11,77 €
Leseprobe:
Toben im Gang. Robert legt das Buch weg, lehnt den Kopf gegen die Scheibe, die vom Rütteln des
Busses vibriert, setzt sich die Kopfhörer auf und schaltet den Walkman an. Einleitende
Klavierklänge und dann die Sopranstimme mit der Hymne an die Jungfrau – wobei er Michael
heimlich beobachtet.
«Was hörste da?», fragt ein Mädchen, das selber Kopfhörer aufhat.
«Schubert.»
«Was isn das?»
«Ave Maria», singt Robert.
«Ach du Scheiße!», ruft das Mädchen.
«Was hörst denn du?»
«David Hasselhoff!»
«Ach du Scheiße!», äfft er sie nach und dreht sich nach dem Lärm in seinem Rücken um. Rüdiger
produziert sich lauthals vor den Mädchen auf der letzten Sitzbank: Die sind schon voll da und
zeigen, was sie haben, und der Junge grabscht nach ihren Brüsten.
«Tu doch was!», ruft Sigrid und zerrt an seinem Walkman, als wollte sie sagen: Deinen beschissenen
Schubert kannste auch zu Hause hören!
Schulterzuckend steht Robert auf und bahnt sich einen Weg durch die Kinder, die wie die
losgelassenen Affen rumturnen. Er bittet sie, sich hinzusetzen, und da er das eher ironisch meint,
lächelt er dementsprechend, so dass sie einfach weitermachen und ihn «Arschloch!», «Blödian!»
schimpfen.
«Danke, gleichfalls», sagt er und verbeugt sich vor ihnen.
Dann zuckt er zusammen: Michael sitzt auf seinem Platz und hat seinen Kopfhörer auf.
«Wer sind John Thomas und Lady Jane», fragt der Junge und blättert im D. H. Lawrence.
«Eigentlich heißen sie Constance und Parkin.»
«Versteh ich nicht.»
«Na ja – die beiden anderen Namen stehen in der englischen Umgangssprache für die männlichen
und weiblichen Geschlechtsorgane», sagt Robert leise.
«Dann geht‘s um Sex?»
«Um Liebe.»
«Ist doch das Gleiche.»
«Nee – mehr.»
«Spinner!», ruft Michael, springt auf und geht zurück zu seinem Platz.
Pinkelpause. Stolperndes Gedränge. Die Jungen werden von Roland zu den Toiletten begleitet, die
Mädchen von Sigrid und Tanja. Robert muss sich um die Proviantausgabe kümmern. Mist, jetzt
fängt es auch noch an zu nieseln, und der Karton, den er mit Argusaugen bewacht, weicht auf. Die
Kinder umringen ihn. Er verteilt die Fresspakete und passt auf, dass keiner sich zwei unter den
Nagel reißt.
«Arnold, du hattest schon nen Apfel.»
«Na und?»
«Zurück damit!»
«Hab aber Schmacht!» Er pfeffert ihn zurück in den Karton.
Dann sieht Robert die anderen Betreuer vom Toilettentrakt zum Restaurant hinüber gehen.
Die schlürfen jetzt nen heißen Kaffee, während ich mir in der Nässe einen abfriere!, denkt er und
vertreibt einen herrenlosen Hund, der ihn an einen Fernsehbericht über ausgesetzte Tiere in
Urlaubszeiten erinnert. Die Kinder streicheln ihn, werfen ihm angebissene Brötchenhälften hin, die
er gierig verschlingt, und beschweren sich dann, dass sie nicht satt geworden sind.
[...]
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2020
Titelbid
Reinhard Knoppka: „Herzschuß“
Roman
Für Walter!
Verlag & Vertrieb:
www.trotz.medien-vvg.org
ISBN eBuch: 978-3-96686-225-7
9783966862257
Umschlaggestaltung: Carsten Kudlik, Bremen
unter Verwendung des Gemäldes
Badende bretonische Knaben von Paul Gauguin
© Trotz Verlag
2. Auflage, Köln 2012
1. Männerschwarm, Hamburg 1996
Alle Rechte vorbehalten
Herzschuß
Toben im Gang. Robert legt das Buch weg, lehnt den Kopf gegen die Scheibe, die vom Rütteln des Busses vibriert, setzt sich die Kopfhörer auf und schaltet den Walkman an. Einleitende Klavierklänge und dann die Sopranstimme mit der Hymne an die Jungfrau – wobei er Michael heimlich beobachtet.
«Was hörste da?», fragt ein Mädchen, das selber Kopfhörer aufhat.
«Schubert.»
«Was isn das?»
«Ave Maria», singt Robert.
«Ach du Scheiße!», ruft das Mädchen.
«Was hörst denn du?»
«David Hasselhoff!»
«Ach du Scheiße!», äfft er sie nach und dreht sich nach dem Lärm in seinem Rücken um. Rüdiger produziert sich lauthals vor den Mädchen auf der letzten Sitzbank: Die sind schon voll da und zeigen, was sie haben, und der Junge grabscht nach ihren Brüsten.
«Tu doch was!», ruft Sigrid und zerrt an seinem Walkman, als wollte sie sagen: Deinen beschissenen Schubert kannste auch zu Hause hören!
Schulterzuckend steht Robert auf und bahnt sich einen Weg durch die Kinder, die wie die losgelassenen Affen rumturnen. Er bittet sie, sich hinzusetzen, und da er das eher ironisch meint, lächelt er dementsprechend, so dass sie einfach weitermachen und ihn «Arschloch!», «Blödian!» schimpfen.
«Danke, gleichfalls», sagt er und verbeugt sich vor ihnen.
Dann zuckt er zusammen: Michael sitzt auf seinem Platz und hat seinen Kopfhörer auf.
«Wer sind John Thomas und Lady Jane», fragt der Junge und blättert im D. H. Lawrence.
«Eigentlich heißen sie Constance und Parkin.»
«Versteh ich nicht.»
«Na ja – die beiden anderen Namen stehen in der englischen Umgangssprache für die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane», sagt Robert leise.
«Dann geht‘s um Sex?»
«Um Liebe.»
«Ist doch das Gleiche.»
«Nee – mehr.»
«Spinner!», ruft Michael, springt auf und geht zurück zu seinem Platz.
Pinkelpause. Stolperndes Gedränge. Die Jungen werden von Roland zu den Toiletten begleitet, die Mädchen von Sigrid und Tanja. Robert muss sich um die Proviantausgabe kümmern. Mist, jetzt fängt es auch noch an zu nieseln, und der Karton, den er mit Argusaugen bewacht, weicht auf. Die Kinder umringen ihn. Er verteilt die Fresspakete und passt auf, dass keiner sich zwei unter den Nagel reißt.
«Arnold, du hattest schon nen Apfel.»
«Na und?»
«Zurück damit!»
«Hab aber Schmacht!» Er pfeffert ihn zurück in den Karton.
Dann sieht Robert die anderen Betreuer vom Toilettentrakt zum Restaurant hinüber gehen.
Die schlürfen jetzt nen heißen Kaffee, während ich mir in der Nässe einen abfriere!, denkt er und vertreibt einen herrenlosen Hund, der ihn an einen Fernsehbericht über ausgesetzte Tiere in Urlaubszeiten erinnert. Die Kinder streicheln ihn, werfen ihm angebissene Brötchenhälften hin, die er gierig verschlingt, und beschweren sich dann, dass sie nicht satt geworden sind.
«Na endlich!», ruft er den Betreuern zu, als sie zurückkommen.
Die Polstersitze sind verklebt von ausgelaufenem Saft, ausgespuckten Kaugummis und aufgeweichter Schokolade. Weggeschmissenes Papier bedeckt den Boden, und als sie aussteigen, hinterlassen sie einen Saustall.
Es regnet. Überall Pfützen. Die Jugendherberge besteht aus einstöckigen, barackenartigen, hufeisenförmig angeordneten Gebäuden: Im Krieg war sie eine Flakstation. Eine Fahne klatscht an den Mast. Ein rostiger Anker liegt auf dem mit Steinplatten gepflasterten Hof.
Die Kinder kämpfen sich schreiend zu ihrem Gepäck durch. Da hinten ist Michael mit seinem Riesenkoffer buchstäblich im Schlamm stecken geblieben.
«Ganz schöner Kaventsmann», sagt Robert und packt mit an: «Ist da Blei drin?»
«Nee, Gold», sagt Michael und lässt los.
«Soll ich den etwa allein tragen?»
«Ist nur ein Griff dran.»
«Der ist ja wohl stark genug!», ruft Barbara, die gepäckbeladen an ihnen vorbeikeucht: «Hilf mal lieber den Mädchen da drüben!»
«Na los, Bimbo!», sagt Michael und schaut ihn mit seinen blauen Augen an.
«Nicht in diesem Ton mit mir!»
«Sollt n Scherz sein», grinst er, tritt ganz dicht an ihn heran und wischt ihm die Regentropfen von den Brillengläsern: «Kuckuck!»
«Bist wohl gar nicht von dir eingenommen, was?», ruft Robert, schnappt sich den Koffer, wuchtet ihn auf die Schulter und stapft krumm und schwankend auf den Jungentrakt zu.
Robert hat abgewartet, in welchem Zimmer Michael sich einquartieren wird, ist ihm nach dorthin gefolgt und sieht, wie er den kleinsten Jungen, Sven, an den Beinen aus einem Hochbett zerrt, ihm brutal den Arsch versohlt, wobei die Schläge merkwürdig gedämpft klingen, die Sven wohl auch nicht wehtun, denn er lacht den Großen aus, versucht, ihm ins Gesicht zu treten, worauf ihm Michael in die Fresse haut, und der Kleine fängt gleich zu heulen an, ruft Robert zu Hilfe, der sich aber auf Michaels Seite stellt und erklärt, oben sei es zu gefährlich für den Kleinen, und zudem sei Michael der Vernünftigere, habe von oben aus den Überblick und könne schlichtend eingreifen, wenn was los sei. «Haste gehört, Furzknoten?», ruft Michael mit einem Grinsen, reißt den Kleinen, der sich schreiend festklammert, mit einem Ruck aus dem Bett, und hätte Robert ihn nicht aufgefangen, wäre er glatt auf den Boden geknallt, was Michael nicht zu kümmern scheint, und er schmeißt Svens Klamotten durchs Zimmer und beginnt, sich einzurichten.
An den beiden Seitenwänden steht jeweils ein doppelstöckiges Bett, neben der Tür ein offener Wandschrank mit einem Fach für jeden und einer Schuhablage. Markus kippt seinen Koffer auf dem Tisch aus, und Wäsche fällt auf den Boden. Rüdiger belegt sämtliche Schrankfächer. Michael reißt die Sachen wieder raus, schmeißt sie ihm an den Kopf und beansprucht die Fächer nun für sich.
«Und wo soll ich mit meinen Klamotten hin?», fragt Markus weinerlich.
«Sei so gut und lass den andern auch noch ein Plätzchen», sagt Robert mit einem freundlichen Lächeln.
«Hach, du kotzt mich an!», schreit Michael und macht sich daran, sein Bett zu richten: das über dem von Sven, dem Robert beim Beziehen hilft. Dabei beobachtet er den herumturnenden Jungen über sich: die knappe Jeans und die ausgelatschten Puma-Turnschuhe.
Robert steckt die Lakenzipfel fest, windet sich aus der Enge heraus, drückt das Kreuz durch und reibt sich die gequetschten Seiten – während Sven, der Idiot, in sein Bett hüpft und in null Komma nichts das Laken von der Matratze gewühlt hat. Robert zieht es wieder stramm und fragt Michael, ob er klarkomme.
«Nee, siehste doch!», ruft der und wirft ihm das zerknüllte, verschmutzte Laken vor die Füße: «Mach du!»
«Kein Bock!»
«Dann leck mich am Arsch!»
«Hier vor den andern?»
«Na klar!», sagt Michael und fummelt an seinem Hosenknopf: «Traust dich sowieso nicht.»
«Wolln wir doch mal sehn!», ruft Robert und stürzt sich auf ihn. Sie wälzen sich am Boden, und Robert walkt und knetet ihn, bis sie keuchend beieinander liegen und sich anstarren.
Im Nebenzimmer liegen die nassen Regenklamotten verknubbelt auf den unteren Betten. Oben springen die Jungen mit ihren dreckigen Schuhen von Bett zu Bett und hauen sich die Kissen um die Ohren.
«Vorsicht, die Lampe!», ruft Robert und reißt einem Gespenst das Laken vom Kopf.
«Ey, du Sackratte!», schreit Arnold ihn an und hält seine Brille mit den dicken Gläsern fest.
«Werd nicht frech! Mach lieber dein Bett.»
«Dafür seid ihr Betreuer da!»
«Haut ab!», ruft Robert und schiebt die hereindrängenden Jungen, die nicht in dieses Zimmer gehören, wieder hinaus. Er hält die Tür zu. Es wird von außen dagegen gedrückt, und sie ächzt im Rahmen. Jemand wirft sich mit Schmackes dagegen. Es kracht, und sie hängt schief in den Angeln.
«Welcher Blödkopp war das?», schreit Robert und stützt sie ab.
Keiner meldet sich.
«Also alle», sagt er und hängt die Tür aus. Da hagelt es Beschuldigungen, und schließlich haben sie einen Sündenbock gefunden: einen kleinen Dicken mit Hasenzähnen und fliehendem Kinn.
«Wie heißt du?», fragt Robert, nachdem er die Tür im Flur der Länge nach gegen die Wand gelehnt hat.
«Ich war‘s nicht!»
«Dirk heißt das Fettschwein!», ruft Arnold und schlägt auf ihn ein.
«Dich hab ich nicht gefragt», sagt Robert, stellt sich schützend vor den Dicken und legt ihm einen Arm um die Schulter.
«Guckt mal, die sind schwul!», ruft Arnold. Alle lachen, und Dirk reißt sich von Robert los.
«Ihr könnt mich mal», sagt der und verlässt das Zimmer, um den Schaden zu melden.
Draußen atmet er erst mal durch. Er setzt sich auf einen der feuchten Baumstämme und hat Lust, Michael hinterherzuspionieren.
Bestimmt ist er bei den Mädchen, denkt er, steht auf und geht auf das rechte Gebäude zu. Er biegt um die Ecke, und eine Jungenhorde, angeführt von Michael, stiebt bei seinem Anblick von einem der hinteren Fenster davon. Es steht auf Kippe, und Geschrei dringt heraus. Robert sieht die rosaroten Gummifetzen in einer Wasserlache am Boden.
«Was regt ihr euch so auf?», ruft er.
«Siehste denn nicht, was das ist?», kreischt Christine.
«Ne harmlose Wasserbombe», sagt Robert, der sie weiter kreischen lässt und den Jungen nachgeht, die hinter dem Toilettentrakt verschwinden.
Er will die Tür aufdrücken, doch seine Hand zuckt zurück, als sie das Kondom berührt, das über die Klinke gezogen ist.
«Keiner da?», fragt er in Richtung der Klokabinen, stellt sich, als sich nichts rührt, enttäuscht an ein Pinkelbecken – in dem ein rosaroter Präser schwappt! Grinsend pisst er auf das schlaffe Ding.
Nachdem er die kaputte Tür beim Herbergsvater angegeben hat, setzt er sich mit seinem D. H. Lawrence auf einen Baumstamm. Doch er kommt nicht zum Lesen: Das Mädchen, das im Bus David Hasselhoff gehört hat, nähert sich tänzelnd und grinst übers ganze Gesicht.
«Na?»
«Na?», erwidert Robert und macht Platz. Sie setzt sich aber auf seine Knie, legt die Arme um seinen Hals und stupst ihre Nase gegen seine. Immer noch grinsend sagt sie: «Ich heiße Miriam.»
«Ich Robert.»
«Weiß ich doch», sagt sie und sieht ihn schmachtend an.
«Haste die Lümmeltüten gefunden?», fragt Michael, der plötzlich hinter ihnen steht.
«Jau, du Knalltüte!», ruft Robert und fährt herum.
«Will euch nicht stören», sagt Michael.
«Bleib doch noch!»
«Lass ihn doch abzischen», sagt Miriam und reibt ihre Nase wieder gegen die von Robert, der dem Jungen nachstarrt: wie er rennt in seinen ausgelatschten Turnschuhen, der viel zu engen Jeans und dem weiten T-Shirt, das wie eine Fahne um ihn herumflattert und seinen gertenschlanken Leib umso mehr betont.
Ein Eismann fährt aufs Gelände und schwingt seine Glocke, worauf die Kinder wie beim Pfeifen des Rattenfängers von Hameln aus allen Löchern herbeisprudeln und das Auto lärmend umringen, und die ersten ziehen eisleckend ab, während die nächsten nachdrängen – der fette, hemdsärmelige Kerl hinter der Theke im Auto hat alle Hände voll zu tun, um die Gierhälse zufrieden zu stellen, und Robert sieht sich das an und denkt: Eismann müsste man sein! und stellt sich vor, wie er mit seinem Eisauto von Kaff zu Kaff fährt und überall die Dorfjugend entführt, während die Spießbürger händeringend ihre Lieblinge zurückrufen. Vergeblich, denn er hat ihnen ein Zaubereis verkauft, das sie ganz kirre macht, und sie sind glücklich, ihm folgen zu dürfen, und Robert sieht Michael abseits stehen und fragt ihn, ob er nicht auch ein Eis will, und der erwidert, er habe keine Knete, die bescheuerte Sigrid rücke heute kein Taschengeld mehr raus, er habe es versucht, nichts zu machen – «Moment!», sagt Robert entschlossen, steht auf und geht mit ihm zum Betreuerinnenzimmer, wo Sigrid ihn fragend anblickt, nicht unfreundlich, doch ihr Gesicht verdüstert sich, als er mit seinem Anliegen herausrückt, und sie erklärt, dann kämen alle Pänz hier angerannt, und Robert spürt, wie er sich verkrampft, während er wie ferngesteuert zu seiner Gesäßtasche langt und dem erstaunten Jungen sein ganzes Kleingeld in die Hände schüttet, der ihn fragt, ob das ein Vorschuss sei – «Geschenkt!», sagt Robert mit lässiger Handbewegung und kommt sich großartig vor, fühlt sich getragen von einer Welle der Sympathie für diesen anbetungswürdigen Jungen, und erst dessen Weigerung, das Geld anzunehmen, bringt ihn zurück auf den Teppich, und er sieht Sigrids Grinsen, und jetzt ist es eine Frage der Ehre, dass der Junge sich ihm nicht entgegenstellt, und er herrscht ihn an, er solle sich hinausscheren und sich gefälligst wie die andern ein verdammtes Eis kaufen, und ist froh, als Michael endlich mit dem Geld in der Faust die Kurve kratzt.
Der Linoleumbelag im Flur vom Jungentrakt ist so durchgetreten, dass die rissigen Bodenbretter an einigen Stellen hervorschauen. Vom Besen hängt nur noch der Stiel am Haken. Die Klotür am anderen Ende ist offen. Ein Junge steht breitbeinig und auf Zehenspitzen in der Überschwemmung vor dem Klosettbecken, und sein Strahl trifft ungenau hinein. Dann stelzt er, den Reißverschluss hochzerrend, hinaus.
«Abziehen!», ruft Robert.
«Ist verstopft», sagt der Junge und verschwindet im Nebenzimmer. Der Spiegel ist von oben bis unten mit Seife eingeschmiert, ebenso die Klobrille, und die Hygienetüten, die vorhin noch im Drahtgestell an der Wand steckten, schwimmen jetzt, zusammen mit Kotresten und Batzen von Papierhandtüchern, im pissgelben Wasser, das fast über den Toilettenrand schwappt.
«Draußen bleiben», sagt Robert zu Arnold, der sich an ihm vorbeidrängeln will.
«Ich muss!»
«Geh in den Toilettentrakt.»
«Bis dahin halt ich‘s nicht mehr aus.»
«Dann mach dir in die Hose!», ruft Robert, krempelt sich einen Ärmel auf, taucht mit dem nackten Arm bis zum Ellbogen in die Brühe, räumt das Toilettenknie aus und schmeißt die triefenden Klumpen in den Eimer.
«Kann ich jetzt schiffen?»
«Verzieh dich!»
«Ich schreib meinen Eltern, dass man hier noch nicht mal auf Toilette darf!»
«Dann schreib auch, wie ihr sie versaut habt», sagt Robert, wäscht sich den Arm mit Seife aus dem Spender und reibt dann den Spiegel mit Toilettenpapier ab, während der Junge ihm zuguckt.
«Arnold, der Sven geht an deine Süßigkeiten!», ruft einer aus dem Zimmer mit der ausgehängten Tür, und Arnold stürzt davon, zieht Sven über den Tisch und drückt ihm die Luft ab.
«Lass los!», schreit Robert. Doch Arnold drückt nur noch fester zu, und Sven läuft schon blau an. Da nimmt Robert Arnold ebenfalls in den Schwitzkasten, bis der röchelnd von dem Kleinen ablässt.
«Willste mich umbringen?», krächzt Arnold und fasst sich an den Hals.
«Jetzt weißte mal, wie das ist», sagt Robert und zieht den hustenden Sven auf die Beine. Der will sich auf Arnold stürzen, doch Robert schleppt ihn am Kragen hinaus in den Flur, auf sein Zimmer. Dort liegen Rüdiger und Markus comiclesend auf ihren Betten.
«Hier stinkt‘s nach Scheiße!», ruft Rüdiger.
«Dann mach die Buxe zu», sagt Robert, der glaubt, das sei auf ihn gemünzt.
«Hier stinkt‘s echt nach Scheiße», sagt Markus und schnüffelt. Robert nimmt nun auch einen vagen Kotgeruch wahr und schnuppert verstohlen an seinem Arm, den er vorhin ins Klo getunkt hat: riecht nach Seife.
«Jetzt packen wir mal deinen Koffer aus», sagt er aufmunternd zu Sven.
«Mach ich selber. Brauch keinen Aufpasser!»
«Na gut», sagt Robert und verlässt das Zimmer.
«Mann, bin ich geschafft!», sagt er in seinem vollgequalmten Zimmer zu Roland, der auf dem bereits bezogenen oberen Bett liegt.
Es ist eng hier. Auf dem Tisch hinten am Schrank stehen die beiden offenen Spielekisten, und darunter, in zwei Netzen, liegen die Bälle.
«Ich seh mal nach den Pänz», sagt Roland, wirft die Kippe in eine Bierflasche, steigt die Leiter hinunter und brüllt draußen gegen den Krach an.
Kinder mit plattgedrückten Nasen gucken durchs Fenster, winken, schreien und zeigen auf die Spielekisten. Robert schüttelt den Kopf.
«Geht nicht!», ruft er durch den Spalt: «Die Spiele müssen erst registriert werden.»
Da werfen sie Steine gegen die Scheibe. Er rennt hi¬naus und packt in Zahnpasta, als er die Tür von außen schließt.
«Das Zeug ist zum Zähneputzen da!», ruft er in das allgemeine Gelächter und wischt sich die Hand an einem Tempo ab, während er feststellt, dass sämtliche Klinken mit Zahnpasta beschmiert sind.
«Hört doch auf mit dem Scheiß!», ruft er, drückt die Klinke an einer sauberen Stelle herunter, geht in sein Zimmer, legt sich aufs Bett, spult die Kassette im Walkman zurück und setzt sich die Kopfhörer auf.
«Ave Maria, Jungfrau mild», singt die zarte Frauenstimme.
Da wird die Tür aufgerissen. Er fährt hoch und knallt mit dem Kopf gegen das obere Bett.
«Der Hammel ist vom Schrank gefallen!», ruft Roland und zieht Sven ins Zimmer, der sich wimmernd die Hände vors Gesicht hält und Blut auf die Fliesen spuckt.
«Hat sich beim Aufprall auf die Zunge gebissen und einen Zahn lockergeschlagen. Pack mal ein paar Sachen zusammen. Wir bringen ihn ins Krankenhaus.»
Robert wühlt in Svens Koffer und stößt ganz unten auf zwei Packen Pampers. Zum Glück hat keiner der Jungen, die ihn aufgeregt umstehen, was mitgekriegt.
Alle sind jetzt im Tagesraum, und Robert geht noch mal zurück, in den Jungentrakt, aber nicht in sein Zimmer, sondern in das gegenüberliegende, wo er sich umschaut, ungestört, dem Teddy von Markus einen Stupser gibt, auf Michaels Bett zugeht, über die Decke streicht, doch auf ein Geräusch hin springt er in den toten Winkel zwischen Doppelbett und Tür, die auffliegt, ihm fast ins Gesicht, das er zurückreißt, mit einem Arm deckt, an dem sie abprallt, worauf er sie schnell bei der Klinke packt, damit sie nicht zurückschlägt, und er spürt einen Schmerz im Ellbogen, während Michael hereinstürmt, sich die Sachen vom Leib reißt, das viel zu weite T-Shirt, die Treter, die Jeans, und Robert stockt der Atem, als er ihn da stehen sieht: von hinten, nackt, das Spiel seiner Schulterblätter bei jeder Bewegung, das durchgedrückte Kreuz mit der Rinne des Rückgrats, die Wölbung zum Po hin, stramm, rund, in der Mitte gespalten, zwei herrliche Backen, und darunter die Schenkel, der eine locker, der andere angespannt, und er wechselt das Standbein, dreht sich herum, steht halb im Profil, streift sich ein anderes T-Shirt über, ein enges diesmal, unter dem sich die Rippen und Muskeln abzeichnen, die Brust mit den festen Warzen, und dann steigt er in eine knappe Badehose, die alles zeigt, die Bewegung der Backen, ihre seitliche Höhlung und Rundung je nach Stellung der Beine und des Rumpfs, den er mal vorbeugt, mal reckt, wobei die Beule sich mal abhebt, mal versinkt zwischen den leicht gespreizten Schenkeln, und er greift hinein, baggert den Sack hoch, placiert da¬rüber den Schwanz, links, rechts, in die Mitte, nach oben, nein, auch nicht, mehr seitlich, wieder hinunter, während er anschwillt vom vielen Gegrabsche, und er packt fester zu, knetet ihn steif, wichst mit der Faust hinterm Stoff, schneller, hält inne, lässt die Plinte darüberschnappen, schlüpft in einen seidig glänzenden Jogginganzug, begutachtet noch einmal die Lage des Schwanzes, der, abschlaffend, wieder runtersackt, drapiert ihn halbschräg, quer über die Hoden, ein leckerer Anblick, und dann steigt er in halbhohe Turnschuhe mit Klettverschlüssen, die er ratschend aufreißt und schließt, bis sie richtig sitzen, worauf er aufspringt, einen Tanz auf der Stelle vollführt, der all seine Muskeln bewegt, und er dreht sich, wirbelt herum, klatscht in die Hände, reißt sie hinauf, schnippt mit den Fingern, stampft auf und tänzelt auf Zehenspitzen, rennt dann raus aus dem Zimmer und sprintet mit lautem Geheul über den Platz, Richtung Tagesraum, wie Robert, ans Fenster getreten, feststellt, der, die Stirn gegen die Scheibe gedrückt, hinterher starrt und sich lange nicht rühren kann.
Der Tagesraum ist ein durchgehender Saal, den sich drei Kindergruppen und die Einzelwanderer teilen. Der Platz reicht nicht aus, und Tische und Stühle stehen viel zu dicht beisammen. Auch die Zwischengänge sind so eng, dass man kaum mit dem Essenswagen durchkommt.
Da sie den mittleren Teil des Raums zugewiesen bekommen haben, dem Haupteingang direkt gegenüber, sitzen sie im Durchgangsverkehr und es herrscht ein allgemeines Chaos, in dem man sich nur schreiend verständigen kann. Ein Idiot schlägt mit dem Löffel auf den Tisch, wo¬rauf es ihm die ganze Bande nachmacht.
«Da fehlen ja noch welche!», ruft Sigrid, nachdem die Kinder sich müde gekloppt und gebrüllt haben und der Krach ein wenig abgeebbt ist.
«Ich kann sie schlecht hierher prügeln!», ruft Robert, der hineingekommen ist, und sieht sich nach Michael um: scheiße – er sitzt an einem vollbesetzten Tisch!
«Setzt du dich bitte an den Nebentisch?», sagt er zu Arnold, der gerade dabei ist, sein Gegenüber mit Wurstscheiben zu bewerfen.
«Wieso denn?»
«Weil du dich wie eine Sau benimmst!»
«Mich kriegste hier nicht weg!»
