Herr der Steine - Marco Plate - E-Book

Herr der Steine E-Book

Marco Plate

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Beschreibung

Jack begibt sich auf eine Wanderung ins Ungewisse. Er will mit sich ins Reine kommen, seine Vergangenheit bewältigen und lernen, neu zu lieben. Dafür reist er durch geografisch wie auch politisch grundverschiedene autonome Regionen. Für den einen stellen diese Orte eine wünschenswerte Gesellschaftsordnung dar, für andere wirken sie verstörend. Es herrscht eine dystopische Stimmung. Auf der Suche nach etwas für ihn besonders Wichtigem trifft Jack auf andere Personen bei ihrer emotionalen Sinnfindung. Neue Freundschaften werden geschlossen, doch er scheint nicht zur Ruhe zu kommen und kann sich noch nicht auf eine neue Liebe einlassen. Nach vorübergehend aufkommenden Optimismus scheint es wieder düsterer um ihn zu werden.

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Seitenzahl: 328

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für meine Familie

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

Teil I

Am Anfang

Zusammen

Jakob

Jung und Alt

Just for fun

Wohin des Weges?

Im Dschungel

Freetown

Silenttown

Namenlose Steine

Manuskript „Moh“

Wonderland

Räuber und Gendarm

Das Spiel ist aus

Eine neue Familie

Im Sand

Francis und Jack

Sackgasse

Teil II

Neustart

EPILOG

PROLOG

Das ist eine tolle Überraschung!

Jack hat mich ausgewählt, ihn auf seiner kommenden Reise zu begleiten. Somit habe ich die Möglichkeit, noch viel mehr Erlebnisse in meinem Buch zu verarbeiten.

Es werden sicherlich im Laufe der Geschichte offene Fragen auftauchen. Doch alles ergibt früher oder später einen Sinn.

Ich hoffe jedenfalls, dass möglichst viele den Weg mit mir weitergehen.

Teil I

„Many a false step is made by standing still“

Am Anfang

Die Müdigkeit breitet sich in Jacks Körper aus, wie die Nebelbänke über den Hügeln. Er fühlt sich verlassen, aber jetzt fängt die Suche richtig an. Seine Suche nach Etwas, oder die Jagd auf jemanden? Bisher soll alles geheim bleiben und Jack hat mit keinem darüber gesprochen.

Ich halte alles schriftlich fest. Die aus meiner Sicht wichtigen Dialoge nehme ich auf, mache mir Notizen und in ruhigen Minuten verfasse ich es ausführlich – mit Bleistift auf Papier. Das lässt sich leicht transportieren, ist praktisch für Notizen und verwischt nicht so schnell in Berührung mit Wasser. Ich liebe ich es, auf traditionelle Art zu schreiben. Ich bin eigentlich nur dabei, um alles zu dokumentieren. Wie ein Reporter, der einen Menschen begleitet.

Nach einem bitterkalten, weißen Winter spürt Jack in dieser beginnenden Nacht eine gewisse Wärme. Er muss sich anfangs natürlich zunächst einmal orientieren, aber eins scheint klar, er ist bereit und meint, dass er sich zuvor nie so frei gefühlt hat. Hier und jetzt will er es durchziehen. Allein. Zunächst mit mir. Das Schicksal soll entscheiden. Vielleicht aber auch das Glück, oder selbst erarbeiteter Zufall? Nicht wenige hoffen in diesen Zeiten auf etwas Neues – eine Alternative!

Jack denkt jetzt einfach nur an die saubere Luft, die er atmen möchte und an einen Ort, den er als Ziel bezeichnet. Es wirkt hier alles sehr friedlich. Das einzig Angriffslustige sind die Mücken.

Wir sind die letzten Fahrgäste im Zug gewesen, der mittlerweile schon wieder den Rückweg angetreten hat. Aber von weitem sieht Jack am Bahnsteig eine Frau mit einem Jungen stehen. Sind sie Mutter und Sohn oder spielen sie das nur? Sie scheinen Jack auf Anhieb Zuversicht zu vermitteln. Ein wunderbares Gefühl. Wer sind die beiden? Er kommt ihnen näher. Sie wirken überhaupt nicht müde. Jacks Blick wandert von der Frau zu dem Jungen und er ruft zu ihm hinüber: „Hallo, Kleiner! So spät in der Nacht noch unterwegs?“

Der Junge zögert ein wenig, doch Jack merkt ihm an, dass er genauso den Drang verspürt, sich mit jemandem zu unterhalten. Dann endlich, die zarte Stimme: „Wer sind Sie?“

„Ich bin Jack und mit wem hab ich es hier zu tun?“, wobei Jack sich ein Grinsen in Richtung der sehr attraktiv wirkenden Frau nicht verkneifen kann.

Doch noch vor einer Antwort zieht sie den Jungen zu sich: „Entschuldigen Sie, wir warten hier auf jemanden und es ist nicht die richtige Zeit und der richtige Ort, einfach von einem Fremden angesprochen zu werden.“

Dafür zeigt Jack Verständnis, aber er gibt sich noch nicht geschlagen: „Keine Angst, vielleicht warten Sie ja auf mich.“ Er hält einen Moment inne. Ihm wird wohl bewusst, dass diese Art von Konversation sicherlich nicht förderlich für die Situation gewesen ist. Jacks Augen vernehmen zunächst ein blitzendes Licht und dann empfangen seine Ohren ein Flüstern: „David“

Bereits im nächsten Moment ist von Frau und Kind nichts mehr zu sehen.

„Warte doch, David!“, ruft Jack. Aber seine Bitte verliert sich unerfüllt in der Stille der sternenklaren Vollmondnacht.

Eine etwas dickliche junge Frau in einem roten Kleid taucht plötzlich aus der Dunkelheit auf.

„Tut mir leid Jack, ich habe mich etwas verspätet, um dich abzuholen. Möchtest du wieder einige Zeit bei uns bleiben?“, fragt sie noch etwas außer Atem.

„Hallo, Babsi! Nein, diesmal nicht, tut mir wirklich leid“, antwortet Jack mit betrübter Stimme.

„Wirklich nicht? Bist du dir sicher?“, fragt die Frau fast erschrocken und erst danach bemerkt sie mich hinter Jack stehend. Sie mustert mich von oben bis unten und fügt etwas abwertend hinzu: „Ach so, du hast diesmal einen Begleiter?“

„Ich habe mich das letzte Mal wirklich wohlgefühlt bei euch, aber du weißt, wie lange ich damals geblieben bin. Ich werde die Zeit bei euch und diesen Ort niemals vergessen, aber ich habe mir schweren Herzens überlegt, mich diesmal sofort auf die Reise zu machen. Grüße bitte die Kleinen und deinen Mann von mir. Komm lass dich nochmal drücken.“

Jack nimmt die mollige Babsi fest in seine Arme, obwohl es aufgrund ihrer Größe so aussieht, als wenn anstatt dessen sie ihn in ihrer gesamten Damenhaftigkeit umschließt und auch nicht vorhat, Jack je wieder in seine Freiheit entkommen zu lassen.

„Jack, du weißt, du bist bei uns immer willkommen, solange du möchtest“, entgegnet Babsi herzlich.

„Servus“, antwortet er selbstbewusst.

„Warte Jack! Ich muss dir dringend noch etwas erzählen!“ Sie hält ihn zurück und blickt dabei skeptisch zu mir herüber.

Nicht wirklich überrascht tritt er so nah wie nur möglich an den kurvigen Körper der Frau heran, so dass sie ihm direkt ins Ohr flüstern kann. Er nickt ihr beruhigend zu, umarmt sie nochmal und sagt dann wieder gut hörbar: „Mach dir keine Gedanken – bis dann Babsi!“

„Grüß Gott Jack, eine gute Reise und viel Spaß!“

Mit diesen Abschiedsworten, dreht sie sich um und stapft in ihren nicht zum Kleid passenden leuchtend blauen Pumps in die Dunkelheit eine kleine Anhöhe hinauf.

Zusammen

Gerade ersetzt die Sonne den Mond und nach einer kühlen Nacht scheinen die wärmenden Strahlen auf meinen Schlafsack. Ausgeruht blicke ich von dem Hügel, auf dessen grüner Wiese wir letzte Nacht im Schein des Erdtrabanten unser Lager aufgeschlagen haben, zu den angrenzenden Bergwäldern und bemerke erst jetzt, wie schön die Stelle ist, die sich nicht weit oberhalb unserer Anfangsstation befindet. Ich habe mit Jack über gestern Abend nicht mehr gesprochen. Mir schwirrt immer noch die Situation mit der Mutter und dem Jungen im Kopf herum. Ich hoffe, bald Jacks Vertrauen zu gewinnen. Die Zeit wird schon Antworten bringen. Zunächst werde ich versuchen, alles weniger emotional zu sehen, möglichst nur Jacks Situation sachlich festzuhalten und meine schriftstellerische Ader weitestgehend zu unterdrücken. Braucht man dafür überhaupt einen Schriftsteller? Bin ich eigentlich die richtige Person?

Wir sehen zu den Hügeln in der Ferne mit ihren immergrünen Regenwäldern und alten Pfaden früherer Generationen. In diesem Gebiet fühlen sich neun der zehn giftigsten Tierarten der Welt zu Hause.

Wir erfrischen uns an einer kleinen Wasserquelle, bevor wir uns auf einem altüberlieferten Wanderweg in Richtung Südwesten begeben. Unser Tagesziel ist ein Haus, von dem Jack gehört hat.

Es soll der Ort sein, wo ihm eine angeblich bedeutende Person geschrieben hat, bevor er von diesem Menschen dann nie wieder etwas gehört oder gesehen hat. Der Brief ist bis zur nächstgelegenen Siedlung des Hauses zurück verfolgbar. Ich weiß nur soviel, dass es eine Unterkunft ohne jegliche elektronische Verbindung zur restlichen Welt ist und dass dort täglich um 17 Uhr kostenlose Eiscreme von einem Mann serviert wird, den alle Tassie nennen. Jack hat sich mit altem Kartenwerk ausgestattet. Die Wanderroute zum besagten Ort sieht nicht wirklich schwierig aus. Ich befürchte nur, dass wir uns danach weiter in Richtung der neun angesprochenen Tierarten begeben werden.

Nach einer moderaten Tagesetappe bei erträglichen Temperaturen sehen wir endlich das kleine Gebäude. Es ähnelt einem alten Bootshaus und liegt auf einer sanften Anhöhe direkt am Ufer eines ruhigen Nebenflusses, der sich gerade im Sonnenuntergang aus den subtropischen Bergwäldern hinaus windet. Ganz in der Nähe sieht man, dass er eine Verbindung mit einem größeren Fluss eingeht. Dieser wird sich laut Kartenwerk schließlich irgendwann im salzigen Ozean entleeren.

Es ist ein weißes Holzhaus, teilweise auf Stelzen gebaut, mit rot und blau gestrichenen Fensterrahmen und den weit sichtbaren aufgemalten Buchstaben HOSTEL. Auf den ersten Blick sympathisch. Dort angekommen sehen wir in einem Fenster das Schild FREI. Durch die kleine Eingangstür, die in das große hölzerne Einfahrtstor integriert ist, treten wir auf einen Hof und sehen eine grüne Linie auf dem Boden.

Wir folgen also der Markierung über den Hof und eine Terrassentreppe hinab zu einem Fenster, hinter dem sich ein kleiner Raum befindet. Durch die Scheibe sehen wir einen anscheinend gerade viel beschäftigten Mann.

Auf dem Sims steht eine Klingel, wie man sie eigentlich in vornehmen Hotels an der Rezeption findet und darüber hängt ein handgeschriebener Zettel am Fenster: BITTE KLINGELN!

Jack betätigt die Klingel und einige Augenblicke später schiebt der Mann auch schon das Fenster nach oben.

„Hey, Jungs, ihr seht erschöpft aus und braucht jetzt meine Gastfreundschaft?“

Wir nicken freundlich.

„Ich bin übrigens Tassie, habt ihr reserviert?“

Ich frage mich in dem Moment, wie man für ein Hostel eine Reservierung macht, in dem es angeblich weder Telefon noch Internet gibt und das sich fernab jeglicher Mobilfunknetze befindet?

Jack schaut mich an, als wenn auch er gerade das gleiche denkt, erklärt dem Mann jedoch nur, dass wir leider nicht vorher Bescheid geben konnten und auch erst mal nur für eine Nacht eine Bleibe bräuchten.

„Kein Problem, im Zimmer 2 habe ich noch zwei Betten frei. Füllt bitte kurz dieses Dokument aus. Hier habt ihr Bettzeug und in einer halben Stunde gibt es kostenlose Eiscreme in der Gemeinschaftsküche.“

Auf Jacks Frage, wo denn der nächste Briefkasten sei, meint Tassie, dass wir Post direkt bei ihm abgeben könnten. Ansonsten gäbe es noch ein Postamt in der nächsten Siedlung.

Wir tragen unsere gut überlegten Personalien in die Formulare ein, nehmen die Bettwäsche und folgen danach einer kurzen gelben Linie zum offiziellen Eingang des Hauses.

Durch eine Tür kommen wir auf einen Gang, an dessen Ende sich ein Fenster befindet, dass einen guten Ausblick auf die Flussterrasse, das Bergpanorama und den Sonnenuntergang bietet. Davor steht ein kleiner Tisch mit einer Vase und frischen Blumen. Der wohl netteste Flur, den ich jemals gesehen habe.

Direkt hinter dem Eingang ist rechts eine Tür zum großen Gemeinschaftsraum mit Küche, einem Regal mit Gesellschaftsspielen und dem 17 Uhr-Eiscreme-Tisch. Weiter auf dem Flur folgen auf der rechten Seite nur noch die sanitären Anlagen sowie auf der linken Seite die Schlafräume 1 und 2. Übersichtlich!

Alle Türen im Haus scheinen nicht verschlossen zu sein, was natürlich Sinn macht, wenn die Gäste weder Schlüssel noch die in Hotels üblichen elektronischen Karten oder Codes bekommen. Zimmer 2 ist ein typisches Herbergszimmer mit vier Etagenbetten. Vom Abstand der Türen zu urteilen ist Zimmer 1 ein Raum für weniger Personen oder Tassie wohnt selbst darin. Drei der acht Schlafmöglichkeiten in unserem Raum sind nicht bezogen. Jack klettert spontan auf eine der oberen Matratzen, während ich meine Sachen einfach auf das untere Bett werfe. Wir sind bereits einige Stunden unterwegs, aber ich fühle mich gar nicht müde. Es ist absolute Stille im Haupthaus. Vielleicht sind die restlichen Bewohner noch unterwegs oder überbrücken die Zeit im Nebenhaus, indem es laut einer Hinweistafel ein Kaminzimmer mit kleiner „Gib mir eins, nimm dir eins“-Bibliothek geben soll.

Kurz vor siebzehn Uhr gehen wir ohne Erwartungen in die Küche. Überraschenderweise sitzen dort gleich fünf Leute vor einem großen Plastikpott Eiscreme. Wir grüßen alle und setzen uns dazu. Zwei der Personen scheinen ein Paar zu sein. Ich denke, dann bietet Zimmer 1 bestimmt ein Doppelbett, da ich keine weiteren Schlafräume gibt. Somit dürfte Tassie wider meines Verdachts doch nicht mit im Haus wohnen.

Als dieser reinkommt, teilt er mit einem großen Löffel die gesamte Packung an alle Gäste auf.

In diesem Augenblick fange ich an, die Atmosphäre zu lieben. Es ist so friedvoll in dieser Küche, mit mir bislang unbekannten Menschen. Habe ich mich jemals in meinem Leben so befreit gefühlt?

Schnell kommen wir mit den anderen Gästen ins Gespräch. Da ist beispielsweise eine nette junge Frau, die sich Tony nennt. Sie hat lange braune Haare, wirkt alternativ und sportlich.

Mir gegenüber sitzt Michael. Er hat eine Bibel neben sich auf der Bank liegen und spricht äußerst bedacht.

Nur der Mann namens Jonas beteiligt sich nicht weiter an den Gesprächen, vertilgt ungewöhnlich rasch und stillschweigend die Portion Eiscreme und verlässt danach zügig die Runde.

Das scheinbar jung verliebte Pärchen ist mit sich selbst beschäftigt und tuschelt gemütlich miteinander.

Während ich alle interessiert beobachte, höre ich Tony Jack fragen, ob er Lust hätte, vor Sonnenuntergang noch mit einem Kanu auf dem Fluss eine Runde zu drehen.

Jack stimmt spontan zu und es passiert, was ich in dem Moment befürchte. Michael ist sofort von der Aktion begeistert und fragt mich unüberhörbar, ob ich mir nicht mit ihm auch ein Boot teilen wolle. Alle schauen mich erwartungsvoll an, worauf ich freundlich nicke.

Wir gehen zum Flussufer runter, wo genau zwei Kanus liegen. Ohne zu zögern schnappt sich Jack das erste, zieht es gekonnt ein Stück ins Wasser, springt hinein und reicht sofort Tony seine Hand, um ihr beim Einstieg zu helfen. Michael und ich stellen sich nicht ganz so professionell an, schaffen es jedoch letztlich, wackelig aber ohne zu kentern den beiden anderen zu folgen.

Als ich während der Kanufahrt die Zitate aus der Bibel meines Gegenübers erfolgreich ignoriere, kommt mir plötzlich der Gedanke, warum ich Tassie nicht vorher gefragt habe, ob es hier in diesem Fluss Krokodile gibt. Jeder ins Wasser ragende oder treibende Baum gleicht für mich den besagten Urzeit-Genossen.

Michael bemerkt meine etwas hektisch wirkenden Blicke. Nachdem ich die Bedenken äußere, erklärt er mir, dass das Gebiet kurz vor der Meeresmündung tatsächlich ein Paradies für diese faszinierenden Tiere sei. Aber er hätte da keine Bedenken, weil es bis dorthin ein ganzes Stück flussabwärts gehe und es Salzwasserkrokodile wären.

Auf meinen Hinweis, dass sich diese Gattung der possierlichen Panzerechsen aber auch im Brackwasser wohlfühlen würde, meint er nur, dass Tassie uns dann wohl nicht ohne Vorwarnung mit dem Kanu hätte losfahren lassen. Überhaupt solle ich mir nicht so viele Gedanken machen und lieber die Fahrt genießen. Dein Wort in Gottes Ohr, lieber Michael!

Im Laufe der Fahrt dringt dann jedoch mehr und mehr Wasser in unser Boot. Wir ziehen unsere Schuhe aus und krempeln unsere Hosen hoch. Aber bis auf ein paar nasse Füße schaffen wir es letztlich recht entspannt zurück.

Nach der Bibelstunde sitze ich nun mit den anderen bei frühsommerlichen Temperaturen auf der Terrasse, während sich der Vollmond in seichtem Wasser spiegelt.

Tony versucht mit großem Engagement Jack auf ihrer Gitarre das Spielen beizubringen. Doch er winkt ab, weil er sicher auch bemerkt hat, wie gut die Rucksacktouristin dieses Instrument beherrscht und wie wunderschön ihre Stimme dabei ist. Noch nicht einmal Mücken sind diese Nacht unterwegs, sonst würde man sie im Schein der alten Laterne schwirren sehen.

Nur Hobbyastronom Jonas untersucht unterdessen die sternenklare Nacht mit seinem sehr professionell wirkenden Teleskop. Als er registriert, dass er einen Beobachter hat, winkt er mich zu sich her. Neben ihm stehend flüstert er mir zu, als wenn er sonst die Sterne verscheuchen würde, ich solle mal einen Blick durch sein Fernrohr werfen. Interessiert, weil ich bisher nie durch so ein Ding geschaut habe, traue ich meinen Augen nicht. Im Glauben, er wolle mich mit einer Sternschablone ins Irrlicht führen, sehe ich deutlich die Ringe des Saturn.

Auf meine Frage, ob das echt wäre, guckt er mich recht verständnislos an und meint, dass die Reichweite seines Teleskops dafür schon noch genügen würde. Den Blick auf Planet Neun unseres Sonnensystems könne er mir damit natürlich nicht bieten.

Anscheinend habe ich ihn mit meiner Frage beleidigt. Um mein Interesse an seinem Hobby zu beteuern und die Bedeutung der Astronomie hervorzuheben, füge ich hinzu, dass es sowieso Sterne wie Sand am Meer gäbe und viele erst noch entdeckt werden müssten.

Jonas fragt mich daraufhin, woher ich wüsste, wie viel Sand am Meer liege?

In dem Moment wird mir bewusst, dass ich mir meinen Kommentar lieber hätte verkneifen sollen und verteidige die gängige Verwendung meiner Aussage als Bonmot.

Jonas scheint nun aber erst richtig in Fahrt zu kommen und betont, dass er nichts von Sprücheklopfen halte, sondern mehr auf die Zahlen der Wissenschaft vertraue. Sand wäre zudem nicht vergleichbar mit der Anzahl der Sterne. „Interessiert es dich, ob es mehr Sandkörner auf der Erde oder Sterne im Universum gibt?“, fragt mich Jonas lehrerhaft.

„Ich gebe zu, dass dies eine spannende Frage ist, aber darauf gibt es sicher keine evidente Antwort, oder?“

„Na ja, in der Wissenschaft gibt es meist nie nur eine These, aber das Ganze ist nach heutigem Stand nicht unzählbar. Mit 70 Trilliarden Sternen wird gerechnet! Allerdings vorausgesetzt der Annahme, das Universum ist nicht unendlich. Doch allein, wenn man vom größten Sandkorndurchmesser ausgeht, liegen mehr von diesen Partikeln in der Sahara herum, als es Sterne gibt. Wie viele Sandkörner auf der gesamten Erde existieren ist derzeit schwerer zu sagen, als die Anzahl von Sternen zu benennen. Dazu kommt es auch noch darauf an, von welcher Mineralogie wir überhaupt sprechen. Und wenn du jetzt noch einen deiner gängigen Sprüche zu Rate ziehen möchtest: 'Wie viele Sternlein stehen am Himmelszelt?' Nun ja, das hängt von den verschiedensten Faktoren wie Sicht, Hilfsmittel und Standort ab. Von dieser Stelle hier, kannst du theoretisch mit bloßen Augen nur rund 2000 Sterne entdecken, mit einem Fernglas 50.000 und einem guten Teleskop schon 300.000. Allerdings bei meinem 16 Zoll Prachtstück reden wir eher davon, sich die verschiedenen Galaxien anzuschauen.“

Ich schaue Jonas in dem Augenblick nur sprachlos an, während er noch etwas hinzuzufügen hat:

„Und weißt du, warum ich es hier so spannend finde? Eine halbe Stunde, nachdem die Augen die maximale Dunkeladaption erreicht haben, hat man hier fantastische Sicht, da wir uns in einem Lichtschutzgebiet befinden. Wenn dabei überhaupt von einer Lichtverschmutzung die Rede sein kann, dann ist heute nur die Mondscheinkraft der Übeltäter. Ich muss unbedingt nochmal bei Neumond wiederkommen!“

Mir kam in dem Moment der Gedanke in den Sinn, warum die Menschheit sich seit Jahrzehnten für Sachen interessiert, die soweit von uns entfernt sind, dass wir sie sowieso nie erreichen werden und mehr Wissen über den Weltraum nur noch mehr Anlass für Spekulationen gibt. Stattdessen ist unsere Erde, auf der wir leben immer noch größtenteils unerforscht. Nicht nur, dass es immer noch Pflanzen, Tierarten und viele Bevölkerungsstämme gibt, von denen noch nie etwas publiziert wurde, sondern vor allem unsere Ozeane bieten in ihren Tiefen weiterhin unbekannte Welten. Doch das Merkwürdigste ist, dass die Menschen anscheinend kein besonderes Interesse daran haben, was sich unter ihnen befindet. Bis heute werden zur Erforschung des Erdinneren hauptsächlich Studien mithilfe seismischer Methoden vorgenommen.

Welche Welten oder Lebewesen liegen im Erdinneren verborgen? Die längste bekannte Höhle kommt immerhin auf 640 km und die tiefste führt 2 km ins Erdinnere, ist allerdings auch an ihrem Ende immer noch über dem Meeresspiegel. Gebohrt haben die Menschen bislang nur 12 km in die Erdkruste, was eine bedeutende technische Leistung fürs vorherige Jahrhundert gewesen war, allerdings schon damals niemanden interessiert hatte und heute in Vergessenheit geraten ist. Wohlgemerkt, die Erdkruste hat eine Dicke bis zu 70 km. Unterm Gebirge natürlich noch schwerer erforschbar, aber unterm Ozean wäre es möglich, lächerliche 5 km vorzudringen.

Doch ich will Jonas nicht länger reizen und während er weiter die Sterne studiert, gehe ich zu Raum 2, in dem es sich die anderen Mitbewohner bereits auf ihren Matratzen gemütlich gemacht haben.

Michael und Tony liegen in ihrem Etagenbett mir gegenüber. Er natürlich oben, weil er sich dort bestimmt Gott näher fühlt. In der übersichtlichen Ausstattung von Tassies altem Bootshaus mit einem großen und einem kleinen Schlafraum ist die Unterteilung in Damen und Herren nicht wirklich praktikabel. Zudem erscheint mir Tassie für solch eine Maßnahme auch nicht konservativ genug.

Während Michael fast beängstigende Laute von sich gibt, aber offensichtlich schläft, fragt Jack Tony flüsternd, ob die letzten Tage noch andere Leute vorbeigekommen wären. In den Gesprächen zwischen den beiden im Kanu hat Jack sicherlich erfahren, dass Tony hier schon ein wenig länger übernachtet.

In der Tat antwortet sie im Halbschlaf: „Ja, gestern. Eine seltsame Frau mit einem Jungen.“

Es ist dunkel und ich kann Jack über mir nicht sehen. Aber in diesem Moment habe ich seine Reaktion vor Augen und kann sie in der Stille des Raumes regelrecht spüren.

In einem Zustand zwischen Müdigkeit und wach haltenden Gedanken hatte ich während der Nacht meine alte Grundschullehrerin vor Augen. Ihr Lächeln war so herzerwärmend gewesen. Vor kurzem erhielt ich erst die Nachricht, dass sie von dieser Welt gegangen war – zum Glück friedlich und ohne langes Leiden. Ich kannte nie ihr wahres Alter, aber sie hatte das Leben ziemlich lange genießen können.

Der Vorfall stimmt mich immer noch nachdenklich. Ich habe weder etwas über ihre ethischen Grundsätze, noch über ihr Privatleben gewusst. Doch was ich selbst bezeugen kann ist, dass sie nicht nur die Musik geliebt hat, sondern vor allem ihre Schüler. Alle ihre Schüler! Ehemalige Mitschüler, die möglicherweise vor ihr verstorben sind. Einige haben sich selbst das Leben genommen oder nehmen lassen. Mit anderen bin ich bis vor kurzem immer noch befreundet gewesen. Ich bin mir fast sicher, dass sie uns, ihre letzte Klasse vor der Rente, nie aus ihren Gedanken streichen konnte. Wenn auch sie abends nicht einschlafen konnte, während ihre Schüler zu Hause heimlich noch das Licht unter der Bettdecke angeknipst haben, um die Bücher zu lesen, für die sie sie begeistert hatte. Oder wenn die Kinder zu den Eltern gegangen sind. Mama ... Papa, ich kann nicht schlafen.

Vielleicht hat sie uns da auch vor Augen gehabt?

Auf jeden Fall bleibt ihr nun der Anblick der Welt erspart. Was mich noch mehr interessieren würde als ihre Meinung über die Ereignisse und Entwicklungen auf der Erde, wäre, wie sie es ihren noch so jungen Schülern erklärt hätte?

Wahrscheinlich gar nicht, denn allein ihr Lächeln hätte alle beruhigt und auch mich hat es letzte Nacht ins Reich der erholsamen Träume mitgenommen.

Genauso schön finde ich den heutigen Morgen. Wir haben bereits gefrühstückt und Proviant vorbereitet. Ich muss versuchen, dass Jack mir vertraut. Ich weiß nicht, worüber er gestern mit Tony im Kanu gesprochen hat. Die beiden sind schon vor mir wach gewesen und ich habe die junge Frau heute gar nicht mehr gesehen.

Sie ist angeblich bereits sehr früh mit Tassie aufgebrochen. Er fährt mit seinem Auto zum Fuß eines spektakulären Lavadoms, zu dessen Spitze sie alleine eine Tageswanderung unternehmen möchte. Von dort oben soll man einen atemberaubenden Sonnenaufgang über dem Dschungel bewundern können.

Erst gestern hat sie erzählt, dass sie Vulkangestein so schön finden würde – vor allem Onyx. Wahrscheinlich werden wir Tony nicht wieder treffen, da wir gleich in eine andere Richtung zur Spurensuche aufbrechen wollen. Jack ist recht angespannt, dass kann man ihm deutlich anmerken.

Michael will heute mit seiner geliebten Bibel ebenfalls weiterziehen. Zusammen mit Sternenjäger Jonas wollen sie mit dem Milchmann in dessen alten Hippie-Bus mitfahren – praktisch ein fahrender Tante-Emma-Laden. Tassie hat gemeint, wenn sie dem Alten versprechen, ihm bei der Belieferung der im Niemandsland liegenden Hauhalte zu helfen, würde dieser Eigenbrötler sich über Gesprächspartner freuen und sie sicherlich bis zum nächstgelegenen Ort mitnehmen. Michael braucht neue Gesprächspartner und möchte die nächstgrößere Stadt aufsuchen.

Ich kenne Jonas' religiöse Ansichten nicht. Sicherlich sieht er die Welt eher wissenschaftlich. Aber ich denke, die Gesprächsthemen der beiden sind bereits jetzt vorherbestimmt.

Bevor auch wir aufbrechen, werden noch schnell die Reste des Frühstücks an die hungrige Wasseragame verfüttert. Die Echse lungert ständig auf der Terrasse herum und ist so neugierig, dass sie die Besucher nicht selten in ihren schmutzigen Klamotten finden, die sie vor dem Raum mit Tassies voluminöser Waschmaschine stapeln. Diese läuft praktisch rund um die Uhr und muss nicht nur Bettzeug und Handtücher schlucken. Auch für die Besucher ist sie meist eine gute Gelegenheit, ihre nur für ein paar Tage reichende Kleidung sauber zu bekommen. Ein lästiger Nebeneffekt auf Rucksackreisen. Leider können wir uns von Tassie nicht mehr für seine Gastfreundschaft bedanken, bevor er zurück sein wird.

Dieser herzensgute Mann strahlt menschliche Wärme und Zuversicht aus. Wir wissen nicht wirklich viel über ihn. Fährt er jeden Abend zu seiner geliebten Familie nach Hause oder lebt er alleine und sucht deshalb täglich den Kontakt zu den jungen Gästen, die aus sämtlichen Himmelsrichtungen teilweise aus weiter Ferne anreisen und alle etwas Interessantes zu berichten haben?

Ich hoffe, es werden noch viele Menschen den Weg zu ihm finden. Stattdessen verabschieden wir uns von der Python des Hauses sowie den verbliebenen Besuchern und machen uns auf den Weg in den Regenwald, der direkt am Fuß der Brücke beginnt, die Tassies Gäste immer im Sonnenuntergang von der Flussterrasse aus sehen können.

Bereits nach wenigen Minuten windet sich der holprig werdende Pfad und die Bewaldung wird dichter. Wir drehen uns nochmal um, aber das Bootshaus ist schon nicht mehr zu sehen. Ohne Karte und Kompass wäre ich hier in kürzester Zeit verloren.

Schon bald müssen wir zahlreiche zu Rinnsalen geschrumpfte Flussläufe durchqueren, die sich durch die grünen Hügel ziehen. Zum Glück hat es hier ein paar Tage nicht geregnet, sonst würden uns die Blutegel beim Wandern durch die Strümpfe kriechen. Bei den nächsten tropischen Regenfällen werden sich die ausgetrockneten Gräben unkalkulierbar in lebensgefährliche Sturzbäche verwandeln.

Es herrscht eine angenehme Luftfeuchtigkeit und die Sonnenstrahlen lassen sich durch die dichtbewachsenen Wälder nur selten blicken. Die Temperatur ist somit gerade noch erträglich für eine Wanderung. Wir sind allerdings konditionell auch recht gut vorbereitet.

In einer nachdenklichen Phase frage ich Jack:

„Was glaubst du, wie alt mag Tassie sein?“

„Mmh, rötliche fast glatt rasierte Haare, helle Haut, kein Bart, cooler Typ. Auf jeden Fall jung geblieben, so wie viele der Reisenden, die er beherbergt und mit denen er zumindest seine Arbeitszeit verbringt. Aber ich glaube, er ist viel älter, als er aussieht. Mitte 50 vielleicht?“

„Ja, schätze ich auch.“

„Wusstest du, dass es hier eine Pflanze gibt, die wie ein stinknormaler Farn aussieht, allerdings eine Berührung mit ihr so starke Schmerzen verursacht, dass dein Herz aufhört zu schlagen?“, fragt mich Jack beiläufig.

„Nein, ich weiß nur, dass es solche Quallen gibt!“, entgegne ich.

Jack zeigt mir plötzlich auf einer Karte etwas, dass sich hier ganz in der Nähe befinden müsste, wenn man unserer elektronischen Ausstattung Glauben schenkt. An diesem Ort hat Bruder eine Markierung vorgenommen. Ich hoffe, wir finden dort wichtige Informationen.“

„Dein Bruder war hier?“, frage ich überrascht.

Jack erscheint selbst etwas erschrocken über seine Offenheit und verspricht, es mir später zu erklären. Zunächst müssten wir um die markierte Stelle herum etwas suchen, das normalerweise nicht im Regenwald zu finden ist. Er habe allerdings keine Ahnung, um was es sich dabei handeln könnte.

Stundenlang durchkämmen wir das auf der Karte gekennzeichnete Gebiet, suchen nach Spuren, wo jemand etwas vergraben haben könnte, schauen in Baumhöhlen und schreiten durch meterhohe Wurzelgeflechte. Doch wir finden nichts. Überraschenderweise kommen uns noch nicht mal eine Spinne, Schlange oder sonstige Lebewesen der hiesigen Fauna in die Quere.

Nachdem die letzten Sonnenstrahlen durch das grüne Dach dringen, sehe ich, dass uns von Weitem etwas beobachtet. Zunächst schrecke ich auf, doch als auch Jack es sieht, überkommt mich ein schönes Gefühl. Auch Jack genießt den Augenblick, da bin ich mir sicher. Nur ein paar Schritte weiter steht ein majestätisch wirkender Kasuar, ein großer und seltener flugunfähiger Vogel, vor uns. Auf einem Ast über ihm sitzt ein niedlicher, tropisch-bunter Papagei. Beide Tiere blicken uns mit glänzenden Augen an. Niemand wagt, sich zu rühren, um den Moment möglichst lange zu bewahren. Nach einigen Minuten Stille verschwinden beide wieder im Dickicht der grünen Hölle.

Langsam bricht die Dunkelheit herein und darum beschließen wir, an diesem Ort die Nacht zu verbringen. Es gibt seltsamerweise fast kein Unterholz. Ideal ist, dass nur ein paar Schritte weiter ein Wasserfall rauscht, dem wir frisches Trinkwasser entnehmen können. Jack zündet bereits den Gaskocher an, um das gefriergetrocknete Essen zuzubereiten. Ich gehe noch schnell den Schweiß des Tages abwaschen, der zusammen mit Sonnencreme und Insektenschutz eine klebrige Masse auf meiner Haut bildet. Um zu dem versteckten kleinen See zu gelangen, den der überraschend hohe Wasserfall unermüdlich füllt, muss man einen Abhang hinunterklettern. Ein magischer und wunderbarer Ort, eine erfrischende Dusche zu nehmen. Nach der kurzen Abkühlung klettere ich ein paar Meter die Felsen hinauf und setze mich in eine kleine Felsnische, die von einer dicken Baumwurzel durchzogen wird. Während ich dort sitze und dem beruhigenden Rauschen des fallenden Wassers zuhöre, streiche ich meine Hand unbewusst über die Baumwurzel und fühle plötzlich etwas. Ich kratze die dünne grüne Schicht Moos von der Rinde und sehe, dass jemand etwas in die Lebensadern dieses alten Baumes geritzt hat. Die Zahl 2012 ist klar und deutlich zu lesen.

Während ich weiter vor mich hin sinne, wird die Zahl spannender als ich es mir zunächst eingestehen wollte. Ich frage mich, wer hier mitten im Regenwald, auch wenn es ein besonders schöner Ort ist, diese Zahl geritzt hat. Hat die Zahl einen bestimmten Grund? Vielleicht das Jahr, als zwei junge Leute auf diesen magisch-schönen Ort gestoßen sind, einander gefunden haben und es danach in dieser Baumwurzel verewigen wollten? Aber in dem Fall hätte ich eher meine Initialen in ein Herz geritzt. Auf jeden Fall das vollständige Datum. Oder hat die betreffende Person nicht genug Zeit gehabt? Ist es eine Botschaft?

Ich überlege, ob ich mich hier auch mit irgendetwas verewigen sollte. Aber warum? Mir fehlt nicht nur ein Messer, sondern auch die passende Idee. Es ist sowieso Zeit zum Lager zu gehen.

Auf dem Weg zurück den Abhang hinauf verliere ich kurz den Halt und rutsche mit einem Fuß etwas hinunter. Dabei muss ich wohl falsch aufgekommen sein, denn als ich wieder beim Lager ankomme, merke ich ein leichtes Ziehen im Knöchelbereich. Doch der Duft des Eintopfes, den Jack inzwischen gekocht hat, lässt mich den Vorfall schnell vergessen.

Nach dem Essen sitzen wir noch ein wenig im Licht unserer Camping-Lampe und Jack erzählt ein wenig von seinem Bruder, von dem er nun schon längere Zeit nichts mehr gehört hat und von dem anscheinend niemand weiß, wo er sich befindet. Das letzte Lebenszeichen ist auf jeden Fall in dieses Gebiet zurückverfolgbar.

Als ich ihm so zuhöre, wie er zum ersten Mal von seiner Familie erzählt, hören wir plötzlich ein Klappern. Es kommt aus der Richtung unseres Alu-Geschirrs, das wir ungesäubert auf der Erde stehengelassen haben. Im Schein unserer Campinglampe sehen wir eine Ratte, die uns, aber vor allem unsere Lebensmittel gewittert hat und bereits wenig später schnuppernd mitten im Suppentopf sitzt.

Jack meint leise zu mir: „Genauso wie zuhause in der Großstadt.“

Aber ich finde, hier ist es nochmal etwas ganz anderes.

Nach einer ruhigen Nacht wache ich von der irren Geräuschkulisse der Zikaden auf. Ich öffne die Augen und sehe das orange Leuchten des Sonnenaufgangs durch die Baumkronen. Allerdings kann ich den Anblick nicht lange genießen, denn nun merke ich den dick angeschwollenen Knöchel. Beim Aufstehen kann ich kaum noch auftreten vor Schmerz.

Als Jack mich überrascht fragt, was denn mit mir passiert sei, erzähle ich ihm kurz den Vorfall.

„Gestern hast davon aber noch nichts erzählt“, meint Jack nicht ganz feinfühlig.

„Es ist auch nicht schlimm gewesen und ich wollte nicht herumjammern.“

„Na ja, das tust du dafür jetzt umso mehr!“

Ich weiß nicht, ob ich über den Kommentar verärgert sein soll, denn die Situation ist mir zugegeben ein wenig unangenehm. Es ist klar, dass sich Jacks Pläne dadurch etwas komplizierter gestalten, aber ein wenig Mitgefühl wäre jetzt nett gewesen, schließlich habe ich mich nicht absichtlich verletzt.

Als könne Jack meine Gedanken lesen, sagt er daraufhin: „Entschuldige bitte, war nicht böse gemeint. Was machen wir denn nun? Kannst du mit meiner Hilfe vielleicht noch ein paar Kilometer gehen? Dann würden wir nämlich einen Ort am Flussufer erreichen, von dem mir Tony erzählt hat. Dort hält sich angeblich ein alter Aussteiger auf. Falls der uns wegen des Knöchels nicht weiterhelfen kann, besteht hoffentlich wenigstens die Möglichkeit, sich ein Kanu zu nehmen, von denen dort einige zur Reparatur liegen sollen. Dann brauchen wir nicht mehr weit zu laufen und könnten uns per Boot schneller Richtung Flussdelta fortbewegen.“

„Ich werde es versuchen“, verspreche ich ihm.

Fortan stimmten die Wege und Himmelsrichtungen nicht mehr mit Jacks Karten überein. Nach für mich schmerzhaften Stunden erreichen wir das besagte Ufer, dem wir in Richtung der Strömung folgen. Entlang des Flusses kann ich den Pfad nur noch erahnen. Es sieht ganz so aus, als wenn hier schon lange kein Mensch mehr vorbeigekommen ist. Das Gleiche gilt für die Hütte, vor der wir nun stehen.

Jack meint, dass dies der Punkt auf der Karte ist, von dem ihm Tony erzählt hat. In der Hütte befinden sich weder Lebensmittel noch Hinweise darauf, wann hier das letzte Mal ein Lebewesen gewesen ist. Die Ansammlung von vorhandenen Spinnengattungen deutet auf eine eher längere Zeitphase hin.

Wir vertrauen dem leicht verwitterten Kanu, das mit dem Rumpf nach oben am Ufer liegt, setzen es auf das grüne undurchsichtige Wasser und Jack geht für eine Testphase an Bord. Anscheinend kein Leck!

Deshalb reiche ich Jack daraufhin unser Gepäck. Er sitzt hinten und ich setze vorsichtig meinen gesunden Knöchel auf den Bug des Kanus. Wir befestigen unsere Rucksäcke an der Sitzfläche in der Mitte des Bootes, so dass sie bei einem möglichen Kentern nicht verloren gehen können. Das Gepäck ist unserer Ansicht nach nicht schwer genug, ein umgekipptes Kanu auf den Grund zu ziehen. Die abgenutzten Paddel sind ausreichend, um am Ende des Tages flussaufwärts die nächste menschliche Siedlung zu erreichen.

Auf dem Fluss treibend stelle ich mir gerade vor, wie angenehm es wäre, würde ich meinen angeschwollenen Knöchel zur Kühlung in den Fluss halten können. Bloß aufgrund der hiesigen Tier- und Pflanzenwelt könnte das noch ungesünder für meinen Fuß enden. Deshalb tränke ich nur kurz ein T-Shirt mit kühlendem Wasser und umwickele damit den schmerzenden Knöchel. Für die Schwellung ist die Bootsfahrt sehr hilfreich, da ich somit die Möglichkeit habe, meinen Fuß den restlichen Tag ruhig zu stellen.

Im Verlauf des Tages wird die Fahrt indessen zu einer echten Belastungsprobe. Der Fluss ist so breit, dass uns die Bäume zu beiden Ufern bei den für uns ungewohnten Temperaturen mit gleichzeitig erhöhter Luftfeuchtigkeit keinen Schatten mehr spenden können. Die gemeinen Stechfliegen stören sich mittlerweile nicht mehr an unseren diversen Verteidigungsmaßnahmen und das Paddel wird immer schwerer.

Nach vielen anstrengenden Flusskilometern sehen wir nun zum ersten Mal spielende Kinder an sandigen Uferrändern. Sie wirken wie schwarze Silhouetten vor Lagerfeuern und man kann einige lachen hören. Ob Mädchen oder Jungen ist schwierig zu sagen, denn alle haben lange, dunkle und krause Haare und sind ähnlich ursprünglich gekleidet.

Ein kleines Kind entdeckt zuerst unser Boot und läuft aufgeregt bis zum Rand des Flusses, wird aber schnell von einem großgewachsenen Mitglied der Gruppe an die Hand genommen und zurück hinauf zum Lagerfeuer geführt.

Kurz darauf stellen sich kräftig wirkende Jugendliche mit Speeren aufrecht in unsere Richtung blickend an der Uferkante auf.

Ihre Blicke verfolgen uns noch, bis wir außer Sichtweite sind. Die Szenerie erinnert mich an einen Klassiker der Literatur, Herr der Fliegen.

Entlang unserer Fahrtrichtung folgen später riesige Wasserrohre, die alle paar Meter zum Fluss hinunter führen. Oben am Hang reihen sich Holzhütten.

Fast hätten wir die Erwachsenen nicht gesehen, die uns auf einmal winken. Nach einem kurzen Schreck fühle ich mich schnell erleichtert. Wir sind zumindest an einem Ort angekommen, an dem freundlich wirkende Menschen wohnen. Seltsam finde ich allerdings, dass die Leute uns hier dem Anschein nach schon erwartet haben.

Wir fahren ans Ufer. Dort springt Jack hinaus, ich reiche ihm unsere Sachen und er hilft mir aus dem Kanu.

Nachdem wir zuletzt auch unser Boot aus der an dieser Stelle des Flusses stärker werdenden Strömung ziehen, folgen wir den fremden Menschen in den Wald hinein, die bisher kein einziges Wort von sich gegeben haben.

Jack hakt mich unter, um meinen geschwollenen Knöchel zu entlasten. Mir ist ein wenig schwindelig, doch mehr Gedanken mache ich mir, als ich verwirrt auf unseren Kompass schaue und auch Jack diese Stelle auf seinen Karten nicht finden kann.

Nach ein paar hundert Metern kommen wir bereits an einen zweiten Fluss, an dessen Ufer viele individuelle Arten von Unterkünften errichtet wurden. Ich glaube beobachtet zu haben, dass Jack mit diesen Leuten mehr zu tun hat, als mir bekannt ist. Eventuell haben sie auf irgendeine Weise lange vor unserer Ankunft miteinander kommuniziert?

Wir werden zu einem famosen Baumhaus gebracht, das in eine fabelhafte Astgabel hineingebaut wurde und nur über Stufen zu erreichen ist, die um den Stamm herum nach oben führen. Beim Hinaufgehen ist mir etwas mulmig zumute, doch als ich dann das Interieur des Hauses erblicke, wird mir klar, dass dies alles hier keinen Arrest darstellen sollte. Es gleicht in meinen Augen eher einem Luxusappartement aus Holz.

In diesem Moment wird mir klar, dass ich noch ein wenig länger hierbleiben werde als Jack.

David hielt die verschmutzte dunkle Mappe mit den handgeschriebenen Zetteln in ledernem Einband auf seinem Schoß. Nur mit einer Unterhose bekleidet, saß er mit angezogenen Beinen und dem Rücken gegen die Wand lehnend auf einer verstaubten Matratze, die ohne Bettgestell auf dem sandigen Boden lag. Endlich hatte er jemanden, dem er aus dem, wie er fand, spannenden Manuskript vorlesen konnte.

„Bist du wirklich derjenige, den der Mann in der Geschichte am Bahnhof sieht?“, fragte Philipp gespannt.

„Ja“, antwortete David und nickte ängstlich mit dem Kopf.

Philipp saß gespannt direkt vor ihm auf der Matratze. Er wusste nicht genau, wie viele Tage vergangen waren, seit er von ein paar Männern auf offener Straße gefangen genommen und zu diesem Ort gebracht wurde. Zunächst war er mit anderen Pubertierenden seines Alters in einem viel größerem Raum eingesperrt gewesen und von ihnen gehänselt worden. Doch Philipp konnte, wie schon so oft in der Vergangenheit, seine Kräfte nicht unter Kontrolle halten und wurde daraufhin in diesen höhlenartigen Raum ohne Fenster gesperrt.

Dem Tageslicht beraubt, verlor Philipp langsam sein Zeitgefühl. Er erinnerte sich noch. Es war zwischen den ersten beiden der drei Mahlzeiten gewesen, die man ihm täglich durch die kleine Klappe der schweren Holztür reichte, als diese plötzlich aufgerissen worden war und ein ihm unbekannter jüngerer Knabe zu ihm in den Raum gestoßen wurde.

Nun saßen sich die beiden ungleichen Jungs bei flackerndem Kerzenschein gegenüber.

Philipp, der große kräftig gebaute rothaarige Bursche, der aber mit seinen 15 Jahren nicht gerade der Klügste war und der 12-jährige David mit seinem schmächtigen Körperbau, zierlichen Gesicht und schwarzen Locken. Er war mindestens einen Kopf kleiner als Philipp und wirkte noch sehr jung, war aber dafür hochintelligent und nicht auf den Mund gefallen. Nur sein zwischenmenschliches Gespür war noch nicht so ausgeprägt. Trotzdem mochte Philipp seinen neuen Bewohner. Die beiden hatten sich sich vom ersten Moment an gut verstanden und Philipp fühlte sich an diesem angsteinflößenden Ort nicht mehr so allein. Er hatte im Vergleich zu anderen Jugendlichen das Gefühl, dass sein Gegenüber ihn ernst nahm.

David blätterte weiter in seinem Manuskript. Die Aufzeichnungen ließen ihm keine Ruhe. Es folgten ein paar leere Blätter und dann las er auf der letzten stark verschmutzen Seite den krakelig geschriebenen Satz: Warum wollen denn nicht alle einfach nur friedlich in Harmonie zusammenleben?

David schlug die Seiten zu. Mittlerweile war einige Zeit vergangen, seit er diese beiden, in den Aufzeichnungen beschriebenen Männer, in der Dunkelheit gesehen hatte.

„Woher hast du diese Mappe eigentlich und warum schleppst du sie mit dir herum?“