam ich ihn nicht zu Gesicht, er hatte nicht einmal versucht, auf meinem Handy anzurufen. Vorhin, als ich es zum Laden anschloss, stellte sich heraus, dass noch Leben darin war. Wenigstens ein kleiner Lichtblick.

Erst als ich das Schlafzimmer betrat, um ins Bett zu gehen, polterte Fabian die Treppe vom Dachboden hinunter und gesellte sich zu mir. Wie so oft in letzter Zeit hatte er den Abend wohl in seinem Büro verbracht. Er begann sich auszuziehen.

„Wann bist du denn gekommen?“, fragte er mich verwundert. Wie zu erwarten, hatte er das nicht mitbekommen.

„Schon vor einer ganzen Weile“, antwortete ich gereizt und humpelte zum Bett.

„Was ist denn mit dir passiert?“, hakte er irritiert nach und runzelte die Stirn.

Oh, es gab also doch noch ein Fünkchen Interesse für meine Befindlichkeiten von seiner Seite, etwas, dass er selten erkennen ließ. „Ich hab mir beim Laufen vorhin den Knöchel verstaucht, als ich in ein Loch getreten bin.“

„Warum hast du nichts gesagt? Ich hätte dich doch zum Arzt gefahren.“

„Mein Handy hat nicht funktioniert, weil der Akku leer war“, seufzte ich genervt, ließ mich ins Bett gleiten und kuschelte mich in die Kissen. Am liebsten hätte ich mir die Decke über den Kopf gezogen und nichts mehr gehört oder gesehen. Für heute hatte ich genug.

Er lachte. „Das kann auch nur dir passieren“, zog er mich auf. „Irgendwann vergisst du noch deinen Kopf.“

Ja, ja, wer den Schaden hat …, aber ich sprach es nicht laut aus und schwieg lieber. Plötzlich erlosch sein Lächeln. Ihm war etwas durch den Kopf gegangen. Ich sah förmlich, wie sich die Rädchen in demselben drehten.

„Wie bist du denn nach Hause gekommen?“, wollte er wissen. „Normalerweise läufst du doch allein. Oder ist es hier vor der Tür passiert?“

„Nein, im Wald. Ich bin bis zur Straße gehumpelt, dann hat jemand angehalten und mich heimgefahren.“

„Wer denn?“ Mensch, was war Fabian heute misstrauisch. Ich hatte mir noch nie etwas zuschulden kommen lassen und verdrehte die Augen. Musste er denn alles wissen?

„Keine Ahnung. Irgendwer eben“, gab ich ungehalten zurück. „Ich habe ihn vorher noch nie gesehen, aber zufällig war er Arzt und hat sich gleich meinen Knöchel angeschaut.“ Meine Gereiztheit war nicht mehr zu überhören. Ich atmete tief durch und hoffte darauf, ein wenig Gelassenheit in meinem Inneren zu finden.

„Was für ein Zufall.“ Da war er wieder, der Sarkasmus. „Und der hatte kein Handy, damit du mich anrufen konntest?“ Immer wieder dieser vorwurfsvolle und zugleich gereizte Ton. Langsam ging er mir gewaltig auf die Nerven. Es schien, als wäre alles, was ich machte, grundsätzlich verkehrt.

„Nein, er hatte keines dabei. Das habe ich auch sofort gefragt, sonst hätte ich dich angerufen.“

„Aber du kannst doch nicht zu einem völlig Fremden ins Auto steigen! Weißt du eigentlich, wie gefährlich so was ist?“ Entgeistert starrte er mich an. Es sah komisch aus, wie er so dastand, mit diesem Gesichtsausdruck und mit nichts bekleidet außer Boxershorts mit …

Ich musste zwei Mal hinschauen, es waren wirklich Herzchen. Wie allerliebst. Wo hatte er die bloß ausgegraben? Zu allem Überfluss musste ich mir nun auch noch ein Lachen verkneifen, das gerade unpassend war und ihn nur in Rage bringen würde. Stattdessen konzentrierte ich mich darauf, genervt zu sein.

„Ja, Fabian, ich weiß es. Aber ich habe es riskiert, weil ich sonst nicht nach Hause gekommen wäre. Ich wollte die Nacht nicht im Wald verbringen. Du hast doch nicht mal gemerkt, dass ich nicht da bin, oder?“

Na prima, nun fing ich auch noch an zu zicken. Dabei nahm ich mir immer wieder fest vor, ruhig und freundlich zu bleiben. Aber je mehr ich es wollte, desto weniger funktionierte es. Von der ruhigen, ausgeglichenen Natalie war zurzeit nicht mehr viel übrig. Meine innere Unruhe und Unzufriedenheit nahm ständig Überhand.

Der Bruch in der Beziehung zu Fabian war ein wichtiger Grund dafür, vielleicht auch eher die Tatsache, dass er mir bereits mit seiner bloßen Anwesenheit tierisch auf die Nerven ging. Immer fühlte ich mich in die Verteidigungshaltung gedrängt. Eine Rolle, die mir gar nicht schmeckte.

„Lass uns nicht wieder streiten, danach steht mir nicht der Sinn. Wir könnten stattdessen an diesem Baby arbeiten, das du so gern möchtest.“ Er zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht, das seiner Meinung nach ungemein verführerisch wirken sollte und rückte näher.

Gereizt seufzte ich und schob ihn beiseite. „Nicht heute. Ich bin total müde und möchte nur schlafen. Außerdem schmerzt der Knöchel, es ist schon spät und morgen muss ich früh raus.“ Ich wusste genau, dass ich ihn damit vor den Kopf stieß, aber ich konnte nicht anders. Mir stand der Sinn überhaupt nicht danach, mit ihm zu schlafen, und ich mochte ihm nichts vormachen. So war ich einfach nicht.

„Ja, war klar. Ich weiß gar nicht, warum ich es immer wieder versuche“, maulte er. „Mehr als ein Mal Sex im Monat, vielleicht auch alle zwei Monate ist ja nicht drin. So kommen wir nie zu unserem Baby. Gute Nacht“, knurrte er und drehte mir den Rücken zu.

Es tat mir leid, dass er enttäuscht und sauer war. Ich wusste auch, dass ich nicht ewig so weitermachen konnte und wollte.

„Gute Nacht, schlaf gut und träum süß“, antwortete ich leise und ließ mich in die Kissen sinken. Eine Antwort bekam ich erwartungsgemäß nicht mehr. Bald hörte ich an seinen tiefen Atemzügen, dass er schlief, während ich noch lange wach lag und an den Fremden dachte, von dem ich