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Es ist der heisse Sommer 1914, in dem überall in Europa die Lichter ausgehen. Der Erste Weltkrieg erschüttert Berlin. Cay lebt mit seiner empfindlichen Seele in der Welt der Zahlen, deren Logik er vertraut, als er sich in der Welt der Waffen verliert. Wo der begabte kleine Junge, der lachen nicht gelernt hat, niemals gross werden wollte. Cays Geschichte erzählt mit seiner leisen Stimme von Freiheit, dem Grossen Krieg und den grossen Fragen des Lebens. Auf einer Reise durch die Zeit. Durch die Goldenen Zwanziger - die Roaring Twenties. In einer Gesellschaft, deren Fortschritt nicht aufzuhalten ist. In der Herrschaftszeit der Maschinen. Menschen mit natürlicher Intelligenz leben gefährlich. Ihre Schicksalswege kreuzen sich. Mitten in Berlin, der Hauptstadt des Verbrechens, wo nach dem Krieg wieder von einer solchen Herrschaftszeit geträumt wird.
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Seitenzahl: 486
Veröffentlichungsjahr: 2021
Zwanzig Jahre lang lebte Claude Strübi als Ingenieur von Programmen, die er in Computersprachen schrieb. Für Maschinen. Heute lebt er für die Sprache wie ein Leben lang für Geschichte. Und Geschichten, deren Pläne er als Kind in der Schreibtischschublade als Entwürfe begrub. Herrschaftszeit ist sein erster Roman. Für Menschen.
Claude Strübi
Herrschaftszeit
Roman
© 2021 Claude Strübi
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-38482-8
Hardcover:
978-3-347-38483-5
e-Book:
978-3-347-38484-2
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Für Claudine.
Für Joel.
Teil 1
1
Cays Zukunft in der sonderbaren Welt begann an einem strahlenden Sonntag 1914. Es war einer jener verrückten Ruhetage, an dem diese Riesenstadt auf einmal in Habacht stillzustehen und den rauchigen Atem anzuhalten schien. Mitten im Frieden überfiel sie der Leichtsinn, Papas Glauben an den Fortschritt blühte, und der heisse Sommer, der den Zeitungen bevorstand, war nicht aufzuhalten.
Hätte Cay ihre scharfen Schlagzeilen sehen können, vielleicht hätte er dann die Gebete verstanden, die im Dämmerlicht verklangen wie fernes Donnergrollen, wovor er seine grossen Augen mit den merkwürdig langen Wimpern verschloss. Sein Kindergesicht hatte dieses madonnenhafte Etwas, das so irritieren konnte wie der unbestechliche Blick, den er jetzt nach oben richtete, wo alle hinwollten. Dort war, über den fast endlos lang gezogenen Fenstern, wie ein Fluchtpunkt in der Kuppel dieses kleine schwarze Loch, das sich in Zeitlupe um ihn zu drehen begann, wenn er es anstarrte. Es wurde so dunkel, dass die Stille in seinen Ohren dröhnte, bis ihm fast schwarz wurde. Eine Stille, in der Herzen, aber keine Mauern brachen, Mauern, zwischen denen das Leben so klein geraten war, dass es in vier Wände passte. Im modrigen Gotteshaus, wo Papa leicht hüftsteif zum Dienst angetreten war, wo es jeden Sonntag streng nach Alten Testamenten roch und Cay glaubte, diese morsche Luft im leeren Mund zu schmecken. Wie wenn Gott vom Tode verweste. Gott war tot. Das hatte er gelesen. Papa wusste es nicht. Auf seinem schlechten Gewissen hatte Papa dieses Wir-Gefühl, das hier auf seine Rechnung kam.
Hier, wo Gott für Cay eine «lange Weile» blieb und Cay für Papa verschwörerisch sein «Junge!» mit der ihm unerklärlichen Mädchenstimme. Hier, wo das gelobte Land mit seinem auserwählten Volk auf dem Spiel stand, das die Flötenregister jetzt auf Kommando pfiffen. Pfarrer Himmelstoss mit scharfem S trug das ebenso scharf geschnittene Gesicht eines Rattenfängers zur Macht und der Magie seiner Flötenmelodie. Sie hiess «Deutschland über alles!» in der Welt, und die Orgel spielte Drama. Die Pfarrersrobe war die eines Richters, der auch heute im Westen nichts Neues sah. Auf dem Altar standen Kerzen und das Feuer in Flammen. Und zwischen Stuhl und Bank uniform in ausgeklopftem Zivil das auserwählte Volk, dem Gott nichts anzubieten hätte als Blut, Mühsal, Tränen und Schweiss, der glänzend auf den säuerlichen Gesichtern lag.
Cay hielt sich dieses Volk wie das zerfledderte Gesangsbüchlein vom dünnhäutigen Leib und schaute zu Papa auf, der bis drei zählte, bevor er in die Hymne über das Vaterland einfiel. Nach Papas Glauben kam gleich sein Fortschritt, und mit diesem Fortschritt mochte nach dem Ersten Römischen und dem Zweiten grossdeutschen endlich das Dritte Reich kommen, in dem sein Wille geschähe, wie im Himmel so auf Erden. In Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Papas Heilige Dreifaltigkeit. Aller guten Dinge wären drei. Wie wenn Papa etwas von Zahlen verstanden hätte. Seine Zahlen waren das Dreiklassenwahlrecht, die oberen Zehntausend und die Zahllosen im Wedding, die sich an einem Tag wie diesem bei Gott vom Sechstageswerk erholten. Papa, dessen einzige besondere Gabe jene war, dass er keine solche hatte und das Beste daraus machte. Er stand mit langem Gesicht in der letzten Reihe des Kirchenschiffs, Cays Arche Noah, das Berlin dem Kaiser sei Dank für die überlebten Mordversuche gespendet hatte, als wäre er der Allmächtige im Zweiten Reich und unsterblich gewesen.
Die Stimmen in der Dankeskirche, erbaut auf einem Felsen in der Steinwüste, überschlugen sich, auch Papa traf den richtigen Ton der mächtigen Orgel nicht, und Cay machte das Loblied mit seinem Gedanken, der um «Menetekel» kreiste, zum Stossgebet. Er hatte es aus Papas jungfräulichem Altem Testament, das er sich aus Hunger als Lesefutter selbst zum Frass vorgeworfen hatte. Belsazar, das hatte diesen Hauch Gotteslästerung, und der dunkle Klang von Babylon, das ihm über die vollen Lippen kam, hörte sich mit dem «Amen!» in der Kirche nach Berlin an.
Berlin, dieser Wahnsinn aus Dr. Jekyll und Mr. Hyde, das seinen Platz an der Sonne hatte, bei Kaiserwetter, an dem Wilhelm der Zweite sein Volk herrlichen Zeiten entgegenführen wollte. Nach Pfarrer Himmelstoss‘ Gehirnwäsche zog es mit frisch gewaschenen Köpfen ins Freie und dort den Hut vor ihrem «Kaiser Wilhelm!», als Cay seine Schieberkappe zurechtrückte, und es jubelte ihm zu, als er im offenen Wagen so plötzlich nach dem Amen über die Strasse schwebte, dass es mit Fingern auf ihn zeigte wie auf eine grosse Illusion. Sie hielten sich an brennenden Zigaretten fest wie am letzten Wunsch.
Hier, mitten im Wedding, wo vor der Kirche selbst der Rasen militärisch zurechtgestutzt und klein gehalten wurde, traf Strasse auf Strasse, als lägen selbst sie gegeneinander im Konkurrenzkampf, und vom Wohnzimmerfenster der Reinickendorferstrasse war die kaiserliche Pracht der Linden für Papa unter seinem versteinerten Blick fast mit leeren Händen zu greifen.
Er stand abseits mit steifem Kragen im Schatten einer Linde und rief «Herrschaftszeit!» aus.
Es war die Zeit, die Cay mit Papa gemeinsam hatte, und es war die Zeit, die Papa so wichtig nahm, dass er sie stolz von seiner Uhr ablas, die vor seiner nicht breiten Brust wie ein Wachhund im Westentaschenformat an der Kette lag. Cay zählte ihre Tage. Die ersten Zeichen der Zeit standen Papa ins Gesicht geschrieben. In müden Augen. Weich gezeichnet. Papas knochiges Gesicht, wo seinetwegen im schwarzen Bürstenschnitt graue Haare wachsen würden; der ausgewaschene Sonntagsanzug hatte die beste Zeit hinter sich, und Cay spürte, dass er keine Zeit hatte. Da sagte Papa wie jeden Sonntag um Punkt zwölf, wie die Zeit verging, und man hätte die Uhr nach ihm richten können, als die Kirchglocken schlugen. Er stellte seine Zeitmaschine nach Cays Sprachlogik.
Papa verstand seinen Jungen nicht, und auch Volkslehrer Teuffel hatte ihm mit Brief und Siegel versichert, sein Junge wäre neunmalklug. Es war sein grosses Glück, das sich nicht zwingen liess, es war zum Greifen nah und doch nicht zu fassen, als es damals wie jetzt grau in grau in zu grossen Schuhen vor ihm stand und mit lautem Schweigen antwortete. Lebenslänglich Volksschule und Beelzebub, den unberechenbaren Rohrstock, hatte Cay vom Herrn Teuffel bekommen wie von Papa als Strafe die Schieberkappe zu Weihnachten.
Heute war der 28. Juni und ein unvergesslicher Tag wie Weihnachten, an dem Geld für Papa keine Rolle spielen sollte. Als er heute bereits zum zweiten Mal «Herrschaftszeit!» wie einen Seufzer ausstiess, hätte er laut lächeln können, aber auch mit Freude hatte er nichts zu lachen. Das «Victoria Café» ging ihm wie Honig über die Lippen, und in seinem Schlaraffenland hatte er den Mund nur zu öffnen für das grosse Frühstück, das er sich vom gleichen schmalen Mund abgespart hatte. Dort, wo er nur die Hand auszustrecken brauchte, nach der Macht der Linden, in deren Licht und Schatten Cay das Geld riechen konnte, mit dem sich das Bürgertum, das nach oben wollte, durch dicke Zigarren verriet, denen es mit geübtem Schliff den Kopf abschnitt.
Papa fasste sich an den engen Kragen. Hinter ihm stand die Kirche, und über den wüstengelben Steinen überragend ihr schlanker Turm. Und in Cays Fantasie noch immer das Menetekel. Sein Blick suchte das Weite.
Da gab ein Kutscher seinem störrischen Pferd die Peitsche. Der Knall war das Stichwort auf Papas Kommando, und bevor es «los!» ging «zu Victoria», zählte er auf seine drei Leibgerichte und Cay auf drei zu seinen ersten Schritten bereits die beiden Elektrobahnen, die in Signalrot mit schrillem Ton die Kreuzungen überfuhren.
An den Strassenufern stand alles im Zeichen des Sommers, ganz Berlin wurde im Sturm erobert vom Weiss aller Couleur. Cay zählte sie zu Hunderten. Die aufgebauschten Sommerröcke, die verspielten Blümchenhüte, die gestelzten Spazierstöcke am angelegten Arm. Die Fahnen von Zigaretten, die wie winzige Statuen der Freiheit brennende Fackeln an ihrer Spitze trugen. Die hinter Glas ausgestellten Modepuppen mit den wächsernen Gesichtern. Die Jalousien, die sich wie Segel auf dem Wannsee blähten. Und dazwischen stocksteif die auf Hochglanz polierten Zylinder, als wären sie etwas Besonderes wie die weissen Westen und die Balkone, die vor keinem der uniformiert fünfstöckigen Häuser standen, dafür die Kolonialwerbung, die bereits verblasste. An der grossen Mauer, wo Stollwercks Adler für Cacao noch immer zwei Weltkugeln in seinen Krallen hielt. Wo sich jetzt in den Schaufenstern von Loeser & Wolff Rauchwaren aus Kuba spiegelten.
Davor klapperten zwei vor den Karren gespannte Gäule müde das Strassenpflaster ab, im Zaum gehalten mit Zucker, Brot und Peitsche, während in der Kutsche Cigarren glühten und die greisen Festtagsgesichter, die in Erinnerungen von Pferdestärken schwärmten. Überholt vom rauchenden Automobil, das offen schwarz trug und Fehlzündungen wie Salutschüsse abfeuerte. Benzindämpfe hingen unverbrannt in der Luft und zwei bissige Vierbeiner, die an Frauchen zerrten und vorlaut um die Macht stritten. Und Papa redete ungerührt vom Fortschritt, der sich nicht aufhalten liesse, während für Cay alles schneller zu gehen hatte als die Zeit, die am Spreeufer vor den Barkassen ausgerufen wurde. Wieder kontrollierte Papa mit strengem Blick auf die Uhr seine Zeit, die er nie hatte, seine Zeit, die sich um Zahlen drehte, die für ihn nichts als Ziffern waren.
Cay klangen Zahlen wie Worte. Sie sprachen für sich. Worte aus Ziffern statt Buchstaben. Er hatte sie im Kopf. Tausende. In Farbe. Kurze und lange. Die Sieben, die rot anlief, wenn er sie sah. Die Acht, die ganz blau wurde vor Kälte. Die Zwei, die nach braunem Zigarrenrauch roch, den er klebrig auf seiner Zunge schmeckte.
Cay vertraute den Zahlen. Sie logen nicht. Papa konnte ihre Sprache nicht verstehen. Papas Sprache, die Cay Wort für Wort verstand, die wie schiefe Bilder in Papas Kopf hingen, wo er mit ihren Lügen die Wahrheit versprach. Alles würde gut werden. Gott der Allmächtige würde sich um ihn kümmern. Und jetzt, über der Spree, erzählte er wieder, Berlin, die Stadt der tausend Gerüche, wäre auf tausend Brücken gebaut. Ihr Herz schlug wie eine Maschine und betäubte Cays Ohren.
Es war immer dieselbe Leier, die der Einarmige mit dem scheelen Blick aus seinem Glasauge zu spielen hatte an der Drehorgel, hinter der das alte Berlin von Marschmusik bewegt wurde. Dort, wo die elektrisierte Friedrichstrasse und die barocken Linden sich kreuzten und das Victoria Café zwischen ihnen stand wie eine gute Partie, deren Gerüche nach schwarzem Kaffee und starkem Tabak Cay niemals vergessen würde.
Die Luft war voll von Schall und Rauch, und es war eine einzigartige Mischung, die einen Tisch in diesem eleganten Café mit dem schwarzen Marmor so begehrenswert machte. Selbst an Tischchen wurde dick aufgetragen. Kussmünder standen wie Leuchttürme im Nebel, scharfe Lachsalven schossen vorbei, und weit über ihnen bog sich das Deckengewölbe über mächtige Pfeiler, als wären sie die Stützen der feinen Gesellschaft gewesen, die für einen wie Papa keinen Platz hatte. Und über allem hing dieser holzig erdige Geruch, den nur schwere Zigarren verbreiten konnten.
Während Cay wie in der Volksschule aus dem Fenster schaute, wo zwischen Linden und Kraftworten aus Stein hochglanzpolierte Uniformen auf Zack gegrüsst wurden, hatten Zivile einen ausgesuchten Überraschungsgast erwartet und von ganzen Herzen «Doktor Greiff!» geheissen. Er war kein Arzt, aber ein ebenso steifer Herr von arroganter Höflichkeit. Mit einem Siegerlächeln kam er sogleich zur Sache und wollte nach seinem Zylinder den Frieden an den Nagel hängen. Krieg betrachtete Herr Doktor aus der grösseren Sicht seines Monokels. Er wäre ein Akt des Altruismus, mit Deutscher Kultur als Entwicklungshilfe für jedes Volk. Einer gerührten Dame standen Tränen in den Augen und die Blumen am Hut.
In ihrem breiten Sichtschatten besetzte Papa das allerletzte Tischchen und litt an Entschuldigung auf Vorrat. Als er von einem schwarzweiss Uniformierten mit Dauerlächeln bedient wurde, stand ihm das schlechte Gewissen massgeschneidert. Als hätte ein Hungerleider kein Recht auf das grosse Fressen, das ganz Berlin zum Victoria Frühstück kleinredete. Auch hier waren aller seiner guten Dinge drei, und erst als der letzte Teller blitzblank war, stopfte er sich den Mund mit seiner Pfeife und kaute daran, sein neunmalkluger Junge, der am liebsten schwieg, würde alles besser wissen und Papas Kopf zerbrechen. Dann tanzte der Rauch nach seiner Pfeife im Frieden, den er mit sich gemacht hatte, und Cay, dessen regloses Gesicht seine Gedanken nicht verriet, hatte wie immer nichts zu lachen.
Cay hatte das Lachen nicht verlernt. Er hatte es in der Volksschule nicht gelernt, und Papa hatte es ihm nicht beibringen können.
Wichtiger waren ihm die Zeitungsjungen, die auf einmal mit ihren Stössen vor der Fensterfront auf und ab rannten, dass ihnen der Mund offen stehen blieb, aus dem ihre Ausrufezeichen nach Schlagzeilen klangen.
«Extrablatt! Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand und seine Angetraute in Sarajevo ermordet! Extrablatt! Extrablatt!»
Sie erinnerten Papa an seinem Sonn- und Feiertag an fernes Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinander schlugen – und an seinen Jungen, der es besser wusste, wo Sarajevo lag. Und sie erinnerten ihn an seinen Fortschritt, der unantastbar wäre. Für seinen Jungen war dieses bisschen Lesefutter ein gefundenes Fressen, und so kam sie nun zu seinem dampfenden Kaffee auf den Tisch, diese Suppe, die sich die Österreicher selbst eingebrockt und jetzt auszulöffeln hätten. Und doch wusste er aus eigener Erfahrung, nichts würde so heiss gegessen, wie es gekocht wurde.
Von der Vossischen Zeitung, die diese Geschichte angerichtet hatte, auf einem losen Blatt Papier, das so leicht geraten war, dass die scharfen Worte eigentlich kein Gewicht haben konnten. Er kämpfte noch mit ihrem hölzernen Stil, als sein Junge bereits fertig war, als hätte er die gedruckte Seite fotografiert, wo im Mittelpunkt das Telegramm aus Sarajevo stand. Es hätte vor lauter Geschwätz über Nebensächliches die Hauptsache zum Schluss wie die Pointe eines schlechten Witzes fast verpasst: Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich war tot. Und seine Sophie mit ihm gegangen.
Cay redete sich ein, seine Fantasie wäre nur in seinem Kopf. Aber dort begann der Krieg.
In Papas Kopf hatte er nichts zu suchen, als sein Junge wissen wollte, ob Krieg nur die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln wäre. Doch er war noch lange nicht so weit wie sein Junge, der für ihn schon wieder viel zu viel dachte. Er war nun beinahe 40, und Krieg hatte er noch nie gesehen. Diese Zeiten waren lange tot, Krieg nur noch Nebensache, Hauptsache irgendwo in dunklen Hinterhöfen Europas. Er hätte beinahe ein steifes Lächeln für ihn übrig gehabt, als er vor der Fensterfront zwischen Pferden und Automobilen auf den Fortschritt sah, der sich auch an diesem Sonntag nicht aufhalten liess.
Das Extrablatt liess er in den Aschenbecher fallen, als hätte es bereits auf den Müllhaufen der Geschichte gehört. Dabei fiel ihm auf, Franz Ferdinand sei nicht zum Kaiser geboren.
Cay widersprach, Papa redete in der Gegenwart, Franz Ferdinand aber war Vergangenheit. Doch für solche Feinheiten hatte Papa kein Gehör. Vielmehr setzte er auf Präzision. Damit hatte er es zum Facharbeiter bei Borsig gebracht, oben in Borsigwalde im Lokomotivwerk, wo Rädchen wie er sich Tag für Tag im Kreise drehten. Räder mussten rollen für den Sieg, den Papa in seinem Kampf für den Fortschritt sah. Schliesslich wollte auch er nach oben, zusammen mit Tante Voss, jener schlanken Zeitung, deren Hochstehendes nicht für einen wie ihn wie geschaffen war. Cays dicke Bücher waren ihm dafür zu schwer.
Ein solcher Blick lastete auf seiner Uhr, dem einzigen Kunststück in seinem Leben. Als er mit Zeit und Geld für die schönen Stunden zu bezahlen hatte, die ihm seine geliebte Victoria bereitete, deren Geruch von Luxus er nun verlassen musste.Nur einmal noch schien ihm an diesem Tag die Sonne, zwischen Gewitterwolken, die mit Macht über Berlin aufstiegen.
Und Papa mit seinem bleichen Gesicht sah für Cay auf einmal wie ein Sieger aus.
Als er Unter den Linden in den grossen Augen seines Jungen den Glanz sah. Jenen Glanz, klar und tiefgrün wie das Meer des Südens, das er noch nie in Farbe gesehen hatte. Diesen Glanz, der einmal ein Kinderlachen hätte sein können.
Carusos Glanz stand ganz im Schatten der Linden, galant bis zur Öligkeit sein schwarzer Scheitel über dem bleistiftspitzen Schnurrbart, den langen Kittel trug er wie ein Gott in Weiss, der kleine Wagen mit den lackierten Holzspeichenrädern «echtes Italienisches Eis» in Rot. Auch gestandene Damen konnten seiner Versuchung nicht widerstehen. Während Caruso von heisser Liebe schwärmte, schmierte er ihnen Honig um den Mund und auf Cays Cornetto das Eis in seinen Nationalfarben. «Pistacchio! Vaniglia! Fragola!» Seine Ausrufezeichen, die er klangvoll mit Tenorstimme setzte, waren wie ein Versprechen an eine schönere Zukunft.
Auf dem Pariser Platz stand die Blumenpracht um das Schauspiel der Springbrunnen. Deutschlands Farben flatterten wie Fahnen im Wind, der das Donnerwetter ankündigte. Sie wurden dominiert von Schwarzweiss, bloss das Rot hätten Farbenblinde auch für ein Grün halten können.
Cay hatte nur noch Augen für sein zuckersüsses Eis.
Da stellte Papa zum letzten Mal an seinem Sonntag mit Wehmutsblicken auf seine Uhr und auf den finsteren Himmel fest, es wäre spät, fast schon zu spät. In Berlin würde es bald dunkel, und auch in ganz Europa gingen überall die Lichter aus.
2
Bei Licht besehen, war Cays Leben so klein, dass es in seine eigenen vier Wände passte, welche die sonderbare Welt mit einer Handvoll dicker Bücher aussperrten, die als billige Occasionen so gebraucht aussahen wie der Wedding. Nur Papas Altes Testament war neu und ein Geschenk. Er hatte wieder nichts Gutes geträumt, als nachts schwere Gewitter die Hitze des Tages aus der Reinickendorferstrasse gefegt hatten. Die Sonne hatte geglüht, und Cay schien sie diesen Sommer 1914 dunkelrot. Sein Kopf war so zerzaust wie Berlin. Draussen brannten noch die elektrischen Lichter, während Papas neuer Tag anbrach. Er schaute schon um diese Zeit auf seine Uhr und sprach stolz von Rädchen im Getriebe. Cay hatte nur ein einziges Wort übrig, es hiess Sand.
Sie sassen zu Tisch, der auf allen Vieren wackelte. Auch mit Papas «gutem Morgen!» war er nicht reich gedeckt. Statt Butter kam Schmalz auf das vierschrötige Brot von vorgestern, das von Papas Kiefer zermahlen wurde. Sein Kaffee hatte zum Frühstück geraucht, für den feinen Duft reichte es nicht, und für Tante Voss war es schon zu spät. So las er nur geistesabwesend im Kaffeesatz, was er nicht vergessen durfte, während Cay mechanisch kaute und an alles gedacht hatte. Etwas Tageslicht drängte mit feuchter Luft zum schmalen Fenster herein und mit ihr die erste Fliege, beflügelt vom Hunger. Sie liess Cays warme Lebensmilch überschwappen.
Die Sonne war im Wedding noch nirgends zu sehen, als auf der Reinickendorferstrasse auch an diesem Sonntag bereits der erste Vierbeiner seinem Ärger Luft machte. Irgendjemand schrie nach Ruhe.
Cay hatte bereits die gezählten Tage eines langen Hundelebens hinter sich. Dreitausendachthundertneununddreissig. Wie im Zuchthaus. Er kam auf 11 Jahre, 8 Monate und 29 Tage. Darüber ging seine Genauigkeit verloren: Die Stunde, die ihm schon geschlagen hatte, als er erst geboren wurde, die konnte ihm niemand sagen, und sie stand auch nirgends geschrieben, gerade so, als hätte er gar nie in diese sonderbare Welt gehört, wo er die Gesetze der Natur besser verstand als die Normen der Menschen.
Er nannte sie die normale Welt.
Und in dieser normalen Welt der Menschen, die er nicht berechnen konnte, fühlte er sich verloren ohne Zahlen. Er zählte sie, er kürzte sie, er teilte sie, er vervielfachte sie, er bildete mit ihnen Quadrate, er zog ihre Wurzeln, ihre austauschbaren Platzhalter standen für X-beliebige Variablen unzählbarer Gleichungen, und übrig blieb am Ende immer diese eine Frage, warum der Mensch mehr sein sollte als die Summe seiner Einzelteile, wie Papa unerschütterlich irrational glaubte.
So hielt er in der normalen Welt an seinen rationalen Zahlen fest, als ein Student ohne Zukunft in Sarajevo 1914 Österreichs Zukunft auslöschen wollte. Am Feiertag der Serben, an dem sie eigentlich gar nichts zu feiern hatten, an dem ihnen 1389 die Türkensäbel auf die Köpfe gekracht waren und sie tief gespalten hatten. Ein Bosnier für Grossserbien? Einer für alle, nicht alle für einen. Wo kaum doppelt so viele Menschen verloren waren wie in Grossberlin? Grössenwahn war also keine deutsche Tugend. Papa hatte behauptet, der Balkan spräche eine Sprache, die Österreich nicht verstand.
Die normale Welt blieb eine sonderbare.
Tante Voss hatte die ganze Woche Schlagzeilen gemacht. Mit Sarajevo, wo jetzt Standrecht galt, als herrschte mit ihm die Gerechtigkeit. Von Wien, wo auf der Strasse Serbiens Fahnen verbrannten, aber keine Gefangenen gemacht wurden. Von Sankt Petersburg, wo Väterchen Zar sich als Vater aller Slawen vor die Serben stellte. Von der Wutprobe, die Österreich für Berlin zu bestehen hatte, als hätte es vor aller Welt ein frech gewordenes Strassenvolk zu züchtigen. Und vom Deutschen Kaiserreich, das sich ebenso wie diese sterbenskranke Donaumonarchie von Feinden umzingelt mit ihr verbunden sah.
Irgendwo über Papas Kopf knirschte Holz im Gebälk. Papa dachte wie immer nach Plan, schenkte sich zur Nachhilfe Kaffee aus der zerbeulten Kanne, während Cay einer der ersten Strassenbahnen zuhörte und aus dem Fenster sah, wie das Morgengrauen langsam im Morgenrot versank.
Bis Papa sagte, jetzt wäre der neue Tag in Angriff zu nehmen und Cay versuchte, sich den Krieg als Chamäleon vorzustellen, weshalb er in Europa längst ausgestorben wäre. Tante Voss hatte es von Carl von Clausewitz abgeschrieben, der zu wissen schien, wie Krieg ging.
Papa führte ihn gegen die «Zeit!», in der Cay die Küche «auf Vordermann» zu bringen hatte, während Papa im Wohnzimmer den kantigen Lederkoffer festschnallte. Das Badezimmer wurde geteilt, die Meinung darüber nicht. Dann ging er «los!», der «Urlaub!», der wie ein scheuer Schlachtruf klang. Kohldunst begleitete sie auf dem langen Gang zur Treppe, wo der nackten Glühbirne der Lebensfaden gerissen und Papa in Eile war. Irgendwo wurde bereits laut geflucht, eine Berliner Schnauze hatte sie voll und die Familie satt, Papa die Stimme des Proletariats, das Karl Marx aus dem alten Rom abgestaubt hatte.
Noch war es nicht zu sehen auf dem glitschigen Pflaster der Reinickendorferstrasse, wo Papa behauptete, den Fahrplan im Kopf zu haben und die Strassenbahn würde zum Bahnhof Friedrichstrasse gehen, als hätte er das Rad neu erfinden müssen. Neu erfunden hatte sich das Deutsche Reich, mit Krieg, und für seinen Sieg Heil über Österreich und Frankreich stand zwei Jahre vor Papa die Siegessäule aufrecht, die nun hinter dem Reichstag vor seinen dunklen Augen verschwand.
«Endstation!» Brandenburger Tor.
Die Berliner Pracht begann ohne Ouvertüre. Sie war wie dieser Brocken Französisch eine von Papas Eigenarten, die seinen Urlaub vor dem ersten Zug eröffneten: Jedes Jahr vor der grossen Fahrt schritt er die Linden ab, als hätte er die Parade abgenommen, und vor seiner geliebten Victoria bog er gestochen scharf nach links in die Friedrichstrasse stracks zum Bahnhof, an dem sie fast vorbei gefahren waren. Auf dem Pariser Platz sprach er noch vom «Ferienspaziergang», Cay hiess ihn schon «Marschmarsch».
Hier, wo vor den Botschaften der Grossmächte die Wachen stolzierten und Berlin sich noch wichtiger nahm, als es war.
Hier, wo Papa den Wedding mit Tante Voss im Arm vergessen und Cay sich an den Farben der Blumen nicht satt sehen konnte, weil er Papa nicht verlieren durfte.
Cay rief zum «Marsch auf Berlin!».
Aber Papa war weit weg und hörte ihn wieder nicht. Als vor dem Hotel Adlon ein Omnibus in Fahrt kam und wegelagernde Touristen in dichten Rauch hüllte. Als er sich verzog, war die Mittelpromenade der Linden gesäumt von Parkbänken, auf deren kühlem Metall Frühaufsteher in Sonntagsverkleidung Platz genommen hatten. Glühbirnen hingen wie dicke Spinnen in der Luft an einem Netz aus Elektrokabeln. Ein Vierbeiner schnüffelte an Dingen, die sein Frauchen nicht riechen konnte und steckte sein Revier mit Duftmarken ab, wo zu Herrchens Füssen feines Pflaster lag. Werbepropaganda aller Couleur wickelte Litfasssäulen ein. Und was ganz Berlin fehlte, verkündeten Standuhren schwarz auf weiss.
Es war Papas «Zeit!».
Zwei Damen waren guter Hoffnung und wedelten mit ihren Fächern, als sie in Wallung gerieten. Tante Voss hatte am Abend von neuen Rekorden wissen wollen. Der Juli war erst ein paar Tage alt und bereits so heiss wie seit Jahren nicht mehr, und die Schulzimmer lagen endlich hinter Schloss und Riegel. Danach, so Tante Voss, wären die Beurlaubten wie Heuschreckenschwärme mit ihren Koffern über Berlin und seine Bahnhöfe hergefallen. Andere hätten die Spree bis in die Dunkelheit belagert und die Seebäder vor der Stadt übervölkert. Und an der Reinickendorferstrasse hatte der Asphalt unter Cays Fusssohlen gebrannt.
Jetzt boten Fahrer mit poliertem Lächeln ihre glänzenden Automobile zu ersten Rundfahrten feil, nachdem dem Schlachtvieh die Stunde geschlagen hatte. Rohes Fleisch der Schlachterei Grossmann wurde für den Sonntagsbraten über die Fahrbahn gekarrt, wo ein Pferdepaar mit Scheuklappen vor einer Droschke stand, aus der man bedächtig auf das Leben hinter sich schaute. Aus allen Rohren feuerten Karossen Fehlzündungen, und auf den Gehsteigen dampften der Sprachenschmelztiegel und Papa.
«Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!»
Wie immer, wenn Papa vor Lebensweisheit sprühte, zog er seine Uhr zu Rate und las aus seiner Hand. Den Standuhren wäre wie einst den Tugendwächtern nicht zu trauen. Sein pastellblaues Stofftaschentuch, skrupulös gefaltet, sollte helfen, kühlen Kopf zu bewahren. Cay trug ihn wie sein Lederköfferchen ein wenig schief, als wenn ihm beides zu schwer gewesen wäre.
«Hast du alles, mein Junge, was ich dir aufs Bett gelegt hatte?»
«Weshalb sollte mein Koffer sonst so schwer sein?» Der einäugige Teddy trug keine Schuld.
«Wegen dem roten Buch.»
«Wegen des roten Buches, Papa.» Würde er das je begreifen?
«Und was ist mit den Schmalzstullen für die lange Reise?»
«Hab ich.» Den Fenstersturz von Berlin hatten sie auf dem Küchenboden überstanden.
«Und die…?»
«Auch die.»
«Doktor Klaasens Pastillen?»
«Ja!» Sie hatten zerstreut im Bad gelegen.
«Hast du das Fenster in deinem Zimmer geschlossen?»
«Ja!»
«Bist du sicher, dass du es nicht vergessen hast?»
«Papa, ich vergesse nichts.» Es klang wie ein leiser Fluch.
«Hoffentlich habe ich nichts vergessen.» Papa drohte, sein Gedächtnis zu verlieren, das hinter ihm herhastete. «Papa, nicht so schnell!»
«Wir haben keine Zeit zu verlieren!» Papas lange Beine schwangen im Takt, den Cay nicht halten konnte.
«Wir können keine Zeit verlieren, Papa, weil wir nie welche haben.» Die Kluft zwischen ihnen wurde mit jedem Schritt grösser, bis Tante Voss zu Boden fiel und Cay eine Marschpause bekam.
Er sah in den azurblauen Himmel und war sich nicht ganz sicher, ob er ebenso unendlich sein konnte wie die Dummheit, der er jeden Tag in endloser Gestalt begegnete.
Mit «Beeilung!» ging es vorbei am Victoria Café, wo in Erinnerungen seine unvergesslichen Gerüche vorüberzogen. Vor den Cafés Kranzler und Bauer rüsteten die Besatzungen ihre Terrassen für die Mittagsschlacht; wie Brückenköpfe lagen sie links und rechts der Friedrichstrasse, welche die Linden durchkreuzte wie der zwielichtige Strassenhändler mit Kokain und Morphium die Sittengesetze des Kaiserreiches. Er verbeugte sich wie ein Verschwörer vor Papa und behauptete, er hätte Paris im Sack. Es war der Absinth, bitter und süss zugleich, der hinter Glas grün schillernd zum Vorschein kam und für Tante Voss in Weltstädten wie Paris, wo man zu leben wusste, so in Mode war wie hier Uniformen, Uniformen, Uniformen. Hier war Cay besser auf Draht und auf Zack, und man hatte sich zu grüssen.
Auf Berlins Anruch, der Friedrichstrasse, wo ein Mädchen keine Schuhe, aber eine Geige trug wie ihr Allerliebstes, das ihr geblieben war. Es sprach Jiddisch, und als Cay die betörende Stimme klagen hörte, trieb ihm der Strassenstaub Tränen in die Augen. Er war neben der Spur und sah die Menschen mit ihren Koffern rennen, als ob die Minute eine Mark kostete. An Arbeitstagen rettete sich hier, wer konnte, als rumorte auf der Strasse ein Teil jener Kraft, die stets das Gute wollte und doch nur stets das Böse schaffte.
Es war Papas Fortschritt.
Auf dem Bahnhofsvorplatz stand er still. Pferde liessen ungerührt Äpfel vor vollbepackten Automobilen fallen. Braune Äpfel, die von hungrigen Fliegen nach Nahrung abgetastet wurden und wie Pech am Lackschuh eines hüftsteifen Schwergewichts klebten, das mit seiner dicken Zigarre vollbeschäftigt war. Sie rauchte wie sein grosser Wagen, dessen Maschine jetzt hörbar die Luft abgedreht wurde. Cay ahnte nichts Gutes, als Papa bereits in der Halle stand und sein kalter Schweiss ausbrach.
Die Heuschreckenschwärme von Tante Voss waren hier. Sie fielen mit Sack und Pack über den Bahnhof her und überfüllten ihn mit säuerlichem Geruch. Und sie verbreiteten heisse Luft mit endlosen Wortfetzen aus Grossbuchstaben und Ausrufezeichen ohne Punkt und Komma. Es war die Warnung der sonderbaren Welt, die sich wieder um ihn zu drehen begann und in seinen Ohren dröhnte. Auf seinen Schultern lastete das Gewicht, als trüge er ein eisernes Kreuz.
Mit ihm kam der Frieden über ihn.
Dann sah er schwarz.
Und die sonderbare Welt war still.
Wie einen Hilferuf konnte Papa sie beinahe hören. Die neugierigen Blicke hinter seinem Rücken, Blicke, unter denen sein Junge den Menschen zu Füssen lag. «Mein Junge! Um Himmels Willen, was ist denn…?» Er kniete hin, während sich die feinere Gesellschaft vor ihm verbeugte, den lila Pompon wie eine Jagdtrophäe im Federschmuck, unter dem zum guten Ton das Doppelkinn gehörte, welches sich die armen Schlucker nicht leisten konnten. Sie fragte Papa, warum er seiner Prinzessin nicht mehr Kuchen zu essen gäbe.
«Bin ich im Himmel?» Als Cay zu sich kam, traute er seinen Augen alles zu. Der leichte Sommerhut umkreiste Papa wie ein Heiligenschein und verlieh ihm etwas von der Würde, die er gerne getragen hätte. Seine traurigen Augen gaben die Antwort. Es war für Papa nicht einfach mit seinem Jungen: Auf einmal wurde ihm das Leben zuviel. Es gab ihn, einen Tag wie diesen. Heute war ein solcher Tag. Papa durchsuchte das Köfferchen seines Jungen nach Doktor Klaasens Pastillen und sagte schon wieder, sie hätten keine Zeit, der er so Sorge trug, dass er sie nie hatte.
Cay hatte ohne sie wie jeden Schulmorgen jetzt aufzustehen. In der kleinen Warteschlange fehlte sie der vorlauten Dame, aus deren alter Schachtel die Sarotti-Schokolade tropfte, bis sie sich wortreich nach ihrem Rundreisebillett erkundigt hatte. Der Beamte in preussischer Uniform und Pagenhut gähnte gestenreich und konnte Papas Eilworte nicht verstehen. «Langsam, langsam, ick bin keen Telegraph. Erstmal heisst et Moin, Moin! Wohin soll et denn überhaupt jehn?»
«Königsberg! Aber schnell!»
«Königsberg?» Hinter dicken Brillengläsern bekam er grosse Augen. «Da müssen Sie aber verdammt schnell sein, juter Mann. Dafür isses kurz nach zehn schon fünf vor zwölf.» Er schüttelte den biederen Kopf und erzählte sich eine kurze Geschichte von Hasardeuren. Sie endete mit zwei Fahrkarten und einer «juten Reise».
An diesen Worten zweifelte Papa bereits, als vor 13 und nochmals 12 Stufen nach oben «zu den Bahnsteigen» stand, wo er von einer Schranke gestoppt wurde und ihm die Bahnsteigkarte vor den Fahrkarten aus der Hand fiel.
Dahinter lag die grosse weite Welt, und sie sah aus, als läge sie in Ketten. Der Eisenkoloss zischte und roch streng nach Lokomotive. Es war «D 1». So hiess der Schnellzug nach Königsberg.
Vor der Wagenschlange standen sich erschöpfte Kofferträger im Weg und erholten sich rauchend von der schweren Fracht, Berlins erste Klasse hatte es sich hinter Schaufenstern mit Chique und Cigarren im Plüsch bequem gemacht. Papa hatte sich endlich bis zur Holzklasse vorgekämpft, wo er kaum mehr aufrecht stehen konnte und «Gottseidank» Platz nehmen konnte auf der harten Bank. Auf dem Bahnsteig war der Zugführer mit signalroter Ledertasche in Alarmbereitschaft unterwegs und warf Tür um Tür zu jedem Abteil mit Schmiss ins Schloss. Ein Schaffner pfiff, Papa aus dem letzten Loch.
Er war ganz bei sich und hätte beinahe «mein Junge» vergessen, dessen Sturm im Kopf sich gelegt hatte, während er seinen Anzug auf Strassenstaub abklopfte. «Allet Jute», wünschte man sich ein Abteil weiter, und auch für «Hänschen im Glück!», der noch lauter hätte schreien können, als er zum Geburtstag mit der Dampfeisenbahn fuhr, das erste Mal.
Das erste Mal, das war auf dem Sommerfest gewesen, im Volkspark an der Prinzenallee im Wedding, 1913 oder vielleicht auch 1912, so genau nahm Papa es nicht mit den Zahlen seines Jungen. Er hatte ihn noch immer an eine andere Welt gewöhnen und wieder glauben wollen, er könnte mit ihm tun, wovon gewöhnliche Strassenjungen ihre Finger nicht lassen konnten. Es war ein Kinderspiel. Mit Achterbahnen und Kettenkarussellen und Kinderlachen. Bis alles sich nur um seinen Jungen gedreht und ganze Familien in Schaulust um seine Attraktion gestanden hatten. Umsonst hatte er «zu Hilfe!» gerufen, und Doktor Klaasen, der vor jeder Frage die Antwort kannte, wusste sich auch keinen Rat, was sein seltsamer Junge im Unbewussten verbarg.
Cay lehnte sich ans Fenster; es zitterte, als ein Ruck den Wagen erschütterte. Er dachte an den Tod. An das schwarze Loch, das er für jeden übrig hatte. Vor ihm waren sie endlich alle gleich. Der Tod war, was der Allmächtige niemals sein konnte: gerecht.
Er sah Frauen, die allein zurückblieben, und Kinder, die zum Abschied mechanisch winkten wie Puppen und an ihm vorüberzogen. Ein Trugbild, das ihn berührte, bevor die gläserne Bahnhofshalle sich seinem Blick entzog. Alles, was sich bewegte, verschwand mit jeder im Takt ausgestossenen Dampfwolke immer schneller, bis «Alexanderplatz» in der nächsten Bahnhofshalle stand, wo rauchende Köpfe mit ihrer Bagage viel Lärm um nichts machten. Die Gesellschaftsordnung ging verloren, Hänschen im Glück liess seine Rassel fallen, und die Ursache zeigte Wirkung, die man hören konnte. Schrille Töne, als sie Kreuzung um Kreuzung überfuhren, vorbei an Alt-Berlin und dem Krögel, wo die Gassen so eng standen, dass Buntwäsche zwischen den Mauern hing und im Schlesischen Bahnhof der Fahrplan aller Züge, die in den fernen Osten fuhren.
Noch war er in Berlin, und er schien zu wanken, im steinernen Kanal unter Mietskasernenwänden. Cay hörte Hänschen im Glück, dessen Mama ein Wiegenlied anstimmte, und Cay schloss die Augen, während er sich wie Schneewittchen in einem Sarg aus Glas fühlte, vor dem wie bewegte Bilder das bunte Leben vorüberzog.
Es war sein Traum, der immer wiederkam. Die Welt der Waffen, in der er sich verloren hatte. Im Krieg. Nicht in irgendeinem dunklen Hinterhof, wo es nach der Beute stets um die Wurst ging, für die das zu schöne Europa sich nicht zerfleischen wollte. Nein, er träumte von Grösserem. Er träumte vom Grossen Krieg. Und tags darauf wünschte er sich, es wäre Krieg, und keiner ginge hin. Der Traum blieb. Vielleicht hatte er einfach zu viel gelesen, über ihn, den Krieg, von dem die Geschichte ja voll war wie sein rotes Buch. Papa dachte so langsam über ihn nach, dass er ihm dabei zusehen konnte.
Und dabei verstand Papa nicht, wie gross sein Junge schon geworden war, der das Wachstum als Zeichen des Protests einstellen wollte.
Da hörte Cay zum dritten Mal, wie tief Hänschen im Glück ohne seine Rassel schlief. Nach seinen Bäuerchen wurden auch die Häuser kleiner, zwischen Vorstadthöfen lagen Biergärten und Wohnruinen, Kartoffelfelder an Kartoffelfelder, und Cay zählte Telegraphenmasten. Papa entblätterte Tante Voss, Seite für Seite. Auf Seite zwei stand die «Götterdämmerung im Theater des Westens» mit viel Beifall für das Schauspiel von Wagners Weltuntergang. Cay versuchte es noch einmal. «Wird es Krieg geben, Papa?»
Aber für Krieg hatte Papa kein offenes Ohr. «Krieg? Wie ich schon sagte: Die Serben haben so einiges auf dem Kerbholz. Ihnen sollte man endlich ein und für allemal das Handwerk legen. Österreich kennt schliesslich seine Pappenheimer.»
Ob Papa wusste, wovon er sprach? Es waren Sätze wie diese, die Cay Wort für Wort verstand. Das Kerbholz hatte im Mittelalter irgendwas mit seinen Zahlen zu tun. Und welches Handwerk? Und die Pappenheimer? Und was hatte das Österreich von heute mit damals zu tun? Es konnte sie gar nicht kennen, diese Pappenheimer, die für Habsburgs Kaiser im Dreissigjährigen Krieg waren, der im roten Buch stand, das sein braunes Lederköfferchen so schwer machte. Jener Krieg, der für Papa bloss eine lange Vergangenheit hatte. Papa war Teil der sonderbaren Welt, und die sonderbare Welt hatte auch diese sonderbare Sprache. Es war eine Bildersprache, mit der sie in alten Sprachbildern von ihrer langen Geschichte erzählte, aber die Menschen hörten einander nicht zu. Denn sie wussten nicht, was sie sagten, wenn sie wie Papa jetzt kurzen Prozess machen wollten.
«Papa, mit ihrem Handwerk haben die Pappenheimer Magdeburg geschleift, das war vor fast dreihundert Jahren. Was hat das mit den Serben zu tun?»
Aber Papa war zu beschäftigt, Tante Voss zu verstehen. «Kannst du nicht einfach so reden, dass ich dich verstehen kann, mein Junge?»
«Nicht einfach? Der Krieg?»
Papa liess Tante Voss nicht aus den Augen. Dort stand der Krieg nirgends geschrieben, nur auf der Kehrseite «eine Mahnung an Serbien». Die grossen Augen seines Jungen verfolgten die Schlagzeilen von Seite eins, dort erzählte Doktor Oppenheimer, es war einmal «der menschenfreundliche Dollar». Papa sprach unscharf, seine Stimme verlor sich in abwesendem Gemurmel. «Das sind rationale Denker, Cay, keine Glücksritter, die Va banque spielen.
Nein, mein Junge, grosse Kriege gehören der Vergangenheit an wie die Pest.»
«Und wenn Krieg statt Pest die Cholera ist? Papa? Papa!»
Papa stellte Tante Voss wie eine Schutzmauer vor seinen Jungen. «Vergiss den Krieg. Kannst du nicht an etwas Schöneres denken?»
Cay dachte darüber nach, was denn nicht schöner sein konnte als Krieg.
Es war Papa, der ihm zu denken gab. «Meinetwegen an Omas Apfelkuchen. Oder an unseren Urlaub.» Seine Lokomotive hatte er vergessen, Cay erinnerte ihn daran. Es knisterte, Tante Voss stand zwischen ihnen. Cay sah wieder aus dem Fenster, wie er es in der Volksschule lange gelernt hatte.
Papa spiegelte sich darin.
Papa.
Seit klein hatte er zu malochen. Es begann in Hannover auf dem Bauernhof, wo seine Mutti nahe und der Herr Vater zu nahe war und die Hauptschule weit weg. Dann kam er unter die Erde, wo er «Junge!» für alles wurde. In den Zechen des Kohlenpotts. In Essen. Essen blieb immer knapp, Geld ohnehin, nur die Kohle nicht. Als Cay kam, sah und siegte, im Frust über die sonderbare Welt, da glaubte Papa den Versprechungen und zog mit Frau und Kind übers karge Land, bis nach Berlin, in den Wedding, wo blauäugige Kleinkinder wie die Fliegen starben und wo Menschentage gezählt waren und kein besseres Ende nahmen. In der Charité hatten sie alle weisse Westen und erklärten Papa «Tabula Rasa» und glaubten, sein Junge hätte schlechte Karten und kein leichtes Spiel. Ziffer um Ziffer schrieben sie in sein unbeschriebenes Blatt, als wären sie mit Zahlen der Ursache seiner Lebensschwäche auf der Spur, deren Wirkung nichts als Zufall war. Papa glaubte nicht an Zufall. Ihn hatte das Schicksal zu Borsig geführt, wo er den Fortschritt sah. In der neuen Lokomotivfabrik in Tegel gab die Kohle endlich keine schwarzen Hände mehr. Der Fortschritt. Papa schaffte ihn. Weg von den Hallen der Dampfkessel, wo die Luft brannte. Er wollte nach oben. In eine neue Wohnung. Als Facharbeiter für Präzisionsteile. Der Wedding blieb, er war jetzt Papas Heimat. Tante Voss wurde seine Luxussünde, mit der er sein Minderwertigkeitsgefühl vertreiben wollte.
Er war bei ihren Kleinanzeigen angekommen.
Eines Tages, der zum Feierabend wurde, schleppte er den durchgescheuerten Lehnsessel an, der aus dunkelgrünem Samt und «gutem Hause» war. Er mochte bessere Zeiten gesehen haben, dort, wo man ihn nun so klein inserierte in Tante Voss, als hätte man sich seinetwegen geschämt. Jeden Groschen hatte Papa für einen solchen vom Leben Gezeichneten gespart; auf «Eiland Lesewonne», wie er ihn mit seiner vollen Kaffeetasse aus Versehen taufte, las er im Lichtkegel der nackten Glühbirne, die ihn erhellte, Berlins älteste Zeitung, für seinen Jungen «Tante Voss», die zur Stadt gehörte wie das Brandenburger Tor. Hochkarätig wie das liberale Bürgertum. Nicht wie Papa. Nicht einmal den Ausverkauf der Sommerkonfektionen konnte er sich leisten, für die Wertheim, KaDeWe und Tietz und Co Billigpropaganda machten. Ein Blatt Papier, das wie eine Konkubine in den Wedding passte, wo sich Otto Hintz und Gustav Kuntz bei den wegelagernden Zeitungsjungen die «B.Z. am Mittag» wie eine Krankheit holten und sich nicht um ihre Wahrheit scherten, die sie sich ohnehin nicht leisten konnte. Odilo Lüdke von gegenüber hatte Papa in flagranti erwischt mit Tante Voss im Arm, und seither war der feine Herr im Haus der Treppenwitz. Und sein Junge wurde zum Gespött, mit dem die Strassenkinder wie Papageien das Geläster der Alten nachkrächzten und mit Berliner Schnauzen auf ihm, dem Landei, herumhackten, das nicht ihre Sprache sprach. Sein Junge brachte es zuhause nicht auf den Tisch, wo nicht nur der Suppe das Fleisch am Knochen fehlte.
Papa übersah soeben die Todesnachrichten wie Kleingedrucktes, Cay stellte sich die Lebensgeschichten jeden Tag vor. Er sah Mama. Papa waren Erinnerungen geblieben, ihm nicht eine einzige Fotografie. Er fürchtete, er würde bald ihr Gesicht verlieren.
Nach bald 6 Jahren.
Es war Sommer gewesen, sein erster Schultag bereits ein böser Traum. Die schwache Uhr war stehengeblieben. Um Punkt 12. Es war ein Zeichen. Sie hatte wie ein altes Herz in der Küche geschlagen, als hätte sie ihm dort die Vergänglichkeit des Lebens vor Augen führen sollen. Mamas selbstbemalte Emailletassen und die Suppenlöffel hingen an Haken, daneben die Putzlappen über gespannte Wäscheleinen, der Verputz bröckelte. Regentropfen klopften an die gebrechlichen Fensterflügel und bahnten sich ein Rinnsal auf den Sims, wo ein Waschlappen sie abfing. Mama stand am Herd aus Stein und rührte die Holzkelle im Topf, während die Suppe rauchte und in der Bratpfanne die krosse Kartoffelkruste den fehlenden Braten nicht fett machen konnte.
Dann kam Mamas Hustenanfall. Und mit ihm auf einmal ganz viel Rot, das sie noch nie auf ihren Lippen trug. Das sie bislang vor ihm weggewischt hatte, indem sie sich hastig über den Mund fuhr. Aber jetzt konnte sie nicht mehr. Sie kauerte vor dem Herd und rang mit sich, als sei ihr eigenes Kind ihr fremd. Goldenes Engelshaar strich ihr über die Schultern. Cay sah zu.
Noch am Nachmittag kamen Papa und Doktor Klaasen und die Tage im Krankenhaus, wo alle Wände und die Schwestern und die Betten und selbst die Götter in Weiss bleich waren. Cay musste im Wartezimmer zum Himmel sein; er sprach über ihn. Mit seinem Schutzengel und dem einäugigen Teddy, den Oma nur für ihn gemacht hatte. Sein zweites Glasauge hatte er schon lange verloren. Wann Mama wieder gesund werden würde, wollte Cay von ihm wissen. Der Engel schwieg.
Mama wurde nicht mehr gesund. Mama redete kaum noch, und wenn, dann nur im Fiebertraum. Sie weinte nicht einmal mehr. Er wusste nicht, ob sie Papa überhaupt noch hörte, wenn sie mit geweiteten Augen aus dem Fenster auf die Spree sah, während Cay auf einem Stuhl an ihrer Seite sass, als hätte ihn alle Welt verlassen. Er war ihr nie so nahe gekommen.
An einem Samstag im goldenen Oktober verliess ihn Mama. Sie starb an Tuberkulose. Nie würde er dieses Wort vergessen. «Schwindsucht» sagten sie zu ihr, das war einfacher zu verstehen auf dem Flur an der Reinickendorferstrasse, und jeder kannte sie. Es war an einem klirrend klaren Morgen gewesen, Cay konnte seinen eigenen Atem wie den Rauch der Schornsteine sehen. Papa hatte ihn so fest an der Hand gehalten, dass sie ebenso kalt wurde wie die seine. Sie kamen wie jeden Tag vom Krankenhaus im Moabit, zwischen seinen zähen Schuhen raschelten die Herbstblätter, die in schönen Farben verwelkten. Als sie heute bei Mama waren, war sie eingeschlafen. Papa hatte mit verglastem Blick vor ihm gestanden und «für immer» geflüstert, so leise, dass diese beiden Worte in seinen Ohren dröhnten.
Cay wusste, was das hiess.
Für immer. Für immer? Immer? Aber was hiess das überhaupt: immer? Was war das für ein sonderbares Wort! Gab es denn nie ein Ende von immer, war das unendlich, blieb das Immer für immer? Immer? Ja, immer! Davor und danach gab es kein Zurück. Immer drehte sich immerzu im Kreis, der Himmel über ihm machte es nach.
Danach hatte er alles wissen wollen über das Sterben und den Tod danach, ein Wort wie ein Spuk, kurz und endgültig. Tot liess sich sogar einfach umkehren, er konnte es drehen und wenden, wie er wollte. Es kam immer auf dasselbe hinaus. Tot blieb tot und Mama für Papa im Himmel, den er noch nie gesehen hatte, und für mehr fehlten Papa die Worte.
Draussen wechselten Felder ständig die Farben wie Menschen ihre Kleider; sonst sahen sie sich alle gleich. Sie waren auf die Sümpfe gefolgt. Irgendwo nach Pommern, hinter Küstrin, wo der Alte Fritz als junger Prinz das erste Mal die Todesstrafe am eigenen Leib erlebt hatte, als sein Jugendfreund Katte für ihn hingerichtet wurde. Papa wusste nichts davon. Im Niemandsland. Dort standen sie jetzt. Und rechts der Bahnhofsklotz von Schneidemühl wie eine Burg mit vier Wehrtürmen, in seinem Schatten lediglich ein schmales Dach über dem Bahnsteig, und Laternenpfosten wie zum Spalier. Über ihnen schüttere Wolken in Fetzen. Sack und Pack wurden verladen, quengelnde Kinder hinterher. Ihr Wagen ächzte, ruckte vor und zurück. Papa wusste warum, Cay auch: Papa erklärte es jedes Jahr: Die Lokomotive wurde gewechselt, als wäre sie ein müdes Ross. Dampfschwaden zogen vorbei, Cay fühlte sich vom leichten Schlaf noch leicht benebelt. Schaffner rannten schon wieder, einer pfiff.
Sie hatten Berlin weit hinter sich gelassen. Berlin? Noch so ein seltsames Wort. Wie tot. Er dachte nach über seine Stadt, in der er nicht zuhause war. Als er noch kleiner war, da glaubte er, sie würde vom Bären abstammen, heute wusste er auch das besser: Ihr Name hatte im Mittelalter für den Ort im Sumpf gestanden. Wie eine Wahrsage. Hätte man Berlin vielleicht besser zurückgedreht? Buchstabe für Buchstabe? Und zu Nilreb gemacht? Wäre es heute anders? Kleiner, unbedeutender, weniger marktschreierisch, nicht so überdreht, ohne Wucht und Kanten und ohne Zackzack und Marschmarsch? Ohne Berliner Schnauzen, die stets etwas nach Theater klangen, auch wenn es nichts zu lachen gab? Dafür sagenumwobener, funkelnder, orientalischer – so wie der Nil in seiner Fantasie? Aber sie hiess nunmal Berlin und nicht Nilreb, und statt vom Spree-Athen redete Papa neuerdings vom Spree-Chicago, in dem Krane wie einarmige Ungeheuer zum Fürchten herumstanden. Sie waren Papas Fortschritt und bauten für die Steinzeit. Alle wollten nach oben, aber im Himmel gab es keinen Platz. Der Kaiser versprach ihn auf Erden. In seiner Stadt sah Cay nicht nur die Soldaten marschieren.
Auf Kommando verliessen sie Schneidemühl. Sie rollten aus dem Niemandsland. Cay fielen die Augen wieder zu. In seinen Träumen griff keiner nach den Sternen. Bahnhöfe standen im Mittelpunkt. Züge fuhren ein, und Züge fuhren aus. Er wusste nicht, welcher seiner war. Und sass schon im Wagen hinter Schloss und Riegel. Mama stieg ein. Sie streckte ihre weiche Hand nach ihm aus. Da wusste er nicht mehr weiter.
«Wach auf, mein Junge, wir sind gleich da!»
Papas sanfte Stimme kam Hänschen im Glück zuvor.
Lange Schatten legten sich schon über Cays Gesicht, als sie auf den Bahntrassen gerade wie auf Schienen durch die Vororte Königsbergs fuhren. Papa kämpfte mit dem Fenster, das sich gegen ihn sperrte, und ein Monument aus Stein versperrte Cay die Sicht.
Der Ostbahnhof war ein Kraftwerk aus Rundbögen, Arkade und Säulengang. Für Papa gingen die Uhren hier anders als in Berlin, und selbst die abgestandene Luft des lauen Abends hatte sich nicht aufgeheizt. Der feine Staub roch nach Stein, Alter und Muff, wie wenn man im Wagen der Reichsbahn in das alte Rom gerollt wäre statt mitten hinein in Ostpreussens Hauptstadt. Der Bahnsteig lag verlassen im Dämmerlicht, nachdem die Schwärme wieder wie Heuschrecken mit ihrer gefrässigen Brut und mit Hänschen im Glück in seinem Streitwagen über ihn hergefallen waren und die erste Klasse eine Horde Gepäckträger übrigliess, die von Beamten herumgescheucht wurde. Bevor man sich um die kleine schwarze Lokomotive mit den roten Riesenrädern kümmerte, die jetzt vor ihren Wagen gespannt wurde, und schon redete Papa wieder von seiner Leidenschaft.
Als sie Königsberg verliessen, liessen sie mit der Aussicht auf die alte Festung auch den Schnellzug D 1 hinter sich, Papas Fortschritt, der nicht aufzuhalten war. Er ging streng nach Fahrplan.
Mit ihm brach der Abend an und Cay die letzte Schmalzstulle; ausser Kornfeldern im Takt war nichts zu sehen. Die Sonne färbte sich dunkelrot, und Cay hatte an der Stulle und der Götterdämmerung zu kauen, dieses eine Wort, das ihn nicht mehr losliess, als kündigte es den letzten schönen Sommer einer untergehenden Zeit an, die in der Glut des Horizonts versank.
Als Memel dort auftauchte, fiel das letzte Licht wie ein dunkler Vorhang. Der Bahnhof stand ganz im Freien, wie ausgesetzt im Schatten vor den ersten Häusern, die nicht wie Uniformen in Berlin gebaut wurden und keine fünf Stöcke trugen. Oma Buttgereit winkte mit ihren langen Armen, die aussahen wie Windmühlenflügel, für Papa war es ein Zeichen der «stoischen Gelassenheit», für deren Sturheit die Menschen hier bei ihm berüchtigt waren und die ihn in die «Arme des Wahnsinns» treiben konnte. Sie waren ausgebreitet und hätten Platz für Papa und seinen Jungen geboten.
«Kinder!» So hatte Oma Buttgereit sie früher alle genannt: Papa, Mama, Cay.
Ihr zum Zopf geflochtener Kranz hatte nur wenig an dunkelbraunem Glanz eingebüsst, und mit den feinen Fältchen trug sie die Spuren des Lebens wie die Schönheit ihres Gesichts mit einfacher Würde. Sie war diesen einen Ticken länger als Papa, sodass er sich wieder vergeblich streckte, und sie sprach ein seltsam «scheenes» Deutsch, und ihr «Jung!», der sich zierte, hiess «Kei!». Nur Papas Maria blieb Maria, auch wenn sie bei einigen Alten noch immer «die Witwe Buttgereit» war, als müssten sie sich erst langsam daran gewöhnen, was vor über 40 Jahren mit ihrem Knut geschah. Er wurde zum Helden gemacht im letzten Krieg gegen Frankreich. Einmal in seinem Leben hatte er Memel verlassen müssen. Es brach ihm das Herz. Eine Kugel traf mitten hinein. Paris sehen und sterben. Ganz so weit war er nicht gekommen, Sedan war sein Schicksal. Oma Buttgereit blieben Mama und das neugeborene Deutsche Kaiserreich.
Ihre Seele konnte keine Narbe tragen, nur die Wunden nähte sie: mit Kleidern, Decken, Vorhängen, Socken, Sonntagsanzügen und wusste der liebe Gott, womit noch. Der alte Adel hatte Geld, das Volk zahlte mit Schinken, Speck oder Selbstgebranntem. Und Kowalski, ihr «lieber Nachbar», mit dem Fuhrwerk und dem betagten Ackergaul. Wie heute. Wie jedes Mal, wenn sie beide gebraucht hatte. Wie so viel mehr, was er ihr hätte geben können, wenn sie Kowalski denn nur ein einziges Mal danach gefragt hätte in all den Jahren.
«Nuscht.» Das Wort, das ihr so oft über die von der Sonne gezeichneten Lippen kam, gab es bei ihr sonst nicht. Sie packte Papas Koffer, ihm blieb das Nachsehen. Früher, als ihr Leben noch fast heil war, da war sie Lehrerin gewesen und Knut stolz auf sie. Handarbeit. Etwas anderes als hartes Handwerk zählte hier nicht. Mit drei Kindern und lebenslangem Trauerflor als Kopfbedeckung. Mama, ihre «Kleene», war tot und Oma Buttgereit daran beinahe zugrunde gegangen. Sie hatte lange mit dem Herrgott gehadert, mittlerweile hatte sie Frieden mit ihm gemacht. Und mit ihrem «Steppke», der geglaubt hatte, Amerika wäre das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, während ihr Ältester zum Teufel und zur Ostsee fuhr und weit darüber hinaus. So war Papas Junge ihr einziges Kind geblieben, dem sie ihr letztes Hemd geschenkt hätte.
«Mein lieber Jung!», dem sie jetzt wieder gerne über das mädchenhaft zarte Gesicht gestrichen und seinem Schmollmund ihre ganze Liebe aufgedrückt hätte. Wenigstens durfte sie ihm die Mark in die Hosentasche stecken, ein Stück Geld, das er in der fremden Welt Berlin besser gebrauchen konnte als sie, der es hier an der Ostsee an nichts fehlte.
Von dort blies Cay der Wind ins Gesicht, als ihn die Dunkelheit zudeckte. Er machte sich auf Kowalskis Klapperwagen noch kleiner, als er war und presste die Lippen zusammen, während Papa viel zu sagen hatte und Oma Buttgereit mit einsilbigen Worten immer wieder den müden Gaul antrieb, der den Heimweg auch allein gefunden hätte.
Ihre gute Stube aus morschem Holz lag über Bodenwellen hinter kleinen Fenstern. Auf dem Eichentisch stand der klare Korn und davor die dicke rote Kerze, deren Flamme um den Docht tanzte und den Familienschatten aus 3 Gespenstern an die Wand malte. Daneben hing etwas schräg noch immer dasselbe alte Bild: Oma Buttgereit wie eine Turmgestalt, um sie herum eine Schar Mädchen mit scheuen Blicken, mit denen sie nicht wussten, wohin.
Papa hatte noch immer viel zu sagen über seinen Fortschritt, von dem er sich nicht aufhalten liess, und der starke Alkohol, den er nicht gewohnt war, half nicht, seinen Wortfluss zu versiegen. Oma goss sich einen doppelten Korn ein. Das hier war ihre Welt, Papas Lichtspieltheater nichts als Kasperltheater. Und sein Telefon, Papas Wunderwerk der Technik, das er sich nie würde leisten können, verbreitete mit seinen Neuigkeiten nichts als schlechte Nachrichten. Sie verstand nicht, wozu ein solcher Fortschritt gut sein sollte. Für Oma war Fortschritt, wenn die Pferde Futter zu Äpfeln verarbeiteten, die sie hinter sich liessen, wo sich Schmeissfliegen auf sie stürzten wie auf jeden Mist. Pferde würde es immer geben, aber Papas stinkende Automobile hätten keine Zukunft. Diese Wagen wären keine Fahrzeuge, sie würden immer und überall nur im Weg stehen oder wie tot herumliegen. Das war ihr letztes Wort, Cay hatte seines wie das «Amen» in der Kirche.
Draussen brannten Sterne in tiefer Nacht. Cay fühlte sich, als ob es tausend Sterne gäbe und hinter tausend Sternen keine Welt. Er sah tief in die Vergangenheit. Und fühlte die Kälte, als er sich überwand und sich am Ziehbrunnen das Gesicht wusch. Das klare Wasser schmeckte. Es war frisch.
«Ist Gottes Schöpfung nicht ein Wunder?» Papa stand ohne Vorwarnung neben ihm, hielt den Holzeimer hoch und den Kopf unbewegt unter das Rinnsal. Ein Wunder? Papa glaubte an Wunder und schien sich nie zu fragen, warum im Himmel wie auch auf Erden überhaupt irgendetwas war und nicht einfach auf immer und ewig nichts. Hatte Gott nichts zu tun gehabt?
Papa schöpfte erst Wasser nach und dann Verdacht. «Ist etwas?»
«Nein, es ist nichts.» Cay wusste, dass Papa sich nichts daraus machte.
«Ich sehe doch, dass du etwas auf dem Herzen hast.»
«Warum sind wir hier?»
Papa klärte erst den vom Wasser getrübten Blick. «Weil wir Urlaub haben.»
«Ich weiss, Papa. Aber warum gibt es das alles überhaupt: das Weltall, seine Sterne, unsere Sonne, ihr Licht, seine Farben, unsere Gedanken, dich und mich?»
Jetzt sah Papa wieder klar. «Weil Gott in seiner unermesslichen Güte und Grösse und Weisheit das alles geschaffen hat. Er ist der Allmächtige.»
Es machte keinen Sinn. «Und wenn es Gott den Allmächtigen gar nicht gibt?»
Papa stand zu befürchten, dass das schon wieder losging mit seinem Jungen. «Aber mein Junge. Wer sonst sollte denn all das Schöne auf Erden erschaffen haben?» Er breitete seine Arme aus und trocknete sie an einer dicken Decke, die über dem Abgrund des Brunnens hing.
«Und die Tiere, die einander auffressen Tag für Tag von früh bis spät und von gross bis klein?» Cay fror bei diesem Gedanken.
«Um Gottes Willen! Mein Junge. Das sind wilde Tiere, keine Menschen.»
Irgendwo jaulte ein Hund. Dann war es wieder still.
«Und das Böse um Gottes Willen, Papa? All die Kriege in Gottes Namen? Den Teufel gibt es vielleicht ebenso wenig, aber in den Menschen scheint er zuhause zu sein.» Wie im Volkslehrer, der sein böses Lächeln und beinahe dessen Namen trug.
Papas Stimme wand sich. «Das Böse ist nur wie die Dunkelheit ein Mangel an Licht.»
Cay blickte zum Himmel und sah schwarz. «Es ist nicht Gott, der über uns herrscht, Papa. Es ist der Zufall. Wenn du Mama nicht getroffen hättest, dann wäre ich jetzt nicht hier.»
«Das war kein Zufall, das war Schicksal.»
Für Cay blieb das Schicksal Zufall, Papa verstand ihn nicht. Der Zufall machte die sonderbare Welt unberechenbar.
Papa seufzte. «Grüble nicht schon wieder über mehr Dinge zwischen Himmel und Erde nach, als unsere Volksschulweisheit sich träumen lässt. Gott weiss schon, was er tut. Du musst ihm nur vertrauen.»
«Na dann: gute Nacht, Papa.»
«Gute Nacht, mein Junge, schlaf gut und träum was Schönes.»
Das tat er nie, aber woher sollte Papa das wissen. In seiner Kammer blies Cay der Kerze das Licht aus und machte sich so lang und breit, wie es für ihn ging. Papa hatte zum Schluss gesagt, es wäre ein langer Tag gewesen, Cay zählte immer 24 Stunden.
Das Sirren, das ihn dabei störte, war so hoch, dass es sich in sein Gehör frass. Mit Streichhölzern brachte er Licht ins Dunkel, nun blies er den Stechmücken das Licht aus und träumte von Sokrates, über den Tante Voss die Geschichte erzählt hatte, wie er mit spitzen Fragen Athens Bürgern, die es sich bequem gemacht hatten, ins Fleisch stach.
Als er aufwachte, brannte kein Licht, aber seine Haut, die juckte. Er dachte an Totenstille. An Träume war nicht mehr zu denken. Mama geriet in sie. Sie lebte. Im Nichts, dort, wo sie sich trafen und er mit ihr reden konnte. Sie hatte kein Gesicht. Er wollte es berühren, und Mama sagte, sie wäre seinetwegen gestorben. Sie wünschte ihm Lebewohl. Dann streckte sie die Hand nach ihm aus und verschwand langsam im Nichts. So blieb er sich selber seltsam fremd und wusste nicht, ob er sich hassen sollte. Ein Hahn krähte danach und erlöste ihn.
Das Sonnenlicht ergoss sich wie Blei auf ihn, Staubkörnchen tanzten darin.
3
Als er Irma in diesem hellen Licht sah, da stand die Sonne bereits im Zenit und er sich selbst im Weg. Er kannte Irma, sie hatte letztes Jahr mit ihm geredet, als wäre es die normalste Sache der sonderbaren Welt. Sie war damals dreizehn, er scheu, und heute kam ihm der Zufall dazwischen.
Hufeisen klapperten auf der trockenen Naturstrasse. In Berlin brachten sie ihm nie Glück, hier wirbelten sie Staub auf. Irma sass hoch zu Ross, Cay versteckte sich auf der Holzbank vor der Sonne. Er hielt sein rotes Buch vor sich, als hätte er es beschützen müssen, aber eigentlich war es genau umgekehrt. Er konnte nichts davon vergessen. Bei Irma hatte sich ein schnippisches Wort an das andere gereiht, und ihre Reithandschuhe trug sie bloss zur Fehde, wozu sie auch noch gelacht hatte wie über einen schlechten Scherz.
Cay konnte ihre Welt nicht fassen, sie lag hinter Schloss und vielen Riegeln und war viel grösser, als er sich eine solche Welt je hätte vorstellen können. Irma sagte, sie bestünde bloss aus viel Geld. Sie machte sich nichts aus Reichtum. Seine Herrscher lebten wie Feudalherren, im Mittelpunkt das Schloss, wo Irmas Mutter das Regiment führte, während ihr Vater als Oberst im Kaiserlichen Heer das Kommando über eines der Kavallerie hatte, welches seinen Adelstitel trug. Oma Buttgereit sagte ihnen dunkelblaues Blut nach, sie trugen von und zu im Namen, und die Grenzen der Reitställe reichten bis an die Ostsee.
