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Iris will etwas Abwechslung in ihr wohlgeordnetes Angestelltendasein bringen und auch Abstand zu ihrem selbstgefälligen Lebensgefährten gewinnen. Dafür sind ein paar unterhaltsame Tage in Rom genau das Richtige! Aber aus dem touristischen Kurztrip wird unversehens ein Abenteuer, das ihr die Menschen und die Orte der Ewigen Stadt aus aufregend anderer Perspektive zeigt. Iris nimmt ihr Leben entschlossen selbst in die Hand. Es wird nie wieder sein wie es war.
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Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2020
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29.
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„Jag die Ratte einfach zum Teufel“, sagte Connie, „es ist höchste Zeit.“ Sie bot von ihren Zigaretten an, obwohl sie wusste, dass Iris vor drei Wochen damit aufgehört hatte.
„So einfach ist das nicht.“ Iris schob die Hand mit der Packung beiseite. Zum Glück rauchte Connie diese Menthol-Dinger, da konnte sie leicht Nein sagen.
„Aber du wirst nicht einknicken!“ rief Connie. Sie schlug mit ihrer freien Hand auf den Couchtisch, so dass die Obstschale klirrte und die Orange vom Gipfel des Vitaminbergs auf die Glasplatte rollte und ums Haar über die Tischkante gefallen wäre. Doch Iris hatte schnelle Reflexe, noch aus ihrer Zeit im Handballtor. Sie fing die Orange ohne richtig hinsehen zu müssen. Jetzt hielt sie das Ding in der Hand und wusste nicht, was sie damit tun sollte. Also begann sie zu schälen.
Eigentlich hatte sie keine Lust auf Obst. Zitrusfrüchte machten ihr oft Magendruck, vor allem wenn sie sich über irgendetwas aufregte. Und jetzt regte sie sich auf, und zwar ganz gewaltig!
Sie dachte an Peter und an seine bescheuerte Macho-Art, oder wie immer sie dieses Mein-Beruf-ist-das-Wichtigste-von-allem auch nennen sollte. Iris hatte selbst einen Beruf, den sie an manchen Tagen richtig gern machte. Aber der Job war für sie kein Goldenes Kalb.
Bei Peter war es anders. Peter war Architekt und seine Arbeit war seine Göttin. Er umtanzte seinen Beruf und bot ihm alles und jeden zum Opfer an. Die Urlaubsvorbereitung dranzugeben war deshalb das Mindeste. Vor allem, wenn es jemanden gab, der alles im Alleingang erledigte. Dieser Jemand war Iris. Wieder einmal.
Morgen wollten sie nach Kenia fliegen, in einen dieser Ferienclubs, wo man von früh bis spät animiert wird und sich über nichts Gedanken machen muss. Außer über die Drinks.
Iris mochte diese Art von Urlaub nicht, aber Peter bestand in diesem Jahr darauf. Er wollte wenigstens in den kostbarsten Wochen des Jahres die Verantwortung für seine Tagesgestaltung an einer Rezeption abgeben und ansonsten ein Leben führen, das Iris an die Zeit zwischen Konfirmation und Schulabschluss erinnerte: Sich verdammt selbständig fühlen, aber letztendlich doch an der Leine gehen. Diesmal mit richtig viel Taschengeld und der schönen Gewissheit, dass man die Eltern, also die Animateure, jederzeit auf Null bringen konnte. Schließlich bezahlte man ja für den ganzen Kram. Und zwar nicht zu knapp. Iris musste beim Gedanken an Peter, umringt von verzweifelten Animateuren, für einen Moment sogar lächeln: Peter war, und das mochte sie an ihm, wirklich kein Mann, der sich durch halbgare Angeber zu Unsinn verleiten ließ, den er nicht mitmachen wollte. Auf der anderen Seite war er genau der Mann, der so ziemlich jeden Unsinn mitmachte.
Und er war so ein verdammt selbstherrlicher Typ, der am Tag vor der Abreise aus Frankfurt anrief und sagte, dass sein beruflicher Termin um einen Tag verlängert werde und dass sie doch allein für sie beide packen solle und man sich dann morgen direkt am Flughafen treffen könne. „Das Packen ist ja ohnehin deine Sache und wenn ich gleich hier in Frankfurt bleibe, spare ich auch noch das Hin und Her mit dem Zug. Warum soll ich eigentlich überhaupt von Frankfurt nach Hause fahren, nur um einen Tag später wieder in denselben Zug zu steigen und dieselbe Strecke zurück...“
Es klang alles so schrecklich logisch und zwingend, dass Iris gar nicht viel dagegen sagen konnte. Peter hatte längst wieder aufgelegt, als ihr endlich klar wurde, wie sehr er sie verarschte: Sie war die Dienerin des großen Meisters, die seine Wäsche waschen und packen durfte, damit er den Alltag vergessen konnte. Und weil sie ahnte, aus welchem Milieu Peters Frankfurter Kunde kam, konnte sie sich auch so ungefähr vorstellen, wie die Abendgestaltung aussehen würde. Am liebsten hätte sie... Ja, was hätte sie eigentlich am liebsten?
Iris schreckte aus den Gedanken hoch. Jemand ruckte an ihrem Arm.
„Du denkst schon wieder an ihn“, sagte Connie, „und das ist er einfach nicht wert!“
Iris blickte schuldbewusst zur Seite. Connie konnte ihre Gedanken lesen. Sie kannten sich seit der Kindheit, aber erst vor ein paar Jahren waren sie so etwas wie „beste Freundinnen“ geworden. Iris ärgerte sich immer, dass Connie viel mehr von ihr wusste als umgekehrt. Connie blieb ihrer Freundin ein Rätsel, Iris fühlte sich als offenes Buch. Das war zum guten Teil Iris’ eigene Schuld. Sie schüttete Connie nun einmal gern ihr Herz aus, während Connie ihre Probleme mit sich selbst abmachte. Gerade das machte Connie ja zu einer besonders pflegeleichten Freundin.
Connie und Peter mochten sich nicht. Alles andere wäre auch absolut unnatürlich gewesen: Der Lover und die beste Freundin müssen einander verabscheuen wie... ja, wie Hund und Katze: Sie konkurrieren nicht unbedingt um Ein und Dasselbe, aber doch um einen knappen Rohstoff, nämlich gemeinsame Freizeit und intensive Zuwendung. Peter hatte keinen besten Freund, „außer dem einen, der mich nie verläßt“, wie er immer scherzte. Aber das war ganz typisch: Da mochten die Männer einander grinsend auf die Schultern klopfen oder bis in den Morgen miteinander saufen, zu wirklichen Freundschaften brachten sie es nie. Am besten verstand sich Peter mit seinem Chef. Das sagte ja schon alles.
Peter und Connie. Iris hatte es längst aufgegeben, mitzuzählen, wer von beiden sie häufiger aufforderte, anflehte oder mit starken Worten vor die Wahl stellte, sie solle die Beziehung zur Konkurrenz abbrechen. Wahrscheinlich hatte Peter einen leichten Vorsprung. Wobei er niemals „flehte“. Denn Peter strahlte beständig eine unerschütterliche Selbstsicherheit aus.
Das hatte Iris vom ersten Moment an tief beeindruckt. Peter ruhte in sich, ein Fels in der Brandung des Lebens, ein Mann mit Überblick und ruhiger Hand und noch nie, noch nie hatte er Schwäche gezeigt. Noch nicht einmal im Bett.
Peter war so stark, so verdammt tough, dass sich Iris langsam fragte, ob er eine Maschine war. Eine biokomptabile Polylegierung, fully functional und ansonsten kaum von herkömmlichen Menschen zu unterscheiden. Manchmal, wenn sie nach dem Sex still beieinander lagen, kam ihr diese Idee. Der Gedanke, es gerade nicht mit einem Mann getan zu haben, sondern mit dem wahrscheinlich intelligentesten Vibrator der Welt.
Darüber hatte sie am Anfang gelächelt. Neulich waren ihr die Tränen gekommen.
Ihr Leben mit Peter hatte sich verändert. Der Wandel war von ihr ausgegangen. Eine ungewohnte Art von besonderer Empfindlichkeit gegen diese Selbstverständlichkeiten, die Peter über ihr Miteinander ausgebreitet hatte. Ihre Beziehung war wie eine alte Sofadecke, die zwar leidlich wärmt, aber auch schrecklich staubt. Und dieser Staub, das fühlte Iris, nahm ihr mehr und mehr die Luft. Sie war dagegen allergisch geworden und sie musste den schädlichen Stoffen entkommen. Wenn sie es nicht tat, würde sie krank werden.
„Connie, du hast vollkommen recht“, sagte Iris, „ich werde nicht mit ihm nach Kenia fliegen.“ Sie bot Connie ein Stück von der Orange an. Connie lehnte dankend ab. Der Fruchtgeschmack passt nicht zum Menthol der Zigaretten.
„Du wirst aber auch nicht hierbleiben und dich auf dem Balkon durch den Urlaub leiden“, entschied Connie: „Wir gönnen uns einen verdammt heißen Two-Ladies-Trip. Soll sich Peter doch von einer Animateurin den Bauch kraulen lassen und Caipirinhas kippen, soviel er will. Wir werden was Besseres finden. Stell dir einen latin lover vor, gerade mal zwanzig, überall am Körper rasiert, überall, und ein glänzender Waschbrettbauch ..“
Iris wusste, dass sich Connie jetzt gerne in wilde Fantasien steigern wollte. Also legte sie dieses ironische Lächeln auf, mit einer Spur Mitleid vermischt, das jede Schwärmerei erstickte. Tatsächlich brach Connie ihre Rede ab, nahm zwei tiefe Lungenzüge und hatte sich wieder im Griff.
„Wohin wollen wir?“ fragte sie.
Iris zuckte mit den Schultern. Darüber hatte sie noch nicht nachgedacht. Für ausgefallene Ideen war ihre Freundin zuständig.
„La Gomera...“ schlug Connie vor.
Iris wehrte ab: „Bitte keine Insel! Ich fühle mich auf Inseln immer wie eine Gefangene. – Und bitte nicht auf fremde Kontinente. Nehmen wir eine Stadt, ja? Und zwar irgendwo in Europa.“
Connie nickte: „We’ll always have Paris...“
Ein unglückliches Stichwort. Aus „Casablanca“. Iris schloss die Augen. Sie sah Bogart, der für sich und die Bergman Champagner einschenkt und eine Einstellung später steht er traurig und verlassen am Bahnsteig und dann, gegen Filmende, auf dem Flugfeld von Casablanca: „We’ll always have Paris“, sagt die Bergman und steigt zu Henreid in die Maschine, während für Bogart nichts bleibt als ein Abgang durch den Morgennebel und noch so eine Textzeile für die Schauspieler ihre Großmutter verkaufen.
„Nein, nach Paris will ich nicht“, sagte Iris. Ihre Fantasie trug sie mit der Lebensgeschichte der Bergman davon, die einen schwedischen Zahnarzt geheiratet hatte und sich dann in diesen Italiener verliebte, Roberto Rossellini, und alles für ihn aufgab. Ja, danach wollte auch Iris suchen: Nach dem Mann, der ihr Leben umkrempelte, einer der es Wert sein würde, alles andere dranzugeben und noch einmal ganz von vorne...
„Italien!“ rief Iris.
„Rom?“ fragte Connie ohne Begeisterung.
„Es gibt ja noch andere Städte in Italien“, sagte Iris, und zählte sie auf: „Venedig, Mailand, Siena, Florenz... Neapel...“
„Rimini!“ lachte Connie, die aus einer Familie stammte, die „seit immer“ an die Adria fuhr und nur für ein paar Saisons vor dem Bürgerkrieg auf die jugoslawische Seite gewechselt war.
Iris dachte an Venedig. Sie war mit Peter dort gewesen. Er hatte sich den Palazzo Strozzi ansehen wollen, weil er Architekt war und ein Bauzitat in einem Entwurf unterbringen sollte. Der Palast war für Ausstellungen hergerichtet. Man zeigte damals eine Schau über ein ausgestorbenes Volk, von dem Iris nichts wusste und das sie nicht interessierte. Auch Peter war die Ausstellung egal. Doch sie standen vier Stunden an, in der prallen Sonne, damit er den Palazzo auch von innen studieren konnte. Bis in die Abendstunden, als sie von den Aufsehern regelrecht hinausgeworfen wurden. Peter hätte sich ja am liebsten einschließen lassen. Aber nicht aus romantischen Gefühlen, sondern aus beruflichem Interesse.
Und was blieb sonst von Venedig? Eine Gondelfahrt war Peter zu teuer gewesen und zu kitschig und die stillen Kanäle mied er auch, weil das Wasser darin stank und den Markusplatz hielt er architektonisch für ein lächerliches Ensemble, Disneyworld für Pfeffersäcke, und die Tauben verabscheute er wegen der vielen Krankheitserreger, die sie unter sich lassen.
Und dennoch: Venedig blieb in Iris‘ Vorstellung immer mit diesen wenigen Momenten verbunden, als Peter für ein paar Stunden nicht zuerst an sich und seinen Beruf dachte, sondern den Arm um sie legte und mit ihr über die vielen kleinen Brücken und durch die Gassen und auf stille Plätze ging und nichts sagte und nichts tat außer sie von Zeit zu Zeit zu küssen. Das war der schönste Abend ihres Lebens gewesen. Ein einzigartiger Abend in Venedig. Im Frühjahr. Es hatte ganz leicht geregnet und erst im Hotel war ihnen aufgefallen, dass sie ganz und gar durchgeweicht waren: Sie hatten sich gemeinsam unter die Dusche gestellt und einander kichernd eingeseift und sich geküßt und den Geschmack der Seife im Mund gespürt und noch einen anderen Geschmack, der an nichts Stoffliches gebunden war.
Venedig war eine Stadt für Verliebte. Iris überlegte. Für Verliebte oder für Sterbende. Denn wenn sie jetzt an Filmszenen dachte, wurde ihr kalt: Der weißbepuderte Komponist Aschenbach, die trauertragenden Gondeln, der resignierte Fellini-Casanova. Nein, diese Stadt war nichts mehr für sie. Das Thema Liebe in Venedig war untrennbar mit Peter verbunden. Also ein für allemal erledigt. Jetzt standen nur noch Abschied und Tod für die Lagunenstadt.
Iris überlegte. Es war eine gute Idee, sich von Filmen leiten zu lassen. Sie kannte eine ganze Menge. Welche hatten mit Italien zu tun? – Sie sah Audrey Hepburn auf einer Vespa und dahinter Gregory Peck, sie sah einen jungen Mann aus der Provinz, der nach Roma kam, sie sah Anita Ekberg, die in den Brunnen stieg und Marcello zu sich lockte. La dolce vita: Sie sah Lex Barker, Ex-Tarzan und Ex von Lana Turner, der den entnervten Schönling an der Seite eines Glamourstars gab. Der Schauspieler als Schoßhund, nur noch gut für augenzwinkernde Klatschberichte. Und dabei blättert das eigene Image, die eigene Schönheit wie eine schlechte Fassadenfarbe. Armer Lex Barker. Diese Rolle war die Komödie seiner eigenen Existenz. Es blieb seine einzig gute Filmrolle. Natürlich neben Old Shatterhand.
La dolce vita. Iris‘ Vorstellung verweilte einen Augenblick bei dem großen, in Schwarz-Weiß gehaltenen Filmplakat, das die Wandschräge im Zimmer ihrer großen Schwester beherrscht hatte. Dann sah sie Connie an. Die Entscheidung war gefallen.
„Wir fahren doch nach Rom!“
Connie stimmte mit einem Kopfnicken zu, drückte ihre Zigarette aus und ging hinüber an den Damensekretär, auf dem das Notebook stand.
„Ich schau gleich nach Last-minute-Angeboten“, sagte sie und stellte das Gerät an. Sie surfte nächtelang durchs Internet, freilich nur selten auf der Suche nach Reiseangeboten.
Iris dachte an Rom. Nicht die Ruinen, nicht die Kirchen. Sie dachte an die Fontana di Trevi. Der sanfte Wasserfall, die beiden Pferde, wild das eine, zahm das andere, die muskelbepackten Männer, die sie führten. Das weite Becken, die prickelnden Wasserspiele... Vor allem dachte sie an Anita, die Blondine, die durch das Brunnenbecken stapft wie ein Yeti durch den Schnee und an den stieren geilen Makkaroniblick von Marcello, der nicht von ihr lassen kann. Weil sie blond ist, üppig, und weil sie alles verkörpert, was der Italiener liebt und fürchtet.
Iris beschloss, ihre Haarfarbe ein wenig aufzuhellen.
Die beiden schlanken, langbeinigen Blondinen in der Uniform der Lufthansa schoben das niedrige Scherengitter auseinander.
„... und los geht’s!“ lachte Connie. Sie drängte Iris in die Warteschlange. Eigentlich war es ja egal, ob man bei den ersten oder bei den letzten Passagieren war, denn der Platz blieb reserviert und niemand würde zurückgelassen werden. Aber Iris sah ihrer Freundin an, dass Connie einfach so zum Spaß gerne bei den Ersten war. Schließlich stammte sie aus einer Familie von Schnäppchenjägern. Das Sommerschlussverkaufs-Gen. Sie fragte sich, wann Connie die Ellbogen hochnehmen und nach vorne drängen würde. Da hörte sie eine vertraute Tonfolge. Ein elektronisches Signal. Ein Piepen. Fast die Hälfte der Fluggäste fasste in die Jacken- oder Manteltasche oder Handtasche oder an den Gürtel. Sie alle hätten sich die Geste sparen können. Denn Iris wusste genau, wer angerufen wurde.
Das Piepen kam aus ihrer Umhängetasche. Iris hatte das Handy noch nicht abgeschaltet. Sie wich Connies halb fragenden, halb strafenden Blicken aus, während sie mit der Rechten am Verschluss der großen braunen Coccinelle spielte. Zwecklos, so zu tun, als ob es irgendwoanders piepte. Das Suchen und Horchen bei den Umstehenden kam allmählich zur Ruhe. Dafür räusperten sich die ersten. Die Botschaft war klar, sie musste nicht ausgesprochen werden: Das Gespräch annehmen oder das Handy ausschalten. Nur nicht länger dieses nervige Geräusch!
Iris drehte den Verschluss ihrer Handtasche zwischen den Fingern. Auf und zu, auf und zu. Als wäre sie die Dauerbelastungsprüferin von der Stiftung Warentest. Schließlich stand die Tasche offen und blieb es auch.
„Willst du wirklich rangehen?“ fragte Connie.
Iris sagte nichts. Sie hoffte, der Anrufer würde einfach aufgeben. Doch das Piepen ging weiter. Wurde es nicht sogar lauter? Iris sah aus dem Augenwinkel, wie sie ein Herr im Zweireiher aufblies, um demnächst loszuschimpfen. Auch Connie holte Luft, um ihrer Freundin eine Standpauke zu halten. Iris‘ Hand fuhr in die Tasche. Connie seufzte.
„Ich geh jedenfalls an Bord“, sagte sie und gab der Stewardess den Flugschein, nahm ihr Handgepäck, den kleinen braunen Lederrucksack, auf die linke Schulter und drehte sich nicht mehr um. Iris wusste, was Connie dachte. Und Connie hatte ja Recht: Iris war und blieb inkonsequent und ließ sich von Peter auf der Nase herumtanzen. Sie durfte nicht erwarten, dass Connie dieses Spiel mitmachte. Was hätte es auch geholfen?
Connie ging den langen Korridorschlauch zum Flugzeug entlang und trat in die Maschine, wo sie ein freundlicher Steward begrüßte. Sie lächelte zurück, er lächelte noch intensiver. Doch noch ehe sie über mögliche Konsequenzen nachdenken konnte, sah sie, dass hinter ihr ein bleicher, zarter Jüngling kam, der seine Augen mit Mascara betonte. Der Steward hatte gar nicht Connie angestrahlt. Er schielte nur ein wenig.
Eigentlich hatte Iris den Fensterplatz. Aber Connie war sicher, dass dieser Platz leer bleiben würde. Sie setzte sich ans Bullauge und holte das Lufthansa-Magazin aus der Tasche in der Rückenlehne des Vordersitzes. Sie wollte sich die Zeit bis zum Start vertreiben, ohne viel nachzudenken. Eine Woche der Einsamkeit lag vor ihr wie Robinsons Insel. Sie hasste die Einsamkeit, sie bekam davon zuhause genug und wollte wenigstens im Urlaub nicht allein sein. Connie nahm sich vor, beim Rundgang der Flugbegleiter so viel Scotch zu ordern wie nur irgend ging.
„Darf ich bitte....“, sagte eine Frauenstimme.
Connie fuhr aus ihren Gedanken. Die Stimme klang seltsam vertraut. Als sie aufsah, erkannte sie Iris. Das heißt, sie erkannte Iris kaum wieder. Iris sah bleich aus und verstört. Um Jahre gealtert, wie man bei solchen Gelegenheiten gerne sagt.
„Es war nicht Peter“, sagte Iris, als sie sich neben Connie gesetzt hatte. Obwohl es heiß und stickig war, zitterte sie. „Meine Mutter...“, sagte sie nach einer kleinen Pause und brach den Satz ab.
„Etwas Schlimmes?“ fragte Connie. Sie legte ihren Arm um Iris und strich ihr sanft über die Schulter. Was fragte sie überhaupt noch? War doch ganz klar, dass etwas Fürchterliches geschehen sein musste.
„Meine Schwester ist verschwunden“, sagte Iris und schluckte.
„Tut mir leid.“
Connie verstand zwar nicht ganz genau, was Iris damit meinte, aber sie fühlte, dass es ihr Kummer machte. Also drückte sie ihre Freundin fest an sich, um sie zu trösten. Auf der anderen Seite musste das „Verschwinden“ keine Katastrophe sein: Lisa, Iris‘ ältere Schwester, hatte sich schon vor Jahren von der Familie zurückgezogen. Sie lebte irgendwo im Ausland und ließ nur sporadisch von sich hören. Gut möglich, dass sie einen langen Urlaub machte, von dem sie vorab nichts erzählen wollte. Vielleicht war ja alles nur halb so wild. Connie liebte diesen Satz. Er war ihre erste Reaktion auf alles Bedrohliche. Vielleicht ist alles nur halb so wild. Es wird nichts so heiß gegessen wie... Meistens hatte sie damit sogar Recht.
Iris sagte zunächst nichts weiter. Doch es dauerte nicht lange, dann sprudelten die Sätze nur so aus ihr hervor: „Ich habe Lisa nie richtig kennengelernt. Sie war schon aus dem Haus und aus der Stadt und aus unserem Familienleben, bevor ich alt genug war, um mit ihr über die wichtigen Sachen zu reden.“
Connie wunderte sich, dass Iris von ihrer Schwester sprach, als wäre sie schon tot. Doch sie verkniff sich eine entsprechende Bemerkung, sondern fragte nur, ob Iris nicht doch lieber zuhause bleiben wolle. Iris sah sie nachdenklich an.
„Lisa ist in Rom verschwunden“, sagte sie leise.
Die Ansprache aus dem Lautsprecher setzte mit einem Knistern ein. Sehr laut eingestellt, so dass alle Unterhaltung erlosch. Eine gelangweilte Männerstimme hieß „alle Passagiere und Passagierinnen herzlich willkommen an Bord“. Er sei Kapitän Blablabla und freue sich....
Connie, die Iris noch immer um die Schulter gefasst hielt, kramte in ihrer Erinnerung nach Lisa. Wie hatte sie ausgesehen, wie ihre Stimme geklungen? Was war damals überhaupt alles passiert?
Lisa war für die Mädchen der Vorstadt so etwas wie ein heimlicher Star gewesen. Eine junge Frau, die ihr Leben selbst in die Hand nahm und auf die Geborgenheit in der Familie und in der Clique und auf den ganzen Mief pfiff und hinausging, in die große weite Welt, wie man sie sonst nur im Kino sah. Oder in der Haarspraywerbung.
„Ach ja, Lisa“, sagte Connie und schob nach einer kurzen Pause ihre Frage nach: „Wie ist es ihr so gegangen, in der letzten Zeit?“
Iris schüttelte den Kopf: „Wir hatten praktisch keinen Kontakt.“ Lisa hatte sich nach langen Wanderjahren in Rom niedergelassen, als Fotografin. Sie war neununddreißig Jahre alt. Als sie verschwand, überschlug Iris schnell, konnte es nicht mehr weit bis zu ihrem vierzigsten Geburtstag gewesen sein.
Eine Geisterstimme erzählte jetzt auf Deutsch und auf Englisch von Sauerstoffmasken und Schwimmwesten und der Steward und eine Stewardess führten dazu die passenden Pantomimen auf. In ihren Gesichtern spiegelte sich ein und dasselbe mechanische Lächeln. Genormt, wie der kleine Imbiss, den sie eine halbe Stunde später reichen würden.
Iris blickte traurig auf die gelbe Signallinie, die im Notfall zu den Ausstiegsluken führt. Wieso eigentlich nur im Notfall?
„Deine Schwester ist weg, ein für allemal“, hatte Vater gedröhnt, damals, eines Sonntagnachmittags im Mai am Ende der Siebziger. Und was hatte Iris geantwortet? Sie wusste es noch genau: „Dann bekomm ich ihr Zimmer!“ Gut, sie war damals noch keine zehn Jahre alt gewesen, aber sie schämte sich seither für den Satz, der mehr gewesen war als ein Witz oder eine Gedankenlosigkeit. Es war der Triumph über eine Rivalin, die normalerweise nicht zu besiegen war.
„Sie hat den Dickkopf von eurem Vater“, hatte Mutter immer gesagt und nachsichtig gelächelt. Lisa war Mutters Liebling, Iris blieb der Augenstern des Vaters. Ja, er hatte sie immer „Augenstern“ genannt, und wenn er besonders gut gelaunt war, nannte er sie „mein Augensternchen“. Sie hatte ihn vergöttert, länger als andere Mädchen ihre Väter vergöttern, und er hatte sie, wie sagt man: auf Händen getragen.
Auf Händen getragen. Jetzt war er schon über ein Jahr tot. Lisa war damals nicht zur Beerdigung gekommen, angeblich weil sie selbst ins Krankenhaus musste. Iris war über ihr Fehlen nicht verärgert gewesen, auch nicht traurig. Lisa gehörte einfach nicht mehr dazu und es war gut, dass sie sich nicht am offenen Grab unter eine Familie mischte, mit der sie nichts mehr zu tun hatte. Das hatte Iris damals gedacht. Jetzt schämte sie sich dafür. Auch dafür.
Auf dem Flug redeten Connie und Iris nicht mehr viel miteinander und kein Wort mehr über Lisa. Iris ließ ihre Bordmahlzeit zurückgehen, ohne Connie etwas davon anzubieten. Die hätte ganz gerne ein zweites Lachsbrötchen genommen, aber sie wollte weder Iris noch den Steward darum bitten.
„Ich soll mich um Kiki kümmern“, sagte Iris, die mit der Landung auf dem Aeroporto Leonardo da Vinci wie aus einem Traum erwachte.
„Kiki?“ - Connie verstand nicht.
„Es ist eine Katze oder ein Papagei“, sagte Iris, die Haustiere hasste und es als einzigen Sieg in ihrer Beziehung mit Peter verbuchen konnte, dass er „dieses Angoravieh“ abschaffte, das er „Agnes“ rief. (Erst Wochen später war Peter mit der Beichte herausgekommen, die Katze sei so etwas wie die letzte Hinterlassenschaft einer Ex gewesen und er habe sie nach ihrer vormaligen Besitzerin „Agnes“ genannt, obwohl die Katze eigentlich „Cassiopeia“ hieß oder so ähnlich.)
„Wie kann ich mich in Rom um Haustiere kümmern?“ seufzte Iris. Das war gewiss das geringste der Probleme, die auf sie zukamen. Aber es war immerhin eines, über das sie unbeschwert klagen konnte.
Doch Kiki war neun Jahre alt und kein Papagei und kein Hund und keine Katze, sondern die Koseform von Christian. Kiki war also ein Kind. Eher klein geraten für sein Alter. Aber durch und durch männlich, blond und wild und durch das, was ihm gerade widerfahren war, wahrscheinlich sehr verwirrt und verängstigt. Und wenn es etwas gab, das Iris mehr hasste als Haustiere, waren es Kinder. So dachte sie jedenfalls, und deshalb erschrak sie, als sie sah, was da jenseits der Glasschiebetüren der Ankunftszone auf sie zukam.
Ein schlanker Mann mit Fünftagebart und in einer altmodischen Kombination aus dünnem Nadelstreifjackett, tiefblauer Bundfaltenhose und buntgesprenkelter Krawatte. Er hatte Kiki fest im Griff. Seine Hand umschloss den Unterarm des Jungen wie ein Schraubstock. Iris fragte sich, ob er aus Angst, der Kleine würde sonst entwischen und Schaden nehmen, so fest zupackte. Die Miene des Mannes erzählte ihr jedoch etwas anderes: Kiki war schon häufiger entwischt und hatte Schaden angerichtet. Und zwar keinen geringen.
Der Junge ließ sich nur widerwillig über den Gang zerren, er leistete hartnäckigen, ja verbissenen Widerstand gegen die Bewegungen des Mannes und er blickte bockig zur Seite und zu Boden und zeigte überhaupt kein Interesse an den Menschen, die durch die Milchglasschiebetür getreten waren.
Auf dem Pappschild, das der Bewacher mit der freien Hand hochhielt, stand „Schäfer“. Kiki hatte sehr wohl verstanden, dass da von jenseits der Tür jemand kommen würde, der mit ihm und seiner Mutter verwandt war. Und was Verwandte sind, wusste Kiki genau. Er hatte viel darunter gelitten, dass er keine besaß. Jedenfalls nicht in Rom, wo jeder seiner Mitschüler irgendwie mit irgendwem verwandt war und daraus ganz unglaubliche Vorteil zog.
Iris konnte sich sofort einen Reim auf die Situation machen. Sie hatte ohnehin ein großes, abgründiges Geheimnis vermutet. Es war ihr bei „Du sollst dich um Kiki kümmern“ auch kurz der Gedanke an ein Kind in den Kopf gekommen. Aber sie hatte diese schlimmstmögliche Variante erfolgreich zur Seite geschoben. Jetzt war das Kind da und Iris musste sich wenigstens nicht vollständig überrascht fühlen.
„Iris Schäfer“, sagte Iris und reichte dem Mann, der den Jungen hielt, die Hand.
„Keller“, sagte der Mann, „von der deutschen Botschaft“. Er legte das Schild zur Seite und wechselte den Jungen von der Rechten in die Linke und achtete darauf, ihn dabei nicht auch nur eine Sekunde auszulassen. Dann drückte Keller die Hand der Besucherin und Iris ahnte seine Müdigkeit, ja Erschöpfung. Ihr war, als würde die schlanke Hand Kellers sogar ein wenig zittern. Ihr Blick fiel auf seine Finger. Er achtete, das sah man, im allgemeinen sehr genau auf sein Äußeres. Aber jetzt waren nur noch drei von den fünf Fingernägeln gut manikürt. An Daumen und Mittelfinger hatte er herumgebissen.
„Ich bin Connie“, sagte Connie, und begrüßte ihrerseits den Botschaftsvertreter: „Ich bin eine Freundin der Familie.“
Sie maß Keller von Kopf bis Fuß. Er bemerkte es nicht, sondern stellte den Kleinen vor:
„Christian, das ist deine Tante Iris.“
Kiki sah zur Seite. Iris hatte das Gefühl, man erwarte von ihr, in die Knie zu gehen, ihm über den Kopf zu streichen und irgendetwas Nettes zu sagen, das seine Bockigkeit überwinden könnte. Doch sie sagte nichts und sie berührte ihn auch nicht, denn sie erinnerte sich noch zu gut an die vielen Tanten und an manchen Nenn-Onkel, die gar nicht genug Haare streicheln und Wangen küssen konnten. Es war immer peinlich gewesen, manchmal sogar ekelig.
Iris lächelte unsicher.
„Wir kennen uns ja noch gar nicht“, sagte sie zu Keller, „ich meine: der Junge und ich, wir haben uns noch nie gesehen. Offen gestanden, ich hatte auch überhaupt keine Ahnung, dass es ihn gibt.“
Sie überlegte, ob ihre Mutter das Geheimnis für sich behalten hatte. Nein, das war unvorstellbar. Ein Enkelkind! Das hätte sie nicht verschweigen können. Oder?
Keller holte Atem und räusperte sich. „Heißt das, Sie sehen sich nicht in der Lage, das Kind zu versorgen?“
Am liebsten hätte Iris jetzt gefragt, ob sie eine Wahl habe. Aber natürlich sagt man so etwas nicht. Man denkt es nur.
„Ist er nicht ein süßer Junge?“ fragte Connie, die in die Hocke ging und mit dem Handrücken über Kikis Wange strich: „Hallo, kleiner Mann, ich bin die Tante Connie aus Deutschland und wir werden jede Menge Spaß miteinander haben!“
„Stinkhand“, sagte Kiki.
„Bitte?“ fragte Connie, honigsüß, denn sie konnte, sie wollte das Wort nicht verstehen.
„Stinkhand!“ rief Kiki, „deine Hand stinkt!“ Und er rief einen zweiten Satz, diesmal auf Italienisch und Iris erkannte an der Röte, die in Kellers Gesicht stieg, dass dieser Satz mindestens dieselbe Bedeutung hatte. Einige Reisende blieben stehen und schauten sich die Vierergruppe aus den Augenwinkeln an. Immerhin, die Menschen waren diskret genug, nicht direkt zu starren. Connie zog unwillkürlich ihre Hand zurück und roch daran.
„Das Lachsbrötchen“, sagte sie mit entschuldigendem Lächeln zu Iris und Keller, „ich habe kein Erfrischungstuch bekommen...“
Kiki schnupperte jetzt gezielt und konzentriert in ihre Richtung. Er forschte nach ihrem Eau de toilette. Er identifizierte es und verzog das Gesicht.
„Romana“, sagte er, „von Laurella B.“
Connie strahlte: „Kluger Junge!“
Kiki sah sie streng an. „Nuttendiesel!“ rief er, und Keller zerrte heftig an seinem Arm, als er den Ausdruck auch noch auf Italienisch herausbrüllen wollte. Die Worte gingen in einem „Autsch!“ unter. Iris befürchtete jetzt einen Tränenausbruch, aber Kiki sagte keinen Ton. Er blickte wieder starr zu Boden, die Lippen so fest aufeinandergepresst, dass sie blass wurden.
„Machen Sie sich nichts daraus“, sagte Keller verlegen, „so geht das die ganze Zeit.“
„Und Sie müssen sich das antun?“ fragte Iris. In ihrer Stimme mischte sich das Mitleid mit dem unsinnigen Gefühl, sie trage eine Verantwortung für Kellers Leiden.
„Ich habe mich ja freiwillig gemeldet“, sagte der Mann von der Botschaft mit dünnem Lächeln, „und tagsüber ist er in der Deutschen Schule.“
„Was sagt Ihre Frau dazu?“ fragte Connie, die sich wieder aufgerichtet hatte.
„Ich bin nicht verheiratet“, sagte Keller, „deshalb habe ich ja Zeit für das freiwillige Betreuungsprogramm und war sogar ganz froh, jemand um mich zu haben... naja...“
„Sie kennen sich aber mit Kindern aus?“ fragte Iris, der eine plötzliche Eingebung kam.
„Jetzt schon“, sagte Keller. Er lächelte vielsagend. „Er ist den zwölften Tag bei mir.“
„Zwölf Tage. Hmm. Können Sie sich dann vielleicht vorstellen, dass Sie...?“
Iris musste den Satz nicht zuende führen. Keller schüttelte eindrücklich den Kopf. Er musste es nicht aussprechen: Keine Stunde länger als notwendig wollte er diesen Knaben am Hals haben!
„Schade“, sagte Iris.
„Schade“, sagte Keller, „aber einen Versuch war‘s wert.“
Er streckte ihr Kikis Arm hin. Wie man ein wildes Tier von einem Wärter zum nächsten weiterreicht.
Der Junge ließ sich ohne Widerstand übergeben.
„Haben Sie immer mindestens ein Auge auf ihn“, sagte Keller, „und ich meine, was ich sage.“
Iris bemerkte, wie Kiki zu ihr hochschielte.
„Na, wie rieche ich?“ fragte sie. Sie dachte an sein Spiel mit Connie und war auf eine fürchterliche Antwort gefasst.
Kiki sah sie nachdenklich an.
„Wie Mama“, sagte er leise.
Als sie aus dem Flughafengebäude traten, fiel Iris‘ Blick sofort auf eine riesige Plakatwand, die gegenüber dem Ausgang aufgebaut war. Die Mitte des Plakats nahm eine Fotografie ein, offenkundig senkrecht von oben aufgenommen. Man sah ein mit blauen Fayence-Fliesen ummauertes ovales Becken, in dessen Inneren sich goldene Mosaike zwiebelschalenartig in die Tiefe verloren. Am oberen rechten Rand des Plakats schmiegte sich ein Schriftzug dem blauen Fayence-Band an, in sündigem Rot gehalten und in altrömisch anmutenden Großbuchstaben gesetzt: „Cleopatra“. Schräg gegenüber, quasi auf der anderen Seite des Beckens, las man in einer geschwungenen Schrifttype, aber in demselben Farbton „Beauty“. Leichte Schatten deuteten an, dass rechts von Cleopatra und unten links von Beauty noch weitere Schrift zu erwarten stand: Die Werbeprofis wollten Spannung erzeugen.
„Ein Superparkplatz!“ rief Connie in diesem Moment und Iris wandte ihren Blick nach rechts, wo sie nur wenige Meter entfernt ein Fahrzeugheck sah, direkt unter einem Halteverbotsschild. Corps diplomatique. Keller hatte sich, wie das „CD“-Autokennzeichen verriet, einen Dienstwagen genommen. Kein Chaffeur, kein Stern, aber immerhin vier Ringe. Connie, dachte Iris sofort, versucht jetzt auf Kellers Dienststellung rückzuschließen und auf seine Vermögensverhältnisse, doch sie wird es aufgeben müssen, weil sie keine Ahnung von den Privilegien und Zuschüssen und Sondertarifen der Diplomaten hat. Außerdem stammten die Herrschaften entweder aus verarmtem Adel oder aus wohlhabenden Bürgerfamilien. Das wussten sie beide seit Teenietagen aus den Zeitschriften, die beim Friseur herumlagen.
Connie setzte sich wie selbstverständlich auf den Beifahrersitz, während Iris und Kiki auf dem Rücksitz Platz nahmen und einander ansahen, ohne einen Ton zu sprechen oder eine Miene zu verziehen.
„Ich bringe Sie zur Wohnung Ihrer Schwester“, sagte Keller mit einem Blick in den Rückspiegel, „wir haben das Mietverhältnis selbstverständlich noch nicht gekündigt. Das ist auch gar nicht so leicht...“
„Warum ist das so?“ fragte Connie, die Lust auf eine kleine Plauderei hatte.
„Kein römischer Vermieter schließt einen Mietvertrag. Er hätte sonst die Steuer am Hacken.“
„Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung...“ sinnierte Connie, der ein Ex-Freund eine überteuerte Eigentumswohnung aufgeschwatzt hatte, weil er dafür unterderhand Provision kassierte.
„Also müssen wir diese Sachen selbst in die Hand nehmen“, sagte Iris von der Rückbank her. Sie hatte das Stumm-und-starr-Spiel aufgegeben und schaltete sich wieder in die Unterhaltung der Erwachsenen ein.
„Sie sollten einen Rechtsanwalt beiziehen,“ sagte Keller, „unbedingt...“
„Kann man diese Sachen nicht auch mit ein wenig gesundem Menschenverstand regeln?“ fragte Connie und lächelte.
„Wir sind hier in Rom“, sagte Keller und grinste, „vergessen Sie nicht, hier wurde die Bürokratie erfunden.“
Er bog jetzt auf die Autobahn Richtung Rom-Centro und schlängelte sich virtuos durch den dichten Verkehr. Auf die Geschwindigkeitsbegrenzung achtete er ebensowenig wie alle anderen.
„Vorsicht“, sagte Connie, „nicht dass Sie unseretwegen noch Ärger mit der Polizei bekommen!“
„Diplomatenstatus“, sagte Keller und drückte das Gaspedal mit Kraft durch, so dass die Motordrehzahl emporschnellte und das satte Brummen mit einem Mal deutlich metallischer klang, „die Polizei läßt uns in Frieden.“ Iris lächelte. Das erklärte natürlich auch den ungewöhnlichen Parkplatz am Flughafen.
Das Haus lag in Roms Altstadt, keine fünf Minuten Fußweg vom Campo de’Fiori, es war von außen graugrün und schien stark renovierungsbedürftig. Das Treppengeländer wackelte bedenklich, wenn man danach griff.
Sie mussten in den dritten Stock. Keller trug freundlicherweise zwei Koffer und kam dabei rasch außer Atem: Die Treppe war steil und eng. Aber schließlich hatten sie es geschafft. Keller suchte den Wohnungsschlüssel, dessen futuristischer Sicherheitsschnitt so gar nicht in diese Umgebung passen wollte, schob ihn ruckelnd in das Türschloss und...
Lisas Wohnung war für Iris eine vollkommene Überraschung. Sie hatte mit dem Schlimmsten gerechnet, denn sie erinnerte sich noch sehr gut an den Zustand ihres Jungmädchenzimmers im Haus der Eltern. Vierundzwanzig große blaue Mülltüten aus fünfzehn Quadratmetern Wohnfläche! Soviel hatte Iris damals eigenhändig weggeräumt, ehe sie das verwaiste Zimmer der älteren Schwester beziehen konnte. Sie würde die Zahl der Mülltüten und die unglaublichen Fundstücke, die darin versammelt waren, niemals vergessen.
Doch hier war alles anders. Eine freundliche, helle Wohnung. Ein kurzer Gang mündete in die Küche, aus der man auf einen winzigen Balkon treten konnte. Rechts und links des Flurs dann je zwei Türen. Schon auf den ersten Blick sah Iris, dass alles sehr sparsam, aber geschmackvoll eingerichtet war. Auf eine seltsame Weise fühlte sich Iris sofort an ihr Elternhaus erinnert und erwartete, dass ihre Mutter, wundersam verjüngt, mit einer Dauerwellenfrisur gekrönt und in gelbrot karierter Haushaltsschürze aus einem Versteck trat. Iris fragte sich, wie sie zu diesem Eindruck kam. Sie musste nicht lange überlegen: Es war geradezu peinlich exakt aufgeräumt. Unmöglich, dass ihre Schwester Lisa, dreimalige „Miss Chaos“ des Jugendzentrums am Kanal, über die Jahre zur Ordnungsfanatikerin mutiert war.
Ob vielleicht die Botschaft dafür gesorgt hatte?
„Man hat nichts angerührt“, sagte Keller, als hätte er Iris‘ Gedanken erraten. „Übrigens ist der gesamte Haushalt hier drinnen untergebracht, denn in Rom haben die Mieter weder Kellerräume noch Dachspeicher... ach ja: und unten im Hof steht eine türkisfarbene Vespa, die gehört auch dazu. Aber ich weiß nicht, ob sie noch fährt.“ Er wies auf das Schlüsselbord an der Wand. Iris kannte das Symbol der Piaggio-Werke. Sie hatte selbst einen Roller gefahren. 50 Kubikzentimeter Hubraum, Kickstarter, taubenblau.
Keller überlegte, was noch zu berichten war. Ihm fiel für den Augenblick nichts mehr ein. Er sah Kiki an, der neben Iris stand und zu Boden starrte. Der Junge war jetzt zum erstenmal seit dem Verschwinden seiner Mutter wieder in der Wohnung.
„Alles Gute, Kiki“, sagte Keller. Er machte keine Anstalten, über Christians Haarschopf zu streichen. Wie um seine Hand anderweitig zu beschäftigen, kramte er in der Innentasche seines Jacketts.
„Sie können mich ja anrufen.“ Keller reichte Iris eine dicke, kartonierte Visitenkarte mit aufgeprägtem Bundesadler, „in besonders auswegloser Situation.“ Er wollte es als Scherzwort sagen, doch eine unbewusste Färbung seiner Stimme verriet, dass er es in Wirklichkeit wortwörtlich meinte. Iris nickte, Connie lächelte. Kiki reagierte überhaupt nicht. Keller beendete das peinliche Schweigen, indem er ebenfalls nickte und mit einem „Na dann Alles Gute und Auf Wiedersehen“ aus der Tür trat. Er hatte sie noch nicht geschlossen, da rannte ihm Kiki hinterher:
„Onkel Robert“, rief er und packte die Klinke, um zu verhindern, dass die Tür ins Schloss fiel.
Für ein, zwei Sekunden geschah gar nichts. Dann schob Keller seinen Kopf durch den Spalt, grenzenlose Verwunderung im Gesicht: „Wie hast du mich genannt?“
„Onkel Robert“, wiederholte Kiki, „wir gehen doch nochmal an den See, Boot fahren, nichtwahr?“
Keller sah kopfschüttelnd auf ihn herunter und suchte dann den Blickkontakt zu Iris und Connie. Er klang fassungslos: „Als ich vorgestern mit ihm bootfahren wollte, hat er sich am Steg festgekrallt und um Hilfe geschrien und Schimpfworte benutzt, die selbst dem Bootsverleiher rote Ohren machten... Da kann ich mich nie wieder sehen lassen!“
„Man kann in Rom auch Boot fahren?“ fragte Connie. Sie ging gar nicht auf seine Nöte ein.
„Ja, im Park der Villa Borghese, es ist zwar nur ein kleiner See, mehr ein Tümpel, aber...“
„Bitte!“, rief Kiki und zerrte an Kellers Beinkleid, „bitte, Onkel Robert, lass uns Boot fahren....“
„Ich bin bereit, das Risiko zu teilen“, sagte Connie. Sie zwinkerte Keller aufmunternd zu: „Dann ertragen wir die Beschimpfungen gemeinsam.“
„Rufen Sie mich morgen an“, sagte Keller, machte sich von Kiki frei und schloss mit einem „Aber ich verspreche nichts!“ schnell die Tür.
Connie sah ihm lächelnd nach. Iris kannte den genießerischen Ausdruck sehr gut, der die Lippen ihrer Freundin umspielte, wenn sie sich für einen Mann interessierte.
„Robert also“, sinnierte Connie, „klingt doch vielversprechend.“
Kiki sah sie nachdenklich an. Er stellte dazu den Kopf schräg, sein helles, blondes Haar fiel ihm in die Augen. Es störte ihn nicht. Iris musste lächeln.
„Weißt du, wer mein Vater ist?“ fragte der Junge unvermittelt.
„Nein“, sagte Iris. Sie wunderte sich, warum Keller nichts erzählt hatte und vor allem, warum ihr nicht eingefallen war, danach zu fragen. Kiki drehte ihr den Rücken zu. Er ging in sein Zimmer und zog die große Kiste mit den Spielsachen unter dem Bett vor. Ob er ihr jetzt ein Geschenk seines Vaters zeigte? Iris blieb unter der Kinderzimmertür stehen und beobachtete Kiki.
Der Junge holte ein paar Modellteile hervor und steckte ein Auto zusammen. Er beherrschte jeden Handgriff, das Fahrzeug wuchs in Sekundenschnelle unter seinen Fingern.
Er wird einmal ein guter Bandaffe, dachte Iris, und schämte sich im nächsten Moment des Gedankens. Es war keine Schande, bei VW am Band zu arbeiten. Jedenfalls war es sehr einträglich. Sie führte für etliche hundert VW-Arbeiter die Konten und beneidete sie zum Monatsende alle um ihren Job, so geisttötend der sein mochte. Mein Gott, am Bankschalter war sie auch nicht gerade geistig herausgefordert, musste sich tagaus, tagein mit habgieriger Kundschaft herumärgern und hatte auch noch die Vorgesetzten im Nacken, deren Chefs wiederum Monat um Monat Personaleinsparpläne anforderten.
Wenn ich ein Kind zu ernähren hätte, dachte Iris, würde ich wahrscheinlich auch bei VW am Band arbeiten. Ihr wurde schlagartig bewusst, dass sie jetzt in gewisser Weise ein Kind zu ernähren hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Lisa für den kleinen Christian genug zur Seite gelegt hatte. Schon gar nicht kam ihr der Gedanke, dass Lisa vielleicht wiederauftauchte.
Kiki hielt lachend das fertigmontierte Fahrzeug hoch. Iris lachte mit ihm und klatschte Applaus. Das war eine gute Gelegenheit:
„Sag mal, weißt du denn, wer dein Papa ist?“ fragte sie. Es sollte so nebensächlich klingen wie möglich.
„Nö“, sagte Kiki, „ich dachte, vielleicht weißt du Bescheid.“
„Hast du ihn nie gesehen? Hat dir deine Mutter nie erzählt, wer...“ Iris brach den Satz ab. Sie hatte eigentlich nicht von Lisa anfangen wollen. Aber jede Frage nach dem Vater endet automatisch bei der Mutter. Hoffentlich konnte der Junge damit umgeben! - Kiki war nicht weiter beeindruckt. Er sah sie nur nachdenklich um und schüttelte seine blonden Haare und wandte sich wieder zu seinen Spielsachen.
„Jetzt bau ich ein Flugzeug“, sagte er und tauchte mit den Händen und Gedanken wieder ganz unter seine Spielsachen.
Mit der modernen Kommunikation schien Lisa auf Kriegsfuß zu stehen. Sie gönnte sich ein beiges Bakelit-Drehscheibentelefon, das im Flur auf einem schmalen Wandbord stand, neben einem Faxgerät für Thermopapierrollen und einem separaten Anrufbeantworter, der allerdings abgeschaltet war. Ziemlich unprofessionell für eine Profi-Fotografin, dachte Iris. Ohne nachzudenken, schaltete sie den Automaten an. Im nächsten Moment fiel ihr ein, dass sie ihre Mutter anrufen musste. Erstens, um mitzuteilen, dass sie gesund angekommen war, zweitens um zu sagen, dass es nichts Neues gab, was Lisas Verschwinden anging und drittens, dass es etwas ganz ganz Wichtiges gab... nämlich einen Enkelsohn. Aber wie sollte sie es ausdrücken? Iris seufzte. Kein Gesprächsplan. Sie würde es ihrem Instinkt überlassen.
Das beige Museumstelefon ließ sie stehen und griff stattdessen nach ihrem Handy, schon allein, um beim Telefonieren ungehindert umherlaufen zu können.
„Schäfer“, meldete sich ihre Mutter.
„Hallo Oma“, sagte Iris.
Eine kleine Pause. Dann sprach Iris‘ Mutter ungerührt weiter:
„Ich hoffe, du warst nicht zu sehr geschockt. Aber ich hatte einfach keine Kraft für ewige Erklärungen.“
„Seit wann weißt du...?“
„Von Anfang an“, sagte ihre Mutter, „glaubst du, eine Tochter könnte DAS verschweigen.“
„Und warum hast du mir nie...?“
„Du hättest niemals dicht gehalten. Das Augensternchen erzählt dem Zuckerpapi alles, was es weiß.“
Das war ungerecht. Jedenfalls fühlte sich Iris ungerecht behandelt. Zuckerpapi. Hatte sie ihren Vater jemals so genannt?
„Ich hätte mich selbst um alles gekümmert“, sagte ihre Mutter knapp, „aber... es ist zuviel für mich. Du weißt, mein Herz. Erst dein Vater, jetzt die Sache mit Lisa. Bitte, versuch herauszufinden, was mit ihr geschehen ist... und hilf dem Jungen, so gut es geht.“
„Ja“, sagte Iris.
„Viel Glück“, sagte ihre Mutter.
„Danke“, sagte Iris. Ein Knacken in der Leitung; das Ende des Gesprächs.
Iris ging ins Wohnzimmer. Connie hatte eine Flasche Campari gefunden und sich mit Eiswürfeln und Orangensaft einen Drink gemixt. An Iris hatte sie nicht gedacht, denn Iris trank eigentlich nie mit. Außerdem kreisten Connies Gedanken im Moment nicht sosehr um den Alkohol, sondern um ihre neue Bekanntschaft.
„Doktor phil. Robert Keller“, sagte Connie, „hättest du gedacht, dass er ein Doktor ist?“ Sie hielt die Visitenkarte in ihrer Hand und prüfte sie unter ihren Fingern, als gelte es, die Echtheit eines Geldscheins zu beurteilen: „...das ist besonders dickes Papier, Urkunden-Karton heißt das glaub ich, und der Bundesadler ist richtig eingeprägt, wahrscheinlich mit so einer alten Handpresse...“
„Steht auch drauf, wofür er zuständig ist?“
„Wer?“
„Na, der Herr Keller!“
Connie musste sich erst von ihrer Schwärmerei fürs Papier losreißen. Sie überflog noch einmal die Zeilen auf der Karte: „Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Kulturattaché... Klingt nicht sehr spannend.“ Sie war etwas enttäuscht.
„Was hast du denn erwartet?“ fragte Iris, die sich das Wohnzimmer genauer ansehen wollte und das Gespräch nur so nebenher plätschern ließ.
„Na, wenn er schon Doktor ist, hätte er ja wenigstens der Botschaftsarzt sein können.“
Iris lachte. „Bei den gebildeten Ständen“, sagte sie, und prustete fast los, als ihr auffiel, dass sie wie Peter sprach, wenn er angeben wollte, „unter Akademikern also, gilt der Doktor phil. im allgemeinen mehr als der Doktor med...“
„Na, lass die mal ne Kolik kriegen, die Akademiker“, lachte Connie, „dann siehst du, wer wichtiger ist!“
Iris nahm sich auch vom Campari.
„Eis ist im Eisfach“, sagte Connie und goss sich den roten Likör nach. Bei Campari Orange musste sie immer aufpassen: Das Zeug schmeckte einfach so gut, dass sie viel schneller trank als der Alkohol wirkte. Im Nu hatte sie vier, fünf große Gläser und war dann ziemlich schnell angetrunken, und dabei begann der Abend erst und es stand noch jede Menge Wein bereit, weißer zum Fischgang, roter zum Fleisch und süßer zum Dessert. Und ein Digestif zur Verdauung. Aber sie war meistens schon vom Aperitif angeschlagen und musste nach dem Dessertwein häufig genug aufs Klo rennen, um sich zu übergeben.
„Vomiting connects“, lachte Connie zu diesem Thema: „Kotzen verbindet. Du weißt ja, wieviele nette Bekanntschaften frau nach einem Mehrgängemenu machen kann. Auf der Toilette. Da schließt du mit Ladies Schwesternschaft, die dich vorher noch nicht einmal angesehen haben.“
Als Iris auf den Flur trat, um in die Küche hinüberzugehen, klopfte es an die Wohnungstür. Iris erschrak. Sie war es gewohnt, dass man klingelte. Aber vielleicht gab es hier gar keine Klingel. Sie trat an die Tür, nahm die Klinke in die Hand und zögerte. Am liebsten hätte sie die Kette vorgelegt. Doch es gab auch keine Kette. Unfassbar! Lisa lebte allein mit einem kleinen Kind und brauchte keine Sicherungskette. Iris fragte sich, ob ihre Schwester so unvorsichtig oder vertrauensselig war oder ob Rom oder dieses Viertel, dieses Haus...
„Nun mach schon auf!“ rief eine belegte Frauenstimme. Auf deutsch. Iris drückte die Klinke automatisch nach unten, so verwirrt war sie über die unerwartete Aufforderung.
„Sag mal, wo hast du dich die ganze Zeit herumgetrieben, zwei Wochen, sag mal, hast du sie noch alle?!“ rief eine sehr kleingewachsene Person und schob sich resolut an ihr vorbei, in den Flur. „Du weißt doch genau, dass ich mich nicht so lange um Kiki kümmern kann, mein Gott, ich musste die Hampelmänner von der Botschaft einschalten... naja, hätt ich die Polizei rufen sollen? Oder das Uffice per gli...“ Die Stimme erstarb.
„Wer zum Teufel bist du?“ sagte die Person und stemmte ihre kurzen, kräftigen Arme in die Hüften, „und was machst du hier überhaupt?“
„Das ist Tante Iris“, rief Kiki. Er hatte sich von seinem Spielzeug losgerissen und war in den Flur gerannt: „Hallo Trish“, sagte er und umarmte die Kleine an ihrer breitesten Stelle.
„Bist wohl von der Botschaft, wie?“ knurrte Trish. Sie musterte Iris unter dem Haargebirge vor. Eine Perücke im Tina-Turner-Stil der späten 80er Jahre. Iris fragte sich, ob Trish damit den Boden berührte, so weit hing die blondiere Mähne an dem kleinen, fast kugelrunden Körper hinab.
„Ich bin Lisas Schwester“, sagte Iris, „und Sie sind...“
„Lass das Gesieze“, lachte Trish und boxte ihr ganz leicht auf den linken Oberarm, „ich bin Trish, und ich bin die beste Freundin von Lisa und die allerbeste von Kikiboy.“
Sie rieb ihm kräftig durchs Kopfhaar und Christian krähte dazu vor Vergnügen. Ohne auf eine Einladung zu warten, ging Trish über den Flur ins Wohnzimmer. „Ah, Campari!“ hörte Iris und wusste, dass sie gleich die ganze Eisschale mit hinübernehmen konnte.
Als sie aus der Küche ins Zimmer zurückkam, saßen sich Connie und Trish schweigend gegenüber. Kiki war wieder in sein Zimmer verschwunden. Connie behauptete den Ledersessel, Trish dominierte das Sofa. Die beiden, das sah Iris, hatten nicht viel miteinander zu reden. Sie brauchten ein Publikum.
„Trish“, zischte Connie. Sie dehnte den Zischlaut schier ins Unendliche, „was ist das wohl für ein Name? Die Koseform von Trash?“
„Patrizia“, sagte Trish knapp und fügte ein „aus Wuppertal“ hinzu, allerdings in einem Tonfall, der signalisierte, dass sie nicht viel mehr von sich erzählen wollte.
„Seit wann leben Sie schon in Rom?“ fragte Iris, die das Eis auf die drei Gläser verteilte.
„Du sollst doch das Gesieze lassen!“ knurrte Trish. Sie griff sich die Campariflasche und füllte ihr Longdrinkglas zur Hälfte mit dem roten Stoff. Connie hätte es ihr am liebsten aus der Hand gerissen.
„Tschuldigung“, sagte Iris und lachte verlegen.
Trish nahm einen Schluck vom Campari. Sie trank ihn pur.
„Was ist eigentlich mit Lisa?“ fragte Trish, „ist sie tot oder was?“
Connie lachte laut auf: „Genau DAS wollten wir dich fragen, Baby!“
„Baby?“ - Trish stellte den Kopf schief und schaute Connie eine kurze Weile an. Dann drehte sie ihr den Rücken zu und wandte sich demonstrativ an Iris: „Baby? – Die alte Lady hat wohl‘n Distanzproblem, was?“
Trish sah die Zigaretten am Tisch liegen und griff sofort zu. Sie nahm sich eine und steckte die halbvolle Packung wie selbstverständlich in ihre Hosentasche. Dann nahm sie Connies Feuerzeug: „Ein Zippo... Respekt, Respekt! Ziemlich viel Geschmack für ne Lady deines Jahrgangs... Nur die beschissene Camel-Werbung hättest du abkratzen sollen.“
„Das Feuerzeug hab ich einer wie dir aus den kalten Händen genommen!“ knurrte Connie, „die war zu frech geworden.“
Iris seufzte. So konnte es endlos weitergehen. Sie kannte Connies Streitlust von tausendundeinem verquälten Abend: Connie war wie ein Terrier. Wenn sie sich einmal in jemanden verbiss, ließ sie nicht mehr aus, bis derjenige aus dem Haus war. Oder bis man sie vor die Tür setzte.
„Du hast also auch keine Ahnung, was mit Lisa geschehen ist?“ fragte Iris, mitten ins feindliche Augenfunkeln der beiden Ladies hinein.
„Naja“, sagte Trish und löste ihren vernichtenden Blick von Connie, „Lisa war schon immer etwas strange. Aber sie blieb nie länger als ein, zwei Nächte weg, meistens bei irgendeinem Typen, nichtwahr... So lange kann ich mich schon um den Kurzen kümmern, kein Problem, aber bitteschön, das geht nich ewig, ich hab schließlich auch‘n Beruf.“
„Als Wischmob?“ schnappte Connie dazwischen.
Trish nahm ihr Glas in die Hand und holte aus. Doch dann kippte sie es Connie doch nicht ins Gesicht: „Dein Glück, dass nicht mehr viel von dem Stoff da ist!“
Trish trank ihr Glas leer. Sie griff nach der Flasche und nahm sich den ganzen Rest. Das war für Connie Strafe genug. Iris atmete durch. Handgreiflichkeiten waren fürs erste vermieden.
Vielleicht konnte ihr Trish wenigstens ein paar Tips geben. „Am besten du erzählst mir einfach, was du so über Lisa weißt, dann kann ich mir ein Bild davon machen, wie sie gelebt hat und...“
„Klar doch“, sagte Trish, „jederzeit. Aber jetzt muss ich weg, meine Schicht...“
Sie stand auf und war mit drei Schritten am Flur, rief ein „Ciao Kurzer!“ in Kikis Zimmer und verschwand. Wie eine Geistererscheinung. Iris war sich noch nicht einmal sicher, ob Trish die Wohnungstür öffnete oder direkt durchs Holz ging.
„Nettes Mädchen“, sagte Connie. Sie stand auf, um sich eine neue Zigarettenpackung aus dem Rucksack zu holen. Zum Glück hatte sie einen großen Vorrat eingekauft.
