Höllenkind - Reinhard Knoppka - E-Book

Höllenkind E-Book

Reinhard Knoppka

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Beschreibung

Die Hölle in einem katholischen
Kinderheim - Höllenkind?!
Schon als Kind fand ich das dauernd gepredigte Hohe und Reine langweilig und das angeblich Niedrige und Schmutzige spannend. Wie öde war zum Beispiel ein sauberer Engel da oben im Vergleich zur unsauberen Kati Gottenbusch hier unten. Ich nannte sie Kati Gottimbusch. Sie hatte zwar keinen Gott im Busch, aber eine Fingernische in der Wollstrumpfhose.
So fängt der Roman an, der die Geschichte eines anfangs fünfjährigen Jungen in einem katholischen Kinderheim schildert. Die Geschichten aus der Bibel und dem Märchenbuch werden in seiner lebhaften Phantasie zu einer eigenwilligen, ganz persönlichen Mythologie umgewandelt.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Reinhard Knoppka:

„Höllenkind“

Roman

 

Für Walter!

 

 

Verlag & Vertrieb:

www.trotz.medien-vvg.org

[email protected]

 

ISBN eBuch: 978-3-96686-234-9

9783966862349

 

 

 

© Trotz Verlag

Köln 2012

Alle Rechte vorbehalten

 

 

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

 

 

 

Erstes Kapitel

 

 

Schon als Kind fand ich das dauernd gepredigte Hohe und Reine langweilig und das angeblich Niedrige und Schmutzige spannend. Wie öde war zum Beispiel ein sauberer Engel da oben im Vergleich zur unsauberen Kati Gottenbusch hier unten. Ich nannte sie Kati Gottimbusch. Sie hatte zwar keinen Gott im Busch, aber eine Fingernische in der Wollstrumpfhose. Meine Finger durften nicht zu weit rein. Sonst quiekte sie, und Tante Maria wäre mit dem Besenstiel gekommen, um uns herauszupulen. Wir saßen nämlich selber in der dunklen Nische unter der Eckbank, während meine Fingerspitzen die noch dunklere Nische von Kati Gottimbusch abtasteten. Die hielt sich den Mund zu, damit er nicht losprustete. Ich dachte an den ungläubigen Thomas: dem hatte der Heiland erlaubt, die Finger in seine Brustwunde zu legen. Ob sich das auch so toll angefühlt hatte wie bei Kati Gottimbusch?

Wenn wir mit so vielen Jahren, wie wir Finger an einer Hand hatten, auch noch ziemlich dumm waren, so wußten wir doch schon, daß wir meine Fingereien geheimhalten mußten. Das war selbst unter der Eckbank fast unmöglich, denn ständig kam einer angerutscht und wollte wissen, was wir da machten. Darum verkrochen wir uns draußen im dichtesten Ginsterbusch. Der sah mit seinen gelben Blüten aus wie der brennende Dornbusch, als welcher Gott dem Moses erschienen war. Mir war, als brenne der Ginsterbusch, wenn Kati Gottimbusch meinen Schniepel zum Hampelmann erklärte und solange daran zog, bis er Hatschi machte – ohne daß ihm allerdings die Nase lief. Dann war er plötzlich so kitzelig, daß er ihr Gezupfe nicht mehr aushielt, und ich bog ihr einen Finger um, weil sie das Spielzeug nicht freiwillig losließ. Das ließ ich dann hinterm Latz verschwinden, und sie versuchte, durch die kurzen Lederhosenbeine wieder dranzukommen, doch ich zog die Beine wie eine Fallbrücke hoch. Da ratschten ihre Fingernägel über meinen Schenkel und hinterließen Kratzer, die erst weiß wie die Kondensstreifen am Himmel waren, sich dann aber rot färbten und Rubine weinten. Ich haute Kati Gottimbusch – sie weinte Diamanten: jetzt waren wir quitt, und wir hatten viele Edelsteine, doch sie machten nicht glücklich.

Reichtum mache nicht glücklich, hatte Schwester Magdalena gesagt. Sie hieß wie Maria Magdalena, die dem Herrn die Füße gewaschen und mit ihren langen Haaren abgetrocknet hatte, aber unsere Schwester Magdalena hatte keine Haare, dafür einen Schleier: wie ein Krähenflügel flatterte er um ihren Kopf, und der war in einer hufeisenförmigen Rüsche wie in einem Schraubstock eingeklemmt. Dagegen hatte Kati Gottimbusch so schöne Haare, daß ich ihr vorschlug, Jesus und Maria Magdalena zu spielen: war das eine Gotteslästerung? Ihre Nische war ja auch verboten, aber Gott, der angeblich alles sah, hatte nichts dagegen unternommen: war er kurzsichtig, so daß er doch nicht alles sah? Oder hatte er sein Dreiecksauge zugedrückt, und war er gar nicht so streng, wie Tante Maria, unsere Erzieherin, behauptet hatte? Die wollte uns bestimmt bloß in Angst und Schrecken halten und war deswegen eine Schreckschraube.

Ich zog Schuhe und Strümpfe aus und streckte Kati Gottimbusch meinen Barfuß entgegen. Sie spuckte zwar darauf, wollte ihn aber nicht mit ihren Haaren wieder trocken wischen – da putzte ich ihre Spucke mit Tritten an ihr ab, und sie war eingeschnappt und schnappte meine Finger bei sich weg. Ich bot ihr an, an meinem Hampelmann zu ziehen: der war für sie auf einmal „Igitt!“, und sie ging zurück zum Haus. Jetzt war sie fast wie Schwester Magdalena: fehlte nur noch ein Schleier statt der langen Haare, und so ein Hufeisen, das ihr rundes Gesicht einklemmte. Das konnte sie haben: ich rannte ihr nach und klemmte sie in den Schwitzkasten.

Au – der Knüppel aus dem Sack kam ihr zu Hilfe! Nein, es war Tante Marias Handfeger, der auf meinem Rücken tanzte, und sie zog mir so sehr die Ohren lang, daß ich schon glaubte, ein Esel zu sein. Ich schrie auch „Iiih!“ und „Aaah!“, als sie mich zum Versohlen in den Waschraum zerrte, doch sie versohlte nicht etwa meine Schuhe oder wenigstens den Hosenboden: den riß sie mir vielmehr herunter, und sie gerbte meine nackte Haut. Die Striemen waren wie die Kratzer am Schenkel ein Andenken an Kati Gottimbusch im Ginsterbusch, der aussah wie Gott als brennender Dornbusch – und jetzt brannte auch mein Allerwertester!

 

Tante Maria war garstig wie die Stiefmutter im Märchen, obwohl sie wie die Gottesmutter hieß – die das aber bestimmt nicht gut fand. Genausowenig konnte Maria Magdalena darüber erfreut sein, daß ihre Namensvetterin, Schwester Magdalena, Jesus als Gekreuzigten und nicht als Auferstandenen an einem Band um ihren Hals trug. Wie hatte Maria Magdalena gejubelt, als sie das leere Grab mit den geblendeten Wachen davor gesehen hatte, und wie betrübt mußte sie über Jesus am Kreuz auf Schwester Magdalenas Brust sein! Aber der gefiel Jesus im Lendenschurz vielleicht besser als im langen Gewand. Übrigens war sie mit ihm verheiratet und hatte zum Beweis einen silbernen Ring am extra dafür vorgesehenen Ringfinger – außerdem nannte sie sich „Braut Christi“.

Der Ring erinnerte sie an ihre drei Gelöbnisse. Armut war das erste – ich wäre lieber reich gewesen und hätte den Armen geholfen. Die halbverhungerten Negerkinder waren arm dran – ich auch, wenn ich kein Essen bekam, weil ich beim Beten gepopelt oder das Kreuzzeichen mal wieder falsch gemacht hatte. Was Keuschheit war, wußte ich nicht genau: niemand hatte es uns erklärt, obwohl Keuschsein von uns erwartet wurde – sonst gab’s was auf die Finger. So hatte Unkeuschsein wohl was mit meinen Fingereien zu tun, und wehe, ich ließ mich dabei erwischen! Und Demut? Demütig neigte Maria – nicht Tante Maria: die neigte höchstens mich über ihr Knie, um den Handfeger tanzen zu lassen – demütig also neigte die Jungfrau Maria ihr Haupt und sprach: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinen Worten.“

Ich wäre auch gern die Magd des Herrn geworden, um Gottes Mutter zu werden, denn der war der Stärkste, und darauf kam es an: das hatte ich schon früh begriffen. Fiffi zum Beispiel war stärker als ich, was ziemlich weh tun konnte, wenn ich nicht demütig war, und ich war’s, nachdem er einen Wutanfall gehabt hatte, so wie ich es auch Tante Maria gegenüber war, obwohl ich sie am liebsten wie die Hexe in den Backofen gestoßen hätte. Doch es gab keinen Backofen, und ich hätte sie auch nicht hinein gekriegt. So blieb mir nichts anderes übrig, als demütig zu sein, aber selbst dann war ich nicht sicher vor einer Strafe für meine Sünden, auch wenn ich nicht wußte, was ich eigentlich getan hatte. Denn wir waren sündig, weil wir die Sünde ja geerbt hatten: wegen Adam, der so blöd gewesen war, sich von Eva beschwatzen zu lassen, vom Apfelbaum zu essen. Wären es wenigstens Birnen gewesen: die sind süßer – aber nein, es war ein Apfel, und nach der Prügel zu urteilen, die Tante Maria mir verabreichte, mußte er unheimlich sauer gewesen sein!

Ihren Handfeger, der besser Prügelfeger geheißen hätte, habe ich ins Feuer geschmissen: wir gingen zum Osterfeuer auf die Apfelwiese, und heimlich zog ich den Feger aus meiner langen Lederhose: husch, flog er in die Flammen, und hui, loderte er auf und versuchte mich in Sternschnuppensprache zu verpetzen, doch Tante Maria war mit der Erbsünde von Fiffi beschäftigt, der hinterher ein richtiges Backpfeifengesicht hatte, worüber ich mich schadenfroh freute. Aber ich bedauerte ihn scheinheilig, wie ich auch bedauerte, daß der Feger verschwunden war. Der bekam bald einen Nachfolger: ebenso grausam und hassenswert – doch das nächste Osterfeuer war weit weg, und bis dahin floß noch viel Schmerzenswasser durch die Tränenkanäle.

Ja, hier unten war das Tal der Tränen, und Tante Maria tat alles, um dem irdischen Jammertal gerecht zu werden, denn wir kamen nur durch Leiden in den Himmel. Schwester Magdalena, schwarz wie die Pechmarie, mußte so lange beten, bis sie wieder weiß geworden war und auch in den Himmel kam. Wenn sie dann aber zur Rechten des Vaters saß und Tante Maria zur Linken, wollte ich lieber zu den nichtgetauften Babies kommen – natürlich zusammen  mit Kati Gottimbusch: ihre Fingernische war zwar kein Himmel für geläuterte Seelen, aber für Laß-das!, wie ich später, beim Hexe-Kaukakau-Spiel, plötzlich ahnte, doch als ich ausprobieren wollte, ob das auch stimmte, kam der Racheengel über uns, und ich wurde aus dem Marienhaus vertrieben!

 

Fiffi war ein Held, denn er hieß eigentlich Siegfried, der auch einer gewesen war, bis der böse Hagen ihm den Speer von hinten in den Rücken geschmissen hatte, daß er vorne wieder rausguckte. Bei Fiffi guckte auch vorne was raus, aber weiter unten: es war genauso hart wie eine Speerspitze oder wie mein Hampelmann, wenn Kati Gottimbusch daran gezogen hatte. Ich sollte bei Fiffi daran ziehen, und da er mir beigebracht hatte, demütig zu sein, machte ich es, wenn auch nicht so gerne: ich hatte ja kein Hatschi dabei, und außerdem war’s eine Todsünde, obwohl wir hinterher nicht tot umfielen, aber auf eine mehr oder weniger kam es bei den vielen geerbten Sünden sowieso nicht mehr an.

Fiffi zeigte mir, wie man auf Bäume klettert, was natürlich strengstens verboten war – aber es hätte mich auch gewundert, wenn mal was erlaubt gewesen wäre. Also bestiegen wir einen Baum, der Eiche hieß und ganz knorrig war, und als wir oben waren, schüttelte er sich. Eigentlich war es Fiffi, der sich so heftig hin- und herwarf, daß mich der Eichenwipfel fast abgeworfen hätte, und weil er es dann doch nicht schaffte, machte er mich wenigstens seekrank. Ich kotzte auf die unteren Äste, so daß wir fast nicht wieder runterkamen, weil wir nicht in meine Kotze fassen wollten, doch schließlich blieb uns nichts anderes übrig, denn Tante Maria rief schon nach uns – da war uns meine Kotze lieber als ihr Handfeger, mit dem sie gegen die blecherne Kehrschaufel hieb: die diente auch als Gong, die ärmste.

Sie hatte uns zum Essen gegongt, und es traf sich gut, daß wir uns vorher die Hände waschen mußten – auch, daß ich gerade gekotzt hatte: so war doch wieder etwas Platz in meinem Bauch, obwohl ich nicht gern Blutwurst hineintun wollte, aber Tante Maria wollte das, und die war die einzige, die überhaupt was zu wollen hatte. Doch mein Bauch hatte trotzdem seinen Eigenwillen und boxte die Blutwurst wieder hoch in meinen Hals, der sie aus Angst mit aller Kraft wieder runterschluckte. Weil aber die Blutwurst schon so unappetitlich zerkaut war und nach Magensaft schmeckte, wollte mein Bauch sie nun erst recht nicht wiederhaben und boxte sie so feste zurück, daß sie meinem Mund entsprang: wie der Pechmarie die Frösche – und genauso ekelhaft war das Entsprungene! Es suchte sich wie alle Frösche gleich eine Pfütze, nämlich den tiefen Teller von Uwe Schöne, der noch bei der Suppe war.

Ich nannte ihn schöner Uwe, obwohl er gar nicht so schön war, erst recht nicht jetzt – nein, er machte ein so langes Gesicht, daß man damit die Pappelallee hätte zupflastern können: die hätte ein Pflaster gut gebrauchen können, denn sie hatte viele Schlaglöcher, wahrscheinlich, weil sie wie ich viel geschlagen wurde. Doch ich hatte nur ein Loch: mitten in der Schlagstelle, die am meisten geschlagen wurde, wie auch jetzt – Tante Maria riß mich hoch und schlug zu, mit der bloßen Hand, denn der Feger war gerade nicht zur Stelle. Ich hoffte, daß ihre nackte Hand sich gehörig an meinem gelederten Podex wehtat, der sich übrigens vor lauter Schreck geöffnet und alles rausgelassen hatte, was noch nicht herausgekommen war. Das war gut so: es dämpfte ein wenig die Schläge und stank so schauderhaft, daß Tante Maria vorzeitig aufhörte.

 

Mit spitzen Fingern und gespitztem Mund, aus dem spitze Bemerkungen kamen, legte Tante Maria im Waschraum meine Schande frei, spachtelte sie mit einer großen Bürste ab, ließ sie in einen Topf plumpsen und schrubbte noch an mir herum, als ich schon längst sauber sein mußte – jedenfalls sagte mir das Brennen meines Allerwertesten, daß es jetzt nicht mehr um die Kacke, sondern um ihn selber ging. Dank seiner Abhärtung durch die vielen Handfegertrommelwirbel, die ihn fast so robust wie meinen Lederhosenboden gemacht hatten, schaffte die Tante es nicht, ein zweites Loch in ihn hineinzuschrubben. Trotzdem war er feuerrot geworden und hätte sicher geweint, doch das konnte er nicht – also übernahmen meine Augen das für ihn, und mein Mund gab die Jammermusik dazu. Meine Hände wollten die Bürste weghalten und bekamen eins übergepitscht – da tropften meine Augen noch mehr und plärrte mein Mund noch lauter, obwohl meine eine Faust ihn zu knebeln versuchte und die andere das Wasser aus meinen Augen wie aus Schwämmen  herausdrückte. Zuletzt wußte ich nicht, ob die Überschwemmung von mir oder vom zischenden Wasserhahn gekommen war.

Dann wurde ich ins Bett geschickt, aus dem vorher alle meine Stofftiere ausziehen mußten, mit denen ich mich sonst so wohl wie in der Arche Noah gefühlt hatte, besonders, wenn draußen der Regen gegen die Fenster klopfte und nicht nur die, sondern die ganze Welt reinwusch: dann wurden die schlimmsten Sünder gleich mitersäuft – wie die Katze im Tümpel, die schwarz wie die Sünde gewesen und trotz aller Tümpeltaufe nur an einer Stelle auf der Schnauze weiß geworden war. Ich hatte die arme Katze so wenig mit ins Bett nehmen dürfen wie jetzt meine Stofftiere: die wurden zur Strafe für meine Sünde in den dunklen Schrank gesperrt. Immer wurde ein anderer für meine Vergehen mitbestraft, zum Beispiel Jesus: der war extra meinetwegen gegeißelt, mit Dornen gekrönt und gekreuzigt worden, obwohl ich damals noch gar nicht unartig gewesen sein konnte!

Da lag ich nun allein im großen Schlafsaal, und die anderen Betten guckten mich weiß wie die unbefleckte Empfängnis an – ich wußte aber nicht, was das war, jedenfalls was Weißes und ebenso Langweiliges wie diese doofen Betten. Da ich sonst nichts hatte, spielte ich mit mir selber: ich hob das Gummiband an und machte da unten eine Speerspitze aus mir, doch sie hatte keine Lust auf meine Finger, die wiederum viel lieber mit einer Nische gespielt hätten, und so verwandelte sich mein Speerlein in einen schlappen Pillewurm zurück, der mich gähnend aus seinem Schlafmützchen anblickte. Dann schnupperte ich an meinen Fingern: die rochen nicht so gut wie das „Parföng“ der feinen Dame, die mich manchmal abholen kam, und mißvergnügt drehte ich die Hand hin und her, bis sie mit allem, was von mir sonst noch an ihr dranhing, eingeschlafen war.

 

Ich träumte, auf meinen hochgereckten Zeigefinger hätte sich der Kasperlekopf mit der großen Nase und dem lachenden Mund gesetzt, und augenzwinkernd erzählte er mir, er sei bei des Teufels Großmutter zum Sünderspießbratenessen eingeladen. Er zog mich mit hinab in die Tiefe, und es wurde immer wärmer und dunkler: ich schwitzte und sah nichts, außer das Funkensprühen der verdammten Seelen. Da waren wir in der Höllenküche, und zu meinem Schrecken erkannte ich auf dem Spieß über dem Feuer mich selber: ich wurde um und um gedreht, so daß mir ganz schwindelig wurde, und die Seelenfunken jagten wie Sternschnuppen an mir vorbei – ich wollte schreien, aber ich hatte die Stange im Hals. „Brrr!“ machte des Teufels Großmutter: ich kam zum Stehen, ehe meine Magenwände in die Hände klatschten und ich aus mir selber wie ein umgestülpter Handschuh herausgeboxt wurde.

Des Teufels Großmutter war Schwester Magdalena: statt des Schleiers hatte sie einen richtigen Krähenflügel, der ständig aufflatterte. Im Beelzebub erkannte ich den schönen Uwe, der Federn für seinen Indianerschmuck brauchte und eine nach der andern aus dem Krähenflügel rupfte, der schon ganz löchrig war. Tante Maria erschien mit Pferdehuf, Eselsschwanz und Ziegenhörnern, auf die sie den schönen Uwe gabelte: der zappelte wild, während sie mit ihrer Forke auf mich losging, und das kitzelte so höllisch, daß ich vom Lachen erwachte – ich purzelte in den Schlafsaal zurück. Ohje, da stand Tante Maria wirklich, aber in ihrer ursprünglichen Gestalt, und ich mußte sie mir als Teufel vorstellen und lachte wieder los – in ihrem Gesicht zog ein Gewitter auf, und aus ihren Augen schossen Blitze. Da tat ich so, als ob ich weinte, und während mir die Lachtränen als Heultränen herunterrannen, erklärte sie finster, ich bekäme heute kein Abendbrot. Quietsch-quietsch, machten ihre Gummisohlen auf dem blankgebohnerten Linoleum – die Tür sperrte das Maul auf: rums, und sie hatte sie mit einem Happen verschluckt.

Aber ich hatte nichts zu schlucken – nur meine Spucke, die leider nicht satt machte. Dabei hatte ich ja seit der Blutwurst nichts mehr gegessen; auch das Essen davor hatte ich den Ästen des Eichenbaumes zu essen gegeben, und jetzt knurrte mein Bauch, der blöde – hätte er sich vorher überlegen sollen! Er knurrte immer lauter, wie der böse Wolf, so daß ich richtig Angst vor ihm bekam. Doch in der Not frißt der Teufel Fliegen, und so fraß ich meine Popel – obwohl: die hatten zwar meine Nasenlöcher zugestopft, füllten aber nicht gerade meinen Magen.

Zweites Kapitel