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Wie ein wütender Sturm rüttelt die Finanzkrise am Hochhaus des Superkapitalismus. Sarina ahnt nicht, dass auch ihre heile Welt vom Zusammenbruch bedroht ist. Als der Journalist Lars Kramer Berlin verlässt, setzen sich schicksalshafte Ereignisse in Gang, die ihr Leben unmittelbar betreffen. Sarina findet heraus, dass Tom, ihr Mann, sie betrügt. Für die Familienfrau mit Leib und Seele ein Schock. In ihrer Verzweiflung stürzt sie sich in eine Reise nach Georgia. Eine Geschichte von Liebe, Tod, Verzweiflung und der Chance, aus Krisen Neues entstehen zu lassen.
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Herzsprünge
Flucht nach Georgia
Romanvon Constanze David
1. vollkommen veränderte Neufassung des Romans »Das Seelengewitter« Oktober 2018von Constanze DavidHerausgegeben von Uscoda PublishingSatz und Layout: Uscoda PublishingCovergestaltung:©authors-assistant (Britt Toth http://authors-assistant.com) unter Verwendung von Bildern https//www.shutterstock.com (Sean Pavone, Jacob Lund, Rido)Korrektorat: I. Bauer, Romy Heidrich
Alle Rechte vorbehalten
Der Faktizitätsgehalt dieses Buches ist trotz der Bezugnahme auf reale Ereignisse und realistische Abläufe, die es so oder so ähnlich geben könnte, romanhaft. Die beschriebenen Personen, Begebenheiten, Gedanken und Dialoge sind fiktiv. Übereinstimmungen mit tatsächlich existierenden Personen, Namen und Vorkommnissen sind daher rein zufällig und ohne jegliche Bedeutung.
01 Familienleben
02 Südkreuz
03 Kantstraße
04 Der Fluch der Frauen
05 Harmoniewelten23
06 Am Nachmittag
07 Winnenden
08 Tom
09 Stepford
10 Schlaflosigkeit
11 Zorn
12 Unlust
13 Eine zweite Wirklichkeit
14 Was einmal war
15 Vorahnung
16 Lars und seine Träume
17 Telefonat
18 Berliner Abend
19 Roman
20 Lust und Frust
21 Eindringling
22 Turbulenzen
23 Zwischenstopp
24 Verzweiflung
25 Enthüllung
26 Jenseits
27 Tanzende Begegnung
28 Toms kleine Flucht
29 Begräbnis
30 Herzstolpern
31 Zusammenbruch
32 Freiheitsexkurs
33 Im Schwarzen Café
34 Wendepunkt
35 Melis Unbehagen
36 Geliebte Kneipe
37 Tonlose Explosionen
38 Georgia
39 Zusammentreffen
40 Nahrung
41 Unruhe
42 Bergwiesengut
43 Roman
44 Tom
45 Nashville
46 Melanie
47 Am Tresen
48 Ende des Jahres
Noch bevor sie die vor ihr liegenden Aufgaben in Angriff nahm, fühlte sie sich bereits erschöpft. Einkaufen, kochen, bügeln – es türmten sich Berge von Wäsche im Wäschekorb auf – das rief in Sarina das Gefühl hervor, Hamster in einem Rad zu sein, das nie aufhörte, sich zu drehen.
Zudem lag heute noch die Begräbnisfeier von Ursula vor ihr. Die befreundete Nachbarin war mit achtunddreißig Jahren an Krebs verstorben. Sarina fand das furchtbar. Unheimlich, wie schnell sich das Leben ändern konnte, von einem Moment auf den anderen. Jedenfalls war es so bei Ursula gewesen. Sie ging unter die Dusche, tastete einen Knoten, und ihr bisheriges Leben hörte auf zu existieren. Was bis dahin selbstverständlich erschien, wurde zur Farce. An die Stelle scheinbar bedeutungsschwerer Lebensbereiche traten Operation, Bestrahlung und Chemotherapie. Das Hospiz in der Schweiz, in dem Ursula bei lebendigem Leib verfaulte, wie es hieß, beendete eine Krankheitskurzgeschichte, wie sie bitterer nicht ausgedacht werden konnte. Wenn sie an Ursulas Heimkehr im Sarg dachte, wurde es Sarina ganz schwer ums Herz. Ob ihr Tod wohl eine Erlösung gewesen ist? Ruhelos kreiste ihr diese Frage im Kopf herum.
Bekümmert sprang sie auf. Da war keine Zeit für Überlegungen. Sie musste in die Gänge kommen, sonst war der Vormittag vorüber und nichts erledigt.
Im Haus herrschte Totenstille. Doch das täuschte, wirklich ruhig war es in ihrem Leben nie. Sie stand einer flatterigen Familie vor, in der dauernd irgendetwas los war. Für einen Moment überfiel Sarina der Wunsch, von ihren vielen Verpflichtungen befreit zu sein. Sie hätte gerne mal abgeschaltet. Meine Umstände fixieren mich, dachte sie verzweifelt, wie Geschwüre, die man am Ende herausschneiden muss, damit man nicht an ihnen zugrunde geht.
Auf dem Weg in die Küche musste sie wieder an Ursula denken. Weg vom Fenster, raunte es in ihr. Entlassen, für immer entlassen. Einmal ist alles zu Ende. Uhren, die einrasten, Särge, die zuklappen. Und wie viel Träume hat man bis dahin zu Grabe getragen? Vermutlich eine Menge.
Marilena tapste in die Küche. Sie hatte sowohl ihre Schlafanzughose als auch ihr Oberteil hochgezogen, was witzig aussah. Das brachte Sarina zum Lachen. Mit einem Mal fiel alle Schwere von ihr ab. Sie fühlte sich erlöst. Der Dämpfer folgte prompt. Maulend verkündete ihre jüngste Tochter: »Ich muss mir einen Tampon einführen, aber Michael hält das Bad besetzt.« »Hast du denn keine Tampons in deinem Zimmer?«, fragte Sarina. »Nein hab ich nicht! Außerdem ist es ein Unding, dass er das Bad so lange in Beschlag nimmt.« Marilena meckerte noch eine Weile herum, dann verzog sie sich wieder. Sarina wusste nun, wer das Bad als nächstes blockieren würde. Statt sich darüber zu ärgern, beschloss sie, einen Obstsalat zuzubereiten.
Der Obstsalat war fertig und das Bad noch immer belegt. Fröstelnd zog sich Sarina ins Schlafzimmer zurück. Sie betrachtete sich im Spiegel. Ernst sah ihr Gesicht sie an. Um ihre vollen Lippen hatten sich Furchen eingegraben. Sie hob die Mundwinkel zu einem Lächeln. Ganz so tief sind sie doch nicht, es geht noch, tröstete sie sich. Das Leben hält sich eben nicht auf beim Gestern. Es drängt unentwegt vorwärts. Leben und Falten kriegen sind eins. Sie lauschte. Marilena ließ sich mit der Morgentoilette ebensoviel Zeit wie ihr Bruder. Sicher pflegte sie die vielen Pickel, die ihr hübsches Gesicht gerade verunstalteten. Um sich das Warten zu verkürzen, fischte Sarina einen Brief aus ihrer Erinnerungsschatulle, die sie im Schlafzimmer aufbewahrte.
Liebe Sarina, nichts ist vergänglicher als der Augenblick. Heraklit, der 540 v. Chr. lebte, drückte es so aus: „Wir können nicht zweimal in denselben Fluss steigen, denn neue Wasser sind inzwischen heran geströmt, und auch wir selber sind beim zweiten Mal schon andere geworden – panta rhei – alles fließt, nichts besteht.“ Weil er meinem Denken sehr nahe kommt, hat mich dieser Satz schon früh fasziniert. Zu Deiner Frage: Sicher spricht einiges dafür, dass eine Frau neue Akzente in meinem Leben setzen könnte, aber sollte es kosmische Gesetze geben, kommt es sowieso, wie es kommen muss – ob mit oder ohne Partnerin. Für mich ist es auch eine Frage der Freiheit, denn der Handlungsspielraum eines Menschen ist begrenzt. Ich bin so mit mir beschäftigt, dass mir eine Frau mit bürgerlichen Ansprüchen die Luft zum Atmen nehmen würde. Rosa Luxemburgs Definition, dass die Freiheit immer die Freiheit des Andersdenkenden ist, gilt bei mir auch in Frauenfragen. Letztlich klingt Dein Satz, in dem Du von einem Joch sprichst, doch ziemlich befremdlich und wenig ermunternd. Er entspricht nicht Deiner früheren Einstellung, die Du vor Deiner Heirat mit Tom hattest. Du hast sicher recht, dass ich mich manchmal verweigere, wo Öffnung geboten wäre. Das liegt daran, dass ich mit der Vorstellung aufgewachsen bin, ja nicht zu viel Gefühl zu zeigen und hart zu mir selbst zu sein. Die meisten wichtigen Entscheidungen in meinem Leben habe ich alleine treffen müssen und oft gegen den Willen meiner Eltern. Das kleinbürgerliche Sein hat in frühester Kindheit mein Leben bestimmt und hat während und nach der Pubertät eine Wut auf meine Eltern aufkommen lassen. Erst nach und nach begriff ich, dass das Bewusstsein auch das Sein verändern kann und begann, mich zu lösen. Dies ist nicht in erster Linie eine intellektuelle Kraftanstrengung, auch nicht allein der Antrieb des Willens, sondern ein tiefes Vertrauen in etwas, das zu benennen unser menschliches Verständnis übersteigt. Es kann in seiner umfassenden Allgegenwärtigkeit, seinem unermesslichen Dasein und seinen unergründlichen Dimensionen nur als Wunder begriffen werden. Wird es benannt, begrenzt man es und macht es damit zum Spielball menschlicher Interpretation oder, noch schlimmer, zum Instrument institutioneller Interessen. Es ist ein Fallenlassen in die einzigartige Richtigkeit jedes gelebten Augenblicks, der nur so sein kann und niemals anders, denn sonst wäre er ja nicht der, der er ist, sondern ein vollkommen anderer. Erst wenn ich mir meiner inneren Kraft bewusst bin, kann ich meinen Willen so einsetzen, dass meine innere Einstellung mit der äußeren, sichtbaren Welt übereinstimmt – oder eben auch nicht, woran ich dann den Grad meines wahren Vertrauens, das immer auch Hingabe ist, ermessen kann. Ihr bedeutet mir viel, Du und Tom! Ich mag Euch, jeden auf seine Art. Dass es keine Frau in meinem Leben gibt, sollte Dich nicht beunruhigen. So wie es ist, ist es gut. Bis bald mal wieder. Rainer
Nachdenklich legte Sarina den Brief zur Seite. Ihr schien, als sei es gestern gewesen, als sie Tom und Rainer zum ersten Mal begegnete. Damals lebte sie in einer WG in Tübingen. Ein Klingeln an der Wohnungstür riss sie aus ihren Träumen. Als sie öffnete, standen zwei unbekannte Männer vor der Tür, die Einlass begehrten.
»Ich bin ein Freund von Claudia«, erklärte einer der beiden.
»Claudia ist nicht da«, entgegnete sie und wollte die Tür zuschlagen, aber da befand sich schon ein Fuß dazwischen. Das irritierte sie, zumal sich Claudia gerade für ein paar Monate in Südamerika aufhielt.
»Sie überlässt uns ihr Zimmer, während sie weg ist«, fuhr der Mann, der offenbar nicht gewillt war, sich vorzustellen, fort.
Sarina erwiderte: »Tut mir leid, aber davon weiß ich nichts.«
»Die Abmachung gilt trotzdem«, lautete die Antwort.
Ihr reichte es allmählich. »Ich kann euch nicht einfach hereinlassen«, sagte sie so abweisend wie möglich.
»Klar kannst du das, stell dich nicht so an! Vielleicht weiß ja eure Mitbewohnerin Bescheid. Frag mal!«, erwiderte der Namenlose energisch.
»Sie ist nicht da.« Sarina wünschte sich, er würde den Fuß aus der Tür nehmen.
»Shit! Hast du eine Ahnung, bis wann sie wiederkommt?«, fragte der andere Mann einlenkend. »Dann warten wir so lange.«
»Nein«, antwortete Sarina. Typisch Claudi, mir so etwas einzubrocken, dachte sie ärgerlich.
»Komm, lass uns einfach rein, wir bleiben auch nur zwei Nächte«, sagte der Mann ohne Namen beharrlich.
Ihre Gedanken überschlugen sich. Da tauchen unangekündigt zwei Kerle auf, die Claudi noch nie erwähnt hat, und wollen sich einquartieren. Was soll ich tun? Ich habe keine Lust, mich veräppeln zu lassen oder Scherzkeksen auf den Leim zu gehen. Unschlüssig blieb sie stehen und starrte die beiden an.
»Lass uns einfach rein - und verschaff dir selbst einen Eindruck von uns. Falls wir uns ungebührlich benehmen, kannst du uns immer noch rauswerfen. Ich denke, es würde Claudia nicht gefallen, wenn du uns einfach vor der Tür stehen lässt. Wir sind keine Frauenmörder, wie du offenbar anzunehmen bereit bist.«
Wütend fauchte sie: »Das ist eine Frechheit. Ihr besitzt ja nicht einmal so viel Anstand, euch vorzustellen, aber maßt euch an, mich zum misstrauischen Monster zu erklären.«
Da sagte der Mann ohne Namen zu seinem Kumpel: »Ich hätte nie gedacht, dass Claudia mit so einer Spießerin zusammenwohnen würde.«
Ärgerlich ballte Sarina die Faust. Dieser Schnösel war wirklich unerträglich. »Ich lasse euch erst in die Wohnung, wenn ich ganz sicher weiß, dass das okay ist. Also schaut zu, dass ihr etwas vorweisen könnt, sonst seht ihr alt aus«, wehrte sie sich.
»Du bist wirklich hartnäckig«, seufzte die Gegenseite, was etwas gemäßigter klang. Sarina wollte gerade einlenken, als Namenlos fortfuhr: »Entweder hat uns Claudia tatsächlich nicht angekündigt oder du bist verdammt zickig. Wir gehen jetzt was essen und kommen später wieder. Vielleicht hat sich die Sache bis dahin geklärt. Abmachung ist schließlich Abmachung. Sorry, aber du kommst mir vor wie ein Bildschirm, der flimmert, weil er einen Fehler hat. Vermutlich bist du total verzopft.«
Ihr blieben sämtliche Erwiderungen im Hals stecken. Noch nie hatte sie jemand verzopft genannt. Der Typ war die Frechheit in Person. Sie musste sich zusammenreißen, um höflich zu bleiben. Voller Inbrunst betete sie, dass diese beiden Männer nie hier nächtigen würden, »Ihr könnt ja später noch einmal wiederkommen. Guten Appetit«, sagte sie und schloss die Tür.
Etwa eine Viertelstunde später kreuzte Anna auf und fragte: »Waren die Freunde von Claudi schon da?«
Sarina traute ihren Ohren nicht. »Was soll das heißen?«
»Das habe ich ganz vergessen, dir mitzuteilen«, antwortete Anna. »Heute kommen zwei Freunde von Claudi. Sie stellt ihnen für ein paar Tage ihr Zimmer zur Verfügung.«
Sarina kam sich saublöd vor. »Hättest du mir das nicht früher mitteilen können«, sagte sie vorwurfsvoll.
»Warum, waren sie etwa schon da?«
»Ja«, antwortete sie einsilbig.
»Und du hast sie wieder weggeschickt?«, fragte Anna.
»Ja, ich habe sie zum Teufel gejagt. Ich wusste doch von nichts. Ich dachte, die wollen mich verarschen«, erwiderte sie gereizt.
»Oh!«, ließ Anna verlauten. »Die sollen nett sein. Einer heißt Rainer Betz und studiert Architektur, der andere war auf der Filmhochschule und arbeitet seit seinem Abschluss als Regisseur. Soll ein heißer Typ sein, hat den Sprung auf Anhieb geschafft. Claudi hat uns aufgetragen, die beiden freundlich zu empfangen.«
»Ich wusste von nichts«, erwiderte Sarina.
»Sorry, ich habe wirklich ganz vergessen, dir davon zu erzählen«, sagte Anna zerknirscht.
»Halb so schlimm. Die wollen später wiederkommen, dann kannst du sie ja hereinlassen«, meinte Sarina.
Als es zwei Stunden später klingelte, verschanzte sie sich in ihrem Zimmer. Sie verspürte keinerlei Bedürfnis, den beiden Männern zu begegnen.
Als sie sich am nächsten Morgen in die Küche schlängelte, frühstückten die beiden und beäugten sie schelmisch. Der Duft von frischen Croissants, von Kaffee und gebratenem Speck samt Spiegeleiern, durchweht von einem herben Männerparfum, stieg ihr in die Nase. Sie versuchte, ein natürliches Lächeln aufzusetzen, scheiterte aber kläglich. Ihr gelang lediglich ein schiefes Grinsen. »Dürfen wir dich zum Frühstück einladen?«, riefen beide wie aus einem Mund. Ihr plumpste ein kleiner Stein vom Herzen, als sie erkannte, wie vergnügt die beiden mit der Situation umgingen. Der Stein kullerte durch den Raum und blieb verschämt in einer Ecke liegen. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. »Gerne. Das duftet ja herrlich«, antwortete sie und musste schmunzeln. Der Bann war gebrochen.
Sie stellten sich einander vor. Tom Schubert sah ihr dabei tief in die Augen und grinste verschmitzt. Eine seltsame Erregung erfasste sie und ließ sie nicht wieder los. Dennoch betrieb sie an diesem Morgen emsig Konversation mit Rainer. Tom sollte sich nichts einbilden. Nur zu gut erinnerte sie sich an seine unverschämte Art. Aber das half nichts, er ging ihr nicht mehr aus dem Sinn.
Als sie sich wenige Wochen später wiedertrafen, küssten sie sich. Es war der bis dahin längste Kuss ihres Lebens. Er schmeckte nach salzigen Erdbeeren und nach mehr. Sarina ließ sich aus ihrem Rahmen in sein Bild fallen. Sie war bereit zu verschmelzen. Ihr Wunsch nach Hingabe und ihr Glaube an die Liebe waren riesengroß.
Sarina kehrte aus den Erinnerungsbildern der Vergangenheit zurück in die Gegenwart und verließ das Schlafzimmer. Sie hoffte, dass das Bad nun frei war.
Lars Kramer starrte auf das Display seines Handys. Ein Lächeln überzog sein Gesicht. Pia hatte ihm eine Nachricht geschickt. Sie war eine Frau, die dem grauen Einheitsbrei des Lebens ungeahnte Farbtupfer verlieh, was er sehr zu schätzen wusste. Die Welt brauchte Menschen wie Pia, um nicht zu einem faden Ort zu mutieren. Sie schrieb:
Wirf einen Blick in Dein Postfach! Gruß Pia
Typisch Pia! Weil sie es hasste, auf dem Handy zu tippen, verfasste sie Mails. Das war altmodisch, aber liebenswert. Lars klappte seinen Laptop auf, öffnete sein Nachrichtenfach, das vor Mails schon wieder überquoll, und las, was Pia geschrieben hatte.
Hi Lars! Die Vögel sitzen in den Sträuchern – unberührt von Schnee und Kälte. Ich blicke staunend durch das Fenster und denke, das sind ja so viele wie noch nie. Da sehe ich, dass in den Ästen Meisen-Knödel hängen. Das war bestimmt mein neuer Nachbar Micha, schlussfolgere ich. Er erinnert mich an Dich. Ihr seht euch sogar ähnlich. Wie geht es Dir? Stell Dir vor, es gibt Frischlinge in unserem Leben. War nicht erst gestern Weihnachten? Was für ein ausdauernder Winter. Nicht unbedingt hart, aber so unbeirrt und unaufhaltsam in seiner Rolle. Ich hoffe, dass er bald zu Ende geht. Mir reicht es. Was sagst Du zur Finanzkrise, Lars? Sie reißt immer tiefere Löcher. Das ist wild gewordener Kapitalismus, der sich verheerend auswirkt. Die Billionenbombe wird irgendwann platzen. Aber wer kann angesichts der komplexen Zusammenhänge wirklich sagen, wann? Was ich tue? Ich warte auf den Frühling. In den Osterferien fliege ich mit Lilith nach Ibiza. Ich habe Lust, mal wieder durch die schöne Altstadt von Ibiza-Stadt zu bummeln. Wahrscheinlich die am meisten ausgeflippte Flaniermeile, die es in Europa gibt. Ein Anachronismus, wie man ihn sich purer kaum vorstellen kann. Ich liebe Gegensätze – und Ibiza ist voll davon. Wie sieht es bei Dir aus, Lars? Hast Du Lust zu kommen, während wir dort sind? Unser Appartement ist groß genug, um Dich problemlos einige Nächte unterzubringen. Fühl Dich umärmelt Pia
Umgehend tippte er eine Antwort ein:
Prima Idee. Vielleicht kann ich es einrichten. Als innerlich noch junger und dazuhin leicht eheüberdrüssiger Endvierziger sehne ich mich nach Abwechslung. Ibiza klingt gut. Man kann billig runterfliegen, für ein paar Tage den launischen April hinter sich lassen, Sonne tanken. Mit kleinem Gepäck und Kreditkarte. Stell ich mir schön und bedeutsam vor. Bestimmt gibt es Nepp, Disco, Techno und einige Bausünden, aber auch Land und Leute, zauberhafte Plätzchen, schöne Wege und Buchten. Vor allem aber gibt es Dich, das stelle ich mir besonders verlockend vor. Ich schließe die Augen und rieche die Räucherstäbchen, den Duft von geröstetem Brot mit Knoblauch und Olivenöl, höre den Klang der Trommeln und sehe Dich auf mich aufzukommen. Aus dem trüben Berlin grüßt Dich träumerisch Lars
Er lehnte sich zurück und drückte auf SENDEN.Er liebte es, mit Pia zusammen zu sein. Sie hatten immer Gesprächsstoff. Sie sprachen über Gott und die Welt, über Menschen und ihre Geschichten, über den Missbrauch von Worten und auch über das, was sie selbst betraf. Pia schrieb Romane. Bislang ohne kommerziellen Erfolg, aber das konnte ja noch kommen. Lars träumte ebenfalls davon, Bücher zu schreiben. Schon geraume Zeit schwebte ihm schwebte vor, seine journalistische Tätigkeit für eine Weile zu unterbrechen, um endlich das Buch zu schreiben, das er schon lange im Kopf hatte. Doch ganz so einfach, wie er sich das vorstellte, war die Sache nicht. Ihm fehlte die Muße, es anzupacken. Vielleicht hätte eine der neun Musen Abhilfe schaffen können, aber keine der Göttinnen schien ihm Gesellschaft leisten zu wollen.
Auf dem Weg ins Bad fragte er sich, welche der Musen er wohl bevorzugen würde, wenn er die Wahl hätte? War es Melpomene mit Maske und Keule und zuständig für die tragische Dichtung - oder war es eher Thalia, die Dienerin der Komödie mit Maske und Krummstab? Er fing zu pfeifen an. Ihm war klar, dass er damit Melanie wecken würde, die heute ein bisschen länger schlafen konnte und so, wie es aussah, auch wollte, weil sie erst nachmittags zur Arbeit musste, aber das war ihm egal. Er pfiff lauter. Es gab, verdammt nochmal, keine Göttin in seinem Leben. Da war nur Meli, seine Frau, mit der er seit mehr als zwanzig Jahren zusammen war. Die meiste Zeit hatte ihm diese Beziehung Spaß gemacht. Doch neuerdings ödete sie ihn häufig an. Hatte es ihm früher gefallen, dass Melanie verschmust war, kam sie ihm zwischenzeitlich bedürftig vor. Noch dazu sah er sich dieser Bedürftigkeit mehr oder weniger anhaltend ausgesetzt, was ihn ziemlich langweilte. Er war neunvierzig und hatte Bock auf eine andere Ausgabe seiner selbst, bevor es dafür zu spät war. Diese Neuauflage brauchte allerdings Nahrung, wenn sie gedeihen wollte.
Er genoss es, allein im Bad zu sein. Vor ein paar Jahren fand er es noch aufregend, mit Meli hier zu stehen und ihre Nacktheit zu genießen. Nun war er froh, dass er das Bad ganz für sich hatte. Meli war süß, er schätzte sie in ihrer sinnlichen und pragmatischen Art, aber die geistige Anregung, die von ihr auf ihn ausging, tendierte gegen null. Vor allem morgens. Da schlief sie geistig noch, selbst wenn sie wach war. Das törnte ihn in letzter Zeit mächtig ab. Seltsam eigentlich, dass ihn das früher nicht gestört hatte. Zwischenzeitlich dämpfte ihr Mangel an Esprit sein Vergnügen aber erheblich. Er wünschte sich stimulierende Gespräche, in denen die Bälle nur so hin- und herflogen. Geistig anregende Frauen fesselten ihn. Wenn sie über ihre kommunikative Klugheit hinaus noch über ein gewisses Maß an Attraktivität verfügten, erotisierte ihn das. Er ging dann liebend gerne mit ihnen ins Bett. Eine Frau mit mentalem Sexappeal kurbelte definitiv seine Geilheit an. Meli war verspielt, keineswegs dumm und hatte in ihren Bemühungen, für ihn attraktiv zu bleiben, nie nachgelassen, doch fühlte er sich in ihrer Gegenwart seit geraumer Zeit wenig erregt. Vielleicht ist das ja ganz normal in so einer langen Beziehung, wie wir eine haben, sinnierte er. Wer sagt denn, dass es immer spannend bleiben muss. Hauptsache, alles flutscht selbstverständlich dahin.
Frisch geduscht und intensiv parfümiert verließ er das Badezimmer und freute sich auf eine Tasse Kaffee und seine Cornflakes, die ihn glücklich machten, sofern er sie aß, bevor sie weich wurden. Milchdurchnässte, pappige Cornflakes waren ihm ein Gräuel. Standen die Dinger ein paar Minuten zu lang herum, war es schon passiert. Die Küche wirkte unbelebt. Angenehm krachten die Cornflakes zwischen seinen Zähnen. Das Leben war schön. Hin und wieder ein Seitensprung – und alles war bestens. Ohne Eile würde er sich gleich auf den Weg zur Redaktion machen. Er würde dem Schmusefrauchen für viele Stunden entschlüpfen und mit Kolleginnen schäkern. Melis Bedürftigkeit und sein Überdruss würden sich nicht in die Quere kommen, und bei seiner Rückkehr würde sein Tagesgesprächsbedarf weitgehend gedeckt sein. Was sie hatten, reichte aus, um die Beziehung stabil zu halten.
Graue Ungemütlichkeit umfing ihn, als er aus dem Haus trat. Der März zeigte sich in diesem Jahr so frühlingsunwillig wie schon lange nicht mehr. Was konnte man von diesem trübsinnigen Monat auch anderes erwarten? Dass sich die Leute ständig über das Wetter echauffierten, war völlig hirnrissig. Der März war und blieb ein trüber Monat. Das wollte bloß keiner wahrhaben. Aber wenigstens regnet es nicht, dachte Lars. Kaum jemand war auf der Straße. Berlin schlief noch. Sein Vater nannte die Nonchalance dreist, die die Menschen dieser Stadt so ungeniert an den Tag legten, und regte sich darüber auf, wenn er in Berlin war. »Ich glaube, hier schafft keiner«, sagte er oft. Lars musste schmunzeln, wenn er daran dachte. Er genoss die Lässigkeit, die sich Berlin zu Eigen gemacht hatte. Er mochte diese schnoddrige Coolness. Kurz überlegte er, ob er die Straßenbahn nehmen sollte, beschloss dann aber, zu Fuß zu gehen und am Kurfürstendamm entlang Richtung Zoo zu laufen. Er hatte genügend Zeit, und es tat ihm gut, sich zu bewegen.
Als er an einem Kiosk vorbeilief, fiel sein Blick auf die Süddeutschen Zeitung, die an diesem elften März 2009 titulierte: DEUTSCHLANDS EXPORTE BRECHEN EIN. Oha, allmählich rücken die Einschläge näher, resümierte Lars. Wenn das sogar der Süddeutschen einen Titel wert ist, rüttelt und schüttelt die Wucht der Krise das Supergebäude des Kapitalismus durch. Würde der Wolkenkratzer dem Beben standhalten? Das kam Kaffeesatzlesen gleich. Sowohl die Verflechtung als auch der Gigantismus der Märkte waren so groß, dass es unmöglich war, sie zu durchschauen. Wusste noch jemand auf der Welt, wie viel Geld wirklich in Umlauf war und in welche Richtung die Geldströme flossen? Er bezweifelte das, und alle Wirtschaftsredakteure, die er kannte, bezweifelten das ebenfalls. Der Umlauf des Geldes war ein Spiel unbekannter Größe geworden. Gewaltige, ineinander verwobene Summen wurden ständig transferiert, noch dazu in alle möglichen Richtungen. Wer sollte da noch den Überblick behalten? Lars grinste vor sich hin. Im Grunde ließ ihn die Sache kalt. Sicher, ein neues Weltrisiko war aufgetaucht, aber er hielt es für nutzlos, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Es gab weitaus wichtigere Themen, die die Welt am Laufen hielten. Dieses reizüberflutete und verkabelte Universum war zu spannend, um sich Sorgen ums Kapital zu machen. Solange Geld keine Skrupel kannte, würde auch Lars keine Hemmungen haben. Ihm fiel ein Gedicht ein, das er in der Schule gelernt hatte und noch immer auswendig konnte. Aus den Tiefen des Gehirns, Texte hervorzukramen, ergötzte ihn. Er hatte Lyrik immer faszinierend gefunden.
Vor dem Schaufenster von Hermes verlangsamte Lars seinen Schritt. Paris in den 1980ern, Florence, die heißeste Affäre seines Lebens, Florence, die Frau, die mit der Modebranche verschweißt war, Florence, die ihm ihren Stempel aufgedrückt hatte. Dank ihr wusste er, was es hieß, chic und klassisch gekleidet zu sein, auch wenn er sich im Alltag kaum darum scherte. Vor allem aber hatte sie ihm gezeigt, wie sich ein virtuoser Blow Job anfühlte. Die Hermes-Krawatte, die sie ihm einst geschenkt hatte, hing noch immer in seinem Kleiderschrank und würde wohl auch zeitlebens dort hängen bleiben, obwohl ihm nun wirklich nichts an Krawatten lag, aber keine hatte sie jemals besser gebunden und sein Teil bedient wie sie. Krawatten schnürten einem den Kragen ab, doch für so viel Virtuosität nahm man gerne etwas in Kauf. Er hielt inne und warf interessierte Blicke durchs Fenster. Die ausgestellte Kombination, eine Hose mit weißem Hemd und grauem Sakko, sah edel und zugleich lässig aus. Ließ man den Preis außer Acht, war es ein verdammt reizvolles Outfit. Florence hätte ihre helle Freude daran. Er sah sie vor sich musste und musste erneut schmunzeln. Doch gleich darauf fragte er sich, wer sich solche Klamotten heute überhaupt noch leisten konnte.Sein Einkommen war durchaus passabel, aber angesichts der Preise für dieses Outfit erschien es ihm plötzlich mehr als mickrig. Sein Handy klingelte. Melanie war am Telefon und sagte: »Lars, in Winnenden muss etwas Schreckliches passiert sein! Bruno hat angerufen. Er macht sich Sorgen wegen deiner Eltern - und er wollte wissen, wo du steckst. Es ist ein Amoklauf. Ein Amoklauf, Lars! In Winnenden. Der Täter ist noch immer frei und schießt auf Leute«, rief sie ihm aufgeregt ins Ohr.
Lars brauchte einen Moment, um sich zu sortieren. Von was sprach Meli da? Das Ganze kam ihm total unwirklich vor. Winnenden war ein Kaff. Warum sollte in dieser friedlichen Kleinstadt plötzlich jemand um sich schießen? Dann fielen ihm Erfurt und Madrid ein, und obwohl er alles andere als abergläubisch war, lief ein Kälteschauer über seinen Rücken. Wieder einmal ein elfter März, der die Welt erschütterte. »Wo genau soll das passiert sein?« fragte er. »In der Realschule«, erwiderte Meli.
»Verdammt«, sagte er, »ich muss die Redaktion anrufen.«
»Soll ich deine Eltern kontaktieren?«, wollte Meli wissen, »und fragen, ob alles in Ordnung ist?« Sie klang beunruhigt.
»Nein, das mache ich selbst«, erwiderte er.
Vor seinem inneren Auge erschien die Gegend seiner Kindheit. Eine friedliche Idylle, in der er sich stets sicher und geborgen gefühlt hatte. Sich auszumalen, dass etwas diesen Frieden stören könnte, erschien ihm unvorstellbar. Ihm wurde bewusst, dass die sichere Distanz, die ihn vom Ort des Geschehens trennte, das Ausmaß dieser Schreckensmeldung beschränkte. Obwohl seine Eltern in Winnenden wohnten, hatte die Mitteilung für ihn etwas Unwirkliches, das er nicht fassen konnte. Etwas in ihm blieb seltsam unberührt. Vor fast dreißig Jahren hatte er seiner Heimat den Rücken gekehrt, gelegentlich kam er als Besucher zurück. Er mochte die Region noch immer, hatte sich emotional aber abgenabelt.
Er beendete das Telefonat mit Meli und rief seine Eltern an. Als niemand abnahm, beschlich ihn Unruhe. Dramatische Ereignisse erschütterten seinen Heimatort. Er konnte nur hoffen, dass seine Eltern nicht involviert waren. Nach dem siebten oder achten Klingeln meldete sich endlich jemand. Es war aber nicht wie sonst seine Mutter, sondern sein Vater. Lars erschrak. Rasch fragte er: »Ist Mutter nicht da?«
»Wie«, entgegnete sein Vater. »Was soll das heißen? Ich bin doch da. Du bist ziemlich unhöflich.«
»Natürlich, entschuldige bitte, Vater! Das liegt nur daran, dass ich mir große Sorgen mache. Mutter ist hoffentlich zu Hause«, fuhr Lars fort.
»Ja, deine Mutter ist unten in der Waschküche. Was gibt es?«, brummte sein Vater.
Die Nachricht vom Amoklauf hatte seine Eltern offenbar noch nicht erreicht. Sein Vater hing bestimmt wie üblich über seiner Tageszeitung, während Mutter werkelte. Noch war in diese Gleichförmigkeit nichts eingedrungen, das sich störend hätte auswirken können. Rasch erklärte Lars seinem Vater, warum es besser wäre, das Haus nicht zu verlassen. Er ermahnte ihn eindringlich, weil er wusste, dass sein Vater manchmal eigensinnig sein konnte. Dann teilte er ihm mit, dass er heute noch kommen würde.
»Ich nehme den nächsten Zug. Wir sehen uns heute Abend.«
»Deine Mutter wird sich freuen. So hat das Böse einmal auch etwas Gutes«, antwortete sein Vater.
Wäre Lars beobachtet worden, hätte derjenige einen gut gewachsenen, sportlich wirkenden Mann mit dunkelblondem Haar und blauen Augen vor dem Haus Nummer 58 auf dem Kurfürstendamm auf- und abgehen sehen. Mit Gewissheit hätte ihn niemand älter als vierzig geschätzt. Dabei war er fast fünfzig. Ihm war bewusst, dass er jugendlich daherkam und sich auch so fühlte.
Er kehrte um, nachdem er das Gespräch beendet hatte. Unterwegs betätigte er erneut das Handy, um mit der Redaktion die Reisebedingungen abzuklären. Er musste für diese Reportage andere Termine platzen lassen, das bedurfte der Klärung. Spontan beschloss Lars, sich außerdem ein paar Tage frei zu nehmen, um seinen Eltern einen kleinen Rückhalt zu bieten. Die Redaktion gab grünes Licht. Seiner Abreise stand nichts mehr im Weg. Er beeilte sich, nach Hause zurückzukommen. Die Erfindung des Handys war ein Segen, alles blitzschnell geklärt, Dienstreise genehmigt.
Charlottenburg wirkte arglos ruhig an diesem Mittwochvormittag. Lars sprintete die Treppen zu der geräumigen Altbauwohnung hoch, in der er mit Meli lebte. Vor kurzem hatte hier auch noch Marvin gewohnt, jetzt studierte er in Genf Wirtschaftswissenschaften und ließ sich nur noch selten blicken. Lars prallte fast mit Meli zusammen, als er die Eingangstür aufschloss. Sie wollte die Wohnung eben verlassen, wahrscheinlich um zu ihrem Guru, wie Lars ihren Arbeitgeber nannte, zu gehen. Meli arbeitete für Roman Bitterfeld, der quasi um die Ecke ein großes Zentrum betrieb. In den Harmoniewelten 23 wurde ganzheitlich das Wohlbefinden gesteigert. Jedenfalls glauben das alle, die damit zu tun haben. Bewiesen ist es nicht, dachte Lars. Er konnte dem Zentrum nichts abgewinnen.
»Ich fahre für eine knappe Woche weg. Komm nach, wenn du kannst«, rief er, während er an Meli vorbei in die Wohnung preschte.
»Hast du es schon wieder vergessen, Lars? Ich assistiere am Wochenende im Zentrum. Ich kann nicht nachkommen«, erwiderte Melanie.
Verflixt, das hatte er tatsächlich vergessen, zumindest hatte er nicht eine Sekunde lang daran gedacht. »Sorry, Meli«, sagte er, »das hatte ich total vergessen. Ich bin auf jeden Fall eine Woche weg. Das ist ꞌne große Story. Meinen Eltern zuliebe hänge ich noch ein paar Tage dran. Die werden alle ziemlich durch den Wind sein. Heidi möchte ich auch besuchen.«
Meli warf ihm einen dieser bedürftigen Blicke zu, die er bis zum Abwinken kannte, kuschelte sich kurz in seine Arme und sagte dann: »Ich muss mich beeilen. Pass auf dich auf.« Weg war sie.
Routiniert packte er seinen Koffer. Dann verließ er die Wohnung. Er nahm ein Taxi zum Südkreuz. Zügiger als erwartet, langte er am Bahnhof an, sodass ihm genügend Zeit blieb, noch einen Kaffee zu trinken.
Dabei fiel sein Blick auf eine rote Wand, die ein Banner trug. PARIS MOSKAU MAILAND MEXICO CITY MIAMI ZÜRICH SHANGHAI AMSTERDAM SANTIAGO WIEN PRAG DUBAI BUDAPEST BRÜSSEL MADRID KÖLN BERLIN SAN FRANCISCO JAKARTA, las Lars. Er sah sich mehreren attraktiven Menschen ausgesetzt, die dieses riesige Plakat schmückten, und so wie er Kaffee tranken. So sieht also die Zukunft derglobalen Gemeinschaft aus, ging ihm durch den Kopf: Identität, die durch den Konsum von bestimmten Produkten entstehtund längst verloreneMentalitäten beschwört. Für einen winzigen Moment hatte er das Gefühl, sich in einem Traum zu bewegen. Gab es die Realität überhaupt noch oder hatte die Fiktion sie längst absorbiert. Der starke Kaffee holte ihn zurück. Es wurde Zeit, aufzustehen und sich härteren Tatsachen zu stellen als der Kaffee trinkenden Community.
Der Bahnsteig war zugig, der Zug voller, als es ihm behagte. Er musste mit einem Mittelplatz vorlieb nehmen, noch dazu in einem Abteil. Der Platz ihm gegenüber blieb glücklicherweise unbesetzt, sodass er wenigstens seine Beine ausstrecken konnte. Der Zug war kaum aus dem Bahnhof gerollt, da drehte sich das Gespräch der vier anderen Anwesenden, es waren drei Männer und eine Frau, um die Finanzkrise, die weltweit für Turbulenzen sorgte. Die Pleite der Lehman Brothers Bank, die sich am 15. September 2008 aus der Finanzwelt verabschiedete, hatte eine Krise zur Folge, wie man sie bis dahin noch nicht kannte. Lars sah sich von einem hitzigen Gespräch umrundet und packte seinen Laptop deshalb erst gar nicht aus. Der geniale Schlusssatz des Spiegelartikels, den er gestern zu diesem Thema gelesen hatte, fiel ihm ein. Als ein Perpetuum mobile fortschrittlicher Selbstzerstörung bezeichnete der Kollege den Zustand der Welt. Lars hielt das für zutreffend, bezweifelte aber, dass es sich lohnte, darüber nachzudenken. Die Welt war, wie sie war. Wer sie retten wollte, hatte längst verloren. Er zog eine Packung Nüsse aus der Tasche, begann zu knuspern und ließ seine Gedanken in eine andere Richtung schweifen, während sich die Leute um ihn herum die Köpfe heiß redeten.
Meli betrat ein asiatisches Geschäft in der Kantstraße, das sie gut kannte. Der Laden bot eine Riesenauswahl an allen möglichen und unmöglichen Dinge – Lebensmittel ebenso wie Accessoires, Kleidung, Möbel und allerlei asiatischen Krimskrams. Sogar künstliche Blumen gab es. Sie war auf der Suche nach einem Geschenk für eine Kollegin und hoffte, es hier zu finden. Ihr Dienst begann erst um 14 Uhr, was sie Lars aber verschwiegen hatte. Er neigte zu sarkastischen Bemerkungen, wenn es um Dinge ging, die er für banal hielt. Die coole Rasanz und die spöttische Ruhelosigkeit, die er an den Tag legte, nervten sie in letzter Zeit. Wenn er seine Termine im Kopf hatte, war er oft unausstehlich und äußerte sich über das, was sie bewegte oder vorhatte, abfällig. Am schlimmsten jedoch war, dass seine Zärtlichkeit immer mehr nachließ, was vermutlich mit seiner Lebensführung zu tun hatte.
Neulich hatte sie sogar Präservative in seinem Koffer entdeckt. Als sie ihn geschockt zur Rede stellte, fiel seine Antwort ziemlich lapidar aus. »Das ist meine Lebensversicherung«, behauptete er und klang dabei so, als ob sie ihm auch noch dankbar dafür sein müsse, dass er sich vorsorglich mit Betrugsmaterial eindeckte. Sie geriet völlig aus der Fassung und tobte. Lars versuchte, sie zu beschwichtigen, indem er sie an sich zog und grinsend von sich gab: »Komm schon, Meli, nimm das nicht so ernst. Da ist niemand, der dir ernsthaft Konkurrenz macht. Wir sind doch beide erwachsen und keine Spießer. Das ist ohne Belang für dich und mich. Sie war perplex und wusste im ersten Moment nicht, was sie erwidern sollte. Als es ihr endlich einfiel, war Lars bereits unterwegs zu einem Termin. Seine Worte jedoch standen im Raum und füllten das Vakuum, das längst zu einem Teil ihrer Beziehung geworden war. Sie erwartete, dass er den Fauxpas bereinigen und durch irgendetwas gutmachen würde, aber er dachte nicht im Traum daran, sondern verhielt sich so, als ob nichts geschehen wäre. Das versetzte ihr einen kolossalen Dämpfer. Angeheizt durch die alltäglichen Ärgernisse, geriet ihre Beziehung in eine Schieflage von ungeheurem Ausmaß, ohne dass groß darüber geredet wurde.
Manchmal fragte sie sich, wann die ganze Misere überhaupt begonnen hatte, kam aber zu keinem Schluss. Sie wusste nur eins – es war nicht immer so gewesen. Schmerzlich wurde ihr bewusst, welchen Verlust das bedeutete, und dann hasste sie Lars dafür. Und sie sehnte sich nach einem Menschen, der ihr diese verlorenen Gefühle ersetzte.
Sie hatte ein Geschenk gefunden, bezahlte und verließ das Geschäft. Die Kantstraße war belebt wie eh und je. Das brachte sie auf andere Gedanken. Die Frustrationen durch ihren gleichgültigen Göttergatten konnten ihr gestohlen bleiben. Sie beschloss, sich etwas Gutes zu gönnen. Pragmatismus war angesagt. Sie durfte dem Kummer keinen Raum einräumen, sonst machte er es sich gemütlich und verdarb ihr das ganze Leben. Ihre Stimmung hob sich. Ausschlaggebend dafür war die Kantstraße. Sie vermittelte Meli stets das Gefühl, sich in der freiesten Stadt Deutschlands aufzuhalten. Hätte es sich um den Bahnhof Zoo oder um den Alexanderplatz gehandelt, hätte sie mit Sicherheit anders gefühlt, aber sie befand sich auf der Kantstraße. Diese Straße war immer eine Sünde wert.
Munter setzte sie einen Fuß vor den anderen und entschied, das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinauszuwerfen. Das würde Lars zwar nicht gefallen, aber es geschah ihm ganz recht. Sie musste daran denken, wie laut er heute Morgen gepfiffen und sie damit aus dem Schlaf gerissen hatte. Eine zärtliche Geste von ihm hätte geholfen, sie zu versöhnen, aber wie immer hatte er es eilig gehabt, ging nun seinen eigenen Vorhaben nach, und hatte sie mit Gewissheit längst aus seinem Bewusstsein verbannt. Vielleicht vögelte er im Zug sogar gerade eine andere.
Entschlossen ging sie auf eines der vielen asiatischen Restaurants in der Kantstraße zu, um ein leckeres Mittagsmenü zu verspeisen. Dabei ließ sie ihren Blick schweifen. Heute war ihr jedes Vergnügen recht. Der springende Punkt näherte sich in Form eines Kleinwagens, der flott eingeparkt wurde, als sie sich eben an einen freien Tisch an der Fensterfront setzte.
