Herrgottswinkel - Ramona Ziegler - E-Book

Herrgottswinkel E-Book

Ramona Ziegler

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Beschreibung

Tiefe Konflikte mit dem Bruder ihres Mannes und dessen Frau drohen Julias Familie zu entzweien. In ihrer Not besinnt sie sich auf die Geschichte ihrer weiblichen Vorfahren: drei Generationen von starken Frauen, die frei über ihr Leben bestimmen wollten. Die Berganna, deren Liebe zum Wilderer Daniel ein jähes Ende fand. Johanna, die mit dem Patriarchen des Orts 13 Kinder zeugte. Und Julias Großmutter Anna, der man nach der Geburt den unehelichen Sohn wegnahm. Sie alle hatten in ihrem Leben harte Kämpfe auszustehen – und bewahrten sich doch ihre innere Stärke. Eine Stärke, die auch Julia dringend braucht, als die Dinge sich zuspitzen …

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Veröffentlichungsjahr: 2012

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Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.piper.de

»Herrgottswinkel« ist ein Werk der Fiktion.Der Roman zeichnet kein genaues Abbild der Realitätund erhebt auch keinen Anspruch auf Wahrheit.

Gewidmet der guten Fee in meinem Leben,Rosel,die an Lichtmess 200995 Jahre alt wurde.Ohne sie hätte ich dieses Buch nicht schreiben können.

Für Lina,die in meinem Herzen meine Oma war.

Und für Hans,dem ich so viel verdanke.

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Taschenbuchausgabe

1. Auflage November 2012

ISBN 978-3-492-95883-7

© Piper Verlag GmbH, München

erschienen im Verlagsprogramm Pendo

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Umschlagmotiv: Fox Photos/Getty Images, Felbert und Eickenberg/plainpicture/lonewolfish/stock.xchng

Datenkonvertierung E-Book: Kösel, Krugzell

Julia

DAS ES EINMAL SO WEIT KOMMEN WÜRDE, HÄTTE ICH mir selbst in meinen schlimmsten Träumen nicht ausmalen können. Mir war in meinem Leben nie etwas geschenkt worden, geschweige denn in den Schoß gefallen, aber die letzten vierundzwanzig Stunden stellten alles in den Schatten, was mir in meinem bisherigen Leben zugestoßen war. Es war stets ein harter Kampf gewesen, meine Ziele zu erreichen – obwohl diese gar nicht übermäßig zahlreich oder übertrieben ehr geizig waren –, trotzdem hatte ich dafür viele Jahre des Wartens, der Demütigungen und Beleidigungen hinnehmen müssen. Doch Beharrlichkeit, Offenheit und vor allem mein Vertrauen – vielleicht könnte man es auch als eine Art naiver Nächstenliebe bezeichnen – hatten mich meinen bescheidenen Vorstellungen vom Glück mittlerweile ein ganzes Stück näher gebracht. Der hinter mir liegende Tag hatte jedoch all dies zunichtegemacht, und nun stand ich auf den Ruinen meines bisherigen Lebens. Ich konnte nicht mehr. Ich wollte nicht mehr. Und weder von der Kraft noch von dem Mut, noch einmal ganz unten anzufangen, war mir etwas geblieben.

Im Haus waren schon alle zu Bett gegangen, und auch mein Mann gab neben mir die gleichmäßigen, tiefen Atemgeräusche des traumlosen Schläfers von sich. Nur ich konnte wieder einmal keine Ruhe finden. Wo ich ihn doch jetzt so dringend gebraucht hätte, nachdem wir gerade den heftigsten Streit unserer gesamten Ehe hinter uns – nein, besser gesagt, ohne Klärung vertagt – hatten. Aber das war typisch für Franz, er entzog sich immer von Neuem unseren Konflikten. Im Augenblick war es der Schlaf, der ihm die Möglichkeit bot, sich weitere Diskussionen zu ersparen. Sein Schlusssatz in unserer vorausgegangenen Auseinandersetzung hatte gelautet: »Ich kann und ich mag nicht mehr!« Typisch! Statt unsere Situation zu bereden und gemeinsam eine Lösung zu finden, zog er sich zurück und ließ mich mit den Schwierigkeiten allein. Doch nun hatte ich ein für alle Mal genug davon, es gab keinen Zweifel mehr für mich: Ich hatte mich in ihm getäuscht, er stand nicht wirklich zu mir. Liebe sah anders aus als das, was er mir zu geben bereit war.

Sollte es Agnes, die Frau meines Schwagers, also doch geschafft haben, unsere Ehe zu zerstören! Seit Jahren musste ich mich von ihr und von Eberhart, dem fünfzehn Jahre älteren Bruder meines Mannes, demütigen lassen. Fast hatte ich mich daran gewöhnt, mit ihren andauernden Beschimpfungen zu leben, obwohl mein Selbst bewusstsein und mein inneres Gleichgewicht inzwischen äußerst in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Doch ich hatte ja meinen Mann, der mich immer wieder aufrichtete, und vor allem meine Kinder, die mich brauchten. Seit gestern war nun alles anders!

»Ich verstehe dich einfach nicht mehr, Julia«, hatte Franz bei unserem Streit zu mir gesagt. »Mein Bruder und seine Frau sind dort, und wir leben hier in unseren vier Wänden. Lass sie doch sagen und machen, was sie wollen.«

»Dazu bin ich ja bereit! Auch, dass ich in ihren Augen eine Hure sein soll, dass sie unterstellen, Susanne sei vielleicht gar nicht von dir, und dass ich nie die Richtige für dich sein werde, damit könnte ich leben. Aber dass du es nicht fertigbringst, an meiner Seite zu stehen, wenn sie mich so niedermachen, das nehme ich dir übel«, erwiderte ich auf gebracht.

»Soll ich mich auch noch mit ihnen anlegen, reicht es nicht, wenn sie mit dir über Kreuz sind?«

Sicher, für ihn war die Situation nicht einfach, immerhin war es sein Bruder, aber um eine Entscheidung würde er nicht herumkommen.

»Ja, das solltest du, weil wir jetzt eine Familie sind und zueinander stehen müssen. In guten wie in schlechten Zeiten – das war doch auch dein Wille, oder erinnerst du dich nicht mehr? Wenn du von mir verlangst, ich solle das alles weiter erdulden, dann muss ich schon an deinen Versprechen zweifeln – und an deiner Liebe ebenfalls.«

Danach gab ein Wort das andere, immer hitziger warfen wir uns gegenseitig unsere Verfehlungen an den Kopf, und am Schluss knallten Türen. Erst viel später im Bad folgten jene Sätze, die mich jetzt nicht einschlafen ließen: »Ich kann und ich mag nicht mehr! Vielleicht sollten wir uns besser trennen.«

Für mich brach eine Welt zusammen, ich glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen. Mein Mann nahm es tatsächlich in Kauf, dass unsere Familie zerbrach, weil ich die ständigen Beleidigungen seines Bruders nicht weiter ertragen wollte, denn es war nur Eberhart, der mir gegenüber Worte wie ›dreckige Matz‹ und ›Luder‹ und noch Schlimmeres in den Mund nahm. Agnes war ihrem Mann zwar an Bösartigkeit ebenbürtig, doch sie war geschickter, viel geschickter. Sie ließ mich jede Sekunde, die wir miteinander verbrachten, spüren, dass ich in ihren Augen ein verabscheuungswürdiges Nichts war, nicht mal würdig, Franz die Wäsche zu waschen – und dass aus mir nichts werden konnte, sosehr ich mich auch anstrengen mochte. Im Gegensatz zu ihrem Mann brauchte sie dafür kein ordinäres Wort, doch ihre Gesten, ihre gegen mich gerichteten Spitzen taten mehr weh, als wenn mein Schwager mich einen ›weiblichen Wanderpokal‹ oder gar eine ›Freizeitnutte‹ schimpfte. Ja, selbst solche Begriffe waren schon gefallen!

In meinen Augen gab es – und das war für mich das Allerschlimmste – jedoch weder einen Anlass noch irgendeine Situation oder eine Erklärung dafür, was zu solchen Vorwürfen geführt haben konnte. Bestimmt tausendmal schon hatte ich mir den Kopf zermartert, worauf sich diese Anschuldigungen gründen sollten, allein, mir war das alles so schleierhaft wie Franz’ Verhalten, mich vor die Wahl zwischen Durchhalten oder Trennung zu stellen. Wollte er mir tatsächlich nur die Alternative lassen zwischen weiteren haltlosen Demütigungen – dafür aber mit ihm an meiner Seite – oder dem Ende dieses Psychokrieges – dies jedoch dann leider ohne ihn? Franz’ Worte wiesen keinen Ausweg aus dem Dilemma, sie machten nur alles noch viel unerträglicher, und bei diesem Gedanken kamen mir wieder die Tränen. Dabei hatte ich doch schon den ganzen Tag nichts anderes getan als geheult. Ich war das Nichts, ich war die Versagerin, für die man mich hielt. Nicht einmal fähig, einen Ausweg zu erkennen, nicht einmal fähig, für mich und für die, die ich liebte, um Hilfe zu bitten. Aber wen hätte ich auch bitten sollen? Die Worte desjenigen, der mir auf immer seine Hilfe und sein Herz versprochen hatte, dröhnten in meinem Kopf, während ich mich im Bett schlaflos von einer Seite auf die andere wälzte und keine Antwort fand.

»Ich kann und ich mag nicht mehr!«

Ganz leise schlüpfte ich unter der Bettdecke hervor und huschte zum Schlafzimmer hinaus. Ich ging barfuß ins Bad, machte Licht und erschrak zutiefst über mein entstelltes Gesicht, das mir aus dem Spiegel entgegenblickte. Weiße, auf gedunsene Wangen und blutrot unterlaufene Augen starrten traurig ins Leere. Schnell wandte ich mich ab und bediente mich gedankenverloren von dem Stapel achtlos auf dem Hocker abgelegter Kleidungsstücke, dann löschte ich wieder das Licht und schloss die Badezimmertür leise hinter mir. Wie in Trance schlich ich die Treppe hinunter, nur kein Geräusch machen, das war das Einzige, woran ich denken konnte. Ohne Licht zu machen, ertastete ich meinen Weg bis zum Windfang, zog Winterschuhe und Anorak an. Schließlich nahm ich noch meine Skihandschuhe von der Ablage und setzte die Wollmütze auf. Dann öffnete ich ganz vorsichtig die Haustür und schloss sie ebenso vorsichtig wieder hinter mir.

Draußen war es bitterkalt, der Wind fuhr in kurzen Stößen über Hausdächer und Bäume hinweg. Es hatte frisch geschneit. Welch ein Glück, denn so würde das Knacken meiner Schritte auf dem Windharsch vom Neuschnee verschluckt werden. Niemand würde mich hören können, während ich mich von unserem Haus fortbewegte. Ich schlug den Weg durch den Pfannenstiel in Richtung Illerdamm ein. Mir war unendlich kalt. Nicht von außen, die Kälte kam tief aus meinem Inneren, und es war auch nicht der eisige Wind, der mir bei jedem Schritt die Tränen in die Augen trieb. Wie überlauter Glockenlärm hallte es ohne Unterlass in meinem Kopf: »Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr!«

Kurze Strecken meines Weges rannte ich, um schneller vo ranzukommen. Immer wieder drehte ich mich um, sah nach, ob mir auch niemand folgte. Ich wollte nur weg von zu Hause, je weiter weg, desto besser. Diese Heuchelei in meiner Familie nahm mir die Luft zum Atmen, daheim hatte ich nur noch das Gefühl, verachtet und nicht verstanden zu werden. Ich war wütend und traurig zugleich. Wild entschlossen lief ich weiter durch die sternenklare Winterlandschaft. Der frisch gefallene Pulverschnee lag knietief auf meinem Weg durch den Wald hinauf zum Hüttenberger Eck. In der hellen Vollmondnacht zeichneten sich die Umrisse der Bäume mit ihren vom Schnee gebeugten Ästen deutlich ab. Der Weg ging stetig bergan, mit jedem Schritt sank ich tiefer ein und kam nur äußerst mühsam vorwärts. Allmählich verließen mich die Kräfte. Vor lauter Anstrengung war ich schweißgebadet und konnte weder vor noch zurück. Die eiskalte Luft schmerzte bei jedem Atemzug in meiner Lunge. Jetzt war mir einfach alles so egal, dass ich mich in den Schnee fallen ließ und weinte.

Mir war nicht klar, wie lange ich so dagelegen hatte, aber der kalte Schnee auf meinem Gesicht brachte mich wieder zur Besinnung. Ich war im Schnee gefangen. Bei jeder Anstrengung, mich aus der feuchten Masse zu befreien, sank ich noch tiefer ein. Aus eigener Kraft kam ich nicht mehr frei. Panik ergriff mich! Musste ich hier erfrieren? Sollte ich meine Kinder nie mehr wiedersehen? Warum hatte ich mich nur so weit von jedem Weg entfernt! Jetzt konnte mir keiner mehr helfen. In meiner letzten Verzweiflung rief ich um Hilfe, aber wer hätte mich hier oben in der Einsamkeit schon hören sollen?

Plötzlich ergriff mich von hinten eine Hand am Anorak. Vor Schreck schlug ich wild um mich und stieß einen grellen Schrei aus. Da erkannte ich meinen Mann Franz, der mich aus meinem kalten Gefängnis zog. Er war meinen Spuren im Tiefschnee gefolgt und hatte mich so gefunden. Im kalten Licht des Mondes wirkte sein Gesicht hinter den Nebelwolken, die sein Atem in der nächtlichen Kälte erzeugte, noch un wirk licher. Doch passte diese Atmosphäre eines Gruselfilms genau zu dem, was gerade hinter mir lag. Fast wäre ich in ein irres Lachen ausgebrochen, als mir dieser melodramatische Vergleich durch den Kopf schoss, wäre da nicht das Zittern am ganzen Körper gewesen. Halb gelähmt vor Kälte und Entsetzen über das, was ich getan hatte, zerrte, schob und trug mich Franz bis zu den Wurzeln eines Baumes, unter dem kaum Schnee lag. Auch er schlotterte und atmete vor Kälte nur stoßweise. Dann nahm er mich aber in den Arm und hielt mich einfach fest. So standen wir eng umschlungen und vor Kälte zitternd da, weder Franz noch ich haben wohl später einmal wieder so gefroren wie in diesem kurzen Moment.

Schließlich nahmen wir uns bei der Hand und stapften wortlos hintereinander die steile Anhöhe hinunter. Ich wimmerte leise vor mich hin, da ich meine Zehen nicht mehr spürte, und ich taumelte eher vorwärts, als dass man es als Laufen hätte bezeichnen können. Ich würde von Glück reden können, wenn ich mir nichts erfroren hatte. Wie hatte ich nur so etwas Verrücktes tun können? Als wir den Pausenhof des Gymnasiums überquerten und in den Privatweg einbogen, der zu unserem Haus führte, waren meine Finger so taub, dass ich das Gefühl hatte, sie seien mit meinen Handschuhen zusammengewachsen. Schwer atmend stieß mein Mann die Haustür auf, wir stürmten in die Küche, hielten unsere Hände vor den noch warmen Ofen, und zum ersten Mal weinte ich vor Kälte, vor Schmerzen und gleichzeitig auch vor Erleichterung. Je mehr das Gefühl in meine Finger und Zehen zurückkehrte, desto stärker wurden die Schmerzen. Nadelstiche durchzuckten meine Füße und Hände – aber ich begann mich wieder zu spüren und selbst, wenn es wehtat, das war besser als mein Zustand der gefühllosen Taubheit vor einigen Stunden!

Wir huschten die Treppe hoch ins Bad und stellten uns zusammen unter die heiße Dusche. Als Franz seine Arme um meinen Hals legte und meinte: »Ich liebe dich doch, Julia, das musst du mir einfach glauben«, da brach alles aus mir hervor, was ich so lange unterdrückt hatte. Ich schluchzte hemmungslos und weinte, bis ich trotz des heißen Wassers aus der Dusche einen salzigen Geschmack im Mund hatte. Franz hielt mich fest, bis meine Tränen vor Erschöpfung versiegten – und auch, weil ich schlagartig begriffen hatte, dass er mir durch seinen Satz soeben zu verstehen gegeben hatte: Es gibt noch eine Chance für uns! Nichts ist verloren!

Eng umschlungen und ohne uns abzutrocknen, schlüpften wir kurz darauf unter die Bettdecke. Und trotz unserer Müdigkeit und Erschöpfung liebten wir uns in dieser Nacht zärtlich, vertraut, aber ebenso verzweifelt. Ich beschloss, auch jetzt nicht aufzugeben, sondern weiterhin alles dafür zu tun, dass unsere Liebe bestehen konnte.

Am darauffolgenden Morgen war von dieser Zuversicht nicht viel geblieben, ein Blick in den Spiegel führte mir all unsere Probleme wieder vor Augen, und erneut schien mir alles völlig aussichtslos zu sein. Schluss jetzt mit der Grübelei in aller Herrgottsfrühe, ermahnte ich mich selbstkritisch. Fang doch einfach mal wieder zu leben an. Spür dich, hör auf dich und auf deine Bedürfnisse – tu etwas für dein Wohlbefinden. Alles andere wird sich weisen. Ich verabschiedete mich schnell von Franz, der sich für die Arbeit fertig machte, und küsste Susanne, die bereits mit gepacktem Ranzen an der Tür stand. Dann zog ich die beiden Buben an, setzte Lukas in den Kinderwagen und brachte mit ihm zusammen Jonas in den Kindergarten. Auf dem Weg begegneten wir einigen anderen Müttern und Vätern, die ihre Kinder dort ablieferten. Doch ich grüßte nur kurz und blickte schnell wieder nach unten, mir war nicht nach belanglosen Gesprächen – vor allem wollte ich nicht, dass sie meine traurige Miene bemerkten. Als Jonas aus dem Kindergarten zurück war und wir mittaggegessen hatten, verspürte ich das dringende Bedürfnis, an die Luft zu gehen, es zog mich geradezu in die Natur, ich musste die Beklemmung abschütteln, die zu Hause auf mir lastete.

Mit Lukas im Tragetuch und Jonas auf dem Schlitten machte ich mich auf. Doch es herrschte eine seltsame Stimmung auf unserem Weg den Illerdamm entlang. Nebelschwaden legten sich über die Oberstdorfer Berge, obwohl es heute Morgen noch so ausgesehen hatte, als würde es ein strahlend blauer Wintertag werden. Auch vor der Hörnerkette und den Sonnenköpfen wurde der Hochnebel immer dichter, und gerade heute hätte Sonnenschein meinem Gemütszustand gewiss besonders gutgetan. Doch immer weniger reichte die Kraft der Wintersonne aus, bis unten ins Tal durchzukommen, ein diffuses Licht legte sich über die Schneelandschaft und ließ alles seltsam konturenlos erscheinen. Der Schnee verstärkte die unwirkliche Stimmung noch, indem er jedes Geräusch verschluckte. Fast schienen wir lautlos durch die Landschaft zu schweben, auf uns zurückgeworfen, von den anderen vergessen.

Lukas’ Schreien, dessen Hände an der kalten Luft froren, riss mich aus meiner Versenkung. Ich war nahe daran gewesen, in einem meiner tiefschwarzen ›Seelenlöcher‹ zu verschwinden, die mir inzwischen so vertraut waren, die zu mir gehörten wie meine von der Arbeit rissigen Hände oder die Müdigkeit, die mich nach jeder kleinen Anstrengung überfiel. Lukas’ Schreien hatte mich auch daran erinnert, dass ich mich nicht so gehen lassen durfte, ich brauchte ein Ziel – und ich musste dringend mit jemandem reden! Überrascht stellte ich fest, dass ich ganz unbewusst den Weg zu meiner Tante Rosel nach Westerhofen eingeschlagen hatte. Wie oft schon hatte sie mir beigestanden, wenn ich nicht mehr ein noch aus gewusst hatte. Vor ihrem Haus angekommen, war ich unendlich erleichtert, als ich sah, dass in der Küche Licht brannte, schließlich kamen wir völlig unangekündigt.

Schnell hüpfte Jonas vom Schlitten, und mit meinen Kindern betrat ich das alte Bauernhaus. Hier hatte sich seit meiner Kindheit nichts verändert. Die Tür, durch die man sowohl das Wohnhaus als auch den kleinen Brotladen betrat, war noch immer dieselbe. Der niedrige, enge Laden, der aussah wie der Kaufladen, mit dem ich als Kind gespielt hatte, war so eingerichtet, als hätte es die letzten dreißig Jahre nicht gegeben. Lediglich die Auslage auf den alten Holzregalen war eine andere. Früher hatte Tante Rosel Süßigkeiten, Tabakwaren, Brot und süßes Gebäck sowie Getränke verkauft – heute gab es nur noch Brot und Semmeln auf Bestellung, nach denen es im Augenblick auch himmlisch duftete.

Ich klopfte an die weiß gestrichene Küchentür und trat, ohne auf eine Antwort zu warten, ein. Holz knisterte im Ofen, und Rosel blätterte in der Zeitung und hatte einen Teller mit einer belegten Seele vor sich stehen. Sie blickte mich erfreut, aber auch etwas erstaunt über den schwarzen Rand ihrer Brille an.

»Ja, du mein Gott, das ist aber eine Überraschung«, begrüßte sie mich. »Häng nur erst deinen Mantel auf, dann trinken wir zusammen einen Kaffee, du siehst ja ziemlich verfroren aus.«

Nachdem ich abgelegt und Rosel die Kinder ausgiebig bewundert hatte, setzte ich mich mit Lukas und Jonas auf den Knien zu ihr. Auf dem Kanapee lag wie immer die kuschelige Wolldecke, doch mein kleiner Lukas weigerte sich, als ich ihn von seinen dicken Wintersachen befreit hatte, auf ihr liegen zu bleiben, und krabbelte stattdessen lieber in der Stube umher, um alles genauestens zu inspizieren. Jonas kritzelte derweilen mit Buntstiften in der Zeitung auf dem Tisch. Das Kanapee und der alte Tisch, das weiße Küchenbüfett und das Waschbecken aus feinem Porzellan mit dem rahmenlosen Spiegel darüber – alles war mir so vertraut, nichts war anders als in meinen Kindertagen. Nur der Holzherd kam mir jetzt kleiner vor als damals, doch das mochte auch daran liegen, dass ich seitdem gewachsen war, und neben ihm stand nun ein Elektroherd mit Backröhre, die einzige Neuerung im ganzen Raum. Auf dem Kanapee lagen auch die bequemen pastellfarbigen Sofakissen, mit denen ich gute Erinnerungen verband, hatte ich doch auf ihnen häufig meinen Mittagsschlaf gehalten. Sogar die Wanduhr war noch dieselbe und sie tickte laut hörbar in die Stille des Raumes – obwohl ich das Gefühl hatte, hier sei schon vor Jahrzehnten die Zeit stehen geblieben.

Auch Tante Rosel, die jüngste Schwester meiner Großmutter Anna, schien sich kein bisschen verändert zu haben. Fürsorglich schenkte sie mir eine Tasse Kaffee ein, holte dann noch schnell Semmeln aus ihrem Laden, und so begann unsere erste gemeinsame Brotzeit seit langem. Natürlich kamen wir sofort auf alte Zeiten zu sprechen, in diesem Zimmer schien gar kein anderes Gesprächsthema möglich, und schon bei Tante Rosels Anfangssatz kehrten alle meine Erinnerungen an die hier verbrachte Kindheit zurück.

»Weißt du noch, wie du oft mitten im Sommer in deiner kurzen roten Lederhose und der weißen Baumwollbluse hier am Tisch gesessen bist, weil es dir draußen zu heiß war?«

Während der Sommer hatte meine Tante immer das Gästezimmer und manchmal sogar ihr eigenes Schlafzimmer an Sommerfrischler vermietet, dann lebte sie über Wochen nur in dieser Küche. Die meisten Gäste kamen schon über viele Jahre, und so kannten sie in der Regel auch die kleine Julia bereits. Einige brachten mir sogar Geschenke mit, es kam auch vor, dass ein Gast Tante Rosel für meine Großmutter hielt, da ich so viel Zeit bei ihr verbrachte. Erst wenn die Gäste nach dem Frühstück ausgeflogen waren, um die ›sonnigen Berge‹ und die ›schwindelnden Höhen‹ zu besteigen, frühstückten Rosel und ich zusammen. Oft lagen noch die Brotkrumen oder Semmelbrösel des Gästefrühstücks auf der Tischdecke, doch das störte uns nicht. Von Tante Rosel bekam ich in einer winzigen Tasse so viel ›Muckefuck‹, wie ich wollte, und dazu gab es die köstlichen, oft noch ofenwarmen Semmeln und selbst gemachte Marmelade. Käse, Wurst und Eier waren den Gästen vorbehalten – doch manchmal fütterte ich heimlich, wenn Rosel im Laden Kundschaft hatte, ein Rädchen Wurst an die zwei Angorakatzen, die bei meiner Tante lebten und die mein Ein und Alles waren.

Nach dem Frühstück durfte ich spülen und musste mich dabei auf einen Hocker stellen, da ich noch nicht groß genug war, um in die Spülschüssel auf dem Holzherd greifen zu können. Tante Rosel machte in der Zwischenzeit die Betten der Hausgäste, und wenn sie zurückkam, stand nicht selten die halbe Küche unter Wasser, aber wir lachten nur gemeinsam darüber, nie hätte Rosel mit mir geschimpft, und trockneten das gespülte Geschirr zusammen ab. Dann spielten wir den Rest des Vormittags Mensch-ärgere-dich-nicht.

All diese Erinnerungen hatte der eine Satz von Tante Rosel sofort in mir wachgerufen. Ein wohliges Gefühl über diese Zeit des Glücks breitete sich in meinem Bauch aus.

Mit einem Mal brach es aus mir heraus – ich heulte nur so drauflos, eine tiefe Traurigkeit hatte mich wieder überfallen. Krampfartig schüttelte mich ein nicht enden wollender Anfall aus Verzweiflung, Wut, Selbstmitleid und Enttäuschung, und Tante Rosel setzte sich zu mir auf das Kanapee, legte den Arm um meine Schulter und sah mich nur mit großen, verständnisvollen Augen an.

»Was ist denn los, Julia, so kenne ich dich gar nicht?«, fragte sie schließlich.

Ich musste erst warten, bis der Anfall sich etwas gelegt hatte, bevor ich zum Sprechen in der Lage war. »Bitte hilf mir, ich weiß nicht mehr weiter.« Dann sprudelte alles aus mir heraus, die Beleidigungen, die Demütigungen, meine prob lematische Ehe, meine Depressionen – unser böser Streit letzte Nacht. Die ganze Geschichte meines Leidens und die Ausweglosigkeit, die alles nur noch schlimmer machte.

Rosel gab mir lange keine Antwort. Schließlich meinte sie nur: »Heute Nacht bleibst du auf jeden Fall hier. Ich muss erst einmal nachdenken.«

So rief ich Franz an, um ihm mitzuteilen, wo ich war und dass ich heute Nacht mit Lukas und Jonas nicht nach Hause kommen würde. Er war hörbar erleichtert, dass er endlich wusste, wo ich steckte. »Bitte kümmere dich um Susanne, auch morgen früh«, bat ich ihn, und als er etwas einwenden wollte, entgegnete ich nur kurz: »Auch ich bin wichtig, dir wird schon was einfallen.«

Danach fühlte ich mich innerlich so leer und kraftlos, dass ich es gerade noch schaffte, die Kinder zu versorgen und mir auf dem Kanapee ein Bett zu machen. Auch die Verabschiedung von Rosel, die sich in ihr Schlafzimmer zurückzog, fiel sehr kurz aus, dann versank ich innerhalb von Sekunden in eine erschöpfte, traumlose Bewusstlosigkeit, für die der Begriff ›Schlaf‹ viel zu wohlwollend gewesen wäre.

Am nächsten Morgen wachte ich wenig erholt bereits um sechs Uhr auf. Hinter der Küchentür hörte ich Tante Rosel schon mit dem Bäcker sprechen, der seine Tageslieferung vorbeibrachte. Ich zog mich schnell an, dann öffnete ich die Tür, um Rosel zu zeigen, dass ich wach war.

»Ich komme gleich«, rief sie mir zu und verstaute die Backwaren im Laden. »Kannst du schon mal das Frühstück machen, ich muss nur noch schnell etwas holen.« Dann verschwand sie in der kleinen Kammer neben der Küche.

Gegen sieben saßen wir vier um den gedeckten Tisch mit der rosafarbenen Decke und begannen zu essen. Als das Geschirr wieder abgeräumt war und die beiden Jungen zufrieden die Kiste mit Spielzeug durchforsteten, die ihre Großtante hervorgeholt hatte, legte Rosel ein kleines braunes Leder album auf den Tisch. Das war es also, was sie vorhin in der Kammer für mich herausgesucht hatte.

»Was man dir angetan hat, Julia«, begann sie, »zeugt nicht nur von einem schlechten Charakter, das sowieso, es zeugt ebenso von einer großen Einfältigkeit, ja, Dummheit, denn Menschen, die man so behandelt, werden sich wehren, sobald sie eine Möglichkeit dazu finden. Und so machen diese Dummköpfe nur ihr eigenes missglücktes Leben noch komplizierter, indem sie sich durch ihr bösartiges Verhalten ihre schlimmsten Feinde erst erzeugen.«

Ich hörte der alten Frau, der ich seit meiner Kindheit zutiefst vertraute, gespannt zu. Dabei öffnete ich das lederne Album und sah jedes einzelne der darin enthaltenen Schwarzweißfotos lange an. Noch konnte ich zwischen den Fotos und den Worten meiner Tante keine Verbindung herstellen.

»Dein Problem, Julia, ist, dass du einerseits ein Geheimnis nicht zu kennen scheinst, das wohl der Auslöser für all die Beschimpfungen und den Streit zwischen dir und Agnes ist. Du wirst also in der Vergangenheit suchen müssen, damit dieses Geheimnis gelöst werden kann. Und andererseits fühlst du deine Lage so ausweglos, weil du bisher nur die Wege kennst, die jedem in deiner Lage sofort einfallen. Du brauchst also eine Landkarte möglicher Wege aus deiner Misere und nicht nur ein paar ausgetretene Pfade. Bei so einer Landkarte kann ich dir, glaube ich, helfen, die Detektivarbeit in deiner Familie musst du schon selber machen.«

Ich hing inzwischen richtiggehend an den Lippen meiner Tante, sollte sie tatsächlich eine Lösung für meine Probleme haben?

»Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen – und so die Zukunft meistern, das habe ich mal irgendwo gelesen«, fuhr Rosel fort. »Also habe ich dir Bilder mitgebracht und eine Geschichte. Beides kann dir verdeut lichen, wie Menschen aus unserer Familie noch Schlimmeres erlebt haben als du und trotzdem ihren ganz eigenen Weg gegangen sind. Sie sind Teil unserer Vergangenheit, weil sie Teil unserer Familie sind. Danach wirst du sehen, wie in einer Familie jeder sozusagen auf den Schultern des anderen steht und dessen Fehler nicht unbedingt nochmals begehen muss – wenn er von ihnen weiß! Die Geschichte handelt von Anna, die man zu ihrer Zeit die ›Berganna‹ nannte, spielt vor mehr als hundert Jahren, und sie war meine Großmutter, zu der ich ›das Mahle‹ sagte.«

Und dann erzählte sie mir vom Leben der Berganna, während ich in der warmen Küche saß, meinen Buben ab und zu durchs Haar strich und in dem braunen Lederalbum mit den Schwarzweißfotos unserer Familie blätterte.

Berganna

ERSTES KAPITEL

Wieder einmal hatte Anna ihren Kopf durchgesetzt! Verwunderlich war das allerdings nicht. War sie doch nicht nur das einzige Mädchen unter sechs Geschwistern, sondern auch noch die Älteste von allen. Bei ihren Brüdern musste sie schon früh die Ellenbogen einsetzen, sonst hätte sie keine Chance gehabt. Und zupacken konnte sie, das hatte sie bereits oft bewiesen. Von klein auf war sie verantwortlich für die Betreuung ihrer kleinen Brüder und wenn sie später ihrer einzigen Tochter erzählte, dass sie mit neun Jahren ihren kleinsten Bruder fast ganz alleine aufgezogen hatte, weil die Mutter so viel andere Arbeit hatte, war sie sogar ein bisschen stolz da rauf. Im ganzen Dorf Bolsterlang war die Familie Bader sehr angesehen. Jeden Sonntag nahmen die Baders selbst bei Wind und Wetter den anstrengenden Weg bis nach Fischen auf sich, um den dortigen Gottesdienst besuchen zu können.

Heute war der erste Mai – ein Tag, den Anna schon sehnsüchtig erwartet hatte. Zum ersten Mal in ihrem Leben durfte sie zum Maitanz nach Schweineberg auf die Wittelsbacher Höhe. Die Schweineberger veranstalteten dort jedes Jahr ein Tanzfest um den großen Lindenbaum, der dort oben stand. In den letzten Jahren hatte sich dieses Ereignis zu einem richtigen Volksfest entwickelt. Hier trafen sich nach den langen, harten Wintermonaten junge Mädchen und Burschen im heiratsfähigen Alter, um den Frühlingsbeginn zu feiern. Anna freute sich schon lange auf dieses besondere Ereignis. Sie war voller Ungeduld, denn ihre Freundinnen aus der Nachbarschaft durften bereits mit achtzehn Jahren und manchmal noch früher auf das Fest. Nur ihr Vater hatte jedes Jahr eine andere Ausrede. Doch dieses Mal hatte sie selbst ihn überzeugen können, allerdings hatte er erst nach wochenlangem Bitten und Betteln zugestimmt, seine einzige Tochter diesem ›Heiratsmarkt‹, der sich seiner Ansicht nach nicht groß von einem Viehmarkt unterschied, auszusetzen. Nur Annas sprichwörtlichem eisernen Willen war es zu verdanken, dass er am Ende klein beigegeben hatte. Ihre Überredungskünste hatten sich dabei vor allem auf ein Bündel Stoff gestützt.

Der Vater hatte ihr zum Geburtstag aus einem Immenstädter Trachtengeschäft den Stoff für ein neues Sonntagsdirndl mitgebracht. Wie er seiner Frau später erzählte, erschien ihm total überflüssig, was die Verkäuferin alles wissen wollte. Selbst nach Augen- und Haarfarbe seiner Tochter hatte diese gefragt. Als er so genau über Anna nachdenken musste, wurde ihm zum ersten Mal wirklich bewusst, dass seine Tochter zu einer begehrenswerten jungen Frau herangewachsen war. Doch nicht nur das, Anna war ein Segen für die ganze Familie. Sie sah, wo sie gebraucht wurde, und entlastete ihre Mutter, die oft kränkelte, sehr. Noch wollte er sie nicht an einen anderen Hof und einen anderen Mann verlieren. Nein, da musste schon ein besonderer Mann kommen, der seiner Anna neben vielen Kindern und viel Arbeit etwas bieten konnte. Und dieser junge Mann war dem alten Bader noch nicht begegnet. Er hatte an jenem Tag gute Geschäfte auf dem Viehmarkt gemacht und nun wollte er mit dem Stoff seiner Tochter eine Freude machen. Annas Mutter hatte in den darauffolgenden Wochen ein schönes Dirndl genäht. Sie freute sich so sehr für ihre Anna und arbeitete mit ganz besonderer Sorgfalt.

Am Morgen des ersten Mai zog Anna ihr neues Gewand zum ersten Mal an. Der Vater und die Brüder staunten nicht schlecht, als sie Anna aus dem Haus kommen sahen. Sie trug ein lindgrünes, in sich fein gemustertes langes Dirndl, mit zarten rosafarbigen und hellblauen Blümchen. Die Schürze war hellblau und in der Taille ganz schlicht mit einer Schleife zusammengebunden. Unter dem Dirndl kam eine weiße, ausgeschnittene Bluse zum Vorschein, die Annas zartes Dekolleté zur Geltung brachte. Ihr Haar hatte sie zu einer Gretelfrisur zusammengesteckt. Die Sonne umschmeichelte Annas feine Gesichtszüge und unterstrich die warmen Farben des frisch gestärkten Stoffes. Das Mädchen war unschuldig und rein, ja sie hatte eine fast engelhafte Ausstrahlung. Mit ihren einundzwanzig Jahren lag das ganze Leben noch vor ihr.

Sie setzte sich mit ihren Brüdern und einigen Nachbarn auf den hinteren Teil des Pferdewagens, die Eltern saßen vorne auf dem Kutschbock und wie jeden Sonntag ging es zunächst nach Fischen zum Gottesdienst. Aber diesmal wollte die Zeit in der Kirche überhaupt nicht vergehen. Anna kamen die Minuten wie Stunden vor. Endlich war der Gottesdienst vorbei und die Baders besuchten noch zusammen das Grab der Großeltern. Danach ging es gemächlich wieder zurück nach Bolsterlang, dem elterlichen Hof entgegen. Heute ließen Anna und ihre zwei jüngsten Brüder das Mittagessen nach kurzem Protest der Eltern ausfallen, da sie nicht die Letzten auf dem Maitanz in Schweineberg sein wollten.

Zwar hatte Anna sich durchgesetzt, was den Maitanz betraf, doch der Vater hatte darauf bestanden, dass zwei ihrer Brüder sie begleiteten, um ein Auge auf sie zu haben.

»Ich kann selber auf mich aufpassen«, hatte sie dem Vater trotzig entgegengehalten. Doch es hatte nichts geholfen.

»Entweder so oder gar nicht«, hatte der Vater bestimmt erwidert, und da Anna wusste, dass sie ihn nicht würde umstimmen können, gab sie schließlich nach.

Also machten sich die drei jungen Leute zusammen auf den Weg. Dieser führte sie von Bolsterlang über das Tiefenberger Moor nach Schweineberg und dann auf die Anhöhe unter dem Lindenbaum. Schon von ferne konnten sie auf dem Hügel die vielen Leute als kleine schwarze Punkte ausmachen, und auch die Musik war weit über das Tal zu hören. Anna hob vorsichtig ihren langen Rock mit der Schürze hoch, damit ihr neues Dirndl nicht schmutzig wurde. Ihre Brüder lächelten sich verschwörerisch an, denn sie hatten sich dort mit ihren Mädchen verabredet, von denen die Eltern nichts wissen durften.

Als Anna mit ihren Brüdern eintraf, waren einige junge Männer schon dabei, ihre Partnerinnen beim Tanz nach allen Regeln der Kunst durch die Luft zu wirbeln. Dabei fiel Anna sogleich ein großer, breitschultriger junger Mann mit dunkelbraunem Lockenkopf auf, der den anderen in der Abfolge der Tanzfiguren immer wieder wortlos Anweisungen gab, wie sie sich den Bräuchen des Maitanzes gemäß zu drehen und den Tanzboden einmal in einer parallelen Linie, das andere Mal in einer Diagonalen zu durchmessen hatten. Dann spielten die Bläser einen Tusch, es wurde mucksmäuschenstill und die Besucher suchten sich alle einen Platz, von dem aus die Mitte des Tanzbodens leicht einzusehen war. Der gut aussehende junge Mann und seine Partnerin gaben eine Soloeinlage ihres tänzerischen Könnens. Von den Zuschauern kamen laute Jubel- und Anfeuerungsrufe und am Schluss des Tanzes anhaltender Applaus. Der schneidige Bursche wurde sogleich von einer Schar junger Leute umgeben und als Held gefeiert. Anna hörte, wie einige Mädchen neben ihr tuschelten.

»Das ist doch der Gundler von der Breite oben«, sagte ein etwas übergewichtiges Mädchen, worauf ihre Freundin schnippisch hinzufügte: »Der war doch im letzten Jahr wegen Wilddieberei mit seinem Bruder im Bau.« Da mischte sich ein junger Mann in das Gespräch. »Der Daniel hat nicht für sich gewildert, um reich zu werden, sondern dafür, dass die Ärmsten unter den Armen auch einmal genug zum Essen für ihre Kinder auf den Tisch bekommen.«

Die Musik spielte weiter und Daniel tanzte ohne Unterlass mit verschiedenen Mädchen und hatte sichtlich Spaß daran. Anna stand im Schatten einer Wirtsbude und war überwältigt von der Aussicht, die man von hier oben hatte. Vor ihr erstreckten sich satte grüne Wiesen, übersät mit bunten Frühlingsblumen, und dahinter war die Kulisse der Oberstdorfer Berge auszumachen, die selbst im Mai noch ganz weiß vom Schnee des letzten Winters waren, als hätte jemand Puder zucker über ihre Gipfel gestreut. Lange stand Anna tief in die Schönheit dieses Anblicks versunken da, während ihre Brüder losgezogen waren, sich etwas zu trinken zu holen. Da kam mit einem Mal Daniel Gundler, gefolgt von einigen jungen Männern, auf die Wirtsbude zu, um sich mit den anderen nach den anstrengenden Tänzen eine Maß zu genehmigen. Als er einige Züge getrunken hatte, reichte er den Maßkrug weiter und blickte unverwandt auf Anna, wobei er mit dem Handrücken Schaum von seiner Oberlippe wischte.

Anna spürte einen Blick auf sich ruhen und als sie sich umwandte, sah sie in zwei tiefblaue Augen, Augen, die das Blau des Himmels widerzuspiegeln schienen. Sie spürte, wie eine leichte Röte ihr Gesicht überzog. Verlegen blickte sie zu Boden, drehte sich wieder um und wollte in die andere Richtung davoneilen. Da hielt sie eine kräftige Männerhand am Oberarm fest. Sie blieb stehen und schaute dem jungen Mann schüchtern ins Gesicht, der sie lachend zum Tanzen aufforderte. Obwohl Anna nicht gerade von kleinem Wuchs war, kam sie sich neben diesem stattlichen jungen Mann zum ersten Mal in ihrem Leben klein vor. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und sie konnte ihm zunächst nicht unbefangen antworten, auch merkte sie jetzt die neidischen Blicke anderer junger Mädchen, die sich um die Tanzfläche versammelt hatten.

Die Musiker machten eine kleine Pause, um bei dem warmen Wetter ihren Durst zu stillen. Da wurde Daniel auch schon wieder von anderen jungen Leuten vereinnahmt, bevor sie ihm eine Antwort hätte geben können. Anna ging ein Stück von dem Trubel weg und setzte sich mit weichen Knien auf eine graue Strickjacke, die sie ihrem Bruder Jakob abgenommen hatte. Etwas war mit ihr geschehen. Ihr war ganz heiß und schwindelig, und als ihre Brüder sich mit ihren Mädchen zu ihr gesellten, wäre es ihr lieber gewesen, noch etwas alleine zu sein und das Erlebte ganz für sich zu genießen.

»Soll ich vielleicht noch etwas zu trinken holen?«, vernahm sie plötzlich von der Seite eine angenehme Männerstimme. »Oder darf ich dich noch einmal zum Tanzen auffordern?« Anna drehte sich unvermittelt um und sah wieder in diese wundervollen blauen Augen. Diesmal ließ sie sich nicht zweimal bitten und bald tanzten und redeten sie, und die Zeit verging im Flug.

Die Brüder ließen Anna nicht mehr aus den Augen und als die Sonne unterging und es zu dämmern anfing, drängten sie zum Aufbruch. Um neun sollten sie wieder zu Hause sein, so war es mit den Eltern vereinbart. Anna verabschiedete sich mit einem Handschlag von ihrem ausdauernden Tänzer, der ihr versprochen hatte, sie kommenden Sonntag in Bolsterlang zu besuchen. Sie hatte sich bei der Verabschiedung wohl doch zu viel Zeit gelassen, denn plötzlich war es stockfinster und sie stolperten auf dem holprigen Weg nach Hause. Bald war der Mond von schnell aufziehenden Gewitterwolken gänzlich verdeckt, es fing auch schon zu blitzen an und kurze Zeit später krachte der Donner. Das Gewitter kam immer näher und sie schafften es gerade noch, trocken im elterlichen Haus anzukommen, bevor ein kräftiger Platzregen einsetzte. Anna ging sogleich in ihre Kammer. Sie wollte ganz für sich sein und weiter von dem schönen Tag träumen.

Die Brüder erzählten den Eltern am nächsten Morgen, dass Anna nur mit einem einzigen Burschen getanzt hätte, aber sie wüssten nicht, wer das gewesen sei. Sie wüssten nur, dass er Daniel gerufen werde und von der Breite bei Tiefenbach stamme. Anna vertröstete ihre Eltern auf den nächsten Sonntag, denn da würde sie der junge Unbekannte besuchen.

Endlich war die Woche vorbei. Am Samstagabend setzte plötzlich heftiger Regen ein und es wurde ziemlich ungemütlich draußen. Anna hatte einen Gugelhupf mit Rosinen für den morgigen Sonntagnachmittag gebacken, der ein bisschen zu dunkel geraten war. Sonntag früh regnete es immer noch wie aus Kübeln, was die ganze Familie aber nicht vom sonntäglichen Kirchgang abhielt. Nach dem Mittagessen sagte der Vater mit einem erleichterten Lächeln zu Anna: »Ich glaube, heute Nachmittag kommt dein Verehrer nicht mehr. Bei diesem Sauwetter von der Breite oben bis Bolsterlang, das ist schon bei schönem Wetter ein weiter Weg!«

Woher wusste der Vater, dass Daniel auf der Breite wohnte? Hatte er ihr nachspioniert? Um die Stimmung ihrer Tochter etwas aufzuhellen, meinte ihre Mutter beschwichtigend, die Sonne werde sicher nächsten Sonntag wieder scheinen. Aber Anna liefen dicke Tränen über das Gesicht und sie sagte so laut, dass alle es hören konnten: »Wenn einem Mannsbild das bisschen Regen was ausmacht, dann kann er nichts Gescheites sein.« Daraufhin stürmte sie in die Stube und räumte den Kaffeetisch mit dem guten Geschirr ab. Sie hatte heute schon in aller Herrgottsfrüh, als die anderen noch schliefen, den Tisch schön gedeckt und mit einem bunten Wiesenblumenstrauß geschmückt, den sie hinter dem Haus bei strömendem Regen geschwind gepflückt hatte.

Gerade, als sie dabei war, die Blumen von der Stube in die Küche zu tragen, klopfte es an der Tür. Anna machte mit der Vase in der Hand auf – und der tropfnasse Daniel stand vor ihr. Als sich ihre Blicke für einen kurzen Moment begegneten, spürte sie wieder das angenehme, warme Gefühl in der Magengegend. Wie im Traum gab sie Daniel die Hand zur Begrüßung und war sich sicher, dass er ihr lautes Herzklopfen hören konnte. Das Wasser lief nur so von seinem Hut und er war völlig vom Regen durchweicht. Nachdem Daniel von der ganzen Familie ausreichend bestaunt worden war, ging Annas ältester Bruder mit ihm in die obere Bubenkammer, wo er sich seiner nassen Wäsche entledigen konnte und etwas Frisches zum Anziehen bekam. Die Hose und das Hemd sowie der Kittel waren Daniel viel zu klein. Seine Beine und Arme waren zu lang dafür und sogar die Filzpantoffeln waren zu kurz geraten. Doch all das machte nichts, die geborgte Kleidung war trocken und Daniel wurde es schnell wieder warm.

Anna hatte mittlerweile in der Küche den Herd neu angefeuert und kochte einen Milchkaffee. Als Daniel in den viel zu kleinen Kleidungsstücken vor ihr stand, fing sie lauthals an zu lachen und bald lachte die ganze Familie mit. Mit flinker Hand hängte sie die tropfnasse Kleidung um den Küchenherd zum Trocknen auf, dann saßen alle um den Tisch in der Küche und tranken Milchkaffee und dazu wurde der etwas angebrannte, bröselige Gugelhupf gegessen.

»Wenn man ihn in den Kaffee eintaucht, dann schmeckt man es kaum noch, dass er zu lange im Ofen war«, meinte Daniel verständnisvoll, als er schon das fünfte Stück in der Hand hielt. Wieder lachten alle, nur Anna schaute verlegen drein. Der Vater fragte Daniel beim Kaffeetrinken ziemlich aus, was Anna gar nicht recht war.

Wegen des anhaltend schlechten Wetters trat Daniel an diesem Abend den Heimweg nicht mehr an. Er nächtigte in der Tenne über dem Stall. Dort war es warm von den Kühen und Annas Mutter hatte ihm auch noch Decken mitgegeben. Der Vater schaute dreimal, ob auch alle Türen verschlossen waren. Er ließ sogar die Tür zum Gaden zur Sicherheit einen kleinen Spalt offen stehen.

Bevor Anna zu Bett ging, legte sie nochmals Holz in den Küchenofen und drehte Daniels immer noch feuchte Kleidung auf die linke Seite, damit sie über Nacht gut trocknen konnte. Der Vater rief sie zu sich ins Schlafzimmer und schimpfte mit ihr. Er fragte aufgebracht, ob sie ganz närrisch geworden wäre, Holzarbeit sei doch keine Frauenarbeit, doch Anna wusste, er wollte ihr nur zeigen, dass seine Augen und Ohren heute Nacht überall sein würden.

Am nächsten Morgen half Daniel Annas Brüdern bei der Stallarbeit und als der alte Bader nach dem Rechten sehen wollte, war der Stall bereits sauber gemistet und die fünf Kühe und drei Kälber schon zum Weiden auf der Wiese hinter dem Haus. Mittlerweile hatte es zu regnen aufgehört, und Daniel hatte seine getrockneten Sachen wieder angezogen. Die drei jüngeren Brüder von Anna waren bereits in der Schule und sie saß mit Daniel noch am Küchentisch, um sich für den nächsten Sonntag zu verabreden. Lange konnten sie nicht ungestört zusammen sein, denn die Mutter kam dauernd in die Küche und tat ganz beschäftigt.

Als Daniel sich bei Annas Eltern bedankt und verabschiedet hatte, gab er auch Anna zum Abschied mit einem warmen Lächeln die Hand und verschwand dann mit strammem Schritt hinter dem Nachbarhaus.

Anna war glücklich, glücklicher, als sie sich jemals in ihrem bisherigen Leben gefühlt hatte. Doch dieses Glück sollte nicht von langer Dauer sein.

ZWEITES KAPITEL

Als der alte Bader am Mittwochabend vom Stammtisch nach Hause kam, war sein Blick finster und seine Stimmung gedrückt. Seine Frau merkte sogleich, dass etwas nicht in Ordnung war, und fragte ihn vorsichtig, was denn passiert sei.

»Der Daniel ist kein so unbeschriebenes Blatt, wie es scheint. Stell dir vor, erst im letzten Jahr war er mit seinem Bruder vier Wochen im Gefängnis, weil sie beim Wildern erwischt worden sind. Ich will heute Abend mit der Anna sprechen und ihr den Umgang mit dem Burschen verbieten.«

Als der Vater Anna nach der Stallarbeit auf das Gehörte ansprach, sagte sie, sie wisse schon Bescheid darüber, Daniel würde aber seit damals nicht mehr wildern.

Annas Eltern mussten erkennen, dass ihre Tochter Mittel und Wege finden würde, sich mit Daniel zu treffen, auch wenn sie es ihr verbieten würden. Also wollten sie lieber ein Augenmerk darauf haben, wenn sich Daniel am Sonntag wieder bei ihnen in Bolsterlang einfinden würde. Und spätestens wenn Anna wieder auf die Alpe Rangiswang gehen und den Sommer über dort oben mit ihren drei jüngeren Brüdern arbeiten musste, würden ihr die Flausen und Träumereien schon vergehen. Gerade für eine junge Frau war es mit dem Vieh harte, schwere Arbeit und Käse und Butter mussten auch noch jeden Tag gemacht werden.

Doch während der nächsten Wochen kam Daniel jeden Sonntag, und als Anna dann auf der Alpe war, klopfte es eines Samstagnachts leise an ihrem Zimmerfenster. Im Nu stand sie auf, huschte zur Eingangstür der Hütte und fragte erwartungsvoll: »Wer ist da?«

»Wer soll schon da sein, ich bin es!«

»Und wer ist ich?«, hakte Anna freudig nach, denn natürlich hatte sie seine dunkle Stimme sofort erkannt.

»Daniel, direkt von der Breite!«, flüsterte er, um ihre schlafenden Brüder nicht zu wecken.

Mit heftigem Herzklopfen öffnete Anna vorsichtig die Tür und sie standen sich etwas verlegen gegenüber. Barfuß, nur mit ihrem langen Nachthemd bekleidet und mit ihrem schönen Haar, das sie jetzt offen trug und das ihr weit über die Schultern reichte, sah sie die große, dunkle Gestalt erwartungsvoll an. Ohne ein Wort nahm Daniel Annas Hand und zog sie leise ein gutes Stück von der Hütte weg. Als er sie dann fest in seine Arme schloss und sie leidenschaftlich küsste, da wurde die unerfahrene Anna von ihren Gefühlen überwältigt.

Unter dem freien Himmel hatte Daniel seine Jacke auf der Wiese ausgebreitet. Er zog Anna mit sich auf dieses Bett unter dem Sternenzelt und sie redeten, lachten und küssten sich immer wieder. Als er merkte, dass sie zu frösteln begann, knöpfte er sein Hemd auf und legte es ihr etwas unbeholfen um die Schultern. Unbeabsichtigt, vielleicht aber auch nur gut ein gefädelt, berührte seine Hand dabei Annas Brust unter dem dünnen Stoff des Nachthemds. Sie legte sich zitternd zurück auf Daniels Jacke, nun aber nicht mehr der Kälte wegen. Mit weit geöffneten Augen sog sie den Himmel, die Sterne, den Geruch der Erde und des Waldes in sich hinein, begierig, diesen Augenblick nie zu vergessen. Sie erschauderte, als seine Hand unter ihrem Nachthemd verschwand und er sanft über die Innenseite ihrer Schenkel streichelte. Die Berührung beschleunigte ihren Herzschlag und ihren Atem – obwohl sie sich der Gefühle, die sie dabei empfand, zuerst erwehren wollte. Doch als Daniels Hände immer höher wanderten und schließlich das warme, feuchte Dreieck erreichten, vergaß sie alle Ängste und Vorsätze und begann vor Lust zu stöhnen. Sie spreizte voller Verlangen weit ihre Beine und Daniel drang unter immer leidenschaftlicheren Küssen und Berührungen, die ihren Körper erzittern ließen, behutsam in sie ein. Er spürte ihr anfängliches Zögern, ihre Unerfahrenheit und verhielt sich überaus vorsichtig. Je länger Anna seine zärtlichen und zugleich fordernden Bewegungen in sich spürte, desto mehr Vertrauen entwickelte sie ihm gegenüber, desto williger gab sie sich seinen Stößen hin. Ein wohlig warmes Gefühl breitete sich in Wellen in ihrem Bauch aus, strömte in jede Zelle ihres Körpers und als es schließlich ihren Kopf erreichte, explodierte etwas in ihr, durchzuckte es ihren Körper mit einer Kraft, die den Himmel, die Sterne, alles um sie herum mit ihr eins werden ließen.

Als sie von den ersten Sonnenstrahlen geweckt wurden, lag Daniel noch immer halb ausgezogen in ihren Armen und sie weckte ihn mit einem langen Kuss. Dann rannte sie eilig zur Hütte zurück und durch die noch immer sperrangelweit offen stehende Tür in ihre Kammer. Gott sei Dank schliefen ihre Brüder noch fest! Sie zog ihr Nachthemd aus und bemerkte einen kleinen Blutfleck auf der Rückseite des dünnen Stoffes. Ohne weiter darüber nachzudenken, zog sie sich an, kämmte ihr Haar und flocht es zu zwei Zöpfen. Dann ging sie zum Brunnen vor der Alpe und weichte das Baumwollnachthemd in einem kleinen Blecheimer in kaltem Wasser mit etwas Kernseife ein.

Nun kam ihr die letzte Nacht wie ein Traum vor, unwirklich und doch wunderschön. Und dass Daniel in ihr Leben getreten war, empfand sie als ein Geschenk, das nur Gott ihr gemacht haben konnte. Was war es doch für eine Lust, jung zu sein, zu leben und zu lieben – Daniel zu lieben! Geschwind weckte sie ihre drei Brüder, die in der oberen Kammer schliefen, sie molken gemeinsam die Kühe im kleinen Stall, und als ihre Brüder die Kühe auf die Sommerweide trieben, zog Anna ihre Stallwäsche aus und legte sich kurz in das eiskalte Brunnenwasser. Hier spürte sie, dass sie nicht träumte, sondern höchst lebendig war, denn das noch nicht von der Sonne erwärmte Wasser stach wie mit tausend Nadeln auf ihrem nackten Körper.

Sie zog sich eine saubere Schürze an, wusch ihr Nachthemd aus und hängte es über die Leine zum Trocknen. Danach richtete sie das Frühstück, damit sie gleich mit dem Käsen beginnen konnte, wenn alle etwas im Magen hatten. Zwar war heute Sonntag, doch das machte hier oben keinen Un terschied, die Arbeit musste jeden Tag gleichermaßen erledigt werden, schließlich kannten Kühe kein Wochenende. Als ihre Brüder zurück waren, den Stall gemistet und sich unter lautem Geschrei und Gelächter ebenfalls in dem eiskalten Brunnenwasser gewaschen hatten, saßen endlich alle gemeinsam auf der Eckbank um den großen Holztisch in der Küche. Das Ostfenster stand offen, warme Sonnenstrahlen durchfluteten den Raum.

Ende der Leseprobe