Herzallerliebst - Alexandra Büsche - E-Book

Herzallerliebst E-Book

Alexandra Büsche

0,0

Beschreibung

Im Plauderton Ungeheuerliches erzählen. Das ist der Stil der Autorin. Dreizehn Kurzgeschichten. Humorvoll, spannend, traurig, makaber? Tatorte Südfrankreich und Norddeutschland. Es gibt Tote und Lebende. Jede Geschichte eine kleine Welt für sich.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 78

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



INHALT

Der Gemüsehändler

Ein Hof und sein Geheimnis

Herr Welt

Kopflos

Das Gespenst von Auch

Kleider machen Leute

Hallo, ich heiße Marty

Ein trauriger Tag

Die Aussteigerin

Der Mann im Wäldchenoder eine wahre Geschichte

Crocodiles don’t make jokes

Ist das klug?

Füttern Sie immer Ihre Katzen

DER GEMÜSEHÄNDLER

Er mochte seinen Beruf.

Er liebte ihn geradezu.

Das war nicht immer so gewesen.

Morgens, wenn er seinen Laden öffnete, stand er glücklich zwischen all dem Obst und Gemüse. Der Duft der Früchte war etwas Einmaliges und immer hob sich seine Laune, wenn er diese herrlichen Farben seiner Ware betrachtete.

Er war ja schon Stunden auf den Beinen. Hatte auf dem Großmarktalles eingekauft. Er hatte seine bestimmten Lieblingshändler, bei denen er sicher war, dass er nur erstklassige Ware bekam. Das war er seinen Kunden schuldig.

Sein Laden lag im Generalsviertel in Hamburg, dessen Straßennamen nach militärischen Befehlshabern benannt waren. Er mochte dieses Viertel sehr. Es hatte ein dörfliches Ambiente und das mitten in der Stadt. Er kannte jeden Kunden. Man hielt beim Einkaufen ein Pläuschchen.

Seine Kundschaft bestand weitgehend aus alten Leuten, aber auch die Jungen kamen. Das Viertel hatte nicht die beeindruckenden Villen wie Harvestehude oder Rotherbaum, aber seine gutbürgerlichen Häuser aus der Jahrhundertwende besaßen ihren ganz eigenen Charme.

Es lebte hier eine Mischung aus Rentnern, Ausländern, Künstlern und jungen Familien, die zentral wohnen wollten, sich aber die ganz teuren Gegenden nicht leisten konnten. Es waren ausnahmslos Leute, die viel Wert auf frische Zutaten in ihrem Kochtopf legten. Das war günstig für ihn. Auch wohnten hier viele Familien, die kein Auto hatten und in der Nachbarschaft einkauften.

So hatte er sein Auskommen. Seine Existenz war gesichert. Seine Identität verbunden mit seinem Lädchen. Kein Mensch hier ahnte, was er für eine Vergangenheit hatte. Das war ideal.

Seine Tarnung als harmloser Gemüsehändler war die beste, die er jemals gehabt hatte. Alle Geheimdienstler sollten bei ihrer Pensionierung Gemüsehändler werden, war seine Meinung. Es gab einfach nichts Besseres.

Nach all den Jahren der Unsicherheit, der Gefahr, des Versteckens, fand man als Gemüsehändler eine sichere Existenz. Frei von aller Aufregung und allem Stress. Er entdeckte an sich sogar, dass er es sich abgewöhnte, in jedem Eintretenden einen Killer oder Spion zu vermuten. Er hatte Vertrauen zu seiner Umgebung und diese zu ihm. Es war absurd.

Wenn die Leute wüssten, dass er ein vielfacher Mörder war. Dass er fünf Sprachen fließend sprach. Dass er sich als Agent über zwanzig Jahre in den verschiedensten Krisengebieten aufgehalten hatte. Wahrscheinlich würden sie sich nicht so unbefangen mit ihm unterhalten. Wahrscheinlich würden sie sich gar nicht mehr trauen bei ihm zu kaufen. Einige würden vielleicht aus Neugier kommen. Doch wenn sie wüssten, dass diese Hände, die jetzt so liebevoll das Obst sortierten, schon einmal einen Menschen erwürgt hatten; sie würden sich zweimal überlegen hierher zu kommen, da war er sicher.

Häufig war es nicht einmal Notwehr gewesen. Er war absolut kaltblütig vorgegangen. Hatte keinerlei Skrupel gehabt. Hatte ohne Gnade getötet, ohne Mitgefühl. Und hier trug er freundlich jeder Oma ihre Tasche.

Ab und zu ertappte er sich dabei, sich selbst ein zynisches Grinsen im Spiegel zuzuwerfen, wenn er an seinen Sinneswandel dachte.

Am 17. September titelte der Boulevard:

„Gemüsehändler in seinem Geschäft bestialisch hingerichtet! Die Russenmafia in der Kottwitzstraße?“

Im Viertel war man sprachlos. Man trauerte um den freundlichen Gemüsehändler. Wo sollte man jetzt einkaufen? Es war ein Jammer. Die Leute diskutierten fassungslos vor der Tür des Ladens. Niemand konnte sich erklären, warum das geschehen musste.

Ein so netter Mann.

EIN HOF UND SEIN GEHEIMNIS

Katherine war so lange weg gewesen, dass sie fast vergessen hatte, wie schön es hier war. Dieser Platz war eine Oase auf der Welt, eine Oase in ihrem Leben. Hier hatte sie sich immer beschützt gefühlt. Hier hatte sie immer Ruhe gefunden, um nachzudenken.

Der Hof war umschlossen von Gebäuden. Das brachte Sicherheit. Das brachte Geborgenheit. Der Duft der Rosen im Rondell bezauberte und entspannte. Hier war es eine Wonne durchzuatmen.

Ein Schloss, ein Stallgebäude und eine Orangerie rahmten den Hof ein. Es war eine inspirierende Umgebung. Nichts Hässliches gab es hier. Nichts Unpassendes, das den Blick störte, das die Gedanken hätte ablenken können.

Sie liebte es hier zu verweilen, umgeben von netten Menschen, die einem nur Gutes wollten.

Hier kam sie zur Ruhe. Hier lebte sie auf.

Sie saß am späten Nachmittag auf einer der Bänke im Hof. Die Sonne stand schon ein wenig tief, aber wärmte noch.

Katherine war nach vielen Jahren wieder hergekommen, um nachzudenken. Sie brauchte Abstand zu ihrem eigentlichen Leben, zu ihrem Dasein. Sie musste eine Entscheidung treffen und hoffte darauf, dass ihr die unvergleichliche Stille dieses Hofes helfen würde eine Lösung zu finden.

Der Hof, der in ihrer Kindheit schon so eine große Rolle gespielt hatte. Der ihr ganzes Leben beeinflusst hatte. Durch sein Geheimnis, durch ihr Geheimnis. Durch ihrer beider Geheimnis. Hier war etwas geschehen, von dem nur sie wusste. Sie war sicher, dass sich hier schon viele Tragödien abgespielt hatten. Dennoch hatte sich der Hof seine Gelassenheit, seinen Frieden erhalten. Die Atmosphäre war einfach unerschütterlich, und das hatte ihr viele Male Sicherheit gegeben. Hatte ihr ermöglicht, das Entsetzen unter Kontrolle zu bekommen. Hatte ihr ermöglicht weiterzuleben, überhaupt ein Leben zu beginnen und nicht eine Gefangene ihres Traumas zu werden.

Dieser Hof war ihr Verbündeter, ihr Vertrauter. Sie beide würden das Geheimnis mit sich nehmen. Er würde es bewahren, sie würde eines Tages damit sterben.

Und stark und ohne Zaudern würde er hier weiter bestehen. Friedlich in der Abendsonne die Menschen erfreuen, die das Glück hatten, hierher zu kommen.

So saß sie hier also und betrachtete die wundervollen Buchsbaumkugeln, die mannshoch das Rondell säumten. Schweifte mit ihrem Blick über den Kastanienhain, der herrlich schattig dem Schloss gegenüber den Hof einrahmte.

Und doch konnte sie nicht verhindern, immer wieder mit den Gedanken zu jenem Moment zurückzukehren, der sich so furchtbar in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte. Sie verstand, dass der Hof ihr signalisierte, dass sie das Erlebte noch einmal vor ihrem inneren Auge vorbeiziehen lassen musste. Gelang es ihr in der Ferne, es zu verdrängen, so wurde es hier aus ihrem Inneren an die Oberfläche getragen.

Also gut, sie würde sich dieser Herausforderung stellen.

Sie war damals acht Jahre alt gewesen. Sie war hier aufgewachsen. Eine privilegierte Tochter, verwöhnt und eigensinnig. Sie hatte hier einen gewaltigen Spielplatz gehabt. Einerseits bestehend aus den schönsten Gebäuden, in denen man nach Herzenslust herumtollen konnte, andererseits umrahmt von der unendlichen Natur, die sich um das Anwesen erstreckte. Ein Fluss, Wälder, Wiesen, Tiere, wilde und zahme, das alles hatte sie aus vollen Zügen genießen können. Sie liebte es im Wald herumzustromern, im Hof zu spielen, oder sich einfach dort aufzuhalten. Irgendwo in einer Ecke zu sitzen und zu träumen. Das hatte sie auch an jenem Morgen getan. An jenem Morgen, an dem ihr sorgloses Leben für immer ein Ende finden sollte.

Hier im Hof hatte sie hinter einer zwei Meter hohen Buchsbaumhecke einen Lieblingsplatz. Für Erwachsene lag er im Verborgenen. Die Hecke hatte einen Hohlraum, den sie schon vor langer Zeit entdeckt hatte. Wollte sie ungestört sein, verschwand sie dort einfach. Niemand konnte sie dort sehen. Sie konnte allerdings alles sehen, was sich im Hof abspielte.

An diesem Morgen, es war noch sehr früh, hatte sie sich wie so oft dort verschanzt und las.

Plötzlich hörte sie Stimmen. Eine der Stimmen war eindeutig die ihres Vaters. Er klang sehr aufgeregt. Er sprach gepresst, leise. Sie meinte zu erkennen, dass er sich mühsam beherrschen musste, um nicht laut zu werden.

Sie schaute von ihrem Buch auf und sah, dass er wild gestikulierend auf eine der Mägde einredete. Diese wirkte eingeschüchtert und gleichzeitig entschlossen.

Katherines Interesse war geweckt und sie konzentrierte sich darauf zu verstehen, was die beiden sprachen.

„Du musst auf der Stelle hier verschwinden. Heute Morgen noch. Ich will dich hier nicht mehr sehen.“

So kannte sie ihren Vater nicht. Normalerweise war er ein freundlicher Mann, voller Güte. Dass er jemanden vom Personal so behandelte, war neu für sie.

„Ich werde keinesfalls verschwinden. Schon gar nicht, wenn du mir nicht die Möglichkeit gibst, vernünftig zu überleben. Schließlich ist es dein Kind. Du musst für es sorgen! Du bist Schuld an dem Ganzen. Ich habe hier nur gearbeitet. Du hast mich verfolgt und verführt. Du hättest das verhindern müssen. Nun musst du geradestehen für das Kind. Und wenn du mir jetzt nicht hilfst, werde ich es laut herausposaunen und vor allem deiner Frau sagen.“

Das letzte Wort hatte sie noch kaum ausgesprochen, da stürzte sich ihr sonst so friedlicher Vater auf die Magd und zerrte sie hinter einen der Buchsbäume. Sie wehrte sich, aber er war stärker.

Von ihrem Versteck aus konnte Katherine alles genau sehen. Ihr Vater würgte die Magd. Diese zappelte und versuchte sich zu befreien, aber es gelang ihr nicht.

Katherine war stocksteif. Unfähig sich zu rühren. Sie hätte um Hilfe schreien können, doch dann wäre alles herausgekommen. Was wäre dann mit ihrem Vater passiert? Sie liebte ihn doch. Für sie war er ihr Held, fast ein Gott. Dies musste ein Alptraum sein. Sie würde gleich erwachen. Ganz bestimmt.