Herzleuchten am Meer - Rosita Hoppe - E-Book
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Herzleuchten am Meer E-Book

Rosita Hoppe

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Beschreibung

Eine Insel, zwei Herzen und jede Menge Geheimnisse Nach schrecklichen Ereignissen musste Franzi aus dem Polizeidienst aussteigen. Nun versucht sie, mit einer Detektei Fuß zu fassen. Doch das ist schwierig, denn Konkurrent Lukas Bertram luchst ihr immer wieder Klienten ab, was Franzi in arge finanzielle Schwierigkeiten bringt. Als sie ausgerechnet dieser Kerl um Mithilfe bei einem Fall auf Amrum bittet, stimmt Franzi nur aus der Not heraus zu. Doch der wahre Grund, sie nach Amrum zu locken, ist ein ganz anderer. Und der bringt ihr Leben gehörig ins Wanken. Plötzlich steht sie Familiengeheimnissen gegenüber, die es aufzuklären gilt. Zudem kommen ihr die Schrecken der Vergangenheit ausgerechnet am Wahrzeichen der Insel verdammt nahe. Dass sich Lukas als Halt erweist und sich immer mehr in ihr Herz schleicht, stand auch nicht auf ihrem Lebensplan.

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Für meine Mama

Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de© 2022 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerDer Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.comEPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8396-5

Rosita HoppeHerzleuchten am Meer

Es gibt Tage, da braucht man etwas fürs Herz. Heute ist so ein Tag.

Prolog

Technorhythmen dröhnten durch die Nacht. Flammen loderten aus einem alten Metallfass, die einzige Lichtquelle im Hinterhof. Selbst der Mond hatte sich hinter einer Wolke verkrochen, als wäre es ihm peinlich, diese grölende Meute betrachten zu müssen. Vereinzelte Stimmen, die es tatsächlich schafften, den Technolärm zu übertönen, stachelten den offensichtlich betrunkenen oder bekifften Anführer an.

„Naumann, in Deckung! Schnell“, zischte Kollege Krüger, der sich wenige Meter vor ihr befand. „Der hat eine Knarre!“

Franzi sprang einen Schritt beiseite, duckte sich hinter einen schmalen Bretterverschlag. Die Waffe in ihren Händen zitterte. Dieser Einsatz geriet allmählich außer Kontrolle. Eigentlich waren sie wegen Ruhestörung gerufen worden. Dass sich in diesem Hinterhof ausgerechnet ziemlich zwielichtige Personen die Kante gaben, war nicht abzusehen gewesen. Es knallte ein paarmal. Gehörte das zur Musik? Waren das etwa Schüsse?

Ein qualvolles Stöhnen drang an Franzis Ohren. Oh, scheiße! „Krüger? Alles okay mit Ihnen?“ Stille. „Krüger?“

Wieder ein Schuss. Vor ihr splitterte Holz. Irgendwas riss sie von den Füßen – schleuderte sie nach hinten. Was war das? Hart schlug sie mit dem Rücken auf dem Boden auf. Momente später drang höllisches Brennen in Franzis Wahrnehmung und erneut ein dumpfes Stöhnen. Sie biss sich auf die Unterlippe, um keinen Laut von sich zu geben und nicht auf sich aufmerksam zu machen. Sie schmeckte Blut. Hatte sie so sehr zugebissen? Etwas lief warm über ihre Finger, als sie ihre Hand vorsichtig auf die schmerzende Stelle an ihrer Seite legte. Erst jetzt registrierte Franzi, dass sie getroffen worden war.

Mit einem unterdrückten Stöhnen rappelte sie sich mühselig auf. Was sollte sie tun? Kollege Krüger suchen? Zum Auto kriechen und Verstärkung rufen? Den Rettungsdienst? Sie wusste es einfach nicht mehr. Jeder Gedanke verschwand wie im dichten Nebel. Aufstöhnend sank sie auf die Knie, die Hand fest auf die Wunde gedrückt. Allmählich schwanden ihr die Sinne.

„Hallo? Sind Sie wach?“

Grelles Licht tat ihr in den Augen weh. Sosehr sie es auch versuchte, sie konnte die Person, die sich über sie beugte, nur undeutlich sehen. Die Worte hörten sich an wie in Watte gepackt und wurden immer leiser. Der höllische Schmerz ließ langsam nach …

1 Franzi

Nicht schon wieder! Ihre Hand zitterte, als sie das Gespräch wegklickte und das Telefon auf die Couch warf. Warum machte auch dieser Klient einen Rückzieher? Das war schon der dritte innerhalb des letzten Monats, der sich nach ihrem Angebot Bedenkzeit ausgebeten hatte und anschließend kurz und knapp verkündete, er habe es sich anders überlegt.

Krampfhaft versuchte sie den Frust hinunterzuschlucken, der wieder einmal aufsteigen wollte. Vergeblich. Wenn sie nicht bald einen Auftrag an Land zog, musste sie sich ernsthaft Gedanken darüber machen, ob der Weg, den sie eingeschlagen hatte, die richtige Entscheidung gewesen war.

„Was ist los?“, holte sie Lottas Stimme in die Gegenwart zurück.

„Was schon. Der Auftrag, der mich über den nächsten Monat bringen sollte, hat sich gerade in Rauch aufgelöst.“

„Schei…“

„Ja, scheiße, du kannst es ruhig laut sagen. Oma kann uns nicht mehr ermahnen, dass man dieses böse Wort nicht in den Mund nimmt.“ Franzi verzog ihren Mund zu einem schiefen Grinsen, als sie an die fast täglichen Ermahnungen ihrer Oma dachte, die Lotta und sie schon seit der Kindheit begleiteten. Dennoch hatten sie beide diesen Ausruf des Frustes niemals ganz ablegen können. In bestimmten Situationen musste der Kraftausdruck einfach raus. So wie jetzt. „Lotta, sag, habe ich einen Fehler gemacht? Hätte ich einen anderen Weg einschlagen sollen – damals, nachdem …?“ Mit einer heftigen Handbewegung versuchte sie die dunkle Erinnerung an den Grund wegzuwischen, der sie dazu gebracht hatte, einen neuen beruflichen Weg einzuschlagen. Unwillkürlich fasste sie sich an die Seite, dahin, wo das Mal saß, das ihr Leben aus den Fugen gerissen und sie für den Rest ihres Lebens gezeichnet hatte.

„O Franzi.“ Lotta sprang auf und war im Nullkommanichts an ihrer Seite. Sie strich Franzi in mitfühlender Geste über den Rücken. „Lass die Erinnerung nicht zu. Du musst nach vorne sehen.“

Ein frustriertes Schnauben entschlüpfte Franzi. „Wie denn? Kaum jemand gibt mir die Chance zu beweisen, dass ich was draufhabe. Dass ich auch in diesem Job zu etwas tauge. Mit den paar Aufträgen, untreue Ehemänner oder -frauen zu beschatten, kann ich nicht überleben.“

„Ich koch dir erst mal einen Tee, der beruhigt.“ Noch ehe Franzi etwas erwidern konnte, war Lotta in die kleine Küchenecke verschwunden. Franzi hörte ihre Schwester mit dem Geschirr hantieren. Sie war froh, dass Lotta gerade im richtigen Moment da war, sonst hätte sie vermutlich vor lauter Frust irgendetwas zerdeppert.

„Sicher hat wieder dieser Bertram seine schmierigen Hände im Spiel. Irgendwann drehe ich dem die Gurgel um. Dann kann er anschließend ermitteln, warum ich das getan habe“, fauchte Franzi, als Lotta mit zwei dampfenden Tassen zurückkam.

„Süße, du kannst ihn nicht für alles verantwortlich machen. Du glaubst doch nicht wirklich, dass sich die Kunden bei mehreren Detekteien gleichzeitig Angebote einholen.“

„Natürlich glaube ich das. Und ich glaube noch viel mehr. Nämlich, dass dieser Schmierfink ganz genau weiß, wenn sich seine potenziellen Klienten auch von mir Angebote einholen. Dann braucht er meinen Preis nur noch zu unterbieten oder, schlimmer noch, irgendwelche Unwahrheiten über mich zu erzählen, und schon hat er die Aufträge im Sack.“

„Kannst du das beweisen?“

Wenn sie das bloß könnte. Frustriert schüttelte Franzi den Kopf.

„Dann solltest du dich mit solchen Mutmaßungen besser zurückhalten.“

„Aber es ist doch offensichtlich.“

„Franzi, das ist es nicht. Das bildest du dir nur ein. Auch wenn du es nicht gern hörst, er hat die längere Erfahrung. Du hast erst im vorigen Sommer angefangen.“

„Du ergreifst jetzt nicht ernsthaft für ihn Partei.“

„Natürlich nicht. Aber du bist einfach nicht objektiv.“

„Pah!“ Franzi nahm die Teetasse vom Tisch und trat ans Fenster. Es regnete Bindfäden, den ganzen Tag schon. Das Wetter passte zu ihrem Gemütszustand.

„Lass uns einen Stadtbummel machen, ich will mir schon seit Tagen ein paar Klamotten kaufen. Anschließend gönnen wir uns etwas zu essen.“

„Bei dem Wetter willst du shoppen? Und essen gehen liegt bei mir nicht drin. Schon vergessen?“

„Ich lade dich ein. Sieh es als Dank dafür, dass du mich beim Shoppen berätst.“ Lotta zwinkerte Franzi zu und knuffte sie in die Seite. „Und vielleicht auch meine Blumen gießt, wenn ich das nächste Mal in den Urlaub fahre.“

„Du willst in den Urlaub?“ Franzi unterdrückte den dumpfen Schmerz, der sich bei Lottas Knuff einstellte, und die Frage kam sehr gepresst über ihre Lippen.

„Oje, tut mir leid, Süße. Wie konnte ich so nachlässig sein? Wie konnte ich dich ausgerechnet in die Seite …?“

„Nicht so schlimm.“

„Und ob das schlimm ist.“ In Lottas Augen schwammen Tränen, als sie Franzi umarmte. „Ich bin so ein Tollpatsch. Wie kann ich das wiedergutmachen?“

„Indem du mich zum Essen einlädst und meine Blumen gießt, sollte ich es irgendwann in meinem nächsten Leben mal schaffen, Urlaub zu machen.“

„Abgemacht.“ Lotta löste sich von Franzi und strich ihr sacht über die Wange.

Sie hielten sich hauptsächlich in der Stadtgalerie auf, da es immer noch heftig regnete. Zum Glück wurde Lotta hier fündig und erstand eine stattliche Sammlung an Frühsommermode.

Insgeheim war Franzi ein klitzekleines bisschen neidisch auf Lotta. Wie gern würde sie sich auch neu einkleiden. Nicht so verschwenderisch wie ihre Schwester, aber das eine oder andere Teil könnte sie wirklich gebrauchen. Vielleicht klappte es im nächsten Monat, oder im übernächsten.

Lotta schob ihren Arm unter Franzis und steuerte den Schuhladen in der Nähe der Rolltreppe an. „Ich will nur noch mal kurz nach Schuhen gucken. Dann gehen wir essen, ich habe einen Bärenhunger. Was hältst du vom Mexikaner?“

„Von mir aus. Da war ich schon eine Ewigkeit nicht mehr.“ Es war ewig her, seit sie das letzte Mal ein Restaurant von innen gesehen, geschweige denn dort gegessen hatte.

„Das glaub ich jetzt nicht.“ Fast hätte sie sich an dem Stück Fleisch verschluckt, das sie sich eben in den Mund geschoben hatte.

„Was ist?“

„Nicht umdrehen.“ Prompt drehte Lotta ihren Kopf hin und her auf der Suche nach dem, was Franzi gerade aus der Fassung brachte.

„Am Tisch hinter dir lässt sich gerade Lukas Bertram nieder“, grummelte Franzi. „Aber sieh dich bloß nicht noch mal um.“ Warum musste er ausgerechnet in ihrem Blickfeld sitzen? Wenn sie geahnt hätte, dass sie ihm hier … sie hätte auf Lottas Einladung verzichtet. Franzi rückte mit ihrem Stuhl ein Stückchen nach links, damit sie wenigstens ein bisschen hinter Lotta in Deckung gehen konnte. Die Plätze tauschen wäre vermutlich weit auffälliger gewesen und hätte ihn auf sie aufmerksam gemacht. Bis jetzt schien er sie noch nicht entdeckt zu haben. Sie hoffte inständig, dass es so blieb.

Das Essen konnte sie nun nicht mehr genießen. Vermutlich war es total egal, was auf ihrem Teller lag, sie merkte nicht mal, was sie aß.

„Nun guck nicht ständig hin“, mahnte Lotta.

„Tu ich doch gar nicht.“

„Tust du doch. Ich bin nur noch Luft für dich. Du würdest nicht mal bemerken, wenn ich jetzt aufstehe und gehe.“

„Tut mir leid, kommt nicht wieder vor.“ Obwohl sie sich zusammenriss und sich um ein angeregtes Gespräch mit ihrer Schwester bemühte, hatte ihr der Typ da drüben den Appetit und den Abend verhagelt.

2 Lukas

Seit ihm aufgefallen war, wer da am Nachbartisch saß, konnte er es sich nicht verkneifen, immer wieder zu ihr hinüberzusehen. Wenn er es richtig interpretierte, hatte sie ihn auch entdeckt, denn sie versuchte krampfhaft, ihn zu ignorieren, was allerdings daran haperte, dass ihre Begleitung sich immer wieder umdrehte und die beiden ganz offensichtlich über ihn redeten. Grinsend nahm er einen Schluck von seinem alkoholfreien Bier und wandte sich wieder seinem Kumpel Christian zu, der ihn neugierig ansah.

„Kennst du die Schnecken?“

„Kennen kann man nicht gerade sagen, aber die Rot­haarige hat mir schon mal die Hölle heiß gemacht.“

„Echt? Wolltest wohl bei ihr landen und sie hat dich in die Pilze geschickt?“

„Es war beruflich.“ Mehr wollte er eigentlich nicht sagen.

Dumm nur, dass Christian nicht lockerließ. „Sie hat dir einen Auftrag erteilt und du hast es verkackt?“

Lukas rümpfte die Nase. Christians Ausdrucksweise ließ manchmal zu wünschen übrig. „Nicht ganz. Sie führt auch eine Detektei und ist der Ansicht, ich hätte ihr ein paar Aufträge weggeschnappt von Kunden, die sich vorher von ihr Angebote eingeholt hatten. Das ist ihr zu Ohren gekommen.“

„Dann kann ich verstehen, dass sie ein paar Giftpfeile rüberschickt.“

„So, tut sie das? Ich bin mir keiner Schuld bewusst.“

„Hast du kürzlich einen Auftrag angenommen?“

„Ja, erst heute früh.“

„Lukrativ?“

So gut er sich mit Christian verstand, über Geld redete er nicht gern. Über seine Aufträge schon gar nicht. „Sagen wir mal so, es ist nicht der schlechteste.“

„Und? Hatte dein Klient andere Angebote eingeholt?“

„Woher soll ich das wissen? Meinst du etwa, ich frage danach? Kommt schon mal vor, dass jemand erzählt, dass er das getan und sich letztendlich für mich entschieden hat. Für manche ist es eben eine Preisfrage oder eine Frage der Berufserfahrung. Und da kann ich auf jeden Fall punkten. Ich mache meinen Job schon mehr als zehn Jahre. Sie dagegen …“, Lukas wies mit dem Kopf in Richtung Nachbartisch, „… hat erst im vorigen Jahr angefangen.“

„Du kennst dich ja aus.“

„Sie erwähnte es, als sie mir ungefragt ihre Meinung sagte.“ Lukas war froh, dass der Kellner das Essen servierte und damit das Gespräch unterbrach. Christian hatte plötzlich nur noch Augen für seine Tapasplatte.

Immer wieder musste Lukas zu ihr rübersehen. Er konnte einfach nichts dagegen unternehmen, ihre karottenrote Mähne zog ihn magisch an, zumal die direkt von einer Wandlampe angestrahlt wurde. Und dann diese Ähnlichkeit mit … „Tut mir leid, was sagtest du?“ Schuldbewusst sah Lukas wieder zu seinem Kumpel.

„Ob du noch ein Bier möchtest. Oder einen Nachtisch. Oder gleich rüber an den Nachbartisch gehen willst.“

„Wieso sollte ich …“

Christian grinste anzüglich. „Es würde einiges vereinfachen.“

„Du spinnst ja. Und ja, ich nehme noch ein Bier.“ Während Christian dem Kellner winkte, widmete sich Lukas wieder seinem Essen. Was hatte Franziska Naumann eigentlich an sich, dass sie so auf ihn wirkte? Abgesehen von ihren roten Haaren natürlich. Dabei stand er total auf Blond. Außerdem wäre es hirnrissig, Berufliches mit Privatem zu vermischen. Das gab nur Scherereien.

„Lukas, ich geh jetzt.“

„Wie … was …?“ Schon als er Christian ins Gesicht blickte, wurde ihm klar, dass er seinen Freund nicht gerade nett behandelte, schlichtweg die meiste Zeit ignorierte.

„Entweder du besinnst dich auf den Grund, weshalb wir hier sind, oder ich stehe auf und geh. Die Rechnung geht in dem Fall an dich.“

„Tut mir leid. Ich weiß auch nicht, was heute mit mir los ist.“

„Aber ich weiß es – ahne es zumindest.“

Der Kellner brachte die beiden Biere. Lukas hob sein Glas und hielt es Christian entgegen. „Prost. Auf dich und unsere Freundschaft.“

„Na also, geht doch.“

Tatsächlich schaffte er es für einige Minuten, sich ganz seinem Freund zu widmen. Doch dann drang das Schaben von Stuhlbeinen auf Fliesenboden an sein Ohr und Sekunden später fiel ein Schatten auf ihn. Lukas hob den Kopf. Wieso stand sie plötzlich so dicht neben ihm? Erstaunt nahm er das Pochen seines Herzens wahr, das augenblicklich schneller zu schlagen schien. „Hallo, Kollegin“, begrüßte er die Rothaarige neben sich. „Wie geht es Ihnen?“ Eigentlich hätte er gar nicht fragen müssen, er sah es ihrem Gesichtsausdruck an. Ärgerlich hatte sie ihre Augenbrauen zusammengezogen, die grünen Augen schienen Feuer zu spucken. Die Hände hatte sie in ihre Seiten gestemmt. Gern würde er seine Hände genau dort ablegen, sie an sich ziehen und ihren Ärger einfach wegküssen. Was für Gedanken! War er komplett verrückt geworden?

„Was glauben Sie? Wann werden Sie es endlich lassen, mir Aufträge wegzuschnappen? Oder ist das so eine Art Sport von Ihnen? Sie lassen es sich hier gut gehen und feiern Ihren Erfolg vermutlich auch noch.“

„Sie doch wohl auch, immerhin sind Sie auch hier.“

„Ja, weil ich eingeladen wurde. Dank Ihrer Machenschaften bin ich äußerst selten in der Lage, mir einen Restaurantbesuch leisten zu können.“

Ihm wurde heiß und kalt. Hatte sein neuer Klient tatsächlich auch Franziska Naumann kontaktiert? „Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Und es tut mir leid, dass Sie schon wieder Pech hatten. Vielleicht sollten Sie Ihre Preise überdenken. Oder an Ihrer Arbeitsweise oder was weiß ich feilen. Um was für einen Auftrag soll es sich dabei handeln?“

„Eine Familiensache.“

„Ich habe momentan keine Familienangelegenheiten unter meinen Aufträgen.“

„Sie wollen mir tatsächlich weismachen, dass Sie einen solchen Auftrag nicht angenommen haben?“

„Ich weiß zwar nicht, weshalb ich mit Ihnen über meine Aufträge reden sollte, aber ich schwöre.“ Er untermauerte seine Aussage mit dem entsprechenden Handzeichen.

„Aber wer dann?“

Lukas wusste, dass es in Hameln keine weiteren Detekteien gab. Bevor Franziska Naumann ihre eröffnet hatte, war er der einzige Detektiv in der Stadt gewesen und er hatte sich einen gewissen Namen erarbeitet. Und das war es, was seiner Kontrahentin eindeutig noch fehlte.

„Franzi, lass es gut sein. Mit deinem Auftritt hier tust du dir keinen Gefallen.“ Erst jetzt nahm Lukas wahr, dass Franziska Naumanns Begleitung ebenfalls am Tisch auftauchte und versuchte, ihre Freundin, oder wen auch immer, von seinem Tisch wegzuziehen. Insgeheim musste er der jungen Frau recht geben. Immerhin hatte der Auftritt seiner Konkurrentin die Neugier der Gäste an den umliegenden Tischen angestachelt und einige starrten unverhohlen zu ihnen herüber.

Mit einem Mal schienen Tränen in Franziskas Augen zu schimmern. Wortlos ließ sie sich zu ihrem Tisch schieben.

„Junge, Junge. Die scheint ja Pfeffer im Hintern zu haben“, machte sich Christian wieder bemerkbar.

Wieso ärgerte ihn dieser Kommentar, obwohl er durchaus berechtigt schien? Immerhin hatte er schon einmal ihr Temperament kennengelernt. Damals war sie doch tatsächlich in seinem Büro aufgetaucht. Etwas, was er andersherum niemals getan hätte. Solch eine Blöße würde er sich nicht geben. Ging es Franzi, wie ihre Begleitung sie genannt hatte, wirklich so schlecht? War sie auf jeden einzelnen Auftrag angewiesen, um überleben zu können? Franzi – diese Kurzform ihres Namens gefiel ihm. Er schmunzelte und nahm noch einen Schluck von seinem Bier.

Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass der Kellner am Nachbartisch kassierte und die beiden Frauen kurz darauf das Lokal verließen.

3 Franzi

Wieso hatte sie sich zu diesem Auftritt hinreißen lassen? Das war ja so was von peinlich gewesen. Aber sie konnte einfach nicht anders, wenn ihr dieser Bertram unter die Augen kam. Er reizte sie und sie war nicht mehr Herr ihrer Sinne, wenn sie ihn sah. Sie konnte ihn einfach nicht ausstehen.

„Der sieht echt schnuckelig aus“, gab Lotta von sich und schob ihren Arm unter Franzis, da sie sich beide einen Schirm teilen mussten.

„Wer?“

„Na, dieser Detektiv. Der dürfte durchaus mal bei mir schnüffeln kommen.“

„Lotta!“

„Na, was denn?“

„Muss ich dich tatsächlich an deinen Julius erinnern? Und daran, dass ihr in ein paar Monaten heiraten wollt?“

Lotta stupste Franzi in die Seite. „Nein, musst du nicht. Ich habe nicht vor, untreu zu werden oder meine Liebe zu ihm infrage zu stellen. Es sollte nur ein Hinweis da­rauf sein, dass du diesen Lukas Bertram vielleicht mal mit anderen Augen ansehen solltest. Und nicht nur durch die Konkurrentenbrille.“

„Bist du total übergeschnappt?“ Franzi schüttelte fassungslos den Kopf. Manchmal war ihrer Schwester echt nicht zu helfen.

„Nein, bin ich nicht. Aber im Gegensatz zu dir habe ich Augen im Kopf.“

Mittlerweile waren sie auf dem Parkdeck des Einkaufszentrums angekommen. „Können wir endlich das Thema wechseln?“, bat Franzi und ließ sich auf dem Beifahrersitz von Lottas nagelneuem Mini Cooper nieder. So einen kleinen Flitzer besäße sie auch gern. Aber wovon sollte sie den bezahlen? Nicht mal die Leasingraten konnte sie aufbringen. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als mit ihrer uralten Rostlaube durch die Gegend zu zuckeln.

„Aber immer. Was hast du heute noch vor? Magst du noch mit zu mir kommen? Julius kommt sowieso erst spät nach Hause.“

„Das ist lieb gemeint, aber nein danke. Vielleicht sollte ich wirklich mal an meinem Konzept oder meinem Internetauftritt arbeiten. Das nehme ich am besten heute noch in Angriff.“

„Das ist eine gute Idee. Solltest du Hilfe benötigen, sag einfach Bescheid. Julius wird dir sicher gern bei deiner Homepage helfen.“

„Danke, ich versuche es erst mal allein.“

Nach zwei Stunden rauchte ihr der Kopf. Seit sie nach Hause gekommen war, suchte sie nach einem Eyecatcher. Einer Aussage, die als Headline auf ihrer Homepage stehen und die Klienten anlocken und vor allem überzeugen sollte, ihr einen Auftrag zu erteilen. Doch irgendwie schien ihr Hirn wie in Watte gepackt. Ob das an den beiden Gläsern Weißwein lag, die sie sich vorhin gegönnt hatte? Die waren mit Sicherheit auch schuld daran, dass sie sich beim Mexikaner zum Affen gemacht hatte. Anders konnte sie ihren Auftritt vor Lukas Bertram im Nachhinein nicht bewerten. Hoffentlich schadete ihr das nicht mehr, als es ihr vorhin gutgetan hatte. Und was sollte er von ihr denken, wo sie schon zum zweiten Mal so vor ihm aufgetreten war? Es war total schnurz, was er von ihr dachte. Haupt­sache, er kam ihr nicht mehr in die Quere. Ob er tatsächlich die Wahrheit gesagt hatte? Ob sie etwa nicht zum ersten Mal mit ihren Anschuldigungen falschlag? Hätte sie sich bei ihm entschuldigen müssen? Sie würde den Teufel tun, jemals bei ihm anzurufen oder ihn gar aufzusuchen. Sollte das Schicksal ihn zufälligerweise mal vor ihre Füße spülen, konnte sie das mit der Entschuldigung immer noch anbringen. Das musste einfach reichen.

„Vielen Dank, ich mach mich gleich auf den Weg zu Ihnen.“ Erleichtert drückte sie das Gespräch weg. Endlich ein Auftrag – wenn auch einer, über den ein anderer ihrer Branche sicher gelacht hätte. Aber was sollte sie tun, sie war auf jede noch so kleine Möglichkeit, Geld zu verdienen, angewiesen. Und die alte Dame, die eben anrief, klang wirklich verzweifelt. Da hatte sie einfach nicht ablehnen können.

Eine halbe Stunde später lehnte sie ihr altes Fahrrad an den Zaun eines kleinen schmucken Klinkerhauses mit einladendem Vorgarten. Für Termine in der näheren Umgebung nahm sie immer das Fahrrad, das sparte Benzinkosten.

„Schön, dass Sie es so schnell einrichten konnten, Frau Naumann“, begrüßte sie ihre neue Klientin Helga Burmester.

„Kommen Sie doch herein, ich habe gerade einen Kaffee gekocht. Sie mögen doch ein Stück Kuchen?“

„Das ist nicht nötig, vielen Dank.“ Franzi folgte der alten Dame, die sie auf Mitte achtzig schätzte, in ihr Wohnzimmer. Es war erstaunlich modern eingerichtet. Auf dem niedrigen Tisch vor einer schwarzen Ledercouch standen Kaffeegeschirr und ein Teller mit einem lecker aussehenden Käsekuchen. Die gute Frau schien geahnt zu haben, dass Franzi alles für ein Stück Käsekuchen gab. Ihre Oma, Gott hab sie selig, hatte ein Händchen fürs Backen gehabt und ihren legendären Käsekuchen zu jeder Gelegenheit gebacken. Der gehörte zu jeder Feierlichkeit ebenso wie zu einem einfachen Besuch bei Oma und das, soweit Franzi zurückdenken konnte.

„Nehmen Sie doch Platz, ich hole eben den Kaffee aus der Küche.“

Franzi sah ihrer schwarz gekleideten Auftraggeberin nach. Sie schien noch recht fit für ihr Alter zu sein, jedenfalls bewegte sie sich erstaunlich behände. Anhand der Kleidung vermutete Franzi, dass erst kürzlich jemand im engsten Kreis verstorben war. Und jetzt noch das. Die alte Dame tat ihr leid.

„Werden Sie meinen Friedel finden?“ Frau Burmester war den Tränen nah, als sie Franzi Fotos von ihrem Dackel zeigte. „Ich weiß nicht, was ich ohne ihn tun soll. Und vor allem, wieso ist er einfach abgehauen? Und wohin? Gerade jetzt, wo erst kürzlich mein …“ Die Stimme der alten Dame brach, sie zückte ein Taschentuch aus der auf dem Sofa liegenden Packung und wischte sich über die Augen. „Sie müssen wissen, mein Mann ist erst vor wenigen Wochen von uns gegangen. Ich habe doch nur noch meinen Friedel. Und jetzt ist er so plötzlich auf und davon.“

„Ich muss Ihnen ehrlich gestehen, dass ich bisher noch nicht auf die Suche nach einem verschwundenen Hund gegangen bin.“

Erschrocken sah Frau Burmester auf.

„Aber ich werde mein Bestes geben. Wo halten Sie sich denn gewöhnlich auf? Welche Ecken kennt Ihr Friedel am besten und wo könnte es ihn hingezogen haben?“

Die Liste reichte vom nahen Feldweg bis zum Friedhof, wo der Herr des Hauses begraben worden war.

„Bitte finden Sie ihn. Ich werde Sie gut bezahlen. Egal, was Sie für richtig halten, was Sie brauchen oder tun müssen, Sie haben mein Einverständnis.“

Innerlich seufzte Franzi auf. Wo sollte sie diesen Hund suchen und bestenfalls finden? Und überhaupt, wie war die gute Frau auf die Idee gekommen, eine Detektei zu kontaktieren? Absolut unüblich, aber da es Geld auf ihr mageres Konto spülte, konnte sie froh sein, dass Frau Burmester auf diese Idee kam.

Franzi schob zwei Fotos von Friedel in ihre Tasche und erhob sich. „Ich muss los. Sie wollen Ihren Friedel ja so schnell wie möglich wieder in Ihre Arme schließen.“

„Ja, das will ich.“ Frau Burmester begleitete Franzi zur Haustür und drückte ihr die Hand. „Danke, dass Sie das übernehmen. Dem anderen Detektiv, den ich vor Ihnen anrief, war die Sache wohl nicht gut genug. Jedenfalls sagte er mir, er habe keine Zeit und ich solle doch mal bei Ihnen anrufen. Also danke, dass Sie sich der Sache annehmen.“

„Tschüs, ich melde mich so bald wie möglich.“

Lukas Bertram! War sich wohl zu fein für die Suche nach einem blöden Dackel. Wo sollte sie anfangen? Auch wenn sie nicht glaubte, erfolgreich zu sein, durchstreifte sie die nahe Feldmark. Sollte der Hund hier unterwegs sein, würde er doch sicher von allein nach Hause finden, oder? Sie hatte so gar keine Erfahrung mit Vierbeinern und wie die tickten. Es war ihr fast klar gewesen, dass die Suche in der näheren Umgebung nicht von Erfolg gekrönt war. Unter Umständen war der Hund inzwischen etliche Kilometer weit weggelaufen. Sie mochte nicht an die Möglichkeit denken, Frau Burmesters Dackel nicht zu finden. Oder daran, dass der arme Hund vielleicht überfahren worden war. Das mochte sie der alten Dame nicht antun müssen. Franzi schickte ein rasches Stoßgebet gen Himmel. Vielleicht half es ja – wenn nicht ihr, dann hoffentlich ihrer Klientin.

Sie radelte bis zur Dämmerung durch die Gegend, ohne Erfolg. Wo sollte sie noch suchen? Sie hatte sogar schon bei der Polizei und im örtlichen Tierheim angerufen, von Friedel keine Spur. Nach Rücksprache mit Frau Burmester gab sie eine Suchanzeige an die Presse. Hoffentlich brachte die was. Bevor sie Feierabend machte, wollte sie noch die einzelnen Schritte dokumentieren, die sie heute unternommen hatte, damit sie die abschließend Frau Burmester vorlegen konnte. Es war nach zweiundzwanzig Uhr, als Franzi endlich die Beine von sich streckte. Die letzten Stunden hatten es in sich gehabt, dennoch waren ihr solche tausendmal lieber, als stunden- oder gar tagelang auf den nächsten Klienten zu warten.

Nun war sie schon den zweiten Tag unterwegs und noch immer keine Spur von diesem Hund. Es war zum Verzweifeln. Wenn sie all die Stunden, die sie bis jetzt für diesen Auftrag unterwegs gewesen war, in Rechnung stellte, musste sich Frau Burmester auf einen saftigen Betrag gefasst machen. Andererseits sah sie es nicht ein, auch nur für eine Stunde auf ihr Honorar zu verzichten. Oder sollte sie einfach einen Pauschalpreis berechnen? Lotta würde ihr wegen dieser Gedanken vermutlich den Kopf waschen, immerhin wusste sie von ihren Geldnöten und auch, was ein Detektiv als Stundenlohn berechnete. Dieser Bertram hätte sicher keine Skrupel, solch eine Rechnung auszustellen. Bertram! Wieso hüpfte der schon wieder durch ihre Gedanken? In letzter Zeit passierte das erstaunlich oft. Mit einer energischen Handbewegung wischte sie das Gesicht beiseite, das vor ihrem inneren Auge aufgetaucht war. Sie hatte Wichtigeres zu tun, als an diesen Kerl zu denken, und tippte die Nummer der örtlichen Tageszeitung ein. Vielleicht hatte sich inzwischen jemand auf die Suchanzeige gemeldet.

Nichts. Es wäre auch zu schön gewesen. Die sozialen Medien! Wieso war sie nicht längst darauf gekommen? Sie gab in allen Portalen, bei denen sie einen Account hatte, eine Suchanzeige auf und bat darum, die Beiträge zu teilen, um möglichst viele User zu erreichen. Hoffentlich brachte das etwas. Anschließend schnappte sie sich Tasche und Jacke, um noch mal zum Friedhof zu fahren. Irgendwie ging ihr der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass der Hund Sehnsucht nach seinem Herrchen haben könnte.

Zwanzig Minuten später schritt sie die Wege des Friedhofs ab, auf dem Herr Burmester beerdigt worden war. Sie schaute hinter jeden Busch, jeden Grabstein, rief den Hund immer wieder mit leiser Stimme. Nichts.

„Suchen Sie was?“ Der Mann, der eine Schubkarre mit Grünschnitt abstellte und sich mit dem Arm übers Gesicht wischte, beäugte Franzi argwöhnisch.

„Ja, das tue ich tatsächlich. Haben Sie in den vergangenen Tagen einen Dackel gesehen? Also einen, der hier allein herumstreunt?“ Franzi zückte die Fotos von Friedel und hielt sie dem Mann vor die Nase.

„Ist das der Hund von der alten Dame, die kürzlich ihren Mann beerdigt hat?“

Franzi nickte. „Ich denke schon. Also, haben Sie ihn gesehen?“

„Habe ich. Vor einer halben Stunde erst. Aber er streunte nicht herum, sondern ging ganz brav an der Leine der alten Dame.“

„Wie bitte?“ Das konnte unmöglich sein. „Dann meinen wir sicher nicht denselben Hund. Aber wenn Sie mir das Grab zeigen, zu dem die Dame gegangen ist, würde mich das schon weiterbringen.“

Kurz darauf stand sie am Grab von Richard Burmester. Frische Blumen standen vor dem Grabstein, die waren gestern noch nicht da gewesen. Also musste Helga Burmester sie heute erst hingestellt haben. Sollte Friedel allein den Weg nach Hause gefunden haben? Das würde sie in Kürze wissen. Sie zückte ihr Handy. Die Nummer ihrer Klientin hatte sie eingespeichert. Es meldete sich niemand. Vielleicht war die Dame noch nicht wieder zu Hause. Franzi schwang sich aufs Rad.

Wenige Grundstücke vor dem Hause Burmester schlenderte eine schwarz gekleidete Frau mit Dackel den Bürgersteig entlang. Neben ihr angekommen trat Franzi so kräftig in die Bremsen, dass das Rad schlingerte. Rasch sprang sie ab. „Frau Burmester …“

„Frau Naumann. Also, ich …“ Es war offensichtlich, dass es Frau Burmester unangenehm war, Franzi so unverhofft zu sehen.

„Da ist ja Ihr Friedel. Wo war er denn die ganze Zeit? Und warum haben Sie sich nicht gleich bei mir gemeldet?“

„Ja, also … das hatte ich auch vor. Wirklich. Stellen Sie sich vor, heute Vormittag stand er plötzlich vor der Terrassentür und bellte wie verrückt. Keine Ahnung, wo er herumgestrolcht ist. Ein bisschen zerzaust sah er aus und er hatte mächtig Hunger.“

„Sie hätten mich sofort anrufen müssen.“

„Hätte ich. Das sehe ich ein. Aber ich war so froh, so glücklich, dass mein Friedel wieder da war, dass ich den Anruf total vergaß. Und dann musste ich es doch gleich meinem Mann erzählen. Wir kommen gerade vom Friedhof.“

Auch wenn sie sich darüber ärgerte, dass sie sich die vergangenen Stunden umsonst Sorgen gemacht hatte, war sie erleichtert, den Hund wohlbehalten zu sehen.

„Möchten Sie einen Kaffee? Ich habe noch was vom Käsekuchen.“

„Nein danke, Frau Burmester. Ich muss wieder los.“

„Schicken Sie mir die Rechnung, egal wie hoch sie ist. Ich bin so froh, dass er noch lebt und ich nicht mehr so allein im Haus sitzen muss.“

Wie sehr Frau Burmester die vergangenen Tage gelitten haben musste, wurde Franzi erst jetzt bewusst.

„Ich wünsche Ihnen und Ihrem Friedel alles Gute. Die Rechnung kommt in den nächsten Tagen.“ Franzi winkte noch einmal und schlug den Weg nach Hause ein. Während ihr eine leichte Brise um die Nase wehte, grübelte sie darüber nach, was sie für diesen Auftrag, den sie nicht mal aufgeklärt hatte, berechnen sollte.

Zu allem Übel riss wenige Straßen weiter die Fahrradkette und sie musste wohl oder übel die letzten paar hundert Meter schieben. Nicht zu fassen, dass das Erste, was sie sich vom zu erwartenden Verdienst kaufen musste, eine neue Fahrradkette war.

4 Lukas

„Es hat alles geklappt, mein Junge. Aber sie hat mich mit Friedel getroffen, bevor ich sie angerufen habe.“

Lukas zog argwöhnisch die Augenbraue empor.

„Keine Sorge, ich habe mich damit rausgeredet, dass ich zu aufgeregt war, um sie gleich anzurufen.“

„Tante Helga, du solltest doch nicht mit dem Hund nach draußen. Wie konntest du?“

„Er musste dringend mal und ich wollte zum Friedhof. Da habe ich das verbunden. Ich konnte doch nicht ahnen, dass Frau Naumann in dem Moment zu mir kommen wollte.“

„Wenn sie es geschluckt hat, ist ja alles in Ordnung. Und vergiss nicht, zu niemandem ein Wort. Das muss unser Geheimnis bleiben.“

„Natürlich, mein Junge. Aber du hast mir noch gar nicht erzählt, wozu du dieses Theater aufziehen wolltest.“

„Ich wollte der Kollegin aus einem Engpass helfen. Und das ging nur über Umwege. Sie hätte es niemals zugelassen, wenn ich ihr direkt meine Hilfe angeboten hätte.“

„Ich wusste ja schon immer, dass du ein herzensguter Mensch bist. Sag, magst du sie? Ist das vielleicht der wahre Grund?“

„Tante Helga, wie kommst du darauf? Es ist ein reiner Dienst unter Kollegen. Von mir aus nenn es Freundschaftsdienst, auch wenn wir nicht befreundet sind.“

„Hach, Junge, dann mach was draus. Ich spüre doch, dass es nicht allein dein gutes Herz ist, das dich leitet.“

Lukas verdrehte die Augen und war froh, dass seine Großtante das nicht sehen konnte. Schon immer war sie so gewesen und interpretierte gern etwas in Dinge hinein, die ganz anders geplant oder gemeint waren, als sie es sich ausmalte.

„Mach’s gut, Tante Helga. Ich muss noch was tun.“

„Komm mal wieder auf einen Kaffee vorbei.“

„Das mache ich.“

Das hatte ja bestens geklappt. Die Idee mit dem vermeintlichen Auftrag an Franziska Naumann war ihm noch am Abend gekommen, als sie beim Mexikaner aufeinandergetroffen waren. Er hatte ihr die Not angesehen. Doch es war ihm auch klar gewesen, dass sie ihn zum Teufel gejagt hätte, wenn er ihr offen seine Hilfe angeboten hätte. Es ging nur über Umwege. Da war ihm Tante Helga eingefallen. Tantchen hatte schon immer eine schauspielerische Ader gehabt, schließlich spielte sie viele Jahre in der Hamelner Laientheatergruppe mit. Die Rechnung, die in den nächsten Tagen im Briefkasten seiner Tante landete, konnte er ohne Probleme bezahlen. Aber es war ihm klar, dass dieser Betrag Franziska Naumann nur kurze Zeit helfen würde. Er wünschte ihr, dass sie demnächst einen richtigen Auftrag verbuchen konnte.

5 Franzi

„Hallo, Frau Kollegin. Komme ich ungelegen?“

„Sie?“ Das Blut pumpte augenblicklich schneller durch ihre Adern, als plötzlich Lukas Bertram in ihrem Büro stand. „Büro“ war reichlich übertrieben, eigentlich war es nur eine Ecke, die sie mit einer Regalwand vom Wohnzimmer abgezweigt hatte, damit es wenigstens ein bisschen danach aussah, als hätte sie ein separates Büro. Dass er sie ausgerechnet in dem Moment antraf, wo sie den Boden wischte, war ihr unangenehm. Unprofessioneller konnte sie sich ihm nicht präsentieren. Dabei hatte sie Haus- und Wohnungstür nur für Lotta geöffnet, und dafür, dass die Zugluft den Boden schneller trocknete. So viel dazu, dass sie bisher glaubte, eine Wohnung im Erdgeschoss wäre vorteilhaft für ihren Job.

„Was wollen Sie denn hier?“

„Darf ich mich setzen?“ Lukas Bertram sah sich um und wies auf den Stuhl, der vor ihrem Schreibtisch stand und ihren Besuchern oder Klienten vorbehalten war.

Ungern. Gerade noch konnte sie das Wort hinunterschlucken. Sie stellte ihre Putzutensilien beiseite und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen das Regal mit all den Ordnern und Büchern, die sie besaß. Lauernd wartete sie auf das, was diesen Bertram zu ihr geführt hatte. Was Gutes konnte es nicht sein – immerhin legte er ihr immer wieder Steine in den Weg. Halt, bei der Sache mit Friedel lag es anders. Eigentlich müsste sie sich noch bei ihm dafür bedanken, dass er sie der alten Dame weiterempfohlen hatte. Aber nicht sofort, erst mal hören, was er von ihr wollte. „Also?“

„Sie putzen selbst?“

„Nun spucken Sie es endlich aus. Sie sind doch nicht hier, um mich für meine Putzorgien zu loben.“

Lukas grinste. „Stimmt, schließlich konnte ich das im Vorfeld nicht ahnen. Hätte ich gewusst, dass ich störe, hätte ich mich vorher angemeldet. Übrigens standen die Türen einladend weit offen, sonst hätte ich selbstverständlich geklingelt.“

„Tja, Glück für Sie. Sonst hätte ich Sie unter Umständen gar nicht erst reingelassen.“ Sie bedachte ihn mit einem verärgerten Blick, jedenfalls hoffte sie, dass er so wirkte, wie sie es beabsichtigte. Aber nein, er ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil. So entspannt, wie er auf ihrem Stuhl saß, schien er sich erstaunlich wohlzufühlen. Nicht zu fassen!

„Ja, also … wo soll ich anfangen?“ Er runzelte die Stirn.

„Nun machen Sie es nicht so dramatisch. Das steht Ihnen nicht.“

„Ach wirklich? Was steht mir denn Ihrer Meinung nach?“

„Woher soll ich das wissen?“ Obwohl er erst wenige Minuten hier war, nervte er sie schon. Aber das tat er ja eigentlich schon von der ersten Begegnung an.

„Ich könnte Ihre Hilfe gebrauchen.“

„Wie bitte?“ Sie musste sich verhört haben.

„Ich möchte Sie um Hilfe, genauer gesagt um Unterstützung bei einem Fall bitten.“

„Ähm …“

„Ehe Sie fragen, Sie werden natürlich voll entlohnt.“

„Das ist ein Scherz, oder?“

„Nein, ist es nicht. Darf ich Ihnen die Sachlage darlegen?“

Sie nickte, noch ehe sie näher darüber nachdenken konnte.

„Es geht um einen Auftrag an der See. Genauer gesagt auf Amrum.“

„Amrum? Und was sollte ich da? Wie kommen Sie überhaupt an einen Auftrag von einer Nordseeinsel?“ Eigentlich konnte es ihr schnurzegal sein, wie er da drangekommen war. Andererseits sollte sie ihren Wirkungskreis auch mal erweitern, vielleicht kam sie damit an mehr Aufträge heran. Allmählich wurde sie neugierig.

„Meine Mutter hat mich um Hilfe gebeten. Sie besitzt ein Appartementhaus auf Amrum. Also, eigentlich war das mal ein Hotel, das meinem verstorbenen Stiefvater gehörte. Meine Mutter erbte das Hotel und wandelte es in eine Appartementanlage um, weil ihr die Bewirtschaftung einfacher erschien.“

Nicht übel, ständig da zu wohnen, wo andere Leute Urlaub machten. Das könnte ihr auch gefallen.

„Meine Mutter hat eines der Appartements an Langzeitgäste vermietet. Und die kommen ihr nun nicht geheuer vor. Jedenfalls benehmen die sich ihrer Meinung nach ziemlich merkwürdig. Und einem anderen Gast ist eine Geldbörse abhandengekommen. Er hatte sie in seinem Appartement gelassen, weil er nicht ständig all sein Bares dabeihaben wollte. Als er abreisen wollte, konnte er sie nicht finden, war sich allerdings sicher, dass er sie bei keinem seiner Ausflüge mitgenommen hatte. Und meine Mutter sah dieses Pärchen neulich vor besagtem Appartement des Herrn stehen. Da ging ihr im Nachhinein ein Licht auf.“

„Wurde die Polizei eingeschaltet?“

„Ob es der Gast gemacht hat, kann ich nicht sagen. Meine Mutter jedenfalls nicht. Denn sie hat ja einen Detektiv als Sohn, der das übernehmen kann.“ Lukas stieß einen Seufzer aus. „Das sind die Freuden der Familie. Nun soll ich unbedingt nach Amrum kommen, mich dort als Gast einmieten und bestenfalls mit dem Paar Kontakt aufnehmen und mich anfreunden. So ihre Vorstellung. Ich gestehe, ich könnte mir schlimmere Aufträge vorstellen. Immerhin wäre ich nebenbei auf einer Urlaubsinsel.“

„Und wo käme ich ins Spiel? Also, nur mal so gefragt, falls ich überhaupt interessiert wäre.“

„Sie sollten als meine Begleitung mitkommen. Als Paar kann man doch viel schneller Freundschaften schließen.“

„Sie denken tatsächlich darüber nach, mich als Ihre …“, sie konnte es kaum aussprechen, „… als Ihre Freundin mitzunehmen?“

„Genau genommen ja.“ Erwartungsvoll sah er sie an.

„Sie spinnen ja komplett! Niemals!“ Sie hatte schon immer geahnt, dass er nicht ganz richtig im Kopf war, aber das hier setzte dem Fass wirklich die Krone auf, wie ihre Oma sagen würde.

„Natürlich könnte ich auch jemand anderen mitnehmen, aber mir war zu Ohren gekommen, dass Sie dringend Aufträge gebrauchen können. Außerdem sind Sie vom Fach, das macht die Ermittlungsarbeit einfacher.“

„Vergessen Sie’s. Suchen Sie sich jemand anderen. Außerdem, wer sollte mich dafür bezahlen? Ihre Mutter, wo sie doch den Detektiv in den eigenen Reihen hat? Oder etwa Sie, wo Sie für den Auftrag vermutlich keinen Cent sehen? Oder hat der Herr, der die Brieftasche vermisst, einen Auftrag erteilt?“

„Das soll nicht Ihre Sorge sein. Die Hauptsache ist doch, dass Sie für Ihre Arbeit bezahlt werden.“

„Noch mal, ich bin nicht interessiert. Würden Sie nun mein Büro verlassen, ich habe zu tun.“

„Schade. Sehr schade. Ich hätte Ihnen sehr gern aus Ihrer Misere geholfen.“

„Aus was für einer Misere?“

„Mangelnde Aufträge, keine Einnahmen. Aber wenn Sie nicht wollen, …“ Lukas erhob sich und tippte sich an einen imaginären Hut. „Also dann, Kollegin. Viel Erfolg weiterhin.“

Franzi atmete tief durch, als Lukas Bertram durch die Tür verschwand. Mit wenigen Schritten hastete sie hinterher und schloss die Wohnungstür hinter ihm. Zugegebenermaßen ziemlich geräuschvoll. Aber total unabsichtlich. Die Tür war ihr einfach aus der Hand geglitten.

„Mensch Franzi, hast du schon mal darüber nachgedacht, dass es gleichzeitig ein Urlaub für dich sein könnte? Wann hast du dir zum letzten Mal einen leisten können?“

Franzi zuckte mit den Schultern. „Auf jeden Fall, bevor …“ Der Satz blieb ihr im Halse stecken. Die Geschehnisse der Vergangenheit kamen sofort wieder an die Oberfläche. Sie schluckte heftig, griff sich unwillkürlich an die Seite. Dahin, wo das Mal saß, das ihr Leben über den Haufen geworfen hatte.

„Und das ist schon mindestens drei Jahre her. Also ergreif die Chance. Ein paar Tage mit diesem Sahneschnittchen wirst du doch auf einer Backe absitzen.“

„Niemals fahre ich mit dem irgendwohin. Ich verstehe immer noch nicht, wie er überhaupt auf die Idee kommt, mir so einen Deal anzubieten.“

Lotta gluckste amüsiert. „Vielleicht steht er auf dich.“

„Das würde es noch schlimmer machen. Also hör auf mit solchen Mutmaßungen.“

„Vielleicht braucht er auch ganz einfach deine Hilfe. Ich könnte mir vorstellen, dass es ihm wichtig ist, diese Sache für seine Mutter aufzuklären. Schließlich wäre es doch sehr unschön, wenn sich auf der Insel herumspricht, dass jemand, der in ihrem Hause wohnt, einen anderen Gast beklaut.“

„Mag schon sein, dass er das für seine Mutter tun möchte, aber das kann er schließlich auch allein.“

„Die Überlegung, dass ein Pärchen weniger auffällt, ist nicht von der Hand zu weisen“, überlegte Lotta.

„Zu wem hältst du eigentlich?“, grummelte Franzi.

„Natürlich zu dir, Schwesterherz. Ich kenne deine Geldsorgen und weiß, dass dir eine Luftveränderung guttun würde. Nur darum versuche ich dir zuzureden, dir das Angebot noch mal durch den Kopf gehen zu lassen.“

„Meeresluft atmen zu können, wäre schon was Schönes. Aber nicht unter den Voraussetzungen. Niemals mit diesem Bertram. Und jetzt will ich nicht mehr darüber reden.“

Beschwichtigend hob Lotta ihre Hände. „Okay, okay. Verstanden. Ich muss dann auch gleich wieder los. Will noch was einkaufen. Tschüs, Süße.“ Lotta drückte Franzi einen dicken Schmatzer auf die Wange, winkte noch einmal und zwinkerte ihr zu. Franzi wusste genau, was das bedeuten sollte, und schüttelte unwirsch mit dem Kopf.

Einkaufen müsste sie auch, vor allem eine Kiste Mineralwasser, wenn sie nicht dauernd Leitungswasser trinken wollte. Bei der Gelegenheit konnte sie auch gleich die Rechnung bei Frau Burmester in den Briefkasten werfen. Das lag auf dem Weg und so konnte sie das Porto sparen.

Wieso machte der Motor so knarzige Geräusche? Okay, der Wagen hatte schon mehr als zwölf Jahre auf dem Buckel, aber bisher war er geschnurrt wie ein Kätzchen. Was hast du? Mach bloß nicht schlapp. Franzi war froh, in der Stadt unterwegs zu sein, wo sie sowieso nicht schnell fahren konnte. Alles Zureden half nichts. Als sie nach dem Einkaufen den Wagen starten wollte, gab er keinen Ton von sich. Zum Glück stand Franzi auf dem Parkplatz des Supermarktes und behinderte nicht den Straßenverkehr. Diverse Versuche später öffnete sie die Motorhaube. Dabei hatte sie keinen blassen Schimmer von Motoren und all dem anderen Gedöns, das ein Auto erst zum Laufen brachte.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Ein älterer Herr nickte Franzi zu.

„Haben Sie Ahnung von Autos?“

„Das werden wir gleich feststellen. Was hat er denn für Probleme?“

„Er gibt keinen Ton von sich.“

„Benzin?“

Franzi verdrehte die Augen. Warum hielten alle Männer autofahrende Frauen für doof? „Genügend.“

„Vielleicht ist es die Batterie. Ich habe ein Überbrückungskabel im Auto. Zumindest wäre es einen Versuch wert. Oder wollen Sie gleich eine Werkstatt anrufen?“

Das fehlte noch, dass sie das Geld, das sie von Frau Burmester erwartete, gleich an eine Werkstatt weiterleitete. „Es wäre sehr nett, wenn wir das versuchen könnten. Die Batterie ist zwar noch nicht so alt wie der Wagen, aber wer weiß schon, wie die Dinger ticken.“

Dass es nicht an der Batterie lag, war Minuten später klar.

„Vielen Dank trotzdem. Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als eine Werkstatt zu kontaktieren.“ Verdammter Mist.

Franzi machte sich zu Fuß auf den Heimweg mit einer vollen Tragetüte und zwei Flaschen Wasser unter dem Arm. Bevor sie sich eine Werkstatt suchte, wollte sie Julius anrufen. Vielleicht hatte ihr Schwager in spe Ahnung von Autos. Lotta hatte das zwar nie erwähnt, aber versuchen wollte sie es. Das schonte vielleicht ihren Geldbeutel.

„Danke, Julius, dass du dir so schnell Zeit genommen hast.“

„Für dich doch immer. Tut mir leid, dass ich dir nicht helfen kann. Einer meiner Kumpel besitzt eine Autowerkstatt, soll ich ihn mal anrufen? Mit viel Glück bekommen wir einen Sonderpreis.“

„Das wäre total super.“ Julius war ein echter Schatz.

Eine halbe Stunde später hielt der Wagen einer Autowerkstatt neben Franzi und Julius. Sie war ihm sehr dankbar, dass er gewartet hatte, um selbst mit seinem Bekannten zu sprechen.

„Wird das Getriebe sein. Und das heißt für Ihren Wagen Totalschaden.“

„Was? Da kann man nichts mehr reparieren? Das darf doch nicht wahr sein. Was soll ich jetzt bloß machen?“

„Da wird wohl ein neues Auto fällig“, kommentierte Julius die Misere und zwinkerte ihr zu.

Vermutlich hatte er keine Ahnung von ihren Geldsorgen. „Schön wär’s“, grummelte Franzi. Krampfhaft versuchte sie, aufsteigende Frusttränen hinunterzuschlucken.

„Ich schleppe Ihren Wagen in die Werkstatt und schaue da noch mal in Ruhe nach. Ist das in Ordnung?“

„Was kostet das?“

Julius beugte sich zu seinem Kumpel und sprach leise mit ihm. Franzi verstand nicht, worum es ging, aber vermutlich um sie und die Kosten.

„Machen Sie sich keine Sorgen, das regeln wir unter der Hand.“

„Vielen Dank.“ Wehmütig sah sie ihrem Wagen nach und stieg dann in Julius’ Auto, der sie mit all ihren Hab­seligkeiten nach Hause kutschieren wollte.

„Ich danke dir von ganzem Herzen. Hoffentlich ist es doch nicht so schlimm. Ein Autokauf liegt absolut nicht drin. Dabei brauche ich für meinen Job unbedingt eines.“

„Wenn ich, beziehungsweise wir, dir aushelfen können, sag einfach Bescheid. Du musst dich nicht zieren. Lotta und ich helfen gern.“

Franzi strich über Julius’ Arm. „Ich weiß das zu schätzen und Lotta hat mir das auch schon angeboten. Aber ich muss es allein schaffen. Ich kann doch nicht von euch verlangen, dass ihr mir Geld leiht, vor allem, wo eure Hochzeit bald stattfinden soll und ihr auch noch in die Flitterwochen fliegen wollt.“

„Mein Angebot steht.“

„Danke noch mal, ich muss das irgendwie selbst auf die Reihe kriegen.“

6 Franzi

Ihr Herz wummerte in einem wilden Stakkato und drohte ihr aus der Brust zu springen, als sie die Augen aufriss. Er hatte sie wieder einmal eingeholt – dieser Albtraum, der ihr schon so oft den Schlaf geraubt hatte. Sie legte eine Hand auf die Stelle an der rechten Seite des Bauches, wo eine hässliche Narbe sie für immer zeichnete und wieder mal schmerzte. Das Shirt klebte an ihrem Körper, die Bettdecke fühlte sich klamm an. Sie kniff die Augen zusammen, versuchte tief und gleichmäßig zu atmen, um ihren rasenden Puls unter Kontrolle und die Bilder aus dem Kopf zu bekommen. Vergeblich. Wann hörte es endlich auf? Wann hörten diese Träume auf, die Schmerzen, die damit einhergingen? Würde sie für immer damit leben müssen?

Franzi schob die Bettdecke beiseite, tappte zum Fenster, öffnete es sperrangelweit. Tief sog sie die kalte Nachtluft in ihre Lungen. In der Ferne bellte ein Hund, ein paar Autos fuhren vorbei. Sie versuchte sich auf diese Geräusche zu konzentrieren, damit die Erinnerung verblasste.

Lukas Bertram! Sie hatte ihn gesehen. Gerade eben. Er hatte sich über sie gebeugt. „Hallo, sind Sie wach?“, hatte er gefragt. Und er hatte die Jacke eines Rettungssanitäters getragen. Das konnte doch nur im Traum gewesen sein. Wieso war er ausgerechnet da aufgetaucht? Er hatte damit doch absolut nichts zu tun. Merkwürdig. Konnte er sie nicht mal im Schlaf in Ruhe lassen? Energisch schloss sie das Fenster, als könnte sie ihn damit aussperren. Dass ihr das nicht gelungen war, merkte sie Augenblicke später, als sie wieder im Bett lag, er aber immer noch durch ihren Kopf geisterte. Als sie das nächste Mal aufwachte, schien die Sonne durch den Spalt der Übergardinen und schickte ihre Strahlen bis auf die Bettdecke. Ihre Schläfen schmerzten. Sie fühlte sich wie gerädert. Es hatte eine gefühlte Ewigkeit gedauert, bis sie sich von ihrem Traum erholt hatte und endlich wieder eingeschlafen war. Doch dieser Detektiv hatte sich auch in ihren nächsten Traum geschlichen und dort dafür gesorgt, dass ihr Wagen nicht mehr zu reparieren war, damit er sie überallhin chauffieren konnte. Was für ein Schwachsinn.

Höchste Zeit aufzustehen, die Finanzen durchzurechnen und sich einen Plan für die nächste Zukunft zurechtzulegen.

Wenn sie sparsam lebte, kam sie noch etwa zwei Monate über die Runden. Ohne nicht absehbare Extraausgaben. Ein Autokauf lag in weiter Ferne, sollte nicht bald ein lukrativer Auftrag reinkommen. Aber wie sollte sie ohne fahrbaren Untersatz zurechtkommen? Sie musste in ihrem Beruf flexibel sein – mit ihrem Rad war sie das nur sehr bedingt. Eine neue Fahrradkette hatte sie auch noch nicht. Verdammt. Das musste sie gleich nach dem Frühstück erledigen.

Nimm den Auftrag an der See an. Niemals! Tu es. Dir bleibt keine andere Wahl. Dieser Bertram ist doch kein so übler Kerl. Pah! Wer versuchte ihr etwas einzureden, was sie absolut nicht wollte? Sie fuchtelte mit den Armen vor ihrem Gesicht herum, um die Stimme zu vertreiben, die ihr das einreden wollte, zu dem sie nicht bereit war. Vergeblich.

Im Gegenteil, die Stimme wurde immer drängender. Da wären ein paar Stunden Urlaub sicherlich drin. Die Luftveränderung wird dir guttun. Vielleicht hören an der See sogar deine Träume auf. Energisch schüttelte Franzi den Kopf. Nicht in diesem Leben. Die Träume würden sie für immer begleiten – das wusste sie genau.

„Mach es, was ist so schlimm daran? Sieh es als Auftrag wie jeden anderen. Und damals, als du noch im Polizeidienst warst, hattest du immer einen Partner dabei.“

„Ich brauche und will keinen Partner. Den schon gar nicht.“

„Natürlich nicht. Ich will dir doch nur klarmachen, dass du bis vor zwei Jahren nie allein gearbeitet hast. Also kann es doch nicht so schwer sein.“

„Das Schwerste ist, dass ausgerechnet er es ist.“

Lotta verdrehte die Augen. „Deine finanzielle Situation kann ja nicht so dramatisch sein, wenn du dir noch aussuchen kannst, welchen Auftrag du annimmst und mit wem du zusammenarbeiten willst.“

„Leg du noch den Finger in die Wunde.“ Franzi nahm ihre Wanderung durch die Praxis ihrer Schwester wieder auf.

„Komm, leg dich auf die Liege. Ich verpasse dir eine Massage. Danach geht es dir besser.“

„Wenn kein anderer Patient kommt, nehme ich das Angebot gerne an.“ Franzi zog ihren Pullover aus, legte den BH ab und streckte sich auf der Massageliege aus. Es war ein Segen, eine Schwester zu haben, die Physiotherapeutin war. Unzählige Male schon hatte Lotta sie massiert, ihr auch ohne Rezept einige Krankengymnastikeinheiten verpasst, wenn es nötig war. Lotta war einfach die Beste.

„Die nächste Patientin kommt erst in einer Stunde. Zwar wollte ich meine Abrechnung anfangen, aber ein Notfall geht natürlich vor. Oje, du bist mächtig verkrampft.“

„Ich hatte wieder diesen Traum“, gestand Franzi leise.

„Vielleicht solltest du noch mal zu dieser Psychotherapeutin gehen.“

„Das hilft sowieso nicht. Die Träume haben die ganze Zeit nicht aufgehört. Auch nicht, als ich bei ihr in Behandlung war.“

„Da war ja auch alles noch frisch. Inzwischen sind fast zwei Jahre vergangen. Ich hatte wirklich gehofft, dass sich das mit der Zeit geben wird.“

„Ich auch“, murmelte Franzi in das Handtuch, auf dem sie lag. Sie schloss die Augen und gab sich ganz den wohltuenden Handgriffen ihrer Schwester hin. Lotta schien zu spüren, dass Franzi nicht weiter reden wollte, denn sie schwieg ebenfalls.

„Danke, das hat wirklich gutgetan.“ Franzi drückte Lotta einen Kuss auf die Wange, ehe sie sich anzog.