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Ein kraftvoller Roman über das ungewöhnliche Leben einer eigensinnigen Bergbäuerin
Als König Ludwig II. 1886 im Starnberger See ums Leben kommt, sind die Menschen im Werdenfelser Land schockiert. Dass ihr Ehemann in einer eiskalten Nacht erfriert, empfindet Vroni Grasegger dagegen als großes Glück: Endlich ist sie nicht mehr seinen Misshandlungen ausgeliefert. Optimistisch übernimmt sie das Sagen auf dem einsamen, gegenüber dem Karwendel gelegenen Bergbauernhof und die Sorge für die behinderte Stieftochter Rosl. Harte Arbeit bei der Heumahd und Missernten bringen Vroni an ihre Grenzen, ebenso wie der Druck aus dem Dorf, dass sie wieder heiraten soll. Da begegnet sie dem Maler Wilhelm Leibl, den eine Schaffenskrise in die Berge führt – und auf Vronis Hof. Zwischen dem homosexuellen Künstler und der jungen Bäuerin entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Als Leibl dann noch einen englischen Arzt und Alpinisten mitbringt, verbreitet sich in dem kurzen Bergsommer eine ungekannte Leichtigkeit. Und Vroni schöpft vielfältige Hoffnungen …
»Betz' Romane haben zweifellos etwas Besonderes.« Süddeutsche Zeitung Starnberg
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Seitenzahl: 412
Veröffentlichungsjahr: 2022
ZUDIESEMBUCH
Als König Ludwig II. 1886 im Starnberger See ums Leben kommt, sind die Menschen im Werdenfelser Land schockiert. Dass ihr Ehemann in einer eiskalten Nacht erfriert, empfindet Vroni Grasegger dagegen als großes Glück: Endlich ist sie nicht mehr seinen Misshandlungen ausgeliefert. Optimistisch übernimmt sie das Sagen auf dem einsamen, gegenüber dem Karwendel gelegenen Bergbauernhof und die Sorge für die behinderte Stieftochter Rosl. Harte Arbeit bei der Heumahd und Missernten bringen Vroni an ihre Grenzen, ebenso wie der Druck aus dem Dorf, dass sie wieder heiraten soll. Da begegnet sie dem Maler Wilhelm Leibl, den eine Schaffenskrise in die Berge führt – und auf Vronis Hof. Zwischen dem homosexuellen Künstler und der jungen Bäuerin entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Als Leibl dann noch einen englischen Arzt und Alpinisten mitbringt, verbreitet sich in dem kurzen Bergsommer eine ungekannte Leichtigkeit. Und Vroni schöpft vielfältige Hoffnungen …
»Betz’ Romane haben zweifellos etwas Besonderes.«Süddeutsche Zeitung
ZURAUTORIN
Susanne Betz wurde 1959 in Gunzenhausen geboren. Sie studierte Geschichts- und Wirtschaftswissenschaften in Deutschland, den USA und Kolumbien. Danach arbeitete die promovierte Historikerin bei verschiedenen deutschen und amerikanischen Tageszeitungen und Zeitschriften. Seit 1993 ist sie Hörfunkredakteurin in der Abteilung Politik des Bayerischen Rundfunks. Sie lebt mit ihrem Mann in der Nähe von München. Heumahd ist nach Falkenjagd und Der elektrische Kuss und Tanz in die Freiheit ihr vierter Roman.
SUSANNE BETZ
HEUMAHD
ROMAN
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Copyright © 2022 der Originalausgabe by C.Bertelsmann
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Cover: www.buerosued.de
Covermotiv: Magdalena Russocka/Trevillion Images,
www.buerosued.de
Satz: Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-29590-5V004
www.cbertelsmann.de
KAPITEL 1
SANFTUNDGLEICHMÄSSIG verteilte sich Nieselregen über die Trauergemeinde. Die Lodenjacken und Hüte der Männer hielten der Feuchtigkeit stand. Die schlimmste Nässe kam ohnehin von unten durch die genagelten Stiefel, die auch die Frauen trugen. In den vergangenen Tagen hatte es stark getaut. Die wenigen Gassen des Dorfes waren schmierige Rinnen geworden. Und der Platz zwischen Kirche und Brückenwirt hatte sich in einen braunen Tümpel verwandelt, in dem Kinder und Karren stecken blieben. Auch auf dem Friedhof von Loisbichl, wo die Graseggers seit jeher in der dritten Reihe gleich rechts vom Hauptweg ein Grab besaßen, standen die Menschen im Matsch.
Aber Hauptsache, der lange Winter war vorbei. So mancher schaute verstohlen vom frisch ausgehobenen Grab hoch zu den rahmweißen Bäuchen der aus dem Süden zurückgekehrten Schwalben. Das wagte Vroni zwar nicht, aber das ausgelassene Gezwitscher und die schnellen Flügelschläge über ihrem Kopf erleichterten es ihr, die Kondolenzsprüche zum einen Ohr hinein- und zum anderen hinausgehen zu lassen.
»Du musst jetzt dein Zeug zusammenhalten, Bäuerin, und stark sein.«
Vroni nickte zum x-ten Mal.
»Ich konnte mir von deinem Bauern immer den Stier holen, das bleibt doch dabei, nehme ich an«, raunte Karl Rieger vom Streunerhof und schleuste seine Bäuerin so schnell vorbei, dass sie der Witwe nicht einmal die Hand schütteln konnte. Ein Fremder mit einem Bart wie zerrupftes Heu drehte sich um, als er an der Reihe war, und bellte die Loisbichler und herübergewanderten Krüner und Wallgauer an: »Der Grasegger war mein Freund. Wer das Gegenteil behauptet, kriegt eins aufs Maul.« So schnell wie er gekommen war, verschwand der Landstreicher wieder vom Friedhof. Nur der Geruch von Schnaps und fauligen Zähnen blieb zurück. Unter größten Anstrengungen verbiss es sich Vroni, in schallendes Gelächter auszubrechen, was den Duck auf ihre volle Blase verschlimmerte. Der nächste Kondolierende stand bereits vor ihr.
»Der Herrgott gibt’s und der Herrgott nimmt’s.«
»Du sagst es, Gschwandnerbauer, du sagst es.«
»Mein aufrichtiges Beileid, Graseggerin. Er war ein schneidiger Mann, dein Bauer, der Herr hab ihn selig.«
»Dank dir Huberin, dank dir.«
»Wenn du was verkaufen willst, dann wende dich jederzeit an mich«, gurrte die Huberin. Ruckartig hob sie den Kopf und versetzte damit ihren Kropf, ein weißes, nahezu eigenständiges Lebewesen, in Schwingungen. Ein Naturschauspiel, dem immer gern zugeschaut wurde, denn im ganzen Werdenfelser Land gab es keinen zweiten Kropf von solch stattlichem Umfang. Auch deswegen war seine Besitzerin eine Autorität im Dorf.
Die Huberin gab ihrem Mann und den drei erwachsenen von insgesamt vier Söhnen, die gleichermaßen sehr rotblond und sehr hellhäutig waren und lange Gesichter hatten, sowie einer Schwiegertochter, die das erste Enkelkind auf dem Arm und das zweite im Bauch trug, ein oft exerziertes und augenblicklich befolgtes Handzeichen. Der Familientrupp trat zurück und bildete einen engen Halbkreis um die Bäuerin. Die füllige Frau, die vor einunddreißig Jahren in den größten Hof weit und breit eingeheiratet hatte, beugte sich so vor, dass Vroni zwei kleine stachelbeergrüne Augen auf sich gerichtet sah. Es fehlte nicht viel, und ihr Kinn wäre von dem ausladenden Kropf berührt worden, Vroni spürte ihn trotzdem. Flaumig und nicht unangenehm.
»Ich sag dir, wenn du es gescheit anstellst, bringst du es noch zu was. Mit deinem Hof und deinem Gesicht. Aber gescheit musst du es anstellen, gescheit.«
»Aha, wenn du das sagst«, murmelte Vroni in Richtung des Sarges, der vor einer knappen halben Stunde hinuntergelassen worden war.
»Wir verstehen uns, nicht wahr! Du und ich.«
Die Stachelbeeraugen wurden stechender, und Vroni bekam ein mulmiges Gefühl im Bauch. Sie rückte ihren steifen runden Hut zurecht und wandte sich abrupt dem ältesten Knecht vom Waserhof zu, der ihr bereits seine schwielige Hand entgegenstreckte, an der beim Holzhacken von drei Fingern das erste und zweite Glied abhandengekommen waren. Dabei brauste es in Vronis Kopf: Was meint die Huberin mit verstehen? Ahnt sie etwas von meinem Glück?
Länger als nötig hielt Josef Hornsteiner die Hand der jungen Witwe. Sie ahnte, dass ihn ein schlechtes Gewissen plagte, weil er ihren Bauern schwankend durch die eiskalte Dunkelheit und damit in seinen Tod hatte weiterziehen lassen. Gern hätte sie ihn von seinen Seelenqualen befreit. Stattdessen presste Vroni die Zähne zusammen und schlug mit einer tieftraurigen Miene die Augen nieder. Sie spürte, wie das Rosl an ihrer Seite unruhig wurde. Das Idiotenkind.
Mit dem flachen Mondgesicht, in dem die Augen geschlitzt und weit auseinander standen, und aus dessen Mund jetzt auch wieder ein Speichelfaden tropfte. Vroni schämte sich deswegen und ärgerte sich im nächsten Moment, dass sie sich schämte. Denn das Idiotenkind, dessen Mutter, die erste Frau des Bauern, bei der Geburt gestorben war, war das liebste Wesen auf dem Hof, in den Vroni vor knapp zwei Jahren eingeheiratet hatte. Abwechselnd hob es sein linkes und rechtes Bein und stieß gurgelnde Laute aus. Lange, so mutmaßte Vroni, würde das kleine Mädchen es nicht mehr aushalten, dann würde es nass zu den Wollstrümpfen durchsickern. Und weil der alte Rock zu kurz war und schon an den Waden endete, konnte jeder die Blamage sehen.
Übermütig zogen die Schwalben enge Schleifen über dem Friedhof. Sie flogen zwischen ihren Nestern, die sie unter die Dachvorsprünge klebten und den offenen Stallfenstern hin und her und zwitscherten so hell, dass jeder Mensch sich freuen musste, auch wenn er sich nicht sowieso schon so freute wie Vroni. Die presste die Kiefer noch etwas fester zusammen und hoffte, dass außerdem der runde dunkelgrüne Hut auf ihrem Kopf ihren wahren Gemütszustand verbarg. Niemand sollte ihr anmerken, dass sie wie schon in der Kirche auf ihrem Platz auf der Frauenseite, der mit einem Messingschild als der der Graseggerbäuerin ausgewiesen war, an den Schweinsbraten dachte, den sie zum Leichenschmaus bestellt hatte. Und an die nächste Nacht und alle weiteren Nächte, in denen sie ebenso gut schlafen würde wie in der ersten nach dem Tod des Bauern.
Als nächstes trat Mathilde Klotz heran, die Bäuerin vom Blaserhof, um ihr Beileid zu bekunden. Bei ihr hatte Vroni als Kindsmagd gearbeitet, die letzte, aber nicht die schlechteste von vielen Dienststellen seit ihrem zwölften Lebensjahr. Die Frau, die die meisten auf dem Friedhof um einen Kopf überragte und ein herbes Männergesicht hatte, verzichtete auf eine scheinheilige Litanei. Sie legte vertraulich eine ebenfalls große Hand auf Vronis Schulter.
»Ich glaube«, sagte Mathilde Klotz, die schon einmal mit dem Fuhrwerk nach Murnau gefahren war und von dort ohne ihren Mann mit der Eisenbahn weiter nach München, um bei einer Behörde persönlich vorzusprechen, »dass du alles gut hinkriegst. Du bist ja wirklich eine sehr vernünftige Person.« Vroni schluckte. Nach der langen Messe und dem noch längeren Herumstehen auf dem Friedhof fühlte sich ihre Kehle an, als ob sie mit Holzspänen vollgestopft wäre. Was für ein Kompliment. Es fiel Vroni nicht leicht, dem klugen und aufmerksamen Blick der Bäuerin standzuhalten. Sie sagte deshalb einen langen Moment nichts und dann auch nur: »Ich danke dir, Bäuerin.«
Flüchtig wurde das für seine sieben Jahre auffallend kleine und gedrungene Rosl getätschelt, das daraufhin plötzlich seinen Mund verzog und unpassend laut lachte. Mathilde Klotz entschuldigte sich. Nein, zum Leichenschmaus drüben im Brückenwirt könne sie leider nicht mitkommen. Erstens hätten bei der Frau eines Krüner Flößers am frühen Morgen Wehen eingesetzt, und es sei das erste Kind. Sie konnte nun mal am besten helfen, wenn sich eine schwertat, sogar im Mutterleib verkehrt herumliegende Kinder brachte Mathilde Klotz zum Drehen. Zweitens wollte sie unbedingt noch etwas Ringelblumensalbe in einen kleinen Tiegel abfüllen und Vroni zukommen lassen, bevor die sich auf den langen Heimweg machte.
Der ehemaligen Dienstherrin war nicht entgangen, dass Vroni ihre Hüfte schief hielt und, wenn auch für weniger geschulte Augen kaum bemerkbar, humpelte. Sie war auch eine der wenigen Personen bei der Beerdigung, die ahnten, dass der Grasegger kein guter Ehemann gewesen war. Mathilde Klotz seufzte. Blaue Flecken und schlecht heilende Wunden sah sie bei Wöchnerinnen oft genug. Sie spannte ihren schwarzen Regenschirm auf, außer ihr besaß nur die Huberin solch ein luxuriöses Ding, und bahnte sich einen Weg durch den Schlamm und die noch herumstehende Dorfgemeinschaft zum schmiedeeisernen Friedhofstörchen.
Es war Mitte April, als Vroni die Beerdigung abhielt. So üppig, dass ihr niemand vorwerfen konnte, dem Ludwig Grasegger nicht genügend Ehre zu erweisen, aber bescheiden genug, damit sich keiner das Maul über Extravaganzen zerriss. Eigentlich hätte sie damit gern noch etwas gewartet und lieber den 23. April genommen, den Tag des Heiligen Georg, immerhin einer der vierzehn Nothelfer. Aber dann hätte der Bauer im Hühnerhaus wahrscheinlich schon zu riechen begonnen.
Es war im tiefsten Winter passiert.
Am Abend vor Mariä Lichtmess war der Bauer auf dem Heimweg vom Loisbichler Wirtshaus ganz offensichtlich im Suff gestürzt, eingenickt und dann erfroren. Nur einen Steinwurf nach der Gabelung, an der sich der Hornsteinerbauer von ihm verabschiedet hatte, um ebenfalls mehr oder weniger angetrunken, aber heil den restlichen Weg zu seinem eigenen Hof zurückzulegen. Froh darüber, dass der Bauer nicht neben ihr lag und sich von hinten mit Gewalt an sie drängte, war Vroni in jener Nacht schneller als sonst eingeschlafen. Erst kurz vor fünf Uhr am nächsten Morgen war Ludwig Grasegger vermisst worden.
Vroni hatte wie immer die Kerze auf ihrer Seite der Bettstatt angezündet und sich das Stallgewand übergestreift. Die Kühe brüllten bereits mit schweren Eutern und stampften unruhig, sodass es in dem ganzen gedrungenen Körper des Hofes zu spüren war. Die Schlafkammer der Eheleute grenzte unmittelbar an den Stall. So konnte der Bauer nachts durch die dünne Holzwand hören, wenn mit einem Tier etwas nicht stimmte. Zudem gab der Stall Wärme ab. Nach kurzer Beratung machte sich der Knecht Korbinian mit einer Laterne auf die Suche, während Vroni und Josefa, die Magd, ihre dreibeinigen Schemel unter die Bäuche von Schatza und Irmi stellten und zu melken begannen. Als sie damit fertig waren und ausgemistet hatten, was sonst die Arbeit der Männer war, gingen sie in die Küche, bereiteten die Milchsuppe vor, weckten und wuschen danach den Onkel. Das Rosl ließen sie ausnahmsweise in seinem fensterlosen Verschlag unter der Treppe weiterschlafen.
Nachdem sie ohne ein einziges Wort zu wechseln die Suppe, in der gelbe Butterschlieren schwammen, ausgelöffelt hatten, schickte Vroni Josefa zum Holzhacken. Sie selbst setzte sich auf einen der vier Stühle, strickte und wartete.
Die Rückenlehnen dieser Stühle, in die die filigranen Profile zweier Gamsbockköpfe geschnitzt waren, rieb Vroni von Zeit zu Zeit mit Bienenwachs ein und wunderte sich, welcher Graseggerbauer so viel Sinn für Schönheit gehabt und vor allem dafür Geld ausgegeben hatte.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Höfen war das gesamte Erdgeschoss des Wohnkopfes aus Bruchsteinen und großen Kieseln gemauert, die aus dem Flussbett der Isar stammten. Manche Loisbichler lästerten noch immer über das angeberische Steinhaus, das bereits ein Jahrhundert stand, nachdem ein Feuer das hölzerne Vorgängergebäude zerstört hatte. Der rückwärtige Teil des Hofes mit Stall, Scheune und Heuboden bestand ebenso wie das Dachgeschoss des Wohntraktes mit einem Balkon, den niemand mehr zu betreten wagte, aus geschälten Holzstämmen, die mittlerweile fast schwarz verwittert und spröde waren.
Die Zwischenräume der Stämme waren einst mit Moos und Flechten abgedichtet gewesen. Doch inzwischen war die Füllung so porös, dass Kälte, Wind, Insekten und auch Marder nahezu ungehindert hineinschlüpften. Der größte Raum des Hofes war die Küche.
An zwei Seiten ließen je zwei Fenster, winzig, einigermaßen quadratisch und von Sprossen geviertelt, etwas Licht herein. Seit Wochen aber waren die Scheiben blind vor Eisblumen, und es herrschte auch morgens Düsternis in der Küche. Die Wände hätten dringend geweißelt und die runzeligen Fichtendielen abgezogen werden müssen. Die rechte hintere Ecke beherrschte ein klobiger Tisch, dessen Platte Vroni regelmäßig mit Sand scheuerte. Dahinter verlief über Eck eine Bank, davor standen die Stühle, aber so gut wie nie waren alle Plätze besetzt. Früher hatte es zusätzlich zu Josefa noch eine Stall- und eine Kuchlmagd gegeben, die der Bauer aber entlassen hatte, als wieder eine Bäuerin auf den Hof kam.
Der große gusseiserne Herd mit dem umlaufenden Gestänge knapp über Kopfhöhe befand sich gleich links von der Tür. Er war aber der Mittelpunkt des gesamten Hofes. Heißes Wasser im Schaff zum Waschen, Putzen und für den Kaffee, die Suppen, auf denen Fettaugen schwammen, die mit Haut überzogene Milch, das stundenlang einkochende Kraut, das man roch, sobald man die Kuppe des Geißschädels erreichte, Kartoffelspeisen in allen Varianten, hin und wieder Gesottenes oder ein Braten: alles kam vom Herd. Dazu unentwegt Fauchen und Prasseln, sodass die Wortkargheit auf dem Hof Vroni, wenn sie Teig knetete oder Löcher flickte, nicht ganz so schwer auf die Brust drückte.
An die Einzelheiten des Vormittags von Mariä Lichtmess erinnerte sich Vroni nicht mehr, während sie die Hände der zahllosen Trauergäste schüttelte, zu überwältigend war damals die Nachricht als solche gewesen. In dem Moment, in dem Korbinian mit schreckensweiten Augen in die Küche gestürzt war und herausgestoßen hatte, dass der Bauer steif und kalt unter einer Esche liege, hatte sie erst einmal nur ihren Strickstrumpf beiseitegelegt und die Hände flach auf die Tischplatte gedrückt. Unter einer Esche! Esche, Esche, Esche. Vroni konnte nichts sagen.
Sie hatte auch nichts gefühlt, in ihr war eine große Leere. Was sollte man auch sagen oder fühlen bei etwas, das so weit außerhalb des Vorstellbaren lag? Denn genauso gut hätte Korbinian behaupten können, das Karwendel wäre umgekippt. Der große Berg von der Welt verschwunden, von einem Moment zum anderen.
Stammelnd hatte Korbinian, sein altersloses Gesicht noch etwas spitzer als sonst, die Botschaft wiederholt: Nichts sei mehr zu machen gewesen, nur die Augen habe er dem Bauern zudrücken können. Jemand vom Hornsteinerhof müsse helfen, den Leichnam hochzutragen.
»Jemand vom Hornsteinerhof«, wiederholte Vroni. Tonlos und mechanisch kamen die vier Worte aus ihrem Mund, dabei starrte sie Korbinian weiterhin an, als ob sie ihn zum ersten Mal sah. Wie konnte ein Mensch, der so laut und mächtig war wie der Bauer, plötzlich tot sein? Sie hatte die Augen zusammengekniffen und die Verästelungen eines großen Schimmelflecks an der Küchenwand links vom Gekreuzigten studiert. Als Korbinian erneut losstürmte und die Küchentür krachend hinter ihm zufiel, war Vroni versteinert sitzen geblieben, nur ihr Kiefer lockerte sich und bewegte sich mahlend hin und her.
Im Herd prasselte und knisterte das Feuer so munter wie zuvor. Es roch nach dem Rest Graupensuppe mit Speckwürfeln, der noch vom Vortag auf dem Herd stand und zum Mittagessen aufgewärmt werden sollte. Irgendwann hatte Vroni mit tauben Fingern nach dem braunen Strumpf gegriffen, der für den Onkel bestimmt war, und mechanisch Runde für Runde weitergestrickt. Ganz langsam nur sickerte der Inhalt von Korbinians Mitteilung in sie ein. Erst als sie zwei Stunden später den Toten mit eigenen Augen sah und mit kratziger Stimme Korbinian und Sepp Ginger, den ersten Knecht vom Hornsteinerhof, anwies, den Bauern nicht ins warme Haus zu bringen, sondern ihn noch ein kleines Stück weiter zu tragen, realisierte Vroni, dass ihr dreiundzwanzigjähriges Leben eine entscheidende Wendung nahm.
An dem Tag ging auf dem Geißschädel ausnahmsweise kein Wind. Es war, als ob sogar die Natur die Luft anhielt. Der Wasserstrahl, der sonst unentwegt in den ausgehöhlten Baumstamm schoss, war zu einem klobigen Eiszapfen verstummt. Nur der Schnee knirschte unter den Stiefeln, und der Frost ließ die Äste des alten Bergahorns rechts vom Hofgebäude knarzen. Die trockene Kälte brannte auf der Gesichtshaut der Menschen und schnitt in ihre Nasenlöcher.
Trotzdem atmete Vroni tief in die Lungen ein. Sie schaute genau hin, als der brettharte Männerkörper, so nahe an ihr vorbeigeschleppt wurde, dass eines der Hosenbeine aus Lodenstoff ihren Rock berührte, weil Korbinian und Sepp Ginger dem Brunnen ausweichen mussten. Vroni glaubte, ein leises Kratzen zu hören. Seine Augenbrauen und der sorgfältig gestutzte Kinn- und Backenbart waren weiß gefroren. Sie zog ihr Wolltuch fester um die Schultern und atmete noch einmal die kalte Luft tief ein und stieß sie kräftig aus.
»Wohin?«, fragte Korbinian. Mit dem Kinn wies Vroni ihm den Ort, ging voran und schob den Riegel zurück. Mit Händeklatschen und schnellen Schritten trieb Vroni das Dutzend brauner, weißer und weißbraun gescheckter Hühner und ihren Hahn aus ihrer Behausung und hinüber zum Stall. Dort warf sie ihnen eilig einem Haufen Heu hin, während die Kühe und die beiden Ochsen erschrocken glotzten. Das Hühnerhaus wurde jetzt dringend anderweitig gebraucht.
Stöhnend und nicht gerade sanft legten die beiden Männer ihre gefrorene Last auf der Einstreu ab, auf der gerade eben noch die Hühner aufgeplustert zusammengehockt hatten. Dort würde der Bauer bleiben, tot und in der Kälte bis auf Weiteres konserviert.
Reiner Zufall war es gewesen, dass in der Scheune eine Anzahl Eichenbretter trocknete, aus denen Korbinian in aller Eile einen Sarg zimmerte. Eigentlich waren die Bretter für einen Schrank bestimmt gewesen. Ludwig Grasegger wollte über den Türflügeln Tag, Monat und Jahr seiner Geburt einschnitzen lassen, so wie er es auf einer Abbildung in der mit Bier vollgesogenen Ausgabe der Augsburger Allgemeinen Zeitung gesehen hatte, die vermutlich einer der Jagdgäste des Herzogs von Nassau-Weilburg im Brückenwirt hatte liegen lassen. Sonst kam kaum jemand von draußen nach Loisbichl und schon gar nicht hoch zu dem einsamen Hof auf den Geißschädel.
Als der Bauer untergebracht und die Tür des Hühnerhauses wieder vorgeschoben worden war, verzog sich Korbinian augenblicklich. Sepp Ginger blieb vor der Bäuerin stehen, als ober er noch etwas Wichtiges sagen wollte. Er leckte sich dabei dauernd über die Lippen und schaute sie unverwandt an. Schließlich hielt es Vroni nicht mehr aus und streckte ihm die Hand hin.
»Vergelt’ es dir Gott, Sepp, dass du geholfen hast. Jetzt wird es sicher Zeit, dass du zum Hof zurückgehst.«
»Das kann warten. Wenn du noch was brauchst …«
»Nein, nein schon gut. Ich muss jetzt auch in die Küche …«
Aber Vroni kehrte nicht in die Küche zurück. Sie blieb, als der Knecht vom nächsten Hof hinter dem Abhang abgetaucht war, neben dem Brunnen stehen. Die klare Luft war eine Wohltat. Vroni schaute hinüber zum Berg, und es war ihr, als blickte der Berg zu ihr zurück. Dass man auf dem Geißschädel das Gefühl hatte, mit dem Karwendel auf Augenhöhe zu sein, hatte ihr von Anfang an gefallen.
Wie immer um diese Jahreszeit spitzte die Sonne in einzelnen Strahlen am östlichen Rand des Massivs hervor, stemmte sich dann aber innerhalb von Minuten gleißend zwischen Tiefkarspitze und Schönberg hoch. Das Licht von hinten ließ den gesamten Berg zart und schwerelos aussehen. Seine Rillen, weißen Kare und schneefreien Felsvorsprünge verschmolzen zu einem rauchigen Blau. Von einer Sekunde auf die andere funkelte die Kruste auf den Kuppen der eingeschneiten Buckelwiesen rund um den Hof. In den Mulden dagegen schimmerte es bläulich stumpf. Vroni schürzte eine Hand, um die Augen gegen das Winterlicht zu schützen.
»Minus 23 Grad«, hatte Korbinian mit einem triumphierenden Unterton verkündet, als er sich am Abend davor an den Küchentisch gesetzt hatte. Das Quecksilberthermometer kombiniert mit einem Barometer, das an der Fensterbank vor seiner Kammer im ersten Stock angebracht war, hatte der Knecht sich vor Jahren in Garmisch gekauft. Ein Fünftel seines damaligen Jahreslohns war für die Anschaffung draufgegangen.
Am Abend war Vroni immer noch taub im Kopf. Langsamer als sonst zog sie sich aus, hob den rechten Ellbogen und befingerte vorsichtig die lang gezogenen schorfigen Narben in ihrem Nacken. Die Striemen stammten von den ledernen Hosenträgern des Bauern, aber sie waren nicht allzu tief ins Fleisch gegangen. Die faustgroße Wunde an der linken Hüfte dagegen, die er ihr erst an Heilig Drei Könige mit einem Holzscheit geschlagen hatte, wollte sich partout nicht schließen. Eiter suppte heraus, rings um die Stelle fühlte es sich heiß an und das Gewebe pulste.
Dabei wusch Vroni die Wunde vor jedem Schlafengehen mit Kamillensud aus. Anschließend betupfte sie sie mit einer selbst hergestellten Tinktur aus drei Teilen Honig und einem Teil frisch geriebenem Meerrettich. Dennoch heilte sie nicht und schmerzte bei jedem Schritt.
Im Werdenfelser Land blieb es nach dem Tod des Bauern eisig kalt. Schneemassen knickten große Bäume um, Lawinen schoben sich grollend Berghänge hinunter und nahmen Felsbrocken, Jagdhütten und Menschen mit. Über dem Misthaufen hing monatelang eine zähe Dampfwolke. Es schneite zwischendurch immer wieder kräftig, und der Hof war komplett eingemauert. Nur noch einen Trampelpfad zum Brunnen schaufelte Korbinian jeden Tag frei, den zum Hühnerhaus konnte er sich sparen.
An Josefi fiel Korbinians Thermometer noch mehr. Sie mussten doppelt so viele Holzscheite in den Herd schieben wie an den Tagen davor, um die Küche warm zu halten. Häufig sahen sie jetzt Hirsche, die das Dickicht hinter dem Hof verließen und in kleinen Rudeln durch den Tiefschnee hinunter ins Tal zogen, wo sie entlang der Isar leichter Nahrung freischarren konnten. Der Ziehweg, der nach Loisbichl hinuntermäanderte, war in Schneewehen verschwunden, nur ein paar Holzstecken verrieten, wo er ungefähr verlief. Die Hofbewohner mussten mit dem auskommen, was sie vorrätig hatten und der Stall ihnen gab. In der Speisekammer gingen Zucker, Linsen, Pfeffer und Rosinen zur Neige. Salz, Graupen, Kartoffeln, Kaffee und das Petroleum für die Lampe über dem Küchentisch reichten zum Glück noch eine Weile. Der Umstand, dass sie gerade jetzt vom Rest der Welt abgeschnitten waren, hatte in Vronis Augen einen unschätzbaren Vorteil.
Die ganze Zeit über waren keine Besucher aufgetaucht, um von Ludwig Grasegger persönlich Abschied zu nehmen, der in seinem dreiundvierzigsten Lebensjahr so einsam gestorben war. Sonst hätte man den Toten noch aus dem Hühnerhaus holen und im offenen Sarg im Haus aufbahren müssen. Niemand konnte sich erinnern, dass ein Winter so weit bis nach Ostern angehalten hatte. Auch der Onkel nicht, der immerhin miterlebt hatte, wie anlässlich der Thronbesteigung von Ludwig I. auf dem Loisbichler Kirchplatz Freibier ausgeschenkt worden war.
Nach der Beerdigung hockten am Spätnachmittag noch immer fünf Männer beim Leichenschmaus in der großen Gaststube des Brückenwirts. Die Augen glasig, die Nasen knapp über den Bierkrügen. Mit einem Mal drückte der Jüngste von ihnen das Kinn abrupt auf die Brust und schnarchte geräuschvoll. Sein Banknachbar, dessen Schnurrbartenden kühn nach oben gezwirbelt waren, hatte eine Mordswut im Bauch, wusste aber nicht warum. Die anderen drei lachten und stritten abwechselnd, stolz darüber, dass ihre Frauen es nicht geschafft hatten, sie mit nach Hause zu zerren.
Die Luft war schwer und trüb vom Tabakrauch. Es roch nach verschüttetem Bier und Männerkörpern, die den Winter über kaum gewaschen worden waren. Darunter mischte sich Uringestank, wenn einer vergaß, die Tür zum fensterlosen Flur zu schließen, der zu den Aborten führte. Müde und ausgelaugt von dem langen Tag trat Vroni an den Tisch heran und klopfte, als die Männer nicht reagierten, mit den Knöcheln ihrer linken Hand auf die Tischplatte, dann gleich noch einmal energischer. Die leer gegessenen Teller, auf denen fahle Blaukrautreste in gestocktem Fett schwammen, vibrierten. Auch das störte die letzten Gäste nicht.
»Eine schöne Leich, so eine schöne Leich«, seufzte Josef Huber. Unendlich langsam hob er seinen Maßkrug und prostete Vroni zu. »Auf den Ludwig, Gott hab ihn selig. Du arme Frau, du arme Frau, so ganz allein jetzt.«
Aus seinem Bart tropften Bier und Tränen. Der Bauer, der im Gegensatz zu seiner Frau ein eher schlichtes Gemüt hatte, meinte sein Mitleid durch und durch aufrichtig. Übers Eck von ihm saß der Zweitreichste im Dorf, der Bauer vom Streunerhof, und lächelte die ganze Zeit über verliebt den ausgestopften Dachs an, der an der gegenüberliegenden Wand hing. Er hatte bereits zu viel Alkohol intus, um noch Worte oder gar Sätze formulieren zu können. Den Wirt fand Vroni schließlich im Nebenzimmer.
Er saß mit dem Rücken zu ihr am Tisch des herzoglichen Jagdaufsehers und anderer Honoratioren. Ihre Stimmen wogten laut und wichtig hin und her. Es ging um die Renovierungen des Schlosses in Vorderriß, die drohende Anhebung der Branntweinsteuer, den König, der sich immer seltener in der Öffentlichkeit sehen ließ und angeblich nur noch nachts durch seine Zimmer geisterte. Wie würde sich die Politik im Reich wenden, wenn der uralte Kaiser in Berlin starb? Vroni wartete und blickte gedankenlos durch alle hindurch. Schließlich stützte sie sich auf eine freie Stuhllehne. Sie hatte den Leichenschmaus nur mit drei Maß Bier durchgestanden.
Plötzlich spürte die junge Witwe ein Kitzeln am rechten Ohr. Sie riss den Kopf herum und bekam mit, wie ein Schrank von einem Mann, der mit dem Hirzinger im Erker saß, sie unverhohlen anstarrte. Kaum, dass er sich ertappt sah, wandte er sich ab und sprach auf seinen Tischgenossen ein. Der Schrank trug wie alle anderen Männer braungrünen Loden, war aber sofort als Städter erkennbar, unter anderem, weil er als Einziger in der Wirtschaft den Hut abgenommen hatte. Das dunkle Haar auf seinem viereckigen Schädel war dicht und über der Stirn wie mit dem Lineal geschnitten. Auch sein Bart war dunkel. Ein Fremder in Loisbichl, das kommt selten vor. Vroni fuhr sich mit der Zunge über die trockenen, rissigen Lippen. Rauch und Gestank ballten sich im Nebenzimmer noch dichter zusammen als im großen Gastraum.
Immer nur kleine Stücke schnitt der fremde Mann, der, so schätzte Vroni, mittleren Alters war, vom Fleisch ab, schob sie mit zerrupftem Knödel auf die Gabel und führte alles zusammen zu seinem im Bartdickicht versteckten Mund. Er saß kerzengerade da. Unter gesenkten Lidern bildete sich Vroni sekundenschnell ein Urteil: Feine, ganz feine Tischmanieren.
Plötzlich blickte der Hirzinger von seinem Bierkrug hoch, grinste und zwinkerte ihr anzüglich zu. Vronis Magen, in dem Schweinsbraten, Knödel und Blaukraut eben noch eine wohlige Schwere ergeben hatten, verkrampfte sich. Vor dem geilen Kerl hatte sie früher Angst gehabt. Seit sie mit dem Bauern verheiratet war, hatte er nicht mehr gewagt, ihr nachzustellen. An seinem Hut steckte ein Büschel Gamshaare, das Blut daran kaum getrocknet. Offensichtlich waren die Haare dem Bock erst vor Kurzem aus dem Rücken geschnitten worden. Eine einzige Provokation für den Jäger, der einen Tisch weiter saß, aber wieder mal nicht beweisen konnte, dass das gewilderte Tier aus dem Nassau-Weilburger Revier stammte. Vroni holte so tief Luft, wie es inmitten des Qualms möglich war. Jetzt reichte es ihr. Der Tag war lang genug.
Energisch rüttelte sie von hinten die Schulter des Wirts. Umständlich schob der seinen Stuhl zurück, stand umständlich auf und ging in den großen Raum zur Schanktheke. Wieder spürte Vroni den seltsam bohrenden Blick des Fremden und den frech-herausfordernden des Hirzingers. Am liebsten hätte Vroni die Tischplatte, um die herum all die bräsigen Männer hockten, angehoben und Teller, Bierkrüge und Schnapsgläser zu Boden rauschen lassen.
Stattdessen blieb sie ausdruckslos stehen, nur die Furche an ihrer Nasenwurzel, die sich wegen des häufigen Augenzusammenzwickens gebildet hatte, wurde noch tiefer. Der Wirt kam zurück. Er brachte eine vollgekritzelte Schiefertafel mit und einen kleinen Tiegel, den Vroni wortlos entgegennahm und in ihrer Rocktasche verschwinden ließ. Sie nahm das Geschmiere und die Striche nicht einfach hin, sondern ließ sich genau aufsagen, wie viele Portionen Schweinsbraten verzehrt und wie viele Maß Bier getrunken worden waren. Zuerst zählte der Wirt zusammen, danach nahm Vroni ohne zu fragen seinen kurzen gelben Bleistift und schrieb ihrerseits auf einem Zettel Ziffern untereinander. Die Unterlippe zwischen den Schneidezähnen eingespannt fand und korrigierte sie schließlich drei Additionsfehler des Wirts. Einen zu ihren Lasten, zwei zu ihren Gunsten.
Sie handelte einen Nachlass von zwei Mark und sechzig Pfennig heraus und für das Rosl eine in Schmalz gebackene Auszogene. Ohne sich hetzen zu lassen, zählte Vroni das Rückgeld nach, wobei sie aus dem Augenwinkel mitbekam, dass der Stadtmensch seinen rechten Zeigefinger mit dem des Hirzinger verhakte. Der hochgekrempelte Hemdsärmel zeigte die Haut eines Menschen, der wohl niemals bei Wind und Wetter arbeitete.
Beide Männer zogen ihre Ellbogen zu sich hin, dabei blähte sich das Gesicht des Hirzingers in kurzer Zeit zu einem dunkelroten Ballon auf. Geschieht dem Kerl ganz recht! Zum zweiten Mal an diesem Tag verbiss sich Vroni ein Lachen, und ihre Sympathien kippten eindeutig in Richtung des Fremden. Scheinbar mühelos zog der seinen gekrümmten Finger samt Arm so weit zu sich her, dass der Oberkörper des Wilderers wie ein Fisch an der Angel in die Mitte der Tischplatte rutschte. Jetzt lachte Vroni dann doch. Laut genug, damit alle Männer die Köpfe drehten und über Bierkrüge und Rauchschwaden hinweg erschrocken und fasziniert zugleich die junge Witwe angafften.
Der Fremde ließ den besiegten Hirzinger los und musterte Vroni erneut. Aber anders, als sie es gewohnt war, von Männern angestarrt zu werden. Eher wie der Viehdoktor aus Garmisch vor über einem Jahr die Entzündung an Bertas Euter angeschaut hatte, ernst und klug zugleich. Der will nichts von mir, und wenn doch, dann etwas anderes als sonst die Männer. Erleichtert und mit durchgedrücktem Rücken verließ Vroni das Nebenzimmer, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Das Rosl zu wecken, tat Vroni leid. Nach dem Essen hatte sich das Kind in klammen Kleidern auf der Holzbank zusammengerollt, die entlang der vier Wände des Gastraumes verlief. Es war immer wieder geschubst und gerüttelt worden, wenn einer der Erwachsenen aufstand und sich zum Abtritt durchquetschte. Jetzt wusste das Kind nicht mehr, wo es war. Vor Müdigkeit konnte es sich kaum auf den Beinen halten. Vroni band ihm das wollene Tuch um Schultern und Brust und verknotete die Zipfel im Rücken, dann schob sie das Kind vor sich her. Zum Glück war kein Malheur passiert, und die Strümpfe waren trocken geblieben. Im dämmrigen Flur stießen die beiden beinahe mit Annie zusammen.
Obwohl das Schankmädchen erst fünfzehn war, wurden seine Hüften jeden Monat, den sie beim Brückenwirt arbeitete, ausladender. Annie trug sechs frisch gespülte Bierkrüge gegen ihren Busen gedrückt, was sie auch schaffte, wenn die Krüge randvoll schäumten. Selbst im Dämmerlicht war nicht zu übersehen, dass die Augen des Mädchens vor Begeisterung glänzten.
»Der will unbedingt den Blasi malen. Unsern Blasi. Leibl heißt er, Wilhelm Leibl. Soll ein Kunstmaler sein, ein berühmter sogar, drinnen in München. Hat Goldmedaillen gekriegt in Paris. Und der Blasi …«
Annies Stimme überschlug sich.
»Warum will er grad den Hirzinger malen? Einen ganz einfachen Menschen wie wir alle«, fragte Vroni unwirsch zurück. »Wahrscheinlich, weil der Blasi ein besonders fesches Mannsbild ist«, entgegnete Annie schnippisch. »Findest etwa nicht, Graseggerin?«
Die Dreistigkeit ignorierend griff Vroni fest nach Rosls Hand und überlegte, ob sie dem Schankmädchen, das über ein paar Ecken mit ihr verwandt war, verraten sollte, dass der Hirzinger einer Magd droben in Wamberg und einer anderen am Lautersee ein Kind gemacht hatte. Und das im selben Jahr. Aber stattdessen fragte sie: »Ist das überhaupt ein richtiger Beruf? Kunstmaler, meine ich. Kann man davon leben?« Bevor Annie antworten konnte, wurde die Tür aufgerissen, der Wirt steckte den Kopf herein und rief laut nach den Bierkrügen.
Draußen schlug ihnen feuchte Kälte ins Gesicht, sodass zumindest Vroni wieder wach wurde. Das Dorf war mittlerweile ausgestorben, und Dämmerung floss zwischen die eng stehenden Häuser, Schupfen und Heustadel. Vroni rieb die nach Bier stinkenden Haare ihrer Stieftochter mit dem Ärmel so gut es ging trocken und versprach dem erschöpften kleinen Mädchen die Auszogene, die zusammen mit dem Cremetiegel in ihrer tiefen Rocktasche steckte, als Belohnung, wenn sie zu Hause angekommen sein würden.
Als sie hinter dem Dorf auf den ausgewaschenen Ziehweg zum Geißschädel abbogen, fielen große, wässrige Schneeflocken, und sie senkten die Köpfe. In den buckeligen Wiesen um sie herum glucksten überall Rinnsale, und von den Tannen und Fichten, die vor allem an den Kurven zu kleinen Gehölzen zusammenwuchsen, tropfte es unablässig. Rosls Lippen färbten sich blau, wie so oft, wenn es sich anstrengte. Dies war Vroni aufgefallen, kurz nachdem sie auf den Hof gekommen war. Aber der Bauer hatte nur mit den Schultern gezuckt. Da sei nichts zu machen, das sei bei Idiotenkindern halt so. Immerhin hatte er, der sonst so ein jähzorniger Mensch war, das Kind nie geschlagen. Das rechnete Vroni ihm im Nachhinein an.
Als sie in der Ferne zwei kleine helle Rechtecke sahen und Vroni sich ärgerte, weil Josefa schon um diese Uhrzeit die Küchenlampe angemacht hatte, wurde das Schneetreiben dichter.
KAPITEL 2
DERWARMEWIND war in einer mondlosen Nacht über den Nordkamm der Alpen gekommen. Er tollte über die Dächer des Hofes, der Heustadel und des Hühnerhauses, das der Hahn und seine Hennen wieder bezogen hatten, rüttelte an den Holzschindeln und riss mindestens ein Dutzend herunter.
Er kroch in die Ritzen zwischen den alten Balken und wirbelte die letzten Reste Heu hoch, die Ende April gut eingeteilt werden mussten. In den Kammern wischte der Italiener, den die Werdenfelser Sunnawind nannten, mutwillig durch die Haare und Herzen der Schlafenden. Bis diese wie von einem Gespenst geküsst aufschreckten und ihre wollüstigen Träume noch genau vor Augen hatten.
Der Onkel dachte wieder an die ledige Mutter aus Murnau, der er als junger Mann elf Sonntage hintereinander, einen wunderbar sonnigen Spätsommer und Herbst lang, auf dem Kirchplatz begegnet war, weil sie im Haushalt ihrer nach Loisbichl eingeheirateten kranken Schwester aushalf. Schlank und weiß bog sich ihr Hals, wenn sie ihrem kleinen Sohn die Nase putzte. An ihre Haar- und Augenfarbe erinnerte er sich dagegen nicht mehr. Ob sie eventuell sogar singen und ihn beim Zitherspiel begleiten konnte, sollte er damals nie herausfinden. Zu seinem lebenslangen Verdruss auch nicht, ob sie Ja gesagt hätte. Ein lediges Kind bringt sie mit, der Allmächtige steh uns bei, seine Mutter hätte getobt. So zog er später, als er zu alt fürs Arbeiten gewesen war, auf den Hof seiner inzwischen verstorbenen Schwester. Dass er diese Johanna aus Murnau nie gefragt hatte, quälte ihn bis heute.
Der Onkel stöhnte und drehte seinen langen mageren Körper zum wiederholten Mal im Bett herum. Seine Wirbelsäule krachte und schmerzte bei jeder Drehung, aber still liegen ging auch nicht. Im Stall hoben die Kühe die Köpfe und muhten ausdauernd wie sonst nur, wenn sie zum Stier wollten. Auch Josefa schlief schlecht. Sie setzte sich zweimal aufrecht hin und dachte an den Bauern, der sie regelmäßig in sein Bett geholt und rangenommen hatte, sodass sie schon gehofft hatte, selbst einmal Bäuerin zu werden. Bis dann die junge Schnalle ins Haus gekommen war. Das hat er nun davon, der Idiot!
Hektisch ließ Josefa den Rosenkranz durch die rissigen Finger gleiten. Als auch das nichts half, stand sie auf, stieg im Dunklen die Stiege hinunter und füllte der getigerten Katze, die in zehnter oder elfter Generation zum Hof gehörte, noch etwas Milch in die Schale vor der Tür.
Als der Tag im Osten grau anbrach, trieben Wolken über den Geißschädel. Als Korbinian kurz darauf den warmen Mist aus dem Stall fuhr und vom Schubkarren kippte, hatten sie sich aufgelöst, und der Himmel versprach klar und blau zu werden. Noch vor dem Waschen und Haareflechten zog Vroni das kleine Mädchen vor die Tür. Es war ausgerechnet der Tag des Heiligen Ludwig, der Namenspatron des toten Bauern, und es tropfte. Pling, plang, dong.
»Hörst du’s Rosl, hörst du’s?«
Das Rosl nickte. Auf dem kleinen flachen Antlitz erschien ein zutrauliches Lächeln, das Vroni von keinem anderen Gesicht kannte. Kinder wie das Rosl gab es in fast jedem der umliegenden Dörfer. Mal behandelte man sie besser, mal schlechter. Meistens starben sie, bevor sie erwachsen wurden.
»Schön, Rosl, gell!
»Arg schön.«
Obwohl es von unten kalt hochzog, setzten sich die beiden auf die Bank an der Hauswand. Aneinandergekuschelt lauschten sie mindestens eine Viertelstunde.
Pling, plang, dong.
Es tropfte vom Überstand des Schindeldaches. Es tropfte vom Balkon, der über ihren Köpfen so schief hing, dass eine Walnuss ohne menschliches Zutun von der einen zur anderen Seite gekullert wäre. Es tropfte von den mächtigen Ästen des Bergahorns, sogar von einem zerrupften Reisigbesen, der mit den Borsten nach oben gegen den Brunnen lehnte, tropfte es. Jeder Tropfen, der sich von den alten Schneemassen löste, zerplatzte auf der weichen Erde, einem Stein oder in einer Pfütze mit einem anderen jauchzenden Ton. Pling, plang, dong.
Vroni schloss die Augen. Was, wenn die genossenschaftliche Molkerei nicht genug bezahlte? Der Blitz in einen Heustadel schlug? Ein Stierkalb stand im Stall und musste verkauft werden. Wie viel konnte sie dafür von Johann Wackerle, dem Viehhändler verlangen? Wie viel muss ich verlangen? Überlegungen, die in den Winterwochen eingefroren gewesen waren, tauten jetzt ebenfalls auf. Vroni sinnierte und rechnete. Der Bauer hatte alles gewusst, aber mit seiner jungen Bäuerin nie besprochen.
Sonnenstrahlen legten sich auf Vronis Gesicht, das Rosl gähnte, und der Speichelfaden aus seinem Mund schuf einen nassen, nahezu kreisrunden Fleck auf dem Mieder seiner Stiefmutter. Mit anhaltenden heiseren Schreien flogen drei Krähen seitlich am Hof vorbei und ließen sich nieder. Im Tal herrschte bereits Frühling, auf dem Geißschädel begann er erst.
Niemand wusste, wann genau der Hof auf der Anhöhe ursprünglich gebaut worden war. Er war nach Süden ausgerichtet, zum Karwendel hin. Im Osten gingen die buckeligen Wiesen des Plateaus allmählich in ein mit scharfen rotbraunen Gräsern eingewachsenes Hochmoor über, im Westen und Norden schützte ein dunkles Dickicht aus Föhren, Fichten und vereinzelten Lärchen das Gehöft.
Die einzige Verbindung zur Außenwelt war ein mehr schlecht als recht befestigter Ziehweg, der in sanften Schwüngen hinunter in die Ebene des Isartals mäanderte und dann gleich wieder einen lächerlich kleinen Hügel hinauf, auf dem die Höfe, die Kirche und das Wirtshaus von Loisbichl beieinanderhockten. Nach Loisbichl war vor Kurzem eine richtige Straße gebaut worden. Sie verband das Dorf in der einen Richtung mit Krün und Wallgau und in der anderen mit Klais, wo sich die Straße gabelte und südwärts nach Mittenwald und Tirol führte und nördlich nach Partenkirchen, Garmisch, Murnau und weiter in die Residenzstadt des bayerischen Königreichs und von dort ins große deutsche Kaiserreich.
Wollten die Graseggerleute also in die Welt hinaus, mussten sie den beträchtlichen Umweg über Loisbichl nehmen, denn der direkte und viel kürzere Weg hinunter zum Wagenbruchsee und durch den Weiler Gerold nach Partenkirchen war vor Jahrzehnten vom Dickicht verschluckt worden. Warum man ihn nicht freigehalten hatte, wusste niemand mehr, nicht einmal der Onkel. Vronis Finger wanderten kraulend über Rosls Hinterkopf. Wie um Himmels Willen soll ich den Wald am rentabelsten bewirtschaften? Den Wald am Walchenseeufer hatte der Bauer von seinem Onkel gegen lebenslange Kost und Logis überschrieben bekommen. Vroni war nur ein einziges Mal mit dort gewesen, hatte sich aber nicht in die unbekannte Dämmerung hineingetraut, sondern nur am hellen Rand Totholz gesammelt, während die Männer Bäume fällten. Wann genau soll ich mit der Heumahd beginnen?
Vroni schlang ihre Arme fester um das kleine Wesen neben sich und wiegte es im Rhythmus der Tropfmusik. Jetzt hatte sie die alleinige Verantwortung für dieses Kind, den Onkel und das Vieh. Heimliches Glück und Sorge lagen auf einmal so dicht beieinander wie die bemoosten Steinbrocken auf den Schindeldächern.
Irgendwo im hintersten Winkel der Scheune schlug etwas metallisch. Die drei Krähen, die für eine Weile auf den noch braunen Buckelwiesen herumgepickt hatten, flogen hoch und zurück ins Dickicht.
Der Berg fläzte sich massig, grau und weiß gefleckt vor Vroni. Das Karwendel sei wie alle anderen Berge im Werdenfelser Land und die Erdkugel überhaupt vor sechstausend Jahren vom Herrgott erschaffen worden, predigte der Pfarrer drunten in Loisbichl. Korbinian behauptete allerdings, solchen Blödsinn verzapften heutzutage nur noch Pfaffen. »Unser Planet«, hatte er Vroni beiläufig mitgeteilt, kurz nachdem sie auf dem Hof eingezogen war, »unser Planeeet ist in Wahrheit älter. Sehr viel älter sogar, Millionen Jahre, der Berg auch.« Absichtlich hatte Korbinian das E am Ende des Wortes sehr hochdeutsch und sehr lang gezogen gesprochen, aber vor allem seine kornblumenblauen Augen, deren Iris von einem besonders klaren Weiß umgeben war, hatten Vroni mit ihrer Seelenruhe vom Wahrheitsgehalt der Behauptung überzeugt.
Es wird sich schon alles finden, sagte sich Vroni, auch der richtige Preis für Kälber und geschlagene Bäume. Noch einmal schloss sie genüsslich die Augen. Wenn mich der Bauer bei so einer Faulenzerei ertappt hätte … Die Wärme auf dem Gesicht, die sich so viel besser anfühlte als die vom Herd und auch anders roch, wanderte hinunter in Vronis Bauch und breitete sich aus. Es überkam sie ein großes Verlangen, sich auf der Stelle auszuziehen und die nässende Wunde an der linken Hüfte von der Sonne bescheinen zu lassen. Vroni schlug die Augen wieder auf. Helle Punkte tanzten vor ihren Augen, und der Himmel erschien grellrosa. Erst dann bemerkte sie, dass das Rosl mittlerweile aufgestanden war und auf Zehenspitzen und mit ausgestreckter Zunge dort stand, wo der Dachüberstand am weitesten herunterragte. Plang, dong, pling.
Jeder zweite Tropfen wurde aufgefangen und verschluckt. Lachend schaute Vroni eine Weile zu und vergaß darüber all ihre Wunden und Schmerzen.
»Komm, Rosl, gehen wir jetzt rein und machen gescheit Brotzeit. Nicht nur Wasser.«
»Brot, Brot machen«, antwortete das Kind fröhlich. Aber so verschwommen, dass es außer Vroni niemand verstanden hätte. Weder der Bauer noch die anderen Bewohner hatten sich daran gestört, dass das Idiotenkind kaum sprechen konnte. Wozu auch? Der Hof, in den Vroni eingeheiratet hatte, war nahezu stumm. Manchmal auch taub.
Erschrocken hatte Rosl den Kopf herumgerissen, als die fremde Frau mit den dunklen Augen und den dicken schwarzen Haaren beim Kartoffelschälen ein Lied anstimmte. Töne sprangen gegen die Wand, von da zur Decke hoch, drangen in den Körper des kleinen Mädchens und wieder hinaus und hüpften weiter zur nächsten Wand. Bald war die Küche randvoll mit Liedern gefüllt wie zwei oder drei Mal im Jahr der große Holzzuber mit warmem Wasser, in den zuerst der Bauer, dann der Onkel und zuletzt Josefa stiegen.
So wohlig und warm wurde es dem Rosl, dass es zu summen begann. Die Kartoffelschalen in seiner Hand zappelten, und die Beine des Kindes hoben sich abwechselnd und stapften im Takt. Seitdem übte es regelmäßig mit seiner Stiefmutter, die erste Strophe von der »Mond ist aufgegangen« zu singen. Zuerst einzelne Silben, mit der Zeit ganze Worte. Wenn die Bäuerin mit ihrem Stiefkind redete, ging sie fast jedes Mal in die Knie und sprach ihm die Sätze langsam und überdeutlich ins Gesicht.
Es tropfte schneller und stärker, die Tropfen wurden größer und lauter. Vroni nahm das Kind an der Hand, gemeinsam gingen sie zurück ins Haus. Bald würden ringsum Gräser und Blumen wachsen.
Bis dahin nutzte Vroni die Zeit. Zusammen mit Korbinian schob sie das schwere Ehebett beiseite, schleppte Eimer um Eimer vom Brunnen heran, erhitzte das Wasser, gab Seifenflocken dazu und schrubbte auf Knien in alle Winkel und Ritzen hinein. Ihre ohnehin abgearbeiteten Hände wurden noch röter und schrundiger, aber Vroni putzte mit ausdauerndem Vergnügen. Der Hirschhornknopf, den sie dabei fand, musste von einer Joppe oder Hose des Bauern abgesprungen sein, und obwohl er bestimmt einen halben Pfennig wert war, warf sie ihn später, als Josefa nicht hinsah, ins Herdfeuer. Es zersprang mit einem Knacken, das triumphierend klang. Schließlich riss Vroni die beiden Fenster neben dem Ehebett so weit auf, dass die Vorhänge an die Decke hochflatterten.
»Die ist jetzt ganz übergeschnappt«, maulte Josefa vor sich hin, während sie einen Eimer voll Milch aus dem Stall in die Kammer an der Nordseite trug, wo auch das Butterfass stand. Einen Moment warf sie durch die offen stehende Tür einen grantigen, aber zugleich forschenden Blick in die Kammer, in der sie früher hin und wieder übernachtet hatte.
»Die treibt es noch so weit, dass wir uns alle den Tod holen. Wahrscheinlich mit Absicht.«
Die Magd gab sich keine Mühe, leise zu sprechen, und einer ihrer Holzpantinen stieß sogar ein paar Mal gegen die Wand. Vroni aber jubelte wieder einmal still in sich hinein und verspritzte rund um das Bett und hinter die beiden Nachtkästchen reichlich von dem geweihten Wasser, das ihr der Pfarrer in einer ausgespülten Schnapsflasche aus Altötting mitgebracht hatte. Erst dann schloss sie die Fensterflügel heftiger als nötig. Klirrende Scheiben gehörten zu den gängigen Verständigungsmitteln auf dem Graseggerhof.
Als Nächstes holte sie Rosls Bettzeug aus dem fensterlosen Verschlag unter der Treppe. Sie schüttelte es und schnitt dabei solche Grimassen, dass Rosls Lachen Josefas Klappern in der Milchkammer übertönte. Schließlich klopfte Vroni das Kissen und die Decke ordentlich neben ihrem eigenen Bettzeug zurecht. Decke und Kissen des Bauern hatte bereits der Onkel zusätzlich zu seinen eigenen bekommen, denn er fröstelte, auch wenn es jetzt wärmer wurde.
Ab da sang Vroni jeden Abend ihr Stiefkind in den Schlaf und beobachtete, wie dessen Lider zur Ruhe kamen. Sie musste an die bezaubernden, speckfaltigen Engel auf den bemalten Mittenwalder und Wallgauer Hausfassaden denken, denen, wie sie fand, Rosl sehr ähnelte. Mit dem nächsten zarten Schnarchton öffneten sich die Lippen des kleinen Mädchens, schmatzten und verzogen sich schief. Vroni blies die Kerze aus, entkleidete sich im Dunkeln, freute sich auf den nächsten Tag, freute sich auf die gurgelnden Bäuche der Kühe, gegen die sie beim Melken für eine Weile ihre Stirn drückte und hineinhorchte.
Der Bauer war tot. Keiner schlug sie mehr, und sie hatte genug zum Essen.
An einem blitzblanken Tag Mitte Mai band Vroni nach dem Mittagessen zunächst das Kopftuch im Nacken fester und stemmte sich dann mit ihrem ganzen Gewicht von der Tischplatte ab.
»Ich geh jetzt und schau, wie’s auf der steilen Wiese steht. Damit wir ungefähr wissen, wann wir anfangen können.«
Wie Eindringlinge aus einem fremden Dorf kreisten die Worte über den Köpfen der anderen. Augenblicklich schlug Josefa nach einer Mücke, die ebenfalls ihre Kreise zog, verbiss sich aber eine Bemerkung. Korbinian blinzelte ungläubig mit den Augenlidern und stand ebenfalls auf. Nur vom Onkel kam ein Laut. Er kicherte. So lange, bis er sich verschluckte, und Vroni ihm schnell ein Glas Wasser brachte. Tatsächlich hatte sie zum ersten Mal zum Ausdruck gebracht, dass sie jetzt das Kommando führte. Mit klopfendem Herzen ließ sie die Haustür hinter sich zuknallen und strebte mit weit ausholenden Schritten los.
Links von dem Dutzend verkrüppelter, mit Moos und Flechten überzogenen Apfelbäumen, das einst eine optimistische Graseggerbäuerin gepflanzt hatte, auf dem sich aber auch dieses Jahr wieder keine Blüten zeigten, und drei Schritte hinter dem Hühnerhaus fiel der Geißschädel in einem breiten Streifen nach Süden ab. Fast bis zum Hornsteinerhof reichte diese große Wiese und war nach derjenigen im Isartal die ertragreichste des Grasegger Besitzes.
Bemüht das Gleichgewicht zu halten, stieg Vroni in seitlichen Tritten ein Stück weit ab, bis sie zu einem etwas ebeneren Abschnitt kam und in die Hocke ging. Ihre flache Hand strich prüfend über das noch kurze, aber bereits dichte Grün. Der kräftige Geruch, den nur feuchte Erde ausströmt, angereichert mit einem Hauch des nahenden Überflusses an Düften, stieg Vroni in die Nase. Sie rieb die gefiederten Blätter einer Sterndolde zwischen den Fingern. Bis sie klein und helllila blühte, würde es noch dauern.
Ein fingernagelgroßer Käfer kroch, die Fühler hin und her schwenkend, einen Halm hinauf. Samtig blaue Enzianblüten und dunkelrosa Mehlprimeln verwelkten bereits, über Vronis gebeugtem Kopf summte und brummte es. Der viele Schnee in diesem Winter hatte den Hang gut durchnässt. Das sorgte zusammen mit vielen Sonnenstunden dafür, dass das Gras dort früher als anderswo gemäht werden konnte und besonders gehaltvoll ausfiel. Erleichtert atmete Vroni durch. Sie erhob sich, schüttelte die Schürze aus und schaute geradeaus. Der Berg war und blieb ein rätselhafter Klumpen. Plötzlich tauchte links in ihrem Blickfeld ein weiterer Klumpen auf. Klein verglichen mit dem Berg, außerdem bewegte er sich.
Vroni kniff ihre Augen fest zusammen. Die frischen Spuren, die Füchse, Hirsche, Marder oder Hasen in der Nacht neben dem Brunnen im Schnee oder in der feuchten Erde hinterließen, sah sie deutlich wie die Kreuzstichmuster auf der Decke, die sie sonntags über den Küchentisch legte. Aber alles, was weiter weg war, verschwamm. Trotzdem strengte sich Vroni an, ihren Blick noch etwas mehr zu schärfen.
Ein Mensch, ja, es musste ein Mensch sein und kein törichtes Reh, das tagsüber aus der Deckung ging. Wahrscheinlich ein Mann. Der dunkle Fleck, der Klumpen von Mann, der mitten auf dem Hang stand, hätte der Loisbichler Schmied sein können. Der Schmied wäre aber nicht mitten am Tag durch die Gegend gelaufen und hätte dem Herrgott seine Zeit gestohlen. Auf einmal hörte Vroni ihren Herzschlag bis in die Ohren, scharf zog sie die bislang so friedvolle Frühlingsluft ein. Was war das jetzt? Erneut kniff sie die Augen zu Schlitzen zusammen, die Falte zwischen den Augenbrauen wurde steiler.
Der massige Körper klappte zusammen, gleichzeitig schossen seine Arme hoch und nach vorne. Hat ihn der Schlag getroffen? Soll ich ihm helfen?
