Herodots Historien (Buch 1-9) - Herodot - E-Book

Herodots Historien (Buch 1-9) E-Book

Herodot

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Beschreibung

In "Herodots Historien (Buch 1-9)" entfaltet der antike Geschichtsschreiber Herodot ein faszinierendes Mosaik aus Fakten, Erzählungen und Mythen, das die ersten Kritiken des menschlichen Handelns und der zivilisatorischen Entwicklung dokumentiert. Herodot schildert die Geschichte der Kriege zwischen Griechen und Persern, beleuchtet kulturelle Unterschiede und religiöse Praktiken und verwebt persönliche Beobachtungen mit historischen Ereignissen. Durch seine lebendige Prosa und anschauliche Schilderung gelingt es ihm, den Leser einen tiefen Einblick in die Komplexität der menschlichen Natur und die Herausforderungen seiner Zeit zu gewähren. Herodot, als "Vater der Geschichtsschreibung" betitelt, wurde um 484 v. Chr. in Halikarnassos geboren. Sein Leben war von Reisen geprägt, durch die er verschiedene Kulturen und Völker der bekannten Welt erlebte. Diese Erfahrungen prägten seine Perspektive und ermöglichten ihm, umfassende Einblicke in die politischen und sozialen Strukturen seiner Zeit zu gewinnen. Herodots objektiven Herangehensweise in der Historie revolutionierte die Geschichtsschreibung und schuf die Grundlage für zukünftige Historiker. Dieses Werk ist ein unverzichtbares Fundament für alle, die sich mit der Antike, dem Verständnis von Geschichte und den Ursprüngen menschlicher Konflikte beschäftigen möchten. Herodots Historien laden den Leser ein, über die zeitlosen Fragen von Macht, Kultur und Identität nachzudenken und die facettenreiche Geschichte der Menschheit zu erkunden. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Herodot

Herodots Historien (Buch 1-9)

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Martin Nagel
EAN 8596547730293
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Herodots Historien (Buch 1-9)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Im Kern erforschen Herodots Historien, wie Macht entsteht, Grenzen überschreitet und sich an menschlichem Maß misst, wie Gemeinschaften zwischen Freiheit und Unterwerfung navigieren und wie die Sehnsucht, Ursachen zu verstehen und Erinnerung zu bewahren, die großen Spannungen zwischen benachbarten Kulturen formt – eine weitgespannte Untersuchung darüber, warum sich Welten begegnen, aneinander reiben und aus Schicksal, Entscheidung und Zufall Geschichte wird.

Herodot von Halikarnassos, ein griechischer Autor des 5. Jahrhunderts v. Chr., verfasste die Historien in ionischem Griechisch in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts. Das Werk liegt in neun Büchern vor, eine Gliederung, die spätere antike Gelehrte etablierten. Herodot verbindet Reiseerfahrung, Berichte von Gewährsleuten und eigene Beobachtungen mit sorgfältiger Erörterung konkurrierender Versionen. Seine Lebensdaten sind nicht exakt gesichert; er gilt jedoch als Zeitgenosse der großen Umbrüche zwischen der Ägäis und dem Perserreich und als einer der frühesten Prosaautoren, die Geschichte als eigenständige Untersuchung betrieben.

Die Historien entfalten ein weites Panorama von Westasien über Nordafrika bis in die Ägäis, indem sie die Entstehung, Ausbreitung und Organisation des Perserreiches skizzieren, die Eigenarten zahlreicher Völker schildern und die Spannungen beleuchten, die zu den Auseinandersetzungen zwischen griechischen Poleis und persischer Macht führen. Erzählt werden Ursprünge, Wendepunkte und Begegnungen, stets mit dem Ziel, Ursachen zu ermitteln und Taten dem Vergessen zu entziehen. Die Handlung schreitet in thematischen Bögen voran, die historische Episoden, Lebensläufe bedeutender Herrscher und die Praktiken einzelner Gemeinschaften miteinander verweben, ohne auf simple Erklärungen zu reduzieren.

Als Klassiker gilt dieses Werk, weil es eine neue Prosaform begründet: Geschichte als forschende Darstellung. Herodot wird oft der Vater der Geschichtsschreibung genannt, weil er Ereignisse nicht nur berichtet, sondern Gründe prüft, Alternativen erwägt und die Perspektiven verschiedener Beteiligter sichtbar macht. Zugleich ist es Literatur von hohem Rang: Die Historien haben Erzählweisen geprägt, die von antiker Rhetorik über Renaissance-Humanisten bis zur modernen Reportage reichen. Ihr Einfluss reicht in die Geschichtstheorie, die Ethnographie, die politische Philosophie und die Kunst des Reisens und Beobachtens hinein.

Literarisch beeindruckt das Werk durch kunstvolle Komposition. Herodot schichtet Erzählstränge, nutzt Rückblenden und Vorausdeutungen, setzt Reden, Gleichnisse und Szenenfolge so ein, dass sich gesellschaftliche Ordnungen ebenso zeigen wie individuelle Entscheidungen. Die vermeintlichen Abschweifungen sind oft tragende Pfeiler: Sie liefern Kontext, relativieren Vorannahmen und eröffnen alternative Deutungen. Immer wieder verknüpfen Leitmotive – Grenzüberschreitung, Maß, Wandel des Glücks – ferne Episoden. So entsteht ein Gewebe, in dem Faktenprüfung und narrative Spannung zusammenwirken und die Leserinnen und Leser zu eigener Urteilsbildung anregen.

Methodisch erfindet Herodot die Geschichte als Untersuchung. Er sammelt Berichte, vergleicht Varianten, markiert Hörensagen, nennt Orte, Wege und Praktiken, die er gesehen hat, und wägt Plausibilitäten ab. Er unterscheidet zwischen Beobachtung und Überlieferung, gibt Raum für Unsicherheit und legt Argumente offen, ohne die Vielfalt an Stimmen zu glätten. Dieser methodische Zugriff begründet eine Tradition kritischer Quellenarbeit, die moderne Forschung weiterhin beschäftigt: Wie entsteht Wissen aus Zeugnis, Ortssinn und Vergleich, und wie lässt sich über andere Gesellschaften reden, ohne sie dem Eigenen anzugleichen?

Thematisch kreisen die Historien um Macht und Maß, um den Reiz und die Gefahr der Expansion, um die Fragilität politischer Ordnung und den Wechsel des Glücks. Freiheit und Herrschaft, Gesetz und Willkür, List und Tapferkeit werden nicht abstrakt behandelt, sondern in konkreten Situationen erprobt. Dabei zeigt Herodot, wie Entscheidungen an geographische, wirtschaftliche und religiöse Rahmenbedingungen gebunden sind. Das Werk macht deutlich, dass Handeln in komplexen Netzwerken geschieht – zwischen Menschen, Institutionen, Landschaften und Geschichten, die Erinnerung stiften und künftiges Verhalten prägen.

Besonders nachhaltig ist die ethnographische Dimension. Herodot beschreibt Sitten, Kulte, Wirtschaftsweisen und Alltagspraktiken zahlreicher Gemeinschaften, darunter Lydier, Perser, Ägypter, Skythen, Babylonier und Griechen. Er vergleicht ohne zu nivellieren, zeigt Differenz, wo Gemeinsamkeit vermutet wird, und Gemeinsamkeit, wo Differenz behauptet wird. Solche Passagen öffnen den Blick für kulturelle Logiken jenseits vertrauter Normen. Sie begründen eine Tradition des Reisens als Erkenntnispraxis und liefern frühe, reflektierte Beispiele kulturvergleichender Beobachtung, die bis heute als Ausgangspunkte für Diskussionen über Relativismus, Normenpluralität und Verständigung dienen.

Die Wirkungsgeschichte ist außergewöhnlich. Bereits in der Antike wurde Herodot rezipiert, bewundert und kritisiert; seine Art des Erzählens stand im Dialog mit nüchterneren, enger politisch ausgerichteten Historikern. Später griffen römische Autoren, humanistische Gelehrte und Aufklärer auf ihn zurück, sei es als Modell erzählerischer Anschaulichkeit oder als Prüfstein für Quellenkritik. Moderne Fachwissenschaften haben viele seiner Angaben durch Archäologie, Epigraphik und Papyrologie überprüft, teils bestätigt, teils korrigiert. Unverändert bleibt sein Rang als Erfinder einer Schreibart, die Forschung, Erfahrung und literarische Form zusammenführt.

Auch die Textüberlieferung ist bemerkenswert. Die Einteilung in neun Bücher geht auf die Arbeit hellenistischer Gelehrter zurück; erhalten ist das Werk in antiken Papyri und mittelalterlichen Handschriften, deren Vergleich die Grundlage moderner Ausgaben bildet. Übersetzungen in zahlreiche Sprachen haben den Zugang verbreitert und jeweils eigene Akzente gesetzt, sei es in der Wiedergabe des Tonfalls oder der Terminologie. Kritische Editionen weisen Varianten aus und machen die Schichtung der Tradition sichtbar – ein weiterer Anlass, den Text als Ergebnis fortgesetzter Lektüre- und Forschungspraxis zu verstehen.

Für die Lektüre empfiehlt sich, die Historien als Mosaik zu betrachten, dessen Steine in unterschiedlichen Maßstäben leuchten: lokale Berichte, weiträumige Vergleiche, Biographisches, Institutionelles, Landschaftsbeschreibungen. Wer die wiederkehrenden Motive erkennt und die Bewegungen zwischen Schauplätzen verfolgt, gewinnt ein Gefühl für die innere Ordnung des Ganzen. Sinnvoll ist, zwischen Erzählerstimme, Gewährsleuten und dargestellten Figuren zu unterscheiden. So lassen sich Reichweite und Grenzen des Wissens, das der Text präsentiert, einschätzen – eine Übung, die das Verstehen historischer Darstellung allgemein schärft.

Heute bleibt dieses Buch relevant, weil es zeigt, wie man über die Welt nachdenkt, bevor Disziplinen sich voneinander trennten. Es verbindet faktische Erkundung mit der Frage nach Sinn und Verantwortung, es lehrt Aufmerksamkeit für Perspektivenvielfalt und für die politische Bedeutung von Erzählungen. Angesichts globaler Verflechtungen, kultureller Begegnungen und Konflikte bietet Herodots Ansatz ein Resonanzfeld: neugierig, prüfend, erzählbewusst. Die Historien laden dazu ein, Komplexität auszuhalten, Maß zu bedenken und Freiheit zu verteidigen – Qualitäten, die ihre Zeit überschreiten und das Lesen dauerhaft lohnend machen.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Herodot eröffnet seine Historien mit dem Anspruch, große Taten der Griechen und der „Barbaren“ im Gedächtnis zu bewahren und die Ursachen ihrer Konflikte zu ergründen. Er beginnt mit sagenhaften Entführungen und wendet sich dann den Lydern zu: der Aufstieg ihrer Könige von Gyges bis Kroisos, dessen Reichtum und politische Allianzen skizziert werden. Begegnungen mit Weisen und Orakeln verdeutlichen das Leitmotiv menschlicher Fehlurteile. Kroisos prüft Weissagungen, missversteht ihre Tragweite und greift die Perser an. Parallel schildert Herodot den Aufstieg des Kyros, der die Meder unterwirft. Der Sturz von Sardes bildet einen frühen Wendepunkt und verknüpft lydische, medische und persische Geschichte.

Das zweite Buch dient als große Ägypten-Enquete. Herodot sammelt Berichte über den Nil, untersucht Speisung, Überschwemmungen und Handelswege und vergleicht Sitten, Kult und Begräbnisse mit griechischen Praktiken. Er ordnet die Pharaonen von legendären Gestalten bis zu jüngeren Herrschern, beschreibt Bauwerke, Verwaltung und Heereswesen und notiert zugleich Zweifel an wundersamen Erzählungen. Sprach- und Herkunftsfragen, religiöse Tabus und die Rolle der Priester zeigen sein methodisches Vorgehen: Er referiert unterschiedliche Aussagen, wägt Indizien und macht Abweichungen sichtbar. Ägypten erscheint als alter, geordneter Kulturraum, dessen Institutionen und Wissensbestände Europa an Tiefe und Alter übertreffen.

Im dritten Buch rückt Persien wieder ins Zentrum: Kambyses erobert Ägypten und führt überdehnte Feldzüge, die Herodot als Warnung vor Hybris deutet. Innenpolitische Verwerfungen kulminieren in der Usurpation durch einen als König ausgebenden Magier. Eine Gruppe persischer Adliger stürzt den Betrüger; in einer Grundsatzdebatte werden Regierungsformen abgewogen, bevor Dareios die Herrschaft übernimmt. Herodot beschreibt die Reichsordnung mit Satrapien und Tributen, wirtschaftliche Besonderheiten sowie ferne Regionen und Warenströme. Episoden wie der Aufstieg und Fall des Polykrates illustrieren das Wechselspiel von Glück, Macht und Verwundbarkeit. Maßgeblich ist Herodots Interesse an Motiven, Entscheidungen und ihren oft unbeabsichtigten Folgen.

Buch vier verknüpft Ethnographie und Krieg. Die Skythen werden mit ihren Mobilitätsmustern, Bestattungsbräuchen und Kriegsweisen porträtiert. Dareios’ Feldzug nördlich der Donau zeigt die Schwierigkeit, ein Nomadenvolk zu stellen: Versorgung, Gelände und Täuschungen entscheiden. Herodot schildert die Rolle der Griechen an der Brücke über den Ister und macht damit Loyalitäten im persischen System sichtbar. Anschließend richtet er den Blick nach Libyen: Landschaften, Völker und die Entstehung von Kyrene werden berichtet. Die Kombination aus Ortskunde, genealogen Erzählungen und strategischen Erwägungen verdeutlicht Herodots Methode, Machtpolitik durch Geographie, Sitten und historische Tiefenstrukturen zu erklären.

Im fünften Buch verschiebt sich der Schauplatz in die Ägäis und auf den Balkan. Persische Vorstöße nach Thrakien und Makedonien verankern die Großmacht an Europas Rand. Die missglückte Expedition nach Naxos treibt Aristagoras in den Aufstand: Die Ionische Revolte entsteht, Athen und Eretria leisten begrenzte Hilfe. Die Brandlegung in Sardes verschärft den Konflikt und ruft persische Gegenmaßnahmen hervor. Parallel schildert Herodot innergriechische Entwicklungen, besonders in Athen, wo sich neue politische Ordnungen behaupten. Kommunikations- und Herrschaftswege, darunter die großen Straßen des Reiches, veranschaulichen die Reichweite persischer Macht. Die Voraussetzungen für einen größeren griechisch-persischen Krieg verdichten sich.

Buch sechs führt die Ionische Revolte ihrem Ende zu: Eine Seeschlacht vor Lade und der Fall bedeutender Städte markieren die persische Wiederherstellung der Kontrolle. Daran schließt sich die Bestrafung auswärtiger Unterstützer an. Ein persisches Heer- und Flottenunternehmen richtet sich gegen Eretria und Attika; die Ereignisse kulminieren in einer Schlacht auf attischem Boden, die die Möglichkeiten griechischer Verteidigung unter Beweis stellt. Herodot kombiniert strategische Analysen mit Porträts einzelner Akteure und konkurrierenden Traditionssträngen. Innenpolitische Auseinandersetzungen in Athen, Fragen von Führung und Verantwortung sowie die Grenzen persönlicher Ruhmsuche bilden einen nachwirkenden Themenkomplex dieses Buches.

Im siebten Buch bereitet Dareios’ Nachfolger Xerxes eine erneute Großoffensive vor. Hofdebatten, Beratungen mit Exilgriechen und monumentale Bauleistungen – darunter Brücken über den Hellespont und ein Kanal am Athos – zeigen die organisatorische Kraft des Reiches. Herodot listet Kontingente und macht die Vielfalt der Truppen sichtbar. Auf griechischer Seite formieren sich Bündnisse unter spartanischer Führung; strategische Engstellen werden ausgewählt. An Thermopylen stemmt sich ein kleines Korps gegen die Übermacht, während zur See bei Artemision manövriert wird. Herodot betont Entscheidungssituationen, Spionage, Ratschläge und die Spannungen zwischen Mut, Gesetzestreue und taktischer Vernunft.

Buch acht verlegt den Schwerpunkt auf den Seekrieg und Attika. Athen evakuiert Bevölkerung und Heiligtümer, die Perser besetzen und verwüsten die Stadt. Innerhalb des griechischen Bündnisses ringen Strategien um Vorrang: Kontroversen über Rückzug, Stellung und Führung werden ausgetragen. Themistokles’ Einfluss und das Kalkül, die persische Flotte in enge Gewässer zu ziehen, prägen den Verlauf. Die anschließende Seeschlacht verschiebt das Kräfteverhältnis spürbar; der persische König zieht sich mit Teilen des Heeres zurück und lässt eine starke Landstreitmacht in Griechenland. Herodot verflicht taktische Beobachtungen mit Reflexionen über Schein, Täuschung und die Bedeutung maritimer Stärke.

Das neunte Buch schildert die Entscheidungskampagnen an Land und in der Ägäis. Persische Diplomatie versucht, Städte zu isolieren; Athen wird erneut geräumt. Die griechische Koalition sammelt sich in Böotien: Disziplin, Logistik und religiöse Vorzeichen beeinflussen das Handeln. Eine große Landschlacht bringt die Wende zugunsten der Griechen; nahezu zeitgleich wird an der kleinasiatischen Küste eine persische Flotte gestellt, was dort Erhebungen befördert. Im Anschluss rücken die Griechen an die Meerengen vor und nehmen Schlüsselstellungen. Herodot schließt mit Episoden über Maß, Gier und Erinnerung. Sein Werk bleibt als frühe, kritisch reflektierte Untersuchung von Macht, Kulturkontakt und menschlichem Handeln bedeutsam.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Herodots Historien entstanden im 5. Jahrhundert v. Chr., in einer Ära tiefgreifender politischer und kultureller Umbrüche im östlichen Mittelmeerraum. Der Autor stammte aus Halikarnassos in Karien, einer griechischen Stadt unter persischer Oberherrschaft, und schrieb in ionischem Griechisch. Sein Werk reflektiert eine Welt, in der die griechische Polisordnung, lokale Tyrannis und aufstrebende Demokratien neben dem großflächigen Achaimenidenreich koexistierten. Panhellenische Heiligtümer wie Delphi wirkten als Kommunikations- und Autoritätsknoten. Zwischen Küstenstädten der Ägäis und den imperialen Machtzentren in Susa, Ekbatana und Persepolis verdichteten sich Handelswege, Militärrouten und kultureller Austausch, die den Hintergrund der Bücher 1–9 bilden.

Im Vordergrund steht die Expansion des Achaimenidenreiches von Kyros II. über Kambyses bis Dareios I. und Xerxes. Die persische Herrschaft stützte sich auf Satrapien, eine gestufte Verwaltung, Tributsysteme und eine effiziente Nachrichtenübermittlung, verkörpert durch die königliche Straße und das Angarium. Herodot rahmt diese Strukturen als Bedingungen für rasche Feldzüge und imperialen Zugriff, zeigt jedoch auch Reibungsflächen mit lokalen Eliten, Stadtstaaten und religiösen Autoritäten. Diese Konstellation erklärt, warum regionale Konflikte – in Lydien, Ägypten oder Ionien – imperiale Dimensionen erhielten und letztlich in die großen persisch-griechischen Kriege mündeten.

Die Lydier, unter Krösus als mächtige Regionalmacht in Westkleinasien, stellen in Buch 1 den Auftakt. Lydien war ein Vermittlungsraum zwischen Inland und Ägäis, bekannt für frühe Elektron- und Goldmünzen, die monetäre Transaktionen erleichterten. Herodot verbindet Krösus’ Aufstieg, seine Bündnisse mit griechischen Städten und seine Niederlage gegen Kyros II. mit der Integration der ionischen Küsten in die persische Sphäre. Die Eroberung von Sardes um die Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. verschob Macht- und Handelsachsen. So erklärt sich, wie griechische Gemeinwesen in Asien bald direkt auf persische Politik reagieren mussten.

Parallel zeichnet Herodot den Übergang der Großmächte im Vorderen Orient: von den Mederdynastien zu den Persern, von neubabylonischer zu achaimenidischer Dominanz und die Unterwerfung Ägyptens. Kambyses’ Feldzug nach Ägypten verknüpft er mit Verwaltungs- und Kultfragen, während Dareios’ Konsolidierung – inklusive Steuerlisten und Inschriftenpolitik – in ein geordnetes Reich führt. Buch 2 nutzt Ägypten als Schauplatz ethnografischer Beobachtungen, in denen Herodot Sitten, Kultpraktiken und materielle Kultur beschreibt. Diese Passagen unterstreichen die Vielfalt im Reich und bereiten Verständnis für Loyalitäten, Spannungen und Wissensaustausch, die die politischen Ereignisse strukturieren.

Im ionischen Küstenraum herrschten unter persischer Oberhoheit oft Tyrannen, deren lokale Netzwerke einerseits Stabilität, andererseits Widerstand provozierten. Die Ionische Revolte (ca. 499–494 v. Chr.) bildet einen Wendepunkt: angefacht durch städtische Eliten, unterstützt zeitweise von Athen und Eretria, kulminierte sie in der Brandlegung von Sardeis und der Niederlage bei Lade. Herodot verknüpft politische Motive mit wirtschaftlichen Interessen und maritimen Ressourcen der Insel- und Küstenstädte. Das Scheitern der Revolte verschärfte persische Eingriffspläne in Griechenland und machte die Ägäis zur strategischen Schwelle zwischen imperialer Integration und polisbasierter Autonomie.

In Athen prägen nach dem Sturz der Peisistratiden die Reformen des Kleisthenes (508/7 v. Chr.) institutionelle Innovationen: neue Phylenordnung, Rat der Fünfhundert, und Praktiken wie die Ostrakismos-Abstimmung. Diese Veränderungen schufen eine breitere politische Teilhabe und stärkten die Kapazität der Stadt, Ressourcen zu mobilisieren. Herodot spiegelt diese Entwicklung, indem er kollektive Entscheidungen, die Rolle von Strategen und die wachsende maritime Ausrichtung betont. Die Erschließung der Silbervorkommen von Laurion und der Ausbau einer Flotte werden in der Folge zu strukturellen Voraussetzungen der griechischen Gegenwehr, besonders im Vorfeld von Salamis.

Sparta erscheint bei Herodot als konservative Kraft mit dualem Königtum, Ältestenrat und Ephorat. Die hoplitische Ordnung, auf einer strengen Bürger- und Helotenstruktur ruhend, stützte die militärische Schlagkraft und die Führungsrolle im Peloponnesischen Bund. Dieser Bund koordinierte die Landverteidigung Griechenlands und ist zentral für Thermopylai und Plataiai. Herodot hebt die institutionelle Stabilität Spartas hervor, aber auch Spannungen zwischen spartanischer Vorsicht, rivalisierenden Interessen der Poleis und dem Drang, panhellenische Solidarität zu behaupten, ohne lokale Hegemonieansprüche preiszugeben.

Religiöse Autorität bildete eine verbindende Ebene. Orakel, besonders Delphi, fungierten als Legitimationsinstanz für strategische Entscheidungen und als Informationsdrehscheibe. Herodot dokumentiert Orakelsprüche, Opferpraktiken und regionale Kultnormen, die politischen Kurs beeinflussten – von Krösus’ Anfragen bis zu griechischen Bündnisdebatten. Sein Werk verknüpft religiöse Deutung mit der Idee von Maß und Hybris: Herrscher scheitern, wenn sie göttliche Warnungen missachten oder Grenzen überschreiten. Gleichzeitig zeigt er kontrastierende Nomoi, die Relativität von Sitte und Gesetz, und macht verständlich, warum Entscheidungen in Krisen nicht allein machtpolitisch, sondern rituell gerahmt werden.

Militärisch markiert der Übergang von Land- zu Seekrieg das Zeitalter. Die griechische Hoplitenphalanx stützte sich auf schwerbewaffnete Bürger, während persische Armeen diverse Kontingente integrierten, von Reiterei bis Bogenschützen. Die Triere als wendiges Ruderkriegsschiff, mit Rammsporn und geübter Mannschaft, veränderte Strategie und Logistik. Herodot beschreibt technische Großprojekte wie Xerxes’ Brücken über den Hellespont und den Kanal am Athos, die imperialen Willen und organisatorische Leistungsfähigkeit illustrieren. Solche Infrastrukturen und Flottenentscheidungen erklären, weshalb die Auseinandersetzung 480–479 v. Chr. eine maritime, mobilitätsgetriebene Dimension erhielt.

Wirtschaftlich verbanden Münzprägung, Tribute und Fernhandel die Regionen. Lydische und später persische Gold- und Silberprägungen, darunter Dareiken, erleichterten Steuererhebung und Soldzahlungen. Die königliche Straße und stationierte Boten erhöhten Verlässlichkeit und Tempo von Abgabenflüssen. Griechische Städte profitierten vom Mittelmeerhandel mit Getreide, Holz und Metall; Insellagen und Häfen wurden strategische Kraftquellen. Herodot weist auf Tribute, Vorratswirtschaft und Ressourcensteuerung hin, die Großoperationen wie die Xerxes-Invasion ermöglichten. Diese materiellen Grundlagen helfen zu verstehen, weshalb einige Poleis langfristig Flottenfinanzierung priorisierten, andere hingegen defensive Landstrategien bevorzugten.

Herodots ethnografische Exkurse – zu Skythen, Libyern, Persern oder Indern – spiegeln das Interesse, Machtpolitik durch Umwelt, Brauch und Wirtschaftsweise zu kontextualisieren. Er berichtet, was er sah, hörte oder aus verschiedenen Quellen prüfte, und deutet Zusammenhänge zwischen Klima, Lebensform und Kriegsführung. Diese Beschreibungen umrahmen geopolitische Grenzen und Ressourcenverteilungen, zum Beispiel die Beweglichkeit skythischer Reiter oder den Nil als Lebensader Ägyptens. Auch wenn Details diskutiert werden, zeigen die Exkurse die Wissensökonomie der Zeit, in der geographische und ethnische Kenntnisse unmittelbar strategische Relevanz besaßen.

Schriftkultur und Mündlichkeit prägten die Wissensvermittlung. Die griechische Alphabetisierung erleichterte Prosa, Listen und administrative Aufzeichnungen, während öffentliche Vorträge und Erinnerungskultur weiterhin dominierend blieben. Herodot bezeichnet sein Werk als historíe, als Untersuchung, die Sagen, Zeugenberichte und Dokumente prüft. Er integriert Reden, Orakelsprüche und Vertragsformeln, um Motive und Entscheidungen sichtbar zu machen. Die Verfügbarkeit von Papyrus und Archiven, etwa in ägyptischen oder persischen Verwaltungszentren, begünstigte die Sammlung von Informationen, deren Vergleichbarkeit er durch narrative Struktur, Quellenangaben und begründete Skepsis herzustellen versucht.

Zu den auffälligsten Reflexionen gehört der sogenannte Verfassungsstreit in Buch 3, der Monarchie, Oligarchie und Isonomie gegeneinanderstellt. Ungeachtet seiner literarischen Form spiegelt er politische Debatten jener Jahrzehnte, in denen Demokratie, aristokratische Ordnungen und Tyrannis konkurrierten. Herodot nutzt das Motiv, um Herrschaftslegitimation, Rechtsgleichheit und Korruptionsanfälligkeit zu problematisieren. Damit verbindet er griechische Erfahrungswerte – insbesondere in Athen – mit dem persischen Kontext. Der Diskurs zeigt, wie politische Ideen reisefähig werden und wie theoretische Modelle als Folie dienen, um Machtwechsel und Stabilisierung in Großreichen wie in Stadtstaaten zu deuten.

Der direkte Konflikt kulminiert in den Perserkriegen: der Feldzug von 490 v. Chr., der bei Marathon endet, und die Großinvasion 480–479 v. Chr. unter Xerxes mit Thermopylai, Salamis, Plataiai und Mykale. Herodot ordnet diese Ereignisse in längere Vorgeschichten ein: Ionische Revolte, Botenforderungen, Bündnisverhandlungen und Kontroversen über Strategie. Die Mischung aus taktischen Details, Ressourcenfragen und Orakelpolitik verdeutlicht, wie knapp Entscheidungen ausfallen konnten. Sein Fokus auf vielfältige griechische Stimmen und persische Entscheidungswege unterstreicht, dass der Ausgang nicht aus kultureller Überlegenheit erklärt wird, sondern aus Konstellationen von Führung, Zufall, Planung und Risiko.

Nach den Siegen formierten sich neue Machtbalancen. Die Befreiung ionischer Städte und die Sicherung der Seewege legten den Grund für eine stärkere attische Präsenz in der Ägäis. Obwohl Herodots Erzählung mit den Ereignissen von 479 v. Chr. ausklingt, ist erkennbar, dass maritime Kooperationen und fortgesetzte Operationen gegen persische Stützpunkte eine neue Ordnung anbahnten. Spätere Entwicklungen wie der Delische Bund folgen daraus, doch das Werk selbst belässt es bei der Darstellung der Voraussetzungen: der ökonomischen Ressourcen Athens, der militärischen Expertise Spartas und der anhaltenden persischen Fähigkeit, Grenzräume zu beeinflussen.

Methodisch positioniert sich Herodot zwischen Tradition und Innovation. Er sammelt divergierende Berichte, nennt Gewährsleute, vergleicht Versionen und markiert Zweifel. Seine Aufmerksamkeit für Kausalität – insbesondere menschliche Motive, Interessen und Hybris – wird später von Thukydides kritisch weiterentwickelt, doch schon Herodot vermeidet reine Wundererzählung. Parallelen zu außergriechischen Quellen wie der Behistun-Inschrift beleuchten, wo sich persische Selbstdeutung und griechische Wahrnehmung überlagern oder widersprechen. Damit zeigt sich das Werk als frühe Schnittstelle zwischen lokaler Erinnerung, imperialer Propaganda und analytischer Geschichtsschreibung.

Kulturell reflektieren die Historien eine Welt intensiver Interaktion: phönizische Seefahrt, ägyptische Gelehrsamkeit, persische Hofrituale und griechische Festkultur. Herodot zeigt Übersetzungsprozesse zwischen Sprachen, Rechtstraditionen und religiösen Praktiken. Technologische Errungenschaften – von Brückenschlägen über Kanalbau bis zur Trierenlogistik – erscheinen als gemeinsame Ressource und als Feld politischer Konkurrenz. Dieser Fokus auf Transfer entkräftet starre Zivilisationsgrenzen und verdeutlicht, dass politische Macht auch auf der Fähigkeit beruht, fremdes Wissen zu adaptieren und in eigene Strategien zu integrieren, ohne lokale Identitäten zu zerstören oder zu missachten – ein Balanceakt, der häufig misslang. Schließlich kommentiert das Werk seine Zeit, indem es Macht in Zyklen beschreibt: Aufstieg, Überschreitung, Vergeltung. Herodot verbindet moralische Maßstäbe mit empirischer Sammlung und legt so eine Kritik imperialer Selbstüberschätzung vor, ohne griechische Fehlleistungen zu verschweigen. Die Betonung von Erinnerung als Schutz gegen Vergessen, die Anerkennung kultureller Vielfalt und die Analyse von Institutionen liefern eine Diagnose der politischen Moderne des 5. Jahrhunderts v. Chr. Die Historien wirken dadurch als Mahnung und als Archiv – ein Versuch, Freiheit, Ordnung und Vernunft im Strom der Ereignisse sichtbar zu halten.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Herodot von Halikarnassos, aktiv im 5. Jahrhundert v. Chr., gilt seit der Antike als „Vater der Geschichte“. Seine Zeit fällt in die Epoche der Perserkriege und der politischen wie kulturellen Blüte des klassischen Griechenlands. Sein erhaltenes Hauptwerk, die Historien, eröffnet mit einer Erklärung seiner „Nachforschung“ und erzählt die Entstehung des Perserreichs sowie die Ursachen und Verläufe der griechisch-persischen Auseinandersetzungen. Zugleich sammelt es Erkundungen über Länder, Sitten und Mythen vieler Völker. Herodots Bedeutung liegt in der Verbindung von kritischer Quellenbefragung, ethnografischer Neugier und erzählerischer Gestaltung, die spätere Geschichtsschreibung maßgeblich beeinflusste. Er wirkte als Reisender, Beobachter und Autor.

Über Herodots Ausbildung sind keine verlässlichen Einzelheiten überliefert; er entstammte jedoch dem ionisch-griechischen Milieu von Halikarnassos in Karien, damals unter achämenidischer Herrschaft. Sein Werk steht in der Tradition der frühen Prosaschreiber (Logographen) und zeigt deutliche Auseinandersetzung mit Hekataios von Milet. Zugleich verarbeitet er Motive und Erzählweisen aus dem epischen Erbe Homers, etwa in Reden, Katalogen und heroischen Rahmen. Die geistige Umgebung der ionischen Forschung – Interesse an Ursachen, Natur und Ethnografie – prägte sein Verfahren der „historiē“, verstanden als systematische Erkundung. Er vereint mündliche Überlieferung, eigene Beobachtung und berichtete Aussagen zu prüfbaren Erzählzusammenhängen.

Seinen eigenen Berichten zufolge reiste Herodot durch Teile Kleinasiens, über die Ägäis und nach Ägypten, besuchte Regionen am Schwarzen Meer sowie Orte im Nahen Osten. Diese Wege dienten der Sammlung von Logoi, Ortsbesichtigungen und Zeugenbefragungen. Er kennzeichnet häufig, was er selbst gesehen hat und was er aus fremder Auskunft übernimmt, und vermerkt Widersprüche zwischen Varianten. Wo Beweise fehlen, bietet er mehrere Erklärungen nebeneinander und nennt Gründe für seine Präferenzen. Seine Reiseerfahrungen tragen zur dichten Beschreibung von Landschaften, Bräuchen und Kulten bei, die den Horizont der griechischen Leserschaft deutlich erweiterten. Zugleich reflektiert er die Grenzen des Wissens.

Die Historien, in der hellenistischen Zeit in neun Bücher eingeteilt, beginnen mit Kroisos von Lydien und führen über die Herrscher Kyros, Kambyses, Dareios und Xerxes zur griechischen Abwehr der Invasionen. Herodot verfolgt Ursachenketten politischer Entscheidungen, analysiert Logistik, Topografie und Seemacht, und fügt Exkurse über Ägypter, Skythen, Perser und andere ein. Orakel, Träume und Vorzeichen erscheinen als Teil historischer Erfahrung, deren Deutungen er registriert. Stilistisch nutzt er Reden, Anekdoten und Kataloge, ohne die eigene Stimme zu verlieren. Das Werk ist zugleich Geschichtsschreibung, Ethnografie und Erzählkunst, getragen von der Leitfrage nach Ursprung und Wandel von Macht.

Zeitgenössische und spätere Leser schätzten Herodots Anschlussfähigkeit: Sein Werk ließ sich vortragen, auszugshaft zitieren und in ganzen Teilen rezipieren. Die antike Tradition überliefert hohe Wertschätzung, zugleich aber den Vorwurf des Anekdotischen. Thukydides positionierte seine streng politische und militärgeschichtliche Methode implizit in Abgrenzung zu Herodots weiterem Horizont. Spätere Autoren, darunter Plutarch, kritisierten ihn fallweise wegen Parteilichkeit; andere lobten seine Vielstimmigkeit. Bereits in der Antike nannte Cicero ihn „pater historiae“. Diese ambivalente Resonanz machte die Historien zu einem Prüfstein dafür, wie erzählende Form und kritische Prüfung zusammenwirken können. Rezeption und Kritik begleiteten die Überlieferung durch hellenistische Gelehrte und römische Literaten.

Herodots Denken kreist um das Wechselspiel von menschlicher Entscheidung, Zufall und göttlicher Fügung. Wiederkehrende Motive sind Hybris und Vergeltung, die Verwundbarkeit großer Reiche und die Macht des nomos, also der Sitte. Berühmt ist die Einsicht, dass „der Brauch König“ sei, formuliert an Beispielen aus Griechenland, Persien und Ägypten. Er stellt kulturelle Relativität nicht zynisch, sondern als Erkenntnismittel dar: Wer vergleicht, versteht Ursachen. Diese Haltung trägt seine Darstellungen von Herrschaft, Diplomatie und Krieg, ohne ihren moralischen Ernst zu mindern. So verbindet er Empirie mit Reflexion über Grenzen von Wissen, Erinnerung und Erzählbarkeit.

Über Herodots spätere Jahre ist wenig Sicheres bekannt. Antike Zeugnisse verorten ihn schließlich in Thurioi in Unteritalien, einer panhellenischen Gründung des 5. Jahrhunderts v. Chr., wo er nach verbreiteter Ansicht auch gestorben sein könnte. Sein Nachruhm reicht durch die Spätantike, den Humanismus und die moderne Altertumswissenschaft. Übersetzungen und Kommentare diskutieren bis heute seine Quellenkritik, Geographie und Ethnografie. In der Forschung gilt er als grundlegender Erzähler historischer Kausalität und als Wegbereiter vergleichender Kulturbeobachtung. Sein Werk bleibt ein Schlüsseltext, um die Entstehung kritischer Geschichtsschreibung und die Vielfalt antiker Erfahrungen zu verstehen. Seine Wirkung ist interdisziplinär.

Herodots Historien (Buch 1-9)

Hauptinhaltsverzeichnis
Einleitung
Erstes Buch: Klio
Zweites Buch: Euterpe
Drittes Buch: Thalia
Viertes Buch: Melpomene
Fünftes Buch: Terpsichore
Sechstes Buch: Erato
Siebentes Buch: Polyhymnia
Achtes Buch: Urania
Neuntes Buch: Kalliope

Einleitung

Inhaltsverzeichnis

Seit langer Zeit trägt Herodot allgemein den Ehrentitel des Vaters der Geschichte. Er verdient diesen Namen nicht sowohl wegen des Alters seiner Schrift, der ältesten historischen, die wir von Griechen besitzen, als vielmehr wegen seiner vortheilhaften Auszeichnung vor Allen, die vor ihm für die Geschichte gearbeitet hatten, namentlich durch den Umfang und Reichthum des Stoffes, den er gesammelt bat, und durch die Zweckmäßigkeit und Schönheit der Form, die ihm eigen ist. Das Vaterland unsers Geschichtsschreibers, das kleinasiatische Griechenland, hatte bekanntlich den lebendigen Hellenischen Volksgeist leichter und schneller entfaltet, als das Mutterland selbst: die Reime der Kunst und der Cultur überhaupt, welche seine Söhne aus diesem mitgebrachthatten, waren schnell zu üppigen Blüthen erwachsen. Der glückliche Himmel und Boden Ionien's und der nahen Inseln, aufregende Kämpfe mit den alten Landesbewohnern, vielfacher Verkehr mit nähern und entferntern Nachbarn, die günstige Lage für Schiffahrt, Handel und Gewerbewesen, alles vereinigte sich, um hier ein reiches, bewegliches Städteleben zu bilden. Von der ersten kräftigsten Periode dieser Entwicklung hatte schon Jahrhunderte vor Herodot das Ionische Epos Zeugniß gegeben; für die innern Reibungen wurden die frühen Tone der Ionischen und Aeolischen Leyer, für die verfeinerte Ausbildung sinnlichen Genusses und gemüthlichen Lebens würde eben diese Poesie, für die steigende Cultur des Geistes die Ionische Philosophie beweisen, wenn wir auch nichts mehr wußten von den rüstigen Kämpfen, von den immer erweiterten Seefahrten, von den zahlreichen Colonien dieser aufgeweckten Volksstämme, und von dem Reichthum und Luxus, zu welchem ihre Städte sich erhoben. Bei allen Völkern waren es gerade solche Zeiten des Aufblühens, ein so betriebvolles Gesellschaftsleben, von nothwendiger Erweiterung der Natur- und Menschenkunde begleitet, mit aufregenden Bedürfnissen und lehrreichen Erfahrungen verbunden, welche die Bildung einer Geschichte und Geschichtschreibung herbeiführten. So hatte sich auch in Kleinasien, ungefähr ein Jahrhundert vor Herodot, die Prosa schriftlich zu bilden angefangen, und es entstanden da und dort Aufzeichnungen alter Ueberlieferung und neuer Erfahrung. Diese trugen den ziemlich unbestimmten Namen Logoi (λόγοι[1]), welcher Sagen und Geschichten aller Art, Gegenstände des Wissens überhaupt und selbst solche der Dichtkunst unter sich begriff, womit jedoch auch noch unser Herodot seinen Stoff und die Mittheilung derselben bezeichnet. Es ist daher gewöhnlich geworden, diese Art alter Geschichtschreiber unter dem Namen Logographen zusammen zu fassen. Natürlich konnten diese ersten Historischen Versuche anfangs nicht wohl in etwas Anderen bestehen, als in bloßer Meldung jener geheiligten Sagen, die, bisher in den Dichtungen und im Volksglauben lebend, die einzigen Ueberlieferungen aus der Vergangenheit ausmachten, und ohne, ihrer Natur nach, eine kritische Behandlung zuzulassen, nur gesammelt und geordnet werden konnten; aber auch dieß Letztere nicht auf umfassende Weise, da die Verfasser zunächst und großentheils auf das Anhören von örtlichen Sagen und die Betrachtung von Lokaldenkmälern beschränkt waren. Auch Das, was näher mit der Gegenwart zusammenhing, und wozu äussere Verhältnisse Veranlassung gaben, konnte sich nicht viel über Stammes-, Stadt- und Familiengeschichte ausdehnen; nur daß zu einiger Belebung solcher Genealogien und Specialgeschichten einerseits ihre Mitgabe aus der alten Glaubenswelt, die sich mährchenartig umgestaltete, andrerseits allmählige Fortschritte in der Natur- und Länderkenntniß, endlich auch die eigenen Combinationen beitrugen, in welchen sich die Logographen oft ziemlich willkührlich versuchten. Als jedoch der Handel, die Reisen in's Ausland, besonders Seefahrten den Horizont erweiterten, da mußte die Geschichte durch die immer wachsende Länder- und Völkerkunde neue Nahrung und Kraft gewinnen. Dazu kam noch, daß nun auch das politische Leben in Ionien, namentlich, durch das Herandrängen Asiatischer Mächte in größere Bewegung versetzt, auch die historische Thätigkeit lebhafter aufregte und beschäftigte. So war es denn gerade die Zeitperiode, in welcher das kleinasiatische Griechenland die ersten, schönsten Blüthen abfallen sah, die ihm schneller und üppiger, aber auch minder kräftig, als dem Mutterlande aufgegangen waren: es war gerade diese Zeit der Stürme, in welcher die Ionische Geschichtschreibung zu reifen begann. Kurz vor Herodot erhielt so die Geographie, die Grundlage der Geschichte, mehr Umfang und Bestand, die Kenntniß der Hauptvölker und ihrer Schicksale mehr Hülfsmittel und das historische Urtheil größere Reife. Auf dieser Stufe stand der Milesische Logograph Hekatäus, dessen Blüthe ungefähr fünfzig Jahre früher fällt, als die des Herodot. Er spielte eine Rolle in der damaligen unruhigen Zeitgeschichte, 1 und wegen seines freieren Blickes, insbesondere wegen der Erdbeschreibung und Geschichtbücher, die er ausgearbeitet und wozu er den Stoff, wie nach ihm Herodot, auf Reisen gesammelt hatte, kann er als ein Vorläufer Desselben betrachtet werden. Wir lernen Dieß zum Theil daraus, daß Herodot ihn mehrmals namentlich berücksichtigt, 2 ja auch einigemal ohne Nennung tadelt; 3 was hier um so mehr Erwähnung verdiente, da Hekatäus höchstwahrscheinlich, der einzige Logograph ist, dessen Schriften Herodot nicht sowohl benützte als kannte. Denn daß wir die vollkommenste Frucht der Ionischen Geschichtschreibung, das Werk Herodot's, uns nicht aus vorangegangenen Arbeiten zu erklären haben, sondern theils aus den bildenden Zeit verhältnissen im Allgemeinen, theils aus seinem besondern Leben, das sollte die obige Darstellung jener, das soll nun weiter der Abriß dieses Lebens selbst beweisen, so weit wir ihn zu geben im Stande sind.

In der vierundsiebzigsten Olympiade erstem Jahre (v. Chr. 484.), zu Anfang der Regierung des Xerxes[2], zehn Jahre nach dem Aufstand der Asiatischen Griechen gegen die Persische Obermacht, sechs nach der Schlacht bei Marathon, wurde Herodot aus einem edeln Geschlecht 4 in Dorischen Halikarnaß geboren, der Hauptstadt des kleinen Carischen Königreiches, welches damals die Königswitwe Artemisia beherrschte, wiewohl dem Xerxes zinspflichtig, dem sie auch, als Herodot vier Jahre alt war, auf seinem Zug gegen Griechenland mit fünf Schiffen folgte, und durch klugen Rath sowohl als durch ihre Tapferkeit bei Salamis Achtung und Vertrauen abgewann. 5 Mag es seyn, daß vor dem Enkel dieser Artemisia, dem Tyrannen Lygdainis, 6 der herangewachsene Herodot nach Samos floh, und von da in's Vaterland zurückgekehrt, die Vertreibung desselben erkämpfte: Dieß ist es nicht, was uns sein Leben denkwürdig macht; Herodot's Reisen, welchen sein unsterbliches Werk bei weitem den größten Theil des Inhalte und dabei seine Anschaulichkeit und sinnliche Anmuth verdankt, bleiben das Wichtigste was wir aus seinem Leben wissen. Zwar wir haben noch eine Sage, wie Herodot zu Olympia den versammelten Hellenen seine Geschichte vorgelesen, wobei der Knabe Thucydides weinte; allein wenn wir diese Anekdote (aus Lucian, Suidas, Photius) auch so weit verstümmeln, daß wir ihn nur das erste Buch (Asiatischer Geschichten) in einer seiner jetzigen ungleichen Gestalt vortragen lassen, damit die Vorlesung in die alleinpassende einundachtzigste Olympiade (v. Chr. 456.), des Herodot zweiunddreißigstes und des Thucydides fünfzehntes Lebensjahr, noch gesetzt werden kann: so steht sie doch zu unsers Historikers und seines Werkes Character in keiner merklichen Beziehung, und sieht habe sie auch Lucian nicht rein aus der Luft gegriffen - der Erfindung eines Grammatikers sehr ähnlich.

Auch die andere Nachricht von einer spätern 7 Vorlesung zu Athen an den Panathenäen, wofür er von dieser Stadt mit zehn Talenten Tod belohnt worden seyn, könnte wenigstens ebenso gut durch die doch gar nicht panegyrische - Verherrlichung Athen's in seiner Schrift veranlaßt worden seyn, als die zwei bekannten Mährchen von einer Geldforderung Heros dot's, die ihm die Corinther und die Thebaner abgeschlagen hätten, daraus sich erklären, daß man den Schatten wegnehmen wollte, der in seinen unparteiischen Geschichten auf jene beiden Städte fällt. 8

Nur eine Thatsache aus Herodot's Leben bestätigt sich hinlänglich. Er mag schon einige Zeit in Athen sich aufgehalten haben, als die Sybariten, durch die Krotoniaten ihres Vaterlandes beraubt, Gesandte nach Griechenland schickten um Unterstützung ihrer Heimkehr und Verstärkung ihrer neuen Ansiedlung; welche Bitte Sparta abwies, Athen dagegen erfüllte, indem es durch Herolde in ganz Griechenland zur Theilnahme an der Colonie aufrufen ließ, und zehn Schiffe nebst den Anführern Lampon und Xenocrates hergab. So ward um's zwölfte Fahr vor dem Peloponnesischen Krieg (ungefähr 444 v. Chr.) unweit des zerstörten Sybaris, an der Duelle Thuria, einem Apollinischen Orakel gemäß, Thurium (Thurii) gegründet. Dieser Colonie schloß sich auch unser Geschichtschreiber entweder gleich an in seinem vierzigsten Jahr, oder folgte ihr etwas später nach. Aber die zwei vorhergehenden Jahrzehende seines Lebens waren ohne Zweifel durch die meisten jener bedeutenden Reisen ausgefüllt, von welchen und allein seine Geschichtbücher selbst, wenn auch nicht durchaus bestimmte, doch viele sichere Zeugnisse liefern. Scharfsinnige Forscher haben diese zusammengestellt, und daraus den Umfang von Herodot's autoptischer Länder- und Völkerkunde nachgewiesen; wie denn auch keinem aufmerksamen Leser seiner Musen das Hauptsächlichste davon entgehen kann. Demnach hat er die Griechischen Küsten Vorderasien's mit den zugehörigen Inseln, was wir, nach Herodot selbst, unter dem Namen Ionien im weitern Sinn des Worts zusammenfassen können, vielfach, besucht und beschaut; hat Lydien's Merkwürdigkeiten und seine Hauptstadt Sardes gesehen, und ist nicht nur über den östlichen Grenzstrom des lydischen Gebietes, den Halys, gegangen, dessen lauf er so genau beschreibt; er hat auch den Norden Kleinasiens bereist, mit den Pontischen Hellenen gesprochen, und ist bis zum Phasis gedrungen (nach Herodot Asien' nördliche Grenze), wo er die Colchier kennen lernte. Von den Caucasischen Völkern aber weiß er nur vom Hörensagen, wenn er auch vielleicht an's Caspische Meer gekommen ist. Die südlichen Theile Vorderasiens ließ er auch nicht unbesucht. Insbesondere hat der, von ihm vollständig beschriebene Weg, welcher von Ephesus über Sardes durch Phrygien, Cappadocien und sofort bis nach Susa hinaufging, ohne Zweifel auch unsern Herodot selbst in's innere Asien geführt. Da hat er den Euphrat und den Tigris gesehen und Babylon, das, wiewohl seine Mauern geschleift, seine Söhne unter die Perserherrschaft gedemüthigt waren, ihn noch durch Denkmäler seiner alten Hoheit, durch seinen Reichthum und seine üppige Fruchtbarkeit staunen machte. In Medien betrachtete er Ekbatana, die alte Stadt des Dejoces, mit ihren farbigen Ringmauern; in Arderikka fand er die von Darius hieher versetzten Eretrischen Gefangenen, und mag leicht in Susa, der Persischen Königsstadt selber gewesen seyn. Aber was hinter Persien lag, sah er nicht mehr; und Indien nicht minder, als die nördlichen, jenseits des Araxes und vom Scythenland östlich wohnenden Völker schwanden ihm in die Nebel der Sage. Dagegen vom westlichen Asien hat er auch den Küstenstrich, der nach Süden hin und mit Libyen (Afrika) zusammenläuft, Syrien, Phönicien und Palästina bereist. Dort sah er in Ascalon den Tempel der Venus Urania; in Palästina verglich er Cadytis (sey es nun Jerusalem oder nicht) in eigener Anschauung mit Sardes, und in Tyrus fragte er persönlich nach dem Alter des dortigen Heraklestempels. Ja, auch Arabien hat er betreten; obgleich er das Meiste, was von dessen Schätzen in seinen Büchern steht, der Fabel nacherzählen mußte.

Arabien's Busen hat er befahren und gemessen. Minder bekannt ist ihm das Indische Meer (welches er das rothe, im weitern Sinn als wir, sonst wohl auch das südliche nennt), und gar nicht, wie es scheint, der Persische Meerbusen. In jene untern Theile Asien's kam er zu Schiffe von Aegypten aus, wohin er gleichfalls zur See auf dem gewöhnlichen Wege der Griechea durch's Mittelmeer gekommen war. Wenn er denn also zuerst Kleinasien und von da aus das innere Asien besucht hat, so wird seine Fahrt in's eigentliche Griechenland und auch ein Theil seiner Griechischen Reisen zwischen die Innerasiatische und die Aegyptische Reise gefallen seyn, von welcher er dann über Syrien wieder nach Hellas zurückgekehrt seyn wird.

Als reifer Geschichtforscher - Dieß ist klar - hat er Aegypten mit vielseitiger Aufmerksamkeit durch forscht, und, wie er in richtiger Ansicht dieses Land1es feiner Zeit weit vorangegangen, so ist er noch jetzt eine Hauptquelle für die Kunde desselben. Mit welcher Sorgfalt hat Herodot am Nil verweilt, nach seinen Quellen, der Ursache seines Anschwellens geforscht, die Mündungen und das Werk dieses Stromes, wofür er's erkannte, das Deltaland kennen gelernt! Hier betrachtete er die Königsstadt Saïs, wo er in den Geheimdienst des Osiris einging, und Buto mit dem Latonaheiligthum und seiner schwimmenden Insel. Aber auch das hochgelegene Bubastis (gegen den östlichen Nilarm hin) war ihm merkwürdig, und der klarsten Anschauung verdanken wir die liebliche Zeichnung des dortigen Artemistempels. An der Pelusischen Mündung selbst beschaute er die Gebeine des Schlachtfeldes, auf welchem Cambyses das Heer Psammetich's besiegt hatte, und eine Bemerkung, die er hier macht, lehrt und nicht nur, daß er auch im westlich gelegenen Papremis war, sondern zugleich, daß Herodot's Aufenthalt in Aegypten zwischen sein dreißigstes und vierzigstes Lebensjahr (434 — 444. vor Christo) gefallen seyn muß. Wie fleißig erscheint der Reisende bei der alten Stadt Memphis, wo besonders die je erweiterten Vorhallen des Hephästustempels auch in seinen Geschichten jedesmal den Eins gang bilden, so oft er wieder an einen der alten Aegyptischen Könige kommt; wie denn auch die nahen Pyramiden, in seinem Werk neu aufgestellt und gemessen, doppelt als Denkmäler verherrlicht sind. Den Mörissee und das wunderbare Labyrinth beschreibt uns der Augenzeuge. Von Memphis sehen wir ihn als eigentlichen Geschichtforscher nach Heliopolis sich wenden, und von da, aus gleicher Absicht, mißt er uns den weiten Weg nach Theben, wo er staunend vor den unzähligen Piromisbildern der dialogisirenden Priester stand. Dieser Weg führte ihn durch Chemmis (Panopolis), wo er dem Perseus ein Heiligthum und Kampfspiele (die einzigen in Aegypten) gestiftet fand. Südwärts von Theben drang er noch bis zur Nilinsel Elephantine; weiter nicht, wie er selbst sagt. Ueber jenen Sandstrich mit den Salzbügeln, die von Theben westwärts durch das innere Libyen bis zu den Säulen des Herakles gehen, und zunächst liber das Ammonsorakel und die Sonnenquelle der Ammonier, mögen ihm Ammonier selbst, die er irgendwo in Aegypten traf, Kunde gegeben haben; aber auch diese Sagen gingen nur bis zum Atlasberg, nachdem sie von schlangenessenden Höhlenbewohnern mit schwirrender Sprache, von namenlosen Menschen, die der brennenden Sonne fluchen, und von Solchen, die keine Träume haben, gesprochen hatten.

Von Aegypten ist Herodot sicher nach Cyrene geschifft, und von da aus bereiste er die Küstenländer Libyen's; wie er denn auch die Völker bis zum Tritonsee aufzuzählen weiß. Sollte er auch in Carthago gewesen seyn; der Südwest Afrika's und der Abend blieben ihm doch dunkel, und er sah wiederum nur im trüglichen Spiegel der Sage, ihm selbst unglaubliche Mißgestalten von Thieren und Menschen, neben welchen blos noch Carthagische Handelsnachrichten von jenseits der Heraklessäulen zu hören waren.

Dieß wären denn Herodot's Außereuropäische Reisen; aber Wer kann ihren Gang genau bestimmen oder weiter angeben, in welcher Ordnung er die Inseln besuchte, die zwischen jenen Festländern im Meere liegen, wann er auf Cypern gelandet, von wo aus er nach Creta gelangt ist? Den vierzigjährigen Herodot finden wir in Athen, von wo er nach Thurium mit auswanderte, und finden in seinen Büchern lichte Spuren, wie er in den Griechischen Stadtgebieten und Eilanden bewandert war; nur nicht den Faden einer zusammenhängenden Reise. Unter den Inseln auf der Westseite Griechenlands sah er auf Zakynthus den pechhaltigen See; im Aegeischen Meer wissen wir, daß er mehrere Cycladen, besonders auch die heilige Delos betrat; in Aegina selbst ließ er sich Aeginetische Geschichten erzählen, und Artemisium, so wie den Kampf bei Salamis, konnte nur, Wer selber auf Euböa und Salamis war, so genau beschreiben.

Fragen wir noch, ob Herodot in Peloponnes gereist sey, der mit den Laconen so bekannt ist, Arion's Bild zu Tänarus gesehen hat, die Argivische Tracht aus Anschauung kennt, im Arcadischen Tegea den Tempel der Athene Alea, in Nonacris das Stygische Wasser, im Elischen Olympia den Zenstempel und in Triphylia die Trümmer der sechs Minnerstädte - der alles Dieß selbst gesehen hat? Nicht minder zuverläßig ist, daß Herodot seine Kenntniß Corinthischer Geschichten und Sitten an Ort und Stelle geholt hat. - Und geben wir nun über den Isthmus, so kennt er auch hier das Phönizische Dreiruder, ein heiliges Siegesmaal aus der Salaminischen Schlacht, so wie das eherne Poseidonsbild aus der Beute von Platää. Nach Athen kam unser großer Reisende nicht ganz als Fremder. Denn sein väterliches Halikarnaß stand damals schon in der Bundesgenossenschaft, deren mächtiges Oberhaupt jene Stadt war. Wem auch die - wenig bedeutenden -

Nachrichten von einer dortigen Vorlesung seines Geschichtwerks, 9 von einem Lied, das Sophocles auf Herodot gedichtet, 10 und von einem Grabmal (Cenotaph), das Herodot neben einem des Thucydides, in der Cimonischen Gruft zu Athen erhalten, 11 gar nichts beweisen, der erfährt doch aus seinen Schriften, daß er die Burg Athen's, das Aeacusheiligthum auf dem Markt, auch Simon's Gruft gesehen, daß er das Vorgebirg Zoster und das Sunische und mehrere Gauen Attica's, also dieses überhaupt gekannt hat, außerdem daß seine Runde von den Athenischen Geschichten und Ereignissen der Perserkriege nicht ohne einen Aufenthalt in diesem Freistaat zu erklären ist.

Aber es ist überhaupt unzweifelhaft, daß Herodot in ganz Griechenland keinen merkwürdigen Ort unbesucht ließ. Bald hatte er die Arbeiten der Natur zu betrachten, wie die Echinadischen Inseln, die der Fluß Achelous an's Acarnanische Festland angeschwemmt, oder den Kessel Thesaliens, das ehemals ein See, wie er einsah, durch Erdbeben seinen Wasserabfluß gewonnen hatte; bald seinen Sinn an Götterstätten mit heiligen Dingen zu beschäftigen, wie auf Samothrace, in dessen Mysterien er eingeweiht ward, im Eichwald Dodona's, wo er der ältesten Zeusverehrung nach fragte, und in Delphi, wo er getreulich die zahllosen Weihgeschenke sich aufzeichnete, was er auch in Theben that, wo er zugleich am Tempel des Ismenischen Apollo die Cadmeischen Inschriften las. Besonders zog es ihn aber dahin, wo er etwas Geschichtliches durch eine örtliche Sage, durch Denkmäler und die Ortslage sich veranschaulichen konnte. Dieß findet jeder Leser der Musen zu seiner Freude bewährt in der lebendigen Schilderung nicht nur der Kampfstätten an den Thermopylen und bei Platää, sondern auch des ganzen Weges, auf dem sich das unendliche Heer des Xerxes herabwälzt.

Mit welcher Genauigkeit verfolgt Herodot diesen Zug von Doriscus an, wo der übermächtige König die Zählung zehntausendweis vornahm, längs Thraciens Küsten hin, vorüber all den Städten, die kaum Lebensmittel, all den Flussen, die nicht Trinkwasser genug hatten, und zeigt dabei nähere Kenntniß jener vielen Thracischen Völkerschaften! Und während uns der treffliche Wegweiser mit der Landmacht über die Strynonbrücke in Macedonien hineinführt, läßt er auch die Flotte uns nicht aus den Augen verlieren, die von Acanthus durch den Athosgraben bis in den Thermaischen Busen läuft. Nicht nur dieser Busen und die demselben östliche Halbinsel und das ihm westliche Pierien ist unserm vielkundigen Manne wohl bekannt; sehen wir ihn doch auch am andern Orte vertraut mit den Päoniern und ihren Sitten, und wie mit den Thraciern am Aegeischen Meer, so mit den Bewohnern des Chersoneses am Hellespont, den Küsten der Propontis und des Bosporus. Denn diese Gewässer, ja nach Länge und Breite den Pontus Euxinus hat er durchfahren und nach Tag- und Nachtfahrten gemessen. Hier bereiste er wieder nicht nur einen Theil Thracien's und der Griechischen Pflanzstädte am Pontus, er ging auch über den Ister und lernte das Scythenland und Volk mit seinen Flussen und Erzeugnissen, seinen Sitten und Sagen kennen, und stand selbst vor dem ungeheuern Kupferkessel, einem eigenthümlichen Denkmal der Menge dieses Volke. Ostwärts ist er bis an die weidenreichen Ufer des Borysthenes (Dnieper) gekommen, und auf seiner Fahrt durch den Pontus an der unwirthbaren Taurischen Halbinsel vorbeigesegelt; aber seine Kunde, eingezogen in Griechischen Factoreien, geht noch hinauf nach Mitternacht bis zu den kahlköpfigen Argippäern (Kalmücken am Ural) und zu den Issedonen; dann steht sie an steilen Bergen still; denn an die ziegenfüßigen Menschen, die einäugigen Arimaspuer und goldbewachenden Greifen und an die heiligen Hyperboreer glaubt er nicht; und so bleibt ihm der ganze Nordrand Asiens dunkel, den er noch Europa zutheilt, da ihm Asiens Grenze der Phasis ist. Ein Gleiches gesteht er vom Westen. Gleich nördlich von Thracien kann er jenseits des Ister nur von Bienenschwärmen hören, dann von den Sigynnern, die bis zu den Venetern sich erstrecken und aus dem ferneren Abend spricht die Sage Unglaubliches vom Eridanusstrom, Unbestimmtes vom Bernstein und den Zinninseln, endlich von den Quellen des Ister bei Pyrene im äußersten Celtenland.

Alles Dieses nun, oder doch gewiß das Meiste hatte Herodot von seinem zwanzigsten bis zum vierzigsten Jahre gesehen oder erkundet, als von Athen aus das Italische Thurium gestiftet ward, wohin auch er, vielleicht erst einige Jahre später, gezogen ist, um ein zweites Vaterland dort zu finden. Wirklich wird er häufig von den Alten der Thürische Geschichtschreiber genannt. Von Thurium aus machte er seine letzten Reisen. Außer den Städten Unteritaliens besuchte er wenigstens auch noch Sicilien. Aber seine Hauptbeschäftigung war hier endlich nicht mehr das Sammeln, sondern das Ordnen und Gestalten seines für alle Zeiten kostbaren, einzigen Werkes. In Halikarnaß oder in Samos, wohin einige Nachrichten seine Geschichtschreibung verlegen, kann er dieselbe höchstens begonnen, in Thurii kann er sie nicht erst begonnen haben. Es leuchtet ein, daß er Vieles während seiner Reisen selbst muß aufgezeichnet haben, jedoch an die Bildung eines Ganzen dann erst gehen konnte, als er sich einen festen Ruhesitz gewählt hatte. Die späte Vollendung der großen Arbeit seines Lebens beweisen mehrere Notizen im Werke selbst, zugleich die einzigen Spuren für die Dauer seiner Lebensjahre.

Herodot's Geschichte endigt zwar mit der Zerstörung Persischer Macht in Hellas und an Kleinasiens Küsten nach den Schlachten bei Platää und Mycale; allein zerstreute Erwähnungen in seinen Büchern beziehen sich noch auf spätere Griechischpersische Geschichten, die zum die zum Theil bis in die Zeiten des Peloponnesischen Krieges hinein laufen. 12 Den Peloponnesischen Krieg selbst deutet Herodot nicht nur in einer allgemeinen Bemerkung an (VI, 98.),er erwähnt nicht nur (VII, 233.) des gewaltthätigen Signals zu demselben, der Eroberung von Platää, die in sein dreiundfünfzigstes Jahr fiel (431 v. Chr.), wie auch einzelner Ereignisse in den ersten Fahren dieses Krieges; sondern nennt ihn auch ausdrücklich (IX, 73.), indem er einen Vorfall aus dessen neunzehntem Sommer berücksichtigt. Ja, zwei Stellen (III, 15, I, 130.) können uns glauben machen, daß er bis über das 408te Fahr vor Christus das vierundzwanzigste jenes verderblichen innern Kampfes der Griechen hinaus gelebt, und die letzte Hand au sein Werk nicht vor dem siebenundsiebzigsten Jahre seines Alters gelegt haben kann.

So sind Herodot's Leben und sein schriftliches Denkmal eines vom andern durchdrungen, daß wir jedes nur noch im andern recht erkennen. Den Schluß seines Lebens weiß die Geschichte nicht; so erscheint auch sein Buch ungeschlossen. Denn gleichwie seine Persönlichkeit, obgleich in der originalen Haltung des Ganzen unverkennbar, bescheiden und fast unsichtbar hinter dem eigenen Werke zurücktritt: so hat auch dieses Werk selbst im Wesentlichen keinen speciellen Character, und die Schranken, in denen es sich hält, sind ihm weit weniger durch die Absicht des Verfassers, als vielmehr durch seine Stellung in seiner Zeit, durch die Grenzen des Raumes, in dem er sich bewegte, durch die Endlichkeit seiner Natur und seines Lebens gegeben. Dieser universale Mensch, da er nicht Alles sehen und erleben konnte, bewahrte wenigstens alles das Merkwürdige, was er sah und zu erfahren vermochte. Er widmete sich der Geschichte im weitesten Sinn, der Betrachtung der Natur und der Menschheit. Beide waren ihm gegeben in besonderer Erscheinung von Ländern und Völkern. Darum liegt seinem Werk ein gedoppelter Plan zu Grunde, ein geographischer und ein historischer. Dieser gestaltet sich im Allgemeinen ethnographisch, jener, der untergeordnete, drängt sich oft im Werke sichtlich hervor. Für beide ward ihm nach damaliger und eigener Erdkunde, so wie nach der Zeitgeschichte, fein heimathliches Ionien der Mittelpunkt. Um dieses, dem das schönste Maß der Temperatur und Naturgaben zu Theil geworden, lagern sich rings die bekannten Meere und Länder, der nähere Ost, Süd und Nordwest mit großerem aber minder gleichartigem Reichthum; der fernere Abend und Morgen, wie auch die Enden der Welt nach Mitternacht und Mittag mit den kostbarsten Gütern der Erde. Um dasselbe Ionien bewegen sich auch die Wechselwirkungen Asiatischer und Europäischer Völker, von welchen aus allseitige Pfade in die Vergangenheit zurückführen, bis auch sie in die Fernen der Sage verschwinden.

Demgemäß stellt uns Herodot gleich vorn in den Mittelpunkt seines Gemäldes; und die Anfänge jener feindlichen Berührungen Asiens und Europa's, ausgehend von Lydien, knüpfen sich von selbst an Cyrus, der und in den Osten führt, wie hernach Cambyses in den Süden, Darius nach Norden, bis wir den Xerxes nach Westen begleiten, wobei aber immer noch die allseits hergezogenen Massen, mit denen wir nach Europa übergehen, und die Ausmalung des Weges selbst verhüten, daß wir nicht eine einzelne Kriegsgeschichte vor uns zu haben wähnen. Wohl muß indessen die kräftige Reaction Europa's im Griechenvolk, zumal bei ihrer historischen Nähe, den Geschichtschreiber ganz besonders in Anspruch nehmen. Der Sieg der Hellenen über die Perser ist nicht Endzweck des Werkes; aber Asien's und des Griechenlandes Streit bildet (was ja Herodot's eigene Einleitung kurz, aber deutlich besagt) die äußerste Form des Ganzen, weil er ohne Zwang zum Ueberblick desselben verhilft, leicht mögliche Zerstreuung beschränkend durch Anziehung des meisten Stoffes. Das Uebrige lagert sich an, oder wird gelegentlich und episodisch eingeschaltet. Nicht ein epischer Rhapsode, nicht ein Logograph, nicht Naturforscher, noch pragmatischer Geschichtschreiber ist unser Herodot; aber er ist alles Dieß, wie und wie weit es sein Gegenstand mit sich bringt, oder wenigstens auch verstattet. Er hatte nicht den Uebermuth, seinen Stoff nach einer Idee zu mißhandeln, wohl aber Ruhe, Heiterkeit, Ausdauer genug, ihn vielseitig aufzufassen. Die schwebende Sage fesselt er nicht; dagegen, wo er Boden spürt, weiß er zu scheiden und zu bestimmen. Eigene Anschauung, eigene Erkundigung sind beinahe seine ausschließlichen Quellen. Jene gibt freilich schöne, sinnliche Nähe, nur darum noch keine poetische, unwahre; diese behandelt er mit Recht nur dann kritisch, wann der Gegenstand kritischen Waffen erreichbar ist. Doch die Glaubwürdigkeit Herodot's im Allgemeinen ist bereits hinlänglich anerkannt; hätte man ihm nur eben so wenig einen zusammengesetzten Pragmatismus unterschieben wollen. Denn so wie die rühmlichen Thaten der Hellenen auf der obersten Höhe seines Geschichtbildes stehen, ohne das Ziel des Werkes zu seyn: so schwebt Herodot's religiöser Glaube, seine Scheu vor einer eifersüchtigen Gottheit blos über einzelnen Gestaltenund Zügen des Ganzen, ohne bildendes Princip desselben zu seyn.

Auf Wahrheit und Wirklichkeit haftete das ruhige Auge des genialen, erfahrungsvollen Mannes, keine Leidenschaft betäubte sein Ohr, und sein reiner Mund sprach in einfacher Rede, in lieblicher, Ionischer Zunge die Zeugnisse seines Geistes und seiner Welt. Wer es daher immer gewesen seyn mag, der seine Schrift in neun Bücher eintheilte, und der dies selben mit den Namen der Musen bezeichnete; 13 durch das Werk selbst ist der sinnige Gedanke gerechtfertigt, den auch das einfachschöne Griechische Epigramm ausdrückt:

Herodot herbergte die Musen, da gab zur Belohnung

Ihrem gastfreundlichen Wirth jegliche Muse ein Buch.

Was die vorliegende Verdeutschung der Musen betrifft, so konnte sich dieselbe nicht immer so genau, wie es bei manchen Vorgängen mit Glück geschehen seyn mag, an die eigenthümlichen Formen des Originals anschließen; doch suchte sie denselben so nahe zu bleiben, als es der besondere Zweck der Uebersetzung erlaubte.

Zu Grunde gelegt ist der Text der Ausgabe von Thomas Gaisford (Leipz. bei Schwickert 1824 - 26.). aus welcher auch die chronologischen Bestimmungen der Hauptbegebenheiten nach christlicher Zeitrechnung, um ihrer Richtigkeit im Allgemeinen und ihrer einleuchtenden Zweckmäßigkeit willen, der Uebersetzung beigefügt sind.

Zu den nöthigen Anmerkungen sind theils vorhandene Erklärungen unsers Schriftstellers, theils hierher gehörige Bemerkungen aus andern neuerer Schriften mitbenützt worden.

Hier gibt Herodot von Halikarnaß eine Denkschrift seiner gesammelten Kunde, damit nicht die Handlungen der Menschen durch die Zeit verloren gingen, noch große und wunderbare Werke, wie sie Hellenen sowohl, als Barbaren ausgeführt, des Ruhmes verlustig würden;. besonders auch, aus welcher Ursache sie einander bekriegt haben.

Erstes Buch: Klio

Inhaltsverzeichnis
Herodot's von Halikarnaß Geschichte

(Phönizier[3] kommen an's Mittelmeer v. Chr. 1722. Raub der Io[4] v. Chr. 1687.)

1. Bei den Persern nun sagen die Geschichtskundigen, Phönizier seyen des Streites Urheber gewesen[1q]. Diese nämlich wären von dem sogenannten rothen Meere 14 hergekommen an unser Meer, hätten Wohnung genommen in eben dem Lande, wo sie auch jetzt wohnen, und als bald an weite Schiffsfahrten sich gemacht. Da seyen sie mit Waaren, die sie aus Aegypten und Assyrien ausführten, in manches Land gekommen, darunter auch nach Argos. Argos that es aber zu jener Zeit in Allem zuvor den Andern im Lande, das jetzt Hellas genannt wird. In dieses Argos also seyen die Phönizier gekommen Asiens, dessen westlichster Busen, der arabische, das jetzt sogenannte rothe Meer" ist. Unser Meer d. i. das mittelländisahe. und hätten ihre Waaren ausgestellt. Aber den fünften oder sechsten Tag nach ihrer Ankunft, da sie beinahe Alles verkauft hatten, sey unter vielen andern Frauen auch, Das Königs Tochter an’s Meer gekommen, deren Name war, wie auch die Hellenen sagen, Io, Tochter des Inachus. Wie diese im hintern Schiffsraum gestanden und von den Waaren gekauft hätten, auf welche ihr Sinn gerade ging, hätten die Phönizier einander Muth gemacht, und sie angefallen. Nun seyen die meisten der Frauen entflohen, Io aber mit Andern geraubt worden. Jene hätten sie in’s Schiff geworfen, und seyen schnell abgefahren nach Aegypten.

(Europa 1582. Medea[5] 1349.)

2. So sey so nach Aegypten gekommen, sagen die Perser, anders als die Hellenen; und von den Beleidigungen habe Diese den ersten Anfang gemacht. Nach Diesem aber wären einige Hellenen (denn sie wissen keinen Namen anzugeben) in Phönizien bei Tyrus gelandet, und hätten des Königs Tochter, Europa, geraubt. Das mögen wohl Kreter gewesen seyn. So weit indessen sey nur Gleiches um Gleiches geschehen. Nach Diesem aber wären die Hellenen Urheber des andern Frevels geworden. Sie seyen nämlich ausgefahren mit einem langen Schiff nach Aea in Kolchis 15 und an den Phasisstrom, 16 und von da hätten sie, nach Ausrichtung des Uebrigen, weßhalb sie gekommen, des Königs Tochter, Medea, geraubt. Nun hätte der Kolchier nach Hellas einen Herold gesandt, Buße gefordert für den Raub, und seine Tochter zurückgefordert. Darauf hätten sie geantwortet, daß ja auch jene um Io, die Argiverin, keine Buße für den Raub gegeben, und so wollten sie ihnen auch keine geben.

(Helena[6] 1290.)

3. Im zweiten Geschlechte darauf, sagen sie, habe Alexander, des Priamus Sohn, Solches gehört, und sey Willens geworden , aus Hellas durch Raub zu einem Weibe zu kommen, ganz überzeugt, daß er keine Buße geben werde: gäben doch Jene auch keine. Da er also wirklich die Helena raubte, hätten die Hellenen erachtet, zuvorderst durch Abgesandte die Helena zurückzufordern und Buße zu fordern für den Raub. Die Andern aber, als man Dieses vortrug, hätten ihnen den Raub der Medea vorgerückt: wie sie, welche selbst keine Buße gegeben und auf Rückforderung Nichts ausgeliefert hätten, wollen könnten, ihnen solle von Andern Buße erstattet werden?

4. Bis dahin also seyen Das bloße Raubstücke auf beiden Seiten; aber von da an trügen die Hellenen die Hauptschuld. Denn es hätten Dieselben eher angefangen, nach Asien Krieg zu führen, als sie (die Perser) nach Europa. Zwar Die, welche Weiber rauben, halten sie für frevelhafte Menschen, Die aber, welche wegen der Geraubten eifern um Rache, für Thoren; Die hingegen, welche keine Rücksicht nehmen auf die Geraubten, für Kluge. Denn offenbar, wo: fern sie nicht selbst gewollt hätten, wären sie wohl nicht geraubt worden. Sie einmal, die Asiaten, sagen die Perser, hätten nach den geraubten Weibern Nichts gefragt; die Hellenen aber hätten um eines Lacedämonischen Weibes willen ein großes Schiffsheer zusammengebracht, seyen darauf nach Asien gezogen und hätten des Priamus Macht zu Grunde gerichtet. Seit Diesem hätten sie immer, was Hellenisch ist, für ihren Feind angesehen. Asien nämlich und die inwohnenden Barbaren-Völker rechnen die Perser zu sich, Europa aber mit dem Hellenischen sehen sie für abgesondert an.

(Troja[7] zerstört 1270.)

5. So sagen denn die Perser, daß es ergangen sey, und finden in der Eroberung Ilium's den Anfangsgrund ihrer Feindschaft gegen die Hellenen. Ueber die Io aber stimmen mit den Persern die Phönizier nicht überein. Denn nicht auf dem Wege des Raubes hätten sie Dieselbe nach Aegypten geführt; sondern in Argos, sagen sie, habe sie Umgang mit dem Herrn jenes Schiffes gepflogen, und, weil sie inne geworden, daß sie schwanger war, vor den Eltern sich gefürchtet, und so sey sie freiwillig mit den Phöniziern weggeschifft, auf daß sie nicht offenbar würde. - Dieß ist es denn, was die Perser und die Phönizier sagen; ich aber lasse mich hier nicht darauf ein, ob Dieses so oder anders geschah; aber er, nach meinem eignen Wissen, den ersten Anfang gemacht hat mit Beleidigungen gegen die Hellenen, der soll von mir an: gezeigt werden: dann will ich weiter in der Geschichte vorschreiten, und gleichermaßen kleine und große Städte der Menschen durchgehen. Denn Was ehemals groß war, das ist meist klein geworden[2q], und Was groß war zu meiner Zeit, war vorher klein. In Erkenntniß also des menschlichen Glückes, wie es nirgends in seinem Stande verbleibt, will ich Beider in Gleichem gedenken.

(Krösus[8] von Lydien 560.)

6. Krösus war ein Lydier von Geschlecht, Sohn des Alyattes und Herr der Völker diesseits des Halysstrom[9]es, 17 welcher von Mittag fließt zwischen den Syriern und Paphlagoniern, und ausströmt gegen den Nord in den sogenannten Pontus Euxinus (schwarze Meer). Dieser Krösus hat zuerst unter den Barbaren, von denen ich weiß, einen Theil der Hellenen unterworfen zur Zinsentrichtung, Andere zu Freunden gewonnen: unterworfen nämlich die Ionier, Aeolier und Dorier in Asien, zu Freunden gewonnen die Lacedämonier. Bor Krösus Herrschaft aber waren die Hellenen Alle frei. Denn der Cimmerier Heereszug, der über Ionien gekommen und älter als Krösus ist, war keine Unterwerfung der Städte, sondern räuberischer Ueberfall.

(Herakliden, Könige Lydiens 1221-716.)

7. Die Regierung war aber von den Herakliden, den frühern Herren, folgendermaßen auf das Geschlecht des Krösus, die sogenannten Mermnaden, übergegangen. Kandaules[12], den die Hellenen Myrsilus nennen, war ein Herr zu Sardes[15] und Enkel des Alcäus, Sohnes von Herakles. Agron nämlich, Sohn des Ninus, Sohnes von Bel, Sohnes von Alcäus, war, der erste von den Herakliden, König zu Sardis; Kandaules, des Myrsus Sohn, der lebte. Vor Agron aber waren Könige über dieß Land die Abkömmlinge von Lydus, des Atys Sohn, von welchem dieses ganze Volk, zuvor das Mäonische genannt, das Lydische genannt wurde. Durch Uebertragung von Diesen kam die Herrschaft nach einem Götterspruch an die Herakliden, Nachkommen des Herakles und einer Sklavin des Iardanus; und Diese herrschten zweiundzwanzig Menschenalter lang, fünfhundert und fünf Jahre, da die Herrschaft immer vom Vater auf den Sohn überging, bis auf Kandaules, Myrsus Sohn.

8. Dieser Kandaules nun war sehr in seine Frau verliebt, und in dieser Liebe meinte er, er habe bei weitem die allerschönste Frau. Dieser Meinung zufolge pflegte er dem Gyges[11], Daskylus Sohne, einem seiner Trabanten, der nämlich sein Liebling war, und dem er die wichtigsten Geschäfte auftrug, besonders auch die Schönheit seiner Frau über die Maßen zu preisen. Es dauerte nicht lange (denn es sollte dem Kandaules übel gehen), so sagte er zu Gyges Folgendes: "Gyges, weil es mir vorkommt, ich überzeuge dich nicht mit Worten über die Schönheit meiner Frau (denn die Ohren der Menschen sind einmal ungläubiger, als die Augen): mach' daß du sie nackend schauen kannst." Der aber schrie hoc, auf und sprach: "Herr, was sagst du da für ein verkehrtes Wort, und heißest mich meine Herrin nackend Schauen? Denn wie ein Weib das Kleid auszieht, so ziehet sie zugleich die Scham ans. Längst aber haben die Menschen, was wohl ansteht, gefunden, woraus man Lehre nehmen soll. Eines darunter ist: Das zu betrachten, was Einem zukommt. Ich glaube nun, daß Jene unter Allen Frauen die schönste ist; und von dir begehr' ich, daß du nichts ungebührlidies begehrest."

9. Dieser also stritt mit solchen Worten dagegen, aus Furcht, es möchte ihm daraus ein Uebel entstehen. Jener aber antwortete darauf: "Sey getrost," Gyges, und fürchte dich nicht, weder vor mir, als versuch' ich dich mit dieser Rede, noch vor meiner Frau, daß dir von ihr ein Leid geschehen möchte. Denn von Anfang will ich es so einrichten, daß sie nicht einmal merkt, von dir gesehen zu seyn. Ich will dich nämlich in das Gemach, worin wir schlafen, hinter die geöffnete Thüre stellen. Bin ich eingetreten, so wird sich auch meine Frau einfinden, um zu Bette zu gehen. Nun steht neben dem Eingang ein Sessel; auf diesen wird sie von den Gewanden eines nach dem andern beim Ausziehen hinlegen, und in voller Ruhe dir gewähren, sie zu schauen. Wenn sie aber vom Sessel hinweg schlafen geht, und du ihr in den Rücken zu stehen kommst, so hast du alsdann dafür zu sorgen, daß du ungesehen von ihr durch die Thüre kommst."