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"Martin Kessel erzählt die Geschichte Max Brechers, der in einem Berliner Medienkonzern arbeitet, in einem langsamen, unwiderruflichen Prozeß an den Rand gedrängt wird und schließlich sein Fiasko erlebt.Er lebt wie alle anderen im Büro, er trägt "weiße Gamaschen und die Hosen tipp-topp gebügelt", verfertigt Parolen und Prospekte in der Werbeabteilung der UVAG, der "Universalen Vermittlungs-Actien-Gesellschaft".Das Büro ist das Zentrum des Romans, in dem ein bemerkenswertes Personal aufeinandertrifft. Alle erkennen wir wieder: es sind typische Gestalten unsererBürowelt, der "sitzenden Lebensweise", Angestellte in der Normalität der Arbeitswelt, in der Anonymität des Großstadtlebens."Herrn Brechers Fiasko" ist die Wiederentdeckung eines der bedeutendsten Großstadtromane der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Der außerordentliche Rang des Romans wurde bereits im Jahr seiner ersten Veröffentlichung (1932) erkannt, die Machtübernahme der Nationalsozialisten verhinderte jedoch die breitere Wirkung des Buches."
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Seitenzahl: 803
Veröffentlichungsjahr: 2015
Inhalt
[Cover]
Titel
ERSTES BUCH: ABTEILUNG PROPAGANDA
In der Friedrichstadt
Der Eintritt ins Büro
Eine Sekretärin entpuppt sich
Andere Gesetze?
Eine tödliche Chance
Aufriß einer nackten Existenz (Monolog)
Intensive Arbeitsweise
Einerseits – Andererseits
Das Tagebuch der Gudula Öften
Der Weg nach Hause
ZWEITES BUCH: PRIVATE SPÄSSE
Die heimliche Schande
Die drei Schilhaneks
Dahlmannstraße, Gartenhaus links
Briefe, die der Frühling schreibt
Weibergeschichten
Nationale Sonntagsbetrachtung (Monolog)
Zwei Frauen von Geist
Ein Beschluß wird gefaßt
Das Märchen vom Punkt
Aus Musikalien werden Zigarren
DRITTES BUCH: EIN GESPENST GEHT UM
Variationen über den Schatten
Die Rückkehr ins Büro
Gerüchte und Recherchen
Die Bombe
Auf die Straße gesetzt
Angstprodukte gefällig? (Monolog)
Im Namen der Hinterbliebenen
Dialektik und Menschlichkeit
Das Tagebuch der Gudula Öften
Wenn und Hätte
Martin Kessel – Mein erster Roman
Autorenporträt
Über das Buch
Impressum
ERSTES BUCH
ABTEILUNG PROPAGANDA
In der Friedrichstadt
I
Täglich, zumal bei Büroschluß, läuft ein Zittern durchs Zentrum, durch die Fundamente Berlins, als wäre nun wieder etwas Unvorhergesehenes im Gang.
Alles ist unterwegs. Wer sich frühmorgens pünktlich im Gebäude seiner Firma eingefunden hat, wird nun wieder – nach einem funktionellen Verdauungsprozeß, der den Menschen zur bloßen Arbeitskraft degradiert und deren Bestes sich zunutze gemacht hat – auf die Straße gesetzt und seinem Privatschicksal überlassen. Die eine Organisation entläßt, die andere empfängt, aus der Arbeitskraft wird ein Fahrgast oder ein Fußgänger. Diesen wiederum öffnen sich Kinos und Restaurants, und jedes Stadium fordert seinen Tribut.
Spießt eine Stange irgendwo in die Luft, auch Haltestelle genannt, ist ein Loch irgendwo zur U-Bahn hinunter oder ein Podium, auch Bahnsteig genannt, gleich findet daselbst eine Kristallisation statt. Leute sammeln sich an, Passanten der verschiedensten Gattung, die’s eilig haben, aber mit einer Ernsthaftigkeit auf den Gesichtern, als wären es letzte Vereinsmitglieder ums Banner. Ein Dunst steigt auf, ein Geruch wie aus der Manege, und über all die fixen Ideen und wahrzunehmenden Interessen hin spielt der diffuse Widerschein des Lichtes, lautlos, als einzig zärtliches, Träume spinnendes Element.
Tag für Tag, in einer Art Schlafwandel der Gewohnheit, erneuert sich das, ein schweigsames von Hand-zu-Hand-Gehen, und in mehreren Schichten sind die besten Köpfe dabei, auch fürs Unvorhergesehene die einwandfrei besten organisatorischen Formeln zu finden. Ist nicht alles durch Zeichen geregelt, durch Signale, Paragraphen und Übereinkünfte, durch eine Sprache, deren Geometrie in nahezu atavistischer Weise tabu ist, und hat sich nicht im Laufe des Funktionierens etwas herausgebildet, das Beachtung verdient, eine Art gläubige Sorglosigkeit, ein Lakonismus vor der höheren abstrakten Ordnung? Denn was wäre, käme heut einer und stocherte mit dem Spazierstock in diesem Ameisenhaufen herum – Beispiele, die aus der Geschichte bekannt sind –, oder es leistete sich jemand den Scherz, dem ersten besten, gleichgültig wem, wie man als Kind es den Käfern zuleide getrieben hat, einen Strohhalm quer vor die Füße zu legen? Hin und her würde er laufen, womöglich mit Selbstmordgedanken, und in höchster Not kämen aus allen Vierteln Gleichbetroffene und Gleichgesinnte hinzu, und schließlich würden sie einen Saal erstürmen, um sich dort zu organisieren – und dies alles wegen eines Strohhalms.
Der Reisende freilich, der vom Bahnhof aus die Eingeweide Berlins betritt, um hier, gewisser Erlebnisse willen, unterzutauchen, ahnt im zehnten Fall nicht, wohin er geführt wird, auch tappt er blindlings über alle Risse und Strohhalme hinweg. Er hat sich mehr für die Gesamtansicht entschieden, für Aspekte und Panoramen, und so schwärmt er zunächst für Sehenswürdigkeiten, kaum verwundert, daß auf manch einer Säule ein Engel schwebt, der die ganze Gattung verballhornt. Einen Reisenden kümmert das wenig. Solang die Örtlichkeit, wo er sich befindet, genau der in seinem Führer bezeichneten entspricht, tippt er den Finger darauf und ist zufriedengestellt. Vielleicht, da das Nachkontrollieren von Sehenswürdigkeiten anstrengt, gähnt er einmal, es nachlässig mit dem Handrücken verdeckend, und das nächste Mal gähnt er dann wieder. Hi, es kennt mich ja niemand, denkt er. Aber dieser entspannende Gedanke hat ihn unvorsichtig gemacht, und so kommt es, daß er vor der dritten gähnenden Sehenswürdigkeit peinlich hereinfällt. Er ist beobachtet worden. Ein Lausejunge hat ihn beobachtet und macht sofort einen Witz, schlagfertig genug, so daß der Reisende sich gezwungen sieht, den Mund auf ewig zu schließen. »Zustände sind das«, murmelt er betroffen, ehe er sich, in Ermangelung eines Besseren, der nächsten – hoffentlich einer erotischen! – Sehenswürdigkeit in die Arme wirft.
Von Reisenden also ist nichts zu befürchten, und es zeigt sich, daß, wie jedermann zugeben wird, schärfere und kältere Maßnahmen erforderlich sind, um das Leben dieser Stadt in die Gewalt zu bekommen, wie ihr selbst es gelang mit den Menschen.
Alles ist unterwegs. Es ist der Fluchtcharakter Berlins, das sich zwar behördlicherseits ein Zentrum geleistet hat, von welch letzterem aber niemand behaupten könnte, dies sei der Mittelpunkt. Es scheint vielmehr, als halte sich ein Koordinatensystem von Linien in dauernder Spannung, mit einigen darunter, die in leibhaftiger Projektion ausbrechen aus dem Spannungsgefüge, Ausfallstraßen, so breit, daß die Sonne auf ihnen sich langweilt. Andernteils: da sind die Linden. Als eine Achse durchqueren sie das Ganze, aber nach einigen hundert Metern haben sie bereits den Namen gewechselt; plötzlich sind sie eine Chaussee. Oder da ist, einige Querstraßen südlicher, die Leipziger Straße, gewiß eine mehr geschäftlich nivellierte Achse, nicht so repräsentativ, und es ist zu begreifen, warum sie hinläuft, als hätte sie mit der anderen nicht das geringste zu tun – aber auch sie wechselt nach ein paar hundert Metern den Namen. Draußen vielleicht, am Wannsee oder in Marzahn, begegnen sich beide, jedoch ihr Gedächtnis verläßt sie, und sie erkennen sich nicht. Es ist, als suchte man eine Sympathie zwischen zwei Parallelen, von denen die Mathematik behauptet, daß sie sich im Unendlichen schneiden, während die Praxis behauptet: sie schneiden sich, wie zwei verfeindete Familien sich schneiden! – Ab und zu bemühen sich zwar die Plätze, in dankenswerter Weise einen neutralen Ausgleich zu schaffen, ein Behälter zu sein für den Fluchtcharakter, für die graue Gleichgültigkeitserklärung der Straßen – jedoch auf wie lang? Unverrückbar bekundet leider Berlins topographischer Grundriß das traurige Bild einer gegenseitigen Halsabschneiderei.
Sichtbarer freilich als diese Interna des Bewußtseins wachsen die Gebäude herauf, einem spekulativem Geheiß zufolge, in ihrer, wie ein aus kalifornischen Ländern mit Erfolg zurückgekehrter Filmschauspieler es nannte, »deklarierten Unschönheit«. Da es ihnen zur Häßlichkeit an Charakter fehlt, sind sie wahrscheinlich deklariert unschön. Oft bröckelt es in den Fassaden, von der Rückwand der Höfe zu schweigen; dann sind als einzige Hinterlassenschaft graugelbe Flecken zu sehen, Flecken des Harms, rasch mit einem Firmenschild zugedeckt; und wird ein Mietbewohner nach dem Hauswirt gefragt, so schüttelt der Gefragte meistens den Kopf, ratlos, und verweist auf den Verwalter. Denn der sagenhafte Besitzer ist unterwegs, auch er ist meist unterwegs. Zur Bekräftigung dessen saust die funktionierende Vertikale des Fahrstuhls in ihrem Drahtkäfig auf und nieder, die innere abgegriffene Höhe dieser Häuser durchmessend, während die einzelnen, bald dieser, bald jener Sache dienstbaren Räume durchlöchert sind von der harten Geschwätzigkeit der Diktate, dem Grillengewisper der Schreibmaschine, falls es nicht der Totenwurm ist.
Wie es so aushält, dieses Gemäuer, in all seiner Abnutzung immer noch aushält, in einer bis ins Schmutzige reichenden Geduld, wie es dann in den Fassaden zu perlen und künstlich zu fließen beginnt, die Rettung im Glanz der Propaganda suchend, in der Neuheit der Stunde, die auch die verlebtesten Dinge heimisch sein läßt durch eine milde, gern trügerische Beleuchtung, wie dann plötzlich alles, unbekümmert um Herkunft und Adel, in vollendeter Abendtoilette dasteht, bereit zur Premiere, ein Produkt dieser Stadt, und wie das Leben so leicht zu werden scheint unterm Schmuck seiner Lichter, bis inmitten des Ruins das Märchen beginnt, und wie sich dann ein Zittern durchs Zentrum stiehlt, durch die Fundamente auch der Existenz, als wäre nun wieder etwas Unvorhergesehenes im Gang … »Keinen Schritt weiter!« sagt ein Plakat in der Friedrichstraße, als nehme es Bezug darauf. »Was wird hier in Kürze eröffnet?«
II
Unter den besten Auspizien, die Arbeit hinter sich und eine Schlangenlinie von Vergnügen vor Augen, erschienen im Portal eines großen Bürohauses zwei junge Herren, einer so groß wie der andere, gleichaltrig beide. Es wäre ihnen am liebsten gewesen, man hätte sie für Gentleman-Einbrecher gehalten, aber da sie nur zwei ganz gewöhnliche Angestellte waren, Propagandisten, gaben sie sich auch damit zufrieden. Außerdem hatte der eine von beiden einen Titel, den Doktor, und er verfehlte auch nicht, sich stets so zu nennen: Doktor Geist – nicht allein, weil jeder Friseur jeden besseren Herrn einen Doktor nennt, sondern aus Gründen der Übereinkunft, aus Praxis, entsprechend manch intelligenten Leuten, deren eigentliche Versicherungsgesellschaft die Skepsis ist. Nun, Skeptiker glaubte Doktor Geist gleichfalls zu sein, daneben indessen hatte er eine große Schwäche fürs Unerreichbare, für Eleganz der Kleidung wie der Sprache, und daher legte er auch beim Betreten der Straße größeren Wert auf seine Haltung als sein Kollege: Max Brecher.
Genau mit der Minute, nicht eher, nicht später, hatten sie droben in der Abteilung Propaganda ihre Arbeit niedergelegt, um gemeinsam, nicht ohne sportliche Rivalität, die Stufen des hohen Treppenhauses hinunterzuspurten, unten am Portier Baumann vorbei und hinaus, wo sie dann keuchend festzustellen beliebten, daß das Ergebnis zwischen ihnen noch immer wie sonst lautete: eins zu eins. Keiner von beiden hatte einen Vorteil erreicht; sie verdienten nicht üppig, sie gehörten zur soziologischen Kategorie derer, von denen das Sprichwort sagt: zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel – wobei allerdings unter Leben ein etwas luxuriöseres Gefilde verstanden sein will, denn einfach zu leben hatten sie. Unten auf der Straße wiederholte sich dann das sonst kaum beachtete Schauspiel, daß sich zwei mittelmäßig bezahlte Arbeitskräfte in Herren verwandelten, die davonspazierten – was kostet die Welt!
Aus Gesprächen war zu entnehmen, daß sich die beiden seit ihrer Jugend kannten, daß sie Schulkameraden gewesen waren – in diesem fatalen Provinznest! – daß sie gemeinsam hier in der Reichshauptstadt ihren Studien obgelegen, und, in einem seltenen Dusel, beide im gleichen Unternehmen eine Stellung gefunden hatten, nur mit dem Unterschied, daß der eine, angeblich seinen Leuten zu Hause zulieb, weniger für sich, sein Examen gemacht, während der andere, Brecher, großzügig, obwohl nicht ganz freiwillig, darauf verzichtet hatte. Da nun die letzte aller staatlich betreuten Bildungsanstalten durchlaufen war, bereitete es ihnen eine um so größere Genugtuung, dem Schein ihrer neuen zugefallenen Freiheit zu Leibe zu gehen.
»Was hab ich im Leben nicht alles gelernt!« rief Brecher.
»Und wieder vergessen«, fügte sein Kollege hinzu.
»Schon als Junge habe ich Dinger konstruiert von so komplizierter Gleichung, daß die Geometrie sich gezwungen sah, sie Sphäroide zu taufen. Ich klagte Rom auf lateinisch an, ich schwang das Schwert Taillefers auf englisch. Von einer Universalität war ich – zweimal wöchentlich im Innern Afrikas oder Asiens, dann in einer Stunde zurück nach Paris, von dort jagte ich dann der chemischen Formel H2O nach, und ein Deutsch legte ich hin: den Lehrern standen die Haare zu Berge.«
»Philosophie ist Streben nach letzter Klarheit«, sagte Doktor Geist und parodierte einen Professor. »Inzwischen sind wir ins Leben getreten.«
»Mit dem linken Fuß soll man hineintreten«, rief Brecher, »aber ich glaube, man hat uns ins Leben getreten. Man hat uns einen pädagogischen Tritt versetzt; man hat uns durch eine Windmaschine aus dem Hörsaal vertrieben. Den Wind um die Nase wehen lassen, verstehst du? Ich sag ja: so geht’s mit dem Menschen. Immer zuerst mit dem Kopf auf die Welt. Schon allein durch den Vorgang seiner Geburt ist der Mensch prädestiniert, die Dinge von unten her zu betrachten.«
»Und mit Zangen mißhandelt zu werden«, fügte Brechers Kollege wieder hinzu.
Sie hatten inzwischen ihren Weg in Angriff genommen, der sie vom Gebäude der Firma hinwegführte, der Friedrichstraße zu. Ein hingepflanzter Koloß, ragte es hinter den beiden auf, durch seine Tore eine Menge Kollegen und Kolleginnen entlassend, die gleicherweise einzeln oder zu zweit vor ihrer Arbeitsstätte zu flüchten schienen, heimwärts, vielleicht auch zu einem Stelldichein.
Übrigens ist nicht gesagt, daß die beiden Herren, Brecher und Doktor Geist, Freunde gewesen wären; sie kannten einander lediglich um einige Jahre länger als ihre übrigen Kollegen, auch gab es keine nennenswerten Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen. Den Hauptanteil ihrer Gespräche hatte Brecher zu bestreiten, als der impulsivere, während Doktor Geist für gewöhnlich Stichworte, Nebenbemerkungen und Kadenzen auszuteilen liebte. Brecher war es auch, der all ihre wunden Punkte aufspürte, und es konnte ein seltsamer Genuß sein, mitanzusehen, wie er sie präparierte.
»Geld«, sagte er beispielsweise, »hat man keines oder zu wenig. Hat man keines, wächst es zu einer Vision auf; hat man welches, dann zu wenig. Unser Fehler ist es eben, daß wir zwei noch immer für unser Geld arbeiten, statt unser Geld für uns arbeiten zu lassen.«
Aus dem Mund eines jungen unternehmungslustigen Herrn klang das großartig. Es steckte Erkenntnis darin und Strategie. Um so merkwürdiger war es, daß Doktor Geist dazu ungläubig lächelte. Sie seien ja erst ein Jahr im Betrieb.
Aber Brecher erklärte:
»Mit sechsundzwanzig – sag, was du willst – fängt das Jahr an, langsamer zu gehen, aber schneller vorüber zu sein. Auch die Ergebnisse werden seltener. Es geschieht nichts mehr, außer daß du am Ende eines jeden dein Geld einstreichst und froh dabei sein mußt, zum nächsten wieder herbestellt zu sein. Schatz, mach Kasse! – Was tut nur ein Mensch, der eines Tages kein Geld hat?«
»Er verschafft sich welches, sehr einfach.«
Brecher überhörte den Einwurf.
»Es liegt noch arg im Primitiven«, fuhr er fort, »die einen haben’s, die andern nicht. Für meinen Geschmack herrscht auch zuviel Verschämtheit in allen Geldfragen. So sehr es auch verehrt und angebetet wird, es klebt noch zuviel verheimlichter Schmutz daran. Eine Phrase etwa: ›soll ich Sie für Ihre Liebe bezahlen?‹ – steht noch immer sehr hoch im Kurs, während die natürliche Antwort doch einfach lautet: bitte!«
»Sack würde sagen, es liegt auf der Straße.«
»Ja, er liebt die Gemeinplätze«, erwiderte Brecher. Er schwieg eine Weile, keine besondere Hochachtung vor seinem Chef verratend. »Weißt du«, sagte er dann, um abzuspringen von diesem anscheinend mißliebigenThema, »manchmal wundert es mich. Momentan verschiebt sich soviel und die persönliche Schiebungnahme ist so ungemein lukrativ, daß es mich wundert, unsere Firma frühmorgens noch immer dort vorzufinden, wohin sie gehört.«
»Du meinst, sie könnten auch mal ein ganzes Gebäude verschieben?«
»So ungefähr. Denn die Nacht liegt dazwischen, mein Lieber. Und die Nacht ist dunkel. Denk bloß an das Wort: dunkle Machenschaften! Nein, es ist nicht so einfach, am nächsten Morgen wieder an derselben Stelle zu sein. Alles hier in Berlin hat seinen Hintermann. Kommt einer mit Kapitalien daher und geht bankrott, sind’s nicht die seinen. Wird einer erwischt, war’s der andere – der Hintermann. Deshalb hat auch hier ein jedes Gesicht eine so verflixte Transparenz.«
»Hübsche Beine, das Luder«, sagte Doktor Geist. Er hörte nämlich nur halb hin.
Brecher hingegen schien die Erwähnung ihres Bürochefs einigermaßen zu schaffen zu machen, und während er schwieg, setzte er sich in Gedanken mit ihm auseinander.
In dieser Verfassung, dieser Sucht, alles in Frage zu stellen, spazierten sie die Friedrichstraße entlang, äußerlich lebhaft, doch ihrer Gangart kaum achtend, sondern den Blick, gleichgültig oder taxierend, aufs Entgegenkommende richtend, mit der geheimen Tendenz, der städtischen Welt ringsum gewachsen und ebenbürtig zu sein. Doktor Geist besonders legte Wert darauf, die Weiblichkeit nicht außer Auge zu lassen, und er scheute auch nicht vor einer gewissen Freizügigkeit zurück, in der Einbildung, ein flanierender Don Juan zu sein. Trotzdem waren sich beide, der eine praktisch naiv, der andere, Brecher, mehr theoretisch, über nichts so klar wie darüber, daß ihr Ansehen, das sie einst als Schüler genossen hatten, hier inmitten der mannigfachen Anonymität durch einige Millionen dividiert worden ist.
»Sack«, begann Brecher plötzlich, »Sack hat gut reden. Neulich riet er mir: ›verlassen Sie sich nicht allzu ausschließlich auf ein Talent! Jedes Talent ist eine Gefahr.‹ Das sind seine Worte. Dann hat er natürlich Leute gekannt, die mit weniger weit mehr erreicht hätten. ›Es ist nicht nur eine, es birgt auch eine Gefahr in sich‹, sag ich. ›Gewiß, gewiß‹, erwidert er, happig und fix. Ich glaube, den zerreißt es noch mal. Er ist nicht älter als wir, und schon diese Bombenstellung, Propagandachef.«
»Beneidest du ihn?« fragte Doktor Geist. Er tat es nicht ohne Vorsicht.
»Seh ich so aus? Aber was ich an ihm beneide, ist dies: Schwierigkeiten nicht sehen wollen, die ihn nichts angehen. Der Junge schifft mit einer Geschicklichkeit um die Klippen der Praxis, scharwenzelt und laviert – ich könnte das nicht.«
»Ich auch nicht«, versetzte Doktor Geist, wofür er von seinem Kollegen mit einem Seitenblick beehrt wurde, gleichfalls nicht ohne Vorsicht.
»Neulich hatte ich eine Diskussion über den richtigen Posten«, sagte Brecher. »Das hättest du hören sollen. Ich glaube, er will klug reden und kann nicht, und deshalb spielt er sich nur so auf. ›Wenn nun jemand für einen bestimmten Posten begabt ist?‹ frag ich. ›Für welchen?‹ fragt er sofort, als müßte er ihn verteidigen. Immer verteidigt er sich! ›Standen Sie schon auf dem richtigen?‹ fragt er. Ich zucke die Achseln. ›Dann hatten Sie Glück‹, meint er. ›Bezahlt macht sich nur ein Posten, der falsch ist. Die Einarbeitung, das ist die Hauptsache.‹ Und das soll ich nun glauben! Das ist doch nur ein mißglücktes Aperçu. Coty jedenfalls, dieser Filou, fährt mit dem richtigen Posten Motorrad, und wir sitzen mit dem falschen auf der Galerie des Verkehrs.«
»So falsch ist er ja gar nicht«, meinte Doktor Geist. »Wir machen Propaganda.«
»Aber wofür? Überleg bloß: wofür?«
Zeitlebens hatten sie so gefragt. Es war nicht besser geworden von Etappe zu Etappe, und was einst schwierig schien, war, wie sie glaubten, entlarvt, es war überwunden oder als überflüssig erklärt, ohne daß sie jenes mit Angst, Neugier und Ergebenheit gemischte Gefühl des Zauderns losgeworden wären in Anbetracht der Strecke, die vor ihnen lag. Es gab keine rechten Endstationen in ihrem Leben, an denen sie sich hätten verschnaufen können, wie etwa die Schaffner mit ihrem Frühstück auf irgendeiner Sandkiste; sie blieben hungrig, und immer nährten sie sich, wie es schien, von der erkenntnismäßigen Auswertung ihrer Erlebnisse, Erlebnisse hinwiederum, die selten einschneidend waren und die zusammenschrumpften zu einem abgestandenen Rest, sobald sie getätigt waren. Erlebnisse tätigen, sich Erlebnisse verschaffen, – es war ein ziemlich unbestimmbares Unterfangen, weit unbestimmbarer zumindest als der Zuschnitt ihrer Gespräche.
»Wohin jetzt?« fragte Doktor Geist, als die Leipziger Straße erreicht war.
Aber Brecher, mit nachdrücklich sanfter, beredter Armbewegung, drängte seinen Kollegen nach Westen, in Richtung Potsdamer Platz, wo der Himmel schon Anstalten machte, in Schönheit unterzugehen.
Sie liefen bereits wieder mechanisch, als Doktor Geists Gangwerk, anscheinend auf Grund eines zweiten, schwerwiegenden Einfalls, mitten im Trubel anhielt, um sich freilich sofort wieder in Bewegung zu setzen. Brecher, leicht zurückgewandt, erwartete eine Erklärung.
»Mensch«, sagte Doktor Geist, »morgen kommt ja die Neue.«
»Morgen noch nicht.«
»Richtig! Morgen ist Sonntag. Aber den gönn ich ihr noch.«
»Soll sie.«
Es reizte Herrn Brecher wenig. Er konnte der ganzen Gattung der Sekretärinnen nichts abgewinnen, sie waren eine Art dummes Geflügel; wenn überhaupt, so schwärmte er lieber für eine Schauspielerin. Doktor Geist indessen war angeregt, er entwikkelte plötzlich Pläne.
»Jetzt müßte man tanzen gehen«, rief er. »Einbrechen müßte man, Frauenarzt sein. Die haben jetzt einen Gang an sich, diese hochgestellten Luders, als wäre er nicht von ihrem Wuchs bestimmt, sondern von ihrer Lues. Phänomenabel.«
Sie hatten, die Leipziger Straße entlang, wie ein Liebespaar eingehakt, während die Bahnen und Autobusse, mit Menschen überfüllt, vorüberdonnerten und einen Korso darboten, dem nachzublicken ein eigenes beschwingtes Vergnügen war. Doch immer, nachdem sie ihren Eindrücken eine Zeitlang nachgefolgt waren, kamen sie wieder auf jene Neuigkeit zurück.
»Wie soll sie denn heißen?« fragte Brecher.
»Weiß ich?«
Doktor Geist, als wüßte er’s doch, blinzelte offenen Mundes zu seinem Kollegen hinüber, bis dieser sich einen Ruck gab, endgültig absprang und auf die erste Frage zurückkam. »Also, Junge, dann zeig mal, was in dir steckt!« rief er. »Also was machen wir jetzt?«
Da blickte Doktor Geist vom Pflaster auf. »Segeln«, sagte er. »Vielleicht sollten wir segeln gehen? Oder meinetwegen: in eine Sache hineinsegeln?«
»Aber in welche?«
Verdutzt standen die beiden unternehmungslustigen Kavaliere am Potsdamer Platz. Es war die bengalische Wimmertragödie ihrer Nachmittage und Abende, daß sie prompt und einfallslos in den Räumen der umliegenden Cafés zu landen pflegten. Alles Erdenkliche hatten sie tun wollen, schon in den Wochen vorher, und jedesmal pflegten sie wieder in ihre alte Gewohnheit hineinzuschliddern. Beim Blick durchs Fenster gemahnte dann auch die Firma wieder an ihr pompöses Vorhandensein; in bunten Leuchtbuchstaben, von sämtlichen Häusern herab, sagte sie zu denen, die es hören, und zu denen, die es nicht hören wollten: UVAG – UVAG, UVAG – UVAG.
III
Es sind nicht immer die glänzendsten Häuser, welche die besten Geschäfte machen. Die Uvag, dieses Wahrzeichen der Friedrichstadt, war ein alles andere als künstlerisch einwandfreies Gebäude, ja es demonstrierte förmlich, daß es weniger durch seinen Baustil als durch die in ihm getätigten Bilanzen aufrecht erhalten wurde.
Nach beiden Seiten, um ein abgerundetes Eck, schossen die Gesimse in mehreren übereinanderliegenden Reihen dahin, die Fenster standen in Parade, und unter jedem noch so spärlichen Vorbau oder Balkon wälzte sich eine symbolische Figur in aufmerksamen Verrenkungen. Die grobe Rustika des Unterbaus verjüngte und verfeinerte sich nach oben zu einer Fläche, auf der der Sand, vor Angst oder vor Alter, sobald man den Kopf hob, zu rieseln schien. Diese merkwürdige Bauart, deren Exaltationen später dadurch besänftigt worden waren, daß man sie kurzerhand amputiert hatte, war das Produkt einer überlebten Epoche. Eher durch den Lärm, durch die Phantastik des Verkehrs als durch menschliche Beihilfe schien das Gebäude mit Restbeständen aus mehreren Jahrhunderten emporgetrieben zu sein, bis hinauf zu jener Weltkugel, die auf dem Dach des Ecks von einem mythologischen Schwerathleten in die Luft gestemmt wurde, verurteilt, strahlend über den Häuptern zu schweben. Unterdessen waren zur Verdeutlichung des äußeren Neuanstriches an den gegenüberliegenden Seiten Scheinwerfer aufgestellt worden, die ein mehrfaches Licht gegen die ausgedehnte Front des Gebäudes warfen und es mit Macht in etwas Neues verwandelten. Bei dieser sich einfressenden und phosphoreszierenden Beleuchtung verging aber auch der Eindruck des Steinernen, auch das Räumliche verlor sich, so daß es aussah, als erhöbe sich nachts nach einer Radikalkur aus der Finsternis heraus eine schreckhaft blendende Kulisse.
Die Universale-Vermittlungs-Aktien-Gesellschaft, wie die Firma handelsgerichtlich zeichnete, hatte ursprünglich nichts zu tun als zu vermitteln. Wenn einer ein Haus kaufen wollte, sagte sie ihm, wo er es finden könne; wenn einer sich verheiraten wollte, schaffte sie ihm gegen Barzahlung Raum, seine Wünsche vor aller Welt auseinanderzusetzen; wenn einer nicht wußte bei einer plötzlich zugefallenen Erbschaft: wohin damit? – die Uvag begriff diese Notlage und sorgte für deren Beseitigung. Man sieht, sie war die Behilflichkeit selbst, und es ist ihr nicht zu verdenken, daß sie eines schönen Tages den Wunsch aufbrachte, noch besser helfen zu können, in einer Sekunde gleichsam, was am besten dadurch geschah, daß man alles Verlangte selber besaß.
Vielleicht sind die Interessenten so liebenswürdig, sich einiger Ausdrücke und technischer Prinzipien zu erinnern, wie sie unten in den Maschinensälen, aber auch bei Automobilen, geläufig sind. Man spricht dort von verschiedenen Arten der Schmierung, von Zwangsschmierung etwa, von Schleuderschmierung oder selbsttätiger Schmierung und ähnlichem. Nun, diese Dinge aus ihrer technischen Gebundenheit befreit und aufs öffentliche Leben übertragen zu haben, ist das ungeheuer geniale Verdienst der Uvag. Schmieren heißt reibungslos machen, und jeder wird ermessen können, was das bedeutet, jeder, der je in seinem Leben auf Beziehungen und Informationen angewiesen war. Es ist eine Verleumdung, wenn Anekdoten weitererzählt werden, wie es leider von verantwortungslosen Subjekten häufig geschieht, Anekdoten, deren bekannteste lautet:
»Kennen Sie dort das hellerleuchtete Haus?«
»Das will ich meinen. Die Uvag.«
»Sie irren, mein Herr. Es ist ein Bordell. Dort wird die Arbeit als Laster betrieben.«
Pfui, schweigen wir lieber! Es lohnt die Mühe nicht, Dinge zu kolportieren, die den Ruf auch des Deutschen Reiches im Ausland schädigen, einen Ruf, der ohne die Fähigkeit, sich in die Arbeit zu verlieben, nicht denkbar wäre und der allen, die in der Uvag angestellt sind, nur zur Ehre gereichen kann. Der Durchschnitt all der kleinen Leute hier genießt zu seinem eigenen Vorteil nicht das zweifelhafte Glück, bei Leitung der Geschäfte um seine Meinung gefragt zu werden; er tut das Zunächstliegende, er erfüllt seine Pflicht, und ewig wird in seinen Augen das Direktorium eine jenseitige Welt sein wie die höchsten Kreise der Gesellschaft auch.
Bei der weltkundigen Modernität, die in der Firma obwaltete, bei der unaufhörlichen Wechselbeziehung zu jenen Fragen der Zeit, die brennend sind, wie auch zu jenen, die im Verborgenen blühen, ließ es sich leider nicht umgehen, eine Arbeitsweise unter den Angestellten herauszubilden, die hauptsächlich auf zweierlei fußt: äußerste Exaktheit und äußerste Konzentration. Man hat vielleicht eine Ahnung, wie begabt ein Leichtathlet sein muß, um die Hundert-Meter-Strecke als erster bewältigen zu können, wie sehr sein Sieg, ein Sieg der Exaktheit und der Konzentration, durch eine vernünftige Lebensweise und durch dauernde Vorbereitung bedingt ist; nun, wenn diese Leistung so schwer ist, so beruht das sicherlich darauf, daß dieser Mensch zu laufen hat. Das aber ist das Falsche, das Rückständige daran. Daher ist auch jener großartigste, weit übers rein Sportliche hinausweisende Gedanke so bewundernswert, der sagt, der Läufer käme viel schneller voran, wenn er systematisch säße. Diesen typischen Uvag-Gedanken haben sich viele Leute zu Herzen genommen, nicht allein Rennfahrer, Flugzeugführer und Rodler, auch Industrielle. Inzwischen ist es Allgemeingut geworden, daß der aufrechte Mensch zu großen Leistungen leider nicht befähigt ist, und seit dieser Zeit – es ist ein welthistorischer Akt – wurde in den Büros die geknickte oder sitzende Lebensweise eingeführt.
So hoch auch die Stockwerke der Uvag hinaufreichen, so verschiedenartig auch die Anforderungen sind, die gestellt werden müssen: alles sitzt. Ausnahmen sind zu zählen; meistens kann ein Mensch, der nicht sitzt, nicht mehr zu den Angestellten gerechnet werden. Er ist ein Verstoßener, läufisch oder sonstwie verderbt. Der richtige Angestellte jedenfalls sitzt. Es ist der Einwand erhoben worden, daß diese Tätigkeit kaum zu den schwierigen, sondern zu den harmlosen gehört, und gewiß wäre sie das, hätte sie nicht einen Rattenschwanz von Existenzen an sich gefesselt. Was hauste nicht alles in den aufgehäuften Stockwerken, an unsichtbaren Drähten zitternd, mit der Kündigungsfrist im Vertrag! Zuweilen glich die Tätigkeit im Gebäude derjenigen auf einer Galeere, nur eben, daß höchst zweifelhaft war, was hier vorwärts gebracht werden sollte, das Gebäude jedenfalls nicht, das stand seit Jahren, und nur der Himmel wechselte. Der Himmel wiederum war unsichtbar, denn der Horizont dieser Welt, von Häusern verdeckt, lag außerhalb des Gesichtskreises eines jeden, vielleicht in einer anderen Dimension. Die Firma? Ja, richtig – die Firma. Man saß auf Stühlen und Stufenleitern innerhalb der Firma, während diese den täglich zu erneuernden Weg durch die öffentliche Meinung erkämpfte; andererseits, man selbst kämpfte nicht, nicht so, man saß auf ein und derselben Stelle auf dem dazu bestimmten Körperteil und war ersetzbar, war ersetzbar.
Unaufhörlich rollte es unten auf den Straßen. Der Verkehr war ein Orchester, für welches die Stadt die Musik schrieb. Vor dem Hauptportal bewegte sich der Portier, Portier Baumann, in eine Phantasieuniform gesteckt, auch ein Koloß, aber in Taschenformat, der die Radfahrer anpfiff und einen jeden auf Haltung musterte. Lief man, ohne aufzublicken, wie in Gedanken, Zugehörigkeit zum Haus vorschützend, an seiner Figur vorbei, so geriet man unangefochten in die gewünschten Stockwerke; zögerte man jedoch nur um ein Geringes, so entschoß sofort dem Auge des Portiers ein kriminaler Blick, seine Gestalt bewegte sich zusehends heran, man war in seiner Gewalt, und die Ausforschung begann. Er, meine Damen und Herren, saß nicht. Er war die einzige aufrechte Persönlichkeit dieses Gebäudes und neben demjenigen Oberprimaner, der bei irgendwelchem Abitur die besten Aufsätze schrieb, des ganzen Jahrhunderts einzige Persönlichkeit schlechthin. Alle anderen Herrschaften aber, ob im Maschinensaal, ob im Büro, auch jene im Direktorium, alle anderen waren das nicht; sie saßen und kämpften, sie hatten zu tun, um nicht von den Stühlen zu fallen, und das, worum sie kämpften, das verkörperten sie auch: die nackte Existenz.
Der Eintritt ins Büro
I
Die Abteilung, wo die Neue erwartet wurde und der auch Brecher und Doktor Geist zugeteilt waren, befand sich in beträchtlicher Höhe, fast neben dem Dachgarten, der den Angestellten in der Freizeit zur Erholung dient; sie war ein Oberbau, hier auch nachträglich ein äußerlich aufgestockter. Man bezeichnete sie gesprächsweise als »Weinabteilung« im Gegensatz zur unteren, rein materialistisch eingestellten – gibst du mir, geb ich dir – »Kaschemmenwirtschaft«. Denn wie in manchen kaufmännischen Familien nach Generationen ein letztwillig zartes Reis aufzutauchen pflegt, das künstlerische Talent, für Praktiker eigentlich unnütz, für Biedermänner eine Geschmacksverirrung, so stellt auch die Propaganda im Wirtschaftsleben keine Handelsware dar, sondern die Visitenkarte der Firma. Die Räume dieser Abteilung unterschieden sich demgemäß vorteilhaft von den übrigen; erstens waren sie neu, zweitens geräumiger und drittens hatten sie eine Eigenschaft, die am besten der Chef selbst zu charakterisieren vermag.
»Helligkeit«, hatte dieser – es war Ua-Ua, der alleroberste, nicht Sack, der Bürochef – »Helligkeit«, hatte er zu einer Zeit ausgerufen und gefordert, als noch keiner der jüngst hier Anwesenden mit ihm in nähere Berührung gekommen war. »Meine Räume sollen so hell sein, daß die Sonne von Ost nach West elegant wie eine Dame hindurchspazieren kann.«
Diese denkwürdige Devise hatte bei allen, die dem Direktorium am nächsten standen, einhelliges Entzücken hervorgerufen. Von früh bis abends unentwegt in Gesellschaft einer Dame arbeiten dürfen, die hindurchtänzelt oder quer auf dem Schreibtisch liegt, wem müßte das kein Genuß sein? Die Arbeit wird so zu einem Vergnügen, das Monatsgehalt zum Geschenk eines Taschengeldes. Auch war von anderer Seite dafür gesorgt, daß in Fällen, wo sich die Sonne ungebührlich benahm, wo sie aufreizend war, blendete oder stach, die Vorhänge zugezogen werden konnten, mattblaue Vorhänge, so dünn, daß die atmosphärische Außenwelt nur als schöne geheimnisvolle Haut hereinschimmerte. Selbstverständlich entsprach der natürlichen Helligkeit wie auf Verabredung des Abends eine künstliche, nicht weniger schmeichelhafte.
Es mußte daher, unter so denkbar günstigen Voraussetzungen, einigermaßen Befremden erregen, daß in dieser Abteilung seit Tagen keine rechte Arbeitsfreude herrschte, daß irgend etwas in der Luft lag, eine Art hemmungsloses Vorgefühl, vor dem selbst die Kraft der Sonne in nichts versank. Man hatte den Eindruck, sie schleppe sich nur so hin, und bei genauerem Zusehen entdeckte man auch, wohin – nämlich auf einen Stuhl, der leer stand. Selbst wenn alle Angestellten Platz genommen hatten, war dieser Stuhl leer. Nun mag draußen in den Cafés oder in den Theatern ein einziger unbesetzter Platz weniger Kopfzerbrechen verursachen, obwohl auch dort derart unheilvolle Gegebenheiten nicht unterschätzt werden sollten, – hier im Büro wirkte es nahezu schaurig.
Rüland, der Lehrling, ein keineswegs aufgeweckter Junge, sah sich manchmal unter fremdartigstem Gelächter veranlaßt, auf dem betreffenden Stuhl Platz zu nehmen, lediglich um zu probieren, ob er noch leer sei. Er nahm sich dabei höllisch in acht, dergestalt, daß sein Auge fortwährend den Türdrücker fixierte und sein Ohr die entfernteste Wand abhorchte; denn ging diese Tür, an welcher »Privatbüro« stand, auf, so hatte Lehrling Rüland an dem ihm zugewiesenen Platz zu sein – sonst wehe. Sack, der Bürochef, war äußerst empfindlich, außerdem hielt er auf Tempo. »Fräulein, bitte schreiben Sie!« – und schon mußte es dastehen.
Auch mit dem Stuhl hätte es logischerweise eine sehr simple Bewandtnis gehabt, wären nicht die Begleitumstände gewesen, die darauf hindeuteten, daß die verflossene Dame dieses Platzes nicht, wie man sagt, gegangen worden war, sondern eigenhändig gekündigt hatte, um einer Neuen, die ihr schnuppe sein konnte, das Vorwärtskommen zu erleichtern, das interne übrigens, während sie selbst sich extern verbessert zu haben hoffte, sie stand vor ihrer Vermählung mit einem Garagenbesitzer. Trotzdem hätte der Stuhl nicht jammervoll leer zu stehen brauchen, wäre die Verflossene nicht zwei Tage vor ihrer Ablösung, wie sie selber schrieb, unheilbar erkrankt, so daß es dem Garagenfritzen hoch anzurechnen ist, daß er die Hochzeit dennoch hat stattfinden lassen. Sie sollen im eigenen Auto aufs Standesamt karriolt, schneeweiß vor lauter Glück, danach sollen sie wieder, wieder im eigenen Auto, zurückkarriolt sein – gesund, kerngesund.
Wenn im Büro anschließend die Rede ging, die Verflossene habe sich nur verheiratet, um ihren Chef zu ärgern, so ist das ohne weiteres zu verneinen, verständlich höchstens in Anbetracht der üblen Gewohnheit, nichts zu tun und viel zu reden, oder auch im Bedürfnis, den Ereignissen ein Schwänzchen anzuhängen. Kennt man die Ereignisse? Nur wer sie kennt, wird wissen, wie wenig daran ist, wie sehr sie der Mitwirkung und Ausdeutung bedürfen. Wenn sich ein Mensch erschießt oder vermählt, so ist das, unter uns gesagt, nichts; erst wenn die Uvag eingreift, könnte es etwas werden. Da hat sich neulich … Aber das gehört nicht hierher. Wieso? Ich finde, es gehört hierher. Da hat sich neulich ein Bankier mit einer Diva vermählt, und gleich war die Uvag hinterher, indem sie ihrer Nachtausgabe einen drei Zentimeter großen Kopf aufgesetzt hat, auch für Schwachsinnige erkennbar; wohingegen die Heirat mit dem Garagenbesitzer nicht um ein Sterbenswörtchen gewürdigt worden ist. Hätte der Garagenbesitzer nicht wenigstens eine Anzeige ins Blatt setzen lassen, die eigenen Kollegen hätten es nie erfahren. Ist das nicht seltsam?
Parallel zu dem Stuhl, das heißt in gleicher Gemütsverfassung, saß in einem Winkel des Büros der Angestellte Toldi, ein zwar nicht alter, aber angejahrter Junggeselle, und dieser fand es entehrend, so einsam und ledig sitzengeblieben zu sein. Daher erhob er sich manchmal mitten aus dem Gekritzel der Arbeit, streckte die Arme zur Decke schief auseinander und gähnte herzzerbrechend. Das war seine einzige Meinungsäußerung. Er gähnte anfangs ganz leise, einem Schlauch vergleichbar, der einen Kummer aushaucht, steigerte dann den Hauch zu einer bärenhaften Resonanz, bis dem Aufbrüllen der Melancholie lauter kleine Gluckerchen folgten. Für gewöhnlich setzte er sich dann wieder und arbeitete weiter.
Solche Fisimatenten kamen allerdings, wie ihr auch zumute sein mochte, für die übrige Angestelltenschaft nicht in Frage, und doch war auch für sie ein Ausweg gesucht und schließlich in höchster Not gefunden worden: die ü-Sprache. Ja, man hatte begriffen, daß vor der Öde eines leeren Stuhles nichts angebrachter sei als eine Zäsur, ein glücklicher Hiatus, und so hatte sich diese Sprache herausgebildet. »Ü?« pflegten sie nun zu sagen. Es war ein Laut, wie ihn Hühner hervorbringen, und er wurde gut nachgeahmt. Da nicht bekannt war, wie die neue Platzanwärterin aussehen würde, bot die ü-Sprache genug an bodenloser Form der Unterhaltung. Den Höhepunkt erklomm die allseitig genährte Erwartung jedoch am Montag, als ein Kollege darauf verfiel, über kommende Dinge überhaupt nicht mehr vernünftig zu reden. Man sagte nun nicht mehr: »Haben Sie einen Bleistift?« – sondern man sagte: »awa en bleie, ü?« Oder man sagte zu einer Sache, die eilig war: »ette, ette, ette, ü?« Die absolute Unverständlichkeit dieser Sprache bedurfte nicht der Befürwortung, weshalb sie auch vorm Chef geheimgehalten wurde, dem höchstens ein »ü?« folgte, sobald er das Zimmer verließ.
Es war Montag. Und hat nicht jeder Montag seine Schwierigkeiten, in Gang zu kommen, der Vormittag besonders? Er lief nicht automatisch als Glied einer Kette, er mußte aus eigener Kraft angefangen werden; auch war nicht ein einziger Montagsspezialist aufzutreiben, ein Mensch also, dem ausgerechnet der Montag ein Tag bester Voraussetzungen gewesen wäre. Als Tag mit dem empfindlichsten Bewußtsein war er durchsetzt und verseucht mit allerlei abergläubischen Vorzeichen, die wie ein Hindernis überwunden sein wollten. Wrampe unten, der Fahrstuhlführer, glaubte diesmal sogar, sein Fahrstuhlmechanismus habe gewittert, daß Montag sei; er klemmte nämlich und bockte, und trotz des mit Vorliebe in die Debatte geworfenen Ausspruchs: »Andere haben ihren Mercedes, ick bin mit meinem Lift verwachsen«, riß Wrampe mit Ärger an der Kurbel, wobei er sie auch noch beschimpfte. Das hatte gewirkt, und die Sache war damit in Ordnung; aber es blieb ein Schönheitsfehler am Anfang.
Bereits nach zwanzig Minuten Arbeitszeit, aus Ungeduld, daß sie noch nichts von der Neuen erblickte, sagte Fräulein Perdelwitz drinnen: »Etsch em o beske, ü?« – worauf Fräulein Frieske, Sacks Sekretärin, erwiderte: »All männe usja, ü?« – Und niemand hätte zu erfahren vermocht, was damit gemeint war. Möglich, daß sie ihre Ansichten über den Posten der Neuen austauschten, möglich aber auch, daß sie darauf hinweisen wollten, bei Wertheim sei Ausverkauf. Zulässig ist auch noch eine dritte, den Chef betreffende Deutung, die besagt: »Ist er schon da?« Denn Sack genoß zwar das Vorrecht, eine Stunde später anfangen zu dürfen, aber er erlaubte sich ebensooft, pünktlicher als pünktlich zu sein. Niemals war er zu dem Glauben des Fräulein Perdelwitz, dieses Fluidums aus Haut und Knochen, zu bekehren gewesen, daß in Berlin die Uhren sämtlich verschieden gingen. »Unsinn, Ausreden, Geflunker«, sagte Sack, und wäre das Meer dagegen angerannt, er wäre davon nicht abgegangen; eher wäre das Meer ertrunken als er selber. Perdelwitz bekam dann jedesmal eine weiße Nasenspitze vor Ärger über die Zurücksetzung, und sie hatte den ganzen Montag zu tun, wieder etwas Farbe ins Gesicht zu massieren. Frieske allerdings, als die Robustere, setzte sich mit Leichtigkeit über die Fehlleistungen ihres Chefs hinweg, ja sie bedauerte ihn und sagte: »Mein Chef, der arme Junge. Er kann leider nicht bis drei zählen.« Damit war für sie die Angelegenheit erledigt. Wäre sie heute morgen beim Gang ins Geschäft nicht mit dem falschen Fuß in etwas getreten, sie hätte auch diesem Montag mit Ruhe entgegengesehen; so aber erklärte sie schließlich unter Hintansetzung der ü-Sprache, es war vormittags gegen elf: »Macht, was ihr wollt! Die Sekretärin bin ich!«
II
Mucki Schöpps, eine Dame Mitte der Zwanzig, an der Grenze jenes Alters, wo die Konvention vorschreibt zu heiraten, vorausgesetzt, daß man nicht schon wieder geschieden ist, saß seit fünf Minuten mit kühlen Armen und ausrasierter Achselhöhle im Empfangsraum der Abteilung Propaganda und versuchte, sich mit vorsichtigen Blicken rings zu orientieren. Sie war auf elf Uhr bestellt gewesen und wartete. Ein Bein übers andere geschlagen, die Hände so aufeinandergelegt, wie die Mode es vorschreibt, hegte sie in diesem Augenblick nur die eine Befürchtung, nicht natürlich genug auszusehen. Sie sollte hier warten, bis sie gerufen würde, und das dauerte ein klein wenig. Man läßt mir Zeit, mich an die Umgebung zu gewöhnen, dachte sie, wenn auch von dem Argwohn geplagt, daß dies nicht der wahre Grund sei. Aber es genügte ihr vorläufig, sich auf diese Weise zu trösten. Außerdem war es doch klar, daß man ihr nicht ein Glas Wein entgegenbringen würde, obwohl diese Stellung die erste sein sollte in ihrem Leben.
Sie hatte sich streng in Zucht, und ihre Vorsätze hatten dahin gelautet, durch nichts überrascht zu sein. Auf gleicher Ebene, so selbständig wie Napoleon, wollte sie vorgehen. Sie träumte nämlich viel von Napoleon und war überzeugt, ihn gut zu kennen. Bei etwas Zeit und mehr Vermögen hätte sie einen Psychoanalytiker gefragt, warum sie so gern von Napoleon träumte; doch wahrscheinlich hätte dieser behauptet, es handle sich gar nicht um Napoleon, da dies nur eine Fiktion sei, sondern um ihre Wäscherechnung, deren Bezahlung noch ausstand – ü?
Da der Empfangsraum hallenförmig gebaut war, bot sich ihrem Blick sowohl der Korridor, der schlauchartig dalag, als auch ein Teil jener Glaswand, hinter der ihr künftiger Arbeitsplatz war. Im Augenblick nun, da sie sich nochmals an ihre Vorsätze gemahnt hatte, schien es ihr, als hätte sie einen nicht ortsüblichen Laut vernommen. ›Nicht doch‹, dachte sie sofort, rückte ihren Stuhl ein wenig zurecht und zog dann, ihre Unruhe überbrückend, den Handschuh der linken Hand aus und sogleich wieder an. Leider machte sich nun ihr Nacken um eine Idee zu deutlich bemerkbar, auch lief ein flehentlicher Juckreiz wie eine Liebkosung über ihr linkes Knie. ›Du kannst es‹, dachte sie dessenungeachtet, ehe sie sich einer Szene erinnerte, die ihr bei ihrer ersten Vorstellungsvisite geholfen hatte. Damals war ein Ding von Sekretärin, eine robuste Person, auf sie zugekommen mit der Frage: »Sie wünschen?«
»Ich möchte Herrn Direktor Sack sprechen.«
»Herr Sack ist Bürochef. Und worum handelt es sich?«
»Das werde ich Ihrem Chef selbst auseinandersetzen«, hatte sie gesagt.
Mit einem zwar spitzen, doch auch betroffenen Lächeln hatte die robuste Person sich damals entfernt, und Mucki Schöpps erinnerte sich lebhaft der übertriebenen Höflichkeitsgeste, mit der sie später ins Privatbüro gebeten worden war – ü?
›Es scheint ein angenehmer Ton hier zu herrschen‹, dachte sie mit langem Blick in die Dämmrigkeit des Korridors, der ganz am Ende, kurz vor seiner endgültigen Biegung, eine hellerleuchtete Stufe aufwies, einen Glaseinsatz, auf welchem zu lesen war: Vorsicht, Stufe! Außerdem fiel ihr auf, daß die Uvag im Innern gewisse Ähnlichkeiten mit einem Hotel hatte, daß hier wie dort Portiers die Drehtür bedienten, daß Korridore und Türen eine Art Durchgangsstation repräsentierten, für Damen, für Herren. Auch gingen unbekannte Leute vorüber, meist eilig, als befänden sie sich in vollster Karriere – ü?
Was indessen ihr Vorsatz, möglichst natürlich auszusehen, nicht hatte bewirken können, das gelang nun der Wartezeit über alle Maßen. Ein Blick auf die Uhr vergegenwärtigte ihr, daß sie bereits geschlagene zwölf Minuten als ungenutzte Arbeitskraft hier draußen saß, während ihr Monatsgehalt bereits zu laufen begonnen hatte, und daß es unter solchen Umständen lächerlich wäre, noch immer im Geiste Napoleons dazusitzen. Anfangs glaubte sie, sich gegen jede Lässigkeit wehren zu müssen, doch allmählich ließ sie der Reaktion freien Lauf. Sie saß nun ziemlich gelangweilt da. Manchmal schrie oder quietschte etwas dazwischen. Hätte eine Fliege, der ein Bein ausgerissen wird, laut aufschreien können, es hätte vielleicht so geklungen; doch es war nur der Widerhall zu scharf angezogener Autobremsen unten im Hof. Sie schickte sich eben an, sich ein zweites Mal melden zu lassen, als sie durch ein in der Nähe geführtes Gespräch von ihrem Vorhaben abgelenkt wurde. Ein Herr stand plötzlich im Korridor, neben ihm eine reifere, ältere Dame, die anscheinend hinkte.
»Portier Baumann«, sagte der Herr, »ist Musiker. Wußten Sie das noch nicht, Gudula Öften? Er macht im Nebenberuf sonntags Musik auf der Olympiabahn, gleich beim Plötzenseer Gefängnis.«
»Um Gottes willen, doch nicht, während die Motoren knattern?«
»Nee, in der Pause«, sagte der Herr. »Beim Start jedoch kommt es vor, daß die Musik mitten in der schönsten Passage abbricht. Es hat geschossen, und das bedeutet: los!«
»Grauenvoll«, sagte die reifere Dame, sich gütig lächelnd in den Hüften windend, eine Bewegung, die Mucki Schöpps nie wieder vergaß.
»Die Musik«, sagte der Herr, der seine Worte sehr wichtig nahm, »die Musik des Herrn Baumann wird von den entfesselten Energien imponaliter beiseite gefegt.«
»Wie?« fragte die Dame.
»Imponaliter; adverbial«, lachte der Herr fast grinsend, ehe er fortfuhr: »Und so bleibt dem Portier Baumann nichts anderes übrig, als auf diesen Schock ein Glas Bier zu trinken. Aber auf der Hut muß er sein. Sobald der Sieger festgestellt ist, tritt die Musik wieder in Aktion. Herr Baumann bläst die Posaune. Heil, heil, heil! Und die Masse rast vor Begeisterung: Sieke, Sieke!«
»Wie?« fragte die ältere Dame wieder.
»Sieke, das heißt Musik. Das heißt: kulturhaltige Persönlichkeit, marsch, marsch! An die Posaune!«
»Großartig, Herr Brecher«, sagte die Dame, leicht auf der Stelle hinkend, bis ihr Gesicht plötzlich den Ausdruck wechselte und sie wieder ihr erstes düsteres Wort ausstieß: »Grauenvoll.« Damit war dieser Zwischenfall beendet – ü?
Doch wieder glaubte Mucki Schöpps einen ihr völlig ungeläufigen Laut zu vernehmen, genau durch jene Tür, hinter der die beiden Angestellten soeben verschwanden. Es war ärgerlich, daß sie nicht daraus klug werden konnte.
Unterdessen, nach der zwanzigsten Minute, fand im Büro eine wilde Beratschlagung statt, was zu tun sei. Man sagt, es gebe Fische in der Tiefe des Meeres, die neben anderen grotesken Eigentümlichkeiten elektrisiert seien; ähnlich war es auch hier. Die Angestellten bewegten sich, von draußen gesehen, im Glaskäfig ihres Büros wie in einem Aquarium und ließen ihren Verstand leuchten. Jeder gab seine Meinung zum besten, und seit bekannt geworden war, daß die Neue tatsächlich vorhanden sei, waren sie merklich elektrisiert. Sie spürten inmitten der Arbeitsstille gleichsam die Bewegung des Meeres.
Doktor Geist ergriff als erster das Wort.
»Soll sie warten«, sagte er monoton. »Sie kommt noch früh genug unter die Räder.«
»Ich weiß nicht«, sagte Gudula Öften. »Ich weiß nicht recht.«
»Soll ich sie etwa mit Tschingsassa empfangen?« sagte Doktor Geist in der Manier eines Empfangschefs. »Wenn Sack beschäftigt ist, sitzt die Mieze heute nacht noch draußen. Das sage ich.«
»Du verteidigst wieder einmal die Maßnahmen der Geschäftsleitung, mein Lieber.«
»Unsinn, Brecher.«
»Beachte das, bitte!«
In diesem kritischen Augenblick wurde die Tür heftig aufgerissen und Coty stürzte herein, in Hut und Mantel, mit mehr als dreistündiger Verspätung.
Noch während er seine Garderobe aufhängte, keuchte er atemlos. »Ette, ette, ette, ü?« sagte die Perdelwitz, sich auf jenen Augenblick spitzend, da Coty, nach kurzem Zurechtrücken seiner Krawatte, sich anschicken würde, zum Chef zu gehen, um dort Entschuldigungen über sein Zuspätkommen herunterzufaseln. Coty war der Beau des Büros, eine Tanzbodenfigur nach der Meinung Doktor Geists; er fuhr Motorrad und parfümierte sich. Auch jetzt, nach Ablegung des Mantels, flog ein Geruch von Nachtverkehr über die Schreibtische, jenes beklagenswerte Gemisch, das sich nicht entscheiden kann, wem es seine Gunst zuwenden soll, dem Kölnisch Wasser, dem abgestandenen Zigarrenrauch, dem Schweiß des Vergnügens oder dem erotischen Anhauch. Es war ein vieldeutiger Geruch, aber manche Damen liebten ihn sehr, sie behaupteten, es röche nach feiner Welt. Coty, die Tür schon in der Hand, wies mit dem Kopf nach rückwärts und sagte noch rasch:
»Draußen sitzt sie. Ich werd’s ihm melden.«
Aber Doktor Geist rief sofort hinterher: »Der wird sich bedanken. Der läßt sich nicht mit abgebrühten Neuigkeiten übers Ohr hauen, Sack nicht.«
»Aber Doktor!« sagte Gudula Öften. »Man kann doch das arme Kind nicht draußen verkommen lassen. Ich glaube, ich gehe hinaus.«
»Ich ginge ja mit«, erklärte Brecher nun seinerseits, »doch leider bin ich zu wenig Kavalier. Ich muß befürchten, ihre Person mit ihrer Personalie zu verwechseln.«
»Schielt sie eigentlich?« fragte die Frieske plötzlich so derb, daß alles in Gelächter ausbrach. Nur Doktor Geist entgegnete lässig:
»Wie eben ein Mensch so schielt, der vorsichtig um sich blickt.« Dann aber rief er in eigener Sache: »Wollen wir wetten, daß Coty längst mit ihr da draußen geplaudert hat? Wetten, daß …?«
Da aber niemand Lust verspürte zu wetten, machte sich Toldi bemerkbar mit einem riesigen Gähnlaut. Es herrschte darauf eine sozusagen gähnende Stille, die erst wieder wich, als Brecher sie unterbrach mit den Worten:
»Und dafür werden Tarife erklügelt, für diese Behandlung? Dafür wird man auf monatliche Kündigung angestellt, vielleicht auch auf tägliche, zur Probe? Die Ohnmacht wird aufs Pferd gesetzt, nicht um zu reiten, sondern um geritten zu werden. Man steht nicht mit beiden Füßen auf der Erde, man hängt mit allen verfügbaren Kräften in der Luft. Allein schon durch den Vorgang seiner Geburt ist der Mensch prädestiniert, die Dinge von unten her zu betrachten.«
»Das hab ich schon einmal gehört«, rief Geist. »Das gilt nicht.«
Inzwischen war Coty wieder erschienen, sehr zu seinem Vorteil verändert. Sein länglich zugespitztes Gesicht war hochrot, der Ausdruck der Verlegenheit darin für Perdelwitz zum Anbeißen süß, und jedermann sah, daß eine Aussprache mit dem Chef die besten Kuren überflüssig macht.
Auch Mucki draußen in der Empfangshalle war höchst verwundert, als Coty wieder erschien, um ihr das Ergebnis seiner galanten Bemühungen mitzuteilen. Sie erkannte ihn kaum. Beinah der Verzweiflung nahe über ihr mißachtetes Dasitzen und nachdem ihr auch die besten Vorsätze, ihre napoleonische Garde gleichsam, vom Schwert des Minutenzeigers niedergesäbelt worden waren, hätte sie diesem Herrn aus lauter Dankbarkeit um den Hals fliegen mögen, wäre er nicht so hochnotpeinlich verändert gewesen.
»Sack läßt Sie bald rufen. Es dauert nicht lang«, sagt Coty, indem er sich eiligst wieder zurückzuziehen suchte, in jenen feindseligen Raum zurück, aus welchem ein Gemurmel und Getuschel hervorkroch – ü?
Nach Verwindung ihrer Krise saß Mucki Schöpps wieder da, beherrscht wie zu Anfang, in einer Art selbstbewußter Versteinerung, der ein ironisches Lächeln eingemeißelt war. Sie hatte auf intuitivem Umweg etwas begriffen, das der ü-Sprache verwandt war. Sie meinte, vier Wochen hier draußen sitzen, unter der Bedingung, daß sich ihr Gehalt automatisch mit jeder Minute erhöhe, das wäre nicht übel; außerdem wäre es um so besser, wenn sich der Chef nie blicken ließe. Man könnte vielleicht Tennis spielen im Korridor? Bei ihrer ersten Unterredung war er reizend gewesen, diesmal hielt er sich anscheinend schadlos. Aber so sind sie! Er sollte sich dennoch etwas beeilen, falls er der Tochter der verwitweten Frau Geheimrat Schöpps unter Beweis stellen wolle, was er nach seiner Behauptung sei, nämlich kein Unmensch.
»Ich bin ja kein Unmensch«, hatte er damals geschmeidig erklärt.
III
Eine banale Weisheit lautet: es ist alles ganz anders. Eine zweite banale Weisheit lautet: hinterher ist alles so einfach. Fräulein Gudula Öften in ihrer mehr als dreißigjährigen Erfahrung hätte die Hand ins Feuer gelegt, um beweisen zu können, wie sehr diese Banalitäten die Situation erhellten. Oft genug hatte sie vor Freundinnen erklärt, hinterher sei man ein ganz anderer Mensch, ein Mensch, der über sich hinausgelangt sei.
»Das möchte ich sehen«, pflegte Herr Brecher darauf zu sagen.
Nun, Gudula Öften war kein Kind mehr, das ins Weinen geriet; sie hielt ihre Ansichten, wohl der einzige Besitz ihres Lebens, aufrecht und stützte sie gegebenenfalls durch neue. Was ihren Chef betraf, der die Menschen gern als Gegenstände behandelte, als ob sie nach Gebrauch in die Ecke gestellt werden könnten, so empörte sich zwar ihre gute Kinderstube dagegen, nichtsdestoweniger war sie überzeugt, daß ein Chef über begangene Ungeschicklichkeiten und üble Launen ebenso betrübt sei wie seine Untergebenen, daß er später über diese Betrübnis erst richtig in Zorn sich verrenne und dann sich hysterisch gebärde. Dann freilich sei er für keinen Menschen zu sprechen.
»Denken Sie doch«, sagte sie zu Brecher, um ihn zu beruhigen. »Unser Chef spielt Geige, wundervoll Geige.«
»Er geigt uns auf«, erwiderte Brecher.
»Es ist gerade das, was wir abgehetzten Menschen heute brauchen«, sagte Gudula Öften unberührt.
»Was die Menschen brauchen, wissen sie nie. Das muß ihnen erst beigebracht werden, nötigenfalls mit Gewalt.«
Da hatte sie’s wieder! Gegen diese Meinung würde Gudula Öften angehen, solange sie lebte. Aber was reden sie eigentlich? Fräulein Schöpps hat eine geschlagene halbe Stunde warten müssen, nicht länger, bevor Herr Sack sich hat blicken lassen. Die nötigen Formalitäten und Instruktionen zu erledigen, blieb also Zeit genug. Das sprach nicht gegen den Chef wie sein Name nicht unbedingt für ihn.
Ja – jetzt hieß er Sack, einfach Sack, und die Einsilbigkeit seines Namens entsprach der Kürze, in der er eine Tür zu öffnen vermochte. Sack, da bin ich! Voller fanatischer Plötzlichkeiten und Zuckungen, ein vigilanter, noch jugendlicher Mann, mit einer ehemaligen Sekretärin verheiratet, verdankte er seine Position einzig und allein seiner Arbeitskraft. Früher war dieser Sack noch in andere Säcke eingewickelt gewesen, in mehrere Silben also, und das Firmenschild seines Vaters lautete heute noch so: Isaaksohn. Er aber, nach seiner Umsattlung vom Nationalökonomen zum Propagandisten, war durch einen Akt dauernder Selbstbeschneidung von Stufe zu Stufe geklettert, auf jeder eine Silbe seines Namens opfernd, bis die Energie ihn, in dessen Händen die Türen flogen und die Paragraphen sich ringelten, groß gemacht hatte und seinen Namen kurz: Sack; nichts weiter. Damit erkennt auch der Laie, daß Isaaksohn ein viel zu langsamer Name ist, um im Geschwindschritt Karriere zu machen. Trotzdem, als Chef dieser Abteilung eher geduldet als anerkannt, den Angestellten ein notwendiges Übel, wenn auch zuweilen charmant zu Frieske, seiner Sekretärin, die mit ihm aufgestiegen war, sah er sich in einer ewigen Zwickmühle zappeln, nach oben elastisch, zu Egon und Ua-Ua, wie im Angestelltenjargon die geschäftsführenden Direktorbrüder hießen, und nach unten auf der Hut, daß ihm keiner der überflügelten Kollegen je gleichgestellt werde. Nie sprach er viel, er zuckte die Worte heraus, indem er zu seiner Sekretärin aufsah, die größer war als er. Auch sagt man, daß seine Frau ihn betrüge. War es der Ehrgeiz gewesen, der ihn allzu früh an einem weiteren Wachstum gehindert hat, oder war ein ununterbrochener Veitstanz in ihm lebendig? Die Arbeit jedenfalls folterte ihn; andernteils schien ihm die Folter das einzig Lebenswürdige an dieser Welt zu sein.
»Er schwitzt Energien«, sagte Max Brecher. »Er schwitzt sie aus, damit er sie los wird. Selbst beim Essen schwitzt er vor Energie. Solange die Wissenschaft nicht endlich Pillen gegen jenes Stadium erfindet, wo die Arbeit in Wut ausartet, ist diesem Mann nicht zu helfen.«
»Und soll ihm auch nicht geholfen sein«, fügte Doktor Geist getreulich hinzu.
»Ich sag nichts gegen die Fehler. Die Fehler sind schließlich das Interessante an einem Menschen. Im Fehlerhaften verrät sich, was menschlich ist. Leute freilich, die mit dem Menschlichen hausieren gehen, meinen gerade die Vorzüge. Darin liegt die Komik und die Heuchelei.«
»Der Fehler ist es, über den man stolpert; die Vorzüge sind es, die man vergißt«, lächelte Doktor Geist, den Satz mit dem Bleistift musikalisch taktierend.
»Und Sie, Fräulein Öften?«
Damit wandte sich Brecher direkt an die Adresse, die er eigentlich hatte benachrichtigen wollen, doch diese, aufgescheucht und sich dunkel erinnernd, sagte wie geistesabwesend:
»Hätten Sie etwas dagegen, Herr Brecher, wenn ich Sie um einen Bleistift bäte?«
»Bitte.«
»Erlauben Sie: bäte, Konjunktiv.«
»Bitte, sag ich. Bitte! Hier ist er.«
»Ach so. Entschuldigen Sie! Ich dachte …«
Dieses Mißverständnis war typisch für Gudula Öften. Gern peinlich auf Genauigkeit aus, war ihre sensible Natur zu Mißverständnissen vorherbestimmt. Diesmal hatte sie gleich zwei Fehler begangen, indem sie eine Frage überhört und eine Antwort falsch verstanden hatte. Ein kompliziertes, überreifes Wesen, etwas angejungfert bereits, aber nicht ohne geistige Beweglichkeit, verstand sie indessen oft, Dinge ins rechte Licht zu rücken, wie jetzt, wo sie, ihren Fehler wiedergutzumachen, bemerkte:
»Menschlich oder nicht, klar ist, daß hier inmitten der Totalität oft nur die eine Frage Bestand hat: wie rette ich mich? Diese Mucki Schöpps wird nicht umsonst da draußen gesessen haben.«
»Das muß ich sagen, sie ist mir sympathisch«, erklärte Coty von weitem.
»Das glaub ich«, spottete Doktor Geist. »Ihr seht euch so ähnlich.«
Man hörte das Rascheln und Kritzeln, das Ticken und Schleichen, das bekannte Geräusch der Bürotätigkeit, und daß auch Personen anwesend waren, die nichts zur Sache zu sagen hatten, verstärkte den betriebsamen Eindruck. Es klang oft, als knabberten Mäuse. Als einziges beschäftigungsloses Geschöpf schlenderte die Sonne einher. Helligkeit markierend, Helligkeit.
Coty hatte soeben darüber nachgedacht, wie sehr die verhaßte Tür ins Chefzimmer durch die Sonne an Glanz und innerer Wärme gewonnen hatte, nahezu lyrisch, weil die Neue im Gespräch mit Sack sich dahinter befand, als ein heftiger Ruck der Aufmerksamkeit durchs Büro ging. Ü? – Dann simulierten sie allesamt Tüchtigkeit. Schritte näherten sich, eine untrügliche Fernwirkung für die geschärften Ohren der Eingesessenen, und schon wurde die Tür geöffnet, und Sack erschien, um Fräulein Schöpps einzuführen.
»Abteilung Propaganda – Fräulein Schöpps. Darf ich die Herrschaften bitten, sich selber bekannt zu machen?« Und damit verschwand er wieder, die Tür rasch hinter sich zuziehend.
Sie trug eine schicke, enganliegende Bluse, die leuchtete und die am Hals abgeschlossen war durch einen Herrenkragen, ein korrekt geschnittenes Weiß, aus dessen Mitte ein giftgrüner, mit rötlichen Tupfen besäter Schlips in schmalem Streifen herabhing. Eine gewisse Aufgewecktheit an ihr war unleugbar, und da sie endlich nach der These Gudula Öftens über sich hinausgelangt war, stand ihr dieses Naturell vorzüglich. Ihr Teint war sauber und etwas matt, auch frei von Sommersprossen, im Gegensatz zu Gleichartigen, deren Haar ins Rötliche spielt. Nur etwas schillernd Weißhäutiges an ihr, eine auffällig morbide Betonung der Mundpartie wirkte beunruhigend, eine Dissonanz beschwörend zwischen der lebhaft harten List ihrer Augen und der genüßlichen Lauheit des Lippenfleisches. Man sieht solche Einzelheiten einmal im Leben und später nicht wieder, und selbst Liebende finden den ersten Eindruck selten ein zweites Mal bestätigt. Vielleicht ist er gar nicht der richtige, lebensbestimmende?
Da sich Fräulein Schöpps, nach ihren Erfahrungen in der Empfangshalle, auf eine neutral abwehrende Begrüßung gefaßt gemacht hatte, war sie um so gerührter inmitten ihrer Befangenheit, als gleich zwei Bürogestalten auf sie zugestürzt kamen, Coty und die brillentragende Gudula Öften: der eine, weil er bereits draußen ein paar Worte mit ihr gewechselt hatte, die andere, weil sie den unstillbaren Drang verspürte, das Kind endlich zu erlösen.
»Wir kennen uns ja, nicht wahr?« sagte Coty sofort, dieser verflixte Filou. Doktor Geist, der sich im Hintergrund hielt, bewunderte diese Gewandtheit derart, daß er sofort mit einer Korrektur gegen sich selber vorging, um seine Bewunderung in Kritik zu verwandeln. ›Schwuljöh‹, dachte er nun. Trotzdem fühlte er sich durch widerstreitendste Empfindungen benachteiligt, und er wußte genau, daß er ein albernes »Guten Morgen« hervorstottern würde, wenn ihm nicht gelänge, eine stehende Hilfsformel anzubringen.
Inzwischen hatte sich Gudula Öften, endlos einredend, der neuen Kollegin bemächtigt; sie stand neben ihr, in einer Haltung wie auf der Kurpromenade, dann führte sie sie von Tisch zu Tisch. Da der Zufall es wollte, daß Mucki bei einer Wendung den Rücken zeigte, gelang es Doktor Geist, sein Lineal so weit über den Schreibtischrand hinauszuschieben, daß es bei leisester Berührung herunterfallen mußte. Diese Taktik bewährte sich. Denn kaum daß Fräulein Schöpps sich bewegt hatte, war ihr das Lineal tatsächlich zu Füßen gefallen. Wie ein Wilder, schlechthin verrückt, stürzte Doktor Geist mit gespreizten Fingern auf die Erde vor, ergriff sein Lineal und überreichte es der Dame lächelnd als Geschenk.
»Nehmen Sie es! Es fiel Ihnen zu«, stammelte er.
»Oh«, sagte Mucki, »heißen Dank.«
»Hoffentlich mehr Dank als heiß. Gestatten Sie: Doktor Geist.«
Das war die ersehnte Replik, und es läßt sich denken, wie stolz er war, daß alles geklappt hatte. Hihi! Da war ein stilles Geschwätz im Kopf, ein Getippel von Amüsements, während sein Opfer, ein Verlegenheitslineal in der Hand, sich von Gudula Öften weismachen ließ, es herrsche ein kollegialer Ton hier. ›Was herrscht hier?‹ dachte Doktor Geist. Sinnloserweise sagte er fünfundzwanzigmal das Wort »Gudula« vor sich hin; dann stürzte er sich betäubt in die Arbeit und zeichnete ein Plakat. ›Fluch den Weibern!‹ dachte er hochbeglückt. Er mußte sich nun ein neues Lineal kaufen.
Als Fräulein Schöpps bei Buchhalter Tadewaldt angelangt war, zeigte dieser sein Hauptkunststück: er konnte im Schlaf addieren. Mit einem verfitzten Gesichtsausdruck, in dem nichts von Freude vorhanden war, wenn er sagte: »Freut mich«, begrüßte und addierte er zugleich. Nur als er bekanntgab, daß er aus Schkeuditz sei, huschte ihm ein geschmeichelter Schimmer über die Runzeln. Man muß nämlich wissen, daß Buchhalter Tadewaldt in alle Weltkarten seinen Geburtsort Schkeuditz einzuzeichnen pflegte, es war ein Vorort von Leipzig, der aber früher im Preußischen lag.
Mucki, mußte sie nun nicht zugeben, daß diese Menschen in keinem Punkt den Vorstellungen entsprachen, die sie sich draußen zurechtgereimt hatte? Der Eindruck, dieses Büro sei ein Konglomerat von Klinik und Taubstummenanstalt, war also falsch. Warum ist sie dann aber nicht einfach hereinspaziert? Sie hätte eben um einen Deut napoleonischer vorgehen sollen! Oder nicht? Selbst Frieske, dieselbe nämlich, von der sie einst mit überbetonter Höflichkeit zum Chef komplimentiert worden war, hatte sich aufgerafft mit den Worten: »Ach, Sie sind das?« Einige Angst hatte sie nur noch vor Brecher. Er lud sie ein, neben ihm Platz zu nehmen wie beim Zahnarzt; es fehlte nur noch, daß er zu bohren anfing.
»Ich höre«, begann er ohne jeden Versuch zu Formalitäten, »ich höre, Sie haben studiert, gnädiges Fräulein? Schon gut, ich weiß schon, ohne Examen. Aber ich nehme an: Kunstgeschichte, Schöne Literatur und etwas Irrsinnspsychologie nebenbei. Stimmt’s? Dann haben Sie auch gelegentlich mal einen Embryo in Spiritus getaucht? Von jedem etwas. Ich weiß schon, das sind so die Mätzchen. Aber vergessen Sie nicht, was Sie Ihrer Bildung verdanken. Es ist ein klassisches Zeichen, daß wir von einem Menschen, dessen Aufgabe darin besteht, Briefe zu tippen und, wenn’s klingelt, parat zu sein, die unbedingteste Kenntnis der Philosophie sämtlicher Epochen verlangen. Man sagt, in Dresden, vielleicht auch in Schkeuditz, verlangten jetzt die Schuster das Abitur. Ich kann nur sagen, das ist zu wenig. Man sollte sie auch in Astronomie auf blank putzen. Denn wer sagt, ob nicht die Sterne in den Himmel geschlagene Nägel sind? Wir werden zertreten von diesem Stiefel da oben. Stimmt das?«
»Ich weiß nicht«, sagte Fräulein Schöpps mit verlegenem Lächeln, während das ganze Büro in bester Unterhaltung strahlte.
»Nun noch etwas, gnädiges Fräulein. Noch eine Frage, wenn Sie gestatten.«
»Aber bitte«, sagte Mucki, obwohl sie gern davongelaufen wäre.
»Also! Jetzt sagen Sie mir als Hirnspezialistin: wie nennt man etwas, das nicht normal ist? Wie könnte, wie muß man es nennen?«
Es wurden Proteste laut aus der Kollegenschaft, Proteste, die das Stellen von Witzfragen unterbunden wissen wollten. Es sei eine Tierquälerei. Andere waren wieder dafür. Erst auf dringendes Ersuchen der Mucki Schöpps legte sich der Sturm.
»Normal? Ich weiß nicht, wie Sie das meinen, Herr …«
»Brecher, Max Brecher!« rief Doktor Geist, um sich angenehm in Erinnerung zu bringen, aber Mucki fuhr fort:
»Vielleicht krankhaft? Das träfe hoffentlich nicht auf Sie zu?«
»Bravo!«
Es war dies ein Ruf aus dem Hintergrund, doch auch Brecher war großmütig genug, die Antwort gelten zu lassen.
»Sie können so bleiben«, sagte er. »Damit gebe ich mich zufrieden.«
»Ü?«
Nachdem Perdelwitz, die, ehrlich gestanden, mehr erwartet
