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Leseproben:
Er reicht mir die Hand und führt
mich. Unser Gehen wird zum Tanz.
Irgendwann sinke ich in Ohnmacht,
und als ich erwache, lese ich die
Schrift im Sand: Du hast meine
Hand zerdrückt. – Ich wälze mich
darüber und zerwühle die Buchstaben.
Dann grabe ich mich ein und
hoffe, unentdeckt zu bleiben. Aber
schon bellen Spürhunde.
Man setzt auch ihn auf das lange
Brett, das mit Seife eingeschmiert
ist, und hebt es an. Er hampelt wie
an Fäden gerissen und hält sich an
den Mitrutschenden fest. Das Brett
mündet in ein Loch. Doch er stürzt
sich nicht wie andere verzweifelt
hinein, sondern krallt sich am Holz
fest, um der Vernichtung möglichst
lange zu entgehen. Er konzentriert
sich ganz auf den Moment und
verdrängt das Unausweichliche.
Angenommen, der Folterer würde
dem Gefolterten das Hemd aufreißen,
seine Brustwarze zwischen
die Finger nehmen und sie drehen,
bis das Blut herausliefe, woraufhin
der vor Schmerz Brüllende aufs Knie
sänke und alles Gewünschte
gestände, und der Folterer wollte ihn
jetzt ab-schütteln, aber der Gequälte
klam-merte sich an seine Beine,
hielte ihm auch die andere
Brustwarze hin und flehte, die
Prozedur zu wiederholen – ist es
wirklich so unglaubwürdig, daß der
zu Boden Getretene noch mit
gebrochenem Rückgrat an seinem
Henker festhält?
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Reinhard Knoppka
SchwarzeSplitter
Jubiläumsausgabe 2019
überarbeitet
Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des (in erster Linie deutschen) Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors nicht statthaft. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und anderweitige auch öffentliche Veröffentlichung.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Reinhard Knoppka: „Schwarze Splitter“ISBN Broschur: 978-3-96686-216-5 ISBN eBuch: 978-3-96686-266-0
Umschlagfoto: R. KnoppkaLektorat und Korrektorat: Olaf MüllerUmschlaggestalter/Buchsetzer: Rosa von Zehnle
Verlag & Vertrieb:www.trotz.medien-vvg.org [email protected]
Printed in Germany
© Verlag
Köln/Somogy, 17.08.2019Alle Rechte vorbehalten
Er reicht mir die Hand und führt mich. Unser Gehen wird zum Tanz. Irgendwann sinke ich in Ohn-macht, und als ich erwache, lese ich die Schrift im Sand: Du hast meine Hand zerdrückt. – Ich wälze mich darüber und zerwühle die Buch-staben. Dann grabe ich mich ein und hoffe, unentdeckt zu bleiben. Aber schon bellen Spürhunde.
Man setzt auch ihn auf das lange Brett, das mit Seife einge-schmiert ist, und hebt es an. Er hampelt wie an Fäden gerissen und hält sich an den Mitrutschenden fest. Das Brett mündet in ein Loch. Doch er stürzt sich nicht wie andere ver-zweifelt hinein, sondern krallt sich am Holz fest, um der Vernichtung mög-lichst lange zu entgehen. Er konzen-triert sich ganz auf den Moment und verdrängt das Unausweichliche.
Angenommen, der Folterer würde dem Gefolterten das Hemd auf-reißen, seine Brustwarze zwischen die Finger nehmen und sie drehen, bis das Blut herausliefe, woraufhin der vor Schmerz Brüllende aufs Knie sän-ke und alles Gewünschte gestände, und der Folterer wollte ihn jetzt ab-schütteln, aber der Gequälte klam-merte sich an seine Beine, hielte ihm auch die andere Brustwarze hin und flehte, die Prozedur zu wiederholen – ist es wirklich so unglaubwürdig, daß der zu Boden Getretene noch mit ge-brochenem Rückgrat an seinem Hen-ker festhält?
Überall umragt uns der Tod. Die Erinnerung reicht Bruchstücke hoch. Verwitterung schon beim Glei-ten von einem Zustand in den ande-ren. Ewiges Nachfallen und Weg-tauchen. Während wir uns noch in der Schwebe befinden, zerfallen wir schon bei lebendigem Leibe, und nir-gends ein Halt.
Breitbeinig auf zwei auseinaner-klaffenden Schollen stehen und nicht den Sprung auf eine einzige schaffen. Die Schollen driften immer weiter auseinander, drehen sich um sich selbst und treiben ins Dunkel.
Er stolpert so unglücklich, daß er mit dem Kopf aufschlägt und bald in einer Blutlache liegt. Er denkt an das Ende und ist nicht sonderlich aufgeregt. Es ist, als lege er sich nach einem sinnlosen Tag endlich zur Ru-he. Leute kommen herbei, um ihn zu verbinden. Er seufzt vor Rührung. Die Leute glauben, er stöhne vor Schmerz, und gehen noch behut-samer mit ihm um. Er beginnt zu weinen. Da erheben sich alle wie ein Mann, stoßen ihn in den Graben und gehen davon. Er reißt sich die Ver-bände ab und will es möglichst schnell hinter sich haben. Peinlich ist nur das Blut auf der Straße.
