Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Hermesbotschaft: Die wundervolle Wandlung des Homo Technicus. Dreibuchroman. Philosophisch-kunstgeschichtlich taucht der Leser in eine mythologisch komplexe Welt. Mystisch umwoben empfängt "Zeus-mächtiger" Physikprofessor Legné Botschaften des diebisch-glorreichen Götterboten Hermes. Emotional kompetent wird ihm aufgezeigt, sein Leben zu ändern. Wildbunt tummeln sich Diese und Jene, leidvoll-humorvoll-grotesk, auf der Bühne der Sprachmalerei, derweil ein Kriminalfall rote Fäden, kaleidoskopisch-todesnah, zum blutrünstigen Eklat zieht. Niem, Legnés große Liebe, kommt bei einem Autounfall ums Leben; Tochter Ani fällt ins Koma. Schicksale ziehen, strauchelnd-glänzend-düster-glanzlos Lebensschlachten schlagend, Fatum-determiniert, durch die Zeilen. In irrationalen Sphären und realen Städten und Stätten spielt der Roman mit epischen Grundmotiven, getragen von Liebe, Ewigkeitsberührung, Entzücken und gottfern klirrender Nüchternheitsnähe, bis zum erhabenen Ende. Zeitgeschehen-aktuell erhält, durch den techno-logischen Wandel der Post-Postmoderne, Verunsicherter sinnstiftende Antworten. Die Hermesbotschaft dekodiert!, bietet dem Leser den Schlüssel zum guten Leben, im Sinne Goethes "Stein des guten Glücks".
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 2179
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Hermesbotschaft: Die wundervolle Wandlung des Homo Technicus. Dreibuchroman. Philosophischkunstgeschichtlich taucht der Leser in eine mythologisch komplexe Welt. Mystisch umwoben empfängt „Zeus-mächtiger“ Physikprofessor Legné Botschaften des diebisch-glorreichen Götterboten Hermes. Emotional kompetent wird ihm aufgezeigt, sein Leben zu ändern. Wildbunt tummeln sich Diese und Jene, leidvoll-humorvoll-grotesk, auf der Bühne der Sprachmalerei, derweil ein Kriminalfall rote Fäden, kaleidoskopisch-todesnah, zum blutrünstigen Eklat zieht. Niem, Legnés große Liebe, kommt bei einem Autounfall ums Leben; Tochter Ani fällt ins Koma. Schicksale ziehen, strauchelnd-glänzend-düster-glanzlos Lebensschlachten schlagend, Fatum-determiniert, durch die Zeilen. In irrationalen Sphären und realen Städten und Stätten spielt der Roman mit epischen Grundmotiven, getragen von Liebe, Ewigkeitsberührung, Entzücken und gottfern klirrender Nüchternheitsnähe, bis zum erhabenen Ende. Zeitgeschehen-aktuell erhält, durch den techno-logischen Wandel der Post-Postmoderne, Verunsicherter sinnstiftende Antworten. Die Hermesbotschaft dekodiert! – bietet dem Leser den Schlüssel zum guten Leben, im Sinne Goethes „Stein des guten Glücks“.
Der Belgier Wolf Chauvin ist Geschäftsführer und Life & Business Coach der Unternehmensberatung Lavie MEC. 1950 in Düsseldorf geboren lebt und arbeitet er in Aachen. Auf Basis langjähriger Tätigkeit in leitenden Positionen in Werbeagenturen und Industrieunternehmen berät Chauvin seit 1980 als selbständiger Unternehmensberater Führungskräfte; durch Vortragsreihen im Radio wie durch diverse Fernsehauftritte (RTL, WDR) einem breiteren Publikum bekannt geworden. Sein Motto: „Die Gefühle, die Wir nicht leben, leben Uns!“
Seit frühester Jugend bildet sich Chauvin in asiatischen Kampfsporten aus; Yoga und Entspannungstrainings folgten. Body-Work ist eine wichtige Säule für seine Beratungskompetenz. Mit dem Programm Mental Energy Coaching (MEC) arbeitet er an den Schnittstellen Technik-Mensch. Chauvin öffnet neue Lebens- und Berufsperspektiven indem er bisheriges Verständnis von Job-Kompetenz, bei dem vorrangig Fachwissen und effizientes Funktionieren im Vordergrund stehen, in Frage stellt. Für ihn spielt die emotionale Stabilität des Menschen eine gleichwichtige Rolle im Leben, wie die Stärkung persönlicher Identität und Wahrnehmung. Verstehend akzeptiert er den Menschen als Trinitätseinheit in einem „Mind-Emotion-Body-System“.
Von Wolf Chauvin
BLAU-ROTE FLUGVERSUCHE AM DORNENFELD
IST-Verlag, Münster/Nottuln 1991
SCHATTENSAMURAI – EIN PALIMPSEST
unveröffentlicht
Widmen möchte ich dies Gesuch vorrangig unwirksam scheinenden wie sichtbar wirkenden Niem Lhüfeg-Legnè Wesen, Ani ähnlich oder gleich, sowie leidend unterdrückt um Freiheit Ringende gleichwie Heldinnen vergangener, jetziger und zukünftiger Epochen – sich zur Wahrhaftigkeit berufen fühlend; insbesondere wundervoller Gefährtin Simone, selbige dieser Botschaft mit Wortkonstellationen wie „Hilfs-Goethe“ und anders Skurrilem, entdeckungsfreudig-erfinderisch, zur Seite stand; sowie bemerkenswertem Freund und Geist- wie Seelenbruder Dr. Christian Groß, inspirativer Schlaukopf und kreativ-Pionier, selbiger Stunden-Tage-Wochen-Monate – derweil Jahre unverzichtbare Wissenschaftsimpulse, nahezu beitragsglatt, fürs Folgende mit aufbereitete.
Dank gilt zunächst den Menschen, die direkt/indirekt-bewusst/unbewusst als Ideengeber, Leitbilder oder Leidensgenossen für diesen Lebenstext wirkten. Ähnlichkeiten mit Lebenden bleiben wunschtraumfragmentarischer Zukunftsentwurf; Zugefallenes: rein-gewollt! Ferner gebührt Hochachtung allen antiken und modernen – sämtlichen Epochen-Beleibten –, himmlisch Geflüchteten wie Körperhaften, die durch Schreib- wie Kunstwerke Motivation für Gefügtes boten.
I Buch
0 Geleit
Prolog
1 Zwitschernder Schein?
2 Seelenschneetreiben –!
3 Unfall?!?
4 Zurück zur Erde –
5 Scharfrichter!!!
6 Heimatsuche:
7 Abschiedsbrief!
Dialog
8 Traumresonanzen –
9 Von – der Zunft der Listenmacher
;
10 Normendiener!!
11 Wahre Niedergänge!?!
12 Theoretische Integration.
13 Annäherungen
Epilog
14 Online! – with God?
II Buch
1 – 15 Rückkehr + Ankunft.
2 – 16 Alltagsmärchenstunden …
3 – 17 Eins-zwei-drei – Leben vorbei!!!
4 – 18 Gediegen determinierte Strukturen.
5 – 19 Feierfeurige, erdschwere, Wasser-tiefe – unfassbar luftige Zeiten
III Buch
1 – 20 Surrealistische Welten –
2 – 21 Reisende
3 – 22 Nachlese – zum Anfang und vom Ende
Maß-gebende und maßhaltende Protagonisten
Bibliographie
„Liebes Kind – geliebte Ani-Filia,
zuzeiten glaubte ich – vermute es gelegentlich noch: unser Leben sei ein Traum, aus dem wir erwachen könnten; traumbewusst.
Erlöschendes säumt schreibend strebendes Beginnen – beschreibt aus einer virtuellen Zukunft Deine Gegenwart; und ist dieses Buch auf dem Weg zu Deinem Herzen – ein tragend-leitender Lichtstrahl erinnernd sich zerstreut –, werden meine Augen allmählich müde geworden sein.
Nun wiegt sich dieses Lebensmärchen vom auch-Dasein des magischen Realismus in Deinen Händen – brieflicher Empfehlung eines Schreibversierten, wie mütterlich durchwirkt, gefolgt: ‚Was Du denkst – fühlst: schreibe; unterlässt Du‘s, weil Durchdachtes, Gefühltes wie zu Schreibendes Dir einheitlich scheinen, bleibt Nachgedachtes fern. Während der Abstandsnachlesung, wenn Dir an sich Textvertrautes fremd vorkommt, wirst Du ahnungsvoll erkennen: selbst willigen und versierten Lesern wird sich die Denkerstirn kräuseln – wirst Dich finden und erlebte Selbstführung als Segen im Prozess auf der Suche nach Ganzheit erfahren und Dich evolutionär sinngebadet wahrnehmen.‘
Diese Besuchszeit auf Erden hat sich längst geneigt – das Ende erreicht den Anfang und der Anfang schließt‘s Ende ein; der Kreis erkennt sich versetzt gespiegelt: die liegende Acht.
In meinem Jetzt habe ich, nach zweiter, eine dritte Aufgabe zu erfüllen: vorletzte Reise wird mich in die Kathedrale führen, in selbiger Deine Mutter sich königlich fühlte. Ihre übernommene Lebensphilosophie ‚Weder der König noch seine Krone sind die wahren Schätze des Reiches, sondern das Königreich selbst ist das heilige zu hütende Vermögen.‘ bewegte sie ferner, Deinem Vater aus dem Rad des Lebens ohne Ende und Anfang, die Botschaft vom Anfang und Ende der Dinge zu senden, damit ungläubig Verirrter beginnen konnte, Endlosnachrichten des Lebenslichtes weiter-zu-reichen. Endlich feiert ein routinierter Kreislauf erlöst Auferstehung.
Nahe wie weite Leben und Träume schrieben – ergänzten diesen Text, lauschend erlebt-fabulierend: besonnen verstanden führten dichtend, wahr wie ersonnen, Handlungsstränge, tags wie nachts, Stift oder Computertastatur von Geisterhand, dass tippende Finger vorrangig erfahrungsbedingt bewegt wurden; denn anfangs dachte ich noch – ich schreibe selbst! Heute – an deinem Morgen – weiß ich: ich werde ge- wie beschrieben und transformierte ein unendliches Weilchen zum Homo Liber.
Wissenschaftliches Hinterfragen, ob Träume Erfahrungen belebend steuern oder Leben Träume nachträglich verarbeitend lenken – sekundär! Zunächst vitalisierten Bezüge unerkannter Tiefen, spät bewusst vermutungsursprünglich – schreibende Gestalten.
‚Alles bröselt! Rein das Nichts ist sicher! Somit bleibt nichts sicher!‘ zitierte vor Zeiten ein Fastfreund.
Nachtragend möchte ich ihm antworten: ‚Deine Chance, lieber beinahe-Freund, liegt im reinen Fall – bröselzerfallen –, jedes Lebenskörnchen entdeckend als ‚Ich’, und ‚Du’ zu fühlen; dann schnupperst Du als Teil vom Ganzen an der Ewigkeit. Das ist mehr als Du zu erwarten gedenkst; unendlich mehr, als Dir Deine kühnsten Träume ausmalen könnten.‘
Bei der Niederschrift dieses Schreibtraumes trieben mich weder Hunger noch Durst, noch plagte mich Müdigkeit; mir war, als ob ich dem Leben das Leben diktierte – wohl eher: mir das Leben das Leben eröffnete.
Bisweilen schrieb es mich, nahezu ununterbrochen, Tag und Nacht – online mit unbeschreiblicher Energie.
Kryptischer Lebensstrom ist studierend in Kenntnis zu bringen, wenn Geist und Seele bereit sind; dann, meine liebe Jüngste und Älteste, fühlst Du im Folgenden vergangen lebendiges Etwas auf der Reise durch jene unbekannt-bekannt mysteriös-monströse Geschichte – und merke auf, mein liebes Kind: beim Lesen bist Du nie allein, denn verstehend mit-zu-erleben, was dieses Buch Dir, ohne jeglichen Mystizismus, sagen möchte, bedeutet: Sinn und Zweck ward – erfüllt.
Meine Lebensschreibzeit verflog keines Weges in unbewusster Routine, göttliches Rauschen hüllte mich – wissend-tragend – in der Stunde 0.“
Dein Flow – Papa-Vater
Wenn Du alles gibst – diszipliniert-konsequent-authentisch wie vertrauensvoll-intuitiv-hingebend suchst: Es wird Dich finden!
Unbekannt
Ab – gewiss-ungewisser Zeit, insbesondere wenn der Mensch versäumt, intuitiven Aufmerksamkeitswecker zu stellen um greifender Routine sowie Banalitäten konstruktiv-alltagsbewusst zu begegnen, schläft die natürliche „Emotionale Kompetenz“ gerne ein.
Konsequenz: Selbstaufgabe!
Es ereilt ihn, gefühlt-guttuend, die Prokrastination; widerliche Sabotage im eigens geschneiderten Kostüm herrlicher Stressbequemlichkeit.
Follow up: Es frisst ihn der Zeitteufel zu zeitig; und doch: manch Normalbürger, zum Emotions-Rowdy mutiert, bleibt ein solcher.
Erreichte Versorgungsziele erweisen sich, liebend-freundlich, als Kriterium überdrüssiger Sättigung; angeblich, um ungeliebten inneren Schweinehund zu füttern, sprich: zu eliminieren – im Gefühlskoma Richtung Lebensende vom Wichtigsten ergriffen, schwört Mensch dauernd: „Ach, wie die Zeit rast!“ Für solche und ähnliche Sprüche hat‘s Menschlein Zeit – bleibt somit, nahezu automatisiert, jeglicher Wichtigkeit wichtigstes Werkzeug –, im Sinkflug geistiger Niederkunft; und erlebt sich als Niemand im Grundglauben-Schattensprung überstrapazierten jemandes-Dasein.
Humaner Routine-Hardliner, Kurzform: RHL, vergewissert sich dessen gemessen nahezu täglich gegenüber anderen; vorzugsweise an Supermarktkassenschlangen, vor und hinter Gartenzäunen, auf Spielplätzen bei der Kinderbeaufsichtigung, nach Kirchgängen oder ähnlichen Anlässen und in anderen Begegnungsstätten. Obendrein, um Mitstreiter für zu beklagende Verluste ihrer Lebensqualität oder -quantität zu gewinnen. Ab da verhält sich pingeliger RHL-Typus gewöhnlich so: raffen was sich bietet.
Dagegen agiert fügungsfreudiger Routine-Durchschnittstyp, kurz: RDT, eher anders: strahlt Abhängigkeitsbescheidenheit aus und reagiert aufmerkend, zeitschindend liebend an nullenden Lebenszahlen, bei Geburten, nach Todesfällen, vor in die Höhe schießenden Enkeln; im Grunde zu jeglichen internen und fremden Langzeitereignissen.
Der RHL-Akteur dagegen versorgt sich zumeist intrinsisch mit Negativbelohnungen, das RDT-Mitglied nimmt‘s durchschnittlich eher zu normierten Anlässen. Geneigt lassen sich beide Exemplare extrinsisch gerne von Gleichgesinnten animieren. Überschneidungen? Tagesordnung! tradiert an erster Stelle. Summiert: bitter wenig ausgefeilte Kunstfertigkeit.
Zeiten anhalten, mindestens abbremsen, bedeutet für allgemein Gemeine, sich Schwächen und Stärken bewusst zu werden. Theoretisches Heilkonzept: Verhaltensmuster ändern, um aus der Komfortzone ausbrechen zu können, damit der Routine Teufel – bequeme Unzufriedenheit oder unzufrieden Bequemes – ausgehungert werden kann. Erstschritt: dem Gewohnheits-Koma entrinnen. Im übernachfolgend dritten Ausfallschritt wird der Homo sapiens automatisch vom zeitlosen Zeitteufel, der ihn Stück für Stück, zuweilen im Ganzen, zuvor gefressen hatte, ausgekotzt entlassen. Da Gewöhnliche ihr Selbst zuvor zu befreien, ja – hoch-zu-würgen haben, beherbergt jener zweite Schritt: mörderische Schmerzen!
Derartige Pein, geleert-gelehrt, nachhaltig zu überwinden, um Erhabenes anzustreben, bedarf gewisser Fertigkeiten: mentale, emotionale und spirituelle Quotienten möchten – verkörperlicht! – entwickelt stabilisiert werden; bedeutet: vorab aufzeigen, wozu Einzelner – gesamte Menschheit derzeit fähig ist. Verführerisches Ziel: mit erwähnten Ebenen die Schnittmenge der „Big-3“ zu finden, um die Vereinigungsmenge zu erreichen.
Nun wird’s Zeit, der Textschmiede lichtvolle Gedanken, schneidend-bebend wie märchengleich rätselhaft-verwunschen, eigenwillige Freiräume zu gestatten, um ihr liebend Authentisches zu entlocken.
Wahrheit ist adaequatio intellectus et rei – ist Angleichung von Verstand und Sache.
Thomas von Aquin 1225–1274
Glühender Hochsommer!
Nullsummenspiel einer illuminierten Traumgeschichte – nachgetragen.
„Halt! Geheimdaten! Fuck! Der Laptop ist ersetzbar: um Gottes Willen diebischer Knabe, behalte von mir aus die Hardware; die Informationen im Dossier benötigen wir. Haltet ihn! Fasst den Spitzbuben! Stürzt ins Unglück, Junge!
Todesabgrund!“, verfolgt „Rechte Hand“ vom Physik Professor, keifend aus benachbartem Büro gehetzt, im ewig langen Institutsflur langhaarig Gelockten.
Die feuerrote Kapuze des Hoody rutscht vom Schwarzschopf; wandentlang hetzt der Kerl, eine unglaubwürdig eitergelbe Feuerspur, wie rasender Comic Held Flash, lassend, zur geteilten Verbindungstür, die ins Treppenhaus führt.
Explosionsartig wird fensternahe Türglashälfte von der Treppenhausseite aufgestoßen: prallt, dumpf-stoppend, gegen rotbraunen Hartgummipfropfen; hausmeisterlich eine dicke Schraube ins Kautschukgedärm gezwängt.
Vor dem Räuber der Professor: eine Menschwand wie Beton! Ein Schlag! Ein Griff – der Laptop kreiselt in Zeitlupe durch die Luft, mit rechts vom Lehrstuhlchef aufgefangen; gleichzeitig wird stehlender Arm mit links auf ungezogenen Rücken gedreht. Langfinger schreit schmerzgerissen. Wirbelt herum. Macht sich los! Zerrt ein erigierendes Rapier aus der Bauchtasche. „Du bist tot, Mann!“, brüllt er höhnisch; ficht tänzelnd wie ein französischer Musketier.
„Chef aufspießen? Mysteriös!“, staunt Rennende, sich wundernd: „Die Zeit … was –? Laufe ich? Laufe auf der Stelle!“
Wendiger Traummann weicht aus, fasst linkshändig über dieselbe Schulter: ein rasiermesserscharfes Samuraischwert gleitet, zischend-blitzend, aus unsichtbarer Scheide – trennt dem Einbrecher die Faust samt Gelenk, wie eine Scheibe Schinken mit der Wurstmaschine, glattfein ab: Krampfende umklammert den Degengriff – fällt, metallgerissen, zu Boden.
Knallrot spritzt der Stumpf.
„Schlitzender Finalstoß!“, entscheidet der Todbringer.
„Aufschlitzen? Nein!“, schreit Eilende, sieht schon quellende Gedärme auf dem Flur – platschend platzen.
Geschätzte Attosekunde: Japanischer Edelstahl verschwindet im Rücken; nahezu gleichsam fährt sehnige Freie bösem Buben an die Gurgel.
„Tödlicher Zugriff? Nein!“, ruft Geeilte verhallend! … schaumreale Sekunden gleiten – Spätsommer. „Glücksstrahlend schlafschaumgeboren“, flüsterte – einstweilen – Erwachte ins Kissen, in seichte Gefühlsgewässer trudelnd. „Aufgewacht aus panischem Albtraum.“
Neben sich: geliebten Professor, zum ruhenden Gatten gezaubert; tieftraumgekühlt zufrieden mit sich und der Welt.
„Aufstehen, mein Märchenprinz!“, säuselte sie, seine nackte Brust streichelnd, die sich hob und senkte, als würde sie gepumpt. Halbmast Restliches – lakenbedeckt.
„Schwindendes Auferstehen?“, lächelte er, ein Auge geschlossen, mit rechtem blinzelnd.
„Frühstücken?“, zog sie ihr dünnes Nachtshirt über Kopf, reizend Fülliges entblößend.
„Zu verführerisch“, hob er die Lider, setzte sich auf, nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und – entschwand wie windbegünstigter Nebel aus dunstigem Tal.
Zum zigsten Male entgleist starrte sie, hellwach enttäuscht, gegen den Stuck der Schlafzimmerdecke ihrer Altbaustadtwohnung; allein – aus zweiter Traumstufe endgültig irdisch gelandet.
„Zu schade! Greifbar Phantastisches ist lukrativer als gegenwärtig Irdisches“, streckte sie straffen, unbekleideten Körper, warf‘s rosa Laken, faltig geknüllt, auf die leere Betthälfte, stand auf; tapste auf nackten Sohlen durch den Flur ins Bad.
Hinter Milchglas rauschte Heißwasser. Ungeniertes Stöhnen. Sonnenkraft flutete die Sichtkabine in dritter Etage, deren Altbau sich linksseitig stadtauswärts an die schnurgerade Allee schmiegte.
Beginnender Arbeitstag forderte weltlichen Tribut, der Lehrstuhl harrte ihrer.
Ungeschminkt angekleidet, schnappte sie zwei Äpfel aus dem Gemüsefach sowie Wagen- und Hausschlüssel von der Fensterbank zum Hof.
Üppiges Eichenholz fiel wuchtig ins Sicherheitsschloss. Schlüsseldrehen. „Tasche! Frauenkrimskrams“, entriegelte sie.
Fünf Schritte. Retour. Türknallen.
Polterndes Zweistufenspringen; ausgetretenes Holz trug, Jahre vertraut mürrisch knarrend, weibliche Last.
Brechender Herbst!
„…?“
„Ja!“
„Ihr ‚Ja!’ ist mein ‚Nein!‘“
„Negierendes Professor-Wedeln mit daumenbreitem Stapel frisch Bedruckten?!? Doch!“
„Widerborstig! Hören Sie mich schweigen, Madame?“
„Schiller, Friedrich: ‚Wer nicht genießt, wird ungenießbar‘ Merken!“
„Gnade vor Recht? ‚Man muss Geduld mit unserer Schwachheit haben‘ Schiller! Auch seine Aphorismen definieren gegenseitiges Grenzen! Wie heißt es so schön; ab heute: Das Wollen hält – gelegenheitsbedürftig – das Kommen in Schach.“
„Lauschen Sie, Meister der Sprache hinter der Sprache: diesmal geht‘s um meine Wünsche, keineswegs um Ihre Vorstellung meiner Wünsche.“
„Reichlich hatte ich Vorstellungen Ihrer zukünftigen Wünsche, von denen Sie Null Vorahnung haben. Geben Sie sich, ich weiß – hält nur kurz, vorläufig zufrieden! Fragen?“
„Unverschämt! Akut fehlen mir die Argumente. Atemholen!“, schnaufte sie.
„Bitte.“
„Monate einsamer Aufwachmomente auf meiner Liegestatt. Urlaubsreif! Ungezählte Traumsequenzen, mich trübe Funzel glauben machend, es sei Realität, sind bewältigt worden.“
„Mädchen: Fühlen Sie mein vibrierendes Schweigen.“
„Elektrisierend!“
„Realitätsnah betrachtet wie durchdacht, sind die Motive für die Freuden der Menschen, plus Negativbedürfnissen, bedingt unterschiedlich; fraglich, bevor Sie ‚Chef! Profan!‘ ablassen, verbleibt: drückende Gefühlsqualität; dieselbe, gleich der des Kontrahenten, schwach ausgeprägt oder lichterloh brennend, könnte, im Falle der Übereinstimmung, anschauliche Vertragsvereinbarungen gewährleisten. Diesmal: keinesfalls! Relativiert, präzise hingeschaut! Somit – ...“
„– Kernaussage unterschiedlichster Welten und Menschen allerorts. Bekannt. 00-Bock! Kein Vortrag, Chef!“
„Kurz: Ihre Träume tangieren mich keinen Millimeter. Möchte, nebenbei, keine geträumte Nachtwanderung ihrer erotischen Auswüchse mehr von Ihnen serviert bekommen! Klar?“
„Sonnenklar, bis die Sterne winken.“
„‚Nein!‘ steht. Vorläufig kein Urlaub. Und Ihre ‚big eyes‘ begeistern null Prozent.“
„Ich will!“
„Wohin?“
„Ungeöffnetes Geheimnis!“
„Neuer Kerl! Erweiterte Beziehungsrunde?“
„Seit letzter Pleite abstinent. Beziehungsgeschunden! Abartiger Franzose: frauenfeindliches Denken und perverses Handeln, sein Markenzeichen. Hätte ihn liebend gerne zu den Skopzen verbannt; zu spät: religiös fanatische Bande wurde aufgestöbert entlarvt. Eifersüchtig?“
„Bullshit!“
„Nice wär’s.“
„Dämliches Stöhnen: verkneifen!“
„Lieb wäre mir der kleine Neid, die Eifersucht“, versuchte sie, zum tragischen Verständnis ihren Ohrring gefasst, den Creolen ruhig zu stellen; durch hoffnungstragendes Kopfwiegen ins Baumeln geraten.
„Skopzen?“
„Juchheirassassa!“
„Bescheuertes Wort! Dusselige Fünfzehnbuchstabenansammlung.“
„Egal! Triumph: verdutzter Alleswisser!“, betrachtete sie provokant gehobene Augenbraue.
„Zu albern.“
„Zeus, der Allmächtige, einmalig unwissend. Champagner! Te deum laudamus: Dich, Gott loben wir – im Arsch. Latein: größtenteils weg! Pferdchen durchgegangen. Euphorisch siegesgewiss.“
„Übergeschnappt?“
„Kleines ‚Sorry‘! Riesiges ‚Pardon‘ Lärmendes Gedudel!“
„Kurve gekriegt, Oberschlaue – Quatsch: Trick! Aufklärung! Skopzen –?“
„Skopzen: religionsfanatisch krankhaft – verschnitten! Selbstkastration. Brüste abschneiden, alles um sexuelle Enthaltsamkeit abzusichern, bis zur Verstümmelung der Genitalien. Die Truppe wurde ‚Weiße Tauben‘ oder ,Weiße Lämmer‘ genannt‘“, war ihr Ohrgold durchs Gestikulieren ins Trudeln geraten.
Seit November nannte sie massives Rundgold, Durchmesser 3 cm, ihr eigen; vom Chef abgestaubt, nachdem sie in einer Mittagspause Ende Oktober, beide diskutierend bummelnd, vor exklusivem Juwelier mit langen Augen, ähnlich sehnsüchtig wie eben, geseufzt hatte. „Urlaub?!?“, setzte sie weich nach.
„Nein!“
„Stur!“
„Meinungsstabil!“
„Urlaub – bitte! Möchte leistungsstabil bleiben; für Sie!“, klimperte sie mit den Wimpern; ließ den Ohrring passgenau bittend nicken.
„Schleimerin! Wie lange? Wann?“, hielt er beidseitig nach oben Ausschau; gefächert schwingendes Stapelende versammelte sich, neu gepresst.
„Zwei Wochen – in vier Wochen. Ab Nikolaus. Sie zählen wiederholt meine Sätze! Gar Wörter?“
„Gewohnt: Buchstaben! Könnte Sie härter treffen: Ratespiel mit umgestellten Lettern – Anagrammieren; von der Königsdisziplin zum kaiserlichen Drill. Damit verschone ich Sie, Mädel. In der Vorweihnachtszeit – Urlaub?“
„Oui! Mein Monseigneur, zu Maria Empfängnis will ich im Süden sein.“
„Zu viel! Zu früh!“
„Bitte! Der Monsieur ist unpässlich? Außerdem: morgen Geburtstag – ich! Überhaupt: kein Mädel mehr.“
„Auch das noch! Überüberhaupt: was hat das damit zu tun?“
„Weiteres Doppelpunktvergehen? Bedingtes – von mir aus: Bisoziation. Humorvoll kreative Forschung? Sie haben gleich die Presse im Nacken. Hörsaal IV, und …“
„Insgesamt miserabel assoziiert.“
„Dann im Sinne von: ‚Der Mensch – Irrläufer der Evolution’; haben Sie gelesen. Ihre Aussage, damals in einer Ihrer sinnlichen Vorlesungen.“
„Vergebliches Wimpernsenken! Dümmliches Lippenstülpen wirkt – aufgeblasen.“
„Immerhin: wahrgenommen!“
„In kommender ‚Zeus-Zeit‘ brauche ich Sie hier. Kapiert? Rededuell beendet, Mädel!“
„Mädel? Zeus‘ Zeit? Büchlein Epiktet zu Kopf gestiegen? ,Das Buch vom geglückten Leben‘.“
„Inwiefern?“
„Die Summe der Weisheit –“, kramte sie einen zerknitterten Zettel aus der Schublade. „Muss sechzehn wenig königlich Getürmte explosionsartig vortragen“, warf sie sich in Pose. „Sorry!
‚So führe mich, Zeus, und göttliches Geschick, Wohin es mir von euch zu gehn verordnet ist‘“, zerriss sie nölig den Zettel; schaute gespielt demütig, Slow Motion Wimpernschläge, hinter ihrem Schreibtisch zu ihm auf. „Sie sind dran!“
„Sie – zum x-ten Mal in meinem philosophischen Fundus gestöbert. Voreilig benutzt – nix verstanden! Edukative Ergänzung, Teuerste. Heilige 33 Wörter: ‚
Ich will euch folgen ohne Zögern; wollt‘ ich‘s nicht,
Wär‘ ich ein Feigling; aber folgen müßt‘ ich doch.
Und wer das Unvermeidliche mit Würde trägt,
Der heißt ein Philosoph uns, ja ein Theolog.‘
Fügen Sie sich! Was soll das Geschrei?“
„Scheiße! Er kann‘s gewohnt auswendig.“
„Nun –?“
„Was ist mein bisschen Freizeit, gemessen an den Weiten des Kosmos? Herr Physiker: Gnade.“
„Freizeit – Freiheit! Lesen Sie – Mehrfachempfehlung! – Melvilles Weltliteratur Moby-Dick. Dann wissen Sie, was unfrei bedeutet und können sich Gegenteiliges erschließen! Und – Zeit? Geistige Aktivität und Tätigkeit, sich fügende oder gefügte Inhalte und Verknüpfungen erinnerten Geschehens und gefügter Ideen. Prozesse, die Zeit oder Zeiten beanspruchen: Algorithmen – Algorithmus, mitwichtigster Begriff dieser Welt, vermutlich auch auf anderen Ebenen; mit Verlaub – schlicht: methodische Abfolge von Schritten; im Tierreich instinktiv, möglich menschlich: intuitiv; sozial perfekt: empathisch ertastet.“
„Bekannt!“, stöhnte sie aufgesetzt, „Raum, Zeit und Materie sind verbunden. Nochmal: gegenwärtig bin ich indiskutabel urlaubsreif.“
„Was bedeutet Gegenwart anderes als Glück zum Handeln?“
„Verwirrt!“
„Gegenwart ist ein 3 Sekunden währender Abschnitt.“
„Wahr?“
„Laut bisher-Forschung, meine Gelegenheitskluge und Selteneinsichtige.“
„Ungehörig! Diverse Völker bedienen sich unterschiedlicher Zeitrechnungen – ich: sofort Spross fernen Volkes. Meine Wenigkeit erinnert sich an die Fernsehsendung letzten Freitag, als ich, glückliche Ausnahme, früher Feierabend machen durfte.“
„Paul!“
„Paul?“
„Paul Feyerabend. Auch-Philosoph. Wissenschaftstheoretiker. Anything goes!“
„Schön wär’s!“
„Himmelschreiende Erwartungen!“
„Gelegenheitsausnahme: Lauschbereitschaft – damit Sie’s quitt sind! Von wann bis wann?“
„1924–1994. Er sagte in etwa: ‚Es existiert kein fester Rahmen für Bedeutungen, wenn sich durch solche Sprünge alle wissenschaftlichen Konzepte und Begriffe verändern.‘“ „Ja – und? Was tue ich damit?“
„Umsetzen!“
„Fein: Urlaub!“
„Zitat: ‚Wissenschaft und Mythos überschneiden sich vielfältig.‘ Lektüre: Wider den Methodenzwang.“
„Perfekt vorformuliert! Schluss mit lustig! Der Spaß hat ein Loch! Drei Wochen Urlaub! Sonst: Kündigung!“
„Dickschädel!“
„Ich? Dickschädel? Sie sind der Belgier!“
„Wie wahr!“
„Verkneifen Sie sich bitte solche Überheblichkeiten, sonst verlange ich gesamten Jahresurlaub, plus letzten, vorletzten, und …“
„Da hatten Sie Urlaub: Paris! Wenn ich Sie an angedeutete Pleite erinnern darf! Und – ‚Paris ist wie eine Hure. Aus der Entfernung scheint es hinreißend, man kann es nicht erwarten, bis man es in den Armen hält. Und fünf Minuten später fühlt man sich leer, angeekelt von sich selber. Man fühlt sich betrogen.‘ Henry Miller. Wendekreis des Krebses!“, öffnete er den Wandschrank; wählte aus reichhaltiger Garderobe ein dunkelblaues Jackett plus Schal.
„Na! Dann wenden Sie einmal! Heute mit Halsbinde, modisch inspiriert?“, spottete sie bitterfies, wie er grau Melierten doppelte, sich ums Genick legte und fransige Enden fingerspitz durch die Schlaufe zog, als zöge er einen Schlussstrich.
Samtig grinsend schlüpfte er in die Jacke – wie in eine zweite Haut, dabei wechselte er die Blattsammlung von Hand zu Hand. Aus den Augenwinkeln registrierte er Verklärtes. „Spürbar: Sie schwimmen in Sehnsucht! Ziehe mich an, keinesfalls aus.“
„Unverschämt!“
„Möchten Sie weitere unsachliche Beiträge leisten, mein unartiges Märchenkind?“
„Pah!“, vollführte sie eine verächtliche Wegwerfbewegung.
„Vorsicht, Rotkäppchen! Sonst frisst Sie der Wolf. Ihr Vorteil: bin in Eile.“
„So zynisch? Damals: geschickter Arbeitsurlaub. Reicht! Morgen krank!“, zauberte sie einen Lippenstift hervor; Gott weiß woher. Malte ihr Mundwerk knallrot. Steckte die schwarze Kappe auf den roten Farbkopf; gekräuseltes Trotzmündchen.
„Das wagen Sie? Never!“
„Drauf ankommen lassen, Anglizismen-Fan?“
„Wahnsinnig?“
„Knapp davor.“
„Eine Woche! Wenn ich weiß wohin.“
„Sie werden mich zurückpfeifen.“
„Weder mein Stil noch … – zu wenig elegant!“
„Dreimal passiert.“
„Triftige Gründe.“
„Haben Sie einen Sack von voll.“
„Keinen vulgären Attacken.“
„Das haben Sie jetzt …“
„Lieblich! Eine Woche!! Und traben Sie bloß nicht wieder mit dem ‚Post-Holiday-Syndrom‘ hier an.“
„Tat ich’s? Ich – und Arbeitstief! Bisher: Nein!“
„Abwarten!“
„In einer Ihrer übernatürlichen Vorlesungen postulierten Sie: ‚Wir führen unwirklich Kämpfe oder Kriege mit Wörtern, wenn wir Sprache als Waffe einsetzen, sondern mit Tönen, Energien und Gesten, die wir Sätzen beimischen, im Sagen wie im Hören – auch-Physik. Darum: Prozente allgemein und speziell Gesagten werden inhaltlich dominiert, Restliches von Body und Voice vermittelt. Offensichtlich lohnenswert, präzise hin zu hören, genau zu schauen. Authentizität plus Kongruenz zählt. Inkongruenz – umfassend deckungsungleich – unvorteilhaft!’ Ihre Vorbildtexte. Habe Sie dauerhaft beobachtet, mit Argusaugen – eben. Sie sind dran!“
„Verdammt mundschnell!“
„Sie meinen sicherlich mündlich vorschnell! Mundschnell sähe anders aus. Probe aufs Exempel? Sehen Sie meinen roten Erdbeermund?“
„Überhört!“
„Überfühlt!“
„Vorschnell – gleich: handelsüblich, bezieht sich aufs Handeln spezieller und allgemeiner Fälle.“
„Insofern ist Ihr mundschnell Gerutschtes sexistisch angehaucht; gegenüber Ihrer extrem treuen Hochschulangestellten klarer Missbrauch. Dennoch: Angebot steht!“, kicherte sie.
„Artet anstandslos in unfeine Wortklauberei aus. Sie betreiben eine Politik der Camouflage, im Zuckerguss der Unschuld.
Unangebrachte Urlaubsansprüche!“, grinste er dreist. „Eine Woche plus zwei Tage zum Erholen, falls Sie erwartet neu seelische Insolvenz ansteuern. Urlaub eintragen! ‚Was also in Schrift ist, ist Hermes‘.“
„Was-wer-warum?“
„Was –? Liegt vor Ihnen!“, warf er die Blattsammlung auf ihren Schreibtisch, dass sie auseinander glitt – wie von Zauberhand geführt, die Überschrift auch unterer zwei Drittel freigab. „Wer: Spruchvermutung – Georg Friedrich Creuzer, 1771–1858. Mythenforscher. Warum? Bildung! Komprimiert erfassen! Dann, wenn gewünscht: Text schreddern. Inhalte gerafft in meinem Gehirn! Übles Sermocinatio – beendet. Podiumsdiskussion.“
„Dreimal unverschämt! Danke fürs schicke Tete-a-Tete! Unbeeindruckt!“, rief sie ihm, äußerst fuchtig, in den Flur nach.
„Sermocinatio? Unbekannt. Angeber! Im elektronischen Duden schlau machen. Erst Krempel sichten: ‚Die Bücher des … Hermes Trismegistos. Corpus Hermeticum‘ –? ‚Griechische Traktate über die Entstehung der Welt, die Gestalt des Kosmos und die menschliche und göttliche Weisheit.‘ Was soll ich damit? Bekloppt – er! Verfällt noch, sprechend wie schreibend, dem Hermetismus, seiner Symbolhaftigkeit und Metapher-Scheiße!“, überflog sie den Inhalt auf nächstem Blatt unteren Zweidrittelpaktes.
„Und dieses Zeugs hier –‚Tabula Smaragdina‘?“, las sie die Überschrift ersten Drittelstapels und die Kapitelüberschriften der dritten Seite „Aus dem Lateinischen ins Deutsche von … Was ist diesmal in ihn gefahren?“, brachte sie Verrutschtes in Form. Wollte gesamt Gestauchtes gelocht in einen königsblauen Schnellhefter sortieren – Lesefeuerglühen! „Motiviert!
Faszinierend! ... und oben wie unten … die weisen Lehren des Hermes Trismegistos …“, vergaß sie sich, Abschnitte laut lesend.
„...; somit steckt in jedem Wort, jeder Tat, jeglichem Sein – jedem Teilchen mindestens eine Ergänzung, die es zu erforschen gilt, den Jeder wie Jedes ist und wird bewegt; begeben wir uns nun auf den schmalen Pfad tiefgründig wissenschaftlicher Pionierarbeit“, zauberte er lauschende Schlauköpfe ratlos, „versuchsbereitwillig die Dinge für sich sprechen zu lassen, mit Vorkenntnissen und Kombinationsfähigkeit.“
Publikumsverharren während provozierender Kunstpause.
„… und meine, aus väterlicher Erziehungskost volksmundveranlagt, Zitats-Bedürftigkeit, zumeist unausgesprochener Meinung ‚Das Rad bräuchte keinesfalls neu erfunden zu werden!‘ endet gewohnt philosophisch: Falls Verstand einer Sache angeglichen werden soll, gilt‘s zu erkennen: Emotion und Intuition könnten sich als dreiste Verführer sowie unkontrollierbare Fremdgeher unbewusst gespeicherten Eigenbedarfs beweisen; hierauf sei im erwählten Bedarfsfall, wie folgend, zu achten!“, hob der Professor spielerisch den Zeigefinger. „Insbesondere wenn geistig Geplantes oder Geträumtes, begriffslebendig aufgeschrieben, authentisch transportiert wird. Geistiges in Praktisches umsetzen, ohne schädliche Konsequenzen, bleibt doch sicher Ihre Absicht, meine Herren. Kopfgesammeltes notieren! Skizziertem Leben einhauchen.“
„...“ – vernahm der Redner Unverständliches, dessen Inhalt er dechiffrierte, ohne geäußertes Desinteresse.
„Sich selbst prophezeiende Erfüllung? Ja und nein. Eher – Leben bewusst erleben, anstatt in Routine zu ersticken oder im verstaubten Nachruf geehrt wie beschrieben zu werden. Menschen hocken, konservativ-verstockt, in ihren Kreisen und Segmenten. Jeder glaubt von sich, seine Welt sei die einzig wahre, einzig gültige, die richtige. Klar! Es gilt das Recht, anders zu sein und sich von anderen Mitstreitern zu unterscheiden; und dennoch entwickeln wir Strategien und Mechanismen, selbige uns wiederum als Größte, Tollste, Wichtigste erscheinen lassen sollen. Verblendung! Höchst gelehrte Damen im Dunstkreis geleerter Herren“, war er sich sicher, sein Textkniff ging, trotz feinster Betonung, unter, „es wirkt konstruktiv ein stiller Plan, unbedacht scheinend, erfahrungsbeladen: Prozesse, gefiltert aus Erinnerungsfäden, selbstfärbend, verbinden und vereinen sich, horizontal-vertikal Rundlauf-entschlossen wie umlaufende Linien, zum Kreuz, gleichsam Schild – ein Anfang ohne Ende … ‚Wieso-weshalb-warum wir unfähig sind, sowas nachzuvollziehen?‘
– diversen Blicken entnommen. Schlichtweg zu doof, steigende, fallende sowie kreisende Spirale ‚Oben gleich unten‘ greifbar wahrzunehmen! Solche Lernprozesse und Entwicklungsmechanismen bieten locker chancenreiche Querverbindungen, begründet – gleich unbegründet, demnach: konsequent-inkonsequent.“
„... –“
„Mentaler Sonnenuntergang? Sonnig klares Denkwetter: Meinung bildet Verhalten. Nachvollziehbar? Skeptisch! Zumindest für neurophysiologisch Schlaue. Logisch: Meinung wird emotional gesteuert. Hart? Wenigstens für ‚Porschlöcher‘, selbige sich vorwiegend für Pferdestärken und Hochglanzfelgen interessieren. Nun, wenn man’s oder wenn’s Mann tiefgehend konsequent verarbeitet, mindestens anschaut, besser: betrachtet!, bleiben unsere Chancen Aufmerksamkeit!
und Wachsamkeit! ‚Sonst nix!‘ So könnte Asterix zu Obelix sprechen; so würde sich meine Tochter, kurz-knapp, ausdrücken. Zurück zum auch-Thema. Quasi ausgeliefert: wir! Alternativ – sich mit den Begebenheiten abfinden im Strom willkürlicher – willkürlicher? Abläufe. Überdenken! Kunstpause.“
Schauende. Wartende. Harrend Murrende.
„Nun, im Gefühlsstrom zu treiben, oder von eisigen Emotionsstrudeln mitgerissen zu werden, verlangt: Mitte suchen und – finden! (Geklammerte Botschaft für die Unruhestifter: gleich fertig!) Dies allseitig, horizontal, vertikal und gleichzeitig im Kreislauf – merke: wiederhole mich – selbst drehender Spiralen; daselbst im Überall. Guten Tag“, zupfte Legnè am Schal; entschwand inspiriert-verwirrten Hörern, ehe sich die Auditoren seines Schattens bewusstwerden konnten.
Exakt 6 Wochen nach erklärtem Debakel mit Vorzimmer Madame machte der deutsche Physiker belgischen Ursprungs und auch-Mathematiker, Professor Dr. Dr. Flow Legnè – seltsam englischer Vorname vor wahrlich bedeutungsvoll französischem Zunamen – mit dem Wort „Arbeitentkommen!“, inmitten klirrenden Vorwinters, Anstalten, unaufgeräumten Schreibtisch zu verlassen. „Schlüsselsuche! Schicksalsträchtig, dieser Abend. Schaurig-frostige – bis jetzt schneefreie Adventszeit.“
Avantgarde-Palimpsest –respektive mehr oder minder zu Akzeptierendes blendenden Wissenschaftlers und verblendeten Menschen; inklusive akzentuiert ergänzter Teilbeschreibungen von Kennerin Simone Lieblich plus Lauschanmerkungen Gutmeiner wie Neidhammeln, kombiniert mit Meinungsdepots von Freunden und gesammelten Teilchen eigenwilliger Vita:
Favorisierter Dauerspitzname: Zeus! Selten „Der Große Zeus“. Wenn Lehrstuhl oder Freunde, wegen übersteigerter Allmacht, Chef-sauer waren, nannten sie ihn abstandsscheu „Der Allmächtige Zeus“. Legnè war über meiste Kosenamen informiert.
Vordergründige Eigenheiten: Schlichte Weisheiten des Zitats-Zöglings – volkslautem Mund entnommen, zumeist philosophisch interpretiert; manchmal kompliziert – gerne komplex gesichtet dargestellt – verpackt. Plagiatshasser. Pionier.
Kategorischer Lieblingssatz „Sie sehen mich an, als wüssten Sie mehr über mich, als ich Ihnen gesagt habe!“ irritierte außergewöhnlich, vor allem seicht schwatzende Schwätzer. Selten verfiel er ins Abkürzungsfieber, wenn – hauptsächlich im Ausland, in höchsten Nöten, knapp vor Ungehalten oder aus gelassener Langeweile. Psychologische Gründe.
Kindheitstrauma. Niemand wusste sie und es bisher zu deuten. Gleich dunkel begründet: hochtrabend-ausladend-saftig wortschwirrend unterwegs, dann, extrem Kürzungsrausch-karg! Mitunter geschwollen, in barock-schwülstiger Texthefe suhlend: sein Er!!! „Selbstgespräch-Weltmeister!“ wurde er gescholten. Tatsächlich redete er gerne vor sich hin: so zerlegte, untersuchte und kombinierte er vorgedacht-bedachte Erkenntnisse persönlicher wie auktorialer Erzählkraft; schrieb Fabuliertes des über-über…-Auktorialen vorrangig Substanziellem zu, um geahnt Über- oder Unterirdisches transparent zu machen. Selbiges gelang, da er, nun ja – eigens entwickelte Sprachformen transzendierte.
Geist: Rasiermesserscharf – extravagant; gelegenheitsmeist versteigert, sinnierend in Extravaganzen.
Gemüt – Eigenschaften und Psychogramme: Brodelnd dampfender Vulkan unter kühler – kühn gekühlter Eisschicht, fordernd, leistungsstark, treibend! Zeitweise bedürftig vorbildlich. Auffallender Lichtbedarf.
Ausstrahlung: Anziehend. Männlich. Herb. Liebend verständnisvoll – folgemögliches Karessieren? Selten! Sagenumwoben. Ironisch; gelegentlich spöttisch überheblich. Von der Weiblichkeit geliebt und vergöttert.
Physis: Kerzengerade gewachsen. Muskulös sehniger Typ. Überragende Körperkraft. Breite Schultern. Schmale Hüften.
Katzenhaft dynamischer Gang; männliche Note. Markant schmales Gesicht, von wissend blaugrauen Augen, in Krisen stechend graublauen, beherrscht; extrem wachsam. Offensichtlich unbekannt edlen Geblütes; mütterlich verwaschen.
Umgangsformen: Edel bis nobel, selten hölzern marmoriert.
Eigenschaftsverhalten: Mischung aus Adjektivieren und adjektivischem Sein. Feinste Ausdrucksambition.
Vorrangiger Vierbuchstabenekel: Konjunktion „Aber –!!!!“
Erfolgsschritte – nützlich sortiert: 1. Wahrnehmen. 2. Vorsortieren-Aussortieren-Strukturieren. 3. Tiefgreifendes Betrachten geordneter Möglichkeiten – in Folge; blitzschnell-treffsicheres Abwägen; daselbst Imponderabilien wenig schreckhaft wirkten und umgestaltet wurden in-oder-zu: Ponderabilien. 4. Präzises Analysieren des Gesamten sowie einzelner Schritte. 5. Umfassendes Nachdenken. 6. Mögliche Ergebnisse – mental durchgespielt. 7. Entscheiden. 8.
Diszipliniert-konsequent authentisches Handeln.
Stechende Talente: …; versierter Sprachspieler von Gottes Gnaden, virtuos wie ein Meistergeiger auf einer Stradivari.
Sprechen wie Schreiben: gestochen!
Vorlaufende Lebenseinstellung: Knochentrocken!
Berufenes Profil – geschätzt: Weltweit von der Physik Fachwelt gefeiert. Von 99% Kollegen bewundert, von 1% Aalglatten, Neidern, Perversen und Traumatisierten abgrundtief geekelt.
Unberufen: Philosophie und Germanistik; stachelnder Dorn.
Vorlieben: Gastronomische Spitzenqualität. Exklusive Automobile mit höchst-Pferdestärken. Rechnen. Forschen.
Begründen! Musik. Extravagante, intelligente, romantische Literatur und Dichtkunst – 70% Prosa und 30% Lyrik –, eher klassisch als modern. Alles Philosophische. Sport. Spät entdeckt und verliebt enttarnt, vorher getarnt unlieb sowie ordentlich verkümmert: Kunst und Künstlerisches!
Negatives – im Stoßgewicht schlechter Eigenschaften: Jähzorn! Zuweilen maßlos! Gelegentlich unbegründet überheblich. Rechthaberisch.
Markenzeichen, Spleens, Macken, Ticks, Marotten: Simultan Sätze, Wörter und Buchstaben, geerbt oder väterlich traumatisiert, addieren; im Kopf. Seine Geldklammer, feinstes Silber, presste stets ein Bündel Bares – bis sie brach –, sortiert nach Scheinwerten und Bildern.
Trauma: Psychodrama: Geburtsschock übelster Sorte!
Madame S. Lieblich, Sekretärin – Mädchen für fast „Alles“, Abwehrsystem, Zerberus und Vorzimmerdrachen in einer Person mit intuitivem Radar, weilte noch bis Dienstag im erfochtenen herrlich-Urlaub; die Blattsammlung „Hermes Trismegistos“ zu weiteren Studienzwecken im Gepäck.
In einem, lieblich-aufdringlich, Abend-Telefonat hatte Legnè, chefmäßig genervt, Oberlehrerhaftes „Schlau gelesen? Was bewirkt ihre geistige Entwicklung bezüglich hermetischer Ergüsse.“ abgelassen.
„Zukünftig? Loswerden – Sie!“
„Für jetzt.“
„Nun – …“, hatte sie ausführlich geantwortet, entgegen trotziger Vorbemerkung, „Mutatis mutandis – sprich: unter dem Vorbehalt der Anpassung wäre ich geneigt, mich, unter Einbeziehung spirituell-esoterischer Weltanschauung, auf ein diesbezügliches Gespräch mit Ihnen einzulassen. Bekannt: in mir wirkt eine Sicht über die Kosmogonie – sprich: Weltzeugung, Lehre der Entstehung und Entwicklung des Weltalles, ihrer Himmelskörper und allen anderen kosmischen Objekten; und …“
„Staubwissen!“
„‘Klick!‘ hat’s gemacht. Ignorant! Selbstherrlich!“, hatte sie sich wütend vom Hotelbett zur Minibar begeben. „Eisgekühlte Schokolade. Anerkennungsersatz!“
Zwei volle Tage hatte sie zur genehmigten Ferienzeit hinzu gefuscht. Sie fehlte „Allmächtigem“, erst recht wegen hitzig wallender Endjahresarbeit. Gemeinsam hatten Chefgott und seine Liebliche, im Laufe vereinbarter Bürodienste und Schaffenszeit, eine Streitkultur entwickelt, die er daheim mangelhaft bis ungenügend leben durfte; ausreichend hätte ihm genügt.
Notgedrungen Wissenswertes: „Madame“ deshalb: Chef-Mann spionierte, unter ihrer Jacke auf dem Schreibtisch, französische Ahnen-Dokumente aus, als sie eines sonnigen Mittags die Forschungsergebnisse bezüglich ihrer Vorfahren liegen ließ; daher wissend: ein Urahn, rastlos streunender Napoleon Soldat und scheinpreußischer Urururgroßvater der Familie Lieblich, ein gewiss-gewissenloser Douce, hatte seinen französischen Kriegssamen hinterlassen. Allgemein wurde sie, nach des Professors Taufe, „Liebchen“ genannt. Dieses Diminutivum – rheinischen Verbreitungs-Charakters und dem Wortakrobaten Legnè unvertraut; vorrangig etymologisch orientiert, so recherchierte und datierte er, laut Quelle, den Wortstamm des Verkleinerungswortes rotzfrech ins fünfzehnte Jahrhundert – war in keiner Weise als zu gebrauchendes Liebchen im ursprünglichen Anspruchssinne missverständlich zu deuten, lediglich kosend zu verstehen. Gebrauch, im früh verbreiteten Liebchen Wortsinn, bezog sich für den Täufer des Wortes hartnäckig auf ihre Instituts-Leistungen.
Auf den französischen Rittmeister Capitaine de Cavalerie Douce war‘s Liebchen mächtig stolz; heimlich. Die Yellow Press der Universität raunte Hinterhältiges „… und Legnè leitete Liebchen von Lieblich in geplagter Zuneigung ab.“
Ferner vermutete derselbe Tratsch Club, ihr Nachname sei dem Boss zu parfümiert erschienen; minimal weiter Entwickelte tuschelten über eine sprachromantische Duftnote. Süßliches, spekulierten sie, hätte den Lehrstuhlinhaber zu beständig an sein abgebrochenes Studium der Philosophie, Germanistik und Psychologie gemahnt.
Ein Oberschlauer flüsterte sogar den Treffer „Romantik war des Fehlstudierten früheste Lieblingsepoche.“
Allmächtigem unangenehm – Madame pflegte inbrünstig die Steckenpferdchen „Umstrittene Astrologie“ und „Zukunft deutendes Kartenlegen“. Chef nervendes Beispiel im Textblock: „Chef! Achten Sie auf die Acht! Liegend voller Macht für die Ewigkeit gemacht.“ Aufs nächste Geheiß „Wie alt gedenken Sie zu werden? Dürfte ich Ihr Sterbedatum in den Sternen erschauern und mit den Karten beweisen?“ kassierte sie Lakonisches mit beißendem Zusatz plus Zurechtweisung „Hundert! Falls unerreichbar, möchte ein vertrauter Stellvertreter übernehmen. Abseits davon: Für diese abergläubische, selbsterfüllende Prophezeiungs-Scheiße haben Sie bei mir ausgesprochen miese Karten! Sie gehen mir auf den Zeiger, Sie … Sie –!“ Kapitulation! Kein Lieblichding. „Sie suchen Passendes! Darf ich helfen?“, intervenierte sie. „Sie mit Ihrem schuldgesteuerten Helfersyndrom! Johannes Keppler soll gesagt haben: ,Astronomie treiben heißt, die Gedanken Gottes nachlesen.‘ Ausgerechnet mir Ihre Sternweisheiten plus Kartentalent inklusive Zahlenmagie anzunageln! Unverschämt dumm! Saudumm!“ erschoss Stachelspitzes ihre Fragekette. „Ich sage Ihnen: Astrologie analysieren und vertreiben bedeutet: Sterne und ihre strahlenden Leistungen in ein Korsett zwängen. Firlefanz! Sie: Lebendige Grenzmatschtante zwischen Esoterik und Wahrheit!“, ließ er 8% mildernde Umstände walten.
Als er an diesem Tag die Reise nach Venedig angetreten hatte, knallte sie ihm über den Short Message Service die SMS „Auch, wenn wir alle determiniert sind, erreichen wir doch alles, was wir deklariert bekommen – von dem wir glauben, es sei Unsriges.“ rein. Vor der Abfahrt hatte er ihr strengen Blickes spottbillig verboten, weder auf technischem Briefweg noch sonst ihre Voraussagen bei seiner Family und Angestellten anzuwenden.
Hier und da probierte sie, gegen seine gewöhnliche Kündigungsandrohung, bei Schwächelnden ihre Himmelsauslegungen und Deutungen anzubringen. Er blieb vordergründiges Opfer. Die Karten hatte sie, in den ersten Jahren am Lehrstuhl, zück-bereit in ihrer Handtasche oder einer Schublade aufbewahrt. Im späteren „Jetzt!“ komplett im Kopf abgebildet, wie sie ihm eines Tages stolz vermittelt hatte:
„Herr Professor! Ihr langjähriges Rundumcoaching wuchtet mich.“
„Und?“
„Und – bleibt erfolgsgekrönt, mit unbeabsichtigten Zwischen- und Zwitscherergebnissen: 78 bunte Tarot-Karten sind abrufbereit in meinem Gehirn für den Fall gespeichert, inhaltlich detailliert und sinnbildlich, Sie Wichtiges über Ihre Vergangenheit, Gegenwart oder gar Zukünftiges, womöglich aus potentiell künftiger Wahrheit, frisch-frech-absorbiertfiktiv-gesteuert, erfahren zu gedenken.“ Diesen Morgen war er höchst eiligst im Büro verschwunden. Erotische Verluste drangsalierten ihre Arbeitsmoral.
Bekanntes Opfer hatte nach den ersten Lehrstuhlstunden heimliche Spitznamen angeheftet bekommen. Stinksauer auf ihn – wurde er mit „Der Monsieur!“ oder zynischer: „Der Monseigneur!!“ abgespeist. Andere benutzten Gehörtes plump vertraulich. Geheim: die Oberbezeichnung „Der mit den 1001 Namen“; jede dritte Nacht erfand sie einen weiteren, um sich selbst zu täuschen – sein Er sei ein Anderer und endlich der Richtige, der ihren Eroberungsavancen erliegen möchte.
Drei? Ihre Glückszahl! Außerdem bedeutsam – hatte sie sich doch lautlos geschworen, solche Verheimlichungen nie preis zu geben. Konnte sie ahnen, dass es für alles einen Preis geben, heiße Liebesschwüre und Versprechen gebrochen werden würden? Gleich ihm ahnungslos war sie über die nahezu Hundertschaft der meisten ihrer Beinamen; wohl ahnungsschwanger gegenüber intern Genecktem, Scherzhaftem wie Ungehörigem, wenn Zeus spottgiftige Schimpfnamen erfand. Gelegentlich hob ihr Mentor – sie: aus tropfender Traufe praktisch über die wasserdichte Taufe bis hin zur funktionierenden Erwachsenen begleitet – sie unerlaubten Anspruchs mit dem Titel „Meisterin der Nebensächlichkeiten“ in charmante Höhen; ob ihres Talentes, Unwesentliches wesentlich darzustellen.
Drohende Todesnähe: bitterböser Kinderwinter.
Nun, kurz vor akutem Ehedrama – symptomatisch zum anrollenden Leid die berühmten fünf Minuten nach zwölf – hatte er mit passenden Schlüsseln unaufgeräumten Arbeitsplatz verlassen; auf Überladenem welkte ein rot-matter Weihnachtsstern, inmitten harrender Ordner und Textstapel. In dieser Abendstunde zum Wochenende, knapp vor Winterbeginn und, flott gezählt, lichtfreier Vorweihnachtsstunden, beeilte er sich, als ob ihm das Leben weglaufen würde; kindlich Vereinsamtes wühlte steigend unkontrolliert.
Im Vorfeld spürte er die Ungeduld wartender Niem-Gattin, als sich der Schlüssel im Schloss metallisch satt drehte; er hörte seine Gedanken über sie richten, entsprechend seine Vorwürfe: „Stets dasselbe Gleiche, meine liebe Niem! Entweder warst du ungeduldig, wenn ich zu spät zum Essen kam, wenn wir ins Kino oder Theater wollten – kraft der Warteschlangen an Kassen. Wurdest nervös, wenn wir unterwegs waren, ich unfix einen Parkplatz fand; oft genug extrem ungehalten. Nachhaltig unverständlich: Wir waren als kleine Familie mit dem Wagen unterwegs ins allseits bevorzugte Urlaubsterrain Italien, deinem Kunstgeschichte-Lieblingsland; gut gelaunt reisten wir bei Sonnenschein auf Landstraßen durch schattige Alleen. Unbegreiflich: Wenn entgegenkommende Autos zu nahe kamen, reagiertest du übernervös. Seltsam! Meine Ungeduld – unerfüllte Lust meiner Gefühlsverluste?“, servierte ihm ausgesprochenes Denken Undankbares. ‚Die mentale Anwaltschaft wechseln?‘ Mehrfachgründe hatten beigetragen, dass seine Ehe ihm ein Quäntchen verwest war – zum Sterben zu wenig, zum Leben zu viel. Führen oder Folgen? Ernste Beziehungsstörungen schleimten den Bund für die Ewigkeit, begründet absteigende Gemeinsamkeit normierte tödliche Auswirkungen für beide Parteien.
‚Aus unbewiesener Begründung wird Niem garstig ungehalten, wenn ich die Grenze ihrer Ungeduld überschreite‘, gestand er sich ein. Seltenen Zustand vermutete er, Schlüsselbund klappernd Lippen gepresst, aus dreieinhalb triftigen Gründen: Neben Unpünktlichkeit – obendrein zur typischen Zeitüberschreitung für materielle Belastungsgrenzen im Allgemeinen und der, in den letzten Jahren radikalen Gefühlsunterschreitung ihr gegenüber – hatte er versäumt, ihren Wagen anstehender Inspektion zu übergeben.
„Flow! Die Bremsbeläge von Pegasos I. sind fällig! Neue Eisen!“, hatte die Gattin symbolisch angemahnt.
Dass er obendrein verschwitzt hatte, beim Lieblingsitaliener zu reservieren, war als Gedankenzug auf einem mentalen Nebengleis abgestellt worden … Und dieser kleine, temperamentvolle Padrone – augenscheinlich in finster grammatikalische Artikelsümpfe verstrickt; selbstverständlich hatte Legnè ihn sofort zu korrigieren begonnen, darob sich der Italiener eisern verschwor. Dieser Signore vom südlichsten Italienzipfel, beim ersten Kennenlernen hatte er keinen bestimmten Artikel benutzt, lediglich unbestimmte verwechselt, war im Besitze magischer Kochheilkünste.
Dunklen Institutsflur querend, überkam Eilenden seltsames: Wehmut! ‚Sollte Niem dankbar sein, dass mich ihre Ungeduld, zu oft meinerseits als weibliche Unzufriedenheit deklariert, konsequent beziehungsbewusst hält‘, überlegte er einsichtig. „Hürden verbunden, diesen Wesenszug, so beleuchtet, einsichtig zu akzeptieren. Sie würde mich, hörte sie mein Denken, mit Sicherheit zum x-ten Mal ‚Wort- und Sinnwendegewandter’ nennen“, umspielte ihn mildes Lächeln, als er die linke Hälfte gläserner Verbindungstür aufstieß und abwärts federte.
„Niemand mehr da. Führe wieder Selbstgespräche: menschenleer! Sogar emsiger Gastprofessor aus Tokio, Hagestolz klapprig Dürrer mit den dünnen Beinchen, meist aus den Achseln tropfend, dass weißgraues Oberhemd Placken aufweist – weg! Irgendwo im Haus geistert sicher, Jahre amtierend, der Hausmeister-Nachfolger meines Vaters, schweinsäugig pedantisch über Flure, um zu kontrollieren ob die Putzkolonne nach Vorgaben gereinigt hat. Und ‚Sprachkönig‘ nennt mich mein Team“, überkam es ihn unversehens. „Kühner: ‚Textkaiser!‘ Versteht sich, hinter Vorgehaltener.“ Verächtliches Schulterzucken.
Eingefügt: Offenes Geheimnis: meiste Maschinenbauer, Physiker, Techniker und Chemiker – keine Textgiganten! Legnè pflegte Sprachen, vor allem Deutsch und Englisch. Französisch, ursprünglich Muttersprache, war verwahrlost. Italienisch konnte er Essen und Trinken bestellen, nach dem Weg fragen und schlichte Sätze vom Boulevardblatt konzentriert erahnen. Latein beherrschte er wie Hochdeutsch; übte sich jedoch dezent in Sprichwörtern und Zitaten. Mit altgriechischen Textbrocken warf er ab und zu um sich; der Eindruck philosophischer Bildung war ihm wichtig. Mancher sagte: „Der Kerl hat ein Fremdwörterbuch geschluckt!“
Gegenüber Niems Benennung nannte er sich selber „Überzeugender“, denn „Sinn- und Wortgewandtheit“ könnte Rechthaberei-Reize verbergen; „wortwendegewandt“ gar, hatte in Niems üblicher Tonführung strenge Unternoten.
„Fordert und fördert meine, von ihr kritisch betonte Wort..., aufgeweicht: Wortgewandtheit, ihre Ungeduld?“, schoss es ihm denklaut durch den Kopf, als er ins kalte Dunkel trat; sicherte das Portal zum Campus mit dem Zentralschlüssel. ‚Ist Niem Lhüfeg-Legnè, mich zu erreichen, überdrüssig und des Wartens müde?‘
Mit Abstand – glaubte er – über seine Liebe nachdenkend, betonte er gerne ihren Mädchennamen.
„Gute Niem, deine an mich, indirekt an ihn, gerichteten Vorwürfe ‚Amateurhaft Psychologisches hast du von ihm geerbt!
Mangels Lebens-Professionalität, wegen Sauferei und tiefsitzenden Problemen mit Frauen ist er zerfressen eingegangen – krepiert! Dein Vater war ein Rechthaber, Sprücheklopfer, Neunmalkluger; außerstande, das Bedürfnis alles schlüssig erklären zu müssen, zu unterdrücken. Zwischen Mitfühlen, Mitleiden, Leiden lassen und Selbstmitleid war ihm das Unterscheiden versagt! Misstraute ihm, traute ihm jedoch Einiges zu.‘ schmerzten! Hattest du Streiterin – besser: Querulantin mir, einzig gemeinsam lauter Krach, ins Gemüt geklatscht; wohl nächsten Tages entschuldigt“, besann er sich. ‚Vater! Ihre Formulierungen! Ansonsten stritt sie, wenn sie stritt, vorwiegend einsam-alleine gegen mich, ohne meine sonderliche Beteiligung. Leider analysiere ich Niems Streitattacken oft zu kultiviert, beurteile sie zu kritisch, hauptsächlich stirnrunzelnd. Lässt sie aufkochen. Halbgare Totenerklärung! Eingeweicht.‘ Straffte sich: kontra Kälte wie inhaltlich.
„Gewisse Dinge benötigen überraschende Einheiten. Heute Thema: fünfzehn Jahre – 15 Ehejahre. Was nun, Niem?“
‚Versäumnis! Auf der Leitfahne vermerkt. Ein dicker Fehler, zu verpassen, Niem vor meinem Senior seinerzeit zu rehabilitieren. Todsünde! Subtile Rechtfertigung mir selbst gegenüber? Bisher unauffällig.‘
Zusammen war das Paar siebzehn Jahre, voneinander wussten sie bedeutend länger; ihre Vermutung: „Kennen uns aus früheren Leben; gäbe es solche.“ Studienzeit an derselben Universität im Süden Deutschlands. Sie: Kunstgeschichte, Anglistik und Psychologie. Von medizinischer Seelenkunde hielt er herzlich wenig. „Zu altkultiviert. Zu statistisch, was die Klassische betrifft!“ hatte er ihr früh vorgehalten; final von technischen Wissenschaften belehrt.
Hier wie da trafen sich ihre blinkenden Gefühle in der Mensa, ohne dass zunächst Erkennbares zwischen ihnen wirkte.
Neben unfruchtbaren Liebeleien trennten sie Urlaube und Studienreisen. Niem: Brüssel, Florenz und weltweit magisch verwurzelte architektonische Hochburgen. Feierfröhlich deutete sie Kulturgut-Mystisches an: kaum Interesse; allgemein mit „Zu mystisch-mythisch!“ abgetan. Er: Paris, London und nähere wie weitere Physik- und Mathematikgefilde.
Während einer Zugfahrt im neuen Studium nach Österreich zum Skifahren, um Urlaubs-Kumpels zu treffen – sieben notgeile Kommilitonen waren Richtung Spanien, Costa Brava, unterwegs; Insider Slogan: „Costa Muschi“ –, hatte er einen Wälzer über Physik und ihre Bezüge zur antiken wie modernen Philosophie gelesen; außerdem vermenschlichte Anlehnungen an gemalte wie modellierte Kunst sowie ihre Findung in Opern, innerhalb und außerhalb seines musikalischen Kosmos erfahren. Im ausufernden Text wurde Quantenphysik so abgehoben dargestellt, dass nüchtern programmierte Wissenschaftler grübelten, ob sich hinter all diesen Aspekten ein kosmischer Bauplan verbarg. Kryptische Physik des Ewigen machte es unerreichbar, die Nichtexistenz Gottes zu beweisen; auch über die vierte bis zur einundzwanzigsten Dimension wurde, tief ins Utopische schweifend, diskutiert. Das Werk: beschaulich wie verwirrend! 1001 Seiten schwer; vom Bildungssüchtigen in Zugwind-Reisestunden inhaliert. Samt Rucksack und Skier am Zielbahnhof in Innsbruck angekommen, ließ er das Werk amerikanischen Physikers und Hobby-Anthropologen J. B. W. View, mit dem wenig geschmeidigen Befehlsuntertitel „Stopp! Think about yourself – now!“, im Abteil liegen. „Für Interessierte!“ Vorher setzte er neben den Untertitel sein „In Ordnung!!!“ aus blauem Filzschreiber. Der Text hatte ihn ungemein gefesselt.
Damaliger Beschluss: „Beweise suchen!“
Später hatte sich zukünftiges Paar Jahre aus den Augen verloren. Nach seiner Dissertation trafen sie auf einer Uni Fete neu aufeinander; seitdem blieben sie ein Liebespaar.
Legnè ging dem Ruf als ordentlicher Professor mit Aussicht auf Inbesitznahme des Lehrstuhls nach. Niem zog mit zur deutsch-belgisch-holländischen Grenze – seine Heimat; faktisch: zweite und Wahlheimat seines Vaters. Flow wurde in Brüssel geboren.
Zuvor hatte sich seine Mutter entschieden, ihr englischer Pass war mütterlicherseits für die französische Flagge eingetauscht worden, eine leichtfüßige Französin zu werden, nachdem sie, eigensinnig ,En Vogue‘ verliebt, einem despotischen Zuhälter in die Fänge geraten war. Überschwänglich liebte sie England; hatte jedoch die Insel keinmal betreten, weil ihr Ururgroßvater zunächst ein, sommers wie winters, im moskitoschwülen Indien stationierter militärischer Menschenschlächter, später herrischer Offizier in Gnaden Englands Krone war; scheinheilig für Zucht und Ordnung in britischer Kolonie sorgend. Ferner wurde unfein gemunkelt: selbiger Herr Offizier soll, kraft launischen Totschlags diverser eingeborener Hindus, strenger Rassenverachtung und Malaria gebeutelt, vom Dienste suspendiert worden sein.
Mehr väterlicherseits übertragen Erinnertes kreiste früh im Flow-Kinderkopf: ... und durch schier unverständliche Ungnade Ihrer unwerten Krone wurde mir äußerste Undankbarkeit zuteil; diese Erwägungen und Weiteres ...!‘ – so hatte Indien gebeutelter Ahne brieflich vor dem Staat sowie verbal vor Gericht in London geklagt. Erfolglos! Pensionsverlust und Verarmung. Was blieb? Zeugungsfähigkeit! Die setzte vor der Jahrhundertwende den Großvater von Flows Mutter, zu verachtender Diener ohne Erbanspruch, in die Welt. Nachträglich Vernommenes und Schlimmeres holte spätgeborene Enkelin schreckbesohlt ein. Innerlich entzweite sie – englische Wurzeln zogen manierlich. Nächtliche Freier bedienten strapazierten Leib. Zum Ende zweiten Weltkrieges war Mutter, seelisch ausgeblutet, in Belgien gestrandet und ging gewähltem Gewerke, teilbeschränkt unter Schutz befohlener Zuhälterei, weiter nach. Jahre später krepierte sie, nach allen Regeln hässlichster Todeskunst, während Flows Geburt an widerlich schwelender Krankheit. Von nahendem Schnitter berührt, flüsterte sie letzte Wünsche. Laut Vater, soll er, der Sohn, flink und Nase rümpfend aus zu jung Todgeweihter geschwommen sein. „Nenne ihn ‚Flow’!“, hatte sie dem 20-Sekunden-Vater und frisch-Ehemann plus folgend abgezählte 22 Mahn- und Wunschwörter, gestöhnt: „Bringe ihm Nötiges bei!! Hüte unseren Augenstern!!! Möge sein vorbelastetes Leben erfolgreich fließen – ein Kassenschlager werden; im Gegensatz zu meinem steinigen Stolperdasein.“
„Ja, Vater! Mitgezählt! Jeden erbärmlichen Laut aufgesogen; später, ausgerechnet mir Jungen, in der italienischen Eisdiele … – ekelhaft: wie Du die Speiseeisberge auf den Löffel geschaufelt und unter geräuschvollem Lutschen Schichten saugtest – diese Wunschsätze eingetrichtert“, wusste er zu gut um, mütterlich vererbt, seinen Zahlen- und Buchstabentick, selben Vater, zwar erfolglos, beharrlich zu pflegen sich mühte. „Nun – ,Alter Herr‘: praktisch veranlagt, dem Außen pflichtverzogen verschrieben; Versprochenes führtest Du maßlos aus. Meine Diagnose: Normopathie!
Haltlos verfallen. Unter diesem zwanghaften Wahn littest Du wie kein Zweiter! Daraus resultierten Deine Ränkespiele, Du ordentlicher Handwerker, nach dem Tod Deiner Verehrten in Brüssel – arm, ohne Geld und Job. Unmittelbar nach der Beerdigung hattest Du, trauererstickt, mit mir, deinem Söhnchen, Leid verzweifelt himmlisch enttäuscht, vertrauter Großstadt und bewohntem Land den Rücken zugekehrt; mageres Hab und Gut im alten Kinderwagen gestapelt; vererbtes Korbgeflecht aus den Fünfzigern. Gewinde kaputte schlabbernde Schrauben zwangen hämmernde Bollerwagenräder zu Verschnaufpausen. Stoßend und schiebend, mich Säugling im Arm, sind wir aufs Geratewohl zur belgisch-deutschen Grenze gezogen. Ich? Eine Woche junger nahrungsverweigernder Winzling! Du: stiernackig durchgesetzt, gegen alle Warnungen der Ärzte. Halbwegs richtiges Deutsch? Musstest Dir redlich Mühe geben. Bis zuletzt schmuggelten sich französische Brocken unter Deine Zunge; Französisch verging. Deutsch gelang Dir mittelmäßig.“
‚Jaja, Vater! In gewissen Abständen, bei Leerlaufgelegenheiten wie jetzt, muss ich an Dich denken, zweisprachig Breitschultriger. Untersetzt. Riesenhände!‘ Beschaute ungläubig schlank Sehnige im fliehenden Licht einer Campus-Laterne, sich selbst einen billigen Vater-Nachrufbrief diktierend, durch kommende Nacht und windiges Wehen eilend.
„Zweitsprache Deutsch, Du schlicht Intelligenter. Besessen. Ehrgeizig. Als Ältester musstest Du die Schule abbrechen.
Konntest keine Universität besuchen, um zu studieren. Schwelende Betrübnis haftete an Dir wie eine Klette! Architektur – erster Traum, Psychologie dein zweiter. Entwerfen, konstruieren, analysieren und definieren – nie ausgehobene Talente. Für Deine Geschwister hattest Du gängiges Handwerk zu erlernen. Schnelles Geld für hungrige Mäuler, von arbeitsscheuen Rabeneltern befohlen. Hatte es relativ gut, dank Deiner Hände Leistung. Acht oder neun Geschwister säumten Deine Kräfte? Acht! Ein Baby ist bei der Geburt gestorben, sofern ich mich auf diese und weitere Deiner Saufgelage-Beichten besinnen kann; gleich welchen begrifflichen Alters ich war. ‚Hände wie Kellen! Damit muss was geschehen! Praktischer Einsatz!’, hatte Dir jemand suggeriert; so ward Bauen und Werken jedweder Art Dir beschieden: Maurer – keineswegs zu verachten, doch zu trostloser Ersatz für unerreichbare Architektur.“
Konzentriert durchforstete er, väterlich vorgebetet, männliche Stammbaumkette vertrauensüberzeugend glaubhaft gemachter Ahnen, Richtung Parkplatz schreitend. „Noch ein gutes Stück. In der Früh zu spät, sind sämtliche Plätze in der Nähe der Universität besetzt. Zweiten Stellplatz außerhalb der Tiefgarage hat Liebchen unverschämt vorübergehend überheblich grinsendem Plagiats-Physiker aus Tokio, Name abgelehnt zu merken, überlassen. Näheres über meine Ahnenketten? Spurlos im Getümmel versteckt“, suchte er leuchtendes Rot – „Was soll das? Prophetisches? Einbildung!
Liebchen-infiziert!“, wischte er (Visionseinbruch!) krachende Blechorgie aus dem Hirn. – auf wettertrübem Schotterplatz.
Benötigter Weitblick, für wahres wie wahre Ahnen verkümmerte ungeahnt in Tiefen dunkelster Schwärze. „Wo bist du, Pegasos I.?“, rief er dezent, als würde er einem Hund pfeifen.
‚Woher komme ich? Wer bin ich? Angestacheltes Grübeln. Fragliche Faszination. Demnächst professionell forschen. Der Großvater meines Vaters, an den dieser sich spürbar erinnern durfte? Wilhelm! Vaters Vater – beizeiten an Leberzirrhose verreckt; Erinnerung seines Vaters an seinen Vater: klanglos. Raumgreifende Vateransammlung! Dein Großvater Wilhelm hingegen, mein Urgroßvater – frostig russischen mit-Ursprungs? – war Dir, Deine Aussage, Ersatzvater. Auf eine Art musste er Dich Enkel geliebt haben; sprachst mit Würde von ihm.‘
Aussichtsloses Fragen quälte.
‚Vater! Warum suchtest Du, wenn Du Anekdoten von ihm erzähltest, rückwärtig Wandschutz? Unverändert komisch; …‘
Überlegungspurzeln. ‚Im Alkoholrausch moniertest Du Enkel Dich mitleidig über großväterliche Wutausbrüche; allgelegentlich auf Betroffene, vordergründig Wilhelms Ehefrau, entladen. Um Monitum wie Alkoholverdruss verstehend einzuordnen, war ich als früher Urenkel zu klein!‘ – „Ist dieser Wilhelm Vorbild für meine unterdrückten Zorn-Attacken?
Ergebe ich mich dubioser Blutlinie resümierend? Jener war, laut Deiner gelegentlichen Klagen, Vater, Dir ein neunmalgescheiter Oberlehrer; konnte furchtbar wütend werden – sperrtest Du Dich, seine Ansichten und Vorstellungen zu teilen. Nanntest ihn ‚Belgischer Dickschädel’. Laut Deiner frühen Erklärungen war dieser Patriarch zunächst liebevoll friedlich. Später, während meiner Pubertät, als Du noch tiefer ins Glas schautest, ist Dir manches Wahrheitskörnchen über die Lippen geschwappt; hattest für alles eine Erklärung; in diesem Falle muss ich Niem Recht geben.“
Forschender löste sich aus verwirrendem Ahnenspiegel, Ampelgrün abwartend, entschlossen, sich tiefer auf Gesagtes und Erlebtes vom Vater interpretierend zu konzentrieren; adressierte den Gedankenbrief kosmisch; verirrte sich im nächsten Geistbrief, ungeordnete Anschuldigungen, wutgesäumt: ‚Knurrhahn! Miesepeter! HB-Zigarettenqualm Produzent! Vollgesoffen, übtest Du, zu studierende Architektur blieb Dir unerreichbar, Deinen zweiten Traum, die Psychologie, dilettantisch aus; vorrangig an mir. Analysieren und Definieren glaubtest Du genial zu beherrschen. Harsche Verblendung! Wut kocht! Meintest ferner, analytische Gnadenanlage sei Dir Ersatz fürs verlorene Hochschulstudium gottgegeben für meine perfekte Erziehung. Trugschluss!‘
Sinnieren.
„Vater! Empfandst Dich spielend im Umgang mit Deiner und leidig der Psyche anderer. Sträflich! Aus Großvaters Anweisungen und seinen begrenzten Umfeld Betrachtungen eiterte Deine fade Menschenkenntnis. Ausschließlich Dein Sichtfeld galt! Höre noch Deine Worte ‚Alles für dich, mein Sohn. Unser Augenstern! In Gänze ohne Hochschulstudium und sonstige Fachausbildung.‘ Pause!“
Plastisch hingen Eilendem des Erziehers fünf folgende Sätze, drei Ausrufezeichen, zu diesem Thema, klebrig im Gemüt: „So war‘s in diesen schwierigen Zeiten. Hatte in Jugendtagen verstorbenes Familienoberhaupt zu ersetzen. Du, Flow, wirst studieren; zu meinem Stolz! Dafür arbeite ich mit diesen Händen! Für dieses Lebensziel würde ich sterben!“
Erschauern im Vergangenheitsstöbern.
„Dabei hattest Du mir Achtjährigen Deine schwieligen Riesenhände zum gewissenhaften Anschauen und Prüfen hingehalten. Theatralisch Luft holend Eigenberührung überspielend … – höre noch heute, gegen meine zaghaften Einwände und nach Deinem ewigen ,Jaaa… aber!‘, wuchtige neun Wörter und fühle die drei fetten Ausrufungszeichen, Du Übermächtiger! ‚Folgenreich Schwerstes ist berufliches Fortkommen, mein Junge! Unauslöschlich einprägen!!!’ Standen im dunklen Flur; Licht sparen, eines Deiner merkwürdigen Bedürfnisse. Beschwörend hattest Du dicken Zeigefinger erst vor Deine, dann meine Nase gehalten: ‚Hör zu! Musst dich bleibend gut ausdrücken! In jeder Lebenslage! Auf keinen Fall wie in diesen Heftchen, diesen Groschendingern mit den komischen Zeichnungen, die Sprache kaputtmachend verkürzt darstellen. Sohn! Weißt, was ich meine! Spreche von den Bildheften mit den Sprechblasen und den verstümmelten Texten. Comics heißen die, oder? Von dieser Literaturverhöhnung habe ich gestern einen verteilten Stapel unter deiner Matratze entdeckt; beim Betten beziehen. Zwei schändliche Namen – gemerkt: Tarzan und Mickey Mouse.
Sohn! Diese Papierhelden habe ich, zu deinem Wohle, heute früh im Hof verbrannt, während du schliefst.“
Legnè spürte nach, wie stark ihm damaliger Verlust zu schaffen gemacht hatte: ‚Hartes Tränenunterdrücken. Keine Blöße! Hatte ich doch beim gütigen Alten im Kiosk an der Ecke die Comics vom spärlichen Taschengeld abstottern dürfen!‘ – horchte kürzend Vergangenem, Fernes korrigiert abrufend, dabei vaterfranzösisch Eingefügtes leise schaltend: „Diese Auswüchse sind in der konkreten Welt unrealistisch, mein Junge. Ein Mensch ist von Natur aus unfähig, sich wie ein Affe an Lianen, durch den Dschungel von Baum zu Baum zu hangeln! Durchgeblättert habe ich die gedruckten Lügenmärchen. Bleibend geschrieben werden darf nur die Wahrheit! Kein denkendes Wesen hat jeden Tag, jahraus jahrein, dieselben Sachen an, wie diese Ritter in den anderen schmalen Heften. In Ordnung! Tiere tragen ihren Pelz ihr gesamtes Dasein. Sind wir Tiere? Besonders dieser Sigurd mit der albernen Tolle im gelb gefärbten Haar und dem Kettenhemd unterm roten Wams; Quatsch mit Soße! Nachdem dieser mittelalterliche Papierheld von einem Kriegsschiff ins Meer gesprungen war, um eine Prinzessin zu retten, die im Kampfgetümmel über Bord gegangen war, während der Rettung noch fix mit Links einen Hai mit dem Dolch tötete – genau angeschaut beim Überfliegen – und sich dann, inklusive ohnmächtig blonder Hoheit, an den Strand retten konnte, waren seine Kleider am Leib in Nullkommanichts trocken; vielmehr: er stieg schon getrocknet aus dem Meer. Unrealistisch-weltfremd! Salzwasser, mein Junge! Physik!
Weißt du, wie das juckt und wie rasend Eisen damals rostete? Solchem Schmutz wirst du dich verweigern, mein Sohn!
Hörst du? Hörst du! In Ordnung?“
„In Ordnung, Vater!“, spürte er sich nachsagen; fühlte sich seinerzeit um Nischen für kleine Fluchten betrogen.
„In Ordnung! Solche Schmierereien verunglimpfen deine Realität. Null geistige Nahrung. Halte dich fern von diesem Schund! Wirkung steht über Wirklichkeit – leider! Wirklichkeit wirkt. Schau auf lebende Wesen. Lerne von ihnen. Sieh hin, was sie wie tun. Entspreche Vorgemachtem. Wenn du später deiner Existenz in eigener Verantwortung begegnest, wirst du dich an Gesagtes und Folgendes erinnern: Erdwürmer haben Angst vor Unbekanntem. Vergessen? Vorboten!
Wichtigstes, was ich dir mitgeben kann, mein Sohn. Gutes Jungelchen, sei fleißig und lerne.“
„Von diesem ‚Wichtigsten’ hast Du mir über Jahre eingetrichtert, Väterchen; mich kleinen Wicht somit in ein enges Wertekorsett gesteckt. Einer Deiner stressgebügelten Lieblingssätze, widerliche Plattitüde, wurzelt mein Gemüt extrem: ‚Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!‘ Kotz!“
Luftschnappen.
„Nanntest Du mich selten ‚Jungelchen‘, hattest Du trieffeuchte Selbstmitleidaugen. Ansonsten bist Du einfach in die Universität gegangen, um, zum Beispiel, ein Fenster zu reparieren. Vorher bekam ich Mittagessen, oft Wirsingkohl Eintopf mit grober Mettwurst. Ekelhaft! Altes Röhrenradio wurde jedes Mal eingeschaltet, kontra Alleinsein. Ich knipste das Licht an, warst Du weg. Manchmal schlich ich klammereinsam durch die Wohnung – verharrte vor den Ölschinken, billige Kopien: ‚Der Mann mit dem Goldhelm‘ und röhrender Hirsch mit den Wildschweinen – schaute und schaute jede Kleinigkeit.
In diesen Momenten begann meine Philosophie: die Wissenschaft vom Wissen. Da fällt mir Versunkenes ein: mit Vier wurde ich mir meiner Existenz erstmals bewusst; dies nur nebenbei! Hattest Dir zum Mittagessen eine Flasche mit Bügelverschluss verordnet – mir eine Ohrfeige verpasst, weil ich das Stinkgemüse ablehnte; gedroht, mich in den Keller zu sperren! Verdrängtes taucht auf: einmal wurde ich, im Zuge Deines finsteren Wut-Suffs, doch ins Kellerloch gesteckt; fühlte mich acherontisch, ohne die Bedeutung zu kennen. Sattfettes Schließgeräusch vom dicken schwarzen Schloss – kann’s hören. Rotz und Wasser heulte Dein Jungelchen. Hysterisches Lattenrütteln und Brüllen erlöste mich. Trauma!
Zurück in die Wohnung: der Sprecher spottete übers Wetter. Matscheintopf. Bah! Eine Schmeißfliege fraß vom lauwarmen Gemüse; kackte garantiert auf Kotze Grünes. Hochsommer. Hitzewelle. Schulferien. Alle durften auf die Sommerkirmes. Ich? Gefangensein auf der Fensterbank. Ins Leere Stieren. ‚Schund! Verdummung! Außenglanz für Hohlköpfe!‘ Deine Einstellung zu meiner Bilderwelt. ‚Abglanz der Hölle!‘ Davon wolltest Du mich überzeugen.“
Spürte – sah sich als Junge, umwölkt von stickigen Heimatgefühlen, auf der Fensterbank hocken, die Knie angezogen von Magerarmen umschlossen, nachdenklich-traurig in den Innenhof der Hausmeisterwohnung träumend; roten VW Spielzeug-Käfer mit Weißbandreifen faustgepackt – diese Gewohnheitssitzhaltung ließ ihn vergangen Tödliches atmen: „Vater, hattest mittags im Selbsttrinkgelage den Gasherd fürs Essen warmmachen eingeschaltet, als das Telefon klingelte! Überstürzt warst Du, trotz Mittagspause, mit dem Wort ‚Stromausfall!‘ hinüber in den Hörsaal geilt. Gas strömte.
Mir wurde schlecht; drohte von der Fensterbank zu kippen! Schicksalsbegünstigt kamst Du mit Abgewinktem ‚Falscher Alarm!‘ Minuten später zurück – schnuppernd. ‚Gas!‘ Sah schummrigen Auges, wie Du ein Taschentuch aus dem Kittel gezerrt hast, Dir vor den Mund bandest und ‚Oh Gott, Junge!‘ riefst, mich einhändig von der Fensterbank hobst, das Fenster aufgerissen hast und mit mir schnurstracks durch den dunklen Flur ins Treppenhaus, hastig zwei Stufen auf einmal abwärts jagend, auf den Campus gerannt bist. Auf die Knie gefallen, hast mich an Dich gedrückt und tränenerstickt ‚Verzeih mir Jungelchen!‘ geflüstert. Bisher unbearbeitet. Eingestanden.“
‚Sinnpause.‘ Schritteifer.
„Dem Unfug der Sprecher über Politik und Wetter war überhaupt wenig abzugewinnen. Auf der Mundharmonika gegen die Einsamkeit Töne erzeugen, mochte ich. Unterließ es, vor anderen zu spielen; schämte mich – Vater! Weißt Du alles nicht! –, nachdem durch die Andeutung widerwärtigen Mitschülers mit „Zwangsstörung!“ mein Musikinstrument zum Spuckeimer entwürdigt worden war. Fieser Mitschüler, fleißiger Fingernagelfresser und Kopfzucker, war bei Klassenarbeiten extrem nervös. Half ihm nie mehr! Hast Du keine Ahnung von, Vater! Ich? Ein Junge mit der Mundharmonika?
Um keinen Preis.“
Erinnerungssprung – übergangslos spielten im Kopfradio Geigen: ein sanftes Musikstück erfüllte den Küchenraum. ‚Eine Wohltat gegen Vaters Schnulzen. Mein musikalisches Wesen erblühte mit einem Orchesterschlag! Inspiriertes Schauen wanderte in grüne Kastanienblätterdächer rechteckigen Innenhofes. In der Krone dicksten Stammes hatte ich, ab diesem Tag, Stunden Anwesenheit verträumt, getragen von geistigen Klängen; oft, bis mich politische Debatten aus der Klangwelt rissen‘, rügte er erneut den toten Vater im einseitigen Zwiegespräch. „Abschalten!“, erinnerte er sich, wie er verärgert den Radioknopf gedrückt hatte. „Glich dem stumpfgelben Eckzahn eines Riesen. Kontakt-Spaß: Zwei Butterbrotpapiertüten aufblasen und gegeneinander zum Knallen bringen: zerrissen häusliche Stille, aufgerüttelt-erschüttert.
Ab und zu bellte ein Hund. Einsam horchte ich auf jedes Lebenszeichen; kleine Lichtblicke im Scherbenhaufen meiner Einsamkeit. Heldenvernichtung! Abenteuerliche Illusionen zerstört. Stille gierte saugend; damals – giert jetzt.“
Letztlich, so nachvollzog er sich, selbst-sehend, war er durch stets unbeleuchtete Diele ins Jugendzimmer gehuscht, hatte sich aufs Bett geworfen – träumte sich in weite Hallen … in Räume, wo seine Helden steif aufgebahrt ruhten, zu Asche verbrannten; windig verweht. So trauerte, schwelgte, schwärmte er ihnen nach … Eingeschlafen lockten ausschweifende Essensgelage, verführte ihn Seelenbuntes, betörten Frauenmütter, süße Mädchen, engelhafte Spielgefährtinnen. „… und mein Engelswesen steht mir bei, wenn ich einsam bin“, hatte er später, knapp Vierzehn, spindeldürrem Schulkameraden auf dem Heimweg anvertraut. Ungläubiger Thomas hatte ihn höhnisch grinsend stehen lassen.
„Weiter! Spreche mit Deinem Stellvertreterbild, denn Deine brüchigen Knochen sind sicher aschfahl gebleicht! Ich gestehe, voller Blitzzorn: würde Dir am liebsten sämtliche Knochen im Sarg brechen, für das was Du mir angetan hast; wenn nicht bereits alles an Dir verwest-zerbröselt-staubzerfallen ist. Tja, Vater-Bild, außer planvoll konservativer Lebenseinstellung „Führen oder Folgen!“ gab‘s Zeichnungen und Pläne, auf- und eingerollte Grundrisse, in der Wohnung, verkappt als Musiknoten beschriftet. Warum? Unergründlich! Langfristige Attacken: diese Dokumente haben mich in meinen Knabenträumen Jahre erschreckt!“, vermittelte er dem Dunkel. „Vorbei!“, bestätigte er sich die Rollenüberwindung. „Albtraum ausgestanden! Eine stürmische Nacht weit vor dem Studium und verweigertem Militärdienst; die Belgier wollten mich zum Drillen ziehen. Hatte mich, angewidert Schwules vortäuschend, leidend im Laienspiel ambitioniert als Bettnässer, aus der Affäre gezogen. Schweife ab! Zur brechenden Unwetternacht: Mein Traumherz hatte ich mutig gefasst und, stehen bleibend mächtige Rollenheere, mir nacheilend, bescheiden gefragt: ‚Was wollt ihr von mir?‘ Da waren sie, ohne Brimborium, verweht. Bist, trotz oder wegen, charmant holpernder Zweisprachigkeit, doch an einer Uni gelandet. Hausmeister. Nanntest Dich Haushofmeister, dann selbstherrlich ‚Gebäude-Manager’ und Majordomus; vornehm unantastbar bevorzugte Berufsbezeichnung. Wurde ich gefragt: ‚Was macht dein Vater denn beruflich?‘ antwortete ich ‚Majordomus‘ Zeitgenössisch würdest du Dich gewiss großspurig ‚Facility Manager’ nennen.
Jahrzehnte an der Hochschule als ‚Manager’ gewirkt zu haben, war Dir sicher, Recht schaffend vorgespürt, eine Professur wert. Haste ausgesprochen; ich angenommen. Nun, mein fleißiges, fleißig verstorbenes Elternteil, emsig wirkende Reinigungskolonnen kommandiertest Du im Zeitlauf: hart-herzlich putzende Weiber, nach früher Tätigkeit breitbeinig im Abstellraum neben der Herrentoilette am langen Tisch hockend, qualmten die Bude blau, frühstückten munter mit Ausblick auf die Pissoire und erzählten kreischend vulgäre Witze. Wetteten, wenn Studenten, Professoren und niedrigeres Lehrstuhlpersonal erschienen, wer strammstehend abschütteln wird, Vorhaut ziehend würgen mochte oder federnd beim Abschütteln die Knie bog – von mir beobachtet, wenn ich in den Ferien, hundemüde, vor 06:00 Uhr mit in die Hochschule musste“, ertappte sich Flow. Mildes Lächeln. Wie oft hatte er, auffällig vor anderen und extrem in den Anfängen seiner Lehrstuhltätigkeit, die stolze Gestalt im grauen Kittel zu grüßen, wenn er dem Chef der Putztruppe in den Uni-Hallen begegnete.
„An einem Vormittag hattest Du, ohne Kittelgrau, in Zivil meine Vorlesung besucht, dann vorbeigehend geflüstert: ‚Mein Sohn, Professeur an der Uni, an der ich tätig bin. Welch ein Cadeau.’ Vaterstolz: Alkoholfähnchen entwichen! Mir, trotz Pfefferminzlutschen, in die Nase geweht. Innerlich – ich: ‚Ironie des Schicksals!’ Was ist das? Vom Müssen zum Wollen!?!
Genug Vaterschelte?!?“, verloren sich Gedanken sprunghaft – Erinnerungsblitze … Niem hatte, als ich dem Ruf folgte, ausgebaute Karrierebrücken im Süden abgebrochen. Nach Auftragslage arbeitet sie nun als Übersetzerin im Home-Office und betreut Töchterchen Ani; unser berechneter Wunschnachwuchs. Der Gedankenzug vom Nebengleis nimmt Fahrt auf: Der Italiener. Die Wochenendarbeit!“, klopfte er Mantel und Jackett nach dem Handy ab. Hände glitten in Hosentaschen. Vernachlässigtes Vorhaben, im Ristorante Giardino bei Fausto-Theo zu reservieren, sowie vergessene Unterlagen touchierten seine Geduld. Zuletzt durchwühlte er die, aus seiner Sicht zu edle, dunkle Aktenmappe mit dem goldenen Verschluss, die Niem ihm vor einem knappen halben Jahr zum Fünfundvierzigsten schenkte. „Schnellhefter.
Briefe. Anfragen! Arbeitskopien für Vorträge und Besprechungen. Kein Telefon! Umkehren! Zerstreut – ich? Nein! Oder?“
