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Inhalt:
Sonne und Mond
Verdacht
Alptraum
Impotenz
Schock
Erbsünde
Horrortrip
Stoßgebet
Psychose
Verkohlt
Blutegel
Parallelwelt
Unfall
Arno Schmidt
Zusammenbruch
Provokation
Pantoffelheld von Witzleben
Damenbesuch
Rondo
Im Bestiarium
Friedhof
Mahlzeit!
Höllensturz
Schlachtgraus
Doggod
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Reinhard Knoppka
Schlachtgraus
Jubiläumsausgabe 2019
überarbeitet
Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des (in erster Linie deutschen) Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors nicht statthaft. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und anderweitige auch öffentliche Veröffentlichung.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Reinhard Knoppka: „Schlachtgraus“ISBN Broschur: 978-3-96686-217-2ISBN eBuch: 978-3-96686-267-7
Umschlagfoto: R. KnoppkaLektorat und Korrektorat: Olaf MüllerUmschlaggestalter/Buchsetzer: Rosa von Zehnle
Verlag & Vertrieb:www.trotz.medien-vvg.org [email protected]
Printed in Germany
© Verlag
Köln/Somogy, 17.09.2019Alle Rechte vorbehalten
Sogar der Schmerz wird trivial, wenn wir ihn für einen physiologischen Prozeß anstatt für einen metaphysischen Skandal halten.
Gómez Dávila
Inhalt
Sonne und Mond
Verdacht
Alptraum
Impotenz
Schock
Erbsünde
Horrortrip
Stoßgebet
Psychose
Verkohlt
Blutegel
Parallelwelt
Unfall
Arno Schmidt
Zusammenbruch
Provokation
Pantoffelheld von Witzleben
Damenbesuch
Rondo
Im Bestiarium
Friedhof
Mahlzeit!
Höllensturz
Schlachtgraus
Doggod
I
Schon das Aufziehen der goldenen Uhr ist ein Genuß für ihn. Dieses Gefühl, wie Zacke in Zacke greift und im Innern des Metallkörpers Zahnrädchen in Bewegung gesetzt werden, ausgelöst durch die Drehung der Krone zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, und seine linke umschließt den erst kühlen, dann auf seine Körperwärme temperierten glatten Leib: so glänzend – es geht ihm durch und durch: er spürt dieses weichströmende Ineinanderrasten feinster Stahlzähnchen in den Fingerspitzen.
Sonne nenne er die uralte Taschenuhr: rund und strahlend wie ihre Namenspatronin, die Sternenkönigin am Himmel – sie hat sogar eine Krone, einen geriffelten, zwiebelförmigen Knopf, umrahmt vom schwenkbaren Haltebügel wie von einem Heiligenschein. Den biegt er jetzt zurück, um auf das Krönlein zu drücken: schwups, springt der güldene Deckel auf, und die Sonne lacht ihn mit ihrem schneeweißen Emailgesicht an.
Strenge römische Zahlen im Kreis zieren es. Zwei üppig verschnörkelte Zeiger aus blankem Gold umrunden es. Unten im Uhrenantlitz ist noch ein Gesichtlein: darin hastet ein viel emsigeres Zeigerlein in die Runde – ein unermüdliches Pferdchen, das oben den großen, trägen Minutenzeiger im Schlepptau zu haben scheint, der wiederum den noch viel langsameren Stundenzeiger nach sich zieht, als könnten die beiden sich nur durch den Ansporn ihres jeweils schnelleren Vorläufers bewegen. Der ganz kleine Sekundenzeiger scheint durch den galoppierenden Herzschlag im Leib der Uhr angetrieben zu werden: ein hastiges Ticken, silberhell im Kontrast zu dem metallisch gelben Glanz ihrer sanftgeschwungenen Hülle aus funkelndem Gold.
Schwer und kieselsteinglatt ruht die Sonne in seiner geöffneten Hand: mit zurückgeschnapptem Goldvisier, das ihr Zifferblatt freigibt, ein unterm Glas spiegelndes makellos weißes Porzellangesicht.
II
Sie erzählt ihm mit pickendem Ticken ihre Geschichte – oder denkt er sie sich nur aus? Jedenfalls überströmt ihn die Vision einer schwarzen Samtfläche: darauf Edelsteine gestickt, gleißend und glitzernd, angestrahlt von der kreisrunden Goldmedaille unter ihnen, nicht flach, sondern mittig ebenmäßig gewölbt – sanft gerundete Form, in der das tickende Weltenherz schlägt.
Da greift Gott in das Stilleben ein und nimmt die Sonne von der schwarzsamtenen Fläche. Er läßt sie in ihr Westentäschchen an seinem Bauch gleiten – nur noch ihr Heiligenschein guckt heraus, befestigt an einer goldenen Kette, die einen hängenden Bogen zum Plättchen am anderen Ende beschreibt, das an einem Knopfloch befestigt ist.
Bei aller Auszeichnung fühlt sich die Golduhr in ihrem seidengefütterten Gefängnis nicht wohl: wie kann sie denn in dieser Enge ihr Visier aufklappen? Auch blitzt sie hier nicht auf schwarzsamtenem Grund unter glitzernden Sternen wie im finsteren All. Jetzt ist sie nur noch Dienerin eines Herrn, der allein bestimmt, wann sie zu erscheinen und wieder zu verschwinden hat. Ungefähr alle zwölf Stunden holt Gott sie hervor und ergötzt sich an ihrem strahlenden Anblick. Dann aber steckt er sie für ebenso lange zurück, um der Nachtruhe zu pflegen.
Unzufrieden wie Luzifer einst, auch Morgenstern oder Venus genannt, und ebenso rebellierend, entschlüpft die Uhr Gottes Fingern und stürzt hinab in die Tiefe. Sie wäre zerschellt, hätte nicht ihre goldene Kette sie am Schlafittchen, ihrem Heiligenschein, aufgefangen und zurückgehalten.
Da baumelt die Ausreißerin in der Leere: so dunkel, daß ihr Leuchten umso gleißender ist. Gott schnippt sich erst mal einen Popel vom Finger und überlegt, was er mit der Aufmüpfigen machen soll. Darüber vergehen einige Milliarden Jahre: in der Zeit mutiert die zur Kugel gerollte göttliche Rotze zum Globus.
Da faßt Gott einen Entschluß. Er bannt die einstige Sonne in die Umlaufbahn des neuentstandenen Erdballs und macht sie zu dessen Trabanten. Vorher nimmt er ihr noch die Leuchtkraft, um ihren Hochmut zu strafen, und erhebt den Alleinanspruch auf das Licht: als Fixstern in diesem Planetensystem.
Jetzt erstahlt sie nur noch durch seinen eigenen Abglanz, doch längst nicht mehr so hell – und voll bloß für eine Nacht im Monat. Die restliche Zeit wird sie von ihm überstrahlt oder vom Schatten ihres Gestirns überdeckt: abnehmend bis zur dünnsten Mondsichel, die sogar einmal ganznächtlich verschwindet. Dann darf sie wieder zunehmen, sich zur Scheibe runden – aber nie größer werden als das Goldkettenplättchen vormals in Gottes Westenknopfloch.
Verdacht
Ihm bricht die Welt immer mehr auseinander. Oft weiß er nicht mehr, was wahr ist und was er sich eingebildet hat. So ergeht es ihm auch jetzt, in der Straßenbahn. Sieht er die anderen Fahrgäste an, verwandeln sie sich plötzlich. Aus dem Gesicht eines jungen Mädchens springt ihn die alte Frau an, die es mal sein wird. Oder er sieht den athletischen Mann dort im Gang auf einmal behindert im Rollstuhl sitzen.
Es wird noch schlimmer: die Haut seines Gegenübers platzt auf, und verwesendes Fleisch kommt zum Vorschein, in dem Maden wimmeln. Ihn überkommt ein solcher Brechreiz, daß er aufspringen und zum hinteren Ende der Bahn laufen muß – wohin ihm der Fäulnisgeruch folgt, so daß er sich genötigt sieht, bei der nächsten Haltestelle auszusteigen.
Draußen bleibt er erst mal auf einer Bank in der U-Bahnstation sitzen und erholt sich mit zusammengekniffenen Augen, um nicht den Anblick neuer Menschen ertragen zu müssen. Aber seine Einbildungskraft sucht ihn heim: das gräßliche Bild von vorhin, und im nächsten Moment hängt er über einem Abfallkübel und übergibt sich. Dann tastet er sich, jetzt blind von Tränen bei aufgerissenen Augen, an der Kachelwand entlang zur Rolltreppe.
Draußen immer noch diese visionäre Heimsuchung, weshalb er weg von den Passanten und zur Haufassade hochschaut. Die verwandelt sich in eine baufällige Ruine, und er rennt, um sich vor Steinschlag zu schützen, wieder die Treppe zur U-Bahn hinunter, rettet sich in die Kabine eines Paßfotoautomaten. Doch wie zuckt er zusammen, als er in den Spiegel sieht: ein Zombie – raus hier!
In der äußersten Ecke mit den Schließfächern hockt er sich hin und mimt, um nicht aufzufallen, einen bettelnden Blinden, mit seinem Käppi im Schoß. Hoffentlich läßt ihn die Patrouille der Sicherheitskräfte in Ruhe, denkt er, als ihn ein Migräneanfall überfällt: so heftig, daß er nur noch auf seine Kopfschmerzen achtet, eingemummt in seinem Parka.
Nach geraumer Zeit tritt Linderung ein, und wie üblich, erfaßt ihn nun eine so überwältigende Erschöpfung, daß er, immer noch die Augen geschlossen, schlagartig einschläft.
Ein Rütteln an seiner Schulter schreckt ihn auf. Blankgewienerte Stiefel, Uniformhosen mit Bügelfalten, daneben ein deutscher Schäferhund mit Maulkorb. Die bernsteinfarbenen Augen des Tiers haben etwas Irres – außerdem sträubt sich sein Nackenfell. Der Hund weicht knurrend zurück und zieht so heftig in die andere Richtung, daß er sich dabei fast stranguliert, während er seinen Halter, einen dunkelblau Uniformierten mit roter Baskenmütze, mitzerrt. Der läßt auch darum nicht los, weil er seine Hand nicht aus der Schlaufe der gestrafften Leine herausziehen kann, die ihn beinahe zu Boden reißt. Fluchend sucht er sich im Gleichgewicht zu halten, während seine beiden Kollegen entsetzt auf den Hund starren: Schaum tropft aus dem Maulkorb – ein Röcheln dringt aus seiner zugeschnürten Kehle, und dann bricht er zusammen.
Die allgemeine Aufregung ist so groß, daß er sich unbemerkt erheben und davonmachen kann. Sein Käppi ist überraschend schwer – randvoll mit Münzen! Vorübergehende müssen sie während seiner Ohnmacht (wie lange dauerte sie?) hineingeworfen haben.
Er sieht sein Spiegelbild in einem Schaufenster: alles in Ordnung. Trotzdem bildet er sich ein, nach Leiche zu riechen – eine fixe Idee, die ihn am Rudolfplatz hinunter in die Männertoilette treibt, die zum Glück im Augenblick menschenleer ist und wo er sich gründlich an einem der Waschbecken von oben bis unten abseift.
Doch der Geruch läßt nicht nach, sondern wird stärker: so stinken Penner, nein Kadaver – Einbildung! ruft er sich zur Ordnung und ohrfeigt sich sogar, wie um sich aus eigener Kraft aus einem Alptraum zu befreien. Doch er erwacht nicht, sondern bleibt weiter auf dem Horrortrip, wie ihm scheint.
Jedenfalls sieht er sich wie durch Geisterhand in die U-Bahnstation von vorhin zurückversetzt und Männer vom Rettungsdienst eine Liege mit dem Schäferhund darauf wegtragen. Man hat ihm nicht den Maulkorb abgenommen – Tollwut, oder woran ist er krepiert? fragt er sich und guckt in seine noch offenen, gebrochenen Augen, in denen er, obwohl eindeutig tot, einen phosphoreszierenden Wahnsinn zu sehen meint, während ihm ein ganz anderer Wahnsinn bewußt wird: er liegt da plötzlich auf der Bahre und ist selber in die Hundegestalt geschlüpft, die sich hinter einen Abfallkübel duckt, die Zähne gegen den Mann vom Sicherheitsdienst gebleckt, den er vorhin fast umgerissen hat und der jetzt mit seinem Knüppel auf ihn einschlägt, ohne daß er sich, behindert vom Maulkorb, zur Wehr setzen kann.
Er wird von seinem eigenen Gebell geweckt – nein, es ist das eines Hundes im Innenhof der Wohnanlage, wo sein Halter frühmorgens mit ihm Gassi geht: wirklich?! Er faßt sich panisch ins Gesicht: keine Raubtierschnauze – und ist zutiefst erleichtert.
Stutzig macht ihn aber später, beim Frühstück, doch die Schlagzeile im Stadtanzeiger: Wachhund wegen Verdacht auf Tollwut von Sonderkommando in U-Bahn erschossen.
Alptraum
I
Der Fluß, ein glatter Spiegel, der rechts und links die Kronen der Bäume reflektiert. Sie säumen haushoch die Ufer, und in der Mitte der grelle Himmel: eine blanke Bahn, über die ein Boot dahinsaust, mit sägendem Motorgeräusch – ich sitze auch darin.
Wir gleiten atemberaubend schnell dahin. Hinter uns zwei klaffenden Wellenbewegungen, als schlitzten Kiel und Motorschraube die Wasserfläche auf und schleuderten ihre beiden Hälften ans Ufer, wo sie sich schwappend brechen.
Plötzlich verstummt das fräsende Geräusch einer Motorsäge. Nur noch Plätschern ist zu hören. Im Bug sitzt ein Mann mit Schirmmütze taucht sein Paddel links und rechts ins Wasser und rudert stoßweise. Die spiegelnde Oberfläche wirft nur noch schwache Wellen und gleißt etwas weiter weg, wie Quecksilber, von metallisch grünem Laub gerahmt.
Ein Mann im Heck neben dem Motor wirft den Anker. Beide biegen sich jetzt vor zur Bootsmitte, wo ein zappelndes Bündel zu ihren Füßen liegt. Ein nacktes Kind? Es quiekt, als einer es anhebt, und ich erkenne: ein lebendes Ferkel in einem Netz , gefesselt an Vorder- und Hinterläufen: es wehrt sich durch Kontrakturen des ganzen Leibes gegen seine Gefangenschaft. Das scheint die Lust der Männer noch zu stacheln, die grinsend sein Zucken verfolgen, mit, wie mir scheint, einem gierigen Glitzern in den Augen – möglicherweise kommt es auch nur von den Wasserreflexen.
Der jüngere Mann läßt das Netz mit dem strampelnden Inhalt an einem Seil ins Wasser. Außer Luftblasen und kreisförmigen Wellenbewegungen kein Lebenszeichen von dem Tier – es scheint zu ertrinken. Bevor es ganz still wird, zieht der Mann es wieder über den Wasserspiegel hinauf. Prustend und spritzend wirft sich das Ferkel im Netz hin und her. Es erlahmt und hält erschöpft inne.
Dschungelstimmen: Schreie sowohl von Vögeln als auch von Affen – dazwischen verhaltenes Quieken, als weine und winsele das Tier im Netz, in dem es sich wieder regt.
Der ältere Mann, ein Dicker mit rundem Strohhut, beugt sich mit einem Stock über die Bootskante und wirbelt damit das Wasser auf. Der Jüngere, ohne Hut, taucht das Netz mit dem erneut zappelnden Ferkel hinein, aber nicht ganz. Er dippt es nur so weit in den Fluß, daß es nicht vorzeitig ertrinkt.
Vorzeitig vor was?
Der Ältere schäumt das Wasser immer heftiger mit dem Stock auf, zückt ein Messer, und ich glaube schon, er will das Netz zerschneiden. Doch er versetzt dem Tier darin Stiche, das aufquiekt, sich mit dem ganzen Leib konvulsivisch in die Höhe wirft und panisch quiekt, während sein Blut ins Wasser tropft, in dem der Messerstecher mit dem Stock in der anderen Hand wieder herumwirbelt. Der andere hält das im Netz eingekrümmt auf dem Rücken liegende Tier so tief ins Wasser, daß es die Wunden umspült.
II
Als hätte ich meinen Kopf durch die Oberfläche getaucht, kann ich plötzlich unter Wasser sehen: wie sie kommen, wimmelnd, bedrohlich lautlos – nur ein schwaches Plätschern dringt durch die Stille, hervorgerufen durch das Rühren des Stocks und Zappeln des Ferkels.
Entsetzt fahre ich aus dem Wasser, das zu brodeln beginnt, als koche es.
Der junge Mann taucht das Ferkel halb hinein, wie um es bei lebendigem Leib zu sieden. Statt Angst-, stößt es jetzt schrille Schmerzensschreie aus, während sich das Wasser rot färbt: es wird vor meinen Augen zerfleischt, von unzähligen Fischen, die das Wasser aufpeitschen, in das der junge Mann das aufgerissene, noch zuckende Tier jetzt gänzlich hineinsenkt, so daß es in brodelndem, rotschäumendem Schaum untergeht.
Ruckzuck ist der Spuk vorbei und der Wasserspiegel wieder so glatt und still wie zuvor. Der junge Mann zieht das Netz heraus, von dem nur noch ein paar lose, zerfetzte Schnüre vorhanden sind – und ein blitzblank abgenagtes Skelett an dem Strick, an dem es mit den Vorderpfoten festgebunden ist. Das Gerippe schlackert, als winde es sich immer noch vor Qual – es ist der junge Mann: er macht sich einen Scherz daraus, es wie eine Marionette zu schütteln.
III
Die Männer lachen und schnalzen. Neben dem rechten Bord liegt das Spiegelbild der Sonne: ein greller Scheinwerfer auf der Wasseroberfläche, der mich so blendet, daß ich für einen Moment blind, vielleicht sogar ohnmächtig werde.
Als ich wieder sehen kann, ist vom Ferkel jede Spur verschwunden. Dafür hält der jüngere Mann jetzt einen dieser rotbäuchigen, handgroßen Fische mit der Rechten am Schwanz in die Höhe und drückt mit Daumen und Fingern der Linken an seinen Seiten entlang: von hinten kräftig nach vorn, als wollte er ihm die Innereien zerquetschen.
Direkt hinterm Kopf, in den Kiemen, fixiert er den Fisch mit der linken Fingerzange, während er mit der anderen Hand an der Schwanzflosse zieht und ihn so straff streckt, daß er sich nicht mehr rühren kann. Der ältere Mann mit dem Strohhut führt die Klinge des Messers, mit dem er vorhin das Ferkel angestochen hat, zum Maul des Fisches und drückt die Schneide in die Unterlippe des Tiers, das plötzlich wieder zappelt und schnappt und vom Jüngeren mit aller Kraft festgehalten werden muß. Trotzdem glitscht es ihm fast aus den Händen mit seinem peitschenden Leib, der an das konvulsivische Strampeln des Ferkels erinnert – sein Gebiß aber an das eines zähnebleckenden Hais: lauernd erstarrt in einer Art Maulsperre.
Der Ältere legt ein aus dem Wasser gefischtes Ferkelknöchlein zwischen die aufgesperrten Zahnreihen, und die schnappen mit solcher Wucht zu, daß es mittendurch geschnitten wird, wobei der ganze Fischleib ein einziger, auf diesen Biß ausgerichteter Muskel ist – er verkrampft sich beim erneuten Zuschnappen und ist zugleich ein Resonanzkörper, der das Geräusch beim Aufeinanderschlagen der Zähne verstärkt.
Der Jüngere läßt den Fisch vorsichtig zurück ins Wasser und zieht blitzschnell die Hände zurück, die das herausspringende und danach schnappende Raubtier nur knapp verfehlt, ehe es zurückklatscht und in einem Strudel verschwindet.
IV
Mir wird klar, daß die ganze Demonstration für mich inszeniert wurde. Wieder das gierige Glitzern in den Augen der Männer – diesmal sicher keine Lichtreflexe. Sie rutschen auf mich in der Bootsmitte zu, wo ich, gefesselt, an der Stelle des Ferkels liege: so kann ich noch nicht mal über Bord ins Wasser springen und so schnell wie möglich an Land gelangen, ehe die Mörderfische auf mich aufmerksam geworden sind. Ich sehe mich von ihnen schon zerfetzt und schließlich sauber abgenagt bis auf mein Gerippe.
Der Ältere wühlt schon das Wasser mit dem Stock auf, und der Jüngere zieht mich am Strick zu sich.
Mir bleibt nur übrig, schnellstens zu erwachen und rechtzeitig hier herauszukommen. Aber ich kriege die Augen nicht auf: der junge Mann hält sie mir zu, während er mich anhebt. In dem Sekundenbruchteil zwischen Sturz über Bord und Klatschens ins Wasser reiße ich sie panisch auf und sehe Myriaden mit Dolchreihen besetzte Mäuler – Hilfe!
Impotenz
I
Sex erlebte er schon immer als einen Balanceakt zwischen Geilheit und Ekel. Lust schüttelt er sich gleich von der Palme, so wie er bei Stuhldrang sofort aufs Klo geht und dann die Spülung drückt, oder wie er einen Eiterpickel ausquetscht: bei der ersten Andeutung bringt er das Störende zum Verschwinden, damit es ihn nicht irritiert.
Dennoch dominiert ihn sein Schwanz – blöde Bezeichnung: klingt ordinär, findet er. Penis klingt noch bescheuerter: medizinisch, steril. Soll er ihm andere Namen geben? Hat Gott nicht gleich hundert? Sein Stehaufmännchen hat zumindest viele Gestalten: mal ist es winzig, ein Schniepel, dann wieder störend vor Pißdruck, eine sperrige Wasserlatte, oder fickerig mächtig, ein Mister XL – und danach wieder scheinbar nicht vorhanden, ein eingelaufenes Schrumpelstilzchen.
Aber er will ihn nicht mehr als Underdog oder unteres Wesen betrachten, obwohl er bei ihm sozusagen im Keller wohnt. Schluß mit der Diskriminierung! Auch masturbiert er ihn nicht mehr bloß zurück in die Versenkung, sondern hört jetzt mal zu, was er sagt.
Das macht sein Ding ziemlich geschwollen – ist ja auch ein Schwellkörper, um es mal wissenschaftlich zu formulieren. Bald prickelt und perlt es aus seinem Mäulchen im zurückgezogenen Rollkragen: tippt sein Finger darauf, zieht es wie Spucke ein silbriges Fädchen.
Nicht nur dieses ausgefahrene Taschenteleskop steht jetzt unter Spannung, auch seine Eier. Er fährt über die Wolle darum: jedes Haar wird zum Fühler, erzeugt ein Kitzeln und Kribbeln, ein aufgereiztes: Ich will!
Früher hat er, wie gesagt, sowas einfach heruntergebügelt: Hosenstall zu – Schweinigel tot! Auch jetzt möchte er ihm das Aufmüpfige austreiben: abmelken und seine Ruhe haben. Anschließend unterm eisigen Wasserstrahl gründlich abkühlen, bis das vorwitzige Mäulchen an eine kalte Hundeschnauze erinnert, verkrochen im hochgeflutschten Rollkragen, die quasi Platz! macht, wenigstens für eine Weile – bis ihn der Stachel erneut wider das Fleisch löckt, gleichsam auferstanden vom Tode, juckend und zuckend wie eine Wünschelrute!
II
Obwohl sein Ich im Oberstübchen Sylvie gleich wieder verdrängte, vergaß sein Es im Souterrain sie mitnichten und nötigte schließlich die Hand, zum Telefon zu greifen. Dabei pieselte der da unten nicht gerade, rieselte aber über: Lusttröpfchen, als laufe ihm das Wasser im Munde zusammen. Jedenfalls war er ganz jeck, wie bei einer fremden Berührung: reine Körpersprache, von Hormonen gesteuert, den Verstand überrennend, diese Zentrale im Kopf – der Leib hatte sein Veto eingelegt!
Hallo... Er stammelte dummes Zeug, während sein Zwergnäschen eine Metamorphose zum Phallus durchmachte: Beute witternder Wolf – ihm geifert buchstäblich das Maul!
Sylvies Stimme brachte ihm die Hörseite zum Vibrieren, vom Ohr, über die Nerven, bis hinab in den Abgrund: wie es dort gärte und Brunst kondensierte – er war schon ganz naß im Slip mit dem querstehenden Balken!
Blabla bei Blutleere im Kopf und Andrang im Becken. Denken und Fühlen zerschnitt ihn in Geist und Fleisch, Stottern und Sehnen – er mußte sich setzen.
III
Nervös springt er die Stufen hinauf. Staub- und Küchengeruch im Treppenhaus. Schwarze Steinfliesen mit weißem Mörtelpuder – Baustellenschutt, dazu Bohrlärm: Wasserrohrbruch, hat Sylvie gesagt. Da steht sie im Türspalt!
