Herzgegend - Corinna Schnabel - E-Book

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Corinna Schnabel

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Beschreibung

»Ob Samson wohl ahnte, wie schwierig es würde, ihre Geschichte zu erzählen? Würde es eine Liebesgeschichte?« Voller Enthusiasmus ist die Hamburger Studentin Lou in den siebziger Jahren nach London gereist, um eine Arbeit über jüdische Emigranten zu schreiben. Per Zufall trifft sie den viel älteren Friedrich L. Samson, der aus einer angesehenen jüdischen Familie Berlins stammt und 1934 über Spanien und Frankreich nach England ausgewandert ist. Sie verlieben sich ineinander und ziehen in Samsons Haus bei Golders Green, in dem sich seine neue englische und die verlorene Welt durchdringen. Die Schatten der Vergangenheit führen in allen Ecken und Winkeln ein launisches Eigenleben, manchmal verführen sie Samson dazu, Lou von früher zu erzählen, oft entziehen sie ihn ihr. In diesem aus der Zeit gefallenen Kosmos leben Samson und Lou eine ungewöhnliche Liebe, die zwischen Vertrautheit und Entfremdung, Nähe und Ferne schwankt.

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Seitenzahl: 320

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Corinna Schnabel

Herzgegend

Roman

 

 

Über dieses Buch

 

 

»Ob Samson wohl ahnte, wie schwierig es würde, ihre Geschichte zu erzählen? Würde es eine Liebesgeschichte?«

Voller Enthusiasmus ist die Hamburger Studentin Lou in den siebziger Jahren nach London gereist, um eine Arbeit über jüdische Emigranten zu schreiben. Per Zufall trifft sie den viel älteren Friedrich L. Samson, der aus einer angesehenen jüdischen Familie Berlins stammt und 1934 über Spanien und Frankreich nach England ausgewandert ist. Sie verlieben sich ineinander und ziehen in Samsons Haus bei Golders Green, in dem sich seine neue englische und die verlorene Welt durchdringen. Die Schatten der Vergangenheit führen in allen Ecken und Winkeln ein launisches Eigenleben, manchmal verführen sie Samson dazu, Lou von früher zu erzählen, oft entziehen sie ihn ihr. In diesem aus der Zeit gefallenen Kosmos leben Samson und Lou eine ungewöhnliche Liebe, die zwischen Vertrautheit und Entfremdung, Nähe und Ferne schwankt.

 

 

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Impressum

 

 

Covergestaltung: Hißmann & Heilmann, Hamburg

Coverabbildung: Microzoa/Getty Images

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2010

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-400717-5

 

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Inhalt

Für Henry Imberg

Vom Kaiser allerdings empfing [...]

I

II

III

IV

V

Anmerkungen

Für Henry Imberg

Vom Kaiser allerdings empfing ich einen großen, starken Eindruck. Ich versuchte mir später diesen Eindruck in ein Gleichnis zu fassen und fand nur dieses: mir war, als wäre ich in den Märchenwald gekommen, wo das fabelhafte Einhorn hausen soll. Plötzlich stand ein prachtvolles Waldgeschöpf vor mir mit einem Horn an der Stirn. Aber seine Gestalt überraschte mich weniger als daß es lebte. Die Gestalt hatte ich mir vorher gedacht, aber nicht das Atmen und Leben dieses Wesens. Und meine Überraschung wuchs, als das Einhorn mit einer sehr freundlichen Menschenstimme zu reden anfing und sagte: »Ich bin das fabelhafte Einhorn.«

(Theodor Herzl in seinem Tagebuch über seine erste Begegnung mit Kaiser Wilhelm II.)

 

My familiy, which I chronicle, stands for civilisation. (…) I am an expert on my mother, my children, my wife, our house. (…) I believe in one percent revolutions. If you make one percent revolutions stick you achieve something.

(Richard Crooke)

I

Die Sprossenfenster klirrten, der Ring des Türklopfers schlug an, aus dem Innern war ein metallischer Schlag zu hören. Normalerweise hätten sie die Haustür wieder aufgeschlossen, den Türknauf aufgehoben und aufgesteckt, doch Samson rührte sich nicht, und Lou hielt sich zurück. Der letzte Zug an der »Boenicke« war augenblicklich zerstoben, obgleich er dicht neben ihr stand in seinem Wintermantel und der Pelzmütze. Die nassen Zweige der Quitte im Eingang krallten sich leicht an ihre Schultern, während sie abwarteten. Fiele der Spazierstock vom Garderobenhaken? Löste sich der »Daniel in der Löwengrube« von der Wand? Die Pforte am Ende des Gartenpfads schwang, als wäre durch die Fäden und Schlaufen der Wicken am Zaun entlang Elektrizität geschossen. Samson hatte der Haustür einen Stoß versetzt und sie danach mit einer Wucht ins Schloss gezogen, als hoffte er, ein Beben auszulösen.

»So«, hatte er leise gesagt. Es klang wie ein Kommando.

Auf der Zeichnung vor ihr sah der schiefe Holzpfosten, in den der Gartenzaun mündete, wie ein Obelisk aus, wie ein Grabstein ohne eine Inschrift. Hatten sie die Samtvorhänge im Arbeitszimmer nicht zugezogen? Wo jetzt ein schwarzer Spalt klaffte, hatte sie früher in ein leuchtendes Zelt schauen können. Samson hatte zwischen den Zeltbahnen am Schreibtisch gesessen, den aufgeschlagenen Langenscheidt vor sich wie ein Kissen, auf dem er ausruhte. Zuletzt vergrub er das Gesicht immer häufiger darin, und sie stand im Fenster und hoffte, dass er zu ihr aufschaute.

 

Der Vorsprung zwischen den oberen und unteren Fenstern drückte sich wie ein Bug in den Efeu, in tiefhängenden Bögen schlängelten sich Ranken zur Krone des Holzapfelbaums hinüber. Bis unters Dach war das Mauerwerk mit einer dicken Laubschicht getarnt, und nur die Fenster waren nicht zugewachsen, so dass der Eindruck entstand, das Haus wäre aus Glas. Die Fensterbuchten sahen wie leergeräumte Vitrinen aus. Wie umständlich waren sie zu öffnen gewesen: Während man mit der einen Hand am Fenstergriff rüttelte, musste die andere einen gelochten Metallstab, der auf einer Leiste mit Dornen befestigt war, entsichern und mit aller Kraft in Richtung Rahmen stoßen. Die Haustür aufzuschließen wäre der Zeichnung nach riskant. Die Glasquadrate waren in Splitter zersprungen, die nur die Luft zusammenhielt.

Sie half ihm, den steifen Mantel unter das Lenkrad zu drücken und um die Steuersäule zu breiten, seine Lammfellmütze senkte sich währenddessen auf das Steuer. Trotzdem bestand Samson darauf zu chauffieren. Der alte Koffer mit seinen bizarr geformten Erdteilen aus übereinandergeklebten, verblichenen Kofferschildern, den sie auf der Hinterbank verstaute, enthielt das Wenige, das er brauchen würde: sein »Stammbuch«, die Reisepantoffeln, den seidenen Morgenrock, den dicken Wollschlafrock sowie die nightshirts, die ihn, im Gegensatz zu den Pyjamahosen, nicht in der Taille einschnürten. Lou hatte für Samson gepackt, er hatte ihr vom Bett aus diktiert. Da er vierzehn Hemden verlangt hatte, nahm sie an, dass er sich für die entsprechende Zahl von Tagen einrichtete, undurchsichtig blieb, was er sich dabei dachte. Samson gab nie zu erkennen, wie er sich fühlte und ob er wusste, wie weit seine Krankheit fortgeschritten war. »Wäre er jünger«, würde ihr der Kardiologe von St John’s bereits nach zwei Tagen erklären, »müssten wir ihm reinen Wein einschenken, damit er seine ›affairs‹ in Ordnung bringen kann. Da er ein alter Mann ist und wohl nichts mehr zu regeln hat, richten wir uns nach ihm. Wenn wir das Gefühl haben, er will wissen, wie es um ihn steht, sagen wir ihm die Wahrheit. Aber er scheint sie gar nicht wissen zu wollen.«

In riesigen Holzwürfeln waren die Möbel untergebracht und zum Speicher der Umzugsfirma transportiert worden, um dort bis auf weiteres zu lagern. Es hatte ein regelrechter Umzug stattgefunden, die Packer hatten die Einrichtung der Zimmer nachgestellt, und nur der Grundriss des Hauses war durcheinandergeraten. Die Container hatten erst aneinandergereiht auf der Straße gestanden und waren dann auf dem Deck des Möbelwagens zusammengewürfelt worden, und beim Einzug in das Depot war vermutlich wieder eine neue Ordnung entstanden.

Nur das Rückgrat des Hauses war stehen geblieben. Freischwingend mit blauen Sprossen, die ins Leere führten, sah es aus wie eine Himmelsleiter. Jetzt sah sie es wieder deutlich vor sich: Die Leiter war allgegenwärtig gewesen, sie hatten sie auf dem Rücken getragen, vor sich her geschoben und immer aufpassen müssen, dass sie nicht kippte. Wenn Samson hinaufstieg, hatte Lou von unten gegengehalten. Kletterte sie in den Top, hielt Samson unter ihr Wache. Sobald die Leiter zu schwanken begann, hatte der eine oder der andere gewusst, dass Grund zur Sorge war.

Ob Samson wohl geahnt hatte, wie schwierig es würde, ihre Geschichte zu erzählen? Würde es eine Liebesgeschichte? Oder die Geschichte einer Verpflichtung, die sie eingegangen waren? Sie liebten sich, aber sie klammerten auch aneinander unter dem Zwang ihres moralischen Anspruchs, dem sie zu genügen versuchten. Zog es Lou nicht zu Samson, damit er ihr, der selbsterkorenen Rechtsnachfolgerin der Täter, im Namen der Opfer vergab? Brauchte sie ihn nicht, um bei ihm von ihren Schuldgefühlen auszuruhen? Und forderte sie wiederum Samson nicht tagtäglich heraus, seine Gefühle für sie von seinen Erfahrungen zu trennen und nicht von ihnen trüben zu lassen?

 

Er hatte die Exil-Forscherin auf allen ihren Eskapaden begleitet. Er hatte alles nur Menschenmögliche getan, um aus dem »Affidavit«, das sie am ersten Morgen auf ihrem Frühstücksteller gefunden hatte, die Garantie eines Zuhauses und eine Einladung auf Lebenszeit zu machen. Die Bürgschaft für sie hatte er auf seiner kleinen Adler getippt.

To whom it may concern

This is to confirm that I have asked Fräulein Lou A. Schwitters who is currently engaged in research work concerning German Jewish emigrants in Great Britain to be guest at my house for the duration of her stay, or as long as she may wish to stay.

Yours faithfully, Ferdie L. Samson

 

Als er diesen Brief zur Vorlage beim Innenministerium für sie geschrieben hatte, war er von ihrem Arbeitseifer gewiss noch überzeugt gewesen, während Lou den Fragenkatalog, den sie mit dem Segen der Wiener Library und des Leo Baeck Instituts (mit hoffentlich freundlicher Unterstützung sämtlicher Institute für Zeitgeschichte und der Goethe Institute) an ausgewählten Kandidaten zu testen hoffte, wohl schon in den Wind geschrieben hatte. Der empirische Teil ihrer Forschungen nahm sie bereits derartig in Anspruch, dass auf eine Ernüchterung im Dienst der Wissenschaft kaum mehr zu hoffen war. Anstatt aus gebührendem Abstand »teilnehmend zu beobachten«, war sie hineingeraten ins volle Menschenleben. Eine Kapazität wie Prof.Dr.Dr.Gottfried Liebschütz, Goldsmith College, früher Heidelberg, hatte sie geradezu ermuntert, sich ein Einzelschicksal vorzunehmen mit der Begründung, dass es ein generelles Benehmen nun einmal nicht gebe. Es sei, hatte er ihr erklärt, das Individuum in seiner spezifischen Situation oftmals der geeignetere Schlüssel zum Verständnis der Gattung. Doch war sie wohl über das Ziel hinausgeschossen.

 

Allenfalls hatte sie sich später mit »Don Ehrlich« trösten können, der aus seinen Zweifeln an ihren Plänen nie einen Hehl gemacht hatte. Seine Worte:

»Man nehme fünfzig Juden und befrage sie, um schließlich sagen zu können: Fünfundsiebzig Prozent der deutschen Juden in England sagen immer noch ›Abendbrot‹. Die fünfzig sind mit Sicherheit ungeeignet; irgendwelche einsamen Herren in Cricklewood oder East Finchley, die nicht abgeneigt sind, wenn sie Besuch bekommen.«

»Und die geeigneten fünfzig«, hatte sie gefragt, »wie findet man die?«

»Ja, findet man die denn?«, hatte er zurückgefragt.

Der Zufall ist ein Augenblick mit dem Drang, dir zum Schicksal zu werden. Du gibst seinem Drängen nach oder auch nicht. Manchmal hast du keine Wahl.

 

Es passierte am Aldwych, genauer gesagt an der Kante des Zebrastreifens, der vom Waldorf Hotel nach Bush House führte, das sich wie der Felsen von Gibraltar zwischen Aldwych und Strand erhob. Aus der Lücke zwischen zwei Doppeldeckern, der sie hinterhergerannt war, war er vor ihr aufgetaucht, und nur wenige Sekunden später hatte sie ihr bisheriges Leben sausen lassen, den Rückflug, ihr Zimmer, die Aufnahmeprüfung fürs Hauptseminar, den Termin für ihr Referat.

Ein Blick hatte genügt, um etwas zu besiegeln, was, wusste Lou auf die Schnelle nicht. Seine Augen waren ihr schon begegnet, aber hatten sie nicht durch sie hindurchgeschaut auf der Suche nach jemand anderem? Jetzt hafteten sie auf ihr. Er stand mit ausgebreiteten Armen da. Sie registrierte das grau-weiß gestreifte Oberhemd, den mit kleinen Knötchen übersäten Schlips, das braun-weiß gewürfelte Jackett, das einen feinen, kitzelnden Flaum absonderte und zwischen dessen Flügeln eine graue durchgeknöpfte, erheblich gerundete Weste hervorschaute. Noch bevor sie sich schlüssig werden konnte, ob ein Bauch und abfallende Schultern sie ernüchtern könnten, hatte sie einem Rückzug ihrerseits vorgebaut und sich mit Trotz gewappnet gegen jedwede möglicherweise störende Entdeckung. So war es wohl auch zu erklären, dass ihr sein biblisches Alter nicht auffiel. Sein Alter ging ihr erst viel später, Monate, Jahre später auf, aber da waren sie längst unzertrennlich geworden.

 

Während er sie aufs Trottoir zurückschob, steckte er den linken Daumen unter seinen Kragen und schlug den Jackettflügel ein Stück zurück, der auf der Innenseite einem Regal glich, in welchem Büchlein, Zettel, Stifte neben- und übereinander aufgereiht waren. Einem Zirpen folgend, fuhr er mit dem Zeigefinger unter die goldene Kette, die aus einem Täschchen am Hosenbund lugte, und zog, indem er den Finger wie zur Ermahnung aufrichtete, eine goldene Taschenuhr hervor. »Time«, sagte er, während er sie wie ein Jojo hochwarf und fing. »May I ask where in Germany you come from?«

Und während sie einen kurzen Steckbrief zu ihrer Person entwarf, umwanderten sie den Gibraltarfelsen in Richtung Fleet Street, um seinen R4 zu suchen. In einem kleinen Plastikbeutel, den er während des Spaziergangs einem der Regalfächer entnahm, trug er die Münzen für die Parkuhr bei sich. Dabei sahen die gekrönten grünen Ständer zwischen den Kühlerhauben eher wie Flaschenöffner aus, die dazu einluden, sein Schweppes oder seine Cola an ihren Zacken zu köpfen. »Auf Englisch sagt man ›füttern‹ dazu«, erklärte Samson, während sie stehenblieben und er ein Six-pence-Stück nach dem anderen in den Münzschlitz steckte. Sie sahen zu, wie der Zeiger im Halbmond der Parkscheibe mit einem Surren auf null zurückschnellte, dann mit einem Hüpfer seitlich im Gehäuse der Uhr verschwand. »Plenty of time«, bestätigte Samson und bot ihr seinen Arm.

 

»Ferdie L. Samson, 44 Everdale Gardens, NW2«. In seiner Unterschrift verbarg sich eine zweite; die äußere umschloss ihr Ebenbild, beschirmte es, lief ihm voraus wie eine Mutter, die für ihr Kind sorgte: Bei »Gloriette« in St John’s Wood hatte er sich mit der gesplissenen goldenen Feder in ihr Adressbuch eingetragen. Vorher hatte er »tea for two« und – »with the compliments of the Residency of Prof.Freud« – Apfelstrudel bestellt, weil der von »Gloriette« als beinah so gut gelte wie der Strudel aus Maresfield Gardens, den Anna Freud buk, beziehungsweise ihre Haushälterin. Um an das Je-ne-sais-quoi, wie Samson sich ausdrückte, aus geriebenem Apfel, Nussstückchen und in Rum gebadeten Rosinen zu gelangen, mussten sie durch Schauer aus Puderzucker. Lou hatte Samson vor jedem Einstich mit der Gabel gewarnt und sich nachträglich entschuldigt, wenn ihn wieder eine Schneewehe getroffen hatte. Samson hatte ihr mit einem weißen Leinentaschentuch aus seiner Brusttasche die Sprengsel von der Stirn getupft, sie hatte ihn mit den Augen zu den Staubspuren auf seinem Kinn gelenkt. Es war das erste Unwetter, das sie zusammen ausstanden.

Um ihr seinen Schutz anzubieten, hatte er immer wieder seine Jackettflügel aufgeschlagen. Es war zugleich eine Vorbereitung auf seine Schränke zu Hause und ein Vorgeschmack seiner Gewohnheiten. Er hatte das Etui mit der Nahbrille einem der Fächer entnommen und stattdessen das Etui mit der Fernbrille an seinen Platz gestellt, hatte das Läppchen zum Blankputzen hervorgeholt und wieder verstaut, hatte bei der Gelegenheit auch den Mont Blanc gegriffen. Und dann hatte er angefangen, ihr von seinem Haus und seinen »Adenauermöbeln« zu erzählen.

Er sprach Englisch mit ihr, streute nun jedoch, weil es sie im Englischen nicht gebe, auch deutsche Wörter ein, die er aber englisch einfärbte. Sie erfuhr, was es mit Adenauer und dem »Bundesentschädigungsgesetz« und dem »Bundesrückerstattungsgesetz« – es klang wie »Wuckerstattungsgeseess« – auf sich habe, denen er sein Haus verdanke. Lou staunte, dass er schon nach so kurzer Zeit mit ihr ein so heikles Thema berührte. Sie kam gar nicht dazu, sich zu empören und ihm, wie sie doch vorhatte, zu verstehen zu geben, wie unangemessen, wie verharmlosend sie die Wörter fand, da verwirrte er sie vollends: Ein Mann namens Moses, erzählte er, habe das Wort »Wiedergutmachung« erfunden, Siegfried Moses, in einem Artikel, der in den vierziger Jahren in Tel Aviv erschienen sei.

Natürlich wusste Lou, dass Deutschland materielle Hilfe an Israel leistete, Israel verteidigte sich mit Panzern und Aufklärungsflugzeugen und Transportmaschinen aus Deutschland; im Negev wurden Wohnungen gebaut und Apfelsinen, Erdbeeren und Gladiolen gepflanzt, die Maschen des Telefonnetzes gediehen in alle Himmelsrichtungen dank der Wirtschaftshilfe, die Ben Gurion und Adenauer bei heimlichen Treffen in den fünfziger Jahren ausgehandelt hatten. Aber dass der Segen Adenauers sich bis London Cricklewood ausbreiten und sich in ein Haus, Tisch, Stuhl und ein Bett verwandeln würde, hatte sie sich nicht vorgestellt. Während Samson ihr noch von seinem Hauskauf erzählte, fiel ihr ein Erlebnis ein, das sie in den Fall entfernt verstrickte: Konrad Adenauer höchstpersönlich war einmal bei einem Staatsbesuch in Hamburg an ihrer Schule vorbeigefahren. Sie hatten, erinnerte sie sich, außerhalb des Schulhofs aufgereiht am Straßenrand gestanden, und als die offene Limousine mit dem stehenden und nach allen Seiten seinen Hut schwenkenden Kanzler sich näherte, hatten sie auf das Kommando Herrn Heinsons, ihres Klassenlehrers, schwarz-rot-goldene Papierfähnchen geschwenkt. Da das Gerücht umgegangen war, der Bundeskanzler habe die Absicht, eine Schule zu besichtigen, hatten sie mit den Rechenarbeiten und Diktatheften Radiergummis ausgeteilt bekommen. Tagelang hatten sie in den Klassenzimmern, den Fluren, den Toiletten die Wände weiß radieren müssen für den hohen Besuch, der dann aber gar nicht kam, sondern nur im Triumphzug an ihnen vorbei durch Hamburg fuhr. Doch erst jetzt, nach über fünfzehn Jahren, bekamen die Ovationen der kleinen Mädchen für Konrad Adenauer ihren Sinn, die Sonntagskleider, der schulfreie Morgen, das Warten, die Hochrufe, das Schwenken der Fähnchen, die Tage des Radierens. Samsons Einladung nach 44 Everdale Gardens »auf einen Löffel Suppe« erschien Lou wie die Krönung jenes Ereignisses. Sie würde die Adenauermöbel besichtigen und den Segen Adenauers mit eigenen Augen bezeugen können.

 

So oft Samson sich ihrer Tasse mit dem Schnabel der Kanne genähert und den schwarzen Sud eingegossen, so oft sie mit dem zweiten, kleineren Kännchen heißes Wasser nachgeschenkt hatte, ihre Finger waren klamm geblieben. Samsons kleiner grüner Siegelring war unbeirrbar auf seiner Bahn gezogen, trotz des einladenden Dampfbads über den Tassen, in dem sie sich hätten gehen lassen und zusammen aalen können. Schwindelte ihr nicht vielleicht auch beim Anblick der Knopfleiste, die sich ihr über der Tischkante entgegenbeugte? Ob man die Knöpfe aus dem wie Schiefer glänzenden Material herausschraubte, oder hämmerte man sie heraus? Ihre Hand geriete ins Dunkel, in einen Spalt, der eine unwohnliche Höhle dahinter ahnen ließ, die zu erforschen ihre Aufgabe wäre: Sie hatte an den steinernen Bismarck denken müssen, der über dem Hamburger Hafen thronte. Durch eine Tür gelangte man in seinen Stiefel und arbeitete sich durchs Hosenbein hinauf durch den Leib, den Brustkorb, den Hals hinauf bis unter die Schädeldecke. Wenn man stillhielt, konnte man das Wispern eines anderen Besuchers hören, der erst bis in die Mundöffnung gelangt war. Dort befand sich eine Aussichtsplattform.

 

Aber wie sie feststellte, hatte sie die Größenverhältnisse weit überschätzt: Das »Adenauerhaus« in 44 Everdale Gardens, einem cul-de-sac, einer Sackgasse, unweit der North Circular, wäre in Bismarcks Hosentasche verschwunden.

Wieso war der »Löffel Suppe«, zu dem Samson sie eingeladen hatte, ein riesiges, schmetterlingsförmiges Lammkotelett von »Jack, Butcher, to her Majesty the Queen«? Er servierte es ihr, umrahmt von glänzenden Prinzessbohnen, auf einem feurig glühenden Teller. Sie würde erst mit der Zeit herausbekommen, dass es nicht eine Redensart war, wie Samson behauptete. Es war, wie sie entdeckte, eine magische Formel, mit der er sich an die dürftigen Portionen früherer Zeiten erinnerte, um sie gleichzeitig zu verwandeln. Diese Verwandlung begann, lange bevor sie sich setzten, ja schon mit dem bloßen Gedanken ans Essen, mit dem Planen seiner Einkäufe in Soho und St John’s Wood und vervollkommnete sich beim Kochen. Samson würde sie immer nur »auf einen Löffel Suppe« bitten. Wenn er auftrug und die Deckel über den Schüsseln hochhob, war das Wunder, das er erhofft hatte, vollbracht: »Madame, das Lammkotelett! Madame, les haricots verts au beurre!«

Vor dem »Löffel Suppe« hatte er eine halbrunde Konsole, auf der sich Papiere und Ordner stapelten, abgeräumt und, indem er sich hinkniete, mit einem erstaunlich draufgängerischen Griff zwischen ihre Beine ein weiteres Bein hervorgezogen, über dem er die doppelt liegende Platte zu einem Rund aufschlug: Voilà la table! Auch dieser Akt war, wie die Zukunft zeigen würde, eine Etappe jeder Mahlzeit bei Samson und, wie Lou mit der Zeit verstand, ein Brauch, der die Erinnerung an die Unbeständigkeit des Lebens zu einem täglichen Erlebnis, ja zur Pflicht machte. Der Tisch würde immer improvisiert, als wären sie unterwegs, nach dem Essen verschwand er unter Ordnern und Büchern.

Nach dem »Löffel Suppe« zogen sie um ins Nebenzimmer, wo Samsons »stummer Diener« sie begrüßte, während er mit mehreren Tabletts und Weingläsern jonglierte. Ein olivgrüner Sessel mit großen Ohren und weit geöffneten Armen, der aus einer Ecke ins Zimmer hineinragte, erinnerte sie an ihre Begegnung auf dem Zebrastreifen am Aldwych: Er wiederholte Samsons einladende Geste. Während der Hausherr seinen Stammplatz einnahm, bezog sie den auf Stelzen thronenden, mit Streublümchen übersäten »Damensessel« zu seiner Rechten, der ihr sogleich eine bittstellerische Haltung auferlegte. Die Armlehnen begannen in Schulterhöhe und bogen sich unter den Händen in einer ausladenden Welle zur Sitzfläche hinunter, und da der Sitz sozusagen ein »Hochsitz« war, stand sie eher, als dass sie saß und machte Männchen. Samson erklärte ihr, dies sei die typische Haltung einer Dame auf einem »Caquetoire«, einem »Plaudersessel«. Die geschrägte Rückenlehne und die hochangesetzten Armbeugen erinnerten an ein solches Möbel zum Schwatzen aus dem sechzehnten Jahrhundert, obwohl es nicht sechzehntes, sondern neunzehntes Jahrhundert sei.

 

Und dann begannen sie mit der Besichtigung des Stuhlmuseums.

An den Wänden aufgereiht, wirkten die übrigen »Adenauerstühle« wie Vorrichtungen, an denen man seine exercises machte: steifer Rücken, port de bras en avant, Füße: dritte Position. Der bloße Anblick würde wohl immer genügen, um sie an ihre Rolle der Feldforscherin zu erinnern, an die Gebote der Rücksichtnahme und ein durch »interessiertes Fragen und intelligentes Zuhören« zu bekundendes Interesse, das sie sich vorgenommen hatte. Ein zweites und dann ein drittes Glas Wein, die der stumme Diener ihr reichte, genügten jedoch, und Lou vergaß alle Kommandos und Rippenstöße und hing an Samsons Lippen.

 

Ende der fünziger Jahre, erzählte er, habe er die Stühle bei kleinen Auktionen auf dem Land ersteigert, »for peanuts«.

»Peanuts?« Lou sah ihn fragend an.

»Piepen.« Er blies dem Wort, um es zu vertreiben, sogleich einen Zug aus der Zigarre hinterher.

»Das hab ich seit Ewigkeiten nicht gebraucht. Das macht Ihre Gegenwart.« Das sagte er gleich wieder auf Englisch.

 

Lou war glücklich und zugleich enttäuscht über ihre Wirkung. Sicherlich war es noch zu früh, und sie waren noch zu wenig vertraut miteinander, um sich von ihm Wörter zu wünschen, die raunten, dachte sie, Urworte, die in eine vergessene Welt führten und sich, wie sie gelesen hatte, gar nicht übersetzen ließen. Vielleicht würde sie ihn ganz sachte ins Deutsche hinüberziehen können, wenn sie vorsichtig hier ein Wörtchen, da ein Wörtchen ins Englische hineinschmuggelte, bis sie eines Tages zusammen hinüberglitten in die Ursprache.

 

Die Stühle entstammten dem Nachlass eines Brigadier W. Fairweather, einer Lady M. Noblock sowie dem Haus des dreizehnten Duke of Buccleuk und waren, wie sie zu ihrem Erstaunen erfuhr, ein Zwischending zwischen Original und Fälschung.

»An in-between-thing.«

»Ein Zwitter? Ein Noblock-Buccleuk?« Lou war überrascht über sich. Sollte der Plaudersitz eine beflügelnde Wirkung haben?

»Mitnichten, Madame, keine Kreuzung und auch nichts Noblockhaftes oder Buccleukhaftes. Bei Möbeln geht es prosaischer zu als bei den Menschen. Scheidet eins aus, weil es durchgesessen ist oder aus Altersschwäche zusammenbricht, dann ersetzt man es durch eine Imitation. Man nennt das nicht Original und nicht Fälschung, sondern Nachbildung.«

 

Hatte er sich mit den Stühlen, fragte sich Lou, neue Ahnen erworben? Die Verwandtschaft all derer, die vor ihm darauf gesessen hatten? Nahmen sie ihn in ihren Stammbaum auf, der bei Wilhelm dem Eroberer, wenn nicht schon bei Julius Cäsar begann und nach Generationen auf den Schlachtfeldern Britanniens und Frankreichs ihn schließlich zur Belohnung an die Tafel des dritten oder vierten Duke of Buccleuk versetzte, wo er an der Seite Falstaffs dinierte?

Noch waren sie viel zu vorsichtig miteinander, als dass Samson zu sagen gewagt hätte, was er später immer sagen würde, wenn sie ihm mit ihren Theorien kam. »Schreib’s auf!« oder »Tell me no kasches and I’ll tell you no lies«. Halt mich nicht zum Narren, und ich erzähl dir keine Lügen.

Während Lou kaum noch bezweifelte, dass Samson seiner Sesshaftigkeit nicht nur Ausdruck verlieh, sondern sie geradezu verteidigte, gab er ihren Vermutungen bereits eine neue Wendung. Stühle seien zwar auch Sitzgelegenheiten, aber in erster Linie seien sie Kunstwerke, Skulpturen eines Mr.Chippendale und eines Mr.Hepplewhite und eines Mr.Adam. Und während er ihr von den Musterbüchern der großen englischen Möbeltischler erzählte, nach deren Vorlage seine Stühle angefertigt seien, zog er die schwarze Stehlampe, die zwischen ihnen stand, zu sich heran. Es dauerte eine Weile, bis der Stiel aus feinen Ringen sich zwischen seinen Händen wand und Samson begann, mit dem Lichtstrahl Rücken und Armlehnen, Schöße, Beine abzutasten und ihre Schatten an die Wand zu malen.

»Auch das verdanke ich eurem Adenauer«, hörte sie ihn sagen. »Man braucht Menuche, um die Schatten zu entdecken, die uns umgeben.«

Menuche? Sie behielt das Wort für sich, begnügte sich mit der Bedeutung, die sie herauszuhören meinte: Genüche. Man braucht Genüge …

 

Während er die Stühle immer wieder umstellte, den einen oder anderen separat ableuchtete, auch zwei ineinanderstellte oder sie sich langsam umeinander drehen ließ, führte er Lou ein ganzes Ensemble von Schatten vor, denen sie den Einfallsreichtum ihrer Erfinder besser als den eigentlichen Möbeln ansehen könne. Und nicht nur das. »Man kann«, er berührte die Wand und beklopfte sie mit dem Fingerknöchel, »man kann seinem Schatten sogar ansehen, aus welchem Holz ein Stuhl gemacht ist.« Er führte ihr einen durchbrochenen Rücken vor, mit der Messerspitze ausgestochenes Gitterwerk, Spinnweben, Rippen, eine Leiter, ein gotisches Fenster, einen Fächer, einen zerbrochenen Schild.

»Dazu braucht es Holz wie Eisen, das einem beim Bohren und Ausschneiden nicht unter der Hand zerbricht, eine Qualität, die eben nur das Mahagoni hat.«

Und während er mit dem Zeigefinger die Konturen nachmalte und »There! There!« flüsterte und »Sehen Sie da!« und den Ahnherrn des Mr.Chippendale für sie spielte, der an seinem Mahagonistamm herumschnitzte, lenkte er ihre Augen, und Lou bestätigte, was sie glaubte, dass sie beide sähen: ein Bein auf Kufen, eine Pfote, Klauen, Tatzen, Krallen, Pranken, Pferdehufe.

»Wir sind«, hörte sie ihn dazwischenrufen, »an einem historischen, für die Geschichte des Sitzens revolutionären Augenblick angelangt, der Erfindung des Stuhlbeins, der Überwindung der Unbeweglichkeit!« Und plötzlich begannen die Schatten, vor ihren Augen zu kreisen und auf den Wänden zu wandern und springlebendig zu werden, wie sie es Stuhlbeinen nie zugetraut hatte. Statt in ihrem Tagebuch notieren zu können, dass »der Emigrant« sich hinter einer Unzahl von Stühlen verbarrikadiere, wurde sie eines Besseren belehrt. Bei Tag mochte es so aussehen, als verschanzte er sich: In seinem Schattenreich waren sie auf scharrenden, ausschlagenden, springenden, schwebenden, fliegenden Beinen unterwegs, bis sie irgendwann in leicht schläfrigem, leicht angetrunkenem Zustand und mit einem geheimnisvollen Wort als Beute auf der Kehrseite des Lichts anlangten.

»What delicate limbs«, hatte sie Samson flüstern hören, »what tiny feet she has! Can you see this?«, während sie seinen Fingern an der Wand zuschaute, die sich aus dem Dickicht von Beinen lösten und sich kraulend, wie auf dem Endspurt eines Abzählreims, zwei Spitzenschuhen näherten. Als sich die Armlehne unter ihrer Achsel durchschob und sich um ihre Brust legte, fühlte sie sich gerade noch stark genug, um sich zu fragen, ob er womöglich sie meine?

Dann war es aber gar keine Frage mehr, dass sie vor ihm die Treppe hinaufritt in ein Zimmer, in dem ein Bassin stand, dessen sich kräuselnde Oberfläche über den Beckenrand flutete. Die Ausläufer der Wellen legten sich wie Pantoffelhauben über ihre Schuhe. Erst als sie sie beiseitestieß, entdeckte sie die orientalischen Brücken unter ihren Füßen, die in großen Abständen voneinander um das blaue Viereck herumgelegt waren. Vorbei an einer bauchigen Kommode und einer Schrankwand bewegten sie sich am Wellensaum entlang hintereinander zum Fenster und schauten stumm auf den nächtlichen Garten hinunter. Es dauerte eine Weile, bis sich aus der Dunkelheit der Rasen heraushob, der von Sträuchern und Büschen eingefasst war; er hatte die Form eines Flügels.

 

Über dem Kopfende des Bettkastens brannte in zwei Tüten Licht. Wie Lou sogleich erkannte, wiederholte sich die Ordnung hinter Samsons Jackettflügeln im Großen nur bedingt, hingegen bestätigte sich sein Bedarf an Papieren. Als er die Schranktüren aufschob, wehten ihnen Fusseln und Krümel und rötlicher Staub entgegen. Dahinter tauchte eine Wand auf, die im Einstürzen begriffen war. Die Graffiti in schwarzer Tinte auf den merkwürdig geformten Mauersteinen glänzten wie frisch geschrieben. Wie aus einem Soufflierkasten flogen ihr Stichworte zu: »Übersetzungen«, »Import Export«, »Korrespondenz«, »Vater«, »Mutter«, »Dtsch. Reich«, »Mandanten«. Sie hatte das Gefühl, in ein schwebendes Verfahren verstrickt zu werden. Die schwankende Wand betrachtend, erschloss sich ihr, wie sie glaubte, das Charakteristische eines Adenauerhauses. Es war auf Akten gebaut, aus Ordnern in allen Farben, die sich, insbesondere in den oberen Reihen, gelockert hatten und jeden Augenblick herabstürzen konnten. Samson würde die Wand später manchmal seine »Klagemauer« nennen.

Die unterste Aktenreihe als Trittbrett benutzend, suchte er mit beiden Händen Halt in den Spalten. Es schien in der Wand Vertiefungen zu geben für besondere Dinge, für eine Melone, die er kurz anblies, eine zweite, die er bespuckte, bevor er sie wieder verschwinden ließ. Sie glaubte, den Schornstein eines Zylinders zu erkennen, der aber gleich wieder versank. Samsons Arm bewegte sich wie der eines Puppenspielers unter seiner Bühne hin und her, bis er schließlich ein in Zellophan gewickeltes Bündel in die Höhe hielt, das er ihr, als er wieder auf dem Boden gelandet war, in die Hand drückte. »Es ist mit Sicherheit warm«, sagte er.

Später, im Badezimmer, schmolzen die Strahlen der Heizsonne die Zellophanhülle, und es löste sich eine glänzende Masse, die sich zu zwei langen Ärmeln auseinanderziehen ließ, dazwischen beulte sich ein mit weißem Krepp eingefasster Brustlatz. Einen Augenblick lang stockte sie, wohl weil sie ahnte, dass sie zwar die treibende Kraft wäre, die Bewegerin des schillernden Stoffs, aber ihn nach eigenen Ideen und Vorstellungen modellieren dürfte sie wohl nicht. Die zwei Bänder, durch einen Knopf in Brustbeinhöhe befestigt, ließen ihr kaum Spielraum. Würde sie sie flattern lassen dürfen, wo sie doch strenggenommen im Kreuz gebunden wurden? Der Schreck über die Zumutungen des Hemds und die Vorstellung, dass sie bei einer Unbekannten einzöge, waren für einen Moment lähmend. Wer war wohl vor ihr darin untergeschlüpft oder hindurchgezogen? Eine Karawane von Geliebten, die bei ihm mal für kurz, mal für länger gerastet hatten? Würde sie vielleicht in Urzeiten zurückversetzt, in die Zeit vor dem Exil, als er noch mit seinen Eltern am Potsdamer Platz lebte?

Gerade rechtzeitig entdeckte sie, als sie die Augen wandern ließ, dass sie von unzähligen gehissten Segeln umgeben war. Wohin sie sich drehte und wendete, Zweimaster, Dreimaster, Viermaster, die mit dem Wind segelten und ihr das Geleit gaben. Wozu, fragte sie sich, versammelte Samson nur diese Dutzende von Old-Spice-Flaschen?

 

Während sie sich aus ihrem Wollschal herausdrehte, aus Rock und Stiefeln stieg, war ihr zumute, als würde sie in eine Staffel aufgenommen: Eben gerade übernahm sie das Hölzchen. Sie legte den Kopf in den Nacken, hielt ihr Gesicht dem herabfließenden Hemd entgegen, brachte ihren Busen im Brustpanzer unter, sah ihrem Bauch zu, wie er den rosa Zucker aufsog, während sich zwischen ihren Schenkeln eine dreieckige glitzernde Kruste bildete. War sie nicht längst entschlossen, bis ans Ende der Zeiten bei ihm zu bleiben?

Als Samson ins Bett stieg, klangen die Sprungfedern unter ihm, als würde ein Brummkreisel aufgepumpt, während Lou, als sie dazustieg, nur ein dürftiges Rasseln erzeugte. Die Frage war, wie sie sich neben ihm auf dem schaukelnden Floß behaupten würde. Doch der schwarze Brecher, den sie bereits über sich einstürzen sah, als Samson den Arm nach der Lampenschnur ausstreckte, verschonte sie. Denn während das Licht aus den Tüten am Kopfende verblich, entzündete sich ein vergittertes Fenster über der Schrankwand und verbreitete bald einen rötlichen Schein, der zu einem molligen Hof auf dem Laken anwuchs. Lou dachte sich in der hellen Luke einen freundlichen Nachbarn, der einem fahrenden Gesellen auf den Weg leuchtete. Ob er sie durchleuchtete? Ihre Brust, ihr Bauch, ihre Beine schienen sich allmählich mit Licht zu füllen, als sollte sie für ihn durchsichtig werden.

 

Sie wurden unter dem Aufbau aus Steppdecken, Wolldecken, Betttüchern begraben. Zum Fußende hin, nach dem sie sich streckte, wurden ihre Füße allmählich eingegipst, bis sich Spann und Zehen flach der Matratze anlegten. Das tat weh, war aber dennoch bemerkenswert. Denn so unpraktisch, ja unwohnlich, wie das Bett gemacht war, fand sie doch erstaunlich, dass der Bewohner des Adenauerhauses sich nicht lieber unter ein dickes Federbett legte, sondern seine Bettgewohnheiten anglisiert hatte; dass er augenscheinlich gern wie ein Engländer mit kalten Füßen schlief und sich aus der Beweglichkeit bei der Liebe gar nichts machte.

Nicht, dass sie je ins Auge fassen würde, in fünfzig Kandidatenbetten vorzudringen, es würde hinreichen, dachte sie, wenn sie nach der Schlafgewohnheit fragte, um die Plumeaubenutzer und die Wolldeckenbenutzer zu erfassen.

Da das Gewicht der Decken hinderlich war, robbte Lou zur Öffnung am Kopfende, kniete sich und schlug sie mit beiden Händen wie Kapuzen eine nach der anderen zurück, die rosa Steppdecke, die graue, die zwei hellblauen Wolldecken, die drei weißen, die Laken, bis sie Samson erreichte. Er rührte sich nicht, atmete aber tief und hörbar wie vor einer Konzentrationsübung.

Wie machte man das alles? Schleife aufbinden, den gerüschten Hosenbund bis zum Äußersten dehnen, die dreieckigen Segel, die sich über seinem Bauch auffalteten, umschlagen und mitsamt den Hosenbeinen in zwei immer wulstiger werdenden Ringen über die Schenkel in Richtung der Füße bald krempeln, bald schieben: Ihre Stimme entglitt ihr, war nur noch ein Japsen. Kaum war die Hürde der ziemlich großen, wie zwei Elchskämme über den Bettrand ragenden Füße genommen und das inzwischen brezelförmige Gebilde auf den Boden geglitten, kroch sie zu Samson, der mit geschlossenen Augen sich ihre Annäherungen genüsslich gefallen ließ. Sie setzte auf ihn an, küsste ihn, leckte ihn ab, klebte deutsche Wörter in seine Knie- und Achselhöhlen. Sie schämte sich dabei ein bisschen für ihre Seufzer, im Vergleich mit seinem inbrünstigen Bass krähte sie und maunzte. Sie blies ihm ins Ohr, knabberte an seinen Fingern, beleckte seine Fersen, saugte an seinem Penis. Je mehr sie sich einfallen ließ, je hingebungsvoller sie ihn umarmte und mit Küssen zudeckte, desto mutiger wurde sie; während Samson immer noch wie eine gestrandete Robbe dalag, die Wind und Wellen nicht erreichten. Endlich aber begann er zu zittern und sich zu wiegen, während seine Glieder an unsichtbaren Fäden tanzten, ein Arm, ein Bein schnellte in die Höhe und fiel in einer schlenkernden Bewegung, bis sich sein Oberkörper aufbäumte und sie zum ersten Mal in einem Flüstern, das zugleich abwehrend und zärtlich war, sein »Madamia« hörte, das sie von nun an in unterschiedlicher Lautstärke und Klangfarbe begleiten würde.

 

Wohin mit der schwirrenden Energie, die sie entfacht hatte? Wie, wenn sie ihrem plötzlich erwachten Tatendrang ihren ganzen täglichen Ballast, ihr unerledigtes Pensum unterjubelte: Koffer packen, Ausziehen, Einziehen, Aufenthaltserlaubnis verlängern, Arbeitserlaubnis beantragen, Brief ans Innenministerium? Während Samson auf die Seite rollte und ihr aus dem Halbschlaf mit leicht angetrunkener Stimme »Good night, Madamia« nachrief, klammerte sie sich an seinen Rücken, damit er sie unter sich begrübe. Sie wollte bis zum Morgen stillhalten.

Sie wohnten in den Winkeln und Ecken einer Treppe, über deren Stufen sich jeden Morgen dampfende Kaskaden wälzten, bevor sie röhrend und gurgelnd in der Garageneinfahrt versickerten. Lou stand eingewickelt in eine Steppdecke an der Geländerbrüstung und versuchte, die Untertöne der Wassermasse herauszuhören, ihr Zischen, Glucksen, Plätschern, Klatschen. Dem Rauschen der Wände nach, das wie eine Brandung alles übertönte, stand das Stuhlmuseum unter Wasser, die Noblocks und Buccleuks wateten auf angezogenen Läufen, wenn sie nicht schwammen.

Samson hatte bereits den »Timesch« – »The Times« – vor sich gegen die Wand gestellt. Bei jeder Bewegung streichelten die Seiten die zwei Wandteller dahinter; wenn er blätterte, ritzten die Ecken etwas ins Porzellan. Es war das Geschirr seiner Mutter, wie sie bald erkundet hatte, zwei Stücke aus ihrem Meissener-Zwiebelmuster-Service, die sie ihm auf die Reise mitgegeben hatte. Von den hellblauen Wänden perlten Tropfen, das Fenster war mit Wattebäuschen verklebt, denn um die Küche zu wärmen, dampfte der Teekessel in ihrem Rücken. Lou hockte mit angezogenen Beinen auf der obersten Stufe eines Tritts, so dass ihre Knie die Tischplatte überragten. Die unter einer Decke aus Raureif rötlich schimmernden Fliesen zu ihren Füßen wurden zur Gartentür hin holpriger, an der Türschwelle zum Garten zerbröckelten die Steine. Samson schob ihr, während er las, nach und nach die Bestandteile des Frühstücks zu, die Butterdose, das Schälchen mit Holzapfelgelee, den silbernen Ständer mit den gegrillten Brotscheiben. Irgendwann würde auch seine Teetasse zu ihr geglitten sein, und er säße, während Lou für zwei frühstückte, vor der leeren Tischhälfte. Dass sie von den Millionen Menschen in dieser Stadt nicht einen einzigen hörte, dachte sie verwundert. Sie griff nach seiner Hand mit dem Siegelring, und um seinen Puls zu einem Umweg zu verleiten, legte sie sie sich auf.

Zuerst hatte sie, den Kopf an seiner Schulter, nur stumm mitgelesen, bis er eines Tages anfing, ihr vorzulesen. Samson sprach nun mit seiner historischen Stimme, nämlich aus dem Bauch des berühmten Big Ben. Sie hatte ihn ja nicht gehört, als er während des Krieges nach den acht Glockenschlägen die deutschen Nachrichten der BBC verlesen hatte, aber seit sie es wusste, hörte sie es seiner Stimme an. Brummte er nicht, als hätte er die Bauchtöne der Glocken im Ohr, bevor seine Stimme anstieg und leichter, leiser und immer heller wurde? Sobald Samson etwas für hörenswert hielt, visierte er mit der Nase die historische Mittelwelle zweihundertein Meter an und las, wahrscheinlich um seine heimlichen Hörer nicht zu gefährden, nur mit der sich rümpfenden Nasenspitze. Sein Näseln glich sich dem Säuseln des Kessels dabei so verblüffend an, dass Lou kaum noch zu unterscheiden imstande war, wem sie lauschte, Samson oder dem Wasserdampf. Jedes Schnurpsen war zu vermeiden, so dass sie in Zeitlupe in ihren Toast biss und ihn im Mund zergehen ließ.

 

Zum Frühstück trug Samson einen Morgenrock mit dem Muster seines Badewassers. Hunderte von Mikroben tummelten sich auf einem marineblauen Grund, gelbe und violette Trompetentierchen, Schwärme von Drachen und Seepferdchen ähnelnden Amöben, Trauben winziger Disteln, für die sie keinen Namen wusste. Wenn die Dampfwolke, in der er für eine halbe Stunde verschwand, ihn wieder abgesetzt hatte und durch die Badezimmerluke abgezogen war, blieb eine so reine, jungfräuliche Wanne zurück, dass Lou sich kaum nach ihm hineinzusetzen wagte. Dasselbe blendende Weiß schimmerte auch zwischen den feinen blauen oder roten Streifen seines Oberhemds, das er unter dem Morgenmantel trug, auf der Brust und an den Manschetten. Die ovalen Goldplättchen, deren haarfeine Ketten die Manschetten verknüpften, waren eine Entdeckung für sich. Samson erzählte ihr von seiner Bar-Mizwa in der Berliner Fasanenstraße, zu der er sie bekommen hatte.

Mit jedem Vorstoß in die Vergangenheit wuchs die Verlockung, ihre eigenen, ans Exotische und Phantastische grenzenden Vorstellungen von Exil und Exilantentum zu entwickeln oder sie sich zu bestätigen. Auf Entdeckungen aus, wurde sie besonders dort fündig, wo es nach der Meinung Samsons nichts oder fast nichts zu entdecken gab.