Herrin der Dämmerung - Sherrilyn Kenyon - E-Book

Herrin der Dämmerung E-Book

Sherrilyn Kenyon

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Beschreibung

Cratus hat stets unbarmherzig für die alten Götter gekämpft, die ihn geschaffen haben – bis er alles aufgab und ins selbst gewählte Exil ging. Delphine dagegen hat die letzte Ewigkeit damit verbracht, die Menschheit vor uralten Feinden zu beschützen, die es auf deren Träume abgesehen haben. Doch ihre Gegner werden immer stärker, und Delphines Verbündete haben sich von ihr abgewandt. Nun liegen all ihre Hoffnungen auf Cratus und seinen überragenden Fähigkeiten – aber Cratus hat sich geschworen, nie wieder in einen Kampf zu ziehen …

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Seitenzahl: 392

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Sherrilyn Kenyon

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Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Die Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel »Dream Warrior« bei St. Martin’s Press, New York.
Copyright der Originalausgabe © 2009 by Sherrilyn Kenyon Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2017 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Redaktion: Regine Kirtschig Umschlaggestaltung: www.buerosued.de Umschlagabbildungen: Getty Images / CoffeeAndMilk; www.buerosued.de JvN · Herstellung: sam eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN 978-3-641-16648-9V002www.blanvalet.de
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Buch

Cratus hat stets unbarmherzig für die alten Götter gekämpft, die ihn geschaffen haben – bis er alles aufgab und ins selbst gewählte Exil ging. Delphine dagegen hat die letzte Ewigkeit damit verbracht, die Menschheit vor uralten Feinden zu beschützen, die es auf deren Träume abgesehen haben. Doch ihre Gegner werden immer stärker, und Delphines Verbündete haben sich von ihr abgewandt. Nun liegen all ihre Hoffnungen auf Cratus und seinen überragenden Fähigkeiten – aber Cratus hat sich geschworen, nie wieder in einen Kampf zu ziehen. Doch die Zeit wird immer knapper …

Autorin

Die promovierte Historikerin Sherrilyn Kenyon schreibt seit ihrem zehnten Lebensjahr und ist mittlerweile eine der erfolgreichsten Autorinnen weltweit. Unter ihrem Pseudonym Kinley MacGregor veröffentlichte sie höchst erfolgreich Highland-Sagas. Doch vor allem mit ihren Dark-Hunter-Romanen begeistert sie ihre Leser und erobert seit Jahren regelmäßig Spitzenplätze der New-York-Times-Bestsellerliste. Gemeinsam mit ihrem Mann und drei Söhnen lebt Sherrilyn Kenyon in Tennessee.

Von Sherrilyn Kenyon bereits erschienen:

Magie der Sehnsucht (36686), Nächtliche Versuchung (36687), Im Herzen der Nacht (36688), Prinz der Nacht (37121), Geliebte der Finsternis (37229), Herrin der Finsternis (37230), Geliebte des Schattens (37606), Wächterin der Dunkelheit (37607), Dunkle Verführung (37833), In den Fängen der Nacht (37953), Gebieter der Träume (26924), Lockruf der Finsternis (26967), Göttin der Nacht (26973), Süße Verdammnis (26974), Prinz der Ewigkeit (6045), Königin der Dunkelheit (6059), Gebieterin der Schatten (6086)

Prolog

Sie würden ihn holen kommen.

Cratus stand auf dem höchsten Punkt des Olymps und betrachtete einen wunderbaren Sonnenuntergang. Die warmen Farben breiteten sich über den Horizont, während der Himmel allmählich dunkler wurde. Es erinnerte ihn an einen strahlenden Feueropal, der funkelte und blitzte. Nirgendwo war dieses Schauspiel atemberaubender anzusehen als hier oben auf dem Olymp, und er wollte es ein letztes Mal genießen, ehe er sich seiner wohlverdienten Strafe stellte.

Er würde nicht um Schonung bitten, das war unnötig. Er kannte den Zorn des Zeus besser als irgendjemand sonst, denn er war viele Jahrhunderte lang der Hammer des Zeus gewesen und hatte seine Urteile in die Tat umgesetzt.

Nun wäre er derjenige, den das Urteil traf.

»Wenn du fliehst, komme ich mit.«

Er warf einen Blick auf die kleine Gestalt seiner Schwester Nike. Seine Schwingen waren schwarz, ihre hingegen schneeweiß. Ihr dunkles lockiges Haar wurde von einem weißen Band zusammengehalten, das zu ihrem Kleid passte. Nike war die Verkörperung des Sieges und schon sein ganzes Leben lang seine Helferin.

Gemeinsam mit ihrem Bruder und ihrer Schwester waren sie die Wächter des Zeus gewesen. Der Vater der Götter hatte seine Beschützer sogar mehr geschätzt als die eigenen Kinder. Bis Cratus eine unverzeihliche Sünde begangen hatte: Er hatte jemanden verschont, den er hätte töten sollen. Es stand ihm nicht zu, die Urteile seines Herrn zu hinterfragen, er musste nur dessen Befehle ausführen. Er begriff selbst immer noch nicht richtig, warum er es eigentlich getan hatte. Die Götter wussten, dass ihm Mitgefühl völlig fremd war.

Doch nun stand er hier, er hatte sich schuldig gemacht …

Es ist Zeit zu sterben.

Cratus seufzte schwer. »Das kann ich nicht von dir verlangen, akribos. Noch stehst du in der Gunst des Zeus, setz das meinetwegen nicht aufs Spiel. Außerdem kann niemand der Gerechtigkeit des Olymps entkommen, das weißt du so gut wie ich. Wo ich mich auch verstecke, sie werden mich überall finden.«

Nike griff nach seiner Hand und drückte sie an die Wange. »Ich weiß, warum du es getan hast, und ich achte dich dafür.«

Doch das änderte nichts an den Tatsachen.

Was geschehen war, war geschehen. Jetzt blieb ihm nichts mehr, außer die Strafe anzunehmen.

Er blicke vom Sonnenuntergang zu seiner Schwester hinüber, die an seiner Seite stand, ihr schönes Gesicht war noch immer in seine starre Handfläche geschmiegt. Seit Beginn der Zeiten war sie die Einzige, der er je wirklich vertraut hatte. Seiner Schwester mit den eindringlich blassblauen Augen. Ihr Mut und ihre Loyalität waren unvergleichlich. Für Nike würde er absolut alles tun.

Aber er mochte sie nicht opfern, nur weil er sich so dumm verhalten hatte.

»Bleib hier oben, wo du sicher bist.«

Sie packte seine Hand noch fester. »Ich möchte lieber bei dir sein, Bruder. Bis zum Ende, so wie immer.«

Er strich ihr zärtlich über die Wange, dann ließ er die Hand sinken und blickte zum Fuß des Berges, wo die Tempel der Götter wie mit Edelsteinen besetzte Eier in Nestern von immergrünem Blattwerk zu liegen schienen. »Bleib hier, Nike … bitte.«

Sie nickte, aber er sah den Widerwillen in ihren Augen. »Nur, weil du es bist.«

Cratus reichte Nike seinen goldenen Helm als Erinnerung an die Schlachten, die sie gemeinsam geschlagen hatten, und küsste sie auf die Stirn. Dann ging er den Berg hinunter auf die Halle der Götter zu. Sein getriebener Schild wog genauso schwer wie sein Gewissen, und er lehnte sich auf seinen mächtigen Speer wie auf einen Wanderstecken.

Nike blieb zurück, wie sie es versprochen hatte, aber er spürte, dass ihr Blick auf ihm ruhte, als er davonging. Ihr Angebot, mit ihm zusammen zu fliehen, ging ihm durch den Kopf. Aber es lag nicht in seiner Natur, vor etwas davonzulaufen. Er war ein Krieger: Kämpfen war alles, was er konnte, und alles, wofür er lebte.

Er würde bis zum bitteren Ende kämpfen.

Mehr noch, er würde seinen Feinden nicht die Befriedigung gönnen, ihn in Ketten vor Zeus zu zerren. Er hatte sein ganzes Leben lang auf eigenen Füßen gestanden, und genau so würde er auch sterben.

Allein und ohne mit der Wimper zu zucken. Ohne Bettelei und ohne Furcht.

Das war wirklich ein passendes Ende. Er hatte im Namen des Zeus so viele Leben eiskalt beendet – was jetzt kam, wäre seine Buße.

Er blieb vor den Türen stehen, die zur Versammlung der Götter führten. In diesen Raum war er schon hunderttausend Mal getreten.

Heute wäre es das letzte Mal.

Mit hoch erhobenem Kopf stieß er die riesigen goldenen Türen auf, sofort schlug ihm gebannte Stille aus der Halle entgegen, wo alle den Atem anhielten und darauf warteten, wie Zeus ihn bestrafen würde.

Der Göttervater stand ganz still vor seinem Thron und blickte dunkel und bedrohlich. Cratus’ Blick schweifte hinüber zur rechten Seite des Podestes, wo jahrhundertelang sein Platz gewesen war.

Das war er nun nicht mehr.

Er holte tief Luft, um sich Mut zu machen, und ließ noch auf der Türschwelle seinen Schild fallen. Der hohle, metallische Klang hallte laut in der Stille wider. Genauso leer und hohl war es auch in seinem Herzen.

Noch immer regte sich niemand.

Nicht einmal das Gewand einer Göttin raschelte.

Cratus hielt seinen Blick entschlossen auf Zeus gerichtet, hob den Speer über die Schulter und warf ihn mit solcher Kraft, dass er über dem Kopf von Zeus in der Wand stecken blieb – eine letzte Herausforderung, bei der jeder Gott im Saal erschrocken nach Luft schnappte.

Cratus zog sein Schwert, hielt es hoch über den Kopf und warf es Ares vor die Füße. Als Nächstes legte er Köcher und Bogen ab und reichte sie Artemis. Mit jedem Schritt, den er auf Zeus zu tat, zog er einen weiteren Teil seiner Rüstung aus und ließ ihn auf den Marmorboden fallen, wo er laut aufschlug. Zuerst seine Armschienen, dann die Beinschienen, seinen Harnisch und zum Schluss den Waffengurt.

Als er bei Zeus ankam, trug Cratus nur noch seinen braunen Lendenschurz. Er zog seine Schwingen ein und senkte den Kopf als Zeichen der stillen Unterwerfung vor dem König der Götter.

Zeus stieß einen lauten Fluch aus, dann zog er einen Blitz aus seinem leuchtenden Köcher und schleuderte ihn Cratus mitten ins Gesicht.

Auge und Wange explodierten in pochendem Schmerz. Cratus bedeckte das Gesicht mit der Hand und spürte, wie warmes Blut zwischen seinen Fingern aus der Wunde strömte.

»Wie kannst du es wagen herzukommen, nach allem, was du getan hast! Niemand fordert mich so heraus!«

Der nächste Schlag warf Cratus um und ließ ihn über den Boden schlittern. Der kalte Marmor riss ihm die Haut auf und prellte seine Muskeln.

Neben den Füßen von Apollo blieb er liegen. Der schaute voller Verachtung auf ihn hinunter und grinste spöttisch, dann wich er zurück und trat aus der Schusslinie des Zeus.

Cratus wischte sich das Blut von der Wange, das von seinem Gesicht zu Boden tropfte, dann rappelte er sich hoch.

Aber er kam nicht weit.

Zeus stellte ihm den Fuß auf den Rücken und drückte ihn wieder hinunter, sodass er auf dem Bauch lag. »Du hast dich meinem Befehl widersetzt. Du sollst mich um Gnade anbetteln.«

Cratus schüttelte den Kopf. »Ich bettle nicht.«

Zeus drehte ihn mit einem Tritt auf den Rücken und schleuderte einen Blitz durch seine Schulter, der ihn an den Boden nagelte. Cratus spürte den durchdringenden Schmerz bei jedem Herzschlag und schrie laut auf.

»Du frecher Hund. Selbst jetzt wagst du es noch, mich herauszufordern?«

»Ich werde nicht …« Seine Worte gingen in ein Knurren über, als Zeus weitere Blitze auf ihn schleuderte, zuerst in seine Seite und dann in die andere Schulter.

Zeus verzog den Mund und trat zurück. Er ließ seinen gebieterischen Blick über die versammelten Götter gleiten. »Ist einer unter euch, der für diesen aufsässigen Wurm eintreten will?«

Mit dem unverletzten Auge schaute Cratus die Seinen an.

Einer nach dem anderen wandte sich ab: Hera, Aphrodite, Apollo, Athene, Artemis, Ares, Hephaistos, Poseidon, Demeter, Helios, Hermes, Eros, Hypnos … und alle anderen. Aber diejenigen, bei denen es wirklich schmerzte, waren seine Mutter, sein Bruder Zelos und seine Schwester Bia.

Sie traten zurück und schauten weg, Scham lag auf ihren Gesichtern.

So sei es denn.

Im Herzen wusste er, dass Nike für ihn eingetreten wäre. Aber sie hatte getan, worum er sie gebeten hatte, und war der Versammlung ferngeblieben.

Zeus durchbohrte ihn mit einem weiteren Blitz, der wahrscheinlich auch geschmerzt hätte, wenn sein Körper noch in der Lage gewesen wäre, Schmerz zu empfinden. »Es scheint ganz so, als wärst du hier allen egal.«

Na, so eine Überraschung! Cratus lachte und spuckte Blut, als er sich an den Tag erinnerte, an dem er Hephaistos gezwungen hatte, Prometheus als Strafe für alle Ewigkeit an einen Felsen zu schmieden. Der Gott war unwillig gewesen, seine Befehle auszuführen, und hatte Cratus als mitleidslos beschimpft, weil er darauf bestanden hatte, dem herzlosen Gebot des Zeus müsse unbedingt Folge geleistet werden.

Cratus hatte sich damals über das lächerliche Mitgefühl des Hephaistos lustig gemacht. Er hatte dem Gott gesagt, es sei besser, der Strafende zu sein als das Opfer.

Jetzt war er also an der Reihe. Kein Wunder, dass niemand für ihn eintreten wollte.

Er hatte es nicht anders verdient.

Zeus packte ihn an der Kehle und riss ihn vom Boden hoch. Sein ganzer Körper war gefühllos von den pulsierenden Blitzen, die ihm noch immer im Fleisch steckten. Cratus konnte nichts weiter tun, als den König der Götter anzustarren.

»Wirst du deine Waffen wieder aufnehmen und erneut für mich kämpfen?«

Cratus schüttelte den Kopf. Nie wieder würde er wie ein willenloser Köter jeder Laune seines Herrn folgen.

»Dann sollst du in alle Ewigkeit leiden, du wirst mich jeden Tag um Gnade anbetteln.«

Kapitel 1

New Orleans, 20096000 Jahre später …Ungefähr jedenfalls(Es können auch ein paar Jahrhunderte mehr oder weniger sein …)

Delphine hielt kurz inne, um sich zurechtzufinden. Sie betrachtete die alten Gebäude mit den schmiedeeisernen Balkongittern und den kunstvollen Schnitzarbeiten. Viele Fenster waren mit Brettern zugenagelt. Eine merkwürdige Stadt … Andererseits hielt sie sich gewöhnlich nicht in der Sphäre der Sterblichen auf – außer in den Träumen der Menschen. Aber darin sah deren Welt völlig anders aus.

Sie war verblüfft, wie unglaublich hell und laut dieser Ort war, ganz zu schweigen von dem schrecklichen Gestank von etwas, das irgendeine Art von Ausscheidung sein musste …

Sie zuckte erschrocken zusammen, als ein Auto durchdringend laut an ihr vorbeisauste.

Phobos packte sie am Arm und riss sie neben sich auf den unebenen Gehweg. »Sei vorsichtig! Wenn du von einem Auto angefahren wirst, tut es weh.«

»Tut mir leid, ich hab nicht aufgepasst.«

Er nickte und blickte die Straße entlang. Mehrere Autos parkten vor einer Reihe Häuser, die eng aneinandergebaut waren.

»Das da drüben müsste die Autowerkstatt sein.«

Sie folgte seiner ausgestreckten Hand mit dem Blick. LANDRY’S GARAGE, AUTOTEILE UND REPARATUR. »Bist du sicher, dass er da ist?«

Phobos schaute sie überrascht an. »Die Frage ist nicht, ob er da ist, sondern wie er uns empfangen wird. Wir haben Glück, wenn er uns nicht die Eingeweide rausreißt.« Er fuhr mit der Hand über die Stirn und wischte sich den Schweiß ab, aber er schwitzte sofort wieder.

Delphine war noch nie im Leben an einem Ort gewesen, wo es so heiß war. Der arme Phobos trug auch noch schwarze Kleidung, war also nicht gerade passend angezogen. Er sah bei dieser Hitze so übel aus, wie sie sich fühlte. Sie hatte ihn immer für einen ziemlich attraktiven Gott gehalten, denn er hatte besonders schönes Haar und scharf geschnittene Gesichtszüge.

Außerdem war er groß und geschmeidig und bewegte sich rasch und sicher. Das erschreckte seine Feinde und machte ihn im Kampf zu einem tödlichen Gegner. Es war seine Aufgabe, Furcht und Schrecken zu verbreiten. Einmal hatten er und sein Zwillingsbruder Deimos auf den antiken Schlachtfeldern ganz besonders schlimm gewütet. In den letzten Jahrhunderten waren sie die Krieger der Furien geworden und bestraften alle, die die Götter verärgert hatten.

Bis sich vor zwei Tagen auf einmal alles geändert hatte …

Bei der Erinnerung daran überlief Delphine ein Schauer. Obwohl sie eigentlich keine Gefühle haben sollte, verspürte sie noch immer einen Druck im Magen, als sie an den Schrecken dachte, den sie miterlebt hatte. Sie wären sicher noch einige Zeit damit beschäftigt, ihre Welt nach dem bösartigen Angriff Noirs wieder in Ordnung zu bringen.

»Wieso haben sie ausgerechnet uns für diese Mission ausgewählt?«, fragte sie Phobos.

»Wir waren nicht dabei, als Zeus ihn verbannt hat, deswegen wird er uns vielleicht nicht ganz so sehr hassen, wie er die anderen Götter hasst.« Er schnaubte spöttisch. »Und was am wichtigsten ist: Wir gehören zu der kleinen Handvoll Götter, die weder gefangen genommen wurden noch tot sind.«

Na, das war ja nun kein bisschen tröstlich …

Und es bedeutete auch nicht unbedingt, dass Cratus ihnen zuhören würde. Von seiner Hilfe gar nicht zu reden. »Glaubst du, wir haben eine Chance?«

»Ungefähr die gleiche Chance wie ein Eiszapfen am Äquator. Aber Cratus bezieht seine Kräfte von der Ersten Macht des Seins, die auch Noir hervorgebracht hat. Wenn wir ihn nicht auf unsere Seite holen können, sind wir am Arsch.«

Sie wusste immer noch nicht recht, was sie von der Sache halten sollte. Zeus hatte sie beide hergeschickt, damit sie einen Ex-Gott um einen Gefallen baten, der sie wahrscheinlich in der Luft zerreißen würde, sobald sie nur bei ihm auftauchten. Delphine war Cratus nie begegnet, aber sein Ruf eilte ihm voraus.

Er hatte mit niemandem Mitleid.

Und er war ebenso brutal wie zielstrebig und entschlossen. Obwohl Zeus ihm seine Kräfte als Gott genommen hatte, fürchteten ihn die anderen Götter noch immer. Das allein sagte schon viel über seine Persönlichkeit aus. Hephaistos selbst hatte sie gewarnt, dass man mit Cratus nicht vernünftig reden könnte.

Er hatte ihn als zornig und niederträchtig beschrieben.

Und diese Einschätzung stammte aus der Zeit, ehe er durch seine Strafe völlig übergeschnappt war.

»Bist du sicher, dass es keine andere Möglichkeit gibt?«

Phobos’ Gesicht verdüsterte sich. »Die Hälfte deiner Leute ist tot, und jedes Mal, wenn meine Leute sich auch nur einen Schritt vor die Türe trauen, werden sie zurückgeprügelt bis in die Steinzeit. Glaub mir, diesem Drecksack Honig ums Maul zu schmieren, ist das Letzte, wozu ich Lust habe.«

Aber es war ein notwendiges Übel.

»Eigentlich ist ja Zeus derjenige, der hier als Bittsteller vorsprechen müsste«, murrte sie und wischte sich ihrerseits den Schweiß von der Stirn.

Phobos schnaubte nur. »Und, willst du ihm das vielleicht sagen?«

Wohl kaum. Der oberste Gott ließ nicht zu, dass ihn irgendjemand kritisierte. Sie kniff die Augen zusammen. »Das hier war deine geniale Idee, Phobos. Also geh du vor.«

»Was ist denn mit dir los – hast du etwa Angst?«

Delphine schaute ihn böse an. Sie hatte mehr Gefühle als die meisten anderen Dream Hunter, aber im Vergleich zu einem Menschen war sie so gut wie gefühllos. »Wenn ich könnte, würde ich dich jetzt wahrscheinlich hassen.«

Er sog scharf den Atem durch die Zähne. »Tja, den besten Sex hat man mit einer Frau, wenn sie richtig sauer und wütend ist.«

»Das kann ich kaum bestätigen, ich hatte schließlich noch nie Sex mit einer Frau.« Sie stieß ihn leicht mit der Schulter an, damit er weiterging. »Wir sind auf einer Mission, Dolophonos. Denk dran: Wenn wir versagen, stirbt dein Zwillingsbruder.«

»Du kannst dir sicher sein, dass ich das nicht vergessen habe.« Entschlossen überquerte er die Straße.

Delphine folgte ihm, obwohl sie ihr schlechtes Gefühl nicht loswurde. Das hier würde nicht gut ausgehen, das wusste sie.

Sie betraten das Büro der Autowerkstatt. An einem ramponierten Metallschreibtisch saßen ein kleines Mädchen, das auf einem Blatt Papier herumkritzelte, und eine Frau von etwa dreißig Jahren. Sie war recht hübsch, hatte braune Augen und dunkles Haar und lächelte freundlich, als sie die beiden sah. »Was kann ich für Sie tun?«

Phobos trat an Delphine vorbei vor den Schreibtisch. »Wir suchen einen Typen namens Cratus.«

Sie runzelte die Stirn. »Ich kenne niemanden, der so heißt, tut mir leid. Vielleicht arbeitet er in der Werkstatt weiter hinten die Straße runter?«

Phobos kratzte sich am Kopf, offensichtlich war er genauso baff wie Delphine. »Ich weiß ganz sicher, dass er in dieser Werkstatt hier arbeitet, glauben Sie mir. Meine Quellen sind über jeden Zweifel erhaben.«

Das kleine Mädchen wischte sich die Nase ab und schob sich mit dem Knöchel die Brille zurecht. »Haben die beiden ihren Freund verloren, Mami?«

»Mach du weiter deine Hausaufgaben, Mollie.« Sie wandte sich wieder an Phobos. »Es tut mir wirklich leid, aber ich habe den Namen Cratus noch nie gehört. Ich arbeite seit fünf Jahren hier und kann Ihnen versichern, dass keiner von unseren Jungs so heißt. So einen Namen vergisst man ja schließlich nicht, oder?« Das Telefon klingelte, und sie streckte die Hand aus. »Kann ich sonst noch was für Sie tun?«

»Nein.« Phobos trat an das große Fenster, durch das man vom Büro in die Werkstatt schauen konnte. Hier arbeiteten Männer in grauen und blauen Overalls an verschiedenen Autos.

Delphine trat neben ihn und erstarrte, als sie den Mann sah, den sie suchten.

Bei allen heiligen Göttern …

Diesen Mann konnte man wirklich nicht übersehen.

Kein Wunder, dass er der Gott der Kraft war, der Sohn des Kriegshandwerks … Aus jeder einzelnen Pore strömte er Macht und Furchtbarkeit aus. Er war über eins achtzig groß und außerordentlich muskulös. Während sie zu ihm hinüberschaute, wischte er sich mit einem dunkelblauen Lappen Schmierfett von den Händen. Seinen grauen Overall trug er nur zur Hälfte, der Reißverschluss war geöffnet, und die Ärmel hatte er sich um die schmalen Hüften geschlungen. Er trug ein schwarzes Tanktop, das seine Muskeln noch besser zur Geltung brachte, und seine Arme waren von den Handgelenken bis zu den Schultern mit schwarzen Tattoos bedeckt.

Aber es war sein Gesicht, bei dem es ihr den Atem verschlug. Sie hatte noch nie einen so schönen Mann gesehen, obwohl sich über die rechte Seite seines Gesichts vom Haaransatz bis zum Ohrläppchen eine zerklüftete Narbe zog. Über dem rechten Auge trug er eine schwarze Augenklappe, und so tief, wie die Narbe war, fragte sich Delphine, ob er das Auge vollständig verloren hatte.

Doch die Narbe beeinträchtigte seine Schönheit in keiner Weise, sondern verstärkte sie fast, indem sie sein Gesicht noch wilder erscheinen ließ. Das pechschwarze Haar war verschwitzt und lockte sich leicht um sein Gesicht, das scharfkantig geschnitten war wie Metall und auf dem ein leichter Bartschatten lag.

Von jedem Zentimeter seines Körpers ging eine wilde Kraft aus. Er gehörte auf ein Schlachtfeld, so stark und tödlich wie er wirkte, ein Schwert in der Hand, mit dem er seine Feinde tötete und verstümmelte – und nicht in eine Autowerkstatt.

Er war alles, was sie über ihn gehört hatte, und noch mehr.

Die Götter mochten ihnen gnädig sein …

Sie wäre überrascht, wenn er sie beide nicht umbrachte.

Phobos sah sie über die Schulter hinweg an. »Er ist es.«

Die Sekretärin legte auf und runzelte die Stirn, als sie Cratus durchs Fenster sah. »Ach so, Sie suchen Jericho?«

Phobos wandte sich zu ihr um. »Sie meinen Cratus.«

Sie zeigte auf den Mann, den Delphine angestarrt hatte. »Das da ist Jericho Davis. Er arbeitet erst seit ein paar Wochen hier. Ist er mit dem Gesetz in Konflikt geraten oder so was in der Art? Wenn etwas gegen ihn vorliegt …«

»Nein, nein, gar nicht.« Phobos warf ihr ein geradezu charmantes Lächeln zu. »Wir sind alte Freunde von ihm.«

Sie kniff misstrauisch die Augen zusammen. »Tja, aber wenn er gar nicht Jericho Davis heißt, dann müssen wir das wissen. Landry nimmt es damit wahnsinnig genau und achtet darauf, dass seine Leute sich an die Gesetze halten. Wir stellen keine Ex-Sträflinge oder sonst irgendwelche dahergelaufenen Leute ein. Das hier ist ein anständiger Betrieb, und wir wollen, dass es so bleibt.«

Phobos hob beruhigend die Hand. »Keine Sorge, ich bin sicher, er ist kein Verbrecher. Ich muss nur mal kurz mit ihm reden.«

Die Sekretärin schnaubte. »Sie haben doch gesagt, Sie kennen ihn?«

»Das stimmt.«

»Wie wollen Sie denn mit einem Mann reden, der stumm ist?«

Phobos schaute Delphine an, die von dieser Enthüllung genauso überrascht war wie er selbst.

So grausam war doch sicher nicht einmal Zeus …

Aber natürlich, sie kannte doch Zeus! Bestimmt wäre er auch dazu in der Lage.

Der Gedanke machte sie regelrecht krank, und sie schaute wieder zu Jericho, wie er hier genannt wurde, der jetzt unter der Motorhaube eines Autos verschwunden war. Was genau hatte Zeus ihm angetan? Er hatte ihm seine Stellung und das Leben als Gott genommen, außerdem sehr wahrscheinlich auch die Stimme und ein Auge.

Dass sie von ihm noch Hilfe erhalten würden, wurde mit jedem Augenblick unwahrscheinlicher.

»Bleib du hier«, sagte Phobos und legte die Hand auf die Klinke der Tür, die vom Büro zur Werkstatt führte.

Gar kein Problem. Sie würde lieber einem tollwütigen Löwen gegenübertreten als von einem Mann, dem die Götter so übel mitgespielt hatten, einen Gefallen einzufordern. Warum um alles in der Welt sollte dieser Mann ihnen jemals helfen?

Sie hoffte trotzdem das Beste und ging zum Fenster, um Phobos zu beobachten. Sie schloss die Augen und öffnete sich für den Äther, sodass sie ihre Unterhaltung mithören konnte.

Von der Werkstatt hörte sie laute metallische Geräusche, und dazu lief im Radio »Live Your Life« von T. I. Ein paar Männer schwatzten und scherzten bei der Arbeit. Einer sang das Lied aus dem Radio mit und traf keinen Ton, während er den Luftdruck in den Reifen eines roten Jeeps überprüfte.

Phobos blieb neben Cratus und dem weißen Intrepid stehen.

Cratus blickte auf, und sein Gesicht versteinerte sich. Sofort schaute er wieder nach unten und arbeitete weiter.

Phobos trat einen Schritt näher. »Wir müssen uns unterhalten.«

Cratus reagierte nicht.

»Cratus …«

»Was haben Sie hier zu suchen?« Auf einmal stand ein älterer Mann in einem Overall neben Phobos. »Wenn Sie mit dem guten Jericho hier reden wollen, dann verschwenden Sie nur Ihre Zeit, der Junge kann nicht sprechen.« Der Mann schüttelte den Kopf. »Muss er auch nicht. Wie er die Autos wieder zum Laufen kriegt, grenzt schon an Zauberei.« Er schaute zu den anderen Mechanikern hinüber und lachte. »Der Typ hier will ein Schwätzchen mit Jericho halten …« Seine Angestellten stimmten in das Gelächter ein, dann ging der Mann weiter zu dem Jeep, an dem der singende Mann arbeitete.

»Jericho«, versuchte Phobos es noch einmal, »bitte hör mir nur eine Minute zu.«

Wenn Blicke töten könnte, wäre Phobos sofort Geschichte gewesen. Jericho warf den Schraubenschlüssel kurz in die Luft und drehte ihn um, dann ging er zum nächsten Auto.

Phobos schaute zu Delphine hinüber, die hilflos die Schultern zuckte. Sie hatte keine Ahnung, wie man Cratus überzeugen könnte.

Seufzend folgte Phobos ihm. »Nun komm schon, ich …«

Jericho wirbelte so schnell herum, dass Delphine mit den Augen kaum folgen konnte, da lag Phobos schon auf der Motorhaube eines Wagens und hatte eine Hand an der Kehle. »Verpiss dich und verrecke, du mieser Dreckskerl«, knurrte Cratus in der altgriechischen Sprache der Götter und schlug Phobos’ Kopf kräftig gegen die Motorhaube.

Alle Mechanikerkollegen, die sein tiefes Knurren gehört hatten, hörten auf zu arbeiten und starrten ihn an.

»Verdammt noch mal«, sagte ein großer, schlanker Schwarzer, »er kann ja auf einmal sprechen. Weiß jemand, was das für eine Sprache war?«

»Russisch vielleicht?«

»Nee, ich glaub Deutsch.«

»Kumpel«, sagte ein jüngerer Kollege und zupfte Cratus am Ärmel, »wenn du eine Delle in die Motorhaube machst, zieht der Chef dir das vom Lohn ab.«

Cratus verzog das Gesicht und schleuderte Phobos weg, als wäre er eine Puppe. Er rollte ein ordentliches Stück über den Boden, bis er sich endlich aufrappeln konnte.

Erschrocken stand er wieder auf und sprach ebenfalls in ihrer alten Sprache, sodass die Menschen sie nicht verstehen konnten. »Cratus, wir brauchen deine Hilfe.«

Cratus ging an Phobos vorbei und stieß ihn mit der Schulter so heftig an, dass er vor Schmerz das Gesicht verzog und sich den Arm hielt. Er ging zum Intrepid zurück. »Cratus gibt es nicht mehr.«

»Du bist der Einzige, der …«

Cratus knurrte ihn an. »Du bist für mich gestorben. Ihr alle! Und jetzt raus hier.«

Delphine schaltete sich in die Gedanken von Phobos ein. »Soll ich reinkommen?«

»Nein, ich glaube nicht, dass du helfen könntest.« Phobos wandte sich erneut an Cratus. »Das Schicksal der ganzen Welt liegt in deinen Händen. Ist dir das völlig gleichgültig?«

Der wilde Blick, den Cratus ihm zuwarf, war Antwort genug. Und außerdem besagte er noch, dass Phobos sich zur Hölle scheren und verrecken sollte.

Delphine seufzte. Was sollten sie jetzt machen? Sie brauchten den Gott der Kraft. Jemanden, der sich Nachschub von der Ersten Macht des Seins holen konnte, um das bösartigste aller Wesen zu bekämpfen. Ohne Cratus hätten sie keinerlei Chance, gegen Noir und seine Armee von Skoti zu siegen.

Der ältere Mann ging hinüber zu Cratus. »Woher stammst du denn, Junge?«

Cratus schenkte ihm keine Beachtung, sondern kehrte schweigend zu seiner Arbeit zurück.

Phobos folgte ihm beharrlich. »Zeus ist bereit, dir zu vergeben, was du getan hast. Er bietet dir an, dass du wieder ein Gott werden kannst. Wir brauchen dringend deine Hilfe.«

Als Cratus sich immer noch weigerte, ihm zu antworten, seufzte Phobos frustriert. »Schau mal, ich versteh ja, warum du so wütend bist, aber hier steht das Leben meines Bruders auf dem Spiel. Wenn du mir nicht hilfst, bringt Noir ihn um.«

Cratus arbeitete weiter und regte sich ansonsten nicht.

In Phobos’ Kiefer begann ein Muskel zu zucken. »Na schön. Wenn es mit der Welt zu Ende geht und alle tot sind, denk dran, dass du der Einzige warst, der das hätte verhindern können.«

Cratus ignorierte ihn weiterhin.

Phobos drehte sich um und ging zurück zu Delphine.

Sie erwartete, dass Cratus es sich jeden Augenblick überlegte und Phobos zurückrief. Aber er schien wirklich genau das gemeint zu haben, was er gesagt hatte: Es war ihm gleichgültig.

Selbst sie, die nur ganz eingeschränkte Gefühle besaß, hatte noch mehr davon, als dieser Mensch zeigte.

»Wir sind so gut wie tot«, sagte Phobos grimmig, als er zu ihr zurückkehrte. »Vielleicht sollten wir versuchen, zu den Gegnern überzulaufen, bevor sie Hackfleisch aus uns machen.«

Delphine warf einen hoffnungslosen letzten Blick auf den Mann in der Werkstatt. »Vielleicht sollte ich es mal versuchen?«

Er schüttelte den Kopf. »Man dringt gar nicht zu ihm durch. Dem ist nicht mehr zu helfen.«

»Ich kann versuchen, ihn heute Nacht in seinen Träumen anzusprechen, da kann er nicht vor mir fliehen.«

Phobos sagte nicht, sie solle es lassen, aber sie konnte ihm ansehen, dass er es für Zeitverschwendung hielt. »Brauchst du Verstärkung?«

»Ich glaube, es ist besser, wenn ich es allein versuche.«

Phobos schnaubte. »Na, dann viel Glück. Wenn du mich brauchen solltest, ich bin immer in der Nähe.«

Delphine schaute noch einmal zurück zu Cratus. Er arbeitete, aber am Ausdruck seines verbliebenen Auges konnte sie erkennen, dass er Qualen litt, so tief und zerfleischend, dass es sie für ihn schmerzte.

Wie merkwürdig, solche Gefühle zu haben. Aber das änderte nichts. Sie musste ihre Mission erfüllen.

Wir sehen uns heute Nacht. Sie wollte auf keinen Fall versagen.

Jericho hielt inne. Schmieröl überzog das Tattoo mit den Worten der Verdammnis, die ihm seine eigene Mutter auf Befehl des Zeus in die Haut gebrannt hatte. Alte Erinnerungen durchzuckten ihn erneut, als er daran dachte, wie die Götter des Olymps sich gegen ihn gewandt hatten.

Und alles nur, weil er sich geweigert hatte, ein kleines Kind umzubringen. Wenn er die Augen schloss, erinnerte er sich an diesen alles entscheidenden Moment, als wäre es gestern gewesen. Die kleine Hütte … und die Schreie der Göttin, als sie um Gnade flehte.

»Bring mich um, aber nicht mein Kind, bitte! Beim Zeus, das Kind ist doch unschuldig! Ich werde alles tun, was du willst!«

Er hatte das Kind gepackt, in der festen Absicht, den Auftrag des Zeus auszuführen. Der Vater des Kindes wollte ihn von hinten angreifen, aber Dolor, der Gott des Schmerzes, packte ihn schon und metzelte ihn vor den Augen der Göttin nieder, die so verzweifelt versucht hatte, ihre Familie zu retten.

Die einzige Sünde des Kindes bestand darin, dass es das Licht der Welt erblickt hatte.

Als er in das winzige, vertrauensvolle Gesicht geblickt und das Baby ihn angelächelt hatte, völlig ahnungslos, was geschah, da war sein Entschluss ins Wanken geraten.

»Bring es um!«, hatte Dolor geknurrt.

Cratus hatte seinen Dolch gezückt, um dem Kind die Kehle durchzuschneiden. Doch das Baby hatte lachend die Hände nach ihm ausgestreckt. Seine Augen funkelten, und die winzigen Finger packten seine große Hand.

Also hatte er das Einzige getan, was ihm möglich gewesen war: Er hatte seine Kräfte eingesetzt, damit das Baby einschlief, dann hatte er es hinausgeschmuggelt und es Menschen auf dem Land gegeben, damit sie es aufzögen.

Ein einziger Moment des Mitgefühls.

Und als Folge davon eine Ewigkeit der Schande, des Missbrauchs und der Herabwürdigung.

Nach allem, was sie ihm angetan hatten, wagten sie es jetzt, ihn um einen Gefallen zu bitten! Sie mussten völlig von Sinnen sein.

Er war fertig mit ihnen.

»Hey, Mann«, sagte Darice und trat neben ihn. »Wieso hast du uns denn nicht gesagt, dass du doch sprechen kannst?«

Weil sich möglicherweise eine Freundschaft daraus entwickeln würde, wenn er mit Darice spräche. Und wenn er diesen Fehler machte, dann würde Darice vor seinen Augen sterben, brutal und mitleidslos.

Zeus hatte ihm alles genommen.

Also ignorierte er Darice und schraubte die Lichtmaschine ab, die ausgetauscht werden musste.

Darice knurrte unwillig. »Ist ja auch egal. Wahrscheinlich bist du dir zu gut dazu, dich mit Leuten wie uns abzugeben.«

Sollten sie doch denken, was sie wollten. Es war viel einfacher, als wenn er versuchen würde, ihnen eine Wahrheit zu erklären, die sie ohnehin nie würden akzeptieren können. Er stand völlig allein in der Welt. Wie immer.

Darice ging davon und arbeitete an dem Toyota weiter, der eben reingekommen war. Er und Paul rissen ein paar gutmütige Witze, während sie sich um den Kühler kümmerten und sich daranmachten, die Zündkerzen auszutauschen.

Jericho hatte gerade die Lichtmaschine herausgeholt, als ein Schatten auf ihn fiel. Er schaute hoch und sah den Eigentümer der Werkstatt, Jacob Landry, neben sich stehen. Er war klein und pummelig, hatte graues Haar, das sich allmählich lichtete, und seine Augen wirkten habgierig.

»Wie ich höre, gab es vorhin Ärger mit dir.«

Jericho schüttelte verneinend den Kopf.

»Oh doch. Außerdem hat Charlotte gesagt, dass du sehr wohl sprechen kannst. Stimmt das?«

Er nickte.

»Junge, warum belügst du mich denn? Als ich dich eingestellt hab, hab ich dir doch gesagt, dass ich keine Spielchen spiele. Wenn du hier arbeiten willst, bist du morgens pünktlich, lässt dein Privatleben außen vor und lügst mich nicht an. Comprende?«

»Ja, Sir«, sagte er und versuchte, den feindseligen Tonfall aus seiner Stimme herauszuhalten. Er hasste es, dass er Mistkerle wie diesen Mann anschleimen musste, nur damit er genug Geld fürs Essen verdienen konnte. »Kommt nicht wieder vor, Mr. Landry, versprochen.«

Landry piekste ihn in die Schulter. »Das will ich dir auch geraten haben.«

Jericho packte den Schraubenschlüssel fester und hätte Landry am liebsten gezeigt, wozu er fähig war. Es hatte eine Zeit gegeben, da hätte er jedem die Eingeweide herausgerissen, der es gewagt hätte, so mit ihm zu sprechen. Ganz zu schweigen davon, dass es niemand gewagt hätte, ihn zu berühren, ohne dass er ihm die Erlaubnis dazu erteilt hatte. Ehe er als Mensch gelebt hatte, erzitterte jeder, der mit ihm in Kontakt kam, aus Furcht vor seiner Stärke und Strenge.

Aber Landry piesackte andere gern. Er genoss sein bisschen Macht über die Leute, die für ihn arbeiteten. Und es ging ihm nur dann gut, wenn sie vor ihm katzbuckelten.

So sehr es Cratus auch ankotzte: Er brauchte diese Stelle. Die Welt wurde immer moderner, und es wurde immer schwieriger, Leute zu finden, die Personaldokumente zu einem vernünftigen Preis fälschen konnten, und Leute, die ihn einfach in Ruhe ließen.

Andere Unsterbliche durften ein Vermögen anhäufen, aber auch das stand für ihn außer Frage. Wenn er auch nur einen Dollar sparen wollte, sorgte Zeus dafür, dass er ihn wieder verlor. Ihm stieß dann eine Katastrophe nach der anderen zu.

Auf diese Weise lebte er nun schon so viele Jahrhunderte, dass er sie nicht einmal mehr zählte.

Er war nichts, und er würde nie wieder etwas besitzen, nicht einmal Würde.

Seufzend machte er sich wieder an die Arbeit. Er verabscheute sich und dieses Leben.

Das könntest du ändern …

Es musste wirklich schlimm um ihn stehen, wenn Zeus jemanden schickte, um ihn um Hilfe zu bitten.

Du könntest wieder ein Gott werden …

Dieser Gedanke quälte ihn. Es klang wirklich verführerisch – aber die Sache hatte einen Haken. Er müsste die Leute wiedersehen, die ihm einst den Rücken zugekehrt und ihn diesem armseligen Schicksal überlassen hatten. Jeder von diesen Dreckskerlen hatte ihn damals einfach ignoriert.

Jeder Einzelne.

Schlimmer noch, sie hatten ihn gefoltert.

Und zwar jede einzelne Nacht. Seit Tausenden von Jahren suchten ihn die Dolophoni, die Abkömmlinge der Furien, und die Götter des Traumes heim und brachten ihn um. Jeden Morgen wurde er erneut dazu verurteilt, dieses armselige Leben zu leben, genau da, wo es am Tag zuvor geendet hatte.

Sosehr er auch versuchte, sie abzuschütteln, er konnte sie nicht besiegen. Sie rissen ihn genussvoll zu Boden und prügelten auf ihn ein, sie fügten ihm Wunden zu, damit er zur Strafe die schlimmsten Schmerzen erlitt. Sie hatten ihm jedes Organ seines Körpers schon so oft herausgerissen, dass sich der Schmerz bereits in den Genen eingenistet hatte. Er fürchtete die Nächte und die Schrecken, die sie mit sich brachten.

Erst letzte Nacht hatten ihm zwei Dolophoni das Herz aus dem Leib geschnitten …

Wieder einmal.

Er würde ihnen nie vergeben, was sie ihm angetan hatten. Wenn die Welt bedroht war – was ging ihn das an? Wenn alles ein Ende fand, dann hätte er wenigstens seinen Frieden.

Vielleicht würde er dann endgültig tot bleiben, nachdem er wieder einmal gestorben war.

Delphine kehrte auf den Olymp zurück und verbrachte den restlichen Tag damit, ihre Zielperson auszuforschen. Stundenlang sah sie zu, wie er allein vor sich hin arbeitete. Während die anderen Männer miteinander lachten und scherzten, hielt er sich abseits, verbittert und allein. Ab und zu sah sie, wie er zu den anderen hinüberschaute und deren Kameradschaft mit einem Funken derartigen Verlangens betrachtete, dass es sie schmerzte.

Aber die anderen ignorierten ihn, als wäre er unsichtbar.

Um halb sieben wusch er sich, während die anderen schon fertig waren und gingen. Er zog sich den Mechaniker-Overall aus, stopfte ihn in einen abgenutzten schwarzen Rucksack, den er sich über die Schulter warf, und ging hinaus zu einem Motorrad älteren Baujahrs.

Unterwegs hielt er kurz an und kaufte in einem kleinen Eckladen Brot, Hühnchen, Salat, einen Taschenbuch-Roman und ein Sixpack Bier. Ohne ein Wort mit jemandem zu wechseln, bezahlte er, packte die Sachen in den Rucksack und fuhr nach Hause in sein winziges Einzimmerapartment. Das war derart heruntergekommen, dass sich sogar der abgewetzte, beschädigte Linoleumbelag in der Mitte des Zimmers abgesenkt hatte. Delphine fragte sich, wieso das Gebäude noch nicht über ihm zusammengestürzt war.

Es war das Deprimierendste, was sie je gesehen hatte.

Möbel gab es überhaupt keine, nicht mal einen Fernseher oder einen Computer. Eine zerschlissene Decke am Fenster diente als Vorhang, und das Bett bestand aus einer abgewetzten Decke auf dem Boden. Es gab ein einziges Kissen, das so alt und durchgelegen war, dass es wahrscheinlich keinen Unterschied machte, ob man darauf lag oder nicht. Dann lagen da noch ein zweites Paar Schuhe, ein kleines Häufchen Kleidung und eine alte Wolljacke.

Das war alles.

Es ging ihr ans Herz, als sie sah, wie er eine Flasche Bier aufmachte, den Overall im Waschbecken wusch und ihn dann zum Trocknen in dem heruntergekommenen Bad aufhängte. Er fuhr sich kurz mit der Hand durchs dunkle Haar, ging in die Küche, wo es keinen Herd gab, nur einen dreckigen alten Kühlschrank, und bereitete sich aus dem Brot, das er gekauft hatte, ein Sandwich zu. Das aß er in aller Ruhe, während er auf der Decke saß und in seinem Buch las.

Sobald er ein Geräusch hörte, schaute er erwartungsvoll auf, doch wenn er sicher war, dass es nichts mit ihm zu tun hatte, kehrte er wieder zu seiner Lektüre zurück.

Kurz nach Mitternacht seufzte er und schaute zur Decke hinauf. »Wo zum Teufel seid ihr, ihr Arschlöcher? Habt ihr Angst oder was?«

Er schwieg kurz, als erwarte er tatsächlich eine Antwort, sah sich wütend um und zerrte sich das Tanktop vom Leib. Delphine sah die schrecklichen Narben auf seiner Brust. Sie hätte sie für Wunden aus einer Schlacht gehalten, aber sie waren ungeheuer zerklüftet und schienen genau dort zu sein, wo die lebenswichtigen Organe saßen, als wären sie ihm schon mehr als einmal hasserfüllt aus dem Leib gerissen worden.

»Na schön«, sagte er mit vor Abscheu verzerrter Stimme, »aber versaut mir das Zimmer nicht zu sehr. Ich hab es satt, dass ich morgens immer als Erstes das ganze Blut wegputzen muss. Und versaut mir das Buch nicht, das würde ich zur Abwechslung gerne mal zu Ende lesen.« Er machte das Licht aus und legte sich schlafen.

Allein und einsam.

Mit wem hatte er denn da gesprochen?

Durch seine Strafe hat er den Verstand verloren … Hephaistos hatte sie gewarnt, dass sein geistiger Zustand sehr instabil sein könnte. Offenbar hatte er damit recht behalten.

Delphine saß in der Dunkelheit und wartete darauf, dass Cratus anfing zu träumen. Doch das dauerte ewig, denn er schien gegen den Schlaf anzukämpfen. Es war, als warte er darauf, dass jemand ihn angriff, und als wolle er dafür gewappnet sein.

Während sie wartete, hätte sie ihn gern getröstet und wusste doch nicht einmal, warum. So ein Gefühl hatte sie noch nie gehabt.

Wahrscheinlich lag es daran, dass sie wusste, wie einem zumute war, wenn man von der ganzen Welt getrennt war – zugegeben, es ging ihr nicht so krass wie ihm, aber sie erinnerte sich noch immer an das schreckliche Gefühl in ihrem früheren Leben. Als junge Frau hatte sie mitten unter den Menschen gelebt und gedacht, sie wäre auch ein Mensch. Selbst da hatte sie schon gewusst, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmte. Sie hatte niemals solche Gefühle verspürt wie die anderen Menschen.

Erst als Teenager hatten sich ihre Kräfte voll entfaltet. Sie hatte große Angst gehabt, dass ihre Familie und ihre Freunde sich von ihr abwenden würden, und so hatte sie die Kräfte zurückgedrängt und niemandem davon und von ihren lebhaften Träumen erzählt.

Bis der Dream Hunter Arik ihr im Traum erschienen war und ihr erklärt hatte, wer und was sie in Wirklichkeit war. Er hatte ihr erklärt, dass ihre Mutter von dem Gott des Schlafes verführt worden war und dass sie aus dieser Beziehung entstanden war.

Bis zum heutigen Tage verdankte sie Arik ihre geistige Gesundheit. Er hatte ihr erklärt, wie die Oneroi – die Götter des Schlafes – erschaffen worden waren, damit sie sich um die Träume der Menschheit kümmerten. Jede Nacht hatte Arik Delphine im Traum besucht und sie unterrichtet, bis sie ihre Kräfte beherrschte. Sobald sie in der Lage gewesen war, ihre Kräfte gezielt einzusetzen, hatte er sie auf die Verschwindende Insel mitgenommen und sie den anderen Göttern vorgestellt.

Jahrhundertelang waren sie dort Freunde gewesen.

Irgendwann hatte Arik sich in einen Skoti verwandelt – einen der bösartigen Traumgötter, die Jagd auf die Seelen der Menschen machten, während diese schliefen. Doch sie war ihm so dankbar für seine Hilfe und Anleitung gewesen, dass sie ihn in der Sphäre des Traums niemals verfolgt hatte und ihn auch nicht bekämpfte, wie sie es bei anderen Skoti tat.

Aber Cratus hatte niemanden, der ihn schützte …

Das zeigte sich auf besonders brutale Weise, als einen Augenblick später die Luft um ihn herum zu surren begann. Delphine wollte schon einschreiten, aber ihr siebter Sinn riet ihr, noch zu warten.

Hier würde irgendetwas Schlimmes geschehen.

Sie konnte die Boshaftigkeit spüren. Eine wilde Kraft lief ihr über den Rücken, es war schmerzhaft, und plötzlich konnte sie sich nicht mehr rühren.

In Sekundenbruchteilen hatte sich das tödlichste aller Wesen neben dem schlafenden Cratus materialisiert. Auf den ersten Blick wirkte Azura klein und fast zerbrechlich. Aber dieses Aussehen täuschte. Sie war das personifizierte Böse und tödlicher als jedes andere Wesen, abgesehen von ihrem Bruder und ihrer Schwester. Sie hatte blaue Haut, sodass ihr Äußeres gut zu ihrem eiskalten Herzen passte. Haar, Augen, Wimpern und Lippen waren weiß wie Schnee. Sie trug ein schwarzes ledernes Neckholder-Top zu kurzen Hosen und kniete neben Cratus nieder.

Delphine wollte sich zu den beiden versetzen, aber es ging nicht.

Azura warf einen Blick über die Schulter und lächelte, als wüsste sie, dass Delphine sie sehen konnte. »Ihr werdet alle von dieser Welt verschwinden«, sagte sie leise, und dann berührte sie Cratus am Arm.

Er fuhr hoch und war sofort kampfbereit.

Azura wich ihm aus. »Beruhige dich, Titan. Ich bin nicht hier, um dir wehzutun.«

Cratus erstarrte, als er sich plötzlich in Gesellschaft von jemandem befand, der zu den ursprünglichen Göttern des Universums gehörte. Das einzige Problem war, dass Azura das personifizierte Böse darstellte. Zugegeben, sie war nicht ganz so unheimlich wie ihr Bruder Noir oder ihre Schwester Braith, aber sie war ein harter Brocken.

»Was willst du hier?«

Sie lächelte. »Du weißt genau, was ich will, Baby. Ich bin hier, um dir ein Angebot zu machen, das du sicher nicht ablehnen kannst.«

Er schnaubte. »Ich habe kein Interesse, für die Götter zu kämpfen.«

Sie tätschelte ihm sanft die Wange. »Süßer, da unterschätzt du uns aber ganz gewaltig.« Sie ließ die Hand auf seinen Arm sinken.

Cratus zischte vor Schmerz auf, als die Worte, die seine Mutter dort hatte eintätowieren lassen, auf einmal wie Feuer brannten. Der Schmerz war so durchdringend, dass er sich nicht mehr rühren konnte und nicht einmal mehr atmen. Er wollte Azuras Hand wegschieben, aber selbst das konnte er nicht.

Sie flüsterte ihm in der Ersten Sprache des Universums etwas zu, noch während sie das tat, spürte er, wie sein Wille ihm entglitt und sein Gesichtsfeld immer dunkler wurde.

Dann war der Schmerz weg, und sein Herz war so leer wie der Saustall, den er sein Zuhause schimpfte.

»Folge uns, Cratus, und diene zur Rechten deines Herrn. Niemand wird sich je wieder gegen dich wenden können.«

Er wollte ablehnen, aber der Teil seines Herzens, der widerstand, war verschlossen und versiegelt. Stattdessen sah er all die Jahrhunderte vor sich, die er gelitten hatte, spürte erneut alle Herabwürdigungen, die er durchgemacht hatte, angefangen damit, dass Zeus ihn mit seinen Blitzen am Boden festgenagelt hatte.

Als den Sohn von Kraft und Kriegshandwerk verlangte es ihn nach Rache.

Nein, mehr als das, er brannte regelrecht auf Rache.

»Folge mir, Cratus, dann sorgen wir dafür, dass Zeus dich um Gnade anflehen wird.«

»In meiner Welt ist alles, was zu gut scheint, um wahr zu sein, immer nur Trug.«

Sie lächelte ihn sanft und beruhigend an. »Diesmal nicht. Du wirst alle Macht haben, die du willst, und alle Reichtümer, die du dir nur vorstellen kannst. Du wirst nie wieder vor einem Chef kriechen, den du verabscheust. Du wirst nie wieder mit den Göttern kämpfen, die dir diesen Fluch auferlegt haben.« Sie beugte sich vor und flüsterte ihm ins Ohr: »Rache …«

Rache.

Sanft rieb sie ihre Wange an seiner. »Gib mir die Hand, Cratus, dann bringe ich dich weit fort aus diesem Elend, an einen Ort, wo es dir niemals an etwas mangeln wird.«

Tu es nicht! Hinter dem, was Azura versprach, steckte noch einiges mehr, so war es immer. Tief in seinem Innern wusste er das – doch während er auf dem armseligen Boden lag, sah er nur seine Vergangenheit vor sich, den unendlichen Kreis der Qual, zu dem Zeus ihn verdammt hatte.

Zumindest könnte Azura ihn töten und von dieser Qual erlösen.

Er hatte nichts, wofür er leben wollte – gar nichts.

Das Sterben hingegen war leicht. Er war schließlich seit Tausenden von Jahren jede Nacht gestorben. Aber eine Minute Ruhe vor dem zu haben, was sein Leben bedeutete …

Diese Chance würde er ergreifen.

Sein Blick bohrte sich regelrecht in ihren, und er nickte. »Ich bin dabei.«

Lachend ergriff Azura ihn bei der Hand. »Dann komm, mein tapferer Krieger! Wir werden Feuer und Zerstörung auf die Olympier und die Menschen regnen lassen. Der letzte Krieg hat begonnen.«

Kapitel 2

Delphine war entsetzt. Sie tat ihr Möglichstes, um sich in Cratus’ Zimmer zu versetzen und Azura aufzuhalten, aber sie vermochte es nicht.

Azura hatte sie irgendwie blockiert und ließ sie nicht hinein.

»Nein!«, schrie Delphine, aber es war zu spät, die beiden waren schon aus der Wohnung verschwunden. Jetzt war Cratus in den Händen des Bösen.

Was hatten sie vor?

Wie konnte das nur passieren?

Warum konnte sie es nicht verhindern? Sie hätte nicht erst warten sollen, bis er schlafen ging, sie hätte ihm zeigen sollen, dass sie da war und bleiben würde, egal, ob er protestierte oder nicht. Sie hätte ihn im Auge behalten müssen, bis er klein beigegeben hätte.

Aber das spielte jetzt alles keine Rolle mehr. Hätte, könnte, würde – das änderte nichts daran, dass Cratus jetzt auf der Seite der Gegner stand.

Verdammt!