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Und plötzlich war der Nachwuchs da: »Heute Chaos, morgen Glück«, der humorvolle Familienroman-Sammelband von Daniela Nagel als eBook bei dotbooks. Kinder sind die reinste Freude – solange man sie wieder abgeben kann ... Eigentlich sollte die Lektorin Alice nur einen Ratgeber für coole Mütter schreiben. Auch wenn sie selbst keine Kinder hat, so schwer kann das wohl nicht sein, oder? Doch dann klopft überraschend der Storch bei Alice und ihrem Freund Sebastian an und die entspannte Recherche bekommt auf einmal große Dringlichkeit! Als ihre Nachbarin Eve vorschlägt, dass sie ihre drei Sprösslinge babysittet, um schon einmal für den Ernstfall zu »üben«, merkt Alice, dass es alles andere als einfach ist, zwischen Familie und Karriere cool zu bleiben ... Darf sie sich helfen lassen – und darauf zählen, dass sie mit Sebastian und ihrer neuen Freundin Eve die kleinen und großen Schlamassel des Lebens gut übersteht? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der Sammelband »Heute Chaos, morgen Glück« von Daniela Nagel enthält die beiden gefühlvollen Romane »Das Leben ist kein Kindergeburtstag« und »Heute wieder Spielplatzwetter« und wird Fans von Susanne Fröhlich und Andrea Sawatzki begeistern. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 709
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Über dieses Buch:
Kinder sind die reinste Freude – solange man sie wieder abgeben kann ... Eigentlich sollte die Lektorin Alice nur einen Ratgeber für coole Mütter schreiben. Auch wenn sie selbst keine Kinder hat, so schwer kann das wohl nicht sein, oder? Doch dann klopft überraschend der Storch bei Alice und ihrem Freund Sebastian an und die entspannte Recherche bekommt auf einmal große Dringlichkeit! Als ihre Nachbarin Eve vorschlägt, dass sie ihre drei Sprösslinge babysittet, um schon einmal für den Ernstfall zu »üben«, merkt Alice, dass es alles andere als einfach ist, zwischen Familie und Karriere cool zu bleiben ... Darf sie sich helfen lassen – und darauf zählen, dass sie mit Sebastian und ihrer neuen Freundin Eve die kleinen und großen Schlamassel des Lebens gut übersteht?
Über die Autorin:
Daniela Nagel, geboren 1977 in Köln, arbeitet als freie Schriftstellerin und Coach für Autorinnen. Nach einem Ratgeber für Mehrfachmütter schrieb sie ihre beiden heiteren Romane über das Muttersein und ist inzwischen auch unter dem Pseudonym Marie Adams erfolgreich.
Daniela Nagel veröffentlichte bei dotbooks »Das Leben ist kein Kindergeburtstag« und »Heute wieder Spielplatzwetter«.
Die Website der Autorin: www.danielanagel.de/
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Sammelband-Originalausgabe Oktober 2023
Copyright © der Sammelband-Originalausgabe 2023 dotbooks GmbH, München
Die deutsche Erstausgabe von »Das Leben ist kein Kindergeburtstag« erschien 2013 bei Random House, München; Copyright © 2013 Verlagsgruppe Random House GmbH, München; Copyright © der Neuausgabe 2021 dotbooks GmbH, München.
Die deutsche Erstausgabe von »Heute wieder Spielplatzwetter« erschien unter dem Titel »Irgendwas ist doch immer!« bei Blanvalet; Copyright © 2015 Verlagsgruppe Random House GmbH, München; Copyright © der Neuausgabe 2021 dotbooks GmbH, München.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Covergestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ys)
ISBN 978-3-98690-774-7
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Daniela Nagel
Heute Chaos, morgen Glück
Zwei Romane in einem eBook
dotbooks.
Diesen Auftrag kann sie sich nun wirklich nicht entgehen lassen: Alice soll einen Ratgeber für coole Mütter schreiben – und ist sicher, dass das wohl nicht so schwer sein kann, auch wenn sie keine praktische Erfahrung hat ... Zum Glück kann ihre Nachbarin Eve, Mutter von drei Kindern, ihr den einen oder anderen Tipp geben, während Alice ansonsten vergnügt das Blaue vom Himmel fantasiert. Aber als dann sehr unverhofft der Storch bei Alice und ihrem Freund anklopft, merkt sie plötzlich, dass es nicht halb so einfach ist, »das Kind zu schaukeln«, wie sie dachte …
Für Michael.
Und für unsere Kinder.
Die Keller von oben ist genau so eine Mutter, wie ich garantiert nie eine werden möchte. Mann, sieht die immer gestresst und genervt aus, dabei hat sie doch echt süße Kinder. Und um sich selbst kümmert sie sich aber anscheinend gar nicht mehr. Letztens habe ich sie im Supermarkt getroffen, und da hatte sie doch tatsächlich nur die eine Augenbraue gezupft!
Heute ist es wieder mal besonders schlimm. Sie schleppt ihre Alditüten die Treppe hoch, während die drei Kleinen sich darum kloppen, wer die Magnetaufkleber vom Joghurt behalten darf. Tick ist schlauer als Trick und Track und zerrt wie blöd an der Einkaufstüte. Natürlich heißen die Drillinge nicht wirklich so, aber ich kann mir ihre richtigen Namen einfach nicht merken, obwohl die Keller sie ständig durchs Haus brüllt. Auf jeden Fall tun es Trick und Track nun ihrem Bruder gleich, woraufhin die Tüte reißt und nicht nur die Fruchtzwerge, sondern auch der Dosenmais, Äpfel und Thunfischkonserven die Treppe herunterkullern, direkt vor meine Füße. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.
»Könnt ihr drei euch nicht einen Tag mal benehmen wie zivilisierte Menschen? Ich halt das einfach nicht mehr aus!«, hallt es durchs Treppenhaus.
Tick kommt runtergespurtet, reißt den Magnetaufkleber in Form eines Esels vom Joghurt und hält ihn triumphierend in die Höhe. Trick war wie immer langsamer und beginnt zu kreischen: »Du blöder Geizkragen!«
Die Keller sieht aus, als würde sie jeden Moment platzen. Ich gehe schon mal in Deckung. Oder sollte ich lieber gleich in meine Wohnung flüchten?
»Noch ein Wort, und ich hau ab! Ich möchte mal sehen, wie lange ihr es ohne mich aushaltet.«
»Nein, Mama, bitte nicht«, heult Track.
Oh Gott, jetzt heult die Keller auch noch. »Es tut mir leid, ich würde euch doch nie verlassen. Ihr habt so eine bescheuerte Mami.«
Ob sie weiß, wie recht sie hat? Während sie anfängt, die Büchsen aufzusammeln, setzt ihr Kleiner noch eins drauf: »Die Mami vom Marvin ist aber noch viel bescheuerter als du.«
Als die Keller sich bückt, läuft ihr Kopf ziemlich rot an, aber der Rotanteil vergrößert sich noch, als sie mich entdeckt. Ich hebe ein paar Dosen und Äpfel auf, bringe sie hoch und helfe, den Rest einzuräumen.
Die Keller wischt sich die Tränen aus den Augen.
»Entschuldigen Sie, ich … ich bin nicht immer so, wirklich.«
Na ja, wenn ich sie höre, meistens schon.
»Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.«
»Ach, macht doch nichts, kann ja mal passieren.«
Ich würde mich hassen, wenn ich so mit meinen Kindern umgehen würde.
Die Keller hat sich nun etwas beruhigt. »Wissen Sie, die Leute können sich manchmal einfach gar nicht vorstellen, wie das mit Kindern so ist.«
Okay, ich habe verstanden. Sie denkt also: Was guckt die junge Göre mich so blöd an? Die hat ja Zeit, Karriere zu machen und sich beide Augenbrauen zu zupfen. Wenn ihr langweilig ist, geht sie ins Kino oder trifft sich mit einer Freundin zum Kaffeetrinken. Und recht hat sie, denn genau so ist es, und so wird es auch bleiben, selbst wenn ich mal Kinder haben sollte.
»Danke fürs Helfen, Frau Schönfeld.«
»Kein Problem. Und nennen Sie mich doch einfach Alice.«
Hab ich das gerade gesagt? Sie schaut mich erst an wie ein Pferd, dann aber hellt sich ihr Gesicht auf, und sie strahlt mich an.
»Gerne, Frau Sch…, äh, ich meine, Alice. Ich bin Eve.«
Wir schütteln uns die Hände, und als das anschließende Schweigen peinlich zu werden droht, schaue ich auf die Uhr und meine: »Tja, Eve, dann einen schönen Tag noch. Ich muss dringend zur Arbeit.«
Tatsächlich muss ich mich jetzt beeilen, um noch pünktlich in den Verlag zu kommen. Mein Chef hat nämlich grandiose Neuigkeiten angekündigt.
»Nächste Woche kommt Sabine Eulenbusch nach Berlin!«, sagt er nun, da ich vor ihm sitze.
Das war es also, was er uns mitteilen wollte. Seine Augen leuchten, als nahe die Erlösung von allen geschlechtsspezifischen Mauern in den Köpfen der Menschheit. Dabei geht es ihm wahrscheinlich weniger um hehre gesellschaftliche Ziele als vielmehr darum, endlich einen echten Konkurrenztitel zu den Bestsellern à la Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken aufzubauen. Und just so einen hatte die Eulenbusch geschrieben. In ihrem Buch Warum Frauen bessere Männer und Männer bessere Frauen sind führt sie die Steinzeitpsychologie ad absurdum.
»Ich habe nach der Pressekonferenz einen persönlichen Termin mit ihr.«
Wolfgang Meyer schenkt mir einen Kaffee aus seiner Thermoskanne ein.
»Ich möchte, dass sie künftig auch für uns schreibt. Frau Schönfeld, ich habe das Gefühl, dass Sie genau die Richtige sind, um Frau Eulenbusch dafür zu begeistern! Ich möchte, dass Sie mich nach Berlin begleiten!«
Vor Freude verschlucke ich mich beinahe an meinem Kaffee. Ich freue mich nicht nur, dass ich dann meine alte Freundin Charlotte besuchen kann, sondern auch, meine erste richtige Dienstreise für den Verlag zu machen. Beinahe hätte ich »Ja, ich will« gesagt, aber ich kriege gerade noch die Kurve und antworte: »Aber gerne doch, Herr Meyer.«
Ja, der Verlag. Bei uns gibt es praxistaugliche Ratgeber für alle Lebens- und vor allem Liebeslagen. Ich war froh, hier direkt nach meinem Studium eine Festanstellung als Lektorin bekommen zu haben. Ich bin zwar erst ein halbes Jahr fest in dem Laden, kenne ihn aber ganz gut, weil ich hier bereits ein Volontariat absolviert habe. Meine Hauptaufgabe besteht darin, den Autoren, die zwar zumeist bekannte Psychologen, aber nicht immer begabte Autoren sind, zur Seite zu stehen. Sozusagen als Hebamme der Bücher, auch wenn ich bei manchem Baby das Gefühl habe, auch ein paar Eigenschaften mitgeliefert zu haben.
Ich lege also einen neuen Ordner auf meinem PC an. »Eulenbusch_Sabine« tippe ich gerade ein, als ich Tanja neben mir bemerke.
»Ach ja, die Eulenbusch. Tolle Frau.«
»Und ich lerne sie bald persönlich kennen!«
»Wie das denn?«
»Der Chef nimmt mich mit zu ihrer Buchvorstellung in Berlin.«
Dass ihr Restlächeln gefriert, trübt meine Vorfreude ein wenig. Ich wollte ihr schließlich nichts wegnehmen.
»Ach so. Also, als ich damals mit Herrn Meyer in München war, hatte ich das Gefühl, er braucht mich nur als hübsche Begleitung.«
Oh je, jetzt fehlt nur noch, dass Tanja behauptet, er möchte mich nur mitnehmen, weil ich im Besitz einer Bahncard 50 bin. Schließlich hat Herr Meyer Flugangst, und ausgesprochen sparsam ist er auch. Aber ich möchte nett sein: »Du weißt doch, dass Herr Meyer deine Arbeit total schätzt.«
Das stimmt auch, Herr Meyer weiß nämlich noch nichts über die neue deutsche Rechtschreibung, die ihm seine Cheflektorin glücklicherweise vom Leibe hält.
»Und warum nimmt er dann dich mit?«
Ich seufze nur und frage, ob sie mit mir Mittag essen geht. Vielleicht hebt das ja die kollegiale Stimmung wieder.
»Ich bin schon mit meinem Mann verabredet«, erklärt Tanja knapp und verlässt das Büro, obwohl es erst Viertel nach zwölf ist.
Ich seufze ein zweites Mal und greife zu meinem Handy. Vielleicht hat Isabel ja Zeit für einen Imbiss um die Ecke. Ihr Atelier liegt nur zwei Straßen weiter. Ich muss jetzt unbedingt mit jemandem reden, der nichts mit meiner Arbeit zu tun hat. Ich liebe Isabels erfrischende, entspannte Art, die mir nach Tanjas Bemerkungen nur guttun kann. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist sie schließlich meine beste Freundin.
»Hallo, Alice, rate mal, mit wem ich hier im Café sitze«, ist das Erste, was sie nach dem Abheben sagt. Also hat sie wohl keine Zeit.
»Keine Ahnung«, antworte ich wahrheitsgemäß und schlucke meine Enttäuschung herunter.
»Mit Jan.«
»Dem süßen Typen aus dem Buchladen?«
»Exakt. Hast du heute Abend Zeit? Dann reden wir in Ruhe.«
Nachdem wir uns geeinigt haben, wo wir uns treffen, lege ich auf. Warum haben im Moment alle einen Freund, nur ich nicht? Und das, obwohl ich gerade erst einen Beziehungsratgeber betreut habe: Nie wieder Single – Von der Aussöhnung mit dem inneren Partner. Der Titel liegt zurzeit in allen großen Buchhandlungen aus. Vielleicht sollte ich die Ratschläge aus dem Buch künftig selbst beherzigen.
Abends sitzen Isabel und ich im Schmitz. Trotz der Bahnschienen und mehrerer Fahrspuren ist die Aachener Straße mittlerweile zur richtigen Flaniermeile geworden. Und die ehemalige Metzgerei Schmitz hat sich in einen Szeneladen verwandelt, der fast nur Ökoessen anbietet. Da soll noch einer erzählen, die Welt werde nicht besser!
Wir trinken beide eine Bionade. Aus Prinzip. Isabel hat mir gerade erzählt, dass Bionade letzte Woche ein Drittel weniger Flaschen verkauft hat. Und das nur, weil Die Zeit den Bionade-Biedermeier ausgerufen hat. Sachen gibt’s.
Wir studieren die Karte. Überall sind schwarze Totenköpfe hingekleckst. An der Theke steht eine große Marienstatue, die einladend ihre Arme zur Seite streckt. Und neben unserem Tisch befindet sich ein Ensemble, das mich noch mehr verwirrt: ein Kindertisch mit zwei Kinderstühlen, die ebenfalls mit Totenköpfen verziert sind. Na, eines schönen Tages werden die genauso Schnee von gestern sein wie die einst hippe Ökolimo. Vielleicht ist es dieser Gedanke, der in mir die Sehnsucht nach etwas hervorruft, das dies alles überdauert. Oder ist es einfach nur die Tatsache, dass die Stühlchen leer sind? Auf einmal überkommt mich das mulmige Gefühl, dass hier irgendetwas fehlt. Eine ausgesprochen merkwürdige sentimentale Anwandlung, die ich mir normalerweise nie erlauben würde.
Isabel schiebt ihre Flasche in meine Richtung und stützt den Kopf auf den Händen ab. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie süß er ist!«
Oh doch, mittlerweile sogar ziemlich gut. Aber ich höre es mir auch gerne noch mal an. In Isabels Gegenwart fühlt sich die Welt komplett richtig an. Es ist nicht so, dass wir immer einer Meinung sind, aber irgendetwas verbindet uns auf eine Weise, dass ich auch bei Freundschaften an Liebe auf den ersten Blick glaube, seit ich Isabel kenne.
»Willst du eigentlich mal Kinder haben?«, frage ich sie.
»Auf jeden Fall! Irgendwann schon.« Sie antwortet in dem Ton, in dem man als Kind sagt, dass man später eine Weltreise machen will. Oder als Primaballerina tanzen wird. Solange es nur weit genug weg ist, kann man sich alles vorstellen.
»Und du?«
»Ich hatte gerade so ein blödes Gefühl, in die engere Auswahl gekommen zu sein.«
»Hä?«
»Na ja, fürs Kinderkriegen.«
Erst als ich lache, hört sie auf, mich so skeptisch anzugucken.
»Hast du etwa noch nie von der Theorie gehört, dass Kinder sich ihre Eltern selbst aussuchen?«
»Alice, du hast doch nicht mal einen Freund!«
»Ich weiß, aber wenn diese Theorie stimmt und ich wirklich gerade als Mama zur Disposition stehe, dann wird sich das schon noch finden.«
Isabel schaut mich an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank.
»Mensch, Mädel, du bist doch noch keine dreißig – also entweder geht deine biologische Uhr mächtig vor, oder du selbst tickst nicht mehr ganz richtig.«
»War ja auch nur so ein Gedanke!«, erwidere ich und überlege einen kurzen Moment, ob ich beleidigt sein soll.
Und dann kommt ein Mann rein, der uns den Atem raubt. Dunkle Locken, wunderschöne Augen, cooles Outfit – aber das ist es nicht, was uns beeindruckt. Mister Wonderful kommt doch glatt in Begleitung seiner zwei kleinen Töchter ins Café. Die beiden setzen sich artig auf die Stühlchen, und ihr Papa steuert geradewegs auf uns zu.
»Ist der noch frei?«
Wir nicken ergeben. Er nimmt den Stuhl und schiebt ihn an den Kindertisch.
»Mama kommt gleich, wir können uns schon mal was bestellen. Kakao mit Sahne?«
»Ja!«, rufen die beiden unisono zuckersüß.
Isabel und ich schauen uns an. Ich glaube, sie überdenkt gerade meine Theorie.
»Weißt du, was der Nachteil an solchen Männern ist?«, fragt Isabel mich leise genug, dass der Superpapi uns nicht hört.
»Klar – dass sie schon vergeben sind!«
Zum Glück sind wir uns darüber einig, ihm nicht den Heiligenschein stehlen zu wollen. Aber so könnte ich mir das auch vorstellen. Nach der Arbeit treffe ich meinen Mann mit den Kindern in einem netten Café, wir essen zu Abend, zu Hause lesen wir ihnen gemeinsam noch was vor. Wenn sie dann friedlich schlafen, genießen wir die Zeit miteinander, bis die Sonne aufgeht. Genau so sollte mein Leben mit Mann und Kindern aussehen. Beschlossene Sache.
Eigentlich sollte der fünfunddreißigste Geburtstag ja ein Grund zum Feiern sein, aber mit der Zeit wird sogar ein Geburtstag so alltäglich wie der Alltag. Na gut, ich hatte wirklich Tränen in den Augen, als Anna, Florian und Simon mir ihre selbst gebastelten Teddybären überreichten. Unverkennbar die gleiche Schablone aus dem Kindergarten, aber mit vier Jahren ist sauber ausschneiden auch schon eine Leistung. Sogar eingepackt haben meine Drillinge ihre Kunstwerke.
Im Gegensatz zu meinem Mann! Er ist genauso alt wie ich und hat es wieder mal nicht geschafft. Gestern Abend hat er netterweise die Kinder ins Bett gebracht, sodass ich immerhin in Ruhe unser Schlafzimmer aufräumen konnte. Ich dachte, falls wir reinfeiern und im Bett landen, möchte ich nicht die ganze Zeit über die Wäsche nachdenken oder an den muffigen Laken schnuppern.
Dann habe ich mich ordentlich in Schale geworfen. Ich habe mir extra den BH angezogen, zu dem ich eine passende Unterhose besitze. Auf der Suche nach frischer Bettwäsche entdeckte ich den Föhn. In dem Moment kam Martin ins Zimmer und warf sich aufs Bett.
»Puh! Drei Kinder zum Schlafen zu bringen, ist ganz schön anstrengend.« Er streckte die Arme nach mir aus. »Komm, Eve, lass uns ausruhen.«
»Guck mal, hier liegt ja ein Föhn.«
Da bei uns oft Legomännchen im Backofen oder Playmobilritter in den Schuhen stecken, wäre ein Föhn in der Bettwäsche normalerweise nicht weiter verwunderlich gewesen. Nur: Wir haben überhaupt keinen Föhn!
Martin grinste und verschränkte die Arme hinterm Kopf. »Ich dachte, das wäre was für dich. Damit du morgens schneller fertig wirst und nicht immer mit nassen Haaren in den Kindergarten läufst.«
»Das soll also mein Geburtstagsgeschenk sein?«
»Na ja, jetzt wo du es gesehen hast, brauche ich es ja nicht mehr einzupacken.«
Ich hätte ihm das Kabel am liebsten um den Hals gewickelt.
»Jetzt guck doch nicht so, Evilein. Komm, gib mir die Bettwäsche, ich mach das schnell.«
Innerhalb von zwei Minuten waren die Betten überzogen, und Martin kuschelte sich unter seine Decke. Ich legte mich daneben und verschränkte die Arme über der Brust, die heute garantiert im sorgfältig ausgewählten BH verpackt bleiben würde. Und Martin? Der schlief einfach ein.
Als ich am Morgen in die Küche kam, war immerhin der Frühstückstisch gedeckt. Martin schaltete gerade die Kaffeemaschine ein. An meinem Platz lagen der Föhn und ein Zettel mit den Worten »Ich liebe dich«, daneben stand eine leere Blumenvase. Genau die, die ich letztens im Schaufenster bewundert habe. Meine Dankbarkeit hielt sich trotzdem in Grenzen.
»Wo sind denn die Blumen?« Ich nahm den Kaffee entgegen.
»Welche Blumen?« Martins Blick fiel auf die Vase. »Ach, die Blumen, die hab ich ganz vergessen. Hole ich nach.« Er umarmte mich und gab mir einen Kuss. »Alles Gute zum Geburtstag, mein Schatz!«
Danach kamen Anna, Simon und Florian mit ihren Geschenken. Wir frühstückten, bevor Martin die Kinder zur Feier des Tages in den Kindergarten brachte, wo man sein überbordendes Engagement sicherlich mehr würdigen würde als daheim.
Und jetzt stehe ich in der Küche und backe einen Eierlikörkuchen. Keinen Apfelkuchen. Garantiert nicht. Das könnte der Herman so passen! Schließlich heiße ich Eve und nicht Eva. In der Zeit ihres Apfelkuchen-Appells habe ich jedenfalls noch geglaubt, eine gleichberechtigte Mutter werden zu können, und meine letzten Ersparnisse in eine künstliche Befruchtung investiert. Und nun das hier! Es ist ja nicht so, dass ich grundsätzlich etwas gegen das Backen hätte, aber am eigenen Geburtstag sollte das eigentlich ein anderer übernehmen. Kennt jemand Frauengold? Nein? Kein Wunder, das ist ein hochprozentiges Wässerchen aus den Fünfzigern, das damit beworben wurde, geplagten Hausfrauen das Leben leichter zu machen. So etwas könnte ich jetzt auch gebrauchen. Leider ist das heute nicht mehr politisch korrekt. Außerdem gibt es ja mittlerweile Spülmaschinen und Kindertagesstätten, die der Hausfrau das Leben erleichtern.
Ich gieße deutlich zu viel Eierlikör auf die Schlagsahne und greife mit der anderen Hand nach dem klingelnden Handy.
Martin ist dran. »Schatz, ich wollte dir nur schnell Bescheid sagen, dass Wiebke heute Abend auch kommt.«
»Wieso denn ausgerechnet heute?«
»Weil sie gerade in der Stadt ist. Ich dachte, du freust dich.«
Bevor ich dazu etwas sagen kann, ergänzt Martin, dass sie natürlich bei uns schlafen wird. Ein Hotel wäre zu teuer. Dabei verdient Martins Schwester an einem Tag mehr, als ich in einer Woche bei Aldi lasse!
In der Flasche ist kaum noch Eierlikör. Es lohnt sich nicht, den Rest aufzuheben. Er reicht nur für ein Schnapsgläschen. Also gönne ich mir eins. Schließlich habe ich Geburtstag! Ich muss mir nur gleich die Zähne putzen, damit die anderen Mütter nicht denken, ich sei ein Alki. Es reicht mir schon, wenn ich mittags nach fettigen Pfannkuchen oder gebratenen Zwiebeln rieche, nur damit das Essen fertig ist, bevor ich die Kinder abhole.
Alle Köpfe drehen sich zur Tür, als Wiebke hereinkommt. Wie immer viel zu spät. Nachdem sie per SMS angekündigt hat, dass sie es nicht zum Essen schafft, hat meine Schwiegermutter Hildegard von allem etwas beiseitegelegt, damit ihre arme Tochter nicht verhungern muss. Als ich Wiebke sehe, kann ich Hildegards Sorge verstehen. So schlank war ich mit fünfzehn! Trotzdem schiebe ich mir erst den letzten Löffel Mousse au Chocolat in den Mund, bevor ich Wiebke begrüße.
»Eve, meine Süße, es ist so schön, dich wiederzusehen!«
Wiebkes Umarmung ist so viel stärker als meine.
»Und was macht mein Patenkind?«
Anna fliegt ihr in die Arme.
»Ihr habt euch lange nicht gesehen.«
»Ach, Eve, ich habe gerade so viele Drehs.« Sie wirbelt Anna durch die Luft. »Anna, weißt du was, irgendwann nehme ich dich mal mit!«
»Au ja!«
Einer Regieassistentin bei der Arbeit zuzuschauen ist auch spannender, als Mutti beim Wäschesortieren zu helfen.
»An welchem Film arbeitest du denn gerade?«
Das fragt ausgerechnet meine Mutter! Meine Mutter, die mich seit vier Jahren nur noch fragt, wie es den Kindern geht!
»Zurzeit drehen wir den Tatort. Den Kölner Tatort.«
»Wirklich? Den lieben wir!«
»Ich weiß. Martin hat mir schon erzählt, dass ihr den genauso gerne guckt wie unsere Eltern.«
Sie zückt zwei Autogrammkarten aus ihrer Freitag-Tasche und verteilt sie an die beiden Omas. Sie lächeln so entzückt wie ihre Männer nachsichtig. Und die Kommissare Ballauf und Schenk lächeln zurück.
Jeder hat Wiebke gern. Sogar sie selbst. Warum krampft sich bei mir nur alles zusammen, wenn ihr die Herzen zufliegen? Wie die Weihnachtsfrau persönlich verteilt sie an ihre Nichte noch ein Prinzessin-Lillifee-Tagebuch für Annas erste Geheimnisse und zwei Käpt’n-Sharky-T-Shirts an die Jungs. Meine Güte, feiern wir hier Weihnachten oder meinen Geburtstag?
»Für dich habe ich natürlich auch ein Geschenk!«
Ein Buch, aha. Als könnte sie meinen Geschmack treffen! Unter dem Geschenkpapier tritt ein Titel zutage, der mich rot werden lässt. Mein Vater, der neben mir sitzt, sortiert peinlich berührt das Besteck. Martin grinst.
»Lass dich von dem Wort ›Bitterfotze‹ nicht irritieren!«, spricht Wiebke das Unsagbare aus.
»Mama, was ist denn eine Bitterfotze?«
»Ein böses Wort. Eins, das man nicht sagen darf!«
»So wie Arschloch?«
»So ungefähr.«
»Der Titel klingt vielleicht krass, aber in Schweden hat dieses Buch eine Revolution ausgelöst. Ich fand es super! Seitdem sehe ich Mütter mit ganz anderen Augen.«
»Und mit welchen?« Soll ich ihr sagen, wie ich über sie denke?
»Na ja, ich habe jetzt mehr … mehr Mitleid, ich meine … Mitgefühl, nein, das ist auch das falsche Wort, Achtung, ja genau, Achtung meine ich …«
Anscheinend nicht.
Martin und ich räumen die Küche auf. Wiebke bringt die Kinder ins Bett. Die anderen sind schon weg.
»Es tut mir leid wegen des Geschenks.«
»Misslungene Geschenke scheinen bei dir ja in der Familie zu liegen.« Ich kratze die Reste von den Tellern und lasse sie in den Mülleimer rutschen.
Martin stellt die Schüsseln in den Schrank. Vor lauter schlechtem Gewissen gibt er mir nicht mal Kontra. Aber das macht er ohnehin selten.
»Wiebke passt netterweise gleich auf die Kinder auf.«
»Ja, und?«
»Dann könnten wir beide noch ausgehen.«
»Jetzt?« Ich würde am liebsten nur noch ins Bett.
»Komm schon! Wenigstens ein Kölsch um die Ecke.«
Nur weil ich mich seit Jahren darüber beschwere, dass wir nie spontan weggehen, stimme ich zu.
Das Kölsch ist angenehm kühl, die Luft verraucht. Auch wenn aus der düsteren, typisch kölschen Schenke das schicke »Brauhaus ohne Namen« geworden ist, kann dieser Laden seine dunkle Vergangenheit einfach nicht verbergen. Es kommt mir vor, als würden die Gäste gleich ihre Skatkarten oder Dartpfeile auspacken und der Köbes einen Kaffee nach 17.00 Uhr für eine Unverschämtheit halten. Die meisten sind älter als wir. Das Paar neben uns isst schweigend. Ich kann ihren Anblick kaum ertragen. Wie weit sind wir davon entfernt?
Ich erinnere mich daran, wie Martin und ich auf der Wiese lagen und an Gänseblümchen zupften. »Liebt er mich?«, »Liebt sie mich?«, fragten wir, weil wir uns nicht trauten, uns gegenseitig unsere Liebe zu gestehen. Lächerlich kommt mir das heute vor. Was nützt der ganze romantische Firlefanz, wenn der Mann nicht die Spülmaschine einräumt und freiwillig mit den Kindern spielt? Meiner Tochter werde ich auf jeden Fall vermitteln, dass ein Kerl, der die Kinder ins Bett bringt, mehr wert ist als einer, der die Sterne vom Himmel holt. Aber wenn ich es jetzt auf eine Grundsatzdiskussion anlege, war das wahrscheinlich das letzte spontane Ausgehen unseres Lebens. Dabei wünsche ich mir das Gefühl von damals doch so sehr zurück.
»Es ist schön, dass wir mal wieder etwas alleine machen«, sage ich deshalb. Vielleicht werden solche Sätze zu Zauberformeln, die den alten Reiz zurückbringen.
Ich hasse mich jetzt schon dafür, dass mehr Gläser Kölsch hinter mir als Stunden Schlaf vor mir liegen. Außerdem rieche ich wie ein Aschenbecher, weil diese Kneipe sich als Raucherclub bezeichnet. War ich froh, als ich endlich wieder an die frische Luft durfte!
»Eve, kommst du endlich ins Bett?«
Ich kenne diesen Tonfall in Martins Stimme. Aber heute kann ich wirklich keinen Sex gebrauchen. Das kostet mich mindestens noch eine halbe Stunde Schlaf. Als ich letztens erst um halb zehn in den Kindergarten kam, war die Tür schon abgesperrt. Und ich glaube kaum, dass niemand die Klingel gehört hat. Die Erzieherinnen sollten sich lieber auf die Erziehung der Kinder konzentrieren, anstatt den Müttern Lektionen zu erteilen.
»Ich komme gleich. Muss mir nur noch die Zähne putzen und so.«
»Und so« heißt in Ruhe eincremen. Ich könnte mir auch die Fingernägel lackieren. Bis die trocken sind, wäre Martin längst eingeschlafen. Als ich meinen BH ausziehe, rutschen meine Brüste eine Etage tiefer. Ich halte sie mit den Händen hoch und betrachte mich im Spiegel. Meine Finger spüren etwas Störendes. Es fühlt sich an wie die Murmel, auf der ich letztens ausgerutscht bin. Ich versuche es wegzukratzen, als wäre es ein vertrockneter Mückenstich. Aber dieses Ding liegt nicht an der Oberfläche. Es ist in meiner Brust!
Wann war ich denn das letzte Mal bei der Vorsorgeuntersuchung? Erst vor drei Jahren. Die paar Jahre werden doch nicht so viel ausmachen. Ich schiebe den Knoten hin und her. Zum Glück lässt er sich bewegen. Das ist ein gutes Zeichen. Warum gehe ich auch immer vom Schlimmsten aus? Achtzig Prozent aller Knoten sind harmlos. Es lohnt sich nicht, sich Sorgen zu machen, bevor man weiß, was es ist. Gleich morgen früh werde ich bei der Frauenärztin anrufen.
Immerhin ist Martin schon eingeschlafen, als ich ins Schlafzimmer komme.
Manchmal kann es ein Glück sein, sich den Daumen zu brechen. Ja, ich gebe zu, ich habe auch den Ratgeber Stroh zu Gold spinnen – Von der Heilkraft positiven Denkens betreut. Ich liege im Bett und lasse den gestrigen Abend vor meinem inneren Auge ablaufen. Immer wenn Sebastian Goldmann auftaucht, schalte ich auf Nahaufnahme, um seine wundervoll glitzernden Bernsteinaugen zu genießen.
Als ich nach dem Treffen mit Isabel nach Hause kam, hatte ich das starke Bedürfnis, irgendetwas zu tun, das meinem Leben neue Energie geben könnte. Da neu geschaffener Platz automatisch neue Inhalte anziehen soll, fing ich an, meine Wohnung auszumisten.
Mein Billy-Regal beherbergte Bücher und Zeitschriften, die ich nicht mal mehr aus der 50-Cent-Kiste auf dem Flohmarkt mitnehmen würde. Also ließ ich einen Brocken nach dem anderen zu Boden fallen und freute mich darauf, morgen einen großen Karton in die Altpapiertonne zu werfen. Um an die oberen Reihen zu kommen, rollte ich meinen Schreibtischstuhl vor das Regal. Einen Stapel Psychologie heute und die Birgit-Vanderbeke-Sammlung, die mir meine Mutter zum achtzehnten Geburtstag geschenkt hat, wollte ich doch behalten. Da fiel mir Die Leiden des jungen Werther in die Hände. »Meinem Schatz zum 20. Geburtstag! Dein Thorsten.« Bereits da hätte mir klar sein müssen, dass es mit uns beiden nichts wird. Erstens sind Schätze völlig austauschbar. Vielleicht hatte er die Widmung schon für seine Ex reingeschrieben und vergessen, ihr das Buch zu geben. Zweitens sind ausgerechnet Die Leiden des jungen Werther so ziemlich das letzte Buch, das man seiner Freundin schenken sollte, um seine Liebe zu ihr auszudrücken. Drittens habe ich ihm hundertmal erzählt, dass ich über dieses Buch meine Abi-Prüfung geschrieben habe und es schon deshalb nicht mehr sehen kann! Er hat mir also nicht mal zugehört.
In meiner Euphorie über die Befreiung von den Altlasten stieß ich mich schwungvoll vom Regal ab. Der Plan war, stehend auf dem Drehstuhl Richtung Papierkorb zu gleiten und das Buch aus zwei Metern Höhe in den Abgrund zu schmeißen. Stattdessen kippte der Stuhl. Mein Daumen berührte den Boden zuerst und schaffte es nicht, sich die folgende Last vom Leibe zu halten. Ich wusste bis dahin nicht, wie weh ein Daumen tun kann! Außerdem gehorchte er mir nicht mehr.
Sollte ich einen Krankenwagen rufen? Doch nicht wegen eines gebrochenen Daumens! Die würden mich anschauen wie eine Mimose. Also steckte ich mir mit der unverletzten Hand Geld und Krankenkassenkarte in die Hosentasche und lief los. In Köln-Deutz kann man zwar nicht vernünftig ausgehen, aber immerhin liegt das Krankenhaus gleich um die Ecke.
»Wäre es möglich, dass bei Ihnen eine Schwangerschaft vorliegt?«, fragte mich die Schwester in der Notaufnahme so beiläufig, als wäre ein Baby in meinem Bauch völlig absurd. Nicht schon wieder dieses Thema!
»Nein, dazu braucht man normalerweise einen Mann.«
»Nicht notwendigerweise!«, antwortete sie und ließ die Mine des Kulis einschnappen. War das etwa ein Hinweis mit übersinnlichem Gehalt?
Ich wollte ihr gerade antworten, dass mir auf dem Gebiet der Lebensberatung keiner was vormachen könne, da schob sie mich auch schon in den Röntgenraum und zog die Tür hinter sich zu.
Das Duett meines pochenden Daumens und des summenden Gerätes wurde jäh unterbrochen. »Nehmen Sie noch einen Moment hier Platz!«, befahl die Schwester, während sie meine Geisterhand an die Wand heftete. Die würde morgen im Büro nicht viel nützlicher sein als ein Briefbeschwerer.
Eine warme männliche Stimme riss mich aus meinen Gedanken. »Sind Sie Alice Schönfeld?«
Ich nickte und hielt dem Arzt meine Hand hin. Er nahm sie in die seine, und ich war dankbar, dass er mich nicht fragte, wie ich mir den Daumen gebrochen hatte.
Während er mir den Daumen schiente und verband, schaute ich mir diesen Mann genauer an. »Dr. Sebastian Goldmann« stand auf seinem Schildchen. Er war anscheinend nur ein paar Jahre älter als ich und hatte bernsteinfarbene Augen. Wunderschöne Augen!
Hey, komm mal wieder runter, er rettet nicht dein Leben, er macht nur seinen Job, sagte ich mir, als er mich anlächelte. Seine Hände bedeckten meine rechte Hand wie eine schützende Pyramide, und ich drängte all die peinlichen Gedanken zurück, die wie eine Karawane hartnäckiger Kamele in mich hineinschaukelten.
»Sie müssen in zwei Tagen noch einmal zur Kontrolle, entweder hier im Krankenhaus oder bei Ihrem Hausarzt. Sie können natürlich gerne zu uns kommen.«
Ich spürte, wie meine Wangen feuerrot wurden. Warum mussten die Neonröhren auch so verdammt hell leuchten? Einen kurzen Moment sah ich ihm tief in die Augen. Dann kam die Schwester herein und meldete einen spektakulären Verkehrsunfall, gegen den mein Daumen keine Chance hatte.
Ich habe mich noch nie für einen Mann lächerlich gemacht. Gestern hätte ich es vielleicht tun sollen. Wieder und wieder rufe ich mir die Szene in Erinnerung, in der er sich im Türrahmen noch einmal nach mir umdreht. Und jedes Mal durchfährt mich ein wohliger Schauer. Wie soll ich nur die zwei Tage bis zur Kontrolle durchhalten?
So gut es mit der linken Hand eben geht, tippe ich »Sebastian Goldmann« bei Google ein. Was waren das noch für Zeiten, als das FBI sich cool vorkam, wenn der Computer über einen Verbrecher drei grüne Zeilen auf schwarzem Hintergrund ausspuckte! Ah, er hat in Köln studiert, war ein Jahr in Venezuela und hat seine Doktorarbeit über die Sterblichkeitsrate bei Herzoperationen geschrieben. Das steht alles auf der Krankenhausseite. Die Suche bei XING bleibt ergebnislos. Wozu braucht man als Arzt auch so ein Netzwerk? Aber nicht mal bei Facebook hat er ein Profil! Wahrscheinlich ist er so hoffnungslos altmodisch, dass er in einer Kutsche vorfährt, wenn er der Frau seiner Träume einen Heiratsantrag macht.
Verflixt noch mal! Wo ist nur die Nummer meiner Frauenärztin? Klar, im Mutterpass – aber wo ist der?
»Mama, darf ich ein Eis?«
»Haben! Darf ich ein Eis haben, heißt es. Ja, nimm dir eins!« Simon trappelt los. »Und gib den anderen auch eins! Und mach das Gefrierfach wieder gescheit zu!«
Endlich habe ich den Mutterpass gefunden und ziehe ihn aus der Schublade. Ich wähle die Nummer. »Kein Anschluss unter dieser Nummer.« Erleichtert lege ich auf. Ein Blick in die Küche verrät mir, dass die Kinder tatsächlich alle drei am Tisch sitzen und an Flutschfingern lutschen. Ich habe also keine Ausrede, um die Telefonnummer nicht sofort im Internet zu suchen. Einen kurzen Moment lang bin ich versucht, »Symptome für Brustkrebs« bei Google einzugeben, damit ich weiß, ob der Arztbesuch überhaupt nötig ist. Ich fürchte, ein Knoten gehört aber auf jeden Fall zu den Verdachtsmomenten.
Ich war also schon so lange nicht mehr bei meiner Frauenärztin, dass ich nicht einmal ihren Umzug mitbekommen habe. Trotzdem erkennt mich meine alte Sprechstundenhilfe am Telefon.
»Ach, Sie sind es, Frau Keller!«, begrüßt sie mich freundlich. »Ihre Drillinge müssten jetzt doch auch schon ein paar Jahre alt sein.«
»Ich weiß, ich weiß, ich war etwas nachlässig. Ich müsste unbedingt mal wieder zur Vorsorge.« Ich bringe den impliziten Vorwurf lieber gleich selbst zur Sprache.
»Mamaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!«
»Ich verstehe Sie gar nicht mehr …«
Das geht mir genauso, also versuche ich, mein »Entschuldigung« noch lauter zu rufen als die Kinder nach mir und lege auf. Mist, die Suppe, hoffentlich hat keiner die Suppe vom Herd gezogen! Ich hätte die Kinder nicht allein in der Küche lassen dürfen, während der Herd an ist! Letztens habe ich von einem Kind gelesen, das für immer gezeichnet ist, weil seine Mutter den Wasserkocher zu nah an den Rand der Arbeitsplatte gestellt hatte. Als ich bemerke, dass es sich bei der Katastrophe nur um eine Bagatelle handelt, steigt Wut in mir hoch.
»Mama, der Florian hat mich geschubst, und jetzt ist mein Eis kaputt.«
Auf dem Boden liegt ein zerbrochener Flutschfinger.
Was klingelt da plötzlich in meiner Hand? Ach, das Telefon. »Nimm dir ein neues!« Ich gehe den Weg des geringsten Widerstandes und drücke auf den grünen Hörer. Die Sprechstundenhilfe.
»Es ist keins mehr da!«, quengelt Simon.
»Entschuldigung, alles wieder in Ordnung?«
»Ja, ja … das waren nur die Kinder«, antworte ich mit dem Telefon zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt und versuche, die bunte Eissoße aufzuwischen.
»Wegen Ihres Termins, ist es akut oder nur zur Vorsorge?«
»Nichts Schlimmes …« Ich muss ja nicht gleich alle einweihen.
»Keine Beschwerden?«
»Nein, es geht mir bestens.«
Statt sich über sein neues Eis zu freuen, haut Simon es seinem Bruder aus Rache auf den Kopf.
»Gut, dann reicht ein Termin in …«
Als Revanche zieht Florian mit verschmierten Fingern an Simons Haaren. Das Telefon rutscht mir aus der Hand und fällt in die Eispfütze. Ich höre nicht, wann es einen Termin gibt. Ich höre nur noch Geschrei und brülle die Kinder an: »Nicht einmal telefonieren kann ich mit euch!«
Sechs verschreckte Augen starren mich an. Die eisverklebten Münder stehen vor Entsetzen offen.
»Mama, warum heulst du?«, fragt Simon.
»Weil ich euch so angebrüllt habe!«, brülle ich sie an.
»Und warum machst du das dann?«
Ja, warum mache ich das? Ich wollte nie eine von diesen Müttern sein!
»Tut es weh?«
Artig schüttele ich den Kopf. Sie kann doch nichts dafür, dass sie nicht Sebastian Goldmann ist.
»Und wann kann ich zur Abschlussuntersuchung kommen?«
»In zwei Wochen, aber bitte bei einem niedergelassenen Arzt. Das hätten Sie eigentlich schon heute tun sollen.«
Er wollte also, dass ich wiederkomme! Gut zu wissen. Ich werde einfach so lange am Eingang warten, bis er mir über den Weg läuft.
Manche Leute, die ich im Park vor dem Krankenhaus treffe, sehen aus, als würden sie hier wohnen. Ein alter Mann mit Rollator holt sich gerade ein Päckchen Zigaretten am Kiosk. Das Leben kann sehr lange dauern, selbst wenn man was dagegen tut. Ich habe also alle Zeit der Welt. Die Sirene des Krankenwagens erinnert mich daran, dass es auch genau umgekehrt sein kann. Und Sebastian Goldmann, der mit zwei Bechern auf mich zukommt, zeigt mir, dass man manchmal für sein Glück gar nicht viel tun muss.
»Sie sitzen hier schon so lange im Kalten, da dachte ich, ein Kaffee könnte Ihnen guttun.«
Sein »Sie« kommt mir absurd vor, auch wenn ich grundsätzlich nicht jeden in meinem Alter duzen muss.
»Danke für den Kaffee. Das ist sehr nett von Ihnen.«
Wir müssen beide lächeln.
»Wie geht es dem Daumen?«
Diesmal vermeidet er die Anrede, strahlt dafür aber umso mehr.
»Gut. Wirklich, Sie haben ihn wunderbar verbunden.«
Ich trinke schnell einen Schluck Kaffee, um von der Röte abzulenken, die mir gerade wieder ins Gesicht kriecht.
»Also, wenn Sie sich noch mal was brechen – ich helfe Ihnen gerne wieder!«
Während ich fieberhaft überlege, auf welchen Körperteil ich ein paar Wochen verzichten könnte, kommt eine dicke alte Frau auf uns zu. Der Schlabberpulli steckt ihr hinten in der Jogginghose.
»Guten Tag, Herr Doktor. Gut, dass ich Sie treffe.«
Ich finde das überhaupt nicht gut. Nicht, dass ich Angst hätte, sie würde ihn mir ausspannen, aber ich bin doch gerade dabei, ihn kennenzulernen. Wenn sie sich jetzt bei ihm unterhakt und ihn mitschleift, sehe ich ihn vielleicht nie wieder!
»Herr Doktor, Sie müssen darauf achten, dass mein Mann genug trinkt.«
Und ich dachte, es ginge um Leben und Tod!
»Sie müssen sich keine Sorgen machen, Frau Fischer. Ich werde gleich nach Ihrem Mann schauen und dafür sorgen, dass ihm nichts fehlt.« Er nimmt ihre Hand in seine, fast so wie damals bei mir. Vielleicht ist seine Freundlichkeit mir gegenüber auch nur ein karitativer Impuls? Ich suche nach einem Zeichen in seinen Augen und finde weder Ungeduld noch Gereiztheit. Ich sehe einen Ausdruck von Mitgefühl, wie ich es nie aufbringen könnte. Nicht Leuten gegenüber, die mit unwichtigen Fragen meine Zeit stehlen. Als hätte Frau Fischer meine Gedanken gelesen, trollt sie sich davon.
Wenn er einer beliebigen Person gegenüber so liebevoll sein kann, wie sehr könnte er mich dann lieben? Ich weiß, dass er einer dieser Männer fürs Leben ist. Er würde mit seinen Kindern mehr teilen als bloß die Augenfarbe. Nicht so wie mein Vater. Von dem weiß ich nur, dass er meine Mutter geschwängert hat. Vielleicht habe ich auch die grünen Augen von ihm. Oder die roten Haare. Wenn meine Mutter mir wenigstens das verraten würde. Aber jetzt steht erst mal eine andere Mission an. Mission Sebastian Goldmann!
»Ich möchte mir aber nicht wieder etwas brechen müssen, um dich, äh, Sie wiederzusehen.« Ich schaffe es tatsächlich, den Satz über die Lippen zu bringen, ohne rot zu werden. Ganz im Gegensatz zu Sebastian, dem dabei doch prompt ein roter Schatten übers Gesicht huscht. Wie er mich anschaut! Es ist dieser Blick vor dem ersten Kuss. Ich höre nichts mehr um mich herum, ich sehe nur noch seine Augen, in die ich gerne hineinfallen würde. Meine Mutter hat mich mit zehn über den Sinn des Küssens aufgeklärt. Blitzschneller Austausch von Erbinformationen. Besser als jedes Verhör verrät der Speichel, ob wir zusammenpassen. Ob unser Erbgut zusammenpasst. Ich brauche ihm jedoch nur in die Augen zu schauen, um zu wissen, dass wir zueinander gehören.
»So lange möchte ich auch nicht warten«, antwortet er und räuspert sich leise. Ein seltsames Geräusch funkt uns dazwischen – sein Piepser meldet einen Notfall.
»Ich habe um acht frei, hätten Sie … hättest du Lust, mich abzuholen?«
»Gerne!«
Während ich ihn anstrahle, verschwindet er hinter der Glastür des Haupteingangs. Alles erscheint mir so selbstverständlich. Es ist kein bisschen von dieser Angst zu spüren, die bisher jeden meiner Annäherungsversuche begleitet hat. Wird er mich nett, intelligent, schön, witzig und interessant finden? Egal. Wichtig ist nur, dass er mich überhaupt gefunden hat.
Ich glaube, dass die Seele in Sekunden erfassen kann, wofür der Verstand Jahrzehnte braucht. Gerade eben habe ich den einen Menschen gefunden, der zu mir gehört. Und ich kann es kaum erwarten, ihn wiederzusehen.
Vor ungeschütztem Sonnenbaden, 0190-Nummern und Gift in Erdbeeren wird gewarnt, aber wo bleibt eigentlich der Verbraucherschutz, wenn es um Arterhaltung geht? Um das, was wir im Alltag Liebe nennen, Zärtlichkeit, das Verschmelzen zweier Seelen … pah! Das Einzige, was schmilzt wie Eis in der Sonne, ist die Leidenschaft, wenn man nur lang genug zusammen ist.
Es ist nicht so, dass mich keiner gewarnt hätte. Jeder spricht vom sogenannten Lauf der Dinge, der gerade für die Männer irgendwann im zweiten Frühling endet. Dass ich einmal glaubte, mein Leben ohne Martin sei sinnlos, hat jedenfalls zur Folge, dass ich meine freie Zeit mit Sisyphusarbeit verbringe. Besser gesagt: meine gesamte Zeit. Freie Zeit hatte ich zuletzt, als ich einen Tag vor dem Kaiserschnitt das erste Mal in meinem Leben zur Kosmetikerin gegangen bin. Sozusagen als Beweis, dass mich das Muttersein optisch nicht in die Knie zwingen wird.
Jede Tasse, die ich in die Spülmaschine stelle, wiegt gefühlte drei Kilo. Ich sollte mich nicht beschweren, zumindest habe ich so ein Ding. Jede Haferflocke am Boden grüßt mich täglich wie das Murmeltier ohne Aussicht auf ein Ende. Und von Martin sehe ich nichts als die dreckige Wäsche, die ich vom Badezimmerboden aufsammle. Diese Arbeit ist weder bezahlt noch erfüllend. Sie lenkt mich nicht einmal von dem bevorstehenden Frauenarzttermin ab.
Bin ich jetzt also das, was man neuerdings eine »Bitterfotze« nennt? Diese grinsende Mutter auf dem Titelbild hat nichts mit mir gemeinsam. Dann schon eher die Autorin, die auf dem Bild so etwas Zorniges an sich hat, was Männer gleich als unweiblich bezeichnen. Wie die meisten meiner Freundinnen habe ich Simone de Beauvoir und ihre Schwestern im Geiste zwar gelesen, ihre Bücher aber immer als Zeugnis einer vergangenen Zeit angesehen. Ich werde jetzt noch rot vor Scham, wenn ich daran denke, wie ich mich bei meiner Mutter immer an den fertig gedeckten Tisch gesetzt und ihr Vorträge über die Geschlechterrollen gehalten habe. Dabei fand ich mich emanzipiert, wenn ich mich in der von Mami gebügelten 501 weigerte, den Tisch zu decken. Schließlich wollte ich die gleichen Rechte wie Papi. »Du wirst deine Meinung schon noch ändern, wenn du selbst mal Kinder hast«, sagte meine Mutter damals. Ich schwor mir, nie so gleichmütig alles zu schlucken, wie sie es meistens tat.
Aber Kinder stellen anscheinend immer noch eine Urgewalt dar, die uns in die Höhle zurückzwingt. Die Tatsache, dass diese Höhle die Frontverkleidung einer schicken Ikea-Küche hat, ändert nichts an ihrer Enge. Werden die Kinder irgendeinen Schaden erleiden, wenn ich die Fußabdrücke auf dem Küchenboden noch ein paar Tage lasse? Allein dass ich mir so eine Frage stelle, zeugt davon, dass das Muttersein bereits ein paar gewaltige Narben in meinem Gehirn hinterlassen hat. Ich kippe das Putzwasser wieder aus, schnappe mir das Buch von meiner Schwägerin und schaue mir an, was die Bitterfotze zu sagen hat.
Ich glaube, unsere Hände haben sich gerade schon zum dritten Mal zufällig berührt. Wir spazieren den Rhein Richtung Südstadt entlang und unterhalten uns schon seit zwei Stunden. Doch als wir beide gleichzeitig bewusst nach der Hand des anderen greifen, schweigen wir fast andächtig. Ob wir jetzt zusammen sind? Kann man das nach so kurzer Zeit behaupten? Ich weiß, es klingt ziemlich abgedroschen, aber in diesem Fall fühlt es sich so an, als hätte ich ihn immer schon gekannt.
»Warum haben wir uns eigentlich nicht schon viel früher kennengelernt?«, fragt er und errät damit meine Gedanken.
Sein Gesicht ist so nah an meinem, dass ich die braunen Funken in seinen Augen sehen kann. Ich fühle mich hin und her gerissen zwischen dem Verlangen, ihn endlich zu küssen, und dem Bedürfnis, diesen Moment hinauszuzögern, so lange es geht.
Warum kann ich diesen Augenblick nicht einfach genießen, ohne gleich das Schicksal hineinzuinterpretieren? Und wenn schon Schicksal, was wäre eigentlich daran so schlimm?
Um Zeit zu gewinnen, erzähle ich ihm von meiner Arbeit. Vor allem von dem Eulenbusch-Projekt, für das ich Feuer und Flamme bin.
Zum Glück hält Sebastian genauso wenig von den Steinzeittheorien über Männer und Frauen wie ich. »Ich kann es nicht mehr hören, wenn unsere Narkoseärztin dauernd zu spät kommt, weil sie angeblich so lange fürs Einparken gebraucht hat. Und dann entschuldigt sie sich immer mit einem Lächeln, dass ihr Gehirn als das einer Frau nun einmal so strukturiert sei. Wir sind doch mehr als unser Geschlecht!«
So einen Mann brauche ich! Dass ich einen Führerschein habe, aber seit der Prüfung nicht mehr gefahren bin, behalte ich allerdings für mich. Ist einfach nie nötig gewesen. Davon abgesehen finde ich sowieso, dass jeder einen Orden verdient, der freiwillig kein Auto fährt. Denn was nützt die Mobilität, wenn es keine Erde mehr gibt?
»Weißt du, was ich total gut an dir finde?«
Na hoffentlich alles!
»Was denn?«
»Dass du so begeistert von deiner Arbeit sprichst. Ich habe echt das Gefühl, dass du mit ganzem Herzen dabei bist.«
»Das bin ich auch.«
Das stimmt nicht ganz. Ein Teil meines Herzens ist inzwischen nämlich bei ihm. Ich hänge an seinen Lippen, während er mir davon erzählt, wie er jeden Tag Leben rettet. Oder zumindest kleine Wunden versorgt.
»Aber jeden Tag nur gebrochene Beine gipsen oder Schnittwunden nähen ist auch nicht das, was ich mir vorgestellt habe. In Venezuela wird das endlich anders sein.«
»In Venezuela?«
»Ja, ein Kollege von mir arbeitet in Caracas im größten Krankenhaus der Stadt. Ich war vor ein paar Jahren selbst mal länger dort. Sie suchen dringend Verstärkung.«
Da will der Mann meiner Träume einfach nach Venezuela? Ist er etwa einer dieser notorischen Gutmenschen mit Helfersyndrom? Oder lastet gar irgendeine Schuld auf ihm, die er auf diese Weise abbauen möchte? Vielleicht sollte ich vorsichtig sein, damit ich nicht auch bald als Leiche in seinem Keller ende.
»Und wann ist es so weit?«, frage ich so neutral wie möglich.
»Frühestens in einem halben Jahr.« Er nimmt meine Hand und schaut mich an, als wäre er gar nicht mehr so sicher, ob er gehen soll. »Weißt du, Alice, die Menschen dort brauchen wirklich Unterstützung.«
»Ich weiß, und ich finde das echt bewundernswert von dir.« Ich räuspere mich. Das stimmt sogar, aber noch bewundernswerter fände ich, wenn er seine Meinung mir zuliebe ändern würde. Immerhin: Bis ein halbes Jahr vergangen ist, wird noch viel Wasser den Rhein hinunterfließen. Und damit unsere junge Liebe nicht gleich mit fortgespült wird, gilt es, den Augenblick zu nutzen. Ich beuge mich sanft vor, küsse ihn, und er küsst mich. Es ist der schönste und längste Kuss meines Lebens. Und ich bin mir absolut sicher, dass solch ein Traummann garantiert keine Leiche im Keller hat.
»Mama, wie war das eigentlich mit Oma?«
»Was meinst du, Eve?«, antwortet mir meine Mutter durchs Telefon.
Es hätte keinen Sinn, die Rede subtil auf das Thema zu lenken. Ich komme sowieso kaum zu Wort.
»Ich meine, woran hat sie gemerkt, dass sie Brustkrebs hat, und wie ging es dann weiter?«
»Sie hatte schon zwei große Knoten in der Brust. Ein Jahr später war sie tot. Erinnerst du dich gar nicht mehr daran? Du hast ihr doch noch die Schnuffi mit in den Sarg gegeben.«
Noch immer jagt mir diese Erinnerung einen Schauer über den Rücken, aber an die medizinischen Details erinnere ich mich nicht mehr. Ich war schließlich erst zehn. Zum Glück habe ich nur einen Knoten, und der ist klein.
»Warum fragst du eigentlich?«
Mütter spüren, wenn bei ihren Kindern etwas nicht in Ordnung ist, aber ich muss mich schützen.
»Nur so, ich muss demnächst wieder zur Vorsorge, du kennst mich, ich befürchte immer das Schlimmste.«
»Das ist auch nicht verkehrt! Wäre Oma zur Vorsorge gegangen, könnte sie heute noch leben.«
Ich hatte mich so auf Berlin gefreut, und jetzt frage ich mich allen Ernstes, ob ich mit einem gebrochenen Daumen überhaupt fahren kann.
»Ich ruf dich auch jeden Tag an!« Sebastian macht ein Gesicht, als stünde ich an der Rampe der Titanic und nicht an einem Bahnsteig des Kölner Hauptbahnhofes.
Etwas in mir will bei ihm bleiben. Etwas? Alles! Wozu brauche ich die Populärpsychologie über die Liebe, wenn ich sie in Fleisch und Blut erleben kann? Ich habe Frauen immer belächelt, die ihre Männer vermissen, wenn sie mal zwei Tage von ihnen getrennt sind.
Herr Meyer kommt mit seinem Koffer angehechtet. Er muss sich zwischen einer Gruppe Lappenclowns und Piraten durchkämpfen. Heute ist Weiberfastnacht. Ich bin zwar ein absoluter Lokalpatriot, aber die Liebe der Kölner zum Karneval habe ich nie richtig verstanden. Die ganze Stadt befindet sich von Weiberfastnacht bis Veilchendienstag in einer Art Ausnahmezustand. Und einmal Prinz zu sein ist für viele das Höchste der Gefühle. Dem Oberhaupt des Kölner Dreigestirns wird eine Saison lang der rote Teppich ausgelegt wie sonst nur dem Papst.
»Frau Schönfeld, der Zug fährt in fünf Minuten ab, wir sollten schon mal einsteigen!«
Ich reiße mich von Sebastian los und steige mit meinem Chef in den ICE.
Am liebsten würde ich während der Zugfahrt einen Brief an Sebastian schreiben, aber Herr Meyer erinnert mich daran, warum ich hier sitze.
»Frau Schönfeld, wir brauchen dringend auch eins von diesen Büchern, die den Menschen erklären, wie Frauen und Männer funktionieren. Am besten irgendetwas, das diese ganzen aktuellen Theorien über den Haufen wirft. Ich setze auf Ihren Charme, wenn es um Frau Eulenbusch geht.«
Herr Meyer hat von Psychologie wenig Ahnung, er hat BWL studiert. Dafür bin ich ihm aus zwei Gründen dankbar. Zum einen leitet er den Verlag so, dass für alle ein gutes Gehalt herausspringt, zum anderen vertraut er uns Mitarbeitern die inhaltliche Arbeit vorbehaltlos an.
»Ach, Herr Meyer, ich glaube, wenn man den Richtigen gefunden hat, dann ist es mit dem anderen Geschlecht eigentlich ganz einfach!«
Er guckt mich irritiert an. »Hören Sie auf! Menschen, die den Richtigen gefunden haben, brauchen keine Liebesratgeber mehr!« Dann lächelt er etwas entspannter. »Aber die wenigen dauerhaft glücklichen Paare gefährden unseren Verlag auch nicht.«
Ist mein Chef nicht auch schon länger verheiratet? Ich frage jetzt lieber nicht nach, auf welchen Erfahrungen seine ambivalente Haltung zur Liebe basiert.
Herr Meyer bestellt beim Zugbegleiter zwei Becher Kaffee. Je weiter Köln hinter uns liegt, desto mehr kann ich mich wieder in die Arbeit vertiefen. Ich muss gestehen, dass ich während unseres Brainstormings nur noch ganz selten an Sebastian denke. Wenn es mich schon so glücklich macht, an Konzepten für andere Autoren zu arbeiten, warum schreibe ich dann nicht endlich selbst ein Buch?
Warum schenken die hier überhaupt Bier aus, wenn sie einen dann scheel angucken, sobald man es trinkt? Oder gucken die mich so an, weil sich meine Verkleidung auf zwei Herzchen auf der Wange beschränkt? Oder weil meine Kinder die Einzigen ohne selbst genähtes Kostüm sind? Ich habe ihnen einfach drei von diesen Ganzkörperkostümen gekauft. Einen Hund, einen Löwen und einen Frosch. Anna wollte lieber ein Einhorn sein, aber das gab es einen Tag vor Weiberfastnacht natürlich nicht mehr.
Oder denken die, ich hätte Florian geschlagen? Seine Beule auf der Stirn hat er von Simon, weil der lieber Frosch als Hund werden, Simon das Kostüm aber nicht tauschen wollte.
Die blonde Hexe neben mir sieht eigentlich ganz nett aus. Die zwei Meerjungfrauen gucken allerdings eher wie alte Heringe. Seit zehn Minuten überlege ich, wie ich mich ins Gespräch einklinken könnte.
»Ihre Kostüme sehen toll aus!« Das ist noch nicht mal gelogen.
»Danke, wir haben lange überlegt, wie wir die Piratenbraut vom letzten Jahr noch toppen können«, antworten die zwei Grazien aus dem Meer.
»Ihr näht jedes Jahr etwas Neues?«
»Klar!«
»Und euren Kindern auch?«
»Natürlich.«
Zum Glück mischt sich die Hexe ein. »Dieses Kostüm ist das letzte, was ich mir genäht habe, danach bin ich schwanger geworden.«
»Also mir passt nichts mehr von früher«, antworte ich bewundernd. Gespräche über die überflüssigen Kilos kommen doch bei den meisten Frauen gut an.
»Man muss schon sehr diszipliniert sein, um nicht auseinanderzugehen, wenn man Kinder hat.« Die eine Meerjungfrau schaut vorwurfsvoll auf mein Bierglas, obwohl sie definitiv einen dickeren Hintern hat als ich.
Damals, als mir noch alles passte, was jetzt in meinem Kleiderschrank auf ein Wunder wartet, habe ich mir auch immer die tollsten Kostüme kreiert. In denen habe ich dann von Weiberfastnacht bis Veilchendienstag durchgefeiert. Jetzt sehne ich mich nur noch nach dem Aschermittwoch.
Meinen Kleinen scheint es nicht anders zu gehen. Die Kinder der Mäusegruppe sitzen im Kreis und sollen schunkeln. Nur meine machen dabei ein todernstes Gesicht und gucken böse, wenn sie schon wieder einen Ellenbogen in die Rippen gerammt bekommen.
Für wen veranstalten die Erzieherinnen diese Quälerei eigentlich? Und das außerhalb der Öffnungszeiten? Ich nehme das dritte Kölsch von dem weiblichen Lappenclown entgegen. Männer gibt es hier natürlich keine. Die müssen wie immer angeblich arbeiten. Dabei lassen die sich vermutlich gerade von ihrer beschwipsten Sekretärin den Schlips abschneiden. Bei dem einen oder anderen wäre eine Etage tiefer angebrachter.
Ich schaue in die tristen Gesichter der Damen um mich herum und fühle mich auf einmal total verstanden. Vielleicht geht es ihnen ja genauso wie mir, und wir alle halten immer nur die Fassade aufrecht. Aber will ich denn überhaupt einen ehrlichen Austausch mit meinen Leidensgenossinnen? Sich gegenseitig die Nöte erzählen und am Ende ein peinliches »Wird schon wieder!« hören? Na ja, eine muss schließlich den ersten Schritt machen. »Fühlt ihr euch auch manchmal so bitterfotzig?«, frage ich in die Runde.
Die Meerjungfrauen, der weibliche Lappenclown, ja sogar die Matrosendame vom Nebentisch schauen mich konsterniert an.
Nur die Hexe fragt freundlich: »So was?«
»Verbittert«, sage ich kleinlaut. Wiebke hat doch gesagt, dieses Buch sei ein Bestseller, in dem sich Millionen Leserinnen wiedergefunden hätten. Warum sitzt dann außer mir keine davon hier?
Ich habe mich für das Zuhören statt für das Mitschreiben entschieden und lege mein Notizbuch beiseite. Bei einer Veranstaltung wie dieser gibt es nachher sowieso einen Stapel Material.
Frau Eulenbusch beendet ihren Vortrag über die Zerstörung der Liebe durch die traditionelle Rollenverteilung. »Es bleibt eine traurige Tatsache: Durch die Geburt von Kindern geraten Paare in eine Abwärtsspirale zurück in Rollenmuster, die den modernen Menschen leiden lassen.«
Die Psychologin und Autorin Sabine Eulenbusch sitzt mit ihrer Assistentin am Pult. Sie streicht ihre grauen Haare zurück und schaut in die Menge, als habe sie wenig Lust, ihre Thesen mit den Zuhörern zu diskutieren. Wenn ich mich so umschaue, ahne ich auch, warum. Die meisten im Publikum sind Männer fortgeschrittenen Alters. Für die ist die Gleichberechtigung ebenso nützlich wie die Abschaffung der Leibeigenschaft für Großgrundbesitzer.
Frau Eulenbusch kämpft wahrscheinlich schon seit einer Zeit, in der sie für ihre Aussagen noch als Emanze beschimpft wurde. Sie wirkt müde. Frauen meines Alters sind kaum welche da. Warum auch? Ich meine, welche Frau meiner Generation stellt ihre Rechte überhaupt noch infrage? Natürlich gibt es so ein paar unverbesserliche Reaktionäre, aber die haben nichts zu sagen. Mit diesen Männern würden wir uns sowieso nie abgeben und schon gar keine Kinder mit ihnen bekommen. Ihr Geschrei ist doch eigentlich nichts als ein Trauermarsch, der den eigenen Abgang würdevoll untermalen soll. Selbst Frau Eulenbuschs Thesen kommen mir mittlerweile vollkommen überflüssig vor. Gut, die Generation meiner Mutter musste noch um Gleichberechtigung kämpfen. Aber wir? Ohne Kinder ist das Thema mittlerweile überholt. Und selbst mit Kindern kann sich doch jede Frau bei uns das Leben so gestalten, wie sie es möchte. Der Arbeitsplatz wird freigehalten und das Kind später von kompetenten Zweitmüttern pädagogisch wertvoll gefördert. Wem die Früchte in unserem gelobten Land nicht schmecken, der soll sie eben für jene hängen lassen, die etwas aus ihrem Leben machen!
»Frau Eulenbusch, nehmen wir den Frauen nicht ihre Weiblichkeit, wenn wir ihnen die Hoheit über ein gemütliches Heim entreißen?«
Ich glaube es nicht! Da liefert tatsächlich einer einen Vorschlag für die dämlichste Frage des Nachmittags. Das wird Isabel mir kaum glauben, dass solche Typen wirklich noch existieren.
Sabine Eulenbusch rückt ihre Brille zurecht und lässt sich nichts anmerken. »Wenn Sie der Frau die Hoheit im häuslichen Bereich überlassen möchten, bitte schön, sehr gerne! Wenn Sie, wie sich das für einen guten Untertan gehört, auch niedere Dienste wie Staubsaugen verrichten und Sie beide damit glücklich sind, ist doch alles wunderbar.«
Frau Eulenbusch schafft es sogar, diesem Mann ein charmantes Lächeln zu schenken, bevor sie fortfährt. »Ich hatte mal einen Patienten in der Praxis, der bekam Depressionen in dem Haus, das seine Frau seit Jahren liebevoll, aber geschmacklos einrichtete. Er durfte nicht einmal die Kissen mit aussuchen. Immer wenn er versuchte, ihr Tipps zu geben, bekam sie Angst, er wäre homosexuell und würde sie verlassen. Wir stehen unserem Glück mit unseren Rollenvorstellungen selbst im Wege.«
Alle lachen, obwohl das ja wohl eher ein Fall zum Heulen ist.
»Haben Sie auch das Gefühl«, fragt ein anderer Herr aus dem Publikum, »dass der Mann heute viel stärker in den Ketten der Rollenverteilung gefangen ist? Das fängt doch schon im Kindergarten an! Alle Eltern sind stolz, wenn ihre Maries, Lenas oder Sophias sich mal als Ritter verkleiden. Aber wehe, ein Junge kommt als Prinzessin! Sie können sich gar nicht vorstellen, wie ich angestarrt wurde, als ich meinen Sohn in rosa Spitzen von der Karnevalsfeier abgeholt habe!«
»Der Mann ist heute sozusagen das, was die Frau einmal war: dringend befreiungsbedürftig«, ruft ein junger schicker Typ in die Menge.
Frau Eulenbusch gibt zu bedenken, dass die Befreiung der Frau auch nur in der Theorie so gut funktioniere. Was immerhin schon ein Meilenstein wäre.
Ich verstehe das alles nicht. Bei uns kann doch wirklich jede Frau mit ihrem Leben machen, was sie will. Das Einzige, was sie daran hindert, sind die Schranken in ihrem Kopf. Ich melde mich wie in der Schule und werde drangenommen.
»Frau Eulenbusch, ich finde Ihre Ideen sehr interessant, aber es werden genau die Kämpfe beschrieben, die die Generation meiner Mutter längst gewonnen hat. Ich habe den Eindruck, dass diese Fragen für uns keine Rolle mehr spielen. Meinen Sie nicht, es wäre besser für die Frauen, einfach ihr Leben zu leben, anstatt sich mit überholten Problemen zu beschäftigen?«
Dieser Blick! Als hätte ich hier die Schranken im Kopf! Leider ist auch der Gesichtsausdruck meines Chefs nicht gerade ermutigend.
»Haben Sie Kinder?«, fragt sie mich.
»Nein, bisher nicht.«
»Wollen Sie welche?«
»Klar«, erwidere ich spontan, werfe einen kritischen Seitenblick auf Herrn Meyer und füge hinzu: »Muss aber nicht sofort sein.«
»Dann wünsche ich Ihnen von Herzen, dass Sie mit Ihrer Einstellung recht behalten.«
Das werde ich! Selbstverständlich werde ich es so hinbekommen, dass die Kinder und ich glücklich sind – wär ja gelacht!
»Sie wissen, dass Sie die Mülltonne mit den anderen Parteien teilen müssen«, ermahnt mich Herr Sauer mit Blick auf meine drei Mülltüten.
»Ich weiß, normalerweise habe ich auch nicht so viel Müll.«
Warum muss ich mich jetzt auch noch für mein Müllvolumen rechtfertigen? Egal, ich habe mir fest vorgenommen, einen schönen Nachmittag mit den Kindern zu verbringen, also werde ich mich jetzt nicht über unseren bescheuerten Hausmeister aufregen. Ich werfe die Tüten beherzt in die Tonne und versuche, die Stimme von Herrn Sauer zu ignorieren.
»Ihnen ist aber klar, dass mehr in die Tonne passt, wenn Sie die Tüten ausleeren?«
Damit er meinen privaten Zivilisationsabfall begutachtet, dieser Widerling? Ich laufe hoch und spüre, wie schön es ist, einfach die Tür hinter sich zuschlagen zu können. Wie herrlich es sich anfühlen kann, zu wissen, dass sich gerade alle anderen bei Eiseskälte am Heumarkt betrinken und zu Karnevalsliedern schunkeln müssen, während ich einfach zu Hause bleiben kann.
