18,99 €
Das Dorf al-Awafi in Oman ist die Heimat dreier Schwestern: Mayya, die mit gebrochenem Herzen die Ehe mit Abdallah eingeht, Sohn des wohlhabenden Kaufmanns Sulayman. Asma, die aus Pflichtgefühl Khalid heiratet, einen selbstverliebten Künstler. Und Khawla, die alle Anträge ablehnt, während sie auf ihren Geliebten wartet, der nach Kanada ausgewandert ist und nur alle zwei Jahre zurückkehrt. Drei Frauen, drei Blickwinkel auf Oman und eine traditionelle Gesellschaft, die sich nach der Kolonialzeit zwischen Tradition und Moderne neu definieren muss – wie die Frauen auch. Und dann ist da noch die rätselhafte, betörende Zarifa, die als Sklavin nach Oman kam, von Sulayman gekauft und seine große Liebe wurde. Herrinnen des Mondes erzählt vielstimmig über das Leben, Lieben und die Träume von Frauen in einer traditionell patriarchalischen islamischen Gesellschaft.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 369
Veröffentlichungsjahr: 2025
Jokha Alharthi
Roman
Aus dem Arabischen und mit einem Nachwort von Claudia Ott
Dörlemann
1 Mayya, oder: Die Nähmaschine
2 Abdallah, oder: Im Flugzeug
3 Sarifa, oder: Die Begrüßung des Neugeborenen
4 Vater
5 Asma, oder: Die Bücher
6 Nadschiyya, oder: Der Mond
7 Erste Liebe
8 Muttersorgen
9 Wolken und Wellen
10 Bakiyya, oder: Die Dämonin
11 Manin, oder: Ein Häppchen Halwa
12 Masuda, oder: Ich bin hier!
13 Vergessen
14 London, oder: Anderssein
15 Schlaf
16 Entscheidungen
17 Das Dichterspiel
18 Was gab es zum Abendessen?
19 Chaula, oder: Das Versprechen
20 Erwachsen werden
21 Sandschar, oder: Wir sind frei!
22 Tür auf, Tür zu
23 Hunger
24 Ahmad, oder: Das Fieber
25 Glück
26 Habib, oder: Die Saat
27 Assan, oder: Die toten Dichter
28 Die Tante
29 Die Aussteuer
30 Silberne Fingernägel
31 Ankabuta, oder: Ein zerrissener Schleier
32 Hafisa, oder: Der Omnibus
33 Durst
34 Muadh, oder: Der grüne Berg
35 Der Suk von Ibri
36 Zwei Hälften einer Kugel
37 Die Ohrringe
38 Im Brunnen
39 Liebesleiden
40 Salma, oder: Die Kanalbraut
41 Hexerei
42 Die Antilopen der Wüste
43 Spiegelchen aus Indien
44 Eine neue Seite aufschlagen
45 Das Sklavenboot
46 Umlaufbahnen
47 Al-baka lillah
48 Saturn
49 Nasir, oder: Die Rückkehr
50 Familiengeheimnisse
51 Chaled, oder: Die Pferde
52 Mondstrahlen
53 Mutmaßungen über den Basilikumstrauch
54 Marwan, oder: Der Heilige
55 Suleiman, oder: Der Sklavenhändler
56 Düstere Erinnerungen
57 Der Wolf und die lieben Geißlein
58 Hanan, oder: Offenheit
59 Die Jahre fressen die Worte
60 Muhammad, oder: Wie ein Fisch im Wasser
Nachwort der Übersetzerin
Hinweise zu Transkription und Aussprache
Glossar und Namensverzeichnis
Über Jokha Alharthi
Über Claudia Ott
Mayya, völlig vertieft in ihre schwarze Nähmaschine der Marke al-Farrascha, war vertieft in die Liebe.
*
Es war eine stumme Liebe, die dennoch ihren schmalen Körper Nacht um Nacht mit Wellen aus Tränen und Seufzern durchfuhr. Immer wieder überkam Mayya das Gefühl, erdrückt zu werden von der Last ihrer Lust, ihn wiederzusehen. Während sie sich beim Morgengebet tief zum Boden beugte, murmelte sie Schwüre wie diesen:
»Allmächtiger Gott, mein Herr, ich schwöre dir, dass ich nichts von ihm will! Nur anschauen will ich ihn! Herr Gott, Allmächtiger, er muss sich nicht einmal zu mir umdrehen, ich will ihn nur sehen können …«
Ihre Mutter glaubte, die stille, bleiche Mayya dächte an nichts auf der Welt jenseits ihrer Fäden und Stoffe und hörte nichts außer dem Surren der Nähmaschine. Aber Mayya erlauschte jeden Laut ihrer Umgebung und nahm sämtliche Farben wahr. Dabei rührte sie sich den ganzen Tag und die halbe Nacht lang nicht von ihrer Holzbank bei der Maschine, ja sie hob kaum einmal den Kopf, und wenn sie es doch tat, dann nur, um zur Schere zu greifen oder eine der vielen Garnrollen aus dem kleinen Plastikkörbchen zu nehmen, das sie in ihrem Nähkasten verwahrte.
Mit schuldbewusster Zufriedenheit beobachtete Mayyas Mutter ihren viel zu geringen Appetit. Sie hoffte insgeheim, es käme der Mann, der Mayyas Talent als Schneiderin ebenso zu schätzen wüsste wie ihre Zurückhaltung beim Essen und der sie in einem festlichen Brautzug in sein Haus führen würde.
Und er kam.
Mayya saß wie üblich auf ihrer Holzbank hinter der Maschine am Ende des langen Korridors, als die Mutter mit strahlendem Gesicht auf sie zutrat und ihr die Hand auf die Schulter legte.
»Mayya, meine liebe Tochter!«, frohlockte sie. »Der Sohn des Händlers Suleiman will dich heiraten!«
Mayya zuckte zusammen. Schwer, viel zu schwer, lastete die Hand der Mutter auf ihrer Schulter. Sie fühlte ihre Kehle trocken werden und sah ihre Nähfäden vor sich, wie sie sich um ihren Hals schnürten, als wollten sie sie erdrosseln.
»Ich dachte, du wärst schon erwachsen.« Die Mutter lächelte. »Stattdessen bist du ja immer noch so schüchtern wie ein kleines Mädchen.«
Damit war das Thema erledigt. Niemand sprach mehr darüber. Die Mutter begann, die Kleider für das Hochzeitsfest bereit zu machen und den Weihrauch zu mischen. Sie polsterte die Sitzkissen aus und streute die freudige Nachricht unter die Verwandten. Mayyas Schwestern sagten nichts, und ihr Vater überließ die Angelegenheit der Mutter. Schließlich waren es ihre Töchter, und Heiraten war Frauensache.
*
Heimlich überging Mayya die üblichen Pflichtgebete.
»Lieber Gott«, flüsterte sie stattdessen, »ich habe dir doch geschworen, dass ich nichts will, außer ihn zu sehen! Ich habe dir auch geschworen, keinen Fehltritt zu begehen und meine Gefühle nicht zu offenbaren. Das alles habe ich dir unter heiligen Eiden versprochen! Wozu schickst du mir jetzt diesen Sohn von Suleiman ins Haus? Willst du mich für meine Liebe bestrafen? Ich habe doch keinem etwas verraten, nicht einmal meinen Schwestern! Warum hast du Suleimans Sohn in unser Haus geschickt? Warum?«
*
»Du willst uns also verlassen, Mayya?«, fragte Chaula.
Mayya schwieg.
»Hast du dich denn gut vorbereitet?«, wollte Asma wissen und setzte lachend hinzu: »Weißt du noch, welchen Ratschlag die Beduinin ihrer Tochter gegeben hat, als diese eine Braut wurde? Wir haben die Stelle im Mustatraf entdeckt, in unserem Bücherschrank!«
»Das war nicht im Mustatraf«, widersprach Mayya.
»Was weißt du schon über Bücher?«, entgegnete Asma ärgerlich. »Der Rat steht im Mustatraf fi kull fann mustadhraf, dem ›Feinsten Gespinste der Vornehmsten Künste‹, das ist das Buch mit dem roten Einband im zweiten Regalfach. Die Beduinin rät ihrer Tochter, auf Wasser und Augenschminke zu achten und für Essen und Trinken zu sorgen.«
»Stimmt«, fügte Mayya mit bekümmerter Miene hinzu. »Und dass ich lachen soll, wenn der Mann lacht, und weinen, wenn der Mann weint, und zufrieden sein muss, wenn der Mann befriedigt ist …«
»Was ist los mit dir, Mayya?«, unterbrach Chaula sie. »So hat die Beduinin das nicht gesagt! Sie meint, du wirst Freud und Leid mit ihm teilen!«
»Und wer teilt mein Leid mit mir?« Mayya flüsterte nun fast. Man konnte sie kaum noch verstehen. Das Wort »Leid« klang grausam und schuf eine beklommene Stimmung unter den Schwestern.
*
Als Mayya Ali Bin Chalaf zum ersten Mal sah, war er gerade von seinen Studienjahren aus London zurückgekehrt, allerdings ohne Abschluss. Doch das interessierte Mayya nicht. Sein Anblick traf sie wie ein Donnerschlag. Ali war hochgewachsen, so groß, als könnte er die schnellste Wolke, die über den Himmel eilte, zu fassen kriegen, und so schlank, dass Mayya das Bedürfnis verspürte, ihn gegen den Wind abzustützen, der jene Wolke in die Ferne trieb. Er war ein Edelmann, ein Heiliger, keiner von diesen Durchschnittsmännern, welche schwitzen, schnarchen und schimpfen.
»Mein Gott! Ich schwöre, dass ich ihn nur noch ein einziges Mal wiedersehen will!«
Und sie sah ihn wieder, zur Zeit der Dattelernte. Er stand an eine Palme gelehnt. Wegen der Hitze hatte er seine Kappe abgenommen. Sie sah ihn, und ihr kamen die Tränen. Schnell zog sie sich zurück an den Zulauf des Faladsch, wo sie hemmungslos schluchzte.
Dann begann sie ihre Gedanken auf seinen Geist zu richten. Es war, als sammelte sie sämtliche Teilchen ihrer Existenz und verankerte sie mit Nägeln in seiner. Dabei hielt sie den Atem an. Vor lauter Konzentration hätte ihr Herz fast aufgehört zu schlagen. Mit aller Kraft lenkte sie ihren Geist in seine Richtung und schickte ihn auf den Weg zu ihm. Völlig losgelöst von der Umgebung, unempfindlich allem Materiellen gegenüber, schüttelte sich ihr Körper wie in Krämpfen, und sie wäre beinahe zusammengebrochen, so sehr bündelte sie ihre Energie, um ihre Botschaft zu ihm zu senden.
Und nun wartete sie auf ein Zeichen von ihm. Irgendein Signal, das ihr zeigen würde, dass sein Geist die Botschaft empfangen hatte. Aber es kam nicht das geringste Zeichen.
*
»Ich schwöre, mein Gott, ich will nichts weiter, als ihn noch einmal zu sehen. Den Schweiß auf seiner Stirn, seine Hand am Stamm der Palme, und wie er eine Dattel im Mund hin- und herschiebt. Und ich verspreche dir, Herr, dass ich niemandem von dem Meer erzähle, das in mir tost. Herr, ich schwöre dir: Ich verlange nicht mal, dass er sich zu mir umdreht. Wer bin ich schon? Ein Mädchen, das nichts kann außer Nähen! Keine Gebildete wie Asma, keine Schönheit wie Chaula. Gut, Herr, ich gelobe dir, einen ganzen Monat auf ihn zu warten. Wirst du mich ihn dann sehen lassen? Nach einem Monat? Ich verspreche auch, mein Gott, dass ich kein einziges Gebot und keine gute Tat auslassen werde und von nichts träumen werde, was du anstößig findest. Ich will weder seine Hand anfassen noch seine Haare streicheln, gewiss nicht, Herr, das schwöre ich! Und auch nicht den Schweiß von seiner Stirn wischen, dort unter der Palme …«
So sprach sie immer wieder unter Tränen. Und sie weinte viel.
Als der Sohn des Händlers Suleiman in ihr Haus kam, stellte sie das Beten völlig ein. Erst nach ihrer Hochzeit fing sie wieder an. Sie sagte sich, dass das nun wohl die Strafe für ihre falschen Schwüre sei, denn Gott wusste ja, dass sie es nicht ehrlich gemeint hatte mit ihren Gelöbnissen, und bestrafte sie nun für ihre Sünde.
*
Ein paar Monate später wurde sie schwanger und hoffte auf eine so leichte Geburt wie in den Erzählungen ihrer Mutter:
»Ich war gerade auf dem Hühnerhof hinter einer Henne her, die ich schlachten wollte, weil mein Onkel überraschend zum Essen gekommen war.« Mayya waren ihre Worte noch lebhaft in Erinnerung. »Auf einmal hatte ich das Gefühl zu platzen. Vor Schmerz wand ich mich auf der Erde, und dein Vater holte Mariyya, die Hebamme. ›Es ist so weit‹, sagte diese, kaum dass sie mich sah, stützte mich, bis wir im Zimmer waren, und schloss die Tür ab. Dann stellte sie mich auf die Füße und zog meine Arme hoch, sodass ich den Pflock greifen konnte, der dort in die Wand geschlagen war. Als meine Beine nachgaben, herrschte die Amme Mariyya – Gott möge ihr verzeihen – mich an: ›Oh Schande! Ein böses Omen! Wird die Tochter von Scheich Masud etwa im Liegen gebären, weil sie nicht stehen kann?‹ Also blieb ich stehen und klammerte mich an dem Haken fest, so lange, bis du, Mayya, aus mir herausgeschlüpft kamst. Du bist in meinen Sirwal gefallen und wärst darin erstickt, wenn die Amme nicht meine Hände vom Pflock gelöst und dich herausgezogen hätte. Ja Gott, ich wurde damals nicht einmal untersucht! Kein Mensch hatte mich je gesehen! Geht ihr doch ruhig nach Masgad in die Hospitäler dort und lasst euch beim Gebären von den Inderinnen und Christinnen zuschauen! Weiß Gott, Mayya, so war es! Ich habe dich und deine Geschwister im Stehen geboren, wie eine Stute! Dabei habe ich mich mit beiden Händen am Garderobenhaken festgehalten, und die Amme – Gott vergebe dir, Mariyya! – hat laut kreischend auf mich eingeredet. ›Wehe dir, wenn ich dich auch nur einmal schreien höre!‹, hat sie gezetert. ›Alle Frauen kriegen Kinder! Du solltest dich schämen, wenn du schreist, schäm dich! Du bist doch die Tochter des Scheichs!‹ Und tatsächlich sagte ich kein einziges Wort. ›Oh mein Gott‹, war alles, was ich herausbrachte. Heutzutage gebären die Frauen ja im Liegen und schreien so laut, dass es die Männer bis ans andere Ende des Hospitals hören – mit der Scham ist es aus und vorbei, weiß Gott!«
*
»Hör zu!«, sagte Mayya zu Suleimans Sohn, sobald ihr Kugelbauch sie nachts nicht mehr schlafen ließ. »Ich werde mein Kind nicht hier von den Ammen holen lassen. Ich will, dass du mich nach Masgad bringst …«
»Ich habe dir doch schon tausendmal gesagt, es heißt Maskat!«, unterbrach er sie, aber sie fuhr seelenruhig fort, als hätte sie ihn nicht gehört:
»Ich möchte zur Entbindung ins Saada-Hospital.«
»Soll mein Sohn etwa den Christen in die Hände fallen?«, entrüstete er sich.
Mayya schwieg. Und als sie im neunten Monat war, brachte ihr Mann sie ins Haus seines Onkels im Wadi Aday in Maskat, wo sie bis zur Entbindung wohnte. Im Missionskrankenhaus, dem Saada-Hospital, brachte sie ein schmächtiges Mädchen zur Welt.
*
Mayya öffnete die Augen, erblickte ihre Tochter in den Armen ihrer Mutter und schlief wieder ein. Als sie die Augen zum nächsten Mal aufschlug, lag das Neugeborene schon an ihrer Brust und trank. Dann kam der Sohn des Händlers Suleiman, um seine Tochter zu begutachten.
Mayya sagte ihm, sie wolle das Mädchen London nennen. Er nahm an, sie sei erschöpft von der Geburt und fasele dummes Zeug. Aber am nächsten Tag kehrte sie mit Mutter und Tochter zurück ins Haus seines Onkels und teilte der Verwandtschaft mit, das Neugeborene heiße London. Seine Tante kochte ihr eine Suppe aus einem frisch geschlachteten Hühnchen, buk Fladenbrot dazu und flößte ihr heiße Milch mit Honig ein. Dann half sie ihr beim Händewaschen und setzte sich zu ihr ans Bett.
»Mayya, meine Tochter!« Die Tante tätschelte sie zärtlich.
»Ja?«
»Bestehst du wirklich auf diesem komischen Namen für dein Töchterchen? Hat denn jemals ein Mensch seine Tochter London genannt? Das ist der Name einer Stadt, mein Kind! Noch dazu einer Stadt, die den Christen gehört …. Wir sind alle sehr verwundert, und ich glaube, du bist jetzt wieder so weit bei Kräften, dass du noch einmal über einen richtigen Namen für das Mädchen nachdenken kannst. Nenn sie doch Salma, nach deiner Mutter!«
»Warum willst du denn, dass sie sie nach mir benennt?«, fuhr ihre Mutter wütend dazwischen. »Ich bin nämlich noch am Leben, falls dir das entgangen sein sollte. Freust du dich etwa schon auf meinen Tod, mein Augapfel? Damit das Mädchen dann den Namen weitertragen soll?«
»Gott bewahre«, beschwichtigte sie die Tante. »So habe ich es nicht gemeint! Es geben doch viele Leute ihren Söhnen den Namen des Großvaters, auch wenn der noch bei bester Gesundheit ist. Dir soll sich kein Übel nahen, Salma … Dann nenn sie doch Maryam oder Seinab oder Safiyya«, wandte sie sich wieder an die junge Mutter. »Irgendein Name, Hauptsache etwas anderes als London!«
Mayya nahm ihre Tochter in beide Hände und hob sie in die Höhe.
»Was ist denn Schlechtes an dem Namen London? Es gibt sogar in Jaalan eine Frau, die London heißt!«
Die Tante wurde ungeduldig. »Du weißt ganz genau, dass das nicht ihr richtiger Name, sondern nur ein Spitzname ist. Wegen ihrer hellen Haut nennen die Leute sie so. Und dieses Mädchen hier – wie soll ich sagen …«
»… ist nicht so hell wie der Rest der Kaufmannsfamilie?«, vervollständigte Mayya den Satz und zog das Kind wieder an sich. »Aber sie ist nun mal die Tochter der Familie, und sie heißt London.«
*
Dies war der richtige Zeitpunkt, so entschied Salma, um ihre Tochter und ihre Enkelin zurück in ihr Heimatdorf al-Awafi zu holen, wo sie den Rest der vierzigtägigen Wochenbettfrist im Haus der Mutter unter ihrer Aufsicht verbringen konnte.
»Hör zu, Abdallah, mein Sohn!«, sprach sie zu ihrem Schwiegersohn. »Sie ist deine Ehefrau, und sie hat als erstes Kind ein Mädchen bekommen. Mädchen sind ein Segen, sie helfen der Mutter und kümmern sich um ihre kleinen Brüder. Wir brauchen jetzt für die Frau im Wochenbett vierzig lebende Hühner, ein großes Glas Honig, und zwar den echten Berghonig, und ein Glas Butterschmalz aus Landkuhmilch. Sobald London – sie sprach den Namen mit übertriebener Betonung auf jedem Buchstaben aus, sodass er kehlig klang – sobald London eine Woche alt ist, musst du ihr die Haare schneiden und als Spende für die Armen ihre Haare mit Silber aufwiegen. Dann schlachtest du ein Schaf und verteilst das Fleisch an die Bedürftigen.«
Abdallah wich alle Farbe aus dem Gesicht. Dennoch neigte er folgsam den Kopf und brachte seine kleine Familie mitsamt der Schwiegermutter zurück nach al-Awafi.
Das Flugzeug kämpfte sich durch dichte Wolken. Abdallah konnte kein Auge zutun, obgleich der Flug nach Frankfurt lang genug gewesen wäre.
Damals, als die Frauen zur Entbindung ins Saada-Krankenhaus gingen, gab es in Oman noch keine schwarzen Nähmaschinen der Marke al-Farrascha. Wie konnte also Mayya an einer solchen Maschine sitzen und nähen? Überhaupt war der elektrische Strom damals erst in einigen wenigen Regionen Omans angekommen. Vielleicht gab es ja andere Krankenhäuser, die tatsächlich zu der Zeit gebaut wurden, als London zur Welt kam? Ja, so musste es sein, mit Sicherheit gab es andere Krankenhäuser. Zumindest das ar-Rahma-Krankenhaus in Matrah, vielleicht auch das an-Nahda in Ruwi. Warum hatte Mayya dann darauf bestanden, ihr Kind im Missionskrankenhaus zu bekommen? Ich erinnere mich nicht. Ich kann die vielen Ereignisse nicht mehr ordnen.
»Du musst ein Schlachtfest für London ausrichten«, hatte ihre Mutter mir befohlen. »Und du musst zwanzig lebende Hühner besorgen für deine Frau im Wochenbett.« Dabei zischte sie das Z von zwanzig so bedrohlich zwischen ihren Zähnen hervor, dass ich Angst bekam, obwohl ich bereits dreißig Hühner und ein Schaf herangeschafft hatte.
Meine Tante stand im Hof ihres alten Hauses im Wadi Aday.
»London?«, kreischte sie mir entgegen. »Und damit warst du einverstanden? Hast du denn gar keinen Einfluss auf den Namen deiner Tochter?«
Ich weiß nicht mehr, ob sie das Haus abgerissen oder verkauft haben. Seitdem mein Onkel gestorben war, habe ich meine Tante nur noch ein- oder zweimal gesehen.
Sobald London ihre Abschlussprüfung an der medizinischen Fakultät der Sultan-Qabus-Universität bestanden hatte, sagte sie zu mir: »Ich will einen BMW, Papa!«
Mayya schob ihre Nähmaschine der Marke al-Farrascha in die Abstellkammer, als wir in unser neues Haus umzogen. Warum hat sie aufgehört zu nähen? Und wann? Es muss nach Muhammads Geburt gewesen sein, in dem Jahr, als ich das Geschäft meines Vaters erbte und wir nach Maskat zogen. Mayya freute sich über alle Maßen. Sie sagte, sie wolle nicht ihr Leben lang unter der Kontrolle ihrer Mutter bleiben, und nachdem sie Muhammad zur Welt gebracht hatte, hörte sie mit dem Nähen auf. Das ist jetzt fünfzehn Jahre her. Es muss dasselbe Jahr gewesen sein, in dem sie die neue Schnellstraße im Süden eingeweiht und die Fabrik gebaut haben.
Londons Freundin Hanan unterrichtete damals an einer Grundschule in Salalah. Sie rief mitten in der Nacht bei uns an, um uns zu erzählen, dass eine Bande Halbwüchsiger ins Wohnheim der Lehrerinnen eingedrungen war und einige von ihnen vergewaltigt hatte. Auch Hanan hatten sie missbraucht.
Zur Einweihung unseres neuen Hauses in Maskat kochte Mayya ein riesiges Festessen und lud alle ihre Freundinnen ein. Sie breitete ein langes Tischtuch auf den Boden und stellte die Speisen darauf. Salim ging zu dieser Zeit in die Grundschule, und Muhammad wirkte noch wie ein ganz normales Baby. Mayya war bester Laune. Für die Nacht zog sie sich ihr blaues Nachthemd an.
»Liebst du mich, Mayya?«, fragte ich sie, nachdem alle Gäste gegangen waren. Sie zuckte zusammen. Erst antwortete sie gar nichts, dann lachte sie laut auf. So laut, dass es mich ärgerte.
»O Mann, wo hast du dieses Gesäusel her?«, fragte sie zurück. »Etwa aus einer dieser schnulzigen Fernsehserien? Die Satellitenschüssel hat dich verdorben mit all diesen ägyptischen Filmen!«
Muhammad stand auf meinen Knien und zog mich mit aller Kraft am Bart. Mayya gab ihm einen Klaps, und er begann zu weinen. Er schluchzte bitterlich. Bevor mein Vater starb, hatte ich nie den Mut gehabt, mir den Bart abzurasieren. Und als die Alphabetisierungskurse eingerichtet wurden, kam Mayya auf Anhieb in die sechste Stufe. Sie konnte schon lesen und schreiben und ein bisschen rechnen.
»Mayya«, sagte ich zu ihr. »Muhammad ist noch zu klein. Warte, bis er ein bisschen größer ist. Dann kannst du zur Schule gehen.«
»Aber ich will Englisch lernen, Mann!«, gab sie zurück.
Alles das geschah, bevor wir die Satellitenschüssel auf unserem Dach montiert hatten. Auch als sie das blaue Nachthemd trug und ich sie fragte, ob sie mich liebte, war die Schüssel noch nicht da und ich hatte noch keinen einzigen ägyptischen Film gesehen.
Als mein Vater im an-Nahda-Krankenhaus im Sterben lag und ich meine Hand nach seiner ausstreckte, zog er seine Hand mit Entschlossenheit zurück. Und als wir ihm das letzte Geleit gaben, versagten meine Knie. Damals war Muhammad erst ein Jahr alt.
Auf meine Frage »Liebst du mich?« lachte Mayya so laut, dass die Mauern unseres neuen Hauses einstürzten und die Kinder davonrannten.
Aber Mayya hatte doch auch noch keine Serien geschaut.
Salim war erst ganz verrückt nach Serien aus Mexiko, dann wurden sie ihm langweilig, und er tauchte ab in die Welt der Videospiele. Jedes Mal, wenn wir nach Dubai fuhren, kaufte er sich zwei oder drei neue Videokassetten.
»Abdallah, mein Sohn«, schärfte Mayyas Mutter mir ein. »Meine Tochter Mayya ist jetzt in deiner Obhut. Sie muss dir so wertvoll sein wie deine eigenen Augen. Du darfst sie mir auf keinen Fall wegnehmen und mit ihr nach Masgad ziehen. Kein Mensch kann so gut nähen wie sie. Außerdem: Viel essen und viel reden mag sie nicht!«
»Bitte, Papa!«, sagte ich zu ihm. »Ich will nach Ägypten oder in den Irak fahren und dort an der Uni studieren!«
Er aber packte mich am Kragen.
»Ich schwöre bei diesem Bart, dass du Oman nicht verlassen wirst!«, herrschte er mich an. »Willst du etwa völlig abstürzen? Und dann kommst du zurück aus Ägypten oder dem Irak und hast angefangen zu rauchen und zu saufen?«
Also fing ich gleich nach dem Abitur in seiner Firma an. Selbst nach Maskat wagte ich mich nicht, bevor er nicht gestorben war.
London war ein ausgesprochen hübsches und properes kleines Mädchen. Nachmittags badete Mayya sie immer im Faladsch, und London quietschte vor Lachen. Ich kaufte ihr Babynahrung von Heinz und Milupa. Sie war das einzige Baby in al-Awafi, das solches Essen bekam. Ich brachte es ihr aus der Kantine mit, und Mayya war stolz darauf und prahlte damit herum.
»Ya walad!«, sprach mein Vater mich an. »He, Junge! Kind!«
Er nannte mich immer noch so, obwohl ich inzwischen selbst Vater von drei Kindern und längst kein kleiner Junge mehr war.
Ich trat näher an sein Bett. Mein Vater versuchte zum wiederholten Male, sich die Dischdascha und das Unterhemd auszuziehen. Die spärlichen weißen Härchen auf seiner Brust glitzerten im schwachen Sonnenlicht, das durch die schweren Vorhänge ins Zimmer drang. Ich trat zu dem Vorhang hin, da hob er seinen Finger und gestikulierte:
»Mach das bloß nicht! Lass das!«
Und ich ließ den Vorhang geschlossen.
»Ya walad!«, rief er mir zu, in einem der vielen Anfälle von Altersstarrsinn und Demenz, die ihn schon zwei Jahre vor seinem Tod regelmäßig heimsuchten. »Binde unseren Sklaven Sandschar an den östlichen Pfeiler im Hof! Und wehe jedem, der ihm etwas zu trinken bringt oder Schatten spendet!«
Ich hockte mich neben ihn.
»Papa«, sagte ich beruhigend. »Die Regierung hat schon längst alle Sklaven freigesprochen. Und Sandschar ist nach Kuweit gegangen!«
»Papa, wann fahren wir endlich nach Kuweit?«, bettelt London jeden Sommer.
Aber Mayya ist dagegen.
»Sollen wir etwa vor der Hitze in die noch heißere Hölle fliehen?«, ereifert sie sich. »Nein, bei Gott, ich fahre nicht nach Kuweit!«
Sandschars Tochter hat einen Omani geheiratet und ist wieder zurückgekommen, um in Maskat wohnen zu können. Sie hat mich im an-Nahda-Krankenhaus erkannt. Dort arbeitet sie als Krankenschwester. Als sie meinen sterbenden Vater sah, verzog sie das Gesicht.
»Du musst den Sklaven Sandschar anbinden!«, krakeelte mein Vater, wobei seine schwarzen Lippen zitterten. »Du musst ihn bestrafen, damit er nie wieder etwas aus dem Zwiebelsack stiehlt!«
Ich gebe ihm keine Antwort. Daraufhin fuchtelt er mit seinem Stock herum und ruft mir zu:
»Hast du nicht gehört, Kind? Ich habe dir befohlen, ihn zu bestrafen, damit er nicht mehr stiehlt!«
London liebt es, im Wasser zu spielen. Als sie sechs Jahre alt war, schimpfte Mayya einmal mit mir, weil ich sie zwei Stunden lang im trüben Wasser des Bachs hatte spielen lassen. Davon werde London Kinderlähmung bekommen, drohte sie mir. Ich konnte danach tagelang nicht schlafen. Ständig starrte ich auf ihre Beinchen. Aber sie bekam gar nichts Schlimmes, sondern sprang fröhlich weiter wie eine Gazelle.
Bei meinem Vater waren die Lippen ganz schwarz geworden und die Augenbrauen verblasst. Speichel sprühte aus seinem Mund, als er mich fragte:
»Hast du den diebischen Sklaven Sandschar am östlichen Pfeiler festgebunden, Junge?«
»Vater«, beschwichtigte ich ihn. »Die Regierung hat alle Sklaven zu freien Menschen erklärt. Auch Sandschar. Die Regierung«, wiederholte ich.
»Die Regierung?«, polterte er zurück. Endlich schien er mir zugehört zu haben. »Was hat die Regierung damit zu schaffen? Sandschar ist mein Sklave und nicht der Sklave der Regierung, sodass sie ihn freilassen könnten! Seine Mutter Sarifa«, fuhr er fort, »habe ich für zwanzig Kirsch in Silber gekauft. Ich habe sie mit Reis gefüttert, als der Sack Reis hundert Silberkirsch kostete. Jawohl, hundert Kirsch in reinem Silber! Hundert klimpernde Silbermünzen, eine an der anderen! Ah, Sarruf«, stöhnte er, »meine schöne, weiche Sarruf! Aber sie ist alt geworden. Halsstarrig ist sie geworden. Darum hab ich sie Habib gegeben, und sie hat diesen Dieb geboren. Was geht das die Regierung an?«
Jetzt redet er sich richtig in Rage.
»Er ist mein Sklave! Wie kann er weggegangen sein ohne meine Erlaubnis? Wie kann er das machen, Kind?«
Ab und zu bekommt er Zitterattacken und Schweißausbrüche. Dann trockne ich seinen Nacken und seine Brust mit dem blauen Handtuch ab, das immer an einem Haken an der Tür bereithängt.
Nach seinem Tod war das Handtuch plötzlich verschwunden. Ich trat an sein Sterbebett, wälzte mich vor Trauer am Boden und vergoss bittere Tränen. Schweiß überströmte mich, aber ich fand kein Handtuch mehr an der Tür.
Auch die Nähmaschine mit dem schwarzen Schwungrad, die Farrascha, war nicht mehr da. Ich habe die Abstellkammer nie betreten, aber ich wusste, dass Mayya sie dort irgendwo versteckt hatte.
Mayya konnte prima Fleischpasteten machen, Sambusa, die schmeckten mir nur, wenn sie sie buk. Als wir in unser neues Haus einzogen, machte sie einen Riesenteller Sambusa und noch viele andere Gerichte dazu.
»Mayya«, sagte ich. »Lass dir doch von der Hausmagd beim Kochen helfen!«
Mayya schwieg. Ein paar Monate später bestand sie plötzlich darauf, die Hausmagd in ihre Heimat zurückzuschicken.
Am selben Abend duftete es gut im Schlafzimmer. Ihr dunkelblaues Nachthemd schimmerte, und ich fragte sie:
»Liebst du mich, Mayya?«
Wieder schwieg sie. Und dann begann sie zu lachen. Sie lachte und lachte und lachte.
Ich war das größte Kind in meiner Klasse. Sarifa hatte mir meine Dischdascha am Hals so eng zugeschnürt, dass ich fast erstickt wäre.
»Indak kam, ya walad?«, sprach der Lehrer mich in seinem schnoddrigen Ägyptisch an. »Wie viel hast du, Junge?«
»Einen halben Riyal«, antwortete ich. Ich hatte mein Taschengeld vom Id sorgfältig aufgespart und nur einen einzigen Kokosriegel davon gekauft.
Der Lehrer explodierte förmlich vor Lachen. Ich hasse Lachen. Wenn die Menschen lachen, werden sie zu Affen. Ihre Bäuche wackeln, ihre Nacken vibrieren und ihre gelben verfaulten Zähne werden sichtbar.
»Ich meinte: Wie viele Jahre hast du schon auf dem Buckel?«, erklärte der Lehrer, immer noch kichernd. »Wie alt bist du?«
»Zehn oder zwölf«, gab ich schüchtern zurück.
Da brach der Lehrer erneut in Lachen aus.
»Was, du weißt nicht, wie alt du bist?«, prustete er und fügte hinzu: »Du siehst viel zu groß aus für die erste Klasse!«
Es war nicht meine Idee gewesen, dass die Schule erst eröffnet wurde, als ich schon so groß war.
Die anderen Schüler hatten ihre Dischdascha nicht so fest geschnürt wie ich.
»Ustadh Mamduh«, beschwerten sie sich beim Lehrer. »Wir wollen nicht, dass der lange Abdallah vor uns sitzt!«
Ustadh Mamduh griff nach meiner Hand und flüsterte: »Hast du omanisches Halwa dabei?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Dann bring morgen welches mit.«
»Halwa?«, zeterte Sarifa. »Hat er das wirklich so gesagt? Kein Heft und keinen Stift sollst du mitbringen, sondern Halwa?«
Damals hatte Habib sie schon verlassen, und Sandschar lief ständig von zu Hause weg. Sarifa widmete all ihre Zeit dem Kochen und mir.
Mayya war ständig beschäftigt. Zuerst mit dem Nähen und den Kindern, danach mit der Schule. Zum Schluss wurde das Schlafen ihre Hauptbeschäftigung.
Wenn ich meinen Kopf an Sarifas Brust schmiegte, um zu schlafen, konnte ich die Suppe riechen, die sie gekocht hatte.
»Abdallah kann seinen Namen schreiben und wechselt in die dritte Klasse«, bestimmte Ustadh Mamduh.
Und so kam ich zusammen mit vier anderen Schülern in die dritte Klasse. Alle hatten ihren Namen erfolgreich auf die schwarze Schultafel geschrieben. Oder dem Lehrer Halwa mitgebracht.
*
Die Wolken lösten sich auf, und vor dem kleinen Flugzeugfenster war plötzlich klarer Himmel. Abdallah, der Sohn des Händlers Suleiman, döste ein. Sekunden später fuhr er wieder hoch.
»Häng mich nicht kopfüber in den Brunnen«, murmelte er. »Nein, tu es nicht! Ich flehe dich an, nicht mit dem Kopf nach unten in den Brunnen!«
Die Sonne ging auf, und Salmas Herz quoll über vor Zufriedenheit: Sie war Großmutter geworden. Zwar war an jenem roten Fleischklumpen mit dem seltsamen Namen kein bisschen von ihrer eigenen Schönheit zu entdecken, aber immerhin war es ihre Enkelin, und dieser Umstand erfüllte sie mit einem gewissen Stolz.
Sie fegte den Hof und besprengte ihn mit Wasser. Sie klopfte den Staub aus dem roten Perserteppich, der zusammengerollt in der Abstellkammer lag, und breitete den Teppich in der Vorhalle aus, die den Hof von den Wohnräumen trennte. Sie polierte die Porzellanvasen, die in den Wandnischen des mittleren Zimmers aufgereiht standen, und baute dort ein frisches Matratzenlager für Mayya und das Baby.
Das Backen überließ sie nicht der ungeschickten Chaula, die alle den Tolpatsch nannten, sondern sie buk das dünne Fladenbrot für die junge Mutter mit eigener Hand, bestrich die Fladen mit gutem, hausgemachtem Butterschmalz und Berghonig und achtete darauf, dass Mayya den ganzen Teller leer aß und keinen Bissen übrig ließ. Auch die heiße Milch mit Bockshornklee musste sie bis zum letzten Tropfen austrinken.
Salma kochte Kaffee mit Kardamom und machte einen Teller mit Obst und einen zweiten mit Datteln fertig. Auf ein vergoldetes Tablett stellte sie zwei Flaschen Rosenöl, ein Schälchen Safran und ein Räuchergefäß mit heißer Glut. Sie brachte den Kaffee, die Obstteller und das Tablett mit dem Weihrauch in die Vorhalle. Dort würden gleich die Nachbarinnen erscheinen, um dem Neugeborenen ihren Besuch abzustatten.
Dann wusch sie sich, wobei sie ihre ganz spezielle Kräutermischung ins Wasser mengte. Seit sie auf der Welt war, hatte noch keine Seife ihren Körper berührt. Salma zog ihre schönsten Kleider an und setzte sich im Schneidersitz neben ihre schweigende Tochter. Und schon füllte sich der Hof mit lauten Stimmen: »Bismillah! Maschallah! Mein Gott, wie süß! Bei Gott und beim Propheten! Bismillah! Gott soll das Auge des Neiders mit Blindheit schlagen! Bravo, das erste Kind ist ein Mädchen, und Mädchen passen später auf ihre kleinen Brüder auf! Mögen noch zehn Jungen hinterherkommen, so Gott will! Ach Gott, wie niedlich! Gesegnet sei der Prophet!«
»Dass du ja nicht aufstehst, Mayya!« Salma gab ihrer Tochter einen Knuff in die Seite. »Für niemanden! Da, schau mal«, raunte sie ihr zu. »Die Geliebte unseres alten Weißbarts ist gekommen!«
Sarifa schritt durch die Vorhalle, gemächlich wie eine Schildkröte und unablässig »Bismillah!« murmelnd. Sie prüfte mit ihren nackten Füßen die Weichheit des Perserteppichs. Sie zog das dünne, durchscheinende Deckchen über Obst- und Dattelteller weg und warf einen taxierenden Blick darauf. Sie rührte mit dem Silberlöffel in dem Schälchen mit den Safranfäden herum, um sich von der Qualität des Safrans zu überzeugen, und lenkte ihren Weg Schritt für Schritt in das mittlere Wohnzimmer.
*
»Willkommen, Sarruf!«, feixte Salma mit spöttischem Unterton. »Du kommst ja zeitig. Hättest du nicht noch zehn Tage warten können? Du musst entschuldigen«, setzte sie hinzu, »mein Fuß tut mir weh, ich kann nicht aufstehen.«
Sarifa ließ ihren üppigen Körper neben Mayyas Matratze auf den Boden plumpsen. »Bleib nur sitzen, meine Liebe«, keuchte sie, nachdem sie etwas durchgeschnauft hatte. »Seit wann stehst du auf, wenn Sarruf hereinkommt?«
Sie drehte den breiten Silberring an ihrem rechten Zeigefinger hin und her und stützte sich auf Mayyas Matratze.
»Wie geht es dir, Mayya? Hast du alles gut überstanden und bist gesund und munter, du und das Baby? Verzeih mir, meine Tochter, ich konnte nicht früher kommen, weil mein Sohn Sandschar auch noch eine Tochter bekommen hat.«
»Mabruk!«, rief Salma dazwischen. »Gratuliere! Möge euch der Nachzügler Glück bringen! Wir hatten noch gar nicht davon gehört.«
»Es war erst gestern.« Sarifa lehnte sich noch weiter über die Matratze und näherte sich Mayya. »Die Schlange hat ein Mädchen geworfen für Sandschar. Deshalb hatten wir zu Hause so viel zu tun.«
Salma beugte sich in gleichem Abstand zu Mayya hinüber.
»Und heute?«, keifte sie. »Wo warst du heute früh? Du konntest wohl nicht pünktlich zum Morgengebet erscheinen, um die Tochter deines Herrn zu begrüßen? Nun, das Sprichwort sagt ja: ›Alle Füße laufen schnell dorthin, wo das Herz es will. Aber wohin es nicht mag, ist’s für die Füße eine Plag‹!«
»Nicht doch, meine Liebe«, gab Sarifa zurück, rekelte sich und zog die Augenbrauen kraus. »Aber du kennst ja meinen geliebten alten Holzkopf und weißt, dass er nichts isst außer Sarifas selbst gebackenem Brot. Das Sprichwort sagt: Wer dich liebt, den liebe wieder, und wer dich hasst, den hasse wieder, und wer dich nicht mehr sehen mag, den lasse lieber. Wie ich sehe«, setzte sie schnippisch hinzu, »ist noch gar kein Besuch gekommen, dem wir Kaffee einschenken müssten. Gib mir das Mädchen«, wandte sie sich an Mayya, »ich will ihm ein paar gute Wünsche mit auf den Weg geben.«
»Das Mädchen will jetzt gestillt werden«, giftete Salma.
Sarifa lächelte und zuckte leicht mit den Schultern, als wollte sie tanzen.
»Fisch ist gut«, bemerkte sie dazu, »Fisch treibt die Milch.«
»Aber Fisch ist nicht gut während des Wochenbetts, Sarruf«, widersprach Salma.
Jetzt brach Sarifa in lautes Gelächter aus.
»Das Sprichwort sagt«, lachte sie, »gib dem Kranken das, worauf er Appetit hat, und überlasse die Genesung dem lieben Gott. Aber warum soll sie auch Fisch essen«, fügte sie hinzu, »wo ihr doch mein kleiner Liebling Abdallah schon vierzig Hühnchen gebracht hat? Sogar die Schlange, die bei Sandschar wohnt, hat von ihm ein lebendes Huhn bekommen, weil er seinen lieben Frieden haben wollte. Und Honig und Butterschmalz dazu. Danach hat sie sich von mir gar nichts mehr kochen lassen. Ja ja, das Sprichwort sagt: Wenn der Esel satt ist, fängt er an zu treten. Sie hat wohl vergessen, dass sie nicht einmal eine Dischdascha zum Anziehen hatte, bevor mein Sohn sie geheiratet hat! Ach, du Armer, mein Junge, mein lieber Sandschar! Diese Schlange ist dein Verderben.«
»Komm hoch, Mayya«, kommandierte Salma mürrisch. »Setze dich hin und gib deiner Tochter zu trinken!«
»Die Giftschlange, die bei meinem Jungen haust, stillt im Liegen!«, keifte Sarifa, während Mayya sich umständlich aufsetzte. »Sie weigert sich, aufrecht zu sitzen! Rascha hat sie das Mädchen genannt. Und mein armer Junge hat nichts dazu gesagt! Was soll er auch sagen? Die Schlange beißt ihn, wenn er nur den Mund aufmacht! Statt dass sie sie Habiba nennen oder Maryam oder Fatima, geben sie ihr einen dieser neumodischen Namen: Mervet, Rabab, Nabab, Schakab, Dadab und wie sie alle heißen. Da soll einer dem Teufel die Augen ausreißen! Herrgott, was für eine verrückte Welt! Und du, Mayya«, flötete sie, »welchen Namen hast du für deine Tochter ausgewählt?«
»London«, sagte Mayya, ohne ihre Augen vom Gesicht des Säuglings abzuwenden.
Sarifa verstummte schlagartig. Den Blick auf den Boden geheftet, wuchtete sie ihren massigen Leib in die Höhe und sagte: »Ich stehe jetzt besser auf und koche dir etwas zum Mittagessen.«
*
Salma ließ einen erleichterten Seufzer vernehmen, als Sarifa sich erhob und in Richtung Küche marschierte. Einen Augenblick lang hatte sie das Gefühl, die blaue Ölfarbe, mit der das Zimmer getüncht war, sei etwas zu dunkel. Trotzdem zog sie es vor, ihre Tochter das Wochenbett dort aufschlagen zu lassen, denn das Zimmer war angenehm warm, und es war ausgeschmückt mit Wandnischen voller teurer chinesischer Porzellanvasen. Außerdem stand dort der Mandus, die große Hochzeitstruhe mit den Messingbeschlägen, die sie gerade erst frisch hatte streichen und vergolden lassen. Die Kissen und Sitzpolster waren mit indischem Seidenbrokat bezogen und trugen überall Stickereien. Alles in Salmas Haushalt musste verziert und geschmückt sein, darauf achtete Salma mit großer Sorgfalt.
Alles außer ihr selbst.
*
Dann kam der erste Gast. Die Frau des Muezzins erschien im Hof, und Salma sprang eilfertig auf, um sie an der Tür der Vorhalle zu begrüßen.
»Ein Wunder ist geschehen!« Sarifa trat aus der Küche, die sich an der Ostseite des Hofes befand. »Salmas Füße sind plötzlich gesund geworden, und sie kann wieder aufstehen! Das Sprichwort sagt«, hob sie ihre Stimme und rief nun deutlich vernehmbar über den Hof, wo Salma und die Frau des Muezzins noch warme Händedrücke tauschten: »Man mag, wen man mag, kommt er bei Nacht oder bei Tag. Und man hasst, wen man hasst, selbst wenn er bei der Ernte mit anfasst!«
*
Salma und die Frau des Muezzins ließen sich neben der schweigenden Mayya auf dem Fußboden nieder. Die Frau des Muezzins war vor langer Zeit aus Samail hergezogen. Ihren eigentlichen Namen kannte niemand mehr, seit alle sie nur die »Muezzinsgemahlin« nannten.
Die beiden Frauen waren schon in ein weitschweifiges Gespräch vertieft, als Asma sich zu ihnen gesellte.
»Hör mal, Mama«, unterbrach sie sie. »Du musst diesen Brei für Mayya anmischen, den der Autor des Buchs Fakihat Ibn as-Sabil beschreibt. Die Mischung besteht aus …«
»Ich brauche keine medizinischen Ratgeber«, fiel Salma ihr lachend ins Wort. »Mir müssen keine Quacksalber und selbst ernannten Doktoren beibringen, was ich für meine Tochter anzumischen habe. Ich habe fünf Kinder großgezogen, ohne dass mir irgendjemand etwas beigebracht hätte. Dir werden noch die Augen herausfallen von all diesen schlauen Büchern! Wir kochen uns lieber einen Kaffee.«
»Komm mit, Mayya«, forderte Asma ihre Schwester auf. »Die moderne Medizin hat bestätigt, dass Datteln gut für das Wochenbett sind, wie es schon im Koran steht. Immerhin hat die Heilige Jungfrau Maria höchstpersönlich am Palmenstamm gerüttelt, damit die Palme rutaban, also frische, reife Datteln, zu ihr herunterfallen ließ.«
Um die Frau des Muezzins zu beeindrucken, artikulierte Asma das Wort rutaban so korrekt, als stamme es aus einer arabischen Grammatik. Doch ihre Mutter zog sie an der Hand zurück.
»Lass Mayya in Ruhe«, bestimmte sie. »Sie wird allein essen.«
»Aber warum denn?«, fragte Asma zurück.
»Weil sie unrein ist«, flüsterte die Frau des Muezzins ihr zu. »Sie darf nicht mit den anderen Leuten essen.«
Asma fühlte Wut in sich aufsteigen. Sie war sich sicher, dass es ein überliefertes Zitat gab, sogar ein direktes Prophetenwort, in dem unmissverständlich klargestellt wurde, dass eine Frau in jeder Lebenslage ihren Mitmenschen beim Essen Gesellschaft leisten durfte. Doch in Anwesenheit der Muezzinsgemahlin wagte sie nichts über religiöse Vorschriften zu sagen.
*
Sarifa kam und schenkte den Kaffee ein. Sie war die einzige Sklavin, die am selben Tisch und aus derselben Schüssel essen durfte wie ihre Herrschaften. Dieses Privileg hatte sie sich selbst verliehen, und niemand hatte Einspruch eingelegt.
Sarifa schob sich einen Happen Halwa nach dem anderen in den Mund und leckte das heraustriefende Öl mit offensichtlichem Genuss von ihren Fingern.
»Schway, schway«, raunte die Frau des Muezzins ihr zu. »Immer langsam, Sarifa. Du musst auf dich aufpassen. Denk an deinen Zucker! Du bist schon jetzt, wie soll ich sagen, nicht gerade mager.«
»Mein Zucker?« Sarifa lachte schallend. »Warum soll ich Angst vor Zucker haben? Der Tod kommt sowieso, ob mit Zucker oder ohne. Also wozu sollen wir uns quälen? Mein Körper ist genau richtig, Maschallah! Möge das Auge des Neiders erblinden! Ich höre nicht auf das Geschwätz der Doktoren. Diabetes hin, Diabetes her, das Sprichwort sagt: Das Alter zehrt vom Fleisch der Jugend.«
Sie goss sich eine neue Tasse Kaffee ein, den sie gemächlich schlürfte, während sie mit ihren dicken Fingern auf den Rand der Kaffeetasse trommelte.
»Astaghfirullah!«, gab die Frau des Muezzins mit einem süffisanten Lächeln zurück. »Gott bewahre! Das Alter zehrt vom Fleisch der Jugend? Was für ein Alter soll denn jetzt noch kommen, Sarifa? Astaghfirullah, was hegen die Menschen doch für unvernünftige Hoffnungen! Du bist doch mindestens schon in den Fünfzigern!«
»Und was ist falsch an den Fünfzigern, meine Liebe?« Sarifa schüttelte kokett ihre Schultern. »Fünfzig ist der Gipfel der Jugend! Mein Sohn hat gerade sein erstes Kind bekommen! Ich bin nicht schon Großmutter geworden, bevor ich vierzig war, wie manche anderen!«
Salma tat so, als hätte sie den Seitenhieb überhört und wäre vollauf mit dem Essen von Orangenschnitzen beschäftigt. Es störte sie nicht, dass sie schon mit Anfang vierzig Großmutter geworden war, und sie machte keinen Hehl aus ihrer Gleichgültigkeit gegen Sarifas Geläster. Aber die Frau des Muezzins kam nun erst richtig in Fahrt.
»Recht hast du, Sarifa. Du bist, weiß Gott, noch keine alte Frau. Aber deinen Sohn hast du zu jung verheiratet!«
Sarifa richtete sich kerzengerade auf, schluckte ihr Halwastück herunter und blickte der Frau des Muezzins direkt in die Augen.
»Das war nur aus Mitleid«, verteidigte sie sich. »Ich konnte ja nicht wissen, dass sie eine solche Schlange ist! Ihr Vater war gestorben, und mit Toten muss man Mitleid haben. Ihre Mutter, die Arme, hatte den Verstand verloren. Ich habe mir gesagt: Das Töchterchen ist doch mit uns verwandt! Du weißt schon, die Familienbande. Wir konnten sie nicht im Stich lassen. Und ich frage dich«, fuhr sie fort, »ist es besser, wenn ich Sandschar eine Frau suche, oder ist es besser, ihn in Ruhe zu lassen, damit ihn dann die Männer besteigen?«
»Um Gottes willen!« Die Muezzinsgemahlin schüttelte den Kopf, und Salma warf Sarifa einen strengen Blick zu. »Was benutzt du für Worte!«
*
Von draußen waren immer mehr Stimmen zu vernehmen. Eine ganze Gruppe von Frauen stand im Hof und wartete auf Einlass. Salma gab Asma einen Wink, worauf sich Asma widerwillig und mit demonstrativer Schwerfälligkeit erhob. Sie war ganz und gar nicht überzeugt davon, dass es ihr als unverheiratetem Mädchen nicht erlaubt sein sollte, im Kreise der verheirateten Frauen zu sitzen und an ihren Gesprächen teilzunehmen, besonders, weil die sogenannte Lebenserfahrung, die man durch diese Regel von ihr fernzuhalten trachtete, ihr durch das Bücherwissen inzwischen längst zugänglich war.
Ach, die Bücher!
Asma rief sich jenes überwältigende Glücksgefühl in Erinnerung und eilte an ihr Regal, um zu lesen.
Am liebsten sitze ich im Flugzeug auf einem Fensterplatz und schaue hinaus. Ich beobachte, wie draußen die Städte kleiner und kleiner werden, bis sie ganz verschwunden sind.
»Du fliegst aber oft weg, Papa«, sagte London.
In der Fremde und in der Liebe lernen wir uns selbst am besten kennen. Aber das habe ich London nicht gesagt. London kennt die Fremde kaum. Aber die Liebe kennt sie, so viel ist sicher. Ihre Standhaftigkeit unter der Knute ihrer Mutter faszinierte und schmerzte mich zugleich. Am Ende war ich es, der die Knute zerbrach und ihr erlaubte, ihn zu heiraten.
»Was weißt du schon von der Liebe?«, hielt London ihrer Mutter vor. »Seit du das Licht der Welt erblickt hast, hast du keinen anderen Mann zu Gesicht bekommen als meinen Vater! Wie alt warst du denn, als sie dich mit ihm verheiratet haben?«
Sie glaubte, ich wäre draußen, als sie das sagte. Aber ich war im Zimmer und hörte alles mit.
Und Mayya? Mayya begann zu lachen. Sie lachte mit einer Härte, vor der man Angst bekommen musste. Eine Antwort gab sie ihr nicht. Sie sagte auch nicht zu London, dass sie mich liebte. Das hat sie überhaupt noch nie gesagt.
Mein Vater liegt im Sterben. Ich habe das Gefühl, zu ersticken. Die Schläuche, an die sein Körper angeschlossen ist, ziehen mir den Lebenssaft aus den Adern.
Er stammelte unverständliche Laute, und ich saß weinend an seinem Bett, bis der Morgen graute. Muhammad war damals erst ein Jahr alt, und ich dachte an ihn, während ich am Sterbebett meines Vaters saß.
London schrie laut auf, als sie hörte, dass mein Vater gestorben war. Mayya schimpfte mit ihr. Das Geschrei tut dem Toten weh, behauptete sie. Einige Jahre zuvor hatte Mayya mit mir geschimpft:
»Findest du nicht, dass du ein wenig übertreibst mit dem Respekt vor deinem Vater?«
Ich hatte ihr deswegen Vorwürfe gemacht.
»Mein Einsatz hier ist ein Dienst an der arabischen Nation«, sagte Ustadh Mamduh.
»Ich will einen BMW«, sagte London. »Ein Auto, das meiner würdig ist als Ärztin und als Tochter des Händlers Suleiman!«
Warum bloß stellte sie sich als Tochter ihres Großvaters dar?
»Ich will die neue Playstation«, sagte Salim.
