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V.S. Naipauls erbarmungsloser Roman über die verlorenen Illusionen des Kolonialismus Auf der Karibikinsel Isabella war Ralph Singh ein angesehener Kolonialpolitiker. Nun lebt er im Londoner Exil und versucht in den schäbigen Pensionen South Kensingtons seine Erinnerungen aufzuschreiben: die leuchtende Kindheit auf Isabella, die paradoxe Identität und komplizierten Träume der Einwohner, die aus Indien, Afrika und China stammten, seine plötzliche Karriere und das abrupte Ende mit dem Verfall des British Empire. In einer bitterbösen Analyse geht Naipaul in »Herr und Sklave« der harschen Wahrheit des kolonialen Zusammenbruchs der Sechziger nach – ein Wendepunkt im Werk Naipauls.
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Seitenzahl: 483
Veröffentlichungsjahr: 2025
V.S. Naipaul
Roman
Auf der Karibikinsel Isabella war Ralph Singh ein angesehener Mann. Trotz indischer Abstammung hatte er in London studiert, eine Engländerin geheiratet, galt als gewiefter Politiker und geschickter Unternehmer. Doch musste er in seiner Heimat erleben, wie ihm sein Einfluss durch die Finger rann. Macht führt unweigerlich zu Auflösung.
Nun ist er in das graue London der 1960er Jahre zurückgekehrt. In schäbigen Pensionen South Kensingtons versucht er seine Erinnerungen aufzuschreiben: die leuchtende Kindheit auf Isabella, die paradoxe Identität der Menschen aus Indien, Afrika und China, seine plötzliche Karriere und das abrupte Ende mit dem auseinander brechenden Empire.
»Dieser Roman handelt von kolonialer Schande und kolonialen Fantasien, er handelt davon, wie die Machtlosen sich selbst belügen, denn Lügen sind das Einzige, über das sie reichlich verfügen.«
V.S. Naipaul in seiner Nobelpreisrede 2001 über »Herr und Sklave«
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V. S. Naipaul wurde 1932 in Trinidad geboren. 1950 ging er mit einem Stipendium nach England. Nach vier Jahren Studium in Oxford widmete er sich ganz seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Es erschienen über zwanzig Romane und Sachbücher, darunter »Ein Haus für Mr. Biswas«, »An der Biegung des großen Flusses« und »Das Rätsel der Ankunft«. Für seine Werke wurde V. S. Naipaul mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Booker Prize. 2001 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. V. S. Naipaul starb am 11. August 2018 in London.
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe erschien 1967 unter dem Titel »The Mimic Men« bei André Deutsch, London.
Copyright © 1967, V.S. Naipaul
All rights reserved.
© Copyright der deutschen Übersetzung:
2004 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
Erschienen im List Taschenbuch Verlag
Für diese Ausgabe:
© 2025 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: kreuzerdesign | München
Rosemarie Kreuzer
Coverabbildung: Planpicture / Miguel Sobreira
ISBN 978-3-10-491128-1
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Erster Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Zweiter Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Dritter Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Als ich das erste Mal nach London kam, kurz nach Kriegsende, landete ich nach ein paar Tagen in einem Boardinghouse, einer Privatpension in der Gegend der Kensington High Street. Das Boardinghouse gehörte Mr. Shylock. Er wohnte selbst nicht dort, aber der Dachboden war ihm vorbehalten, und Lieni, die maltesische Haushälterin, erzählte mir, dass er dort oben gelegentlich mit einem jungen Mädchen die Nacht verbrachte. »Diese englischen Mädchen!«, sagte Lieni. Sie wohnte im Souterrain, mit ihrem unehelichen Kind. Ein frühes Nachkriegsabenteuer. Zwischen Dachboden und Souterrain, dem Vergnügen und seinem Preis, wohnten gedrängt wir Hausgäste.
Ich zahlte Mr. Shylock drei Guineen die Woche für ein hohes, mit vielen Spiegeln versehenes, buchförmiges Zimmer mit einem sargähnlichen Kleiderschrank. Und Mr. Shylock, der jede Woche fünfzehn mal drei Guineen einnahm und eine Mätresse sowie Anzüge aus solch erlesenem Tuch besaß, dass ich hätte hineinbeißen mögen, galt meine uneingeschränkte Bewunderung. Ich war weder mit den gesellschaftlichen Gepflogenheiten Londons noch mit den Physiognomien und Hautfarben des Nordens vertraut und fand, dass Mr. Shylock distinguiert aussah, wie ein Rechtsanwalt oder Geschäftsmann oder Politiker. Er hatte die Angewohnheit, über sein Ohrläppchen zu streichen und den Kopf zu neigen, wenn er zuhörte. Ich fand die Geste attraktiv; ich kopierte sie. Ich wusste von den jüngsten Ereignissen in Europa; sie peinigten mich; und obwohl ich selbst versuchte, mit sieben Pfund die Woche über die Runden zu kommen, ließ ich Mr. Shylock stumm mein tiefstes Mitgefühl zuteilwerden.
Im Winter starb Mr. Shylock. Ich wusste es nicht, bis ich von seiner Einäscherung hörte, und zwar von Lieni, die es kränkte und auch mit gelinden Zukunftsängsten erfüllte, dass Mrs. Shylock sie von dem Todesfall an sich nicht unterrichtet hatte. Die Unsichtbarkeit und Unvermitteltheit dieses Londoner Todesfalls beunruhigte auch mich. Und mir wurde bewusst, dass ich in London bis zu diesem Moment den Tod überhaupt nicht wahrgenommen, dass ich Leichenzüge, wie sie auf der Karibikinsel Isabella bei jedem Wetter unsere Nachmittage belebt hatten, hier nie gesehen hatte. Mr. Shylock war also tot. Doch ungeachtet Lienis Befürchtungen blieb im Boardinghouse alles beim Alten. Mrs. Shylock ließ sich nicht blicken. Lieni wohnte weiterhin im Souterrain. Vierzehn Tage später lud sie mich zur Taufe ihres Kindes ein.
Wir sollten um drei Uhr in der Kirche sein, und so ging ich nach dem Mittagessen in mein schmales Zimmer hinauf, um zu warten. Es war sehr kalt. Im Zimmer wurde es dunkel, und mir fiel auf, dass draußen ein eigenartiges Licht herrschte. Es war ein lebloses Licht, das jedoch von einer bleiernen Fahlheit erfüllt zu sein schien. Dann begann es zu nieseln. Ein ungewöhnliches Nieseln: Ich konnte die einzelnen Tropfen sehen, konnte hören, wie sie gegen die Fensterscheibe schlugen.
Hektische Frauenschritte kamen die Treppe heraufgepoltert. Meine Tür wurde aufgestoßen, und Lieni, einen schminkeverschmierten Wattebausch in der Hand, die eine Hälfte ihres Gesichts gereinigt, nackt und weiß, sagte atemlos: »Ich dachte, es interessiert dich vielleicht: Es schneit.«
Schnee!
Sie kniff die Augen zusammen, presste die Lippen aufeinander und tupfte sich mit der Watte über die Wangen – große Hand, große Finger, kleiner Wattebausch –, dann stürzte sie wieder hinaus.
Schnee. Endlich; mein Element. Das waren also Schneeflocken, luftiges zerstoßenes Eis. Nicht nur zerstoßen: zersplittert. Aber noch mehr verzauberte mich das Licht. Ich ging in den dunklen Flur hinaus und stellte mich ans Fenster. Dann stieg ich ganz nach oben bis zum Dachfenster, wobei ich auf jedem Stockwerk stehen blieb, um hinauszuschauen. Der Teppich hörte auf, die Treppe endete in einer schmalen Galerie. Über mir war das Dachfenster, unter mir das in der Tiefe immer dunkler werdende Treppenhaus. Die Dachbodentür war nur angelehnt.
Ich trat ein und fand mich in einem fast leeren Raum wieder, der von einem künstlich anmutenden, leblos-fluoreszierenden Licht erfüllt war. Der Raum wirkte kalt, ungeschützt und verlassen. Die nackten Dielen waren schmutzig. Eine Matratze auf staubigen Zeitungen, eine zerschlissene Tagesdecke aus blauem Flanell, ein wackeliger Schreibtisch. Sonst nichts.
Als ich vor dem Fenster stand – der Rahmen war verzogen, die Farbe abgeblättert: so hinfällig hier oben, was unten so solide erschien –, spürte ich das leblose Licht auf meinem Gesicht. Die Schneeflocken schwebten nicht nur, sie wirbelten. Sie trafen auf das Glas und verwandelten sich in einen Film aus schmelzendem Eis. Die Dächer unter dem fahlgrauen Himmel waren weiß, mit einzelnen glänzend schwarzen Stellen. Das Trümmergrundstück war vollkommen weiß, jeder Strauch, jede weggeworfene Flasche, Kiste, Dose konturiert. Ich hatte also gesehen. Doch was sollte ich mit solch vollendeter Schönheit anfangen? Als ich aus diesem Raum auf die dünnen braunen Rauchfäden hinausblickte, die aus hässlichen Schornsteinen emporstiegen, auf die mit Pfosten und Pfeilern abgestützte verputzte Mauer des Hauses neben dem Trümmergrundstück, hinausblickte aus diesem leeren Raum mit der Matratze auf dem Boden, spürte ich, wie der ganze Zauber der Stadt verflog, und bekam eine Ahnung von der Verlorenheit der Stadt und ihrer Bewohner.
Eine Matratze, ein Schreibtisch. War es zu Mr. Shylocks Lebzeiten mehr gewesen? Ein so distinguierter Mann, so sorgfältig gekleidet, und dies sein Raum, der Schauplatz seiner Vergnügungen. Ich öffnete die Schreibtischschublade. Ein Ausweis mit zerfransten Rändern. Mr. Shylocks Ausweis: Es war seine ordentliche Unterschrift. Ein zerknittertes Foto von einem molligen Mädchen in Wollrock und Pullover. Die Hand des Fotografen hatte gezittert, so dass das Bild, gleich einem Foto in einer Reportage über ein großes Ereignis, wie eine Rarität wirkte, wie ein Bild von einer Person, die nie mehr fotografiert werden würde. Ein unschuldiges, unscheinbares Gesicht, bar jener Aura, die das Wort »Mätresse« und das Laster ihm doch hätten geben müssen. Das Mädchen stand in einem Garten. Das Haus hinter ihr glich den Nachbargebäuden. Das Haus ihrer Familie: Ich versuchte es in meiner Vorstellung zu betreten, den Moment zu rekonstruieren – ein Sonntagmittag im Sommer vielleicht, kurz vorm Mittagessen –, als das Foto aufgenommen wurde. Doch sicher nicht von Mr. Shylock? Von Bruder, Vater, Schwester? Hier jedenfalls hatte er geendet, jener Moment, jener Impuls der Zuneigung, hier in einem verlassenen Raum inmitten der Schornsteine einer Gegend, die dem Mädchen aus dem Garten vorgekommen sein musste wie ein fremdes Land.
Ich sollte das Foto behalten, dachte ich. Doch ich ließ es liegen, wo ich es gefunden hatte. Ich dachte: Möge mir so etwas nicht zustoßen. Der Tod? Der ereilt alle. Nun gut, auf dass ich denn mehr zurücklassen möge. Auf dass meine Überreste in Ehren gehalten werden. Auf dass ich nicht verhöhnt werden möge. Doch während ich noch in Worte zu fassen versuchte, was ich fühlte, wurde mir bewusst, dass meine eigene Reise, kaum begonnen, in genau dem Schiffbruch geendet hatte, den ich mein Leben lang zu vermeiden gesucht hatte.
Ein düsterer Anfang. Er könnte nicht anders sein. Dies sind nicht die politischen Memoiren, die ich mich zu meiner Zeit als Politiker dann und wann habe ruhigen Gemüts an meinem Lebensabend schreiben sehen. Ein mehr als autobiographisches Werk, eine Darstellung der Malaise unserer Zeit, akzentuiert und erhellt durch die persönliche Erfahrung und jenes Wissen um das Mögliche, das nur aus der Nähe zur Macht erwachsen kann. Doch ein solches Buch könnte ich jetzt wohl kaum in Angriff nehmen. Zwar schreibe ich durchaus ruhigen Gemüts. Doch ist es nicht die Ruhe, die mir vorgeschwebt hatte. Denn ich bin erst vierzig, von meinem Lebensabend weit entfernt, und meine politische Laufbahn ist vorbei.
Ich weiß, dass die Rückkehr auf meine Insel und zu meinem politischen Leben unmöglich ist. In den Kolonien folgen die Ereignisse schnell aufeinander und die Fluktuation der politischen Führer ist hoch. Ich bin bereits vergessen, und ich weiß, dass die Leute, die mich entmachtet haben, ihrerseits im Begriff sind, entmachtet zu werden. Meine Laufbahn ist keineswegs ungewöhnlich. Sie entspricht dem Muster: Die Laufbahn des Kolonialpolitikers ist kurz und endet brutal. Uns fehlt es an Ordnung. Vor allem aber fehlt es uns an Macht, und wir begreifen nicht, dass es uns an Macht fehlt. Wir verwechseln Worte und den Beifall für die Worte mit Macht; sobald wir die Karten auf den Tisch legen müssen, sind wir verloren. Politik ist für uns ein Ganz-oder-gar-nicht, ein Jetzt-oder-nie. Wenn wir uns erst einmal darauf eingelassen haben, kämpfen wir nicht nur auf der politischen Ebene; oft kämpfen wir im wahrsten Sinne des Wortes um unser Leben. Unsere interimistischen oder provisorischen Gesellschaften bieten uns keinen Schutz. Es gibt keine Universitäten oder Geschäftshäuser, die uns neue Kraft spenden, uns nach geschlagener Schlacht in ihren Schoß aufnehmen könnten. Für die Verlierer, und letztlich enden fast alle als Verlierer, gibt es nur eins: Flucht. Die Flucht ins größere Chaos, in die endgültige Leere: nach London oder ins Umland.
Eine ganze Menge von uns sind hier, wohnen bescheiden und unerkannt in kleinen Doppelhaushälften in einem Vorort. Wir verlassen samstagvormittags das Haus, um bei Sainsbury’s einzukaufen, uns unters Volk zu mischen. Wir haben Grandeur weit über die Fußballtoto-Träume unserer Nachbarn hinaus erlebt, doch in der kleinbürgerlichen Umgebung, zu der wir verdammt sind, hält man uns für Immigranten. Die friedliche Gesellschaft hat ihre grausamen Seiten. Ist ein Mann seiner Würden entkleidet, so erwartet man von ihm nicht etwa, dass er stirbt oder davonläuft, sondern dass er seine Ebene findet. Ab und zu stoße ich in der Times auf einen Leserbrief mit einer schäbigen Absenderadresse, in dem sich jemand zu einem bedeutenden Thema äußert; ich erkenne einen Namen und folge mit größter Anteilnahme den Regungen eines verzweifelten, an die Kette gelegten Geistes. Gerade neulich erst war ich im West End, im Untergeschoss eines jener Kaufhäuser, in denen das Verkaufspersonal kleine Namensschilder aus Plastik trägt. Ich stand zwischen den unbehandelten Küchenmöbeln. Ich suchte einen zusammenklappbaren hölzernen Wäscheständer, den ich in dem Hotel, in dem ich jetzt wohne, nachts im Badezimmer aufstellen wollte. Eine Verkäuferin stand mit dem Rücken zu mir. Ich ging zu ihr. Sie wandte sich um. Ihr Gesicht kam mir bekannt vor, und nach einem kurzen Blick auf das Namensschild an ihrer Bluse konnte kein Zweifel mehr bestehen. Wir waren uns das letzte Mal auf einer Konferenz der blockfreien Staaten begegnet, ihr Mann war einer der Heißsporne gewesen. Wir hatten uns in einem rauschhaften Taumel glanzvoller Feste und Dinners gesehen. Damals hatte sie ihre »Nationaltracht« getragen. Sie hatte ihr etwas Verführerisches gegeben und die Farben der Seide hatten ihren kräftigen asiatischen Teint noch hervorgehoben. Jetzt verwandelte der vom Kaufhaus vorgeschriebene Rock mit Bluse ihre Brüste und Hüften in unansehnliche Packen. Ich erinnere mich noch, dass bei unserer Verabschiedung am Flughafen der dritte Sekretär ihrer Botschaft gegen die exakten Vorgaben des Protokolls verstieß, indem er im letzten Moment mit einem Blumenstrauß angelaufen kam, den er ihr überreichte; das persönliche Geschenk eines Mannes, der um jeden Preis seine Stellung in der diplomatischen Welt behalten wollte, sich davor fürchtete, wieder in die Trostlosigkeit seiner heimatlichen Verhältnisse zurückgeschickt zu werden. Nun stand diese Frau inmitten der unbehandelten Küchenmöbel. Ich konnte ihr nicht gegenübertreten. Ich verzichtete auf meinen Einkauf, hoffte, dass sie mich nicht erkannt hatte, und wandte mich ab.
Später, als ich im Zug saß und an den Rückfronten hoher verrußter Gebäude vorbeifuhr, an baufälligen Schuppen und den Häusern viktorianischer Arbeitersiedlungen, deren lange sich selbst überlassene Hinterhöfe streckenweise in karibische Gärten verwandelt worden waren, machte ich mir Gedanken über den Heißsporn. Ob er gebändigt in irgendeinem Büro vor sich hin kümmerte? Oder lebte er, als gebrochener Mann zu keiner Arbeit mehr fähig, von kärglichen Bezügen in einem Vorstadtreihenhaus? Viele von uns, das muss man sagen, sind arm. Die gelegentliche Notiz auf der Wirtschaftsseite, in der wieder einmal der Zusammenbruch irgendeiner unbekannten Schweizer Bank gemeldet wird, spricht für sich. Doch man sollte das nicht überbewerten. Die meisten von uns waren zu zaghaft, um ein Vermögen anzuhäufen, oder aber zu dumm; wir haben sowohl unsere Chancen als auch unsere Bedürfnisse an den Träumen unserer vorherigen Nichtigkeit gemessen.
Vom Pessimismus der Jugend heißt es, genau wie von Rebellentum und Atheismus, dass man ihm irgendwann entwachse. Doch jetzt, keine zwanzig Jahre nach Mr. Shylocks Tod, überspringt meine Stimmung mit dieser Reise nach London, die mir endgültig erscheint und einen Schlusspunkt hinter das setzt, was mir an Aktivität und Erfahrungen im Leben zustand, all die Jahre, all die nachfolgenden Besuche in dieser Stadt – überspringt die Fahrten im Humber, die Hotels, die hilfsbereiten Beamten, das Porträt von George III. in Marlborough House; überspringt meine Ehe und meine geschäftlichen Unternehmungen – überspringt all das und knüpft an jene Stimmung an, die mich damals auf Mr. Shylocks Dachboden überkam, so dass alles, was unterdessen geschehen ist, in Parenthese zu stehen scheint. Welches ist die Realität? Diese Stimmung oder die zwischenzeitliche Aktivität, die aus der Stimmung entstanden ist und wieder zu ihr hingeführt hat?
Mr. Shylocks Boardinghouse habe ich das letzte Mal vor einigen Jahren gesehen. Ich hatte nicht danach gesucht; der Minister, mit dem ich zu Abend aß, wohnte in der Nähe. Die schwere getäfelte Haustür mit den Beschlagnägeln und den zwei gemusterten Scheiben war durch eine glatte, lila gestrichene Tür ersetzt worden, die in kursiven Ziffern die Hausnummer trug; man fühlte sich an den Eingang eines Damenwäschegeschäfts erinnert. Ich empfand nicht viel: Dieser Teil meines Lebens war abgeschlossen und eingeordnet. Ich frage mich, ob ich heute auch noch so gelassen wäre. Aber Kensington ist nicht das Stadtviertel, in dem ich wohne oder auch nur gern unterwegs wäre. Es ist mir mittlerweile etwas zu übervölkert und ist, glaube ich, auch ziemlich teuer. Außerdem ist es zum Zentrum rassistischer Agitation geworden, und ich möchte nicht in Kämpfe hineingezogen werden, die für mich ohne Belang sind. Ich möchte niemandes Nöte mehr teilen; mir fehlt das Rüstzeug dazu. Keine Worte mehr von mir, außer denen, die ich hier schreibe, und in ihnen wird der Politiker, Hausierer für die gute Sache, so weit wie möglich unterdrückt werden. Es wird mir nicht schwerfallen. Ich habe mein Teil an politischen Schriften verfasst. Jetzt, in der mir auferlegten Untätigkeit, ist es mein Bedürfnis, diese abschließende Leere zu sichern.
Ich habe viel Schnee gesehen. Er verzaubert mich nach wie vor, aber ich halte ihn nicht mehr für mein Element. Ich träume nicht mehr von idealen Landschaften, versuche nicht, mich in ihnen zu verankern. Alle Landschaften werden irgendwann einfach zu Land, das Gold der Vorstellung wird zum Blei der Realität. Ich könnte nicht, wie so viele meiner Mitexilanten, in einer Doppelhaushälfte in einem Vorort leben; könnte nicht so tun, nicht einmal vor mir selbst, als wäre ich Teil einer Gemeinschaft oder schlüge Wurzeln. Mir ist die Freiheit meines entlegenen Vorstadthotels lieber, das Fehlen jeglicher Verantwortung; mir gefällt dieses Gefühl von Zeitweiligkeit. Ich bin umgeben von Häusern wie dem auf dem Foto, das ich auf Mr. Shylocks Dachboden studiert habe, ein sentimentaler Impuls, der mir peinlich ist. Inzwischen nehme ich diese Häuser kaum mehr wahr, denke nie an die Menschen, die darin wohnen. Ich versuche nicht mehr, Schönheit im Leben der Gemeinen und Unterdrückten zu finden. Hasse die Unterdrückung, fürchte die Unterdrückten.
Die Taufe war um drei. Kurz vor drei ging ich in Lienis Zimmer hinunter. Dort war es noch unordentlicher als sonst: auf dem Kaminsims zwischen Rechnungen, Kalendern und leeren Zigarettenschachteln ein ganzes Sortiment an Kurzwaren; auf Bett, Linoleumboden und Gitterbettchen Kleider; alte Zeitungen; eine Nähmaschine, von feinsten Stofffasern eingestaubt. Der vor dem vergitterten Souterrainfenster liegende kleine Garten, normalerweise schwarz, war jetzt weiß: Auf dem Unkraut, der kahlen Platane, der hohen Backsteinmauer lag Schnee. Er steigerte die Feuchtigkeit im Zimmer und schien auch das Chaos noch zu steigern. Aber das Baby war bereit und Lieni selbst stand sauber, herausgeputzt und beinahe fertig vor dem verschnörkelten Spiegel über dem Kaminsims und feilte sich die Nägel. Diese Verwandlung fand ich immer interessant. Lieni redete oft von der »smarten Londonerin«, ein Ausdruck, den ich sie zum ersten Mal benutzen hörte, als sie mit dem Faschisten und anderen über die Heirat einer Engländerin und eines afrikanischen Stammesoberhaupts diskutierte, die von den anderen größtenteils missbilligt wurde. Lieni betrachtete sich selbst als smarte Londonerin; und wenn wir miteinander ausgingen, manchmal zusammen mit dem indischen Ingenieur, mit dem sie eine Beziehung hatte, verwandte sie viel Zeit auf die Erschaffung dieser smarten Londonerin, ob wir nun in das billige italienische Restaurant um die Ecke gingen oder ins Kino, das kaum weiter entfernt lag. Es war, als sei sie das weniger sich selbst schuldig als vielmehr der Stadt.
Die Taufgesellschaft hatte sich im Wohnzimmer des Souterrains versammelt. Es wurde drei Uhr, dann nach drei, und nun fand sich einer nach dem anderen bei Lieni im Schlafzimmer ein, um zu fragen, was los sei, und sie auf die Uhrzeit hinzuweisen. Lieni beruhigte sie und sie blieben zum Plaudern im Schlafzimmer. Ein Paar war eigens vom Land gekommen. Ich hatte sie schon einmal gesehen. Sie war Italienerin; sie steckte voll bitterer Erinnerungen an den Krieg, insbesondere an die Gier der Priester. Er war Engländer, der winzigste Vertreter seines Volks, der mir je begegnet war. Diese Kriegsromanze und die gemeinsamen Kinder hatten ihm einiges Selbstvertrauen gegeben, aber sein Blick blieb dunkel und vom Leid gezeichnet. Aus seiner neuen Sicherheit heraus betrachtete er sich als Lienis »Beistand«; er sollte auch der Taufpate sein. Unter den Gästen befand sich außerdem eine magere italienische Dame mittleren Alters, die ich noch nie gesehen hatte. Sie hatte einen kantigen Kiefer, sehr müde Augen und bewegte sich mit außerordentlicher Langsamkeit. Lieni zufolge war sie eine Gräfin und verkehrte in Neapel »in der Gesellschaft«; in Malta sei sie einmal auf einem Ball gewesen, den auch Prinzessin Elisabeth besucht habe. »Die Gräfin erwägt, diese Bruchbude zu kaufen«, sagte Lieni. Das flapsige Wort passte gut zu ihrem italienischen Akzent. Ich lächelte der Gräfin zu und sie lächelte müde zurück.
Schließlich waren wir so weit. Der kleine Engländer lief hinaus, um ein Taxi zu holen. Nach kurzer Zeit führte uns Lieni, nun ungeduldig geworden, zum Warten hinaus in den Portikus. Die Straße war bereits matschig und braun. Aber auf den Säulen des Portikus lag noch Schnee, so dass der Name des Hotels verdeckt war. Bald kam das Taxi mit dem kleinen Engländer, der, in seinem Mantel nun von geradezu absurder Winzigkeit, munter und zappelig auf der Vorderkante des Klappsitzes saß. Zur Kirche war es nicht weit. Wir erreichten sie gegen zwanzig nach drei. Wir kamen mehr als rechtzeitig. Niemand war auf uns vorbereitet. Die Kirche war ausgebombt, und die Taufe sollte in einem Anbau stattfinden. Wir saßen mit anderen Müttern und Kindern in einem Vorraum und warteten. Lieni lächelte die ganze Zeit unter ihrem Hut, die smarte Londonerin. Ein Baby kreischte. An einer Schachtel mit Kerzen ein Schild: Kerzen zwei Pence. Zwei kleine Mädchen gingen zu der Schachtel, legten ein paar Münzen hinein, zündeten Kerzen an und befestigten sie auf einem Ständer. Die Mutter der Mädchen sah mit einem Lächeln zu uns herüber, das unsere Aufmerksamkeit und Billigung heischte.
Um halb vier stürmte ein unrasierter Mann mit schmutzigem Kragen herein und fragte: »Taufe?« – »Ja, ja«, antworteten die Mütter. Er ging hinaus und war im nächsten Moment wieder da. »Wie viele, wie viele?« Er zählte die Säuglinge selbst und sagte: »Drei.« Er verschwand abermals, kehrte genauso schnell wieder zurück, öffnete die Tür und bat uns, ihm zu folgen. Wir folgten ihm die Treppe hinauf, überall Kerzenständer, Kerzen zwei Pence, und gelangten in einen großen Raum mit ockerfarbenen Wänden. Er nahm ein weißes Gewand von einem Haken und zwängte sich hinein. Ein Priester trat leise ein und lächelte. Er ging an einen Kleiderständer, griff nach einem violetten Schal mit goldenen Kreuzen und drapierte ihn sorgfältig um seine Schultern. Der unrasierte Mann huschte umher und drückte den Paten kleine Kärtchen in durchsichtigen, glänzenden Hüllen in die Hand. Die Taufe begann. Schließlich war Lienis Baby an der Reihe.
»John Cedric, was erbittest du von der Kirche? Sagen Sie ›Glaube‹.«
Unser Pate ließ sich nicht gerne Anweisungen erteilen. Er suchte auf seinem Kärtchen nach der richtigen Antwort. Dann sagte er: »Glaube.«
»Was schenkt dir der Glaube? Sagen Sie ›Das ewige Leben‹.«
»Ich weiß, Pater. Das ewige Leben.«
Der Priester segnete das Baby mit Speichel und mit Daumen und Fingern. Mit der Nase beschrieb er das Kreuzzeichen über dem Baby. Ich glaube – meine Erinnerung an die Zeremonie ist mittlerweile etwas verschwommen –, dass er dem Baby irgendwann auch eine Prise Salz in den Mund gab. John Cedric machte ein verdrießliches Gesicht und fuhr sich mit der Zunge im Mund herum. Vermittels seines Paten widersagte er dem Satan und allen seinen Werken und nahm Gott an; wenig später war die Zeremonie vorbei. Zum Ende hin wurde Lieni ernst. Sie weinte fast, als sie zum Priester ging und ihm – so glaube ich – Geld anbot, das er ablehnte. Dies war nicht mehr die smarte Londonerin; zum ersten Mal an diesem Nachmittag dachte ich daran, dass sie ledige Mutter war. Es blieb dem kleinen Paten überlassen, im Taxi wieder für etwas mehr Munterkeit zu sorgen, und selbst seine Frau Elsa, eine leidenschaftliche Kirchengegnerin, gab zu, dass es eine sehr schöne Vergebungszeremonie gewesen sei.
Danach sollte gefeiert werden. Lieni hatte all ihre Freunde eingeladen. Gegen sechs begannen sie einzutrudeln, manche direkt von der Arbeit. Lieni stand in der Küche, ihr nachmittäglicher Schick durch eine ausgesprochen schmutzige Schürze nun mehr oder weniger dahin. Der kleine Pate betätigte sich im Wohnzimmer als Gastgeber. Mehrere Malteser in feuchten Regenmänteln kamen zusammen herein, sie unterhielten sich düster auf Englisch und in ihrer eigenen Sprache. Ich hatte den Eindruck, dass es um Arbeit, Geld und das derzeit in London verbreitete Vorurteil ging, jeder Malteser sei ein weißer Sklavenhalter. Die Gräfin lächelte in die Runde und redete kaum. Johnny, der Faschist, kam mit seiner Frau herein. Er hatte sein schwarzes Hemd an, ein Zeichen, dass er irgendeinen Bezirk »bearbeitet« hatte. Seine Frau war wie üblich betrunken. Die Malteser begrüßten ihn alle herzlich. »Hallo, Johnny-boy! Wo warst du heute im Einsatz, Johnny-boy?« – »Notting Hill Gate«, sagte Johnny-boy. »Kaum Leute da.« – »Das Wetter«, sagte einer der Malteser. – »Mylady hat sich im Coach and Horses voll laufen lassen«, sagte Johnny-boy, als sei das die bessere Erklärung. Er hatte seine übliche duldsam-verärgerte Miene aufgesetzt. Mylady blinzelte, als sie merkte, dass man über sie sprach, und versuchte, eine stabile Sitzhaltung einzunehmen. Andere Hausgäste kamen herunter. Das Mädchen aus Kenia; ihr Freund, ein blonder, stumpfsinniger Alkoholiker, der zu längeren Redebeiträgen nicht in der Lage war und das mit einem Dauerlächeln und Gesten äußerster Höflichkeit wettmachte; der lächelnde, stumme Student aus Burma; der junge, schwarz gekleidete Jude, groß und prophetisch; der bebrillte junge Cockney, der Lieni zufolge genauso viel Ärger mit seinen beiden italienischen Mätressen hatte wie mit der Polizei; der marokkanische Franzose, der den ganzen Tag in seinem mit Hilfe eines Petroleumofens auf marokkanische Temperaturen gebrachten Zimmer arbeitete, wo er in Hochgeschwindigkeit dicke amerikanische Thriller übersetzte – er schaffte einen bis zwei pro Monat. Es tat immer wieder gut, sie zu sehen, Bekannte inmitten all des Unbekannten dieser Stadt. Aber stets erschienen sie mir so: zweidimensional, als vereinfachte Versionen ihrer selbst. Die Unterhaltung gestaltete sich mühsam, außer in der maltesischen Gruppe. Wir saßen da und warteten auf Lieni, die wir in der Küche hören konnten.
Lienis Bruder traf ein. Er hatte von dem Restaurant im West End, wo er als Kellner arbeitete, freibekommen. Er war blass, gut aussehend, erschöpft. Er sprach kaum Englisch. Lieni kam mit einer vollen Kohlenschütte herein. Zu Beginn des Abends war es im Zimmer kalt gewesen; jetzt wurde es etwas zu warm. Während sie die frischen Kohlen auflegte und so die Hitze ein wenig reduzierte, sagte Lieni zu ihrem Bruder: »Rudolfe, erzähl doch den anderen mal, wie du für mich Papier kaufen solltest.« Rudolfe sog Luft durch die Zähne ein und machte eine ungeduldige Geste, wie immer, wenn er diese Geschichte erzählen sollte. Schon die Geste rief Gelächter hervor. Dann folgte die Geschichte. Rudolfe, der gerade erst nach London gekommen war und praktisch kein Englisch sprach, war von seiner Schwester losgeschickt worden, um »Büttenpapier« zu besorgen; sie hatte einen gewichtigen Brief zu schreiben. Er war in die Buchhandlung W H Smith gegangen und hatte nach »Blütenpapier« gefragt, nur um von einer gleichmütigen Verkäuferin in die Drogerie geschickt zu werden, von wo er zornrot mit einer Rolle geblümten Toilettenpapiers zurückgekehrt war.
Mylady schwankte auf ihrem Stuhl und fiel ohne einen Ton vornüber auf den Boden. Johnny-boy, Derartiges offenbar gewohnt, machte sich zunächst daran, ihre Kleider zu ordnen, dann hob er sie auf und führte sie aus dem Zimmer.
»Hallo, Johnny-boy!«
Es war Paul, der eintrat, als Johnny-boy und Mylady gerade das Zimmer verließen. Wir hatten den mit Asche bestreuten Schnee auf der Kellertreppe unter seinen Schritten knirschen hören. Paul war klein, untersetzt, fast kahl und trug eine Brille. Er war sanft; sein Englisch war sehr klangvoll; er war homosexuell. In Lienis Souterrain war das sein »Part«. Er band sich gern eine Schürze um und betätigte sich im Haushalt. Er fegte gern und sammelte den Schmutz zunächst, um sich an der Menge zu ergötzen, bevor er ihn beseitigte. Er strich gern Tischdecken und Betttücher glatt; oft sah man ihn auch bügeln. Wenn er zu Lieni kam, äußerte er immer als Erstes sein Entsetzen über die Unordnung und machte sich ans Fegen. Das tat er auch jetzt. Er ging hinaus, um Besen und Schürze zu holen. Lieni kam mit ihm herein und brachte eine weitere Schütte Kohlen für das inzwischen unerträglich heiße Feuer mit.
»Armer Johnny-boy«, sagte Paul.
»Erzähl es ihnen, Paulo«, sagte Lieni.
Paul zog eine Grimasse.
»Na los, Paulo. Erzähl ihnen von einer Titte hier und –« Die düsteren Malteser lachten.
»Ich bin mal Johnny-boy besuchen gegangen«, sagte Paul, der jetzt mit aufgesetztem Akzent sprach. »Sie haben beide geschlafen. Mylady war nackt. Das ist alles.«
»Unsinn«, sagte Lieni. »Los, erzähl es ihnen.«
»Na ja, sie haben geschlafen, klar? Und sie war nackt. Und – hing eine Titte hier und eine da.« Er rümpfte die Nase und machte das erforderliche angewiderte Gesicht.
Die Hitze hatte die meisten von uns benommen gemacht. Der junge Alkoholiker ließ mechanisch Zigaretten herumgehen. Der Franzose saß mit ausdruckslosem Gesicht und fast reglos in der amerikanischen Uniformjacke da, die er im Boardinghouse immer trug. Elsa und ihr Mann gingen mehrmals in die Küche. Die Gräfin saß da und lächelte. Ich weiß nicht, was Lieni für uns zubereitete, aber es war ihr sehr wichtig, dass wir nichts taten, was uns den Appetit nehmen würde. Weitere Geschichten hatte sie nicht für uns auf Lager, aber jedes Mal wenn sie wieder mit einer Schütte Kohlen hereinkam, hielt sie sich kurz auf und brachte uns dazu, zu singen oder tanzen oder irgendein Spiel zu spielen. Wir taten wie gewünscht; uns wurde noch heißer. Zum Schluss drängten wir uns alle an die feuchten Wände.
Es klingelte. Lieni lief in den Flur hinaus. Wir hörten einen Wortwechsel. Eine Männerstimme, gedämpft: Wir vermuteten, dass es ihr Ingenieur war. Wir warteten darauf, dass sie mit ihm hereinkam. Er war schüchtern und konnte nicht gut Englisch, aber es war schließlich durchaus auch seine Feier. Wir warteten. Wir hörten die Schlafzimmertür zuschlagen; wir hörten, wie sie abgeschlossen wurde. Im Flur erklangen Schritte; die Souterraintür wurde sachte geöffnet und sachte geschlossen; jemand ging die Treppe hinauf, zertrat die Asche und den überfrorenen Schnee wie trockenes Laub. Lieni kam nicht wieder zurück.
Elsa erzählte uns, was geschehen war. Der Ingenieur hatte wie gewohnt seine Wäsche mitgebracht. Einmal, an Lienis Geburtstag, hatte er ein Geschenk, ein Schmuckstück, in die Tasche seines weißen Kittels gesteckt und ihr nichts davon gesagt. Jetzt hatte Lieni, als sie die Wäsche entgegennahm, die Taschen durchgeschaut. Sie war auf einen Brief gestoßen. Er kam von seiner indischen Heimatadresse; der Ingenieur war verheiratet, hatte Kinder. Vielleicht war es ein bewusster Akt der Grausamkeit oder aber des Muts gewesen; vielleicht war es ein Versehen. Der Ingenieur stritt nichts ab, versuchte nicht, sich zu verteidigen oder Lieni zu beschwichtigen. Als Lieni sich in ihrem Schlafzimmer einschloss, nahm er einfach seine Wäsche und ging.
Das war das Ende unseres Fests. Die Malteser und die Hausgäste brachen auf, einzeln und zu zweit. Rudolfo begab sich in sein Restaurant zurück. Johnny-boy versuchte in der Küche, seine Frau wiederzubeleben – mit Erfolg: Sie begann zu randalieren. Elsa und ihr Mann machten sich fertig, um mit dem Zug wieder zurück aufs Land zu fahren. Lieni blieb in ihrem verschlossenen Zimmer, aus dessen Chaos sie ein paar Stunden zuvor als die smarte Londonerin emporgetaucht war. Die Gräfin saß da und guckte. Paul, nach wie vor in seiner Schürze, räumte auf und bot Essen an.
Ich ging zu einer Tanzveranstaltung des British Council in der Davies Street. Bald war ich in eine flirtende, pseudogeistreiche Plauderei mit einer oberflächlichen jungen Französin verwickelt. Diese Plaudereien mit Französinnen ermüdeten mich jedes Mal. Trotzdem schickte ich mich schließlich an, zu tun, was von mir erwartet wurde. Ich fragte: »Tanzen Sie?« Sie erhob sich sofort. In diesem Moment hatte ich aus heiterem Himmel eine Anwandlung von Grausamkeit. Ich sagte: »Ich nicht.« Und ging. Ich lief durch den Park nach Hause. Der Schnee unter meinen Füßen war hart; ich stellte zu meinem Erstaunen fest, dass ich trotz der Kälte Durst hatte.
Ich lag schon im Bett, als ich jemanden vor meiner Tür schluchzen hörte. Es war Lieni, rotäugig im kalten Flur. Ich ließ sie ein. Ich setzte mich auf die Bettkante und sie setzte sich auf meinen Schoß. Sie war keine zierliche Frau, und ich dachte, über ihren Kummer hinaus, an ihr Gewicht, an den Druck ihrer Knochen auf meinem Fleisch. Ich ahnte, wohin ihre Tränen führen sollten. Doch ich wollte nicht. Ich schüttelte meine verkrampften Beine, sie klammerte sich an meinem Hals fest. Ich stand auf, und sie glitt zu Boden. Sie setzte sich in den Sessel und weinte, wobei ihre großen Finger leicht auf die gepolsterten Armlehnen schlugen. Ich forderte sie auf, still zu sein; sie schluchzte noch lauter. Ich sagte, sie solle gehen. Zu meiner Überraschung stand sie auf und ging wortlos hinaus. Ich kam mir töricht vor und fühlte mich unbehaglich. Sie hatte mir einmal erzählt, dass Lieni die maltesische Entsprechung zu Helen sei, und hinzugefügt: »Hast du jemals eine so fette Helen gesehen?« Aber sie war nicht fett. Ich dachte an die Geschehnisse des Tages; sie schienen so fern. Ich beschloss, zu ihr hinunterzugehen. Das dunkle Treppenhaus hinab; durch den eisigen muffigen Geruch des Erdgeschosses, wo sich die Gemeinschaftsräume befanden, die keiner je benutzte; zum Koch- und Baby- und Brandgeruch des Souterrains. In Lienis Zimmer brannte ein Nachtlicht, hell genug, um durch die Mattglasscheibe die an ihrer Tür hängenden Kleider erkennen zu lassen. Ich drehte probeweise den Türknauf, die Tür ging auf. Ein Chaos aus schwachem Licht und tiefem Schatten: Kleider, Papier und Schachteln, Waschbecken und Gitterbettchen, Nähmaschine und Kleiderschrank. Lieni lag im Bett und schlief tief und fest.
Das war mein erster Schnee.
Wie Recht unsere arischen Vorfahren doch hatten, Götter zu erschaffen. Wir suchen Sex und finden zwei für sich bleibende Körper auf einem befleckten Bett. Der umfassendere erotische Traum, der Gott, hat sich uns entzogen. So geht es jedes Mal, wenn wir, auf der Suche nach einer Erweiterung unserer selbst, aus uns selbst heraustreten. Mit den Städten verhält es sich wie mit dem Sex. Wir suchen die konkrete Stadt und finden nur eine Ansammlung für sich bleibender Zellen. In der Stadt werden wir wie nirgends sonst daran erinnert, dass wir Individuen, Einheiten sind. Und doch bleibt die Idee der Stadt bestehen; es ist der Gott der Stadt, nach dem wir suchen – vergebens.
Wie schnell mir London verleidet war. Die große Stadt, Zentrum der Welt, wo ich, die Unordnung fliehend, den Beginn einer Ordnung zu finden gehofft hatte. Der äußere Eindruck war so vielversprechend gewesen. Dieses wunderbare Licht, weich, schattenlos, immer schützend. Es wird so viel vom Licht der Tropen und Südspaniens geredet. Aber das Licht der gemäßigten Zonen ist unvergleichlich. Es war ein Licht, das allem Solidität verlieh und Farbe aus dem Innern der Dinge sog. Für mich, der ich aus den Tropen stammte, wo die Nacht abrupt auf den Tag folgt, war die Dämmerung etwas Neues, Verzauberndes. Ich saß oft bei Lieni im Souterrain, mitten im Chaos, und beobachtete das Licht, nicht willens, mir von diesem Übergang auch nur eine einzige Nuance entgehen zu lassen. Das Licht schwand ganz allmählich; es blieb eine Bläue, die immer tiefer wurde, so dass die Welt, bevor das elektrische Licht seine Wirkung zu entfalten begann, wie aus Wasser beschaffen schien und wir uns auf dem Meeresgrund hätten befinden können. Nachts hing dann der Himmel tief; es war, als ginge man unter einem Baldachin; all die künstlichen Lichter der Stadt, deren Schein wie gefangen wirkte, brannten grell; und manchmal ging von den nassen Straßen noch ein eigener Glanz aus.
Hier war die Stadt, die Welt. Ich wartete auf mein Erblühen. Die Straßenbahnen am Themseufer sprühten blaue Funken. Lichtreflexe, blau, rot, gelb, säumten und durchsetzten den Fluss. Freudige Erregung! Irgendwo musste ihr Kern doch liegen. Doch der Gott der Stadt entzog sich. Die Straßenbahn war voll einzelner Menschen, jeder auf dem Weg zurück in seine eigene Zelle. Die Fabriken und Lagerhäuser, deren Außenbeleuchtung den Fluss schmückte, waren leer und blenderisch. Ich spielte mit den berühmten Namen, wenn ich durch die leeren Straßen ging und auf Brücken stand. Doch die Magie der Namen verlor sich bald. Hier war der Fluss, hier war die Brücke, dort drüben das berühmte Gebäude. Der Gott jedoch blieb verborgen. Meine Anrufung von Namen blieb ohne Antwort. In der großen Stadt, so solide in ihrem Licht, das selbst rohem Beton Farbe verlieh – für mich war er so farblos wie verrottende Holzzäune und neue Wellblechdächer –, in dieser soliden Stadt war das Leben zweidimensional.
In der Universität der junge englische Student, der sich aus Unsicherheit mir, einem Außenseiter, angeschlossen hatte. Derzeit noch in den Schal seines Colleges gehüllt, war er zu künftiger Bedeutungslosigkeit verurteilt; doch ich hörte ihm zu. Seine Ambitionen wandelten sich ständig. In der einen Woche war es die Dichtung. Er habe, sagte er, was ich vermutlich nicht verstehen werde, eine Leidenschaft für die Natur und die englische Landschaft; ich weiß noch, dass eine seiner Zeilen lautete: »das Grün noch nicht gewachsenen Grases«. In der nächsten Woche war es dann die Philosophie. »Findest du, ich sehe aus wie ein Christ? Ja? Ahaa! Das glauben alle.« Und die Woche darauf: »Schau mich genau an. Glaubst du, ich werde mal Premierminister?« Er war wie ich; er brauchte zur Orientierung die Wahrnehmung durch andere.
Aus den Hörsälen und der Mensa zurück ins Boardinghouse, wo der Franzose immer tippte, Lieni in ihrem Souterrain immer schwatzte und Duminicu, ebenfalls aus Malta, von Flucht redete. Duminicu war klein und dick; er arbeitete in einem Kaufhaus; er sparte sein Geld. Einmal die Woche ging er ins Kino, die restliche Zeit verbrachte er, bis auf die Unterwäsche entkleidet, in seinem Zimmer, las Zeitungen und Zeitschriften und löste Kreuzworträtsel. Er aß oft Büchsenfleisch oder Büchsenfisch zu Abend, mit dem Messer direkt aus der Büchse. Er behauptete, seine Familie genieße auf Malta hohes Ansehen, und er verstand sich nicht mit Lieni, die seiner Ansicht nach gesellschaftlich unter ihm stand. Es ärgerte ihn, dass sie ihn in London herumkommandieren konnte. Doch er blieb. Seine Reaktion auf die Demütigung bestand in Kleptomanie. Er stahl unablässig in Läden und Kaufhäusern und hatte immer irgendeine neue Kleinigkeit vorzuführen. Er pflegte zu sagen: »Ich bin nicht wie gewisse andere Leute, die etwas für fünf Shilling kaufen und dann behaupten, sie hätten fünfhundert Shilling dafür bezahlt. Ich sag es dir ganz ehrlich: Das hier habe ich gestohlen.«
Und vom Boardinghouse in den British Council. Wo ich mein Französisch ausprobierte, jene schwierige leichte Konversation betrieb, deren Velleitäten zu erfassen mir nicht immer gelang, Konversation mit einer Reihe junger Mädchen und Frauen, Hausangestellten, die, womöglich wahrheitsgemäß, behaupteten, aus guten Familien zu stammen. Wo ich zu meiner größten Heiterkeit mit jungen Norwegerinnen übte, die norwegischen durchgestrichenen O auszusprechen, und mit jungen Schwedinnen die schwedischen J. Die üblichen Präliminarien zur Einladung ins Kino, dem buchförmigen Zimmer, dem Gefummel an Kleidern und Brüsten, den erst abgewandten, dann dargebotenen Lippen, der angespannten Miene des jungen Mädchens, das sich darauf einstellt, verführt zu werden.
In London hatte ich niemanden, der mir den Weg wies. Es gab niemanden, der meine Gegenwart mit meiner Vergangenheit verknüpft, der Schlüssigkeiten und Unschlüssigkeiten in meinem Leben aufgezeigt hätte. Es war mir selbst überlassen, meinen Part zu wählen, und ich wählte den einfachsten und attraktivsten. Ich war der Dandy, der extravagante Kolonialstämmige, der nichts auf Gelehrsamkeit gab. Tatsächlich waren meine Einkünfte gering und nur die Hälfte davon gestand ich mir zu; ich konnte mir nicht vorstellen, mit Vergnügen Geld auszugeben, das ich nicht selbst verdiente. Aber ich ließ alle wissen, dass meine Familie auf meiner Insel die Abfüllung von Coca-Cola betrieb. Das machte weniger Eindruck, als ich erwartet hatte. Aber der Respekt, den mir die Jungen von der Insel entgegenbrachten – für die diese Tatsache sehr wohl Bedeutung hatte –, war hilfreich, genauso wie Lienis Bereitschaft, mein Spiel mitzuspielen. Lieni. Ich hatte niemanden, der mir den Weg wies, habe ich gesagt, und so erschien es mir damals auch. Doch da war Lieni in ihrem Souterrain. Ich sah sie jeden Tag. Ich dachte, sie akzeptiere meinen Part als solchen und versuche lediglich, ihn auszugestalten. Doch sie war diejenige – mittlerweile sehe ich das ganz klar –, die durch Suggestion und Schmeichelei den Part des reichen Kolonialstämmigen überhaupt erst schuf. Wir werden zu dem, was wir in den Augen anderer widergespiegelt sehen. Sie tat, als wäre ich keineswegs so arm, wie ich behauptete. Sie machte mich auf mein Aussehen aufmerksam, um das ich mich bis dahin, zufrieden in dem Wissen, dass ich kein Scheusal war, nicht gekümmert hatte. Lieni war diejenige, die mir sagte, meine Augen könnten verwirren und mein dunkles, volles, sehr weiches Haar könnte diese Verwirrung noch steigern. Lieni war diejenige, die mit mir durch die Läden zog und meine Kleider auswählte, und sie schlug auch den roten Kummerbund vor. Ihre Folie war der Krieg, dessen Glanz, im faden Frieden allmählich verblassend, in ihrer Erinnerung zunehmend durch eine Affäre verkörpert wurde, die sie in Italien mit einem indischen Offizier gehabt hatte. Damit erklärte sie ihr Interesse an mir. Es war beunruhigend, zugleich aber auch seltsam schmeichelhaft, als Ersatz geliebt und geschätzt zu werden, und es erlegte mir keinerlei Verpflichtung auf. Ich wurde zu ihrem gelehrigen Schüler.
Es wurde mir zum Vergnügen, mich für einen Abend im British Council herzurichten, mir mit locker abgespreizten Ellbogen schwungvoll den Kummerbund anzulegen. Ich übertrieb die tänzerische Bewegung, wenn ich Publikum hatte – irgendeinen armen Studenten von meiner Insel etwa, der auf der Suche nach einem Gleichgesinnten mit seinen Klagen zu mir gekommen war und, wie ich merkte, angesichts meiner Frivolität endgültig in Verzweiflung versank. Lieni war diejenige, die mir empfahl, zwei- oder dreimal die Woche eine Halfcrown mehr auszugeben, um mit dem Taxi vor der School of Economics vorzufahren, nachdem ich den größten Teil des Weges mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt hatte. Lieni war diejenige, die mich kleidete, mir Anerkennung zollte und mich auf Eroberung schickte. Ich genoss dieses Spiel, und die Jungs von Isabella mit ihrem Sinn für Stil und ihrer Toleranz gegenüber Verhaltensweisen, die sie zwar absurd fanden, aber, wenn sie denn überzeugend dargeboten wurden, bereitwillig bewunderten, die Jungs von meiner Insel Isabella, so stellte ich zu meiner Freude fest, spendeten mir Anerkennung. Ich übersteigerte die Rolle, die sie bewunderten. »Guter Freund«, sagte ich etwa zu einem jungen Mann, der, seinen Collegeschal um den Hals, aus dem Café einer beliebten Kette trat, »guter Freund, sehen Sie zu, dass ich Sie nie, aber auch nie mehr dabei erwische, wie Sie aus diesem Café kommen. Und vergessen Sie nicht, dass Ihr Collegeschal einzig und allein zum Schuheputzen gedacht ist.« In meiner Erinnerung spielt sich das natürlich nicht so ab, wahrscheinlich äußerte ich nicht mehr als scherzhaften Tadel. Ich gebe die Geschichte hier in der Form wieder, wie sie ein paar Jahre später auf Isabella kursierte, als ich schon eine gewisse lokale Berühmtheit erlangt hatte. Damals, das muss ich gestehen, gefiel es mir, dass die Figur, die Lieni erschaffen hatte, auf ihre eigene bescheidene Weise zur Legende geworden war.
Doch Lieni mit der typischen beschränkten Weitsicht einer Frau hatte mich auf Eroberung geschickt. Und sie wollte an meinen Eroberungen teilhaben, zumindest als Zeugin; sie erwartete, dass ich Mädchen ins Boardinghouse mitbrachte. Und weil sie es erwartete, tat ich es auch. Schwierig war es nicht. In den Räumlichkeiten des British Council ließen sich immer Frauen aufgabeln. Dort, wo Afrikaner mit steifen weißen Kragen, goldgefassten Brillen und beißendem Tonfall ihren Groll über erlittenen Rassismus pflegten und selbstgerecht von Unschuldigen sexuelle Entschädigung einforderten, konnte eine unangenehme Atmosphäre herrschen. Dennoch zog ich die Räumlichkeiten des British Council denen der School vor. Ich konnte die ernsten Stipendiatinnen an der School nicht von ihren Familien trennen, von der Verbitterung und den armseligen Ambitionen, die man ihnen mit auf den Weg gegeben hatte; ich kannte ihre Sprache zu gut. Eine Beziehung zu jemandem, dessen Sprache ich nicht sprach, war mir lieber. Aus dem British Council wanderte ich gelegentlich in die Gemäldegalerien ab. Ihre weitläufigen, ineinander übergehenden Räume und der gute Vorwand, den man dort hatte, beliebig oft vor und zurück, hin und her zu gehen, machten sie zum perfekten Jagdrevier. Zu meinem Bedauern musste ich allerdings feststellen, dass ich nicht der Erste war, der ihre Möglichkeiten erkannt hatte. Die Ausflugszüge zu kulturellen Zentren in der Provinz dagegen waren, so schmeichle ich mir, meine ureigene Entdeckung.
Nach Oxford zum Beispiel fuhr damals jeden Mittwoch ein solcher Ausflugszug. Er verließ Paddington um Viertel vor zwölf und erreichte Oxford drei Minuten vor eins; die Hin- und Rückfahrt kostete sieben Shilling und sechs Pence. Die Mädchen vom Festland waren leicht auszumachen. Nach meiner Erinnerung bevorzugten diese Mädchen Ende der vierziger Jahre blasse, kraftlose Farben; sie trugen hellbraune flache Schuhe und ihre Regenmäntel waren fast immer rehbraun. Ich versuchte, mich bei der Auswahl des Abteils von der Vernunft leiten zu lassen, folgte letztlich aber doch jedes Mal meinem Instinkt oder dem Zufall; auf sie ist in diesen Dingen nicht weniger Verlass als auf alles andere. Ich versuchte nicht gleich, ein Gespräch anzufangen. Ich wartete, bis der Schaffner kam. Die Ausflugsfahrkarte war passenderweise rehbraun, im Gegensatz zur normalen Fahrkarte, die grün war. Wenn das Mädchen eine rehbraune Fahrkarte zückte, wusste ich, dass es wie ich zu den Touristen gehörte. Ich deckte mich stets sorgfältig mit Zeitschriften ein, vor allem Punch, das auch damals schon mittwochs erschien. Punch also bot ich zur Lektüre an, und es wurde jedes Mal angenommen. Damit war der Weg für die Art von Unterhaltung bereitet, die ich inzwischen meisterhaft beherrschte. Das langsame Französisch, die Frage nach dem norwegischen durchgestrichenen O oder dem schwedischen J, gefolgt von dem Vorschlag, das kulturelle Zentrum gemeinsam zu erforschen. Die Begegnung konnte sich in jedem der drei oder vier Stadien als aussichtslos erweisen. Aber wenn man en veine ist, wie der Franzose sagt, wenn man mit absoluter Hingabe bei der Sache ist, macht man selten Fehler. Wird man mir glauben, wenn ich sage, dass ich an vier aufeinanderfolgenden Mittwochen im Zug nach Oxford Treffer landete? Eine Norwegerin – was für ein Land, dieses Norwegen, dessen Ruf in diesen Dingen durch den etwas übertriebenen Ruhm seines vulgären Nachbarlandes Schweden überschattet wird; ein französisches Mädchen und eine französische Frau; schließlich eine Deutschschweizerin. Nach der Verstörung, die dieses letzte Abenteuer in mir auslöste, wandte ich meine Aufmerksamkeit anderem zu.
Es war fürwahr verstörend gewesen. Kein Ersteigen schiefer Holztreppen in ferienhalber leer stehenden Colleges; kein Erforschen der großzügigen Gemeinschaftsräume und winzigen Schlafzimmer niedriger Semester. Wir waren endlos spazieren gegangen, hatten bloß gelegentlich eine kleine Stärkung zu uns genommen, und der Tag hatte damit geendet, dass wir, nach ein Uhr nachts, wieder in London waren, in St. John’s Wood, wo wir immer noch weitergingen, nach zahllosen heißen Tees an Straßenständen, obwohl doch meine Begeisterung, eine Art von Begeisterung, wie ich sie in London noch nie erlebt hatte, ausgereicht hätte, um mich bei Kräften zu halten. Auf der menschenleeren Straße – an solcherlei Details lassen sich Veränderungen ermessen, denn heute ist es auf den Straßen nachts um zwei genauso laut wie tagsüber –, auf der menschenleeren Straße war mir eine Erklärung gemacht worden, die mich wider Willen gerührt hatte. Beatrice hatte mich zum Freund erkoren. Sie erläuterte mir die Bedeutung dieses Wortes, und ich befürchtete, dass sie eine Einladung in mein buchförmiges Zimmer erwartete. Aber nein; wir umrundeten wieder und wieder das Haus in St. John’s Wood, in dem sie untergekommen war, und als wir schließlich vor dem Haus stehen blieben und der Moment der Trennung nahte, stellte ich erleichtert fest, dass sie gar nichts von mir erwartete. Sie küsste mich sacht auf die Lippen – man beachte, dass ich mich ihr völlig anheim gegeben hatte – und legte einen Moment lang ihre Hand an meine Wange, wie um sich die Form meines Gesichts einzuprägen. Sie sagte, es sei ein guter Anfang gewesen.
Ich kehrte zutiefst verstört ins Boardinghouse zurück. Ich bezweifelte, dass ich mich auch nur daran würde erinnern können, wie sie aussah. Ich hatte mich vollständig ihrer Stimmung überlassen. Sie hatte geführt, ich war gefolgt. Nach ihrer Erklärung hatte ich mich zu einer Reaktion genötigt gesehen. Ich hatte darauf geachtet, keine falschen Schwüre zu leisten – darauf achtete ich bei derlei Begegnungen immer, aber ich hatte ihr einen Dollarschein aus Isabella geschenkt, den ich in meiner Brieftasche bei mir trug und oft zum Gesprächsthema gemacht hatte, wenn sich das schwedische J als Quelle der Heiterkeit erschöpft hatte. Es war mir in jenem Moment wichtig erschienen, diesen Dollarschein aufzugeben – wie unbeholfen wir doch sind, wenn uns die Emotion übermannt. Jetzt allerdings war von all der Emotion nur mehr Verstörung und ein Gefühl der Bedrohung geblieben. Die Bedrohung des »guten Anfangs«; die Bedrohung des mehrfach erwähnten, in vierzehn Tagen zu erwartenden Besuchs ihres Vaters aus Basel, eines »kultivierten Mannes«, dem sie mich unbedingt vorstellen wollte, da wir so viel gemeinsam hätten.
Zum Glück wollte das Schicksal es anders. Der Tag blieb intakt, unbefleckt. Doch war es wirklich ein Glück? Hätte ich nicht vielleicht die Ordnung gefunden, die ich suchte, hätte sie sich nicht vielleicht durch den totalen Bruch mit der Vergangenheit eingestellt, wenn ich dem, was mich so berührte, nachgegangen wäre? Damals hatte ich meine Zweifel; ich wusste nicht, ob ich an diesem Tag nicht schlichtweg so geworden war, wie sie mich sehen wollte. Und doch frage ich mich: Wäre es nicht besser oder zumindest amüsanter gewesen, wenn ich den Vater kennengelernt hätte, den »kultivierten Mann« – wie kurios diese europäischen Ausdrücke doch klingen –, und mit dem Mädchen mitgegangen wäre, wenn wir inmitten von Schnee und Bergen unsere Kühe gemolken und unseren Käse zu Tal gerollt hätten?
Doch zum Glück – lassen wir es so stehen – wollte das Schicksal es anders. Am folgenden Nachmittag erhielt ich einen kleinen Umschlag mit einem Brief. Ich möchte dir deinen Dollar zurückgeben. Bitte nimm ihn zurück. Mehr nicht; kein Lieber, kein v Die klarsichtige Schweizerin! Es war ihr des Geheimnisvollen zu viel gewesen, sie ging ihm lieber aus dem Weg. Sie hatte mehr gespürt als nur das Absurde unserer Beziehung, sie hatte deren Verkehrheit gespürt. Und vielleicht hatte sie bemerkt, dass die Tugend fehlte.
Das sollte ich erläutern. Virtus: Wie hätte irgendjemand, der das Isabella Imperial College besucht und bei Major Grant Latein gelernt hatte, nicht um die Bedeutung dieses Wortes wissen können? Man folge mir in mein buchförmiges Zimmer, wende den Blick nicht ab, wenn ich die Tür schließe und das Mädchen sein stilles, bereits ernstes und regungsloses Gesicht abwendet. Es war ein folgerichtiger Moment. Aber es war der Moment, vor dem mir graute. Wir beide ohne Halt in London, der großen Stadt, ich mit meiner Vergangenheit, meiner Dunkelheit, sie zweifellos mit der ihren. Immer wurde in diesen Momenten über die Vergangenheit geredet, die Landschaften, die heimische Umgebung, von denen ich sie zu erzählen bat und dann zu hören fürchtete. Nie wollte ich auch nur in Gedanken das Bauernhaus in der Normandie, die Wohnung in Nässjö – da war es wieder, dieses J – oder das Häuschen oberhalb eines Erdkundebuch-Fjords betreten. Nie wollte ich von den Beziehungen hören, die sie mit der jeweiligen Umgebung verbanden, von den Banalitäten, durch die sie bereits eingeengt waren. Ich wollte nie, dass unsere Dunkelheiten, unsere Auren sich vermengten. Man versuche zu verstehen, welcher Sprache ich mich hier bediene. Ich beschreibe eine Unzulänglichkeit, ein Versagen; und derlei kann ungemein persönlich sein. Ich hatte mein ganzes Leben unter Frauen verbracht; ich konnte mir ein Leben fern von ihnen oder fern ihres Einflusses nicht vorstellen. Vielleicht reichte meine Beziehung zu Lieni aus, vielleicht war alles andere Verirrung. Intimität: In diesem Wort steckt das ganze Grauen. Ich hätte ewig an den Brüsten einer Frau liegen können, wenn sie voll waren und einen Ansatz jener Schwere besaßen, die Stützung verlangt. Aber es gab auch die Haut, den Geruch der Haut. Es gab Huckel und Kratzer, ein Dutzend Kleinigkeiten, die mich regelrecht in Wut versetzen konnten. Ich war zu dem verlangten Akt imstande, aber oft in der Weise, wie ich auch imstande war, mich zu betrinken oder zwei Abendessen zu mir zu nehmen. Intimität: Ich empfand sie als Gewaltsamkeit – gegen mich selbst und die Frau. Diese Szenen in dem buchförmigen Zimmer endeten nicht immer gut; sie konnten in Tränen enden, manchmal auch im Zorn, eine nutzlos gewordene Brust wurde wieder eingeknöpft, eine Tür von außen zugeschlagen und das Zimmer schien nach sofortiger Reinigung zu verlangen.
Doch ich hatte meinen »Part«. Ich begann, Trophäen von den Mädchen zu sammeln, die in das buchförmige Zimmer kamen: Strümpfe, verschiedene kleine Kleidungsstücke, einmal sogar ein Paar Schuhe von einem Mädchen, das erwogen hatte, über Nacht zu bleiben. Es war kein Fetischismus, darauf gebe ich mein Wort! Und doch verstehe ich bis heute meinen Beweggrund nicht. Ich glaube, ich hatte gehört oder gelesen, dass die Vorstellung, wie ein Mädchen ohne bestimmte Kleidungsstücke in sein Zimmer zurückkehrt oder U-Bahn fährt, manche Männer erregt. Genauso wenig verstehe ich, warum ich ein erotisches Tagebuch zu führen begann. Angefangen hatte ich es, das weiß ich noch, weil ich mich langweilte und nichts zu tun hatte, doch es entwickelte sich bald zu einer Art autoerotischem Projekt. Mich selbst, noch meine winzigsten Reaktionen wollte ich analysieren. Lächerlich! Verwerflich! Das fand ich selbst, auch damals schon. Und doch blieb ich dabei und hörte erst auf, als ich entdeckte, dass Lieni, die mich auf Eroberung in die Welt hinausgeschickt hatte, ebenso regelmäßig in diesem Tagebuch las, wie ich darin schrieb. Ich war nicht verärgert. Es entsprach unserer Beziehung: Ich empfand es nicht als Übergriff, dass sie zu ungewöhnlichen Zeiten in mein Zimmer kam oder meine Briefe las. Ich begrüßte diese Art der Teilnahme. Mit dem Tagebuch hörte ich allerdings auf. Eines Abends erzählte sie im Wohnzimmer des Souterrains einigen Hausgästen davon; man fand es ausgesprochen witzig, es passe zu meinem Part. Der Franzose sagte: »Du solltest nach Frankreich gehen und eine Französin heiraten.« Aber er war wohl mit den Gedanken woanders, vielleicht bei dem Abendessen, das er gerade bei Lieni gegessen hatte, denn er fügte hinzu: »Sie wird dir aus einem Stückchen Brot und einem Stückchen Käse die wundervollsten Gerichte zaubern.« Danach wurde Lieni ungenierter. Sie sagte mir im Beisein anderer ganze Abschnitte aus dem Tagebuch auf, die sie offenbar auswendig gelernt hatte; und manchmal griff sie mir in ihrer spielerischen maltesischen Art zwischen die Beine und drohte, »ihn« abzubeißen. In Momenten überbordender Heiterkeit versuchte sie sogar, mir die Hose aufzuknöpfen. So erfuhr mein Boardinghouse-Part noch diese humoristische Erweiterung.
Die Warnzeichen waren mehr als offensichtlich. Und doch glaubte ich damals lediglich zu spielen, glaubte, indem ich Trophäen sammelte und meine Erfahrungen niederschrieb, einer gar nicht vorhandenen Seite meiner selbst Ausdruck zu verleihen. Als ob wir jemals spielten. Als ob unsere Persönlichkeit, mit all den Nebensträngen und bewussten Abweichungen, all den scheinbaren Widersprüchlichkeiten, nicht ein Ganzes ergäbe. In Zeiten der Belastung gleiten wir unmerklich in gewisse Zustände ab; erst wenn wir uns wieder daraus hocharbeiten, erkennen wir, wie sehr wir trotz unserer anhaltenden Wahrnehmung eigener seelischer und geistiger Gesundheit innerlich deformiert waren. Indem ich nach London gekommen war, in die große Stadt, wo ich nach Ordnung strebte, meinem Erblühen, jener Erweiterung meiner selbst, die in einer Stadt mit solch wundersamem Licht hätte erfolgen müssen, hatte ich versucht, einen Prozess zu beschleunigen, der sich mir zu entziehen schien. Ich hatte versucht, mir eine Persönlichkeit zu geben. Das hatte ich schon mehr als einmal versucht und auf die Reaktion in den Augen anderer gewartet. Doch jetzt wusste ich nicht mehr, was ich war; meine Ambitionen wurden diffus, dann schwanden sie; und ich begann mich nach den Gewissheiten meines Lebens auf Isabella zu sehnen, Gewissheiten, die ich einst als Schiffbruch empfunden hatte.
Schiffbruch: Ich habe diesen Ausdruck schon einmal verwendet. Es war der Ausdruck, der mir als Insulaner automatisch in den Sinn kam. Und in der großen Stadt erlebte ich es nun erneut: dieses Gefühl, ohne Halt dahinzutreiben, wenig mehr als eine Wahrnehmungszelle, die durch jegliche Begegnung verändert werden konnte, und sei es nur vorübergehend. Der Sohn-Liebhaber-Bruder bei Lieni, in öffentlichen Räumen der Besucher, der seine privaten Spielchen trieb, bei einem Mädchen wie Beatrice der sensible junge Mann, der Rohling bei jenem Mädchen, dessen nackter Rücken sich als unerquicklich rau erwies und dessen tränenreiche Reaktion auf meine Abscheu – wie inkonsequent man sich in extremen Situationen doch verhält – darin bestanden hatte, mir Bilder ihres Bauernhauses in der Normandie zu zeigen. Die Erinnerung an letzteres Erlebnis beschämte mich noch geraume Zeit, denn ich hatte das Mädchen tatsächlich angeschrien. Ich habe mir in meinem Leben drei oder vier wirkliche Grausamkeiten zuschulden kommen lassen, mehr nicht. Zwei davon habe ich nun zu Papier gebracht; sie ereigneten sich kurz nacheinander, in einer Zeit seelischer Belastung.
In der großen Stadt, die so dreidimensional war, so in ihrem eigenen Boden verwurzelt, die aus solchen Tiefen Farbe zog, war nur die Stadt selbst real. Wir, die wir uns hineinbegaben, verloren einen Teil unserer Substanz; wir wurden auf statische, flache Haltungen festgelegt. Und in der wachsenden Verbindungslosigkeit zwischen uns und dieser Stadt, durch die wir uns bewegten, Dutzende einzelner Begegnungen, die nicht einmal durch uns selbst miteinander verknüpft waren, denn wir wurden zu bloßen Beobachtern: Keiner war für den anderen mehr als eine Folge solcher Begegnungen, so dass sich erst das Erleben und dann die Persönlichkeit selbst auf verwirrende Weise in einzelne Bereiche aufteilten. Jeder verbarg seine eigene Dunkelheit. Lieni; der englische Student mit seinem Schal; Duminicu, den ich in Gedanken immer in Unterhemd und Unterhose auf der spermabefleckten purpurroten Tagesdecke seines schmalen Betts werde sitzen sehen, wo er Schinken aus der Büchse aufspießt und, sein Schnurrbart über den schlaffen Lippen in Bewegung, zwischen Bissen und mit vollem Mund von seiner bevorstehenden Flucht spricht; schließlich ich. Und schon damals kurze Momente der Panik. Nicht die Panik, zu vereinsamen oder mich zu verlieren, sondern die Panik, mich nicht mehr als ganze Person zu spüren. Bedroht durch andere Leben, durch die erinnerten persönlichen Landschaften, die Beziehungen, die Ordnung, die nicht die meine war. Ich hatte mich nach Weite gesehnt. Wie sollte für mich Weite zu finden sein in dieser Stadt? Wie sollte ich aus den vielen unzusammenhängenden Abenteuern und Begegnungen eine Ordnung erschaffen, wo ich doch selbst nie derselbe war, nie auch nur das Band, das sie miteinander verknüpfte? Sie folgten endlos aus der Dunkelheit aufeinander und sie ließen sich weder einordnen noch festhalten. Und am Ende jedes Abends das buchförmige Zimmer, das hohe Fenster und, zum Spiegel oder zum Licht gewandt sitzend, ich.
