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Ein gewaltiger Donnerschlag - und plötzlich findet sich der junge Schreinermeister Hermann aus München im Mittelalter wieder! Dabei hatte er sich eigentlich nur ein paar Tage in seiner Alpenhütte von der Großstadthektik erholen wollen. Abwechslung bekommt er nun genug, mit der Ruhe ist es allerdings sofort vorbei: Mit seiner modernen Jagdausrüstung erregt er nicht nur Aufsehen, sondern vor allem Ärger. Er landet im Kerker der Burg Karlstein, muss ein Gottesurteil überstehen - und zu allem Überfluss verliebt er sich auch noch ... Ein Fantasy-Abenteuerroman für Alt und Jung!
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Seitenzahl: 546
Veröffentlichungsjahr: 2021
Dieses Buch widme ich meinen Kindern Desiree, Max-Peter, Maximilian, Max-Emanuel und Berenice.
Aufbruch zur Jagd
Verwirrung nach dem Gewitter
Ankunft in Refol
Die Einladung des Vogts
Der Ritt zur Burg
Auf der Burg
Die Bewährung
Der Burgkaplan
Die gefährliche Rückkehr
Die Wilderei
Die Verhaftung
Iudicium Dei
Die Flucht aus der Burg
Der Versuch
Allein zur Burg und das Versprechen
Auf der Alm
Die Einlösung des Versprechens
Der erste Angriff
Der Rammbock und die Blide
Die Zerstörung
Feuer
Die Entscheidung
Die Hinterlist
Rückkehr nach Refol
Die Ungewissheit
Die Rückkehr ins Leben oder das Ende des Traums
Hermann atmete tief durch, endlich ein paar Tage frei. Hoffentlich spielt das Wetter mit, dachte er, als er mit seinem Geländewagen von München auf der Autobahn in Richtung Salzburg nach Refol zur Hütte unterwegs war. Der Wetterbericht hatte nur kurze lokale Sommergewitter angekündigt. Im letzten Jahr hatte ihn ein schweres Gewitter in den Bergen überrascht, das ihn wegen starken Regens und der gefährlichen Nässe auf dem steinigen und rutschigen Pfad zur Hütte zum Anderlkopf hinauf zur Umkehr gezwungen hatte. Danach sah es diesmal nicht aus. Gute Aussichten also für die freien Tage in den Bergen.
Hermann konnte es nicht erwarten, endlich allein ein paar Tage im Gebirge zu verbringen. In den letzten Wochen hatte er keine Minute Zeit für sich selbst gefunden, die Hetze und der Termindruck in seiner Schreinerei belasteten ihn und zerrten an seinen Nerven. Er freute sich auf das einfache Leben, die Almhütte und wohltuende Ruhe. Mit seinem sehr guten Freund Niklas beteiligte er sich seit einigen Jahren an der Pacht eines schönen Gebirgsreviers der österreichischen Bundesforsten in den Steinbergen, ein kleines Jagdrevier um die Anderlalm mit Jagdhütte. Die Pacht war auf vier Partner aufgeteilt, sodass die Kosten erschwinglich waren und jeder nach Absprache die Hütte nutzen konnte. Es gab Gams, Murmeltiere und vor allem im Winter ab und an durchziehendes Rotwild und alle paar Jahre war ein Birkhahn frei. Hermann hatte es vor allem das Wildbret angetan, das er sich mitnehmen konnte. Auch lud er manchmal Freunde ein, mit auf die Hütte zu kommen, wenn sie frei war. Auf dieser zum Revier gehörenden Jagdhütte konnte Hermann sich wunderbar erholen, den Kopf frei bekommen, um mit frischem Tatendrang nach München zu Familie und Arbeit zurückzukehren.
Seinen Kindern hatte er versprochen, am Montag, einem Feiertag, wieder zurück in München zu sein und mit ihnen in die Kirche zu gehen, was nicht immer auf Gegenliebe stieß, aber dann doch meist gemeinsam absolviert wurde. Bei dem Gedanken daran fiel ihm wieder der Ledergürtel ein, den Claire nach dem letzten Messbesuch mitgebracht hatte.
Seine jüngste Tochter Claire hatte ihm vor der Abfahrt einen Ledergürtel geschenkt, den sie bei einem Einkauf auf einem Flohmarkt in Nezreg in Niederbayern günstig erworben hatte. Nach Niederbayern fuhren sie manchmal am Wochenende, um die Verwandtschaft zu besuchen. Er wusste nur, wo sie ihn gekauft hatte, aber kannte nicht die ganze Geschichte. Der Gürtel war Claire sofort aufgefallen, als sie an einem Stand vorbeiging und nach einem Geschenk für ihren Vater Ausschau hielt. Er war aus braunem dicken und feingegerbten Leder mit einer dunkelfarbigen undefinierbaren Schnalle, die auf der Oberseite einen Hundekopf andeutete, vielleicht einen Beagle oder eine ähnliche Rasse. Claire wünschte sich so sehr einen Hund und wollte ihren Vater mit dem Gürtel daran erinnern. Die Verkäuferin, eine ältere Frau mit weißen zerzausten Haaren, hatte ihr noch nach Übergabe des guten Stücks erklärt: »Eigentlich möchte ich den Gürtel nicht verkaufen, er ist mir ans Herz gewachsen, er brachte mir Gück. Aber niemand in der Familie hat Interesse an ihm, obwohl er doch ein Glücksbringer ist. Nun soll er dir Glück bringen.«
»Ich will ihn meinem Vater schenken«, hatte Claire erwidert.
»Dann wird er deinem Vater Glück bringen. Ich sehe es.« Die Alte hatte gelächelt und Claire den Gürtel überreicht, nachdem der verlangte Preis bezahlt war.
Claire fand ihn sehr passend für ihren Vater, der etwas Glück gut brauchen konnte. Auch wenn es ein gebrauchter und schon leicht abgegriffener Gürtel war, gefiel er ihr und war nicht teuer.
Zu Hause war dann die Überraschung groß, als der Gürtel, von allen genau untersucht, sich doch als etwas Besonderes herausstellte. Die dunkle Schnalle hatte sich nach ein wenig Putzen als echter Silberverschluss entpuppt.
Hermanns Frau Sasne hatte vor dem Kauf noch mit der Verkäuferin gesprochen, die ihr allein schon vom Aussehen etwas unheimlich war. Sasne war diesbezüglich empfindlich, sie hatte sich aber nicht gegenüber Claire durchsetzen können, die unbedingt ihrem Vater ein Geschenk machen wollte.
Hermann wollte Claire nicht enttäuschen und, um seiner Tochter eine Freude zu machen, hatte er den Gürtel zur Fahrt nach Refol umgebunden. Dieser hatte sogar, das wurde erst bei weiterer näherer Untersuchung entdeckt, ein kleines, geheimes Fach in Kreditkartengröße, in dem Geldscheine oder eine Kreditkarte versteckt werden konnten. In dieses steckte er aus einer Laune heraus ein paar amerikanische Zündhölzer – man wusste ja nie, für was sie einmal zu gebrauchen waren – und vergaß sie gleich wieder. Einzig der Gürteldolch zum Schließen war nicht leicht zu bedienen. Hermann musste ihn schon sehr fest in das Loch drücken, wenn er eng geschnallt werden sollte, um den Gürtel schließen zu können. Dabei machte es ein kaum hörbares, metallisches helles Klickgeräusch. Aber zu eng geschnallt war beim Fahren unbequem, so öffnete er ihn wieder und wählte ein Loch weniger. Eigentlich wollte Hermann den Gürtel wieder ausziehen, wenn er auf der Autobahn war. Da er aber nun sehr gut passte, nicht störte und seine Hose sicher hielt, behielt er ihn an.
Zügig fuhr er nun also über die Autobahn in Richtung Salzburg, vorbei am Hofholdinger Forst und an Holzkirchen. Nur noch ein paar Ausfahrten, dann konnte er die Autobahn verlassen. Die Sicht auf die Berge war klar und er konnte schon einzelne Gipfel an ihren in den blauen Himmel ragenden Spitzen unterscheiden. Ganz oben auf den sich zum Himmel streckenden Bergen blitzte es weiß, dort lag schon Schnee. Nichts Ungewöhnliches im bald anbrechenden Herbst.
Die Anspannung, alles immer richtig machen zu müssen, fiel nun merklich von ihm ab, und ein tiefes, inneres Wohlbefinden machte sich breit. Die Stadt lag hinter ihm, die Gebirgsluft wehte durch das leicht geöffnete Seitenfenster und umschmeichelte ihn. Laut sang er ein Lied aus dem Radio mit. Ein Gefühl wie damals in der Schulzeit überkam ihn, wenn er sich nach einer erledigten Schularbeit oder zum Ferienanfang frei wie ein Vogel gefühlt und für einen Augenblick alles um sich vergessen hatte. Hermann liebte seine Familie, seine strenge, oft zu kritische und selbstbewusste und doch im Herzen wohlwollende Frau Sasne, seine aufgeweckten beiden Buben, den älteren, eher vorsichtigen und gewissenhaften Raoul, den jüngeren Josef, der emotionaler und manchmal unberechenbar handelte, und seine quirlige kleine Tochter Claire, die von allen etwas hatte, aber vor allem ihn und Sasne mit ihrer nicht beherrschbaren Unordnung auf Trab hielt.
Während er immer weiterfuhr, ging er in Gedanken nochmals durch, was er für den Ausflug und den Aufenthalt auf der Hütte benötigte. Das Gewehr mit zwei Packungen Munition mit dreißig Schuss, Pulver zum Laden von Patronen und das Fernglas waren eingepackt. Das Pulver hatte er gekauft, um die Hülsen selbst zu laden, was ihm Spaß machte. Das tat er sonst immer zu Hause. Diesmal hatte er aber noch Patronen besorgt, da er nicht mehr zum zeitaufwändigen Laden der Hülsen gekommen war. Die neuen Patronen hatte er sich bei seinem alten Büchsenmacher Franz besorgt, der auch seine Gewehre wartete und einschoss, wenn es nötig war. Eigentlich war es viel zu viel Munition, aber er hatte sie schon vor der Abfahrt besorgt und musste sie nun mitnehmen. Außerdem hatte er sein Jagdmesser, Feuerzeug und sein Handy im Gepäck. Ansonsten hatte er nur den notwendigsten Proviant dabei. Brot und Speck, ein paar Eier und Äpfel, zwei große Tafeln belgische Schokolade, Kekse, einige Lutschbonbons der französischen Sorte »Crema Regliss Mint«, die er und Sasne besonders schätzten, und Bier waren eingepackt. In der Hütte waren einige Dosen mit Linsen und sonstigem Eintopf in einem Schacht im Inneren gelagert, sodass es ihm an nichts fehlen würde. Für den Fall, dass sein Magen rebellierte, was in einer Stresssituation manchmal vorkam, hatte er eine große Cola dabei.
Hermann war nun an der Abfahrt nach Bad Reichenhall angekommen. Von dort waren es nicht mehr viele Kilometer bis Refol. Vorbei an Piding und der rechts am Hang grüßenden Burg Staufeneck, die beim Vorbeifahren leicht zu übersehen war, aber trutzig den Taleingang bewachte, folgte er dem Wegweiser nach Reichenhall und dann nach Karlstein, dann vorbei am grünlich schimmernden Thumsee und weiter in Richtung Schneizelreuth. Dort bog er im sich öffnenden Tal rechts nach Unken und schließlich Refol ab. Hermann wollte dort zum Parkplatz im Hochtal unter dem Anderlkopf fahren, wo er immer das Fahrzeug parkte, wenn er zur Hütte hochstieg.
Auf dem Parkplatz war er der einzige Berggänger, der an diesem Tag sein Fahrzeug dort abstellte. In freudiger Erwartung zog Hermann seine Jagdstiefel an, schnürte sie gut, dann war er sicherer im steilen Gelände, nahm seinen Rucksack, an den er seinen Regenschutz festzurrte, ergriff das Gewehr, vergewisserte sich, dass es entladen war, packte das Fernglas ein, kontrollierte die Türen des Fahrzeugs und sah nochmals im Fahrzeuginneren nach. Nichts lag herum, das Handschuhfach war offen und leer. Jetzt konnte es endlich losgehen.
Als er einige Meter gegangen war, fielen ihm sein Jagdschein und die Jagderlaubnis für das Revier der österreichischen Bundesforste für die Steinberge ein, die er immer mitführen musste – aber sie steckten in der Brusttasche.
Der Aufstieg zur Jagdhütte am Anderlkopf, der gewöhnlich für ihn eineinhalb bis zwei Stunden in Anspruch nahm, war anstrengend. Einheimische schafften ihn viel schneller. Aber Hermann war ein Flachländer und hatte nicht die Übung und notwendige Luft, die für das schnelle Gehen steil bergaufwärts notwendig war. Er war immer froh, wenn er oben angekommen war.
Zuerst ging es noch gemütlich ein paar Meter auf dem steinigen Weg hoch zur Schmidt-Zabierow-Hütte, die sich weit oben am Grat duckte und wie eine von unten nur winzige Herrscherin über das Tal wachte. Der schmale Steig, der unter der Schwarzwand hinweg seinen Weg zum Kamm bergauf suchte, führte vom Parkplatz weg zuerst flach durch mehr als mannshohe Sträucher bis zu einer leicht zu übersehenden Gabelung. Dort hielt sich Hermann rechts zum Anderlkopf, links ging‘s zur Schmidt-Zabierow-Hütte. Er durchquerte leicht steiniges, mit Büschen bewachsenes Gelände und kam dann zum Einstieg in die Lawinenschlucht, die im Winter bei viel Schnee, der sich am oberen Hang jedes Jahr sammelte, nicht betreten werden durfte. Ein Schild warnte ausdrücklich davor. Vor einigen Jahren waren dort beim Einstieg sechs junge Leute an Silvester durch eine abgehende Lawine tödlich verunglückt. An diesen Unfall erinnerte ein Kreuz mit den Bildern der tragisch Verunglückten in der Nähe des Parkplatzes. Aber jetzt, im Spätsommer, war in dieser Höhenlage eigentlich noch nicht an Schnee und schon gar nicht an eine Lawine zu denken. Der verborgene, vom Tal aus nicht sichtbare Steig zum Anderlkopf führte in kurzen, engen Serpentinen nördlich am Rande der Lawinenschlucht über den sich auftürmenden, mit Gras bewachsenen, steilen Hang zügig bergan. Im Hang wand er sich langsam fast bis zum Ende des Steilhangs, der oben, würde man geradeaus weitergehen, von einem leicht überhängenden Felsen mit einer dunklen, herunterblickenden Höhle begrenzt wurde. Davor bog der Steig aber rechts ab in ein noch steileres Wegstück, hinein in einen mit niedrigen Büschen bewachsenen Steilhang.
Hermann begann schon jetzt leicht zu schwitzen. Ohne Training war dieser Aufstieg eine respektable Leistung, bei der er ruhig etwas außer Atem geraten durfte. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Es wurde schwieriger, sicheren Halt zu finden, denn die Rinder, die in diesem Jahr schon von der Anderlalm abgetrieben worden waren, hatten den Steig mit ihren Hufen aufgewühlt und der vor kurzem gefallene Regen hatte den im Schatten gelegenen matschigen Boden gefährlich rutschig gemacht. Die Holzrundlinge, die quer in kleinen Abständen zur besseren Trittsicherheit und Festigkeit des Steigs als Stufen seit altersher angebracht waren, waren abgetreten und durch das Vieh beschädigt. Trotz der Anstrengung fühlte Hermann sich aber pudelwohl, wenn auch das Gewicht des Rucksacks und Gewehrs am Rücken sich langsam bemerkbar machte. Seiner guten Laune schadete es nicht.
Während er so schwitzend aufstieg, ließ er seinen Gedanken freien Lauf. Was wohl Sasne zu Hause machte? Wahrscheinlich tobten die Kinder im Haus oder Garten herum und brachten sie mit ihrer Unordnung in Rage, was leicht passierte. Dann konnte sie ausrasten und die Kinder waren gewarnt, nicht immer alles auszureizen. Seinen Vater, den Seniorschreinermeister, hatte er mit einem Auftrag, der bis Samstag fertigzustellen war, zurückgelassen. Aber darüber musste sich Hermann keine Sorgen machen. Sein Vater, der noch immer wie ein Junger werkelte, war unverwüstlich und Hermanns großes Vorbild. Ein Leitmotiv des Schreinerseniors, von dem alten Bergbauer bei Maha in Berg übernommen, der immer eine Virginia im Mund hatte, kam ihm in den Sinn: »No immer sand d‘ Leit her worn«, verkündete er auf Niederbayrisch stets, wenn es schwer und schwierig wurde. Damit meinte er, dass alles doch von den Leuten zu schaffen war.
Ein anderes, aus der Lateinstunde im Gedächtnis gebliebene Sprichwort, das ihm schon oft sehr geholfen hatte, kam Hermann nun auch wieder in den Sinn. Sonst dachte er immer daran, wenn er bei einer ungeliebten Hausarbeit oder einer Arbeit, die ihm zuwider war, nicht weiterkam oder in der Familie Widerstand gegen Aufgaben im Haushalt entstand: Da operam, ne quid invitus facias. Gib dir Mühe, dass du nichts unwillig tust.
Hermann hatte viele Jahre Latein auf dem Gymnasium in Nettem lernen müssen, was er aber nie bereut hatte. Nach dem Abitur hatte er sich entschieden, beim Vater in den Betrieb einzusteigen. Mit diesem Wahlspruch, den er sich aus der Lateinstunde bewahrt hatte, fielen ihm die ungeliebten Aufgaben und deren Beendigung tatsächlich viel leichter. Schon zur Schulzeit hatte Hermann viel im Betrieb des Vaters geholfen. Eigentlich sollte er nach dem Abitur studieren. Als es um die Zukunft der Familienschreinerei ging, entschloss er sich dann aber doch, in die Fußstapfen seiner Vorfahren zu treten. Hermann war handwerklich talentiert und interessiert und hat als Bub schon immer gern in den Sägespänen gespielt, Holz geschnitzt und, soweit er konnte, mitgeholfen. Er liebte den Geruch von Holz, seine Natürlichkeit und Ausstrahlung und die Möglichkeiten, es zu bearbeiten. Auch jetzt, nach einigen Jahren Berufspraxis, bereute er die Ausbildung zum Schreinermeister nicht. Auch genoss er es, soweit möglich, handwerklich selbst zu arbeiten.
Bei all diesen Gedanken war er am Einstieg in den Buchendom angekommen, der aus einem nicht ganz so steil ansteigenden Waldstück nach dem serpentinenartigen Weg im Steilhang bestand. Dieses Wegstück war mit hohen, alten Buchen bewachsen, in deren Schatten angenehme Kühle herrschte. Schon wiederholt hatte er dort Wild angetroffen, weshalb es galt, sich vorsichtig und ohne Lärm fortzubewegen. Der Steig zog sich wie eine Schlange zwischen den hohen Buchen hinauf und war sogar von Steinen eingefasst, die vor Urzeiten von früheren Almnutzern zur Sicherheit des Viehs wegen der nahen Felskante aufgeschichtet worden waren. Durch die Nässe war der schattige Weg auch dort matschig und gefährlich glatt geworden.
Mittlerweile spürte Hermann Rucksack und Gewehr immer mehr und auch seine Beine signalisierten die Anstrengung. Seine nicht ans Berggehen gewöhnten Muskeln verlangten eine Ruhepause. Der Aufstieg wurde jetzt anstrengend, es ging immer steil bergauf, vorbei an dem Marterl »Zum Guten Hirten«, das an einer Buche befestigt war und den Almtrieb vor Unglück schützen sollte. Der Steig führte sehr nahe an die senkrecht zum Tal abfallende Felswand heran und zog sich dann leicht ansteigend auf dem Kamm entlang immer höher hinauf und zurück in östliche Richtung, zum Talausgang, immer noch ein gutes, steiles Wegstück unterhalb der Anderlalm.
Hermann musste sich auf einen zum Ausruhen einladenden Felsen setzen, um zu verschnaufen. Sein Blick fiel zwischen den Bäumen hinunter. Direkt unter ihm lag der Parkplatz und dahinter südlich die sich dunkel auftürmende Schwarzwand, deren dunkle Felsschichten sich wie in Stein geschlagene Treppen bergaufwärts zogen. Manchmal waren von dort Stimmen zu hören, die in Fetzen herüberwehten, wenn sich Wanderer auf dem gegenüberliegenden Steig zur Schmidt-Zabierow-Hütte hinauf unterhielten. Ein Kolkrabe strich aus dem Buchenbestand und ließ seine tiefe, quorrend-krächzende Stimme hören. Das war das Zeichen weiterzugehen.
So erreichte Hermann endlich den Almeinstieg zur Anderlalm. Die freie Almfläche begann gut 100 Höhenmeter oberhalb der Viehsperre. Hermann atmete schwer und der Schweiß lief ihm über das Gesicht. Er spürte kurz vor Erreichen der Alm deutlich, dass er einiges mitschleppte, aber seine Freude auf die Hütte war immer noch ungebrochen. Immer wieder blieb er stehen, verschnaufte kurz und sah ins Tal hinunter. Er konnte einen Teil der Häuser von Refol durch Lücken in den noch grünen Sträuchern und Bäumen sehen. Die Autos, die weit unten auf der Straße in Richtung Sankt Martin fuhren, waren fast nicht mehr zu erkennen. Auch zu hören war hier oben nichts mehr von der modernen Welt, die unten im Tal pulsierte. Der Wind strich sanft den Hang hinauf und brachte etwas Abkühlung. Es war spät am Nachmittag, die warme Sommersonne stand noch hoch am Himmel. Hermann durchstieg das Geröllfeld am Ende des Steilhangs vor der Almwiese. Zwischen den Felsbrocken hatte er beim letzten Aufstieg eine Kreuzotter bemerkt, die sich auf einem warmen Felsen gesonnt hatte. Heute war nichts zu sehen, es war wohl zu heiß.
Kräftig atmend stieg er den noch steiler werdenden Steig nach oben. Dann endlich sah er sein Ziel, die Jagdhütte, auftauchen. Erschöpft, aber voller Freude überwand Hermann die letzten Meter und trat an die Hütte, die sich auf einem Vorsprung der Almspitze zwischen die Bäume schmiegte. Er legte den Rucksack auf der Bank unter dem Vordach ab, stellte das Gewehr vorsichtig in die Ecke und trat erleichtert zu dem plätschernden Holzbrunnen vor der Hütte, aus dem klares, kaltes Bergwasser floss. Welch eine Wohltat war die Kühle und das frische Wasser im Gesicht und an den Armen, als er sie in den Holztrog tauchte! Er trank gierig, den Mund direkt am sprudelnden Wasserstrahl. Die von der Stadt ungewohnte Ruhe wurde nur von feinen Pfiffen der winzigen Goldhähnchen, die in der zerzausten Fichte vor der Hütte nach Insekten suchten, unterbrochen. Die kleinen Vögel ließen sich durch sein Erscheinen nicht stören.
Er richtete sich wieder auf und sah sich um. Der Blick hinauf auf die Steinberge, die in der Spätsonne hoch oben hell strahlten, die wohltuende Ruhe und Gelassenheit auf der Alm, das alles ließ in Hermann ein Gefühl der Zufriedenheit und des Glücks aufkommen. Endlich war er auf der Hütte. Von hier aus konnte er auf Refol hinabsehen, sah die Kirche mit dem roten Dach mitten im Ort, um die sich alle Häuser gruppierten. Ganz besonders war ein prächtiger, ihm mit der Frontseite zugewandter Gasthof erkennbar, in dem er hin und wieder nach dem Abstieg von der Anderlalm vor der Heimfahrt seinen Hunger stillte. Durch den Ort schlängelte sich die Straße, die sich nach Osten in Richtung Schneizelreuth in den grünen Flächen des Tales verlor.
Dohlen, Finken und Kreuzschnäbel schwirrten in kleinen Gruppen umher, unermüdlich auf der Suche nach Nahrung auf den zerzausten Bäumen. Ein leichter Wind war aufgekommen, der nicht störte, sondern angenehm die drückende Tageshitze vorsichtig verscheuchte.
Hermann holte den Schlüssel aus dem Versteck hinter dem Balken, sperrte auf und betrat die Hütte. Sie roch nach altem Holz, ein angenehmer und wohltuender Geruch, der sich mit der Erinnerung an gemütliche Stunden verband. Alles war sauber und aufgeräumt. Er leerte den Rucksack bis auf das Pulver und die Patronen und legte den Proviant auf den Tisch.
Sobald er etwas Kraft gesammelt hatte, wollte er noch zum weiter oben gelegenen Kar aufsteigen, um das Gamswild auf der steilen, grünen Hangfläche weit unter der Schmidt-Zabierow-Hütte besser und aus der Nähe beobachten zu können und vielleicht eines der Tiere als Jagdbeute auszuspähen. Erlegen wollte er am ersten Abend noch nichts, das war für den nächsten Tag geplant. Da er ein wenig hungrig war, packte er Brot und Speck aus, nahm eine Bierdose und setzte sich vor die Hütte in die warme Sonne.
Zwischenzeitlich war es sechs Uhr abends geworden. Hermann musste sich beeilen, zum Kar hochzukommen, eine halbe Stunde würde er brauchen, um dort das Wild beobachten zu können. Aus Vorsicht nahm er das Handy, den Rucksack mit der Regenhaut und die ganze Jagdausrüstung mit. Man wusste ja nie, wer an der Hütte mit welchen Absichten vorbeikam. Schnell steckte er sich noch eine Tafel Schokolade ein, dann sperrte er die Hütte ab, versteckte den Schlüssel wie immer und stieg los.
Am Kar unter der überhängenden Felswand, die sich hinauf zum Eiblhorn zog, angekommen, setzte er sich unter eine große, alte Tanne. Ein seltener Baum hier oben, weil sie eigentlich wegen der Höhe über 1000 Metern nicht mehr wuchsen. Die Tanne musste schon sehr alt sein und viel erlebt haben. Von seinem Platz zu ihren Füßen hatte er eine gute Aussicht auf das Tal, auf Refol und weit hinaus in Richtung Unken-Melleck. Gegenüber lagen in der prallen Sonne wie gemalt weitere »Hörner«, die im Tal gegenüber aufragten, das Häusl- und Stadelhorn und die kleineren »Drei Brüder«. Unter sich sah er die Jagdhütte, unten im Refoler Hochtal die Ederalm. Hinter ihm, hoch oben, wie eine Taube auf dem Dachfirst, saß geduckt auf dem Felskamm die Schmidt-Zabierow-Hütte des Alpenvereins.
Damit wandte sich Hermann seinem Vorhaben zu. Doch heute ließen sich die Gams auf den steilen Wiesenflächen nicht blicken. Drohend zogen von Westen kohlschwarze Gewitterwolken über dem Gebirgsstock Hinterhorn und Breithorn auf, von einem plötzlichen stark aufkommenden Wind getrieben. Hermann wurde unruhig. Ein Gewitter hier oben war nicht nach seinem Geschmack. Er hatte schon einmal ein schweres Gewitter im Wald erlebt, bei dem ein Blitz nicht weit von ihm entfernt in eine hohe Fichte eingeschlagen war und metergroße Holzstücke weggeschleudert hatte. Damals hatte er den Rucksack mit Gewehr circa 30 Meter weit entfernt abgelegt und sich selbst auf den Boden gehockt, falls der Blitz durch den Stahl der Waffe angezogen würde. Er überlegte, ob er sofort zur Jagdhütte absteigen sollte, aber es war schon zu spät. Der Wind steigerte sich in Sekunden zu einem brüllenden Sturm, der die Bäume bog und heftig an den Ästen zerrte. Grelle, bläuliche Blitze zuckten über den Steinbergen und die Donnerschläge aus dem Westen jenseits des Gebirgskammes kamen gefährlich nah. Hermann flüchtete unter eine überhängende Felswand. Dort befand sich eine kleine, offene Höhle im Fels. Das Gewehr mit der Munition, das Handy und den Rucksack hatte er, gut im Regenmantel eingepackt, unter der alten Schirmtanne auf der dem Wetter abgelegenen Seite zurückgelassen, ausreichend entfernt, dass der Blitz sie nicht treffen würde, falls er angezogen wurde. Beim Ablegen des Rucksacks war ihm die Hose verrutscht, jetzt in der Höhle öffnete er die Schnalle, zog Hose mit Gürtel hoch und schnallte den Gürtel noch etwas enger. Doch er ließ sich nicht sofort schließen, er musste extra nachschauen und half dann mit dem linken Zeigefinger nach, worauf der Dorn mit einem leichten Klick einrastete. Gleichzeitig erleuchtete ein Blitz den Hang taghell und eine unheimliche Stille breitete sich aus, als das Tageslicht merkwürdig wechselte und ein unnatürliches, gelbfahles Licht die Berge wieder zum Vorschein kommen ließ. Nur für einen Augenblick. Fast im gleichen Moment ließ ein fürchterlicher Donnerschlag, der sogar die Felswand über ihm erzittern ließ, begleitet von einem bläulichen, gleißenden Licht, Hermann instinktiv zusammenzucken. Der Blitzschlag war so heftig, dass er für einige Augenblicke völlig benommen war.
Erst der prasselnde Regen, der sich dann mit lautem Getöse über den Berg ergoss, ließ ihn wieder zu Sinnen kommen, und als die in der Luft zerstäubende Feuchtigkeit ihn erreichte, wusste er wieder, wo er war. In Refol, oben in den Steinbergen. Er hockte auf dem kalten Boden einer Höhle, in der er Schutz gesucht hatte. Solch einen Gewitterschlag hatte er noch nie erlebt. Sein Kopf schmerzte und er fühlte einen Druckschmerz am Hinterkopf. Vielleicht war ihm ein Stein auf den Kopf gefallen. Blinzelnd spähte er nach draußen. Das Naturschauspiel nahm ihn eine Weile gefangen, wenn ihm auch sehr unwohl dabei war. Er war wenigstens in Sicherheit vor Regen und Blitz. Mehrere Minuten goss es mit einer Heftigkeit, wie Hermann es noch nicht erlebt hatte. Dann wurde es schlagartig wieder ruhig, das Trommeln des Regens hörte auf und das Licht änderte sich in klares, helles Tageslicht mit plötzlich guter Fernsicht auf die Berge gegenüber. Das Heulen des Sturms wich dem angenehmen Geräusch von tropfendem und glucksendem Wasser und erleichterten Vogelstimmen. Auch die Vogelwelt schien sich über das Ende des Sturms zu freuen.
Hermann wagte sich vorsichtig nach draußen. Von Westen über den Bergstock oben über der Schmidt-Zabierow-Hütte hellte es bereits auf. Es war erst sieben Uhr, die Sonne stand hoch am Himmel. Er blickte noch immer etwas benommen hinunter zur Schirmtanne, wo er sein Gewehr und seinen Rucksack abgelegt hatte. Irgendetwas stimmte aber nicht. Er rieb sich die Augen. Hatte der grelle Blitz sein Sehvermögen gestört? Er rieb sich nochmals heftiger mit beiden Zeigefingern die Augen, schüttelte den pochenden Kopf und blinzelte zur Schirmtanne hinunter. Die Tanne war verschwunden. An ihrer Stelle stand jetzt ein kleiner, mickriger Baum, genau dort auf dem Felsvorsprung und vor den Steinen, an der der Rucksack in der Felsspalte lag. Der Rucksack war in der Felsspalte deutlich zu sehen. Einige Meter weiter stand eine große zerzauste Fichte, aber keine Tanne. Diese Fichte hatte eine ganz andere Form, sie war im oberen Baumbereich mehr kahl als grün, von unten am Stamm mit Moos bewachsen und es fehlte ihr der Gipfel mit den hängenden typischen Fichtenzweigen an den ausschwingenden Ästen. Hermann konnte nicht glauben, was er sah. Vielleicht war doch ein Stein auf seinen Kopf gefallen.
Missmutig setzte sich Hermann in Bewegung, um sich zu vergewissern, dass er nicht träumte oder an Halluzinationen litt. Das Wasser tröpfelte weiter von den Felsen und gurgelte in einem Bächlein den Hang hinunter. Einige Meter unterhalb war ein Sturzbach entstanden, der sich ins Tal stürzte. Er trat unter dem Felsüberhang hervor und ging zu der Stelle, an der er vor dem Unwetter seine Ausrüstung abgelegt hatte. Dort hatte sich tatsächlich etwas verändert. Neben der kleinen Tanne stand die große Fichte ohne Wipfel, in der Felsspalte lag sein Rucksack, so wie er ihn vor dem Gewitter abgelegt hatte. Er hob die Regenhaut hoch, prüfte Gewehr und Rucksack. Nichts fehlte, der Inhalt war trocken.
Das war verrückt. Was war geschehen? »Ruhig bleiben, du bist noch nicht ganz da«, sagte Hermann zu sich selbst. Träumte er vielleicht? Er zwickte sich ins Ohr und es schmerzte sofort. Also kein Traum. Am besten, er stieg gleich zur Hütte ab und legte sich schlafen. Morgen früh würde alles sicher wieder normal sein und er würde eine vernünftige Erklärung finden. Jetzt verstand er nicht, was passiert war. Nur keine Aufregung.
Er nahm seine Sachen und ging los. Als er den Berg hinunter zur Hütte blickte, um sein Ziel in Augenschein zu nehmen, musste er nach Luft schnappen. Das Blut stockte ihm in den Adern. Da stand keine Hütte. Auf dem Felsvorsprung sah er nur eine kleine, grüne Almwiese mit größeren Steinbrocken übersät und mit ein paar verkrüppelten Bäumen bewachsen. Das war nicht die Wiese, die er kannte. Trotzdem war er auf dem Anderlkopf, da gab es keinen Zweifel, die Umgebung war dieselbe, nur die Hütte fehlte. »Jetzt schlagt‘s dreizehn«, murmelte Hermann, stand da und sah sich verwirrt um. Wo war er?
Noch war es hell genug, um ins Tal hinuntersehen zu können und die Schwarzwand gegenüber eindeutig zu identifizieren. Das Tal lag vor ihm wie immer. Die Westseiten der Berge gegenüber leuchteten hell und blendeten fast in der wieder erstarkten Abendsonne. Aber auch das Dorf unten im Tal schien wie die Wiese völlig verändert. Er nahm sein Fernglas und sah hinunter. Was er erblickte, bestätigte sein Entsetzen, verschlug ihm die Sprache und ließ sein Herz schneller rasen. Die Kirche war viel kleiner, nur ein mickriges Kirchlein aus Holz mit einem dunklen, spitzen Turm und braunem Dach. Und die Dächer der wenigen Häuser waren nicht rot, sondern braun. Keine Straße schlängelte sich nach Osten in Richtung Schneizelreuth. Auch die sonst so gelb und rot heraufleuchtende Tankstelle von Refol war wie weggeblasen, an ihrer Stelle standen Laubbäume in den sich langsam durchsetzenden Herbstfarben Gelb und Rot.
Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, um diese Eindrücke zu vertreiben, schaute den Berg hoch – auch die Schmidt-Zabierow-Hütte thronte nicht wie gewohnt hoch oben am Grad – und dann wieder ins Tal, aber die Aussicht veränderte sich nicht. Sein Kopf arbeitete auf Hochtouren. Hatte er den Verstand verloren? Er wusste, dass der Konsum von Pilzen oder Drogen zu Wahnvorstellungen führen konnte. Aber er hatte nichts gegessen, was mit Pilzen oder Drogen zu tun hatte. War der Speck, den er zur Brotzeit gegessen hatte, vielleicht verdorben gewesen? Aber dann hätte er sich übergeben müssen. Das Bier hatte auch ganz normal geschmeckt. Vielleicht war die Beule am Kopf schuld. Aber er fühlte sich sonst wohl und hatte nicht das Gefühl, in einen anderen Zustand und abwesend zu sein. Er war hellwach, nicht so weggedämmert wie bei seinen Hüftoperationen kurz vor der Narkose. Jetzt erinnerte er sich, dass er sein Handy und das Feuerzeug in die Hosentasche gesteckt hatte. Er sah nach, Gott sei Dank, sie waren da. Erleichtert nahm er das Handy und schaltete es ein. Das Display leuchtete auf und er gab die PIN ein. Er tippte die Nummer seiner Frau ein, das Handy war voll geladen und funktionierte einwandfrei, er hörte den Piepton, als das Handy freigeschaltet wurde. Nach dem Wählen zeigte das Display aber: kein Netz. Jetzt fühlte er, erstaunt über sich, eine ihm bisher unbekannte Unsicherheit in sich aufsteigen. Er zwang sich, ruhig zu bleiben und nachzudenken. Doch bevor er entschied, was zu tun war, wollte er davor noch einmal versuchen Sasne anzurufen. Sein Handy funktionierte, vielleicht war er gerade in einem Funkloch. Er ging einige Meter in Richtung der Alm, auf der die Hütte gestanden hatte. Von der Hütte aus hatte er immer Empfang gehabt. Vielleicht waren durch den Schlag auf den Kopf seine Sehnerven gestört worden, sodass er alles in anderen Farben und Konturen sah.
Er wollte daran glauben, auch wenn es unwahrscheinlich war. Deshalb drückte er die Wiederwahltaste des Handys. Plötzlich war der vertraute Ton zu hören, es läutete an, also gab es doch ein Netz. Sasne hob nach wenigen Sekunden ab und Hermann war erleichtert. »Hallo Sasne, ich bin auf der Anderlhütte. Gerade war ein fürchterliches Gewitter, ich bin noch ganz benommen«, begann er sofort und starrte auf den Boden zu seinen Füßen.
»Geht’s dir gut?«, fragte Sasne besorgt. »Ist alles in Ordnung? Du klingst etwas merkwürdig.« Sie kannte ihren Hermann gut, er konnte sich nicht verstellen. Und sie fühlte sofort, dass etwas nicht stimmte.
Hermann wusste nicht, wie er seine Situation erklären konnte, sie war für ihn unangenehm und auch bedrückend, weshalb er kurz zögerte: »Ja, ich lebe«, antwortete er dann. »Aber stell dir vor, ich finde die Hütte nicht mehr. Ich bin gut zur Hütte raufgekommen, dann wollte ich noch nach den Gams am Hang hinüber zur Schwarzwand sehen, als ein fürchterliches Gewitter losschlug. So ein Gewitter habe ich noch nie erlebt. Jetzt ist plötzlich alles anders, ich bin wirklich verwirrt.« Hermanns Stimme klang tatsächlich unsicher, er fühlte es selbst.
Das war Sasne nicht gewohnt. Sie atmete tief ein und wieder aus am anderen Ende der Leitung. »Nun mal langsam, du bist doch sonst nicht so durcheinander. Was ist wirklich passiert? Hast du etwa getrunken?«, fragte sie vorsichtig. Dabei wusste sie, Hermann trank so gut wie nie Alkohol. Das war für sie schon manchmal grenzwertig, etwas zum Feiern sollte und durfte es schon sein.
Hermann starrte weiter auf den Boden, der schien gerade sicheres Terrain. »Nein, ich habe nichts getrunken, ich schwör’s. Ich weiß nicht, was passiert ist. Die Hütte ist weg und dort, wo sie eigentlich stehen sollte, ist nichts, nur Gras und Steine und verkrüppelte Bäume. Und Refol liegt zwar im Tal, aber es ist ein kleines Dorf ohne rote Dächer und es gibt scheinbar keine Straßen dort, die ich sonst von hier oben sehen kann. Auch die Kirche von Refol ist viel kleiner und aus Holz und hat einen Spitzturm, keinen Zwiebelturm.« Er hob den Blick und sah erneut nach unten. »Wenn ich es von hier richtig sehe. Das Fernglas funktioniert einwandfrei. Trotzdem, die Jagdhütte ist verschwunden.«
Sasne kannte nicht nur ihren Mann. Sie war schon mehrmals mit auf der Hütte und kannte auch das Panorama. »Siehst du die anderen Berge wenigstens? Die musst du doch von der Anderlalm aus sehen?«, fragte sie so sachlich, wie es ihr möglich war.
Hermann richtete nach dieser Frage sofort seinen Blick über das Tal hinweg und bemühte sich, scharf zu sehen: »Ja, ich sehe alle Berge wie immer, die Steinberge über mir, die Schwarzwand in Richtung Zell am See, im Osten die Hörner, das kleine Hundhorn und dahinter die Felswände des Häusel und Stadelhorns.« Er versuchte ruhig zu bleiben.
Sasne schnaubte jetzt – ihr Mann wollte sie offensichtlich veräppeln. »Willst du mich jetzt auf den Arm nehmen? Alle Berge sind so wie immer, nur du bist woanders und findest die Hütte nicht?« Sie wurde langsam sauer – alle Berge waren da und Hermann fand die Hütte nicht? Das war doch Blödsinn. Was sollte sich da ereignet haben? Er spinnte wohl. Gleichzeitig wunderte sie sich über ihren Mann, der immer ein ausgewiesener Realist war, nicht an Gespenster glaubte, auch wenn sie in letzter Zeit wegen einer Geschichte über einen alten Jäger in einer Schlosskapelle, die er ihr vor Kurzem erzählt hatte, so ihre Zweifel bekommen hatte. Ihr Mann war immer sachlich und hatte für alle noch so unglaublichen Vorgänge eine konkrete und plausible Erklärung. Sie war sich sicher, Hermann wollte sie auf den Arm nehmen. Aber seine Stimme klang tatsächlich aufgeregt und unsicher.
Hermann versuchte seiner ungläubig zuhörenden Frau zu erklären, dass er sich nicht irren könne. Er merkte deutlich, dass sie an ihm zweifelte, und konnte es ihr nicht verdenken. Also beschrieb er ihr nochmals, was er gesehen hatte.
Sasne, noch immer ungläubig und zweifelnd, dann doch erschrocken, erwiderte nun: »Hermann, das glaubst du doch selbst nicht, dass die ganze Zivilisation weg ist. Wie könntest du mich sonst mit dem Handy anrufen? Wie sollte das ohne Mobilfunkmasten funktionieren? Du hast vielleicht einen Sonnenstich oder ein Stein ist dir auf den Kopf gefallen und hat dich verwirrt. Oder du lügst mich an und hast etwas ganz anderes vor.«
Hermann seufzte schwer. »Ja, mir ist ein Stein auf den Kopf gefallen während des Gewitters in der Höhle, da habe ich jetzt eine Beule, es schmerzt noch etwas, aber nichts Schlimmes, wie ich meine«, gestand er.
»Da haben wir’s«, erwiderte Sasne, »du bist nur verwirrt. Ruh dich aus und rufe morgen wieder an, damit wir uns keine Sorgen machen müssen.«
Ihre Vorhaltungen nervten ihn langsam, wie so oft, wenn er sich etwas vorhalten lassen musste, wofür er nach seiner Meinung nichts konnte. Es gelang ihm offensichtlich nicht, den Ernst seiner Lage so zu vermitteln, dass Sasne ihn erfassen konnte. Im Hintergrund hörte er die Kinder schreien und dann dachte er daran, dass sein Akku sich leeren könnte. Schnell versprach er, am nächsten Morgen wieder anzurufen und zu berichten.
Sasne wünschte ihm eine gute Nacht und sagte, er solle sich ausschlafen, morgen würde alles anders aussehen. Mit doch etwas besorgter Miene legte sie das Telefon im Wohnzimmer wieder auf die Station und sah in den Flur, durch den die Kinder tobten. Sie war mittlerweile leicht beunruhigt. Was sie gehört hatte, sprach aber eher dafür, dass Hermann entweder zu viel getrunken oder bei dem Sturm tatsächlich ein kleiner Felsbrocken ihn verwirrt hatte, zumal ja auch der Kopf schmerzte. Hoffentlich war es nichts Ernstes. Aber sie konnte ihm jetzt eh nicht helfen. Nach Refol fahren und in der Nacht aufsteigen zu ihrem Mann, das war schon wegen der Kinder nicht möglich. Und auch die Polizei konnte jetzt nicht helfen. Sie müsste schließlich ebenfalls nachts zur Hütte aufsteigen, was nur im äußersten Notfall erfolgen würde und gefährlich wäre. Aber Hermann konnte ja sprechen und schien zumindest nach ihrem Eindruck nicht in Lebensgefahr. Die Nacht musste abgewartet werden, dachte sie und atmete aus.
Hermann musste sich nach dem Telefonat erst einmal sammeln, seine Frau hatte ihm kein Wort geglaubt. Sollte er einen seiner Jagdfreunde anrufen, Niklas, Myerstock oder Witzzedt? Nun, das konnte er auch noch am nächsten Morgen tun. Er fühlte sich nicht krank oder körperlich gefährdet. Kopf und Gliedmaßen gehorchten ihm, nur die Umgebung war verändert. Er schaltete das Handy ab. Seine Frau hatte recht. Wie sollte das Handy funktionieren, wenn es keine Sendemasten gab? Also war er einfach nur etwas verwirrt, wohl doch vom Steinschlag.
Er stand auf der Wiese im Sonnenschein und sah sich erneut um. Seine Lage ließ ihm keine Ruhe. Gab es vielleicht doch Zeitreisen und Parallelwelten? In einer Fernsehsendung hatte er mal gesehen, dass Geräusche lange Zeit nach ihrer Entstehung mit modernen, sehr sensiblen Geräten eingefangen und akustisch wiedergegeben werden konnten. Damals hatte er das selbstverständlich als Unfug angesehen. Und Einstein hatte angenommen, dass parallele Welten und damit Zeitverschiebungen existieren könnten, ohne dass wir es wahrnehmen. Eine solch Verschiebung von seiner, Hermanns realen Welt in eine andere Zeit könnte die Erklärung sein, dass sein Handy ohne Sendemasten funktionierte. Oder war es ein Zusammentreffen zweier Universen, die durch das Überlappen eine Zeitreise auslösen könnte und er war ohne sein Zutun in die Vergangenheit gereist? Oder kam beides zusammen? Oder vielleicht geriet die Erde in diesem Moment in ein schwarzes Loch und die Zeit verschob sich dadurch in eine bisher unsichtbare vergangene Welt hinein, was solche Phänomene zuließ? Er konnte sich auch vorstellen, dass, wenn zwei Universen, eines davon für uns unsichtbar, deshalb mit unterschiedlichen auf der Erde nicht oder noch nicht bekannten physikalischen Kräften, sich berührten oder so nah aneinander kämen, dass im Überlappungsbereich eine von uns nicht erkannte Energie und Kraft solche Verzerrungen ähnlich der Krümmung des Lichts zuließ. Da solche Phänomene bisher mangels Kenntnissen und erfahrenen Knowhows nicht überprüft werden konnten, wäre das auch eine mögliche Erklärung für diese Zeitreise. Denn das Eindringen einer anderen Welt in unser physikalisches Ordnungs-System hatte noch niemand beobachtet oder nachverfolgt. Vielleicht waren völlig andere physikalische Kräfte möglich, von denen wir noch keine Kenntnis haben.
Hermann fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. Er war zu müde und innerlich zu aufgewühlt, um ernstlich nachgrübeln zu können. Er wollte einfach alles vergessen und seine Ruhe haben und in der Hütte schlafen. Aber wie sollte das gehen, wenn es keine Hütte gab? Er ließ sich auf die Wiese sinken, gleich neben seinem Rucksack. Da fiel ihm eine Erzählung ein, über die er lange Zeit gegrübelt und deren Wahrheitsgehalt er damals stark angezweifelt hatte. Sie handelte von einer unheimlichen Begegnung seines Freundes Manfred mit einem alten Herrn in der Schlosskapelle in Nezreg in Niederbayern. Gab es vielleicht doch Menschen, die eine Verbindung ins Mittelalter hatten, ohne es zu wissen? Eine Art Medium für eine andere Zeit? Vielleicht war er ein solches Medium?
Als er damals Sasne die Geschichte von der Kapelle und seinem Freund Manfred erzählt hatte, hatte er auch erklärt, dass es so etwas nicht geben könne und für alles eine natürliche Erklärung existierte, alles müsse physikalisch erklärbar sein. Jetzt war er unsicher, ob die Geschichte, die ihm sein Freund damals erzählt hatte, nicht doch stimmte. Sein Jagdfreund Manfred, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband, hatte den Schlossherrn von Nezreg gesucht, um mit diesem wegen einer anstehenden Jagd etwas zu besprechen. Da er ihn im Büro nicht vorfand, suchte er ihn im ganzen Haus und kam so auch in die alte Kapelle. Dort saß ein älterer Herr in bayrischer Jagdkluft und betete zum Altar gewandt und ließ sich auch durch sein Eintreten nicht stören. Manfred wollte ihn in seiner Andacht nicht ansprechen, betrachtete ihn aber genau und prägte sich sein Gesicht ein, was er besonders gut konnte, da er bei der Polizei arbeitete.
Am nächsten Tag kam Manfred wieder ins Haus, um die Jagdbesprechung nachzuholen, und traf den Jagdherrn im Büro an. Auf dem Schreibtisch im Büro stand das Foto eines älteren Herrn, den Manfred sofort als den alten Herrn in der Kapelle erkannte. Nach der Begrüßung war er schon neugierig. »Wer ist das?«, wollte er wissen und deutete mit der Hand auf das Foto.
»Das ist Graf Seyboldsdorf, der vor einigen Wochen gestorben ist, ein guter Freund unserer Familie«, erklärte der Schlossherr.
Manfred konnte es kaum fassen, schluckte und erklärte ungewöhnlich zaghaft: »Der Herr saß gestern in der Kapelle, als ich Sie gesucht habe, da bin ich mir ganz sicher.«
Der Schlossherr sah ihn an, lachte und sagte: »Das ist unmöglich, er ist ja schon begraben. Wie soll er da bei uns sein? Er war das letzte Mal vor zwei Monaten da und hat auch die Kapelle besucht, aber gestern kann er unmöglich da gewesen sein. Da hast du wohl jemanden verwechselt.«
Manfred konnte es sich zwar selbst nicht erklären, aber er war sich sicher, genau diesen Graf Seyboldsdorf in der Kapelle einen Tag zuvor putzmunter gesehen zu haben.
Hermann glaubte solche unheimlichen und fast gruseligen Geschichten grundsätzlich nicht, aber er kannte Manfred und wusste, dass dieser nichts erzählen würde, wenn es nicht wahr wäre. Dennoch hatte er seinem guten Freund nicht glauben können.
Hermann blinzelte in die Sonne und spürte einen leichten Wind auf der Haut. Der Boden unter ihm war noch vollgesogen vom Regen, es gluckste und mumelte überall. Alles wirkte real, nur dass einige Dinge fehlten, die eigentlich da sein sollten. Jetzt, wo er selbst erleben musste, wie sich die Realität plötzlich verändern konnte, er möglicherweise in einer anderen Zeit oder in einer Parallelwelt war, ohne zu wissen, wie er dahin gekommen war und was auf ihn wartete, sah seine Einschätzung von Manfreds Geschichte etwas anders aus. Aber was sollte er tun? Einfach einen kühlen Kopf bewahren und seinen V-Pol einschalten? V-Pol nannte Hermann all die Überlegungen, die auf anerkannter wissenschaftlicher Meinung der Mehrheit der Wissenschaftler und Erfahrungswerten des allgemeinen menschlichen Wissens basierten und plausibel und nachvollziehbar waren. Sein V-Pol war sich aber nicht ganz sicher, er riet ihm, einerseits sofort ins Tal abzusteigen, um herauszufinden, wo er sich befand, andererseits musste dies auch gefahrlos möglich sein.
Aber langsam gewann seine Neugier Oberhand und seine Entschlussfreudigkeit kehrte scheibchenweise zurück. »Alles ist zu schaffen, wenn man es will, und noch immer san d‘ Leit her worn«, hatten sein Vater und dessen Freund, der alte Bergbauer von Berg, auf Niederbayrisch mit verschmitzten Lächeln und seiner Virginia im Mund oft gesagt.
Hermann betrachtete nun erneut seine Umgebung aufmerksam. Viele kleine, manchmal verkrüppelte Bäume, fast alles Tannen, wuchsen um ihn herum. Sie waren vom Wild stark verbissen, was an den abgebissenen Trieben und den verkrüppelten Zweigen gut zu erkennen war. Auch die übrige Vegetation hatte sich stark verändert. Die Bäume, die Hermann sehen konnte, kannte er nach Art und Namen nicht alle, obwohl er so oft schon an dieser Stelle gestanden und gesessen hatte. Die Felsen waren alle gleich, die Schwarzwand im Süden mit ihren Gesteinsschichten lag wie immer ihm gegenüber. Die offene Höhle oben an der Felswand war auch zu sehen. Vor Gewitter hatte er immer schon einen Heidenrespekt. Auch deshalb, weil ein Blitz vor vielen Jahren in Nezreg einen jungen Postboten erschlagen hatte, der neben seinem Fahrrad stand und mit einem Bekannten sprach, als das Gewitter noch weit entfernt war. Ein Blitz war trotzdem heruntergezuckt und hatte den Unglücklichen getroffen, er war sofort tot.
Hermann betrachtete seine Umgebung, dachte nach, kam aber auf kein vernünftiges Ergebnis, es war alles zu verwirrend. Das Wetter hatte sich zwischenzeitlich ganz beruhigt. Ein warmer Wind trocknete schnell seine nassen Kleider. Um ins Tal hinabzusteigen, war es jetzt zu spät. Die Dunkelheit brach nun mit aller Macht über die Gebirgswelt herein und die Sicht im Dunkeln würde für einen Abstieg im steilen Gelände ohne Kenntnisse des Wegs und ohne künstliches Licht zu schlecht sein. Vielleicht war der Steig, den er eigentlich gut kannte, aber auch gar nicht vorhanden. Auf jeden Fall war er schon beim Aufstieg wegen dem Almabtrieb und den Viehspuren gefährlich zu begehen gewesen. In dieser Situation wollte Hermann kein Risiko eingehen, denn ein Fehltritt könnte zu einem unkontrollierten Sturz führen. Ohne ausreichend geladene Taschenlampe wäre der Abstieg lebensgefährlich.
Er ließ den Blick über die Wiese schweifen. Vor dem Übernachten im Freien hatte er keine Angst, auch wenn er lieber in dem durchaus bequemen Bett in der Hütte geschlafen hätte. Also erhob er sich, nahm seine Sachen und suchte sich einen geeigneten Platz neben einem Felsen, geschützt von den Zweigen einer Tanne. Vielleicht wachte er in der Früh auf und alles war doch nur ein Spuk gewesen. Das hoffte er zumindest sehr. Er machte es sich so bequem wie möglich. Die Regenhaut legte er auf den Boden und den Rucksack ans Kopfende. Das Gewehr behielt er in der Hand, die Waffe gab ihm Sicherheit. Er war ein wenig besorgt, weil er nicht wusste, was ihn noch erwartete. Es könnten ein Bär oder ein Wolf auftauchen, das war in jeder Zeit möglich. Trotzdem, bald schlief er ein. Sein Schlaf war unruhig. Er träumte, dass Sasne nach ihm suchte und ihn nicht fand. Immer wieder hörte er sie rufen und er konnte nicht antworten, obwohl er sich bemühte. Schließlich wollte er schreien, dass musste doch gehen, aber er brachte nichts heraus.
Dann weckte ihn die ankriechende Kälte des Morgens, als das erste Tageslicht dämmerte. Im Osten hinter den Bergen war der Tag als schmaler, heller Streif über den Bergspitzen zu sehen. Nun begann er zu frieren, sodass er beschloss, abzusteigen. Er hatte schlecht geträumt und war der Meinung, dass er abends in der offenen Felshöhle eingeschlafen war. Doch dann fielen ihm die beunruhigenden Ereignisse des Vortages wieder ein, dass sich die Natur und auch Refol nach dem Gewitter verändert hatten und die Hütte verschwunden war. Sofort sah er sich um, aber die Hütte blieb verschwunden. Es war ein Alptraum.
Mühsam raffte er sich auf, seine Glieder waren von der Kälte steif. »Alles ist zu schaffen, wenn man es nur will«, sagte er sich immer wieder, während er seinen Rucksack schulterte. Das ließ seinen Optimismus zumindest ein bisschen wieder erwachen. Er musste die Situation jetzt meistern, egal, was passiert war. Vor schwierigen Entscheidungen hatte er sich noch nie gedrückt. So marschierte er los.
Hermann ging im frühen Morgenlicht um den eigentlichen Hüttenplatz herum, aber kein Anzeichen eines Holzbaus war zu finden. Vielleicht hatte er sich in der Alm geirrt? Er trat zu einem Felsvorsprung, von dem er das ganze Tal gut überblicken konnte. Das langsam einsetzende volle Tageslicht ließ keinen Zweifel aufkommen, dass er sich in den Refoler Steinbergen befand. Einige Dohlen kreisten über ihm und unterhielten sich mit ihrem Gekrächze. Unten im Tal, es war nun hell genug, um mit dem Fernglas detailliert sehen zu können, lag ein kleines, unansehnliches, braunes Dorf. Was er durch das Fernglas sah, bestätigte seine Ängste. Dort unten lag ein Dorf mit Holzhäusern, sehr kleinen Häusern ohne jegliche Farbe und rote Dächer. Die Dorfstraße war, so schien es, nicht geteert. Das konnte nicht Refol sein. Der Blitz gestern, seine Beule am Kopf, das kleine Dorf unten im Tal, all das musste mit dem Gewitter zusammenhängen. Hermann war Realist. Er beschloss, erst einmal abzusteigen und die Gegend zu erkunden. Er wollte wissen, ob sein Fahrzeug noch auf dem Parkplatz stand. Und sollte dies nicht der Fall sein, wollte er ins Dorf hinuntergehen, um herauszufinden, wohin er geraten war. Gestern hatte er noch mit Sasne telefoniert. Also gab es irgendeine Art von Verbindung.
Bei diesem Gedanken angekommen, knurrte sein Magen laut und gab ihm den letzten Hinweis, dass er lebte und wach war. Er aß die letzte Hälfte der Schokoladentafel und begann den Abstieg. Hungrig dachte er an den in der Hütte zurückgebliebenden Proviant, aber die Hütte war nicht da.
Zuerst ging’s den engen Pfad am Steilhang unmittelbar von der Hütte nach Süden hinunter, der durch das Geröllfeld sehr dem ihm bekannten Pfad zur Hütte ähnelte. Aber der Abstieg war erheblich beschwerlicher als sonst, da keine Stufen vorhanden waren und der Boden nass und rutschig war. Ein Trampelpfad war vorhanden, nicht so ausgetreten wie der, den er am Vortag beim Aufstieg benutzt hatte. Das Marterl und die Abgrenzung für das Vieh zur Felswand hinunter ins Tal fehlten. Hermann ließ sich Zeit und studierte intensiv die Berge und die Umgebung. Als er von der Wand über die Serpentinen auf die Anhöhe zum Parkplatz hinunterblickte, sah er grüne Sträucher, aber weder Parkplatz noch Kiesweg. Die Vegetation war anders, es gab viele kleine Sträucher und am Hang viel Buschwerk und weniger grüne Wiesenflächen. Mit Krachen polterte unter ihm im Talgelände aufgescheuchtes schweres Wild, das er nicht sehen konnte, in Richtung Talausgang.
Es war später Vormittag, als Hermann den Einstieg neben der Lawinenschlucht erreichte. An der Stelle, an der gestern noch das Kreuz gestanden hatte, fand er dichten, niedrigen Buschwald vor. Aber er entdeckte den großen, schweren Felsfindling, der nahe beim Marterl der Lawinenopfer seinen Platz hatte. Unsicher schlich Hermann weiter. Schließlich kam er da an, wo der Parkplatz hätte sein müssen. Buschwerk und undurchdringlicher Wald wucherten dort. Nur ein kleiner, steiniger Trampelpfad führte weiter hinunter ins Refoler Hochtal.
Er war schon einige Zeit hinunter zum Talausgang unterwegs, als er harte Schläge hörte. Es waren Axtschläge auf Holz, das erkannte er sofort. Sie kamen aus der Gegend, in der in seiner Welt ein Depot im Hochtal gelegen war. Hermann wollte nachsehen, wer dort arbeitete, vielleicht konnten die Holzfäller ihm weiterhelfen. Entlang des kleinen Baches konnte Hermann sich an dem Wildwechsel orientieren, der talabwärts und ostwärts zum Eingang des Hochtals vor dem Abstieg zum Talboden auf Höhe des Dorfes führte. Das hatte er von oben gesehen.
Das Geräusch der Axtschläge kam immer näher, sehen konnte er aber noch nichts. Dann plötzlich verstummte es. Alles war still. Merkwürdig. Hermann lauschte angestrengt. Vorsichtig ging er weiter, aber er traf niemanden an und konnte auch keine gefällten Bäume finden. Jetzt fiel ihm auf, dass er keinen Baum fallen gehört hatte. Das Knacken kam zuerst, wenn das Holz am Stamm bricht oder reißt und dann ein Sausen, das von einem schweren, dumpfen Geräusch beim Aufschlagen auf den Boden abgelöst wird. Das hätte er doch hören müssen. Unruhig versuchte er sich neu zu orientieren. Er wollte jetzt doch wieder ins Dorf hinunter.
Als Hermann das Dorf durch die Baumspitzen vor sich liegen sah, setzte er sich auf einen Baumstumpf. Es hatte sich seit seinem Abstieg nicht verändert. Vor ihm lag eine Siedlung, wie er sie aus Filmen über das Mittelalter kannte, mit einer kleinen Holzkirche mit einem braunen Holzturm, auf dessen Spitze ein hölzernes Kreuz angebracht war. Die Häuser, die mit braunen Schindeln, teilweise auch mit Stroh gedeckt waren, duckten sich um die Kirche herum. Er sah einige Menschen, die sich auf der Straße bewegten. Mehr war nicht zu erkennen. Sollte er mit seiner Ausrüstung ins Dorf hinuntergehen oder war es besser, den Rucksack mit Gewehr und den darin befindlichen Utensilien vorerst zu verstecken? Waren die Holzfäller noch in der Gegend? Hatten sie ihn bemerkt? Hermann hockte im Schatten hinter einigen Bäumen und war unsicher, was er tun sollte. Er konnte das Risiko nicht eingehen, Gewehr, Fernglas und Pulver zu verlieren. Wenn sich nicht herausstellte, dass das Dorf die Kulisse für einen Mittelalterschinken war, musste er ebenso wie in jeder anderen Zeit vorsichtig sein. Er kannte weder Gefahren noch Gepflogenheiten des Mittelalters aus eigener Erfahrung. Sein aus dem Geschichtsunterricht stammendes Wissen, auch aus Filmen und Büchern, würde ihm wohl kaum hilfreich sein. Hermann erinnerte sich, dass er sich das Mittelalter immer als eine spannende Zeit vorgestellt hatte. Das war jetzt aber doch irgendwie unangenehm anders.
Er nahm das Messer, Feuerzeug und Handy sowie den Beutel mit dem Pulver aus dem Rucksack und steckte alles in die Taschen seiner Jagdjacke. Das Pulver nahm er mehr unbewusst mit, es war eine Reflexhandlung. Ein Versteck für den Rucksack fand er in einem dichten Fichtenhorst in Form einer Felsvertiefung, umgeben von mehreren Felsblöcken neben dem Bach. Der Fels war so hoch gelegen, dass auch plötzliches Hochwasser das Versteck nicht erreichen konnte, jedenfalls reichten die Spuren des Sturzbaches des letzten Gewitters bei Weitem nicht so weit, dass es dem Rucksack hätte gefährlich werden können. In der Mitte ragten mehrere Steine auf und bildeten eine natürliche Grube, die einen Felsspalt als Abfluss für Regen aufwies und von außen nicht eingesehen werden konnte. In diese Vertiefung legte er den Rucksack. Das Gewehr hatte er zuvor auseinandergenommen und in den Rucksack in die Schweißeinlage gesteckt, die wasserdicht für den Transport von blutigem Wild im Rucksack vorgesehen war. Den Rucksack bedeckte er mit der grünen Regenhaut. Dann brach er einige Fichtenzweige ab und legte sie darauf, sie würden mehrere Tage grün bleiben und so nicht auffallen. Von außen war nichts zu sehen. Zur Sicherheit lehnte er noch einen dicken, trockenen Fichtenast quer zum Eingang des Verstecks und verschränkte ihn so, dass ein Tier ihn nicht entfernen konnte. Ein Mensch würde ihn natürlich herausziehen können, wenn er in das Innere des Fichtenhorstes eindringen wollte. Das würde er dann bemerken, wenn er den Rucksack holen wollte. Die Stelle prägte er sich gut ein, um sie später wiederzufinden. Dann begab er sich mit klopfendem Herzen und von unguten Gefühlen begleitet auf dem Weg hinunter zum Dorf.
Langsam und vorsichtig folgte Hermann dem Wildwechsel, der sich in vielen Windungen den Bach entlang ins Tal schlängelte. Er näherte sich dem Dorf mit einem immer stärker werdenden mulmigen Gefühl im Bauch. Sein Herz regte sich mit auf und pochte vernehmlich vor Aufregung. Würden ihn die Menschen dort überhaupt verstehen? Was war das für ein Dorf? War es Refol im Mittelalter?
Als er aus dem Wald trat, entdeckte er auf einer talwärts gelegenen Wiese zwei arbeitende Menschen. Der Kleidung nach waren es ein Mann und eine Frau, die mit hölzernen, leicht gebogenen, dreizackigen Rechen das in Strammen gelegte Heu ausbreiteten. Der nächtliche Gewitterguss hatte das Heu feucht werden lassen und nun musste es zum Trocknen wieder verteilt werden. Mit allem Mut, den er hatte, und einem dicken Kloß im Hals ging Hermann weiter.
Als die beiden Bauern ihn, einen Fremden, erblickten, erstarrten sie in ihren Bewegungen. Der Mann, er wirkte etwas älter, rief der Frau etwas zu, das Hermann nicht verstand. Was sollte er tun? Weitergehen oder die Leute ansprechen? Er entschloss sich, langsam über die gemähte Wiese auf die beiden zuzugehen. Wie zur Verteidigung packte der Mann seinen Rechen fester und hielt ihn vor sich. Die Frau, die ihre grauen Haare zu einem Zopf nach hinten gebunden trug, stellte sich schutzsuchend hinter den Mann. Hermann sah, dass beide Angst hatten, genau wie er. In angemessenem Abstand blieb er stehen und sprach sie freundlich an: »Grüßt Gott«, sagte er, »können Sie mir sagen, wo ich mich hier befinde?«
Er erntete verständnislose Blicke. Vielleicht hatten sie ihn nicht verstanden? Konnten sie ihn überhaupt verstehen? Hermann wiederholte seine Frage.
Danach räusperte sich der Mann, antwortete mit zunächst unverständlichen Worten und deutete dann auf das Dorf. Als Hermann mit den Achseln zuckte, wiederholte er seine Worte etwas deutlicher. »Dort unten liegt Refol«, erklärte der Mann lauter und betont langsam.
Ein Stein fiel Hermann vom Herzen, die Menschen verstanden ihn, sie sprachen eine harte Art des Tiroler Dialekts, den er von den einheimischen Jägern kannte und verstand. Und der Ort war also wirklich Refol. Wenigstens das.
Vorsichtig trat der Bauer, immer noch den Rechen in der Hand, an Hermann heran. Dabei musterte er ihn argwöhnisch von oben bis unten. Hermann trug die bei vielen Jägern des 21. Jahrhunderts beliebte moderne Funktionskleidung, eine feste, grüne Jeanshose und eine wasserdichte, nicht raschelnde grüne Jacke mit vielen Taschen, dazu leichte, aber gut anliegende Bergstiefel, die ihn schon auf vielen Touren begleitet hatten. Diese Schuhe betrachtete der Mann mit besonderem Interesse.
Das ließ Hermann erleichtert aufatmen, die beiden schienen nicht gefährlich. Die Bauersleut waren mit groben, dunkelbraunen Leinenhemden bekleidet, die von einem Ledergürtel um die Hüften zusammengehalten wurden. Weiter trugen sie eine Art Pumphosen, die Frau mit einem Rock darüber. Die Schuhe mit aufgenähter Sohle wurden von Lederbändern am Fuß bis über die Knöchel gehalten.
Hermann wandte sich nochmals an den Mann mit dem Rechen und wollte wissen: »In welchem Jahr des Herrn nach Christus befinde ich mich hier?«
»Wir haben den Beginn des 13. Zeitalters des Sohnes. Bischof Eberhard II. ist unser Herr auf der Salzburg, zu welcher wir gehören«, erklärte der Bauer mit deutlichem Zögern und einem schnellen Blick zur Frau.
Ein eiskalter Schauer lief Hermann über den Rücken. Wenn diese Leute keine Schauspieler waren, befand er sich im tiefsten Mittelalter. Nach seinem rudimentären Wissen aus der Schule wurde der Begriff »Mittelalter« allerdings erst sehr viel später eingeführt. Die Benennung der Zeitalter basierte auf der Zeit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, nach einem Mönch im 13. Jahrhundert. Deshalb hatte der Mann von der »Zeit des Sohnes« gesprochen. Hermann räusperte sich vernehmlich, er wollte mehr Informationen. »Ist Innozenz III. noch Papst in Rom?«, fragte er.
Ebenfalls noch aus dem Geschichtsunterricht wusste er, dass um 1200 n. Chr. Innozenz III. Papst war. Und wenn er sich hier am Anfang des 13. Jahrhundert befand, musste Innozenz III. Papst sein.
Der Bauer bekreuzigte sich und sah Hermann argwöhnisch an. »Ja, Herr, Papst Innozenz ist Herr über die Christen.«
Hermann starrte ihn an und nickte langsam – er war also wirklich mitten im Mittelalter, egal, wie er es nannte. Eine schöne Bescherung.
Der Bauer, langsam neugierig geworden, nachdem er festgestellt hatte, dass der Fremde weder Waffen bei sich hatte noch aggressiv erschien, wollte nun von Hermann wissen: »Woher kommt Ihr, hoher Herr? Zu welcher Herrschaft gehört Ihr?« Er brachte seine Frage so ehrerbietig hervor, dass Hermann trotz des Schrecks über seine Lage lächeln musste. Er, der Schreiner und Familienvater aus München, der erst vor einigen Jahren die Schreinerei seines Vaters übernommen hatte, wurde als ein »hoher Herr« angesehen. »Ich heiße Hermann und komme aus München. Und Ihr?« Hermann war sich unsicher, ob er den Mann mit Sie ansprechen sollte, also wählte er sicherheitshalber die höfliche Ansprache dieser Zeit.
»Mein Name ist Lofram, wir wohnen unten in Refol«, antwortete der Bauer und deutete mit der Hand hinunter ins Tal in Richtung des kleinen Dorfes. »Und das hier ist meine liebe Gattin Wallberga.« Er warf der Frau einen kurzen Blick zu.
Sie nickte Hermann nur zu, blieb hinter ihrem Mann stehen und beobachtete ihn immer noch abwartend. Dann raunte sie ihrem Mann etwas zu, worauf dieser sich an Hermann wandte und anbot: »Kommt mit zu uns, hoher Herr, seid unser Gast. Wir sind mit der Arbeit gleich fertig.«
Da Hermann hungrig war, er hatte seit der Jause auf der Hütte am Abend bis auf den Rest Schokolade nichts mehr gegessen, nickte er zustimmend und erleichtert.
Der Bauer breitete also die letzten Strammen Heu aus und legte dann die Heugabel nieder. Die Arbeit war getan. Er gab Hermann ein Zeichen mitzukommen. Darauf gingen sie zu dritt, Hermann als Letzter, den Pfad hinunter ins Dorf. Aufgeregt, aber leise unterhielten sich die beiden Bauernsleut und warfen Hermann dabei kurze Blicke zu, sie trauten ihm wohl immer noch nicht und waren vorsichtig und unsicher. Was genau sie besprachen, konnte Hermann nicht verstehen, aber sein Ankommen beschäftigte sie scheinbar sehr.
Der Weg im Tal war zum großen Teil schon wieder abgetrocknet. Nur im Schatten der Bäume war es noch feucht, Kuhfladen lagen mitten auf dem Weg und zwangen zum Ausweichen. Auf dem rutschigen Boden mussten die beiden Vorangehenden sehr vorsichtig sein, weil sie mit ihren Ledersohlen ohne ein richtiges Profil, es waren nur aufgenähte Lederstreifen, leicht ins Rutschen kamen. Hermann dagegen hatte mit seinen Bergstiefeln weniger Probleme, was die beiden Bauern bemerkten. Einmal fing Hermann die Frau auf, als sie ins Rutschen kam und beinahe gefallen wäre. An ihrem Gesichtsausdruck war abzulesen, dass diese Berührung ihr peinlich und zugleich als Hilfe willkommen war. Sie lächelte zum ersten Mal kurz.
Der Weg führte über Wiesen und durch Waldstücke, immer am Bach entlang, den Hermann gut kannte. Auf der linken Seite befand sich in seiner Zeit ein Depot des österreichischen Bundesheeres. Aber hier sah Hermann weder das Depot, das
