Herz zu Asche - Kathrin Lange - E-Book

Herz zu Asche E-Book

Kathrin Lange

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Beschreibung

Juli kann es kaum fassen: Charlie ist am Leben! Endlich braucht David sich nicht länger zu quälen. Endlich kann Juli mit ihm glücklich werden. Doch Charlie setzt alles daran, David zurückzuerobern. Und auch der Geist von Madeleine Bower treibt Juli mehr und mehr in die Verzweiflung. David sieht nur eine Möglichkeit, seine Freundin zu schützen: Er muss sie verlassen. Aber Julis Visionen werden immer düsterer und so beschließt sie, dem Fluch für immer ein Ende zu setzen - auch wenn sie dafür opfern muss, was sie am meisten liebt …

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Kathrin Lange

Herz zu Asche

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Für Stefan. Not once. Now.

1. Auflage 2015 © 2015 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Covergestaltung: Frauke Schneider ISBN 978-3-401-80477-4

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Last night she came to me, my dead love came in. So softly she came that her feet made no din. As she laid her hand on me, and this she did say: »It will not be long, love, ’til our wedding day.«

(She moved through the Fair, Charlies Version)

1

W as ist es für ein Gefühl, wenn alles, was du zu wissen glaubst, von einem Moment auf den anderen zu Staub zerfällt?

Wenn Dinge, die dir Angst gemacht haben, plötzlich nicht mehr gelten. Weil plötzlich alles noch viel schlimmer ist, als du es dir selbst in deinen unheimlichsten Albträumen jemals hättest ausmalen können.

Heute frage ich mich manchmal, warum ich in diesem Augenblick, als wir alle zusammen dort oben auf der Klippe standen, nicht meinen Mut zusammengenommen habe. Ich hätte schon an diesem Tag einfach in die Tiefe springen sollen. Der Impuls war da, das muss ich zugeben.

Aber ich war zu feige dazu.

Dumm?

Auf jeden Fall hätte es mir eine Menge Leid erspart, wenn ich tatsächlich gesprungen wäre. Und einigen Menschen, die ich liebte, auch …

»Hallo, David«, sagte Charlie.

Einfach nur diese zwei Worte, als sei es das Normalste der Welt. Als hätten wir alle sie nicht seit Monaten für tot gehalten.

Und nun stand sie da, auf den Klippen von Gay Head, während sich weit draußen auf dem Meer dicke Wolkenberge vor der Sonne türmten. Sie hatte die Arme um ihren Oberkörper geschlungen, wie um sich vor einem kommenden Sturm zu schützen. Sie trug nicht das rote Kleid, in dem ich sie in meinen Träumen immer gesehen hatte, sondern ausgebleichte, zweimal umgekrempelte Jeans und ein knappes T-Shirt. Mein Blick blieb an ihren eleganten, hochhackigen Pumps hängen und sonderbarerweise waren die es, die mir klarmachten, dass sie kein Geist war.

David fand als Erster von uns seine Stimme wieder. »Nein!«, wisperte er. Durch Walts Konfrontationstherapie war er sowieso schon blass gewesen, aber jetzt schien auch noch der allerletzte Tropfen Blut aus seinem Gesicht zu weichen. Fahl sah er aus. Wie tödlich verwundet, dachte ich und schämte mich nicht, weil es so melodramatisch klang. Die Situation war melodramatisch.

Und sie fühlte sich völlig irreal an.

David starrte Charlie ins Gesicht – er schwankte dabei. Wie wir alle sah er minutenlang einfach nur zu, wie der Wind mit ihren langen schwarzen Haaren spielte. Er wiegte den Oberkörper vor und zurück, vor und zurück und der Anblick sandte ein schmerzhaftes Brennen durch mein Herz. »Nein!«, wiederholte er.

Charlies Augen waren weit aufgerissen. Sie streckte die Hand nach David aus, aber sie war zu weit entfernt, sie konnte ihn nicht erreichen. Sie stand noch immer bei dem Findling neben dem Pfad.

»Nein!«, flüsterte David ein drittes Mal und jetzt wich er zurück.

»Charlie.« Auch Jason konnte nur flüstern. »Du … du lebst? Wie ist das …« Er stöhnte auf. Tief und qualvoll, sodass ich fürchtete, er würde einen neuen Herzinfarkt erleiden.

Walt hingegen wirkte ruhig, sehr ruhig. Wenn ich nicht so von der Rolle gewesen wäre, hätte ich ihn für seine Selbstbeherrschung vermutlich bewundert. »David«, mahnte er. »Nicht weitergehen!«

Seine Worte machten mir klar, dass David viel zu dicht am Abgrund stand. Die Felsen unter seinen Füßen knisterten bedrohlich, doch er schien es nicht wahrzunehmen. Noch immer starrte er Charlie an wie eine Erscheinung.

Walt packte ihn am Ellenbogen und zog ihn auf sicheren Boden.

Ich versuchte, Luft zu holen. Es ging nur mühsam. Mir war schwindelig. So schrecklich schwindelig.

»Charlie.« Davids Stimme kam wie aus einem tiefen Grab.

Charlie nickte. Sie atmete schnell und schwer und ich erinnere mich daran, dass ich mich wunderte, warum nicht auch sie blass war. Ihre Wangen hatten eine lebendige rosige Färbung, ihre Lippen ebenfalls.

Schließlich war es Miley, die mit ihrem trockenen und wütend klingenden Tonfall den Bann brach: »Ich fasse es einfach nicht!«

Plötzlich kam Leben in uns alle. David verschränkte die Hände im Nacken. Ich vermutete, dass er die Augen schloss, aber sehen konnte ich es nicht, weil er den Kopf senkte und seine Haare sein Gesicht verschatteten. Miley warf mir einen Blick zu. Ich schlug eine Hand vor den Mund.

Und Jason presste die geballte Faust auf sein Brustbein. »Warum lebst du?«

Mein Herz raste und ich konnte mir vorstellen, wie seines das ebenfalls tun musste.

Er und Charlie …

… ein Liebespaar …

Dieser Gedanke zuckte und wand sich in meinem Kopf, bis er meinen Verstand schließlich vollständig ausfüllte.

Charlie ignorierte Jason völlig. Ihre Augen schimmerten jetzt hell von unterdrückten Tränen.

»Es tut mir so leid«, murmelte sie.

Und genau in dem Moment, in dem David die Arme sinken ließ und zu ihr aufsah, brach sie filmreif zusammen.

»Charlie!«, schrie David und stürzte vorwärts. Mit wenigen langen Schritten war er bei ihr, warf sich neben ihr nieder, packte sie, zog sie an seine Brust. »Charlie!«

Ich stand stocksteif da und musste miterleben, wie er sie an sich drückte, wie er einen langen Schrei ausstieß, den ich nicht deuten konnte.

Vor meinem Blick verschwamm alles. Undeutlich nur sah ich, dass Walt sich neben David hinhockte und Charlie untersuchte. »Sie ist nur ohnmächtig, Junge.« Seine Stimme klang, als hätte ich Watte im Ohr. Er machte Anstalten, Charlie hochzuheben, aber David riss sie an sich und drehte den Oberkörper weg, um es zu verhindern.

»Nicht!«

Dann besann er sich.

»Ich trage sie selbst«, sagte er, hob sie auf den Arm und kam mühsam auf die Füße.

Jason wollte David zu Hilfe kommen. »Lass mich dir …«

»Fass sie nicht an!« Das erste Wort kam mit einem Zischen aus Davids Mund. Zornig und schmerzerfüllt zugleich funkelte er seinen Vater an.

Der wich betroffen zurück. »Ist ja schon gut! Schon gut!« Beschwichtigend hob er die Hände und ich sah, dass sie zitterten.

»Gehen wir.« Walt streckte die Hand aus, um David den Arm um die Schultern zu legen, aber auch das wehrte David ab. Schweigend wies Walt in Richtung Herrenhaus und dann machten er, Jason und David sich auf den Weg.

»Du liebe Güte!«, ächzte jemand. Ich wandte mich um. Es war Sheriff O’Donnell. Ich hatte völlig vergessen, dass er ja auch noch da war. Ratlos kratzte er sich am Kinn. »Ich sagte ja: Das tote Mädchen in Maine ist nicht Charlie.« Er starrte den dreien hinterher und sah zu, wie sie zwischen den Wacholderbüschen verschwanden. Dann erst erinnerte er sich an die beiden Waffen, die er noch immer in der Hand hielt: seine eigene und die, die Walt ihm gegeben hatte. Nachdem er seine Waffe mit einer geübten Bewegung ins Holster gesteckt hatte, klemmte er sich die von Walt in den Hosenbund. Schließlich warf er mir einen langen Blick zu und stiefelte hinter den anderen her.

Miley und ich waren die Letzten, die auf den Klippen zurückblieben.

»Tja«, meinte Miley. »Was sagt man dazu?«

Draußen auf dem Meer zuckte der erste Blitz nieder.

Seite an Seite stolperten wir hinter den anderen her, während der Wind weiter auffrischte und die ersten Donnerschläge über das Meer hallten. Der Himmel hatte mittlerweile die Farbe von Schwefel angenommen und Elektrizität lag in der Luft, die auf meinen Armen kribbelte.

»Warum ist sie ohnmächtig geworden?«, fragte Miley mich, kurz bevor wir die Männer eingeholt hatten. »Sie sah doch eigentlich ganz fit aus.«

Ich biss mir auf die Lippe, während ich Davids Rücken anstarrte. Charlies Kopf ruhte an seiner Schulter. Sie hielt die Augen geschlossen, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass sie wirklich ohnmächtig war. Sie wirkte eher wie eine dieser Ladys aus dem neunzehnten Jahrhundert, die eine Ohnmacht vortäuschten, um einen dramatischen Effekt zu erzielen. Wenn das wirklich der Fall war, dachte ich, dann war sie allerdings eine ziemlich gute Schauspielerin. Immerhin hatte sie Walt getäuscht.

»Tja«, murmelte ich nur, und als habe Charlie meinen Blick gespürt, schlug sie die Augen auf.

Über Davids Schulter hinweg sah sie mich direkt an.

Ich weiß, es klingt bescheuert, aber in diesem kurzen Augenblick, in dem unsere Blicke sich kreuzten, spürte ich bereits die Gefahr, die von ihr ausging. Da war etwas unterschwellig Bedrohliches an der Art, wie sie lächelte, gleichzeitig triumphierend und herausfordernd. Irgendwie kam sie mir vor wie eine schlanke, wunderschöne Katze, die es zuließ, dass man sie streichelte, insgeheim jedoch schon die Muskeln anspannte, um die Krallen auszufahren.

Sei auf der Hut vor mir!

Alles an ihr schien genau das auszustrahlen und dieser Eindruck war so stark, dass ich voller Unbehagen den Blick abwandte.

Als ich Charlie erneut anschaute, hatte sie die Augen wieder geschlossen und sah zufrieden aus.

David hatte von dem kleinen Intermezzo nichts mitbekommen. Im Gegensatz zu Miley, die vielsagend die Augen verdrehte.

Wir hatten den Parkplatz vor dem Herrenhaus gerade betreten, als Grace die Haustür öffnete. Zunächst spiegelte ihre Miene ihr Unverständnis wider, während die kleine Gruppe mit David und Charlie an der Spitze auf sie zumarschierte, doch gleich darauf begriff sie, wen sie da vor sich hatte.

Ihr Mund rundete sich vor Verblüffung.

»Jesus Christus!«, hörte ich sie sagen. Dann öffnete sie die Haustür ganz und ließ David und die anderen hinein.

Ich wollte hinter ihnen herlaufen, aber Miley hielt mich am Arm fest. »Warte mal!«, befahl sie.

Voller Ungeduld wandte ich mich zu ihr um.

Sie sah mir einige Sekunden lang in die Augen. Ich habe keine Ahnung, was sie in meinen Zügen entdeckte, aber sie nickte langsam. »Egal, was passiert«, sagte sie leise. »Ich bin für dich da.«

Ich hätte mich bei ihr bedanken sollen, irgendwie angemessen auf diese Worte reagieren – mit einem Lächeln vielleicht oder wenigstens mit einem Nicken. Aber ich war dazu nicht imstande. Ich entzog ihr einfach nur meinen Arm, um quer über den Parkplatz zur Haustür zu laufen. Mileys tiefes Seufzen begleitete mich auf meinem Weg.

Grace stand noch immer auf der Haustreppe und blickte mir entgegen. Als ich sie erreichte, neigte sie leicht den Kopf vor mir. »Miss Wagner.«

»Wussten Sie es?«, fragte ich sie. Jeder Herzschlag fühlte sich an wie das Stampfen einer riesigen Dampfmaschine, die das Blut mit Gewalt durch meinen erstarrten Körper treiben musste. Meine Stimme klang mir fremd in den Ohren.

Grace lächelte leicht. »Dass Miss Sandhurst noch lebt?«

Ich nickte.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Woher?«

Von Madeleine, hätte ich beinahe gesagt, aber ich verbiss es mir und marschierte an Grace vorbei nach drinnen.

»Ich hatte Sie gewarnt, Miss Wagner«, hörte ich sie sagen. »Kommen Sie nicht nach Sorrow zurück, hatte ich Ihnen gesagt. Dieses alte Haus findet Wege, Sie ins Unglück zu stürzen.«

Ich versuchte, ihre Worte nicht an mich ranzulassen, aber es ging nicht. Ein Frösteln erfasste meinen Körper und ich hätte mich auch nicht gewundert, wenn ich eine Gestalt in einem altmodischen roten Kleid am oberen Absatz der Treppe hätte stehen sehen.

Aber da war nichts. Nur die alte Standuhr, die ungerührt vor sich hin tickte, während ein Blitzschlag den Himmel über dem Herrenhaus erhellte und scharf umrissene Lichtreflexe durch das Buntglasfenster auf halber Treppe warf.

David und die anderen waren in Jasons Arbeitszimmer verschwunden, das konnte ich an ihren Stimmen erkennen, die gedämpft durch die halb offen stehende Tür drangen. Sheriff O’Donnell stand am Fuß der großen Treppe und telefonierte.

»Ja«, hörte ich ihn sagen. »Sie ist aufgetaucht … ich habe nicht die geringste … Was haben die in diesem Labor bloß …«

Ich achtete nicht weiter auf ihn, sondern betrat das Arbeitszimmer.

David war gerade dabei, Charlie auf die lederne Couch zu legen. Offenbar hatte sie entschieden, dass dies der richtige Moment war, um aus ihrer Ohnmacht zu erwachen. Sie regte sich, dann schlug sie die Augen auf.

Von unten her sah sie David an und wieder erinnerte sie mich an eine Katze.

Er stand kurz in gebeugter Haltung über ihr, wie gelähmt. Schließlich richtete er sich auf. Seine Bewegungen wirkten abgehackt und ich konnte die Anspannung in seinen Nackenmuskeln sehen.

Charlie presste die Lippen aufeinander. Dann lehnte sie sich bequemer gegen die Armstütze. Ihre Füße waren an den Knöcheln überkreuzt.

Ich räusperte mich leise.

David drehte sich zu mir um.

Ich erschrak.

Seine Augen.

Sie waren ebenso rot wie bei unserer ersten Begegnung auf den Stufen von Sorrow.

2

Nun.« Walt fasste uns alle der Reihe nach ins Auge. Er wirkte wie ein Feldherr, der nach einem verlustreichen Gefecht das Schlachtfeld überblickte und die Überlebenden zählte. Sein Unterkiefer war verkrampft, seine Nasenflügel bebten, als er tief Luft holte. »Ich denke, hier gibt es einiges zu bereden.« Mit aufforderndem Blick wandte er sich an Charlie, die ihre Hände im Schoß verschränkt hatte.

Sie nickte schwach. Aus riesengroßen Augen sah sie erst David an, dann Jason.

David rührte sich nicht, aber Jason wandte sich brüsk ab, ging zu seinem Schreibtisch und setzte sich auf dessen vordere Kante. Abwartend verschränkte er die Arme. Es war eine grimmige Geste, die irgendwie nicht zu seinem absolut fassungslosen Gesichtsausdruck passte.

Charlie schluckte.

Ein paar Sekunden vergingen in betretenem Schweigen und irgendwie wäre ein ohrenbetäubender Donnerschlag in diesem Augenblick genau passend gewesen. Aber noch war das Gewitter offenbar nicht bereit, die absurde Szenerie angemessen zu untermalen.

»Es tut mir alles so leid«, flüsterte Charlie schließlich.

Ja, dachte ich gereizt. Das hast du bereits oben auf den Klippen gesagt.

Während ich durch die sommerliche Insellandschaft hinter den Männern hergestolpert war, hatte sich meine Erschütterung in etwas verwandelt, das ich noch nicht deuten konnte. Ein bisschen fühlte es sich an, als hätte jemand die Sehnen und Muskeln in meinem Körper gegen Drahtseile ausgetauscht und diese so stramm gezogen wie Klaviersaiten.

Miley, die hinter mir das Arbeitszimmer betreten hatte, legte mir eine Hand unter den rechten Ellenbogen, um mich zu stützen, und erst da wurde mir bewusst, dass ich schwankte.

Charlie warf einen Blick in Mileys Richtung. »Ich würde das gern unter vier Augen mit David …« Sie sprach den Satz nicht zu Ende, sondern senkte mit einem schüchternen Lächeln den Blick auf ihre Hände. Ihre Knöchel waren weiß und standen sichtbar hervor. Der Saum ihres T-Shirts wirkte zerknittert und feucht, weil ihre Finger schweißnass waren.

»Auf keinen Fall!«, brummte Walt.

Charlie hob den Blick und sah ihn an. Dann nickte sie zögernd, ehe sie auffordernd zu Miley und mir schaute, um wenigstens uns aus dem Raum zu scheuchen.

Vergiss es!, dachte ich, aber bevor ich den Mund aufmachen konnte, beendete Sheriff O’Donnell draußen in der Halle sein Telefonat und kam auch noch herein.

»So«, sagte er mit tiefer, energischer Stimme. »Jetzt wüsste ich gern, was hier vorgeht!«

Charlie begann damit, dass sie sich zum dritten Mal entschuldigte und dann in Tränen ausbrach. Sie brauchte eine Weile, um sich wieder zu beruhigen, und die gesamte Zeit über stand David wie zur Salzsäule erstarrt da. Das gab mir den Mut, zu ihm zu gehen. Dicht bei ihm blieb ich stehen, traute mich aber nicht, ihn zu berühren. Erst als er mich bemerkte und mich ansah – mit einem Ausdruck in den Augen, der Hilf mir! zu schreien schien –, schob ich meine Hand in seine. Seine Finger waren eiskalt und klamm und er krallte sich an mir fest, als ginge es um sein Leben.

Charlie bekam durch ihren filmreifen Tränenschleier vermutlich nur am Rande mit, dass ich mit ihrem geliebten David Händchen hielt. Jedenfalls reagierte sie kaum darauf.

Irgendwie logisch, dachte ich dumpf. Sie ist viel zu sehr mit ihrem Auftritt beschäftigt.

Irgendwann beruhigte sie sich wieder und begann zu erzählen. Am Anfang wurde sie noch von gelegentlichem Schluchzen unterbrochen, aber Sheriff O’Donnell stellte ihr mit kühler Stimme genau die richtigen Fragen und schließlich sprach sie immer flüssiger und schneller. Den ersten Teil ihrer Geschichte kannte ich bereits, aber trotzdem hörte ich ihr fasziniert zu. Sie hatte etwas an sich, das es unmöglich machte, sich ihr zu entziehen.

Sie berichtete davon, wie sie Rebecca gelesen und David gebeten hatte, sich mit ihm auf den Klippen zu treffen, um sich mit ihm auszusprechen. »Du bist gekommen«, sagte sie direkt an ihn gewandt. »Aber du hast mich nicht ausreden lassen. Ich wollte dir sagen, dass ich mich ändern kann, dass ich begriffen habe, was für ein mieses kleines Miststück ich die ganze Zeit gewesen bin.«

Gewesen bin?, dachte ich und sah Miley an der Nasenspitze an, dass sie genau das Gleiche dachte. Ich musterte die anderen Leute im Raum, um herauszufinden, ob sie Charlie ebenfalls für ein manipulatives Miststück hielten. David tat es offenbar und Jason auch, das war sehr deutlich zu sehen. Walts professioneller Psychiatermiene hingegen konnte ich nicht ansehen, was er dachte, und Sheriff O’Donnell schaute einfach nur so konzentriert, als betrachte er uns alle durch ein Mikroskop.

»Du hast mich nicht ausreden lassen«, wiederholte Charlie und David biss die Zähne zusammen. Er hielt ihrem Blick stand, auch wenn ich spüren konnte, dass etwas tief in seinem Innersten zitterte und bebte. Wieder entstand ein längeres, unbehagliches Schweigen. Ein Schweigen, in dem ich mich fragte, was für Gedanken Charlie hinter ihrer makellosen Stirn und der sahneweißen Maske ihres hübschen Gesichtes hegte. Irgendetwas an ihr machte mich nicht nur misstrauisch, sondern ließ mich schon in diesem Augenblick erahnen, wie verlogen und kaputt sie wirklich war. Ein tiefes Unbehagen erfasste mich bei ihren Worten – und sollte mich bis zum Ende unserer gemeinsamen Geschichte nicht wieder loslassen.

Charlie holte Luft. »Dann bist du weg und ich …« Sie schüttelte den Kopf, wie jemand, der eingestehen muss, dass ihm die passenden Worte fehlen.

David nickte, um sie zum Weiterreden aufzufordern. Sein Griff um meine Hand fühlte sich an wie ein Schraubstock.

Charlie versuchte es ein zweites Mal: »Du bist weg, David, und ich …« Draußen vor dem Fenster zuckte ein Blitz nieder. Der Donner folgte gleich darauf und untermalte ihre Worte, sodass sie den Satz noch ein drittes Mal sagen musste. »Du bist weg und ich bin näher an die Kante gegangen. Ich wusste, dass das gefährlich ist, aber in diesem Augenblick war mir das egal. Du hattest mich verlassen. Das war alles, was ich denken konnte. Und dann ist sie abgebrochen. Die Kante.«

Aus Davids Kehle kam ein undefinierbares Geräusch, eine Mischung aus Stöhnen und Würgen. Ich wollte meine Hand aus seinem Griff befreien, weil ich hier gerade ein paar Knochenbrüche riskierte. Aber er hielt mich eisern fest. Sanft berührte ich ihn am Arm, und als das nichts nützte, umklammerte ich sein Handgelenk und entzog ihm meine armen, malträtierten Finger.

Wieder streifte mein Blick Sheriff O’Donnell. Seine Miene enthielt jetzt einen Anflug von Misstrauen, aber das war vermutlich bei jeder polizeilichen Befragung der Fall. Bis eben hatte er gewirkt, als habe er die Lage im Griff, doch plötzlich schien auch er ein bisschen ratlos. Bevor er eine weitere Frage stellen konnte, flüsterte David: »Ich habe nicht auf dich geschossen?«

In dieser kurzen Frage lag so vieles von dem, was er in der letzten Zeit durchgemacht hatte, dass mir dabei ganz anders wurde.

Charlies Augen wurden groß und rund. »Geschossen?« Sie lachte schrill und ungläubig auf. »Niemand hat auf mich geschossen, wie kommt ihr denn auf diese Idee?«

Vor Erleichterung ließ David den Kopf hängen. Seine Haare rutschten ihm vor das Gesicht und verbargen seine Miene. Ich legte nun beide Hände um seinen Unterarm. Er hob den Blick und … lächelte mir zu! Es war nur ein ganz kleines, verlorenes Lächeln, doch es traf mich mitten ins Herz.

Jason lehnte noch immer an seinem Schreibtisch, aber er hatte sich ein wenig vorgelehnt, um jedes Wort aufzusaugen. Sein Mund stand offen und auf der blassen, faltigen Haut an seinem Hals waren dunkelrote Flecken erschienen. Auch er nickte nun erleichtert. »Niemand hat auf dich geschossen …«, murmelte er. Er wirkte unfassbar froh und mir wurde klar, dass er an den Vorwurf dachte, den ich ihm oben auf den Klippen gemacht hatte. Den Vorwurf, dass er Charlie erschossen hatte.

Sheriff O’Donnell und auch Walt schwiegen nachdenklich.

Ich spürte die Wärme, die von Davids Arm auf meinen abstrahlte. Dann lächelte auch ich ihn an.

Jetzt würde alles gut werden.

Es klingt bescheuert, ich weiß, aber genau das dachte ich in diesem Moment wirklich. Und wurde natürlich bald darauf eines Besseren belehrt.

Die geschickte Fragestellung des Sheriffs brachte ans Licht, was sich nach Charlies Sturz von den Klippen ereignet hatte. Wie durch ein Wunder war sie unversehrt im kalten Wasser gelandet. Charlie berichtet, dass sie allerdings beinahe doch noch gestorben wäre, denn die Strömung war stark gewesen und hätte sie fast auf den Atlantik hinausgezogen. Aber sie war eine gute Schwimmerin und sie wusste, wie man sich im offenen Meer verhalten musste. Es war ihr gelungen, sich an den Privatstrand der Bells zu retten. Sie war so von der Rolle gewesen, dass sie nach Hause geeilt war. Sie hatte gehofft, dort auf Adam zu treffen, doch ihr Adoptivvater war nicht da gewesen. Verwirrt und geschockt von dem, was geschehen war, hatte sie sich umgezogen und ein paar alte Klamotten in eine Plastiktüte gestopft. Danach war sie einfach aus dem Haus gerannt, ohne so recht zu wissen, wohin sie sich wenden sollte. Ein paar Tagestouristen, die mit einem gemieteten Wagen einen Ausflug auf die Insel gemacht hatten, hatten sie schließlich am Straßenrand aufgegabelt und ihr erzählt, dass sie auf dem Weg zur Schnellfähre waren, um zurück nach New York zu kehren.

Im Sommer verbinden etliche Schnellfähren Martha’s Vineyard mit den Städten im Umkreis von hundert bis zweihundert Meilen. Ab November dagegen wird auf den meisten Linien der Betrieb eingestellt, nur die New-York-Fähre verkehrt bei günstigem Wetter auch zu dieser Jahreszeit. Charlie sah das als ein Zeichen an. Sie kaufte sich ein One-Way-Ticket und verließ die Insel. Da sie eine Freundin in New York hatte, beschloss sie, erst mal zu ihr zu fahren.

»Einfach so?« Miley stellte diese Frage völlig verständnislos.

O’Donnell wandte ihr kurz den Kopf zu, aber dann konzentrierte er sich wieder auf Charlie.

»Haben Sie gar keinen Gedanken daran verschwendet, dass man Sie vermissen würde?«, griff Walt Mileys Einwurf auf. Auch durch seine professionelle Psychiatermiene schimmerte jetzt etwas Ungläubigkeit hindurch. Während Charlie geredet hatte, hatte er sich auf die zweite Couch neben ihr niedergelassen. Jetzt saß er da, das eine Bein seiner grauen Hose über das andere geschlagen, und zupfte an seiner Bügelfalte herum.

Charlie machte ein schuldbewusstes Gesicht. »Die ersten vierundzwanzig Stunden nicht«, gestand sie. »Ich war einfach nur …« Sie seufzte. »Ich habe mich bei meiner Freundin verkrochen, wir haben getrunken und geredet.«

»Aber du musst doch gewusst haben, dass sich deine Familie Sorgen um dich machen würde!« Jason wirkte genauso ratlos wie wir alle.

Ich wusste, dass Charlie eine egozentrische, selbstverliebte Person war, aber das, was sie jetzt hier erzählte, war auch für mich unfassbar. Hatte sie wirklich keinen einzigen Gedanken an ihre Eltern verschwendet? Und an David, den sie ihrer Aussage nach doch immerhin so sehr liebte?

In einer resignierten Geste hob Charlie die Schultern. »Ich bin nicht stolz darauf.«

Unwillkürlich musste ich an die Berichte über Jasons Geburtstagsfeier denken, die in sämtlichen Klatschblättern erschienen war. Daran, wie man David als »reichen Verlagserben« bezeichnet hatte, der um seine Verlobte trauerte, die auf so tragische Weise ums Leben gekommen war. Mit Sicherheit hatten diese Medien bereits im November über den Unfall und Charlies Tod berichtet, genauso wie die regionale Tagespresse. »Du musst doch mitbekommen haben, dass man dich für tot hielt!«, warf ich ein.

Charlie senkte den Blick. »Hab ich ja auch. Aber erst später. Und da war es zu spät.« Sie schien zu vibrieren, während sie das sagte.

»Du warst zu feige dazu«, knallte Jason ihr an den Kopf. Die roten Flecken an seinem Hals waren nach oben gewandert und überzogen jetzt auch seine Wangen. »Du warst zu feige dazu, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen, anzurufen und Bescheid zu sagen, dass du noch …«

»Ich war krank!«, schrie Charlie ihn an und brachte ihn damit zum Verstummen. Plötzlich strömte eine Energie von ihr aus, die mir unheimlich war. Sie vibrierte jetzt wirklich, sie zitterte und bebte und dann schluchzte sie auf. Es war ein Geräusch von tief empfundenem Kummer.

»Krank!«, zischte Miley mir ins Ohr. »Klar.«

David wandte sich von mir ab und ich konnte mir nur schwer vorstellen, was das Gesagte mit ihm machte. Ich wollte ihn festhalten, wollte ihn in den Arm nehmen, aber er sah jetzt aus, als stünde er kurz vor der Explosion. Jeder Muskel seines Körpers war angespannt, er hielt das Kinn hocherhoben. Seine dunklen Augen glommen unheilvoll, als er den Blick auf Charlie richtete.

Dann fuhr er herum. Und marschierte mit langen, zornigen Schritten aus dem Raum.

3

Charlie sprang auf und eilte ihm nach.

»David!«, hörte ich sie draußen in der Halle rufen und durch die offen stehende Tür sahen die anderen und ich mit an, wie David am Fuß der großen Freitreppe stehen blieb. Es kam mir ein bisschen vor wie eine Szene aus einem Theaterstück und ich bemerkte, dass Walt und der Sheriff unschlüssig waren, ob sie eingreifen sollten oder nicht. Beide entschieden sich dafür, es nicht zu tun.

David hatte Charlie den Rücken zugewandt und seine Hand lag auf dem Knauf des Geländers.

Charlie näherte sich ihm nicht weiter. »David«, wiederholte sie. »Bitte!«

Er reagierte nicht sofort. Ich stellte mir vor, wie er mit sich rang. »Was?«, stieß er schließlich hervor, und als Charlie nicht antwortete, fügte er hinzu: »Was, Charlie?« Mit diesen Worten drehte er sich zu ihr um. Seine Augen waren feuerrot, aber genauso trocken wie damals, als ich ihn kennengelernt hatte. Mit flacher Stimme meinte er: »Auf den Klippen. Erinnerst du dich? Du hast geweint. Und du hast behauptet, dass du mich liebst.« Er fuhr sich mit der freien Hand in die Haare. »Sieben Monate, Charlie! Sieben Monate!« Er ließ die Hand wieder sinken. »Wie konntest du mir das nur antun?« Er wollte sich abwenden, doch Charlie trat jetzt ganz dicht an ihn heran. Sie packte seine Hand, zog sie an ihre Brust.

»Aber so war es doch gar nicht!«, rief sie aus. »Ich habe … ich wollte dir nichts antun, David, das musst du mir glauben! Ich war einfach völlig von der Rolle. Die Tatsache, dass du mit mir Schluss gemacht hast, der Sturz, das kalte Wasser …« Sie sah ihm lange in die Augen, bevor sie flüsterte: »Ich war in der Graceland-Klinik, David. Die ganzen Monate lang.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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