Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Das Leben ist gefährlich - das denkt zumindest Lauren Anderson, die seit Jahren unter Panikattacken leidet. Als ihr Arzt ihr dringend dazu rät, mehr Zeit außer Haus zu verbringen, ist sie davon wenig begeistert. Schließlich ist ihr Haus in Portobello der einzige Ort, wo sie sich einigermaßen sicher fühlt. Doch dann taucht unerwartet die rebellische 15-jährige Charlotte bei ihr auf, die bei ihr wohnen und auf die Schule gehen soll. Der Teenager wirbelt Laurens Leben ganz schön durcheinander. Kein Wunder also, wenn ihr Herz da ab und zu aus dem Rhythmus kommt. Oder liegt das mehr an dem charmanten Barkeeper Kieran MacLaughlin, der anscheinend immer dann da ist, wenn Lauren Panik bekommt?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 706
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Tara McKay
Herzstolpern
Portobello Love Story
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Tara McKay
Lauren
Charlotte
Lauren
Charlotte
Lauren
Charlotte
Lauren
Charlotte
Lauren
Charlotte
Lauren
Charlotte
Lauren
Charlotte
Lauren
Charlotte
Lauren
Charlotte
Lauren
Charlotte
Lauren
Charlotte
Lauren
Charlotte
Lauren
Charlotte
Lauren
Charlotte
Lauren
Charlotte
Lauren
Charlotte
Lauren
Charlotte
Lauren
Charlotte
Lauren
Charlotte
Lauren
Außerdem von Tara McKay erhältlich
Impressum neobooks
Über die Autorin:
Tara McKay liebt Edinburgh, Chick-Lit-Romane, einen Spaziergang am Strand von Portobello mit ihren Hunden und das ganz normale alltägliche Chaos in ihrer Familie. Außerdem ist sie eine wenig begnadete Bäckerin, die zum Ausgleich dafür – zur Freude von Mann und Tochter – gut kochen kann.
TARA MCKAY
Herzstolpern
Portobello Love Story
Roman
1.Auflage
Deutsche Erstveröffentlichung
Copyright © by Kate-O’Connor-Books
Cover: Oliviaprodesign
Alle Rechte, einschließlich das, des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Sämtliche Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
„Seelen begegnen einander nie zufällig.“ (Neale Donald Walsch)
Für alle Angsthasen der Welt,
aber ganz besonders für „meine“,
denen ich im richtigen Augenblick begegnet bin.
„Sie müssen sich eine Aktivität außer Haus suchen.“
Dr. Walker sieht mich über den Rand seiner schwarzgeränderten Brille streng an. Ich sitze auf einem roten IKEA-Sessel vor ihm und starre wie hypnotisiert auf sein dichtes gewelltes Haar, das er mit irgendetwas sorgfältig zurückgekämmt hat.
„Benützen Sie Pomade?“, frage ich ehrlich interessiert, völlig ignorierend, was er zu mir gesagt hat.
„Bitte?“ Leicht konsterniert sieht er mich an.
„Ob Sie… Ach, vergessen Sie’s…“ Ein wenig zu spät erkenne ich, dass die Frage völlig unpassend ist. Und gibt es so etwas wie Pomade überhaupt noch?
Dr. Walker räuspert sich, setzt wieder eine ernste Miene auf und beugt sich weit vor, als wolle er gleich über den Schreibtisch klettern.
„Sie igeln sich zu sehr ein“, fährt er mit dem ursprünglichen Thema fort. Er spricht in einer altväterlichen Art zu mir, die nicht zu seinem nur leicht ergrauten Haaransatz und dem sonnengebräunten Gesicht eines wohlhabenden Mannes Mitte vierzig passt, der vermutlich jedes Sommerwochenende auf seiner Yacht im Royal Forth Yacht Club von Granton verbringt.
„Ich bin krank“, gebe ich fast schon panisch zurück.
Das Letzte was ich will, ist, mir eine ‚Aktivität außer Haus‘ zu suchen.
„Das sind Sie nicht“, protestiert Dr. Walker leicht tadelnd. „Sie bilden sich ein, krank zu sein. Das ist ein meilenweiter Unterschied.“
„Ich habe Probleme zu atmen.“ Ich atme probeweise ein und aus. Es fällt mir schwer, die Luft tief in die Lungen zu ziehen.
„Machen Sie die Übung, die ich Ihnen gezeigt habe?“, fragt mein Gegenüber und zieht eine seiner dunklen Augenbrauen hoch.
„Ich zähle bis vier beim Einatmen und mindestens bis sechs beim Ausatmen.“
„Machen Sie das immer, wenn Sie rausgehen?“
Ich spiele verlegen an meinem silbernen Armband herum. Ich gehe nicht gerne raus und Dr. Walker weiß das auch. Genaugenommen unternehme ich nur die Wege, die absolut nötig sind. Allein hier zu sitzen, kostet mich eine Menge Kraft und das einzige, was mich von einer aufsteigenden Panikattacke ablenkt, ist, das Haar des Arztes zu betrachten und zu überlegen, welcher Person in meinem neuen Roman ich einen so vollen, prächtigen Haarschopf zuschreiben soll.
„Ich gehe nicht oft raus“, gebe ich schließlich zähneknirschend zu.
„Genau das meinte ich. Sie müssen sich eine Aktivität außer Haus suchen. Sie haben es nicht nötig rauszugehen, da Sie von zu Hause aus arbeiten. Dabei wäre es gerade für Sie so wichtig zu erleben, dass die Außenwelt nicht gefährlich ist. Kaufen Sie wenigstens selbstständig ein?“
„Ähm…ja…sicher…“, lüge ich eine Spur zu schnell und denke, wie praktisch es doch ist, dass der Supermarkt drei Straßen weiter einen Lieferservice anbietet.
Ein schmalbrüstiger, pickliger Teenager mit flammend roten Locken, der sich nach der Schule etwas dazuverdienen möchte, bringt mir alles, was ich bestelle. Das Internet macht’s möglich. Und genaugenommen kaufe ich selbständig ein, nur eben nicht außer Haus.
Dr. Walker zieht eine Augenbraue fragend hoch.
„Wann verlassen Sie sonst noch das Haus?“
„Ich gehe zu Terminen mit meiner Lektorin.“
Mehr fällt mir beim besten Willen nicht ein. Natürlich hätte ich lügen und irgendwelche Restaurantbesuche mit Freunden erfinden können, die nie stattgefunden haben. Nicht umsonst habe ich eine blühende Fantasie. Aber irgendwie kommt es mir nicht richtig vor, meinen Hausarzt zu belügen. Schon die Sache mit dem Einkauf macht mich nervös und ich frage mich, ob er mich nicht durchschaut. Vermutlich schon.
„Kontakte zu Freunden?“, fragt er auch prompt.
„Ich habe eine Freundin, die mich regelmäßig besucht.“
Selbst in meinen Ohren klingt das ziemlich armselig und ich schrumpfe in meinem roten Sessel förmlich zusammen.
„Haben Sie weitere Freunde? Besuchen Sie diese?“
„Ist das nicht ein wenig zu persönlich?“
„Ich denke nicht, wenn ich Ihnen helfen soll.“
„Vielleicht sollten Sie meine Lunge genauer untersuchen. Ich denke, ich muss zu einem Spezialisten.“
„Das ist nicht nötig, Miss Anderson.“
Dr. Walker steht auf und umrundet seinen Schreibtisch, bis er bei meinem Sessel ankommt. Er legt mir seine große Hand, auf deren Rücken ein paar schwarze Härchen sprießen, in einer vertraulichen Geste auf die Schulter.
„Sie sind gesund. Das einzige was Ihnen fehlt, sind soziale Kontakte. Sie leiden unter Panikattacken, sobald Sie das Haus verlassen und es gibt nur eine Möglichkeit, die Angst zu bekämpfen: Sie müssen rausgehen und sich dem stellen, was Sie nervös macht.“
Das Atmen fällt mir plötzlich noch schwerer, wenn ich nur daran denke, mich länger als nötig außerhalb meines Hauses aufzuhalten.
„Das geht nicht.“, presse ich hervor und stehe auf.
Ich will jetzt nur noch hier raus. Die Wände erscheinen mir zu eng, es ist heiß im Raum und ich zupfe nervös am Ausschnitt meines H&M-Oberteils herum, das ich im Internetshop günstig ergattert habe.
„Miss Anderson, Sie wollen doch irgendwann am Leben wieder teilnehmen.“ Dr. Walker sieht mich eindringlich an. „Bitte nehmen Sie sich meinen Rat zu Herzen. Und suchen Sie sich einen Therapeuten. Ich habe ihnen doch schon vor Monaten ein paar Adressen mitgegeben.“
„Natürlich“, verspreche ich halbherzig.
An dem skeptischen Blick, den er mir zuwirft, sehe ich, dass er mir nicht glaubt. Kein Wunder. Ich glaube mir nicht mal selbst und ich bin ziemlich gut darin, mich zu belügen.
Eilig nehme ich meine Tasche vom Boden auf, drücke Dr. Walker die Hand und lächle ihm so gut es geht zu. Dann fliehe ich förmlich aus der Praxis.
Auf der Straße angekommen atme ich so tief als möglich ein und sehe mich um, als wäre ich noch nie hier gewesen. Der Weg nach Hause ist nicht weit, dennoch bedeutet er für mich eine Herausforderung. Es ist ein ziemlich heißer Tag für schottische Verhältnisse.
„Gott, ich hasse Sonne.“, schimpfe ich leise vor mich hin, presse meine riesige schwarze Handtasche an mich und wappne mich. Das Sonnenlicht sucht sich einen Weg durch die kleinen Reihenhäuser von Portobello, sodass es kaum möglich ist im Schatten zu laufen. Grell fällt es auf die helle Sandsteinfassade von Dr. Walkers Haus. Sorgsam versuche ich die Umgebung auszublenden und nur ans Zählen zu denken, dann marschiere ich mit gestrafftem Rücken los.
1,2,3,4 – einatmen
1,2,3,4,5,6 – ausatmen
Es klappt für eine Weile, ganz so, wie ich es gewohnt bin, doch bereits an der nächsten Straßenbiegung nimmt mir die Angst so sehr die Luft zum Atmen, dass ich nur noch mühsam beim Ausatmen bis vier komme. Mein ganzer Körper beginnt zu kribbeln und ich beschleunige meine Schritte. Ein fataler Fehler, wie ich weiß, denn dadurch fällt mir das gleichmäßige Atmen nur noch schwerer. Doch das einzige, was ich jetzt wirklich will, ist, möglichst schnell wieder in meinen vier Wänden sein. Meine strassbesetzten FlipFlops klatschen laut auf den Boden, mit jedem Schritt den ich mache.
Ich renne schon fast, als ich in die Brunstane Road einbiege, wo ich von weitem mein Häuschen sehen kann. Menschen gehen an mir vorbei, die an diesem schönen Tag auf dem Weg zum Strand sind und ich habe das Gefühl, als würden sie mich anstarren. Als stünde auf meiner Stirn: Ich habe gerade eine Panikattacke.
Wenigstens stirbst du nicht allein, denke ich und haste weiter. Jeden Moment wird mir die Luft ausgehen, da bin ich ganz sicher. Was danach kommt, weiß ich genau. Ich werde nicht sterben, soviel ist klar, wenngleich ich das gerne mal ausblende.
Vor meinem Haus angekommen, suche ich mit zittrigen Fingern die Schlüssel. Nachdem ich durch das schmiedeeiserne Gartentor geschlüpft bin, schaffe ich es gerade noch die Tür aufzuschließen und lasse mich dann ermattet auf den riesigen Ohrensessel sinken, der in der Garderobe steht. Meine Hände beginnen taub zu werden, es kribbelt bis in die Arme hinauf und mein Kopf fühlt sich an, als sei er voller Watte. Doch jetzt bin ich endlich zu Hause, der Atem strömt wieder völlig gleichförmig in meine Lungenflügel und wieder hinaus.
Geschafft!
Die Symptome ebben diesmal schnell ab. Meine Finger entkrampfen sich, das Kribbeln in meinen Armen lässt nach und verschwindet schließlich ganz. Ich bin in meinem sicheren Hafen angekommen.
Noch ein wenig wackelig auf den Beinen stemme ich mich aus dem rosa geblümten Chintzsessel hoch und hebe meinen Schlüsselbund auf, der in aller Eile nicht auf dem dafür vorgesehenen weißlackierten Holztischchen gelandet ist, sondern auf dem abgewetzten lindgrünen Teppich, mit dem sowohl der Flur, als auch die Treppe nach oben ausgelegt sind.
Ich sollte ihn austauschen.
Nicht zum ersten Mal denke ich über die Renovierung des kleinen Reihenhäuschens in Portobello nach, das ich von meiner Patentante Mhairi geerbt habe. Die Teppiche und Böden sind alt und abgewohnt und befinden sich hier im Haus seit ich denken kann – und vermutlich noch viel länger. Eine Renovierung kommt jedoch nicht in Frage, alles erinnert mich hier an glückliche Tage mit meiner Großtante. Erinnerungen, die ich gerade jetzt nicht aufgeben kann, wo ich das Gefühl habe, dass es mir jeden Tag schlechter geht. Auch wenn ich das nur ungern zugebe.
Das Telefon klingelt und reißt mich aus meinen Gedanken. Da ich die schlechte Angewohnheit habe, es überall liegen zu lassen, ist es meist unauffindbar oder der Akku leer. Das Klingeln kommt aus dem Wohnzimmer, wo ich es schließlich unter einem dicken Sofakissen finde.
„Ja?“, frage ich misstrauisch, als ich auf den Knopf mit dem Hörer drücke. Meist sind es Anrufe von einer Telefongesellschaft, die mir unbedingt ihre günstigen Tarife andrehen will. Für derartige Gespräche habe ich keinen Nerv.
„Liebes, wie war es beim Arzt?“ Meine Mutter schreit in den Hörer, als wäre sie tausende von Meilen entfernt auf dem Kontinent und nicht im selben Land wie ich.
„Gut“, antworte ich wortkarg und könnte mich in den Hintern beißen, dass ich ihr von meinem Verdacht, etwas könne mit meiner Lunge nicht in Ordnung sein, erzählt habe.
„Wie, gut? Hast du nun etwas oder nicht?“
Die Antwort ‚gut‘ sollte ihr eigentlich sagen, dass ich an keiner lebensbedrohlichen Krankheit leide, das versteht doch nun wirklich jeder. Nicht so meine Mutter. Sie ist Meisterin darin, nicht zu verstehen, was ihre Umgebung ihr sagen will oder Dinge falsch zu interpretieren. Was wohl der Grund dafür ist, dass keiner ihrer Geschwister noch mit ihr spricht. Das oder dass sie mit Vorliebe über jeden herzieht, egal ob er ihr nahesteht oder nicht.
„Nein, ich habe nichts.“ Zumindest nichts, was ich nicht wüsste.
Meine Mutter zieht die Luft laut ein. Ein äußerst missbilligendes Geräusch.
„Du bist ein ebensolcher Hydrodingsda wie dein Vater.“
„Hypochonder“, verbessere ich sie genervt.
Ich versuche nicht mal, meiner Stimme einen freundlicheren Klang zu geben. Danach ist mir nun wirklich nicht zumute. Die letzte Panikattacke hat zwar nicht lange angedauert, aber mich nichtsdestotrotz ziemlich ausgelaugt.
„Sag ich doch.“ Ich sehe förmlich vor mir, wie sie beleidigt das Gesicht verzieht.
„Ich bin kein Hypochonder, Ma.“
Sie besteht schon seit ich klein bin darauf, dass ich sie ‚Ma‘ nenne und sieht sich gerne als Mutter aus der Serie ‚Die kleine Farm‘. Nun gut, sie ist blond und kümmert sich gerne um ihre Familie, aber da hört die Ähnlichkeit auch schon auf.
„Wenn du sagst, dass dir etwas fehlt und dann ist es doch wieder ein Fehlalarm, dann bist du eben das. Dein Vater stirbt auch bereits seit Jahren und ist immer noch da.“
„Wie geht es Da?“, versuche ich das Gespräch in andere Bahnen zu lenken. Mein Vater hat sich standhaft geweigert, dass ich ihn ‚Pa‘ nennen soll, weil er Mas Vorliebe für amerikanische Serien und Filme nicht teilt. Das etwas altmodische, schottische ‚Da‘ hat sich als Kompromiss durchgesetzt.
„Er rechnet stündlich mit einem Herzinfarkt, aber ansonsten ist alles in Ordnung. Ich habe ihn dazu verdonnert, den Rasen zu mähen.“
Ich sehe meine Vater förmlich vor mir, wie er in seinen khakifarbenen Shorts und einem seiner unvermeidlichen Polohemden, den Schlapphut gegen die Sonne tief ins Gesicht gezogen, über den Rasen trabt und seinen uralten roten Rasenmäher vor sich herschiebt. Sein Traum ist so ein Ding, auf das man sich draufsetzen kann, aber da er damit in dem kleinen Quadrat, das zu dem Reihenhäuschen meiner Eltern gehört, gerade einmal hin und zurück fahren könnte, wird er den wohl nie bekommen. Eine Welle der Zärtlichkeit überkommt mich und das überwältigende Gefühl, nach Hause fahren zu wollen.
„Sag ihm liebe Grüße, Ma“, sage ich stattdessen. „Ich muss jetzt noch zur Arbeit.“
Bevor meine Mutter noch weitere Fragen stellen kann – und das würde sie mit Sicherheit gerne tun, man muss bei ihr ziemlich auf der Hut sein -, lege ich rasch auf. Dann bleibe ich auf dem Sofa sitzen, als wäre ich dort festgetackert.
Ich muss jetzt noch zur Arbeit…
Eine ziemlich dreiste Lüge, angesichts der Lage. Denn was meine Eltern nicht wissen: vor über einem Jahr habe ich meinen sicheren und gar nicht so schlecht bezahlten Job als Lehrerin an der Portobello High School gekündigt und verdiene meinen Lebensunterhalt als Schriftstellerin. Das klingt nun wirklich nicht so schlimm, dass man es vor seinen Eltern geheim halten müsste. Es sei denn…
„Es sei denn, man kann nicht mehr arbeiten gehen und hat glücklicherweise ein Hobby, das recht erträglich ist und ein Haus, für das man weder Miete, noch eine Hypothek zahlen muss.“
Ich stöhne auf und raufe mir die roten Locken, während ich in der Küche an dem kleinen Tisch aus Kiefernholz sitze und warte, dass Izzy mit dem Tee fertig wird, den sie gerade aufbrüht.
„Wann willst du es ihnen denn endlich sagen?“, fragt meine beste Freundin und stellt einen dampfenden Becher vor mich hin.
Der Duft von Kamillenblüten steigt mir in die Nase und ich atme tief ein und aus.
„Nie.“, antworte ich wahrheitsgemäß.
„Das kannst du nicht machen!“
„Kann ich nicht? Du siehst doch, wie gut das geht.“
„Irgendwann werden sie es merken.“
„Was? Dass ich nicht mehr in der Schule arbeite? Ich wüsste nicht, wie sie es erfahren sollten.“
„Das meine ich nicht.“
Izzys Stimme klingt ungeduldig und versetzt mich in einen Zustand permanenter Anspannung. Meine Handflächen beginnen feucht zu werden und mein Herz klopft etwas heftiger als noch kurz zuvor.
Natürlich weiß ich, was sie mir sagen will - und was sie mir mit Sicherheit mit der schonungslosen Offenheit einer besten Freundin an den Kopf schleudern wird. Fast bedauere ich, dass ich sie nach meinem Telefonat mit Ma angerufen habe, um sie für heute einzuladen.
„Dein Radius wird immer kleiner, Lauren.“
„Das ist nicht wahr“, protestiere ich schwach, will hinzufügen, dass sich mein Zustand seit meinem großen Zusammenbruch vor etwas über einem Jahr nicht verändert hat. Aber es wäre eine Lüge und tief in mir drinnen weiß ich das auch. Vor einem Jahr bin ich noch einkaufen gegangen. Nicht gerne und nicht oft und am Liebsten auch nicht alleine. Aber ich bin gegangen.
„Wohin gehst du, außer zum Arzt?“
Mist! Mit dem Zusatz ist sie meiner Antwort zuvor gekommen. Außerdem habe ich irgendwie das Gefühl, als hätte ich ein Déja-vu. Nur mit Izzy als Großinquisitor statt Dr. Walker.
„Ich fahre ab und an zu dir.“
Izzy schüttelt den Kopf mit dem glatten blonden Haarschopf und ahmt das Geräusch eines Buzzers nach, wie bei dieser Castingshow, an deren Namen ich mich nicht erinnern kann.
„Du warst schon ewig nicht mehr bei mir, denn dazu müsstest du ja Bus und Bahn fahren oder in dein Auto steigen.“
„Ich fahre Auto!“ Triumphierend hebe ich den Zeigefinger in die Luft. „Ich bin regelmäßig bei Heather im Büro.“
Zufrieden sehe ich Izzy an, muss aber feststellen, dass sie wieder nur den Kopf schüttelt.
„Du triffst Heather nur, wenn es sich per Email nicht erledigen lässt. Was äußerst selten der Fall ist. Wann hast du sie das letzte Mal gesehen?“
Ich muss nachdenken, was ja tendenziell eher schlecht ist. Es kann sein, dass es ein Weilchen her ist, da ich bei meiner Lektorin war. Genaugenommen drei Monate, als mein neuestes Buch fertiggestellt war und sie mit mir Vorschläge für das Cover durchgehen wollte. Außerdem ist mein Verlag in Leith, was bedeutet, dass ich nicht weit fahren muss. Schweiß rinnt mir den Rücken hinab, als ich daran denke, wie ich vor gut drei Monaten das letzte Mal in meinen Vauxhall Corsa gestiegen bin und mein Atem beschleunigt sich allein bei der Vorstellung, es wieder tun zu müssen.
Ich knabbere verlegen an meiner Unterlippe herum und sage gar nichts.
„Bis nach Leith ist es ja nicht allzu weit. Aber wann warst du das letzte Mal bei mir in North Berwick?“
„Warum musstest du mit Rory auch so weit weg ziehen?“, antworte ich mit einer Gegenfrage, dabei ziehe ich einen Schmollmund.
„So weit ist eine Autofahrt von einer Stunde nun wirklich nicht. Aber darum geht es doch auch gar nicht. Dieses Haus ist wie ein Gefängnis, Lauren. Zugegeben, ein recht nettes Gefängnis. Aber du kannst nicht dein ganzes Leben nur hier verbringen.“
„Ich weiß“, flüstere ich leise und umfasse meinen heißen Becher mit beiden Händen, als könne ich mich an der trostspendenden Wärme festhalten. „Ich war heute bei Dr. Walker.“
Izzy ist wenig überrascht. Schließlich gehören die Besuche bei Dr. Walker zu meiner Routine und Izzy, als meine beste Freundin – und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, meine einzige noch verbliebene – kennt mich sehr genau.
„Lass mich raten… Er hat dir zum wiederholten Male bestätigt, dass du kerngesund bist und nichts weiter getan.“
Ich grummele irgendwas zwischen Zustimmung und Verneinung und senke den Kopf, um an meinem Tee zu schnuppern. Er riecht irgendwie tröstlich.
„Wie oft soll er dir noch sagen, dass du nichts hast?“ Izzy beugt sich über den abgenutzten Holztisch zu mir hinüber und legt ihre Hand auf meine. „Dir fehlt nichts.“
Ich blicke zu ihr auf, weiß nicht so genau, was ich empfinden soll. Einerseits steigt Wut wie ein roter Feuerball in mir hoch. Ob auf Izzy oder auf mich selbst kann ich nicht so genau sagen. Andererseits will ich gerne an ihrer Aussage herumkritisieren, aber mir ist selbst klar, dass sie Recht hat. Also überwiegt das bleierne Gefühl der Trauer, das mich so oft umgibt, wenn ich darüber nachdenke, wie ich seit nun fast einem Jahr lebe und es breitet sich rasend schnell in meinem Körper aus und legt sich auf meinen Brustkorb, der sich plötzlich seltsam schwer anfühlt und ich merke kaum, wie mir Tränen in die Augen treten.
„Lass uns rausgehen“, bettelt Izzy wenig später, während ich mir geräuschvoll die Nase putze.
Vermutlich ist sie leuchtend rot von meinen wiederholten Bemühungen, sie endlich wieder frei zu bekommen. Was ich am Heulen am Meisten hasse, ist nicht, dass meine Nase nicht mehr hübsch aussieht, denn das tut dieser Zinken ähnlich einer Skiabschussrampe ohnehin in meinen Augen nie, sondern dass sie so schrecklich verstopft ist, dass ich gezwungenermaßen durch den Mund atmen muss. Und zwar nur durch den Mund.
In der dritten Klasse hat uns unser Klassenlehrer, Mr. MacGillivray, erklärt, dass das Herz doppelt so viel arbeiten muss, wenn man durch den Mund einatmet und man es dadurch dauerhaft schädigt. Ich habe nur sehr wenig behalten, was dieser Mann mir beigebracht hat, denn ich konnte ihn nicht besonders leiden, aber genau das habe ich mir gemerkt und obwohl ich mir nie die Mühe gemacht habe, nachzulesen, ob er Recht hatte, schiebe ich jetzt immer Panik, wenn ich nur durch den Mund atmen kann. Dass die Schleimhäute durch das wiederholte Schnäuzen nur weiter gereizt werden, ignoriere ich komplett.
„Ich kann nicht“, antworte ich mit näselnder Stimme.
Izzy zieht einen Schmollmund, der jeden Mann um den Verstand bringen würde. Einen guten Mann hat sie sich damit schon eingefangen: ihren Ehemann Rory. Das könnte aber auch daran liegen, dass sie insgesamt einfach umwerfend aussieht und dazu noch unkompliziert und nett ist – eine seltene Kombination.
„Natürlich kannst du das. Komm, wir gehen was trinken.“
„Rory wird dich vermissen“, protestiere ich schwach, woraufhin Izzy nur lacht.
„Der ist heute bei seinen Eltern, und ich bin heilfroh, wenn ich nicht mitkommen muss. Es reicht schon, wenn sie ihn um den Verstand bringen, ich will meinen noch behalten.“
Ich bringe ein schwaches Grinsen zustande.
„Vermutlich sehe ich nicht präsentabel aus.“
Izzy zuckt mit den Schultern.
„Die Ausrede gilt nicht, dagegen kannst du nämlich was tun.“
Ich blase die Backen auf und lasse geräuschvoll die Luft entweichen. Die Vorstellung in ein Pub zu gehen ist nicht gerade verlockend und lässt meine Handflächen bereits wieder feucht werden. Schlechte Luft, viele Menschen, Alkohol…
„Bitte!“, bettelt Izzy mit ihrem besten Dackelblick. „Wir könnten doch nur auf einen Sprung ins Piratenpub gehen.“
Das Piratenpub heißt eigentlich The Dalriada, aber mit Sicherheit sind Izzy und ich nicht die einzigen, die es nach ihrem Eyecatcher benennen. Es liegt am Strand von Portobello und eine riesige Piratenfigur steht an der Eingangstür. Wäre es Jack Sparrow, würde ich sie eines Nachts heimlich klauen und mit nach Hause schleppen, auch wenn das ein ziemlich schweres Unterfangen wäre.
Ich nage ein wenig ratlos an meiner Unterlippe, während sich die gewohnte Unruhe in meinem Körper ausbreitet. Was mich dann doch dazu bewegt, zustimmend zu nicken, ist die Tatsache, dass wir nicht allzu weit dorthin laufen müssen, sodass ich jederzeit wieder in meine Höhle zurückkriechen kann. Außerdem ist es immer noch warm draußen, obwohl es bereits Abend ist, und wir können in dem kleinen Vorgarten mit Blick auf den Strand sitzen und dort unsere Getränke zu uns nehmen.
Rasch gehe ich nach oben, um mich ein wenig herzurichten. Im Hinaufgehen höre ich noch, wie Izzy bei Rory anruft und sich für diesen Abend entschuldigt. Ich grinse in mich hinein. Ein Abend mit ihrer komplizierten Freundin scheint immer noch besser zu sein, als Essen mit den nervtötenden Schwiegereltern, die ständig nach Nachwuchs fragen und entsprechend enttäuscht sind, wenn es in der Hinsicht nichts zu vermelden gibt.
Ein Blick in den Spiegel zeigt mir mehr als deutlich, dass eine umfassende Renovierung meines Äußeren nötig ist. Mein Outfit wird schnell mit ein paar blütenförmigen Ohrringen und einer mit kleinen Perlchen besetzten Kette von Accessorize aufgepimpt, die zu dem schlichten rosa Jerseytop passen, das ich zur grauen Jeans trage. Ein Blick auf meine FlipFlops mit den silbernen Strasssteinchen bestätigt mir, dass hier kein Handlungsbedarf ist.
Schnell schlüpfe ich ins Bad, benetze meine gerötete Haut mit eiskaltem Wasser und genieße die wohltuende Kühle im Gesicht. Wenn ich nicht außer Haus müsste, würde ich mich jetzt pudelwohl fühlen und mich vielleicht, trotz der Hitze, die mir immer Angst macht, auf meine kleine Terrasse setzen. Doch da ich weiß, dass ich bald meine vermeintlich schützende Umgebung verlassen werde, bricht mir schier der Schweiß aus. Vor meinen Augen beginnt mein Gesicht im Spiegel zu verschwimmen, in meinem Kopf dreht sich alles.
Haltsuchend stütze ich mich am Waschbecken ab und taste mich dann zum Badewannenrand, auf dem ich mich niederlasse. Kühl und glatt schmiegt er sich an meine Handflächen. Gerne würde ich jetzt hier einfach sitzenbleiben, bis es Zeit ist, um ins Bett zu gehen. Manchmal verharre ich stundenlang in einer Position, weil ich mich nicht traue sie zu verlassen, bis mich unendliche Müdigkeit überkommt und ich nur noch ins Bett wanken muss, wo ich dann mit viel Glück durchschlafen kann.
Doch dieses Mal weiß ich, dass Izzy unten auf mich wartet. Dass sie heraufkommen und mich holen wird, wenn ich nicht von alleine komme. Und aus irgendeinem Grund will ich mir plötzlich selbst beweisen, dass ich es schaffen kann, wenigstens die wenigen hundert Meter bis zum Pub zu laufen und dort mindestens ein Stündchen zu verweilen. Also stemme ich mich hoch, blicke mein Spiegelbild grimmig an und mache mich daran, mich sorgfältig zu schminken.
Auf leisen Sohlen schleiche ich mich an der Wand entlang durch den Korridor des Schulgebäudes. Dabei komme ich mir fast vor wie irgendein Cop aus einem Actionreißer. Tendenziell Filme, die mich weniger interessieren, aber Mum will nicht, dass ich sie mir ansehe, was mich dann irgendwie immer dazu reizt es doch zu tun.
Als ich mich gerade auf die Mädchentoilette im Erdgeschoss verdrücken will, höre ich Schritte und beeile mich dermaßen, dass mein Rucksack von Eastpak lautstark gegen einen Türrahmen schwingt. Entsetzt beobachte ich, wie mein Smartphone über den Linoleumboden schlittert, während ich hoffe, dass die schwarze Hülle mit der weißen Aufschrift ‚Don’t touch my phone‘, jegliche Erschütterung abgefangen hat. Schnell haste ich dem Telefon hinterher, das vor einem Paar dunkler Lederschuhe zum Stehen kommt.
„Solltest du nicht im Unterricht sein, Charlotte Bothwell?“ Mr. Cummins, mein Erdkundelehrer, sieht mich streng an, wobei ich versuche, ein möglichst gleichgültiges Gesicht zu machen.
Eigentlich ist es mir auch völlig egal, was er jetzt denkt oder ob mein Fluchtversuch aufgedeckt wird und es irgendwelche Konsequenzen gibt. Es wäre nicht das erste Mal. Möglichst lässig ziehe ich einen Kaugummi von Wrigleys aus meiner Hosentasche, packe ihn aus und stecke ihn provokant in den Mund, dann zucke ich mit den Achseln.
„Sollte ich vielleicht.“
„Kannst du mir dann erklären, warum du hier bist und nicht in deinem Klassenzimmer?“ Sein ohnehin schon faltiges Gesicht zerfurcht sich noch mehr und beim Anblick seiner braunen Augen unter den schweren Lidern, kommt mir der Vergleich mit einem Basset in den Sinn.
Meine Großtante Jean hat einen – Sherlock. Sherlock ist der wohl dümmste Hund, den ich je in meinem Leben gesehen habe, was den Namen irgendwie grotesk macht, aber er würde fantastisch zu Mr. Cummins passen.
„Mir war nicht danach in den Unterricht zu gehen.“
Falls irgendwie möglich vertiefen sich seine Falten noch, wobei sein Blick langsam richtig ärgerlich wird.
„Und wonach war dir dann, Fräulein?“
Diese Anrede wiederum bringt mich richtig auf die Palme. Ich hasse es wenn jemand ‚Fräulein‘ auf diese herablassende Art sagt, noch schlimmer ist eigentlich nur ‚kleines Fräulein‘.
„Eigentlich wollte ich von hier verschwinden.“ Die patzige Antwort ist draußen, ehe ich mich noch zurückhalten kann.
„Das dachte ich mir fast.“
„Na, Sie sind ja ein ganz Schlauer…“
Ich kann förmlich sehen, wie Mr. Cummins anfängt kleine Rauchwölkchen aus den Nasenlöchern zu blasen, die schließlich zu einem ordentlichen Feuerstoß werden.
„SOFORT INS BÜRO DES DIREKTORS!“, faucht er mich an, was irgendwie dem Begriff ‚Bluthund‘ eine ganz andere Bedeutung gibt.
Ziemlich willenlos lasse ich mich am Arm packen und mitschleifen. Seine Finger graben sich unangenehm in die weiche Haut am Oberarm.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich ins Büro des Direktors muss, sodass ich den Weg fast im Schlaf finden würde. Genaugenommen ist es bereits das dritte Mal in diesem Monat, denn der Drang mitten am Tag einfach aus der Schule abzuhauen ist so übermächtig, dass ich ihm manchmal nicht widerstehen kann.
Auf den Korridoren ist niemand, da alle anderen im Unterricht sitzen, und so bleibt es mir wenigstens erspart, angestarrt zu werden, als wäre ich ein wildes Tier, das gerade gezähmt wird. Manchmal fühle ich mich auch so, aber das kann ich niemandem erklären. Ich wüsste auch nicht wie… In mir drin ist etwas, das mich zwingt abzuhauen, das frei sein möchte, das keinerlei Angst vor den Konsequenzen hat, wobei ich genug Erfahrung habe, um zu wissen, dass es welche geben wird. Es ist mir nur völlig gleichgültig, was mit mir passiert.
Der durch den Kaugummi süßliche Speichel rinnt meinen Hals hinunter. Ich verschlucke mich fast daran, als Mr. Cummins die Tür zum Sekretariat öffnet, um mich unsanft hineinzustoßen. Die Sekretärin empfängt mich mit dem genervten Blick, den sie auch schon die letzten zwei Male drauf hatte. Der ‚Du schon wieder‘-Blick.
Möglichst lässig lasse ich mich auf den Plastikklappstuhl fallen, der an der Wand vor ihrem Tresen steht. Was jetzt kommt, kenne ich schon zu Genüge. Ermahnungen, ein Brief an die Eltern, irgendeine harmlose Strafe wie Nachsitzen… Das Spiel beginnt mich zu langweilen.
Fassungslos hält mein Vater den Brief in den Händen, den die Schule mir mitgegeben hat.
Ich habe überlegt, ihn verschwinden zu lassen, aber das hätte keinen Sinn. Ich muss ihn schließlich unterschrieben wieder abgeben. Natürlich kann ich die Unterschrift meiner Eltern schon auswendig, aber in diesem ganz speziellen Fall hat man mir mitgeteilt, dass der gleiche Brief noch einmal per Post an meine Eltern rausgehen wird. Den ganzen Tag auf den Postboten warten, um den Brief abzufangen, könnte ich zwar; nachdem ich plötzlich so viel Freizeit habe, aber irgendwie will ich das gar nicht.
„Was hast du dir dabei gedacht?“ Der Brief in seiner Hand bebt vor Zorn.
„Ich hatte keine Lust.“
„Wie die letzten Male auch?“
Ich weiß, dass er nicht nur die zwei Male diesen Monat meint. Er meint die vielen anderen Male, die ich erwischt wurde. Er weiß nichts von den Gelegenheiten, da mich niemand bemerkt hat:
„Die Schule langweilt mich.“ Ich zucke gleichgültig die Achseln, versuche, mich besonders cool zu geben.
„Aber deswegen kannst du nicht einfach abhauen, wann immer du willst!“ Die Stimme meiner Mum ist schrill und tut mir in den Ohren weh.
„Wieso nicht?“, gebe ich mit herausforderndem Blick zurück. „Würdest du einen Job machen, der dich langweilt?“
Sie und mein Dad haben einen etwas verwirrten Ausdruck in den Augen, der mich zum Schmunzeln bringt. Ich weiß, dass meine Situation gerade nicht lustig ist, aber ich kann nicht anders. Ich habe sie einfach auf dem falschen Fuß erwischt. Wie so oft… Meine Mum geht gar nicht arbeiten, weil sie nämlich angeblich nichts findet, ‚was zu ihrem Potenzial passt‘.
„Geh in dein Zimmer, Charlotte!“
Das sagt mein Dad immer, wenn er nicht mehr weiter weiß. Dann wendet er sich mit einem Ausdruck abgrundtiefer Enttäuschung von mir ab, geht zum Kamin und starrt hinein, obwohl gar kein Feuer darin brennt. Es ist Sommer und viel zu heiß für einen Abend am Kamin.
Meine Mum misst mich von oben bis unten, dann tritt sie zu ihm. Vermutlich, um mal wieder mit ihm zu streiten.
Ich ziehe mich tiefer in die Falten meines schwarzen Hoodies zurück, während ich mich langsam davonmache. Die Treppen hinaufschreitend, lausche ich ihren Stimmen.
„Diesmal ist sie zu weit gegangen“, stößt mein Vater hervor, durch das Treppengeländer sehe ich, wie er sich durch das schwarze Haar fährt, das ich von ihm geerbt habe. Nur dass er nicht mehr ganz so viel davon auf dem Kopf hat.
„Ich weiß mir keinen Rat mehr, Brian. Wir haben doch schon so oft mit ihr gesprochen und alles was sie sagt, ist, dass die Schule sie langweilt.“
„Vielleicht wäre sie in einem Internat doch besser aufgehoben. Du weißt schon, wegen allem…“
Mein Herz beginnt aufgeregt zu flattern. Es ist nicht das erste Mal, dass sich meine Eltern darüber unterhalten, mich einfach abzuschieben. Doch ich muss mir eigentlich keine Sorgen machen, denn das können sie sich sowieso nicht leisten.
„Das ist keine Option, Brian, wie du sehr wohl weißt“, sagt meine Mum dann auch.
Ich atme erleichtert aus.
Ich habe keine Ahnung, warum ich nicht auf ein Internat will, denn hier zu Hause ist es auch unerträglich. In der Schule habe ich das Gefühl, dass ich ersticke. Ich bin nicht dumm. Ich sehe, dass es meinen Mitschülern nicht so geht. Also stimmt irgendwas nicht mit mir, das ist schon klar. Ich bezweifle aber, dass der Besuch eines Internats mir eine befriedigende Antwort geben wird.
„Herrgott, Liz! Dann bleibt uns nur noch eine Institution für schwererziehbare Kinder.“ Mit einem Ruck dreht sich Dad um, das Gesicht unendlich traurig, der Blick dennoch hart. Und ich weiß in dem Moment, es ist sein Ernst.
Plötzlich höre ich das Blut in meinen Ohren rauschen.
„Nein.“ Mums Stimme bettelt förmlich und das tut sie sonst nie bei Dad. „Ich könnte nochmal mit ihrem Klassenlehrer reden.“
Fast bin ich gewillt, hinunter zu laufen und ihnen zu sagen, dass ich mich bessern werde. Meine Füße wollen nur nicht gehorchen, denn ich weiß ganz genau, dass ich nichts versprechen kann, was ich am Ende nicht halte.
„Ich kann nicht mehr, Liz!“, schreit mein Vater sie jetzt an. „Ein Schulverweis! Weißt du, was das heißt? Nicht, dass sie Nachsitzen muss, oder mal für ein, zwei Wochen nicht kommen darf. Das heißt, dass wir uns sowieso eine scheißneue Schule suchen müssen, auf die Madame Mir-ist-so-langweilig sowieso nicht geht. Sollten wir uns da nicht langsam professionelle Hilfe suchen?“
„Das sollten wir. Das sollten wir wirklich…“ Sie spricht mit tränenerstickter Stimme. Gleich fängt sie richtig zu weinen an und Dad wird sie anschreien, dass ihr Rumgeheule auch nichts bringt. Idyllisches Familienleben eben. Ich mag es nicht, wenn sie sich meinetwegen streiten, aber das ist besser, als die Gleichgültigkeit, mit der sie sich sonst begegnen.
„Dann lass es mich endlich tun. Lass mich einen Platz für sie suchen.“
Ich setze mich auf die Treppenstufe, weil mich meine Beine nicht mehr tragen wollen. Sie fühlen sich an wie das Johannisbeergelee von Hartleys.
Ein wenig ist es wie mit einem unartigen Welpen, den seine Familie nicht mehr will, weil er einmal zu viel auf den teuren Perserteppich gepinkelt hat. Aber statt selbst in eine Hundeschule mit ihm zu gehen, wird er einfach ins Tierheim abgeschoben, wo sich ein anderer mit seinen Marotten herumschlagen kann.
„Ich werde mir etwas überlegen, Brian“, sagt Mum weinerlich.
Fast hoffe ich, dass sie irgendeinen Weg findet, herauszubekommen, warum ich so bin, wie ich bin. Ich weiß es ja selbst nicht. Aber ich bezweifle, dass sie sich viel Mühe geben wird. So ist das eben nicht zwischen Mum und mir.
„Dann heul hier nicht rum, sondern unternimm etwas“, knurrt Dad, dann stapft er wütend in sein Arbeitszimmer und knallt die Tür hinter sich zu.
Die Mädchenclique am Nebentisch lacht eine Spur zu laut, was sich fast wie hysterisches Gackern auf einem Hühnerhof anhört. Aber das ist bei einem Junggesellinnenabschied auch nicht weiter verwunderlich. Der Abend ist noch jung, was bedeutet, dass dieses Pub vermutlich die erste Station ist.
„Die haben aber schon ordentlich getankt“, grinst Izzy, während sie mit dem Daumen auf die Gruppe aus pinkgekleideten Frauen deutet. Der Braut – zu erkennen an dem dickgedruckten ‚Ich bin die Braut, hier dreht sich alles um mich!‘ auf ihrem Shirt – hängt bereits ihr Krönchen schief, während sie sich ein Glas Prosecco genehmigt.
Ich bringe nur ein schiefes Lächeln zustande. Die Party, die neben uns im Gange ist, macht mir Probleme, ich fühle mich unwohl. Ich drehe mein Glas Ginger Ale hin und her und bezwinge den Drang aufzuspringen und zu gehen nur mit Mühe.
Anfangs hatte ich nur eine unbestimmte Angst davor, krank zu sein. Irgendetwas Schlimmes, an dem ich bestimmt sterben muss. Mittlerweile ist die Liste meiner Ängste so lang, dass es mir mühsam ist, sie aufzuzählen. Die Angst vor Menschenmengen gehört definitiv dazu und ein übervolles Pub an einem Freitagabend ist nicht eben leer.
„Wir könnten uns in den Garten setzen und aufs Meer raus gucken“, schlage ich deswegen zum wiederholten Mal vor. Das war doch ursprünglich mein Plan. Was ist denn aus dem geworden?
Die Jungesellinnen fangen an, mit dem Barkeeper in voller Lautstärke zu flirten und anzügliche Witze zu machen. Der arme Kerl ist schon schamesrot im Gesicht – obwohl er als Barkeeper doch so einiges gewohnt sein müsste – und windet sich wie ein Aal.
„Nö, lass uns doch lieber da bleiben.“ Izzy grinst und lehnt sich entspannt zurück. Ihre kobaltblauen Augen blitzen schelmisch, während sie genüsslich die Szene betrachtet, die sich uns bietet. „Das ist besser als Kino.“
Mir tut der Barkeeper leid. Er ist groß, breitschultrig und sieht insgesamt nicht so aus, als wenn er sich nicht wehren könnte. Nun ja, vielleicht könnte er bei randalierenden Gästen problemlos einschreiten, aber mit einer Horde wildgewordener Frauen ist er hilflos überfordert.
„Wir fahren später noch nach Old Town. Kommst du mit?“, fragt eine hübsche Blondine, die ihre ausladende Oberweite förmlich über den Tresen auf ihn zu schiebt.
„Tut mir leid, ich bin hier beschäftigt. Wer soll denn sonst die Gäste bedienen?“, antwortet der Barkeeper, dessen Gesichtsfarbe sich immer mehr seinen roten Haaren angleicht. Seinen Blick kann er trotzdem nicht von den üppigen Brüsten auf dem Tresen abwenden, die fast das pinke T-Shirt sprengen.
„Und wer soll mich heute bedienen?“, schnurrt die Blondine, dabei klimpert sie mit den extrem langen, falschen Wimpern.
Oh Gott, wie billig, denke ich angewidert, dann weiß ich nicht, welcher Teufel mich reitet, aber ich schiebe meinen Stuhl zurück und stehe auf. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, doch darüber denke ich gar nicht weiter nach. Ich will mich gerade neben der Blondine an den gutbesetzten Tresen schieben, um noch ein Ginger Ale zu ordern – obwohl meines noch nicht annähernd ausgetrunken ist -, da schiebt ein anderer Barkeeper seinen Kollegen beiseite.
„Liam, wir brauchen noch von dem Merlot“, ruft er ihm zu. „Könntest du in den Keller gehen und noch ein paar Flaschen hochholen?“
Liam fährt sich über das rote Haar, das er zu einem hohen Dutt am Hinterkopf zusammengefasst hat, nickt und verschwindet sichtlich erleichtert.
„Mh… Frischfleisch, Mädels.“ Die Blondine lacht, auch ihre Freundinnen gackern wieder hysterisch. Liams Retter wird von oben bis unten betrachtet und für gut befunden.
„Na, du bist aber auch nicht schlecht.“
„Vielleicht sogar ein bisschen süßer als dein Kollege.“
Da muss ich den Mädels wirklich Recht geben. Der Typ ist wirklich extrem gutaussehend mit seinen schwarzen kurzen Haaren, die nicht – wie bei so vielen – auf ein paar Millimeter abrasiert sind, sondern modisch hochgegelt abstehen. Er ist nicht ganz so groß wie Liam, aber schlank und sportlich mit fein definierten Muskeln, die sich unter seinem Shirt abzeichnen.
Warum ich nicht einfach umdrehe, um mich still und leise wieder zu setzen, weiß ich nicht. Ich spüre Izzys Blick in meinem Rücken und kann mir vorstellen, wie sie verwundert eine Augenbraue hebt. Mit klopfendem Herzen schiebe ich mich zwischen die Blondine und die zukünftige Braut und fange einen Blick von dem Barkeeper auf. Für den Bruchteil einer Sekunde rollt er gespielt genervt die Augen und ich habe das Gefühl, als würde er mir danach zuzwinkern, aber das ist sicher nur Einbildung.
Die üppige Blonde schiebt mich ein wenig beiseite, um besser mit dem neuen Barkeeper flirten zu können. Ich protestiere nicht. Vor Aufregung würde ich sowieso kein Wort herausbringen. Was mache ich eigentlich hier? Mein Ginger Ale wartet doch am Tisch auf mich.
„Nun gut, dann wirst du mich eben zufriedenstellen müssen.“ Die Stimme der blonden Partymaus ist eine einzige Einladung – tief, gurrend, verlockend.
„Ich glaube, ich sollte erstmal die anderen Gäste hier zufriedenstellen“, grinst der Typ hinter dem Tresen, dann wendet er sich ohne mit der Wimper zu zucken mir zu. „Und was kann ich dir bringen?“
Die Blicke aller Mädels vom Junggesellinnenabschied richten sich auf mich. Diesen Moment hat sich meine Angst ausgesucht, um mich in den Würgegriff zu nehmen. Mein Mund fühlt sich wie ausgedörrt an und ich versuche krampfhaft zu schlucken, aber leider bleibt mir schlichtweg die Spucke weg. Außerdem schlägt mein Herz nun so heftig, dass ich meine, es hüpft direkt bis zum Hals hoch, wodurch ich nicht mehr als ein Krächzen zustande bringe, als ich den Mund öffne. Mir schießt das Blut in den Kopf, weil die Situation einfach nur peinlich ist, dann fange ich den belustigten Blick des Barkeepers auf.
Schleunigst drehe ich mich weg und dann renne ich los, zwischen den Tischen hindurch auf den Ausgang zu. Ich höre, wie Izzy meinen Namen ruft, aber ich kann einfach nicht stehenbleiben. Ich stolpere ins Freie, japse nach Luft, meine Hand fährt an meinen Kehlkopf. Draußen sitzen einige Leute, die mich neugierig anstarren. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie jemand aufsteht und auf mich zusteuert und weil ich ganz sicher nicht will, dass man mich anspricht, laufe ich einfach weiter, obwohl mir das Atmen schwerfällt. Ich taste nach meiner Hosentasche, spüre den Hausschlüssel darin wie einen Talisman und renne los.
„Wir sind jetzt weg, Charlotte.“
Ich höre die Stimme meiner Mum, aber ich antworte ihr nicht. Dann fällt die Haustüre ins Schloss und eine willkommene Stille breitet sich aus. Ich gehe zu meinem Mansardenfenster, um zu sehen, wie Mum zu Dad ins Auto steigt, dann fahren sie in unserem silbergrauen VW Sharan davon. Ungeduldig warte ich, bis sie um die nächste Ecke gebogen sind, dann ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche, um zu telefonieren.
„Du kannst jetzt kommen, sie sind weg“, sage ich nur kurz und knapp.
„Yep, bin in zehn Minuten bei dir“, antwortet Lewis, dann legt er auch schon auf.
Lewis ist mein ältester Freund und der einzige Mensch, mit dem ich offen über alles reden kann. Kennengelernt haben wir uns schon im Kindergarten, als ich ihm immer die Stifte weggenommen habe, die er gerade benutzen wollte, mit der Begründung, er könne sowieso nicht malen. Warum er sich trotzdem mit mir angefreundet hat, weiß ich nicht, aber es erklärt, warum er jetzt nicht schreiend vor mir davon läuft.
„Ich kenne die schreckliche Charlie schon“, sagt er immer achselzuckend, wenn ich ihn danach frage. Dann rückt er seine Brille gerade und grinst etwas schief. „Aber ich weiß auch, dass da drinnen eine sehr liebe Charlotte wohnt, sie ist nur gerade öfter mal verreist.“ Und dann piekt er mit dem Finger gegen mein Schlüsselbein.
Lewis wohnt nur wenige Straßen weiter und steht tatsächlich fünf Minuten später vor unserer Haustür. Für meine Verhältnisse extrem schwungvoll öffne ich und lasse ihn hinein, dann steuern wir sofort die Küche an.
„Ich nehme mal an, dass du hungrig bist“, sage ich zu Lewis und grinse ihm mit einem Blick über die Schulter zu.
„Wie immer, Charlie.“ Entschuldigend zuckt er die Achseln.
„Wenn es eine Konstante in meinem Leben gibt, dann dich, Lewis. Ich wüsste nicht, dass du dich in den letzten Jahren groß verändert hast – bis auf den Stimmbruch. Und wie kann man nur so dünn sein, wenn man den ganzen Tag isst?“
Ich schiebe zwei Scheiben Brot in den Toaster, dann hole ich Butter und Marmelade aus dem Kühlschrank.
Wieder zuckt Lewis nur mit den Achseln. Mit dem Zeigefinger schiebt er seine Brille hoch, die ihm stets die Nase hinunter rutscht.
„Wie läuft es so in der Schule?“, frage ich betont gleichgültig, während ich seinen Toast schmiere.
Eine Strähne meines schwarzen Haares fällt mir ins Gesicht und ich streiche sie absichtlich nicht zurück, damit Lewis nicht sieht, dass ich wirklich neugierig bin zu hören, was in der Schule vor sich geht. Der Unterricht mag ja langweilig sein, aber es gibt schließlich auch noch anderes…
„Wenn du mich durch die Blume fragen willst, was dieser Idiot von Damon Roberts macht, sind meine Lippen versiegelt. Du weißt, dass ich es unter deiner Würde finde, dass du auf Newcastles größten Weiberheld stehst.“
„Ich stehe nicht auf ihn!“, protestiere ich halbherzig und schiebe Lewis seinen Teller zu. „Komm, lass uns nach oben gehen.“
„Ich dachte, deine Eltern sind eine Weile weg.“ Kauend folgt er mir die Treppe hinauf in mein Zimmer.
„Sie sind den ganzen Tag bei meiner Großtante Jean.“, bestätige ich.
„Sagtest du nicht, sie würden verzweifelt nach einer neuen Schule für dich suchen? Stattdessen machen sie Anstandsbesuche bei alten Tanten“, witzelt Lewis und schiebt sich genüsslich den letzten Rest seines ersten Toasts in den Mund. Er isst nicht nur viel, sondern auch extrem schnell.
„Es ist Sonntag“, erwidere ich, dabei verdrehe ich die Augen. „Da hat für gewöhnlich keine Schule geöffnet.“
Lewis lässt sich auf mein Bett sinken und stellt seinen Teller neben sich ab. Ich lümmele mich auf meinen Sitzsack und betrachte ihn schmunzelnd. Jeder andere Fünfzehnjährige würde sich vermutlich auf das Bett fläzen oder zumindest die Füße hochziehen, sich im Schneidersitz hinsetzen oder ähnliches. Nicht so Lewis Seymour, der vermutlich wohlerzogenste Junge den ich kenne. Er bleibt gesittet auf der Bettkante sitzen.
„Nun erzähl schon, reden sie in der Schule über mich?“
„Ich dachte, das wäre dir gleichgültig“, gibt er zurück.
„Ist es mir auch“, maule ich, dann angele ich von meinem Schreibtisch eine Packung Kaugummi und schiebe mir gleich zwei davon in den Mund.
„Dann muss ich dir ja nichts davon erzählen, dass sich alle das Maul über dich zerreißen.“ Lewis guckt ganz scheinheilig.
„Nein, musst du nicht.“ Trotzig verstaue ich meine Hände in den Taschen meiner Jeans.
Eigentlich interessiert es mich wirklich nicht, ob sich die Klatschweiber aus unserer Jahrgangsstufe über mich auslassen – was sie mit Sicherheit tun, wie mir Lewis indirekt bestätigt hat. Wenn ich in der Schule bin, redet außer Lewis sowieso niemand mit mir und ich habe auch nichts dagegen. Das ist schon so, seit wir zusammen die Gosforth Academy besuchen. Außer Lewis habe ich keine Freunde und das ist gut so. Meine Mum, der soziale Kontakte und Abende mit ‚ihren Mädels‘ total wichtig sind, bemängelt oft, dass ich nie eine Freundin mit nach Hause bringe. Wie sollte ich auch, wenn ich keine habe?
„Mich interessiert wirklich nicht, was eine Nell Jenkins und ihre Basketballclique über mich redet“, bekräftige ich noch einmal, wie um Lewis zu überzeugen.
„Das musst du mir nicht erzählen, Charlotte. Wenn es dich interessieren würde, was andere über dich denken, wärest du jetzt nicht in dieser Lage.“
„In welcher Lage?“, frage ich launig und spiele mit einer Haarsträhne, die ich unermüdlich um meinen Zeigefinger wickle und wieder entrolle.
„Dir ist schon klar, dass deine Eltern dich in eine andere Schule schicken müssen, die womöglich keinen so guten Ruf hat wie die Gosforth Academy?“
„Gut. Dann müssen sie nicht mehr so viel Geld für meine Schulbildung ausgeben. Darüber streiten sie nämlich immer.“
„Über deine Schulbildung?“
„Nein, über Geld“, seufze ich.
Wenn ich könnte, würde ich mich in meinem überdimensionalen Shirt noch viel kleiner machen. In meinem Kopf höre ich die laute, dröhnende Stimme meines Vaters und die sich hochschraubende, keifende meiner Mutter. Entschlossen schüttle ich den Kopf.
„Lass uns über etwas anderes reden.“
„Aber bitte nicht über Damon Roberts!“ Lewis verschränkt die Arme vor der Brust seines gestärkten, kurzärmeligen Hemdes, mit den korrekten Bügelfalten.
Selbst wenn wir nicht in der Schule sind, trägt er immer Klamotten, die wie eine Uniform aussehen. Dunkle Hose, hellblaues gebügeltes Hemd. Seine Mutter kauft seine Kleidung ein und ist, wie man nur unschwer erkennen kann, ein wenig spießig und die penibelste Hausfrau von Gosforth, wenn nicht von ganz Newcastle. Wenn ich könnte, würde ich mit Lewis einkaufen gehen und ihn komplett neu einkleiden. Andererseits ist das der Lewis, den ich seit Jahren kenne und da er mich so akzeptiert, wie ich bin, nehme ich ihn auch mit seinen Besonderheiten.
„Wir könnten irgendwohin gehen“, schlage ich vor.
„Du? Ich dachte, du hast Hausarrest.“
„Habe ich auch. Aber wer sollte es merken, wenn ich mit dir raus gehe? Meine Eltern kommen erst spät abends zurück, sagte ich doch schon. Tante Jean und Onkel Allan wohnen in Dumfries, das ist ein ganzes Stück entfernt.“
Lewis hat seine Marmeladenbrote längst verdrückt, also zuckt er gleichgültig mit den Achseln und fragt: „Und wohin möchtest du?“
„Wie wäre es mit einem Eis bei Creams?“, antworte ich mit einer Gegenfrage. Dabei verstecke ich mein Gesicht hinter einem dichten Haarvorhang, damit Lewis nicht sieht, wie mein Kopf die Farbe einer Tomate annimmt. Es ist ein heißer Sonntag im Juni und es besteht eine ziemlich gute Chance, dass Damon Roberts bei Creams ist.
Aber Lewis muss mich nicht ansehen, um das zu wissen. Er stöhnt leise, nickt aber trotzdem, während er aufsteht und seine Hose zurechtstreicht, bis sie keine einzige Falte mehr wirft.
Wie erwartet, ist es ziemlich voll im Creams, sodass ich erstmal keinen freien Tisch entdecke, als wir ankommen. Nach der Hitze auf der Straße draußen, die mich unwillkürlich an Kernschmelze denken lässt, tut es gut den kühlen Windhauch der Klimaanlage auf der Haut zu spüren.
Vor dem Café bis hin zum Tresen stehen Menschen an, die munter schnattern. Kinder drängeln an die Auslage, um die Eissorten zu studieren. Ich blicke mich so lässig wie möglich um. Wie erwartet entdecke ich Damon, der mit seinen Freunden an einem der Tische sitzt. Jeder von ihnen hält sein Handy in der Hand, was aber nicht bedeutet, dass sie nicht miteinander kommunizieren. Sie stecken die Köpfe zusammen, zeigen sich gegenseitig irgendwelche Sachen auf ihren Smartphones. Ich starre wie gebannt zu ihnen hinüber.
„Wusste ich’s doch, dass wir nur wegen ihm hierher kommen“, flüstert mir Lewis mit einem Kopfrucken in Damons Richtung zu. „Bist du dir echt nicht zu schade, auf den größten Angeber der Schule zu stehen, Charlie? Ehrlich, ich hätte mehr von dir erwartet.“
„Kein Problem. Das Gefühl kenne ich schon.“, gebe ich so lässig wie möglich zurück, aber innerlich tut es ein bisschen weh.
Damon hebt den Kopf von seinem Display und schaut genau in unsere Richtung. Am liebsten würde ich mich noch weiter in meine Kapuzenjacke zurückziehen. Wenn er mich so sieht, wird er sowieso denken, dass ich einen ziemlichen Fehler im System habe. Wer trägt bei dieser Hitze eine Jacke? Doch zu meiner Überraschung, erscheint auf Damons Gesicht sein strahlendstes 32-Zähne-Lächeln und er winkt auch noch zu uns herüber. Er hat ein wirklich tolles Lachen, dabei bilden sich winzig kleine Fältchen um seine tiefbraunen Augen.
Obwohl es überhaupt nicht meiner Art entspricht, habe ich das Gefühl, ich müsse ihm zurückwinken. Es fühlt sich ein wenig seltsam an, denn ich war mir sicher, dass mich ein Typ wie Damon Roberts in der Schule überhaupt nicht bemerkt hat, geschweige denn, dass er mir jemals zuwinken würde. Ich überlege noch hin und her, ob ich jetzt zu seinem Tisch gehen soll, um zwanglos mit ihm zu plaudern – was sich irgendwie noch seltsamer anfühlt -, als mich von hinten links jemand überholt, der in eine Überdosis Wonderstruck von Taylor Swift gehüllt ist.
„Hi, Damon!“ Nell Jenkins drängt sich winkend an mir vorbei, rempelt mir dabei sogar den Ellenbogen in die Seite. Ihr ultrablonder Pferdeschwanz wippt auf und ab, als sie beschwingt auf Damons Tisch zusteuert.
Entsetzt beobachte ich, wie sie sich zu ihm beugt, um ihm einen Kuss auf die Wange zu hauchen, dann erst bemerke ich, dass ich meine Hand immer noch wie ein Idiot erhoben halte.
„Wem winkst du da eigentlich?“, fragt Lewis jetzt irritiert, dann wandert sein Blick zu Damon. „Charlie, bitte sag mir, dass du nicht diesen Superaufreißer begrüßt hast.“
„Ganz sicher nicht!“, fauche ich wütend, lasse meine Hand sinken, die nun neben mir hängt, als würde sie nicht zu mir gehören. Ich wünschte zumindest, sie würde tatsächlich nicht zu mir gehören.
Glücklicherweise hat Damon nicht gemerkt, dass ich ihn mit meiner idiotischen Winkerei meinte. Wie auch, er weiß vermutlich nicht mal, dass ich existiere. Aber Nell weiß es und sie hat sehr wohl mitbekommen, was ich getan habe. Sie wirft mir einen spöttischen Blick zu, dann rutscht sie zu Damon in die Bank und flüstert ihm etwas ins Ohr, dabei ruckt sie mit dem Kinn immer wieder in meine Richtung. Mir wird heiß vor Scham, deswegen drehe ich mich schnell zur Auslage.
„Mit einem Sitzplatz sieht es schlecht aus. Wir könnten uns aber für eine Kugel anstellen“, schlägt Lewis arglos vor, der die Sache mit dem Winken zum Glück nicht vertieft.
Ganz sicher werde ich mich nicht in diese endlose Schlange stellen, um den Blicken der Basketball-Asse der Gosforth Academy ausgesetzt zu bleiben. Mittlerweile sehe ich aus dem Augenwinkel, dass Damon mich anstarrt und dabei bis über beide Ohren grinst.
„Meine Sorte ist heute nicht dabei“, knurre ich deswegen nur unfreundlich, drehe auf dem Absatz um und verlasse das Creams so schnell wie möglich.
Ich wache mit einem schalen Geschmack im Mund auf und fühle mich nicht annähernd ausgeschlafen, wie so oft. Eigentlich meistens, denn abends steigt meine innere Unruhe kometenhaft an und lässt mich oft nicht vor zwei Uhr nachts müde werden und selbst wenn ich dann die Augen nicht mehr offenhalten kann, wecken mich nächtliche Panikattacken alle paar Stunden.
Die Sonne schickt ihre Strahlen durch das Fenster meines Schlafzimmers, wie um mir ein schlechtes Gewissen zu machen, dass ich immer noch im Bett liege. Ziemlich zerschlagen krieche ich unter der leichten Sommerdecke hervor, tapse auf bloßen Füßen über die Dielen zum Badezimmer und blicke in mein von der gestrigen Schminke verschmiertes Gesicht. Sofort sind die Erinnerungen an den Abend im Dalriada wieder präsent. Unliebsam aufdringlich, begleitet von einem Knoten im Magen.
„Oh Gott, ich habe mich so blamiert.“ Ich stöhne leise, während der Gedanke laut von meinen Lippen kommt. Meine Hand fährt durch wirre Locken, die mir in die Stirn fallen. Ausgeschlossen, dass ich je wieder ins Dalriada gehen kann, wo mir jemand begegnen könnte, der meinen peinlichen Auftritt mitbekommen hat – allen voran der attraktive Barkeeper.
Zum Glück reißt mich das aufdringliche Klingeln meines Telefons aus meinem Gedankenkarussell, das beginnt, sich unaufhörlich zu drehen, sodass mir schon ganz schwindelig ist. Ich stolpere die Treppe hinunter und fliege förmlich den letzten Absatz hinunter, auf das Kästchen zu, wo das Telefon ausnahmsweise mal auf seiner Station liegt. Unsanft lande ich mit der Hüfte an der Ecke des Möbelstückes und ich schreie leise auf, als ich den Anruf entgegennehme.
„Was ist los?“ Ich höre Izzys alarmierte Stimme, als sie meinen gedämpften Schmerzensschrei vernimmt.
„Nichts. Ich bin mal wieder über meine eigenen Füße gestolpert“, murre ich, dabei reibe ich über die leidgeplagte Hüfte, die schon so manches Eck mitgenommen hat. Das gibt garantiert einen blauen Fleck.
„Das ist ja nicht das erste Mal.“ Izzys Grinsen kann ich förmlich hören.
„Bist du gestern noch gut heimgekommen?“, frage ich, um vom Thema abzulenken. Allerdings bekomme ich sofort ein schlechtes Gewissen, weil ich Izzy gestern im Pub alleine gelassen habe.
„Ja, bin ich. Sonst könnte ich wohl kaum heute frisch und munter bei dir anrufen.“ Sie sagt es fröhlich, aber ein vorwurfsvoller Unterton ist deutlich merkbar.
Früher ist mir Izzy bei solchen Aktionen hinterhergelaufen, weil sie Angst um mich hatte. Das macht sie schon seit ein paar Monaten nicht mehr. Ich knabbere verlegen an meiner Unterlippe, weil ich mir plötzlich ziemlich dumm vorkomme.
„Es tut mir leid, dass ich so plötzlich abgehauen bin.“
„Das ist ja nicht das erste Mal.“
„Hmpf.“ Mehr fällt mir dazu nicht ein.
„Lauren, es wird immer schlimmer mit deiner Angst. Merkst du das denn gar nicht?“
„Es ist alles in bester Ordnung“, fauche ich zurück, denn obwohl ich weiß, dass sie Recht hat, fühle ich mich angegriffen.
„In bester Ordnung? Du bist schon aus Supermärkten weggelaufen, wenn dir die Schlange an der Kasse zu lang war. Ein paar Mal hast du auch schon fluchtartig ein Café oder Restaurant verlassen, wenn es dir zu voll geworden ist oder der Kellner schlicht zu lange gebraucht hat. Aber so schnell wie gestern warst du noch nie irgendwo raus. Wir waren ja kaum im Piratenpub angekommen, da bist du schon davongelaufen, als wäre der Teufel hinter dir her. Was um alles in der Welt wolltest du eigentlich am Tresen? Dein Glas war doch noch fast voll.“
Genervt stoße ich die Luft aus. Izzys Frage ist durchaus berechtigt. Aber so genau kann ich sie nicht beantworten.
„Mir tat der arme Liam einfach leid.“
„Wer?“
„Liam.“ Mir fällt ein, dass sie nicht wissen kann, wie der Typ heißt, deswegen ergänze ich: „Der Barkeeper mit den roten Haaren.“
„Oh, das Leckerchen, das die ganze Junggesellinnenbande mit Haut und Haaren auffressen wollte.“ Sie kichert.
„Genau der.“ Ich bin froh, dass man durch das Telefon nicht sehen kann, wie mir die Röte ins Gesicht schießt.
„Warum wolltest du ihn denn retten? Gefällt er dir vielleicht?“, fragt Izzy hoffnungsvoll. Es ist ewig her, dass ich mich für einen Mann interessiert habe. Vor lauter Angst habe ich für solch profane Dinge keinen Kopf mehr, weiß aber, dass Izzy förmlich darauf brennt, dass ich jemanden kennenlerne. Sie vertritt die Theorie, dass eine richtig romantische Affäre meine Ängste vertreiben könnte – warum auch immer.
„Spinnst du?“ Ich schüttele energisch den Kopf, dann tapere ich mit dem Telefon in die Küche, um mit einer Hand Teewasser aufzusetzen.
„Also so abwegig ist das ja nun nicht. Er ist nicht unattraktiv und verdammt gut gebaut.“
„Ich glaube, ich habe genug Baustellen. Einen Mann brauche ich im Moment garantiert nicht.“ Und der Gedanke daran macht mir, ehrlich gesagt, auch ganz schön Angst. Ich komme so schon nicht mit meinen Gefühlen zurecht. Noch schlimmer wäre es, wenn zu meiner tagtäglichen Aufregung auch noch die übliche Nervosität des Verliebtseins hinzukommen würde – ganz egal, welche Auffassung Izzy hat.
„Apropos Mann. Der andere Barkeeper – der, vor dem du weggelaufen bist – hat sich bei mir erkundigt, ob mit dir alles in Ordnung ist.“
„Oh nein!“ Mir rutscht fast die Tasse aus der Hand, die ich gerade aus dem Schrank hole. Jetzt ist ganz klar, dass ich leider nie wieder ins Dalriada gehen kann. Was ich ehrlich bedauere. Dass man draußen sitzen kann, findet meine Angst nämlich ziemlich gut. „Was hast du ihm gesagt?“
„Dass du total irre bist?“, meint Izzy trocken. „Quatsch! Ich habe ihm gesagt, dass du dich die ganze Zeit schon nicht wohlgefühlt hast und dir wahrscheinlich übel war. Ich bin dann auch gegangen. Du verzeihst mir, dass ich nicht mehr bei dir vorbeigeschaut habe?“
„Schon gut“, murmele ich beschämt.
„Ich weiß ja, dass du am Liebsten deine Ruhe haben willst, wenn die Panik abebbt.“
Das stimmt. Nach einer schlimmen Angstattacke – und nichts anderes ist es, das weiß ich, auch wenn ich mir gerne einrede, dass ich körperlich krank bin – bin ich meist ziemlich erschöpft. So auch gestern. Ich bin ins Bett gekrochen ohne mich abzuschminken und trage immer noch das rosafarbene Top. Lediglich Schuhe und Hose habe ich mir noch abgestreift, ehe ich todmüde umgefallen bin, so ausgelaugt, als hätte ich einen Marathon hinter mir.
„Du weißt schon, dass wir jetzt nie wieder ins Piratenpub gehen können?“
„Echt jetzt? Langsam wird’s aber verdammt eng. Du verlässt Portobello nicht, bist aber aus fast jedem Restaurant oder Pub dort schon mal geflüchtet, weshalb du nie wieder hingehen willst. Kommt gar nicht in Frage, dass wir nicht mehr ins Dalriada gehen“, protestiert Izzy energisch.
„Aber das ist mir total peinlich. Was denkt dieser Typ jetzt über mich?“
„Keine Ahnung! Dass du zum Abendessen Fisch hattest, der nicht mehr ganz frisch war?“ Izzy prustet in den Hörer und gegen meinen Willen muss ich mitlachen.
„Das ist ja nun nicht das Schlimmste“, gebe ich zu.
„Dann gehen wir gleich am Freitag wieder hin. Und dieses Mal bleibst du, bis ich sage, dass wir nach Hause gehen. Ein Glas Wein ist Pflicht.“
„Aber…“, beginne ich zu protestieren.
„Von einem Glas bist du ja nicht gleich völlig von Sinnen. Wovor hast du also Angst?“
Wenn ich nur daran denke, dass ich wieder außer Haus gehen soll, wird mir jetzt schon schlecht. Der Gedanke an Alkohol macht es nicht besser. Trotzdem sage ich zu. Absagen kann ich ja kurz vorher noch.
Mein neuester Roman nimmt langsam Fahrt auf. Nachdem ich die Protagonisten – einen Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen und eine herzensgute, ziemlich taffe Krankenschwester - ein wenig vorgestellt habe, steige ich jetzt voll in die Handlung ein. Meine Liebesromane sind sicher nicht jedermanns Geschmack. Aber sie sind unterhaltsam, romantisch und haben immer ein Happy End. Mehr, als man vom wirklichen Leben oft sagen kann. Und gerade deswegen schreibe ich sie so gerne. Es macht mir unglaublich viel Spaß, meine Personen mit Leben zu füllen und eine spannende Geschichte darum zu weben, wie sie sich kennen und lieben lernen. Dabei ist durchaus nicht immer alles eitel Sonnenschein. Und die Verkaufszahlen geben dieser Art von Romanen ihre Berechtigung, sind sie doch durchaus beliebt und ich kann meinen Lebensunterhalt davon finanzieren.
