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Juliette Groß erzählt die Geschichte einer schwierigen Liebe, die sich annähert, entfernt und plötzlich komplett verändert. Claudette verspricht ihrem Freund Malik, ihn zu erlösen, sollte er jemals so beeinträchtigt sein, dass ein Leben ohne fremde Hilfe nicht möglich ist. Ein Versprechen, das sie nicht einhalten wird. Ihr gemeinsamer Weg beginnt 1985 irgendwo in Hannover. Claudette und Malik halten sich für ein außergewöhnliches Paar. Sie sind jung und blicken mit unstillbarer Neugierde auf die Welt. Allem, was normal ist, fühlen sie sich überlegen. Es ist eine ungleiche Liebe, die zwei könnten verschiedener nicht sein. Malik ist hochintelligent, aber soziales Verhalten scheint ihm banal, ja gänzlich überflüssig. Sie ist lieb, meistens. "Weißt du noch?", würden sie irgendwann einmal sagen. Aber dazu wird es nicht kommen, ein jäher Unfall durchbricht ihr Leben. Obwohl es in dem Roman um existentiellen Schmerz und Leid geht, wird das Absurde und Grotesk-Komische nicht ausgelassen, das mit dem, was erzählt wird, untrennbar verknüpft ist. Der Ton ist beeinflusst durch die Zeit, in der die Geschichte spielt, irgendwo zwischen "Tears for Fears" und "Tricky". Claudette hört "Hell Is Round the Corner", und tatsächlich wartet die Hölle immer an der nächsten Ecke. Manchmal sind es kleine abstruse Alltagsgeschichten, dann die große Katastrophe. Für Malik beginnt Anfang der Neunzigerjahre eine Odyssee durch die unterschiedlichsten Behinderteneinrichtungen, von denen eine schlimmer ist als die andere. Hier ist kein Platz für einen jungen Menschen, der sich nicht an die Regeln hält. Das System ist grausam. Je mehr sich Malik aufbäumt, desto unerbittlicher wird die Antwort. Aber er gibt nicht nach, ohne Rücksicht auf Verluste.
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Seitenzahl: 238
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Juliette Groß
Roman
Obwohl diese Geschichte auf einer wahren Begebenheitberuht, sind Figuren und Handlung erfunden.Wirklichkeit spielt keine Rolle.Das ist wie im Theater, alles nicht echt.
Erste Auflage 2019© Osburg Verlag Hamburg 2019www.osburgverlag.deAlle Rechte vorbehalten,insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortragssowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen,auch einzelner Teile.Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziertoder unter Verwendung elektronischer Systemeverarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.Lektorat: Bernd Henninger, HeidelbergUmschlaggestaltung: Judith Hilgenstöhler, HamburgSatz: Hans-Jürgen Paasch, OesteDruck und Bindung: CPI books GmbH, LeckPrinted in GermanyISBN 978-3-95510-198-5eISBN 978-3-95510-207-4
Für Klara
Frühe Einsichten
Mittlere Reife
Getrennte Wege
Rehabilitation
Stationen I
Maliks Reich
Stationen II
Die Insel
Arbeit
Exit
Liebe
Hamburg
Nachwort
Musiktitel
Wir liegen auf dem Boden. Wir liegen in zwei Sonnenfenstern auf dem Boden in deinem Zimmer. Wir sonnen uns, es ist Winter. Wir schweigen und wir reden. Über das Leben, über die wichtigen Dinge. Leben und Tod und so. Wir finden uns ziemlich klug. Im Ghettoblaster laufen die Stranglers, »Strange Little Girl«. Wir reden über das Schlimmste. Was ist das Schlimmste, was einem passieren kann? Ist das der Tod? Was ist schlimmer, geistig oder körperlich behindert zu sein? Du sagst körperlich, ich sage geistig. Du sagst, wenn man geistig behindert ist, merkt man’s ja nicht selber, ist nur für die anderen schlimm. Man selber kann dabei glücklich sein. Daran glaube ich nicht. Ich verteidige das wache Bewusstsein. Du erzählst vom Leid. Wenn der Körper nicht mehr deiner ist, wie schlimm das sein muss. Ich verspreche dir, wenn du jemals in solch einer Situation sein solltest, werde ich dir helfen, ich werde dich erlösen. Wir haben Sex oder das, was wir uns darunter vorstellen, wir sind 15 Jahre alt und unsterblich. Dann geht die Sonne weg.
Käse. Du öffnest deine kleine Tupperdose in der Pause und bist enttäuscht. Ich frage dich, wieso du nicht weißt, was du dir morgens für Brote schmierst. Wie kann man so was vergessen, Gedächtnisverlust mit 18? »Wieder Käse«, sagst du. »Tu doch morgen Wurst drauf, wenn du Käse nicht magst.« »Die schmier’ ich doch nicht selber, das macht mein Vater.« Ich frage dich mehrmals, ob das dein Ernst ist, dass dein Vater dir die Schulbrote schmiert. Wie kann man so unselbständig sein. »Deinen Popo machst du schon alleine sauber?« Du findest, dass das überhaupt nichts mit Unselbständigkeit zu tun hat und meine Bemerkung nur zeigt, dass ich ein Schulbrottrauma habe, weil ich mir meine Brote selber schmieren muss. »Das ist eine Serviceleistung meines Vaters, mehr nicht.« Ich biete dir einen Brotetausch an, willst du aber nicht.
Mutprobe. Da ich in der Siebten neu in der Schule bin, muss ich vieles lernen. Vorher war ich in einer super alternativen Schule, wo alles total selbstbestimmt ist. Man konnte machen, was man will. Die gehen davon aus, dass jeder Mensch lernen möchte, Zwang gibt’s nicht. Das geht meistens auf, bei mir ist es aufgegangen. Auf jeden Fall gehe ich gern zur Schule. Ich gehe sogar gern zur neuen Schule, obwohl da alles anders ist. Die neue Schule ist nicht super alternativ, sondern nur ein bisschen alternativ. Eigentlich sehen die Lehrer alternativ aus und es ist alles genauso wie in jeder anderen Schule auch. Aber das ist jetzt mal ein anderes Thema. Ich bin also in der neuen Klasse, in der du mir sofort aufgefallen bist, und ich versuche, mich an das zu gewöhnen, was hier so läuft. Zum Beispiel Unterrichtszeiten. Kannte ich nicht. In der alten Schule habe ich so lange an etwas gearbeitet, bis es fertig war. Mathe habe ich nie gerne gemacht, deswegen braucht das länger. Und deswegen höre ich jetzt: Du musst die Matheaufgaben weglegen, wir machen jetzt Deutsch. »Geht nicht, bin noch nicht fertig«, sage ich. Dann mache ich weiter, bis ich fertig bin. Und irgendwann muss ich auch mal Pause machen. In der letzten Pause, die man an so einem DingDangDong erkennt, sind alle rausgelaufen. Ich natürlich nicht, ich war ja noch nicht fertig mit Mathe. Aber jetzt, jetzt bin ich fertig und ich brauch jetzt wirklich ’ne Pause. Ich finde die neue Schule anstrengend. Alle sind gestresst. Ich stehe dazwischen und denke, aber lernen ist doch was Schönes.
Nicht alle finden, dass Lernen was Schönes ist. Aber ich finde Lernen schön, die Menschen um mich rum finde ich schwierig. In der neuen Schule gibt es ein Spiel, das heißt Kneifen. Die Lehrer dürfen nicht wissen, dass man das spielt, weil es ein verbotenes Spiel ist. Kneifen geht so: Man sitzt an einem Tisch in einer kleinen Gruppe und kneift sich gegenseitig in die Hand. Man kneift, bis es blutig wird und alle sagen, »ihh, da kann ich ja gar nicht hingucken.« Der, der aufgibt, hat verloren. Das sind die Regeln. Ich war ganz gut in Kneifen.
Clo. Ich heiße Claudette, den Vornamen hab ich mir nicht ausgedacht. Die meisten nennen mich Clo, das ist kürzer und leichter auszusprechen. Ich finde, im deutschsprachigen Raum ist das nicht so eine geile Abkürzung.
Zirkel. In der neuen Klasse sitze ich neben Josh, der eigentlich Joshua heißt. Josh ist dein bester Freund. Josh ist einer von den netten Jungs. Anders als du. In Mathe machen wir gerade irgendwas mit Figurengeometrie, was mich nicht so interessiert. Deswegen muss ich mich anstrengen, um gut zuzuhören. Ich habe keine Ahnung, was das alles soll, was vorne erzählt wird. Während ich versuche zuzuhören, versucht Josh, mit dem Zirkel nach meiner Hand zu stechen. Dieses Spiel geht eine ganze Weile: Josh pikst nach meiner Hand, ich zieh sie vorher weg, Josh pikst nach meiner Hand, ich zieh sie vorher weg. Ich überlege, was ich machen könnte, um das zu beenden. Ich könnte mich auf meine Hand draufsetzen, ich könnte mich bei der Lehrerin beschweren, ich könnte ausprobieren, was passiert, wenn ich die Hand liegen lasse. Ich beschließe, die Hand liegen zu lassen. Das ist vielleicht die effektivste Art. Tut einmal kurz weh, aber danach ist wahrscheinlich Schluss. Ich beiße also die Zähne zusammen und lasse die Hand liegen. Hinterher habe ich ein schlechtes Gewissen. Josh hat sich so dermaßen erschreckt, als er gesehen hat, wie der Zirkel in meiner Hand steckt, dass es mir leidtut. Ich hatte aber recht, er hat das nie wieder gemacht.
Später müssen wir dann irgendwelche Kreise mit dem Zirkel zeichnen und ich wüsste wirklich ganz gern, warum.
Liebe. Mir ist vieles nicht klar. Warum verhalten Menschen sich, wie sie sich verhalten. Die Mädchen um mich rum kreischen viel, sie reden über Pferde und Jungs. Ich hoffe, das Thema möglichst schnell hinter mich zu bringen. Mit Pferden habe ich nichts am Hut.
Mit elf Jahren stehe ich also in der neuen siebten Klasse. Ich bin die Neue. Ich stehe da und überlege, wer könnte es sein? Die Wahl ist nicht schwer. Die gängigen Methoden der Annäherung stehen mir nicht zur Verfügung. Ich entscheide mich für Abwarten und Zermürben.
Hamburg. »Waaan koooamst du?« Ich verstehe dich schlecht, und das liegt nicht am Handyempfang. Ein paar Mal frage ich nach: »Was hast du gesagt?« Ich sage, dass ich nicht telefonieren kann, weil ich arbeiten muss. Um diese Zeit muss ich nicht arbeiten. Du glaubst mir.
Französisch. Wir lernen jetzt Französisch. Ich hab das gewählt, weil ich dachte, mit meinem Vornamen muss ich Französisch können. Alles andere ist peinlich. Die Lehrerin ist nett und ich glaube, sie mag mich. Immer, wenn jemand etwas vorlesen soll und ich mich melde, nimmt sie mich dran.
Das Kapitel heißt: Faire un interview
»Tu aimes le sport?«
»Oui, j’aime le sport.«
»Tu aimes Philippe?«
»Oui, j’aime Philippe, idiot!«
Dabei nimmt sie immer mich dran. Mir macht es Spaß, in verteilten Rollen vorzulesen. Vor allem sage ich gern: »idiot!« Die anderen Mädchen beschweren sich bei mir, weil die Lehrerin mich andauernd drannimmt. Ich melde mich danach nicht mehr.
Kleidung. Wir kommen aus der Schule und wollen zu dir. Auf dem Weg zu dir nach Hause willst du einkaufen gehen. Klamotten kaufen, ein neues Hemd. Wir steigen am Kröpcke aus und du gehst zielstrebig Richtung Georgstraße. Ich wäre in die andere Richtung gegangen. Zu C&A. In meiner Hose steht Yessica. Ich frage dich, wohin du willst. »Einkaufen.«
»In der Georgstraße?«
»Ich brauche ein neues Hemd. Also geh ich in die Hemdenstube.«
»Mit fünfzehn?«
Du bleibst stehen und grinst. »Seit mir Kindersachen nicht mehr passen, geh ich da einkaufen. Sonst geh ich mit Jo, heute mit dir.«
Wir gehen bei Stichnoth und bei Laura Ashley vorbei. Bei Laura Ashley hängt ein Prinzessinnenkleid im Fenster. Runtergesetzt. Altrosa Blüten auf Pastell. Ich bleibe stehen.
»Wollen wir rein?«, fragst du.
»Malik, in so einen Laden geh ich nicht. Selbst wenn’s noch mal runtergesetzt ist, ist es zu teuer.« Du zuckst mit den Schultern und gehst weiter. Ich folge dir, gehe aber etwas langsamer. Ohne zu zögern, betrittst du die Hemdenstube und wirst von einem blonden Verkäufer begrüßt. Der Verkäufer hat im linken Ohr einen kleinen Ohrring, er spricht mit dir, als würde er dich kennen. Vielleicht werden alle Kunden hier so empfangen. »Das ist meine Freundin Claudette«, sagst du.
»Herzlich willkommen, Mademoiselle, Sie unterstützen den jungen Herrn also bei der Auswahl?«
»Eh, ja.«
Der Verkäufer zeigt dir unterschiedliche Hemden. Du kommst mit einem weißen Hemd aus der Umkleide. Ein Button-Down-Hemd, wie ich erfahre.
»Wie seh ich aus?«
»Sexy«, sage ich. Der Verkäufer lacht.
Am Ende kaufst du das Hemd und ein Paar Socken. Die Socken kosten 15 Mark.
Als dein Vater, den du Jo nennst, die Socken sieht, zieht er die Augenbrauen hoch. Das Hemd gefällt ihm.
Einen Tag später stehe ich allein vor dem Laura-Ashley-Laden. Ich stehe da zehn Minuten, bevor ich mich überwinde reinzugehen. Die Verkäuferin ist sehr nett und behandelt mich so, als würde ich ständig bei Laura Ashley einkaufen. Obwohl sie mich die zehn Minuten vor dem Schaufenster gesehen haben muss. In dem Prinzessinnenkleid sehe ich aus wie eine Prinzessin. Das Kleid ist runtergesetzt von 180 Mark auf 60. Ich stehe vor dem Spiegel und sage nichts. In meiner Hosentasche in der Umkleide sind genau sechs zerknitterte Zehnmarkscheine. Die Verkäuferin sagt: »Sie müssen das kaufen, das ist doch wie für Sie gemacht. Ich gebe es Ihnen für 40.«
In der letzten Woche bin ich zweimal gesiezt worden.
Maik. Maik Schulz ist ziemlich uncool. Er hat’s nicht einfach. Er ist nicht dumm, aber er hat die Arschkarte gezogen und er hat schlechte Haut. Außerdem ist er kleiner als die andern und er liest Pornozeitungen. Haben wir bei der Klassenparty gesehen. Eine Klassenparty bei Maik, bei der alle eingeladen waren, Schüler, Eltern und Lehrer. Ein Einfamilienhaus in Hannover-Laatzen. Die Erwachsenen feiern unten im Garten, wir sind in seinem Jugendzimmer. So ein Jugendzimmer mit schräg gehängten Plakaten, ziemlich klein. Ich glaube, Maik hat sonst nicht viel Besuch. Er ist ein bisschen aufgeregt und wir sind neugierig, so neugierig, dass wir den Playboy unter seinem Bett finden. Er sagt, dass er den wegen der Artikel über Autos liest, glaubt ihm natürlich keiner. Danach wurde es nicht besser für Maik. Du unterhältst dich mit ihm. Er blüht etwas auf. Du lädst ihn ein, du diskutierst mit ihm. Er fühlt sich ernst genommen. Ihr redet über Politik, irgendwas mit Gerhard Schröder. Gerhard Schröder will Ministerpräsident werden. Maik sagt, der schafft das, der wird Ministerpräsident. Du sagst, der hat keine Chance. Ihr redet euch richtig in Rage. Es geht um Parteien und Parteiprogramme, ob die halten, was sie versprechen. Es geht um Geschichte, es wird langsam spät. Du überzeugst Maik von deiner Ansicht, er freut sich. Ihr seid einer Meinung. Jetzt wechselst du die Seiten. Du erklärst ihm, dass das, was er eben mühsam als seine Wahrheit erkannt hat, nichts ist. Maik weint.
Liebe. Die Lehrerin in der neuen Schule trägt weite Anziehsachen, meistens aus Leinen. Sie mag gruppendynamische Spiele und Entspannungsübungen. Manchmal liegen wir auf den Tischen und atmen und machen Fantasiereisen. Fantasiereisen mag ich, gruppendynamische Spiele, geht so. Ein Spiel funktioniert folgendermaßen, folgendermaßen ist auch ein Wort, das die Lehrerin sehr mag, sagt sie dauernd, also folgendermaßen: Zwei Tische werden in der Mitte zusammengeschoben, man kriegt die Augen verbunden und muss sich gegenseitig fangen. Immer um die Tische rum. Wer mit wem spielt, wird ausgelost. Man soll sich halt neu kennenlernen, nicht dass ständig die besten Freundinnen zusammen spielen. Das versteh ich. Da ich neu in der Klasse bin, ist das gut für mich. Als ich deinen Namen ziehe, weiß ich nicht, wie ich das finden soll. Die andern finden das lustig. Vor allem, weil jetzt ein Junge mit einem Mädchen spielt. Das ist ja voll lustig. Ich habe die Augen verbunden und du sollst mich fangen. Ich gehe los und wir laufen uns direkt in den Bauch, das heißt ich laufe in deinen Bauch, weil du größer bist als ich.
Töten. Wir sitzen im offenen Fenster. Ein Bein auf der Fensterbank, eins draußen und schauen auf die Annenstraße. Es ist warm. Wir hören Bronski Beat, »run away, turn away, run away, turn away, run away«.
Du musst deinen Wehrdienst verweigern. Alle machen das. Es ist keine Frage ob, es ist die Frage wie. Und bald muss es sein. Du willst nicht zu den Deppen gehören, die die Frist verpassen und einfach eingezogen werden. Sonst bleibt »untauglich«. Aber »untauglich« nimmt dir keiner ab.
»Untauglich wegen kurzsichtig?«, frage ich.
»Ich hab Heuschnupfen.«
»Das wär natürlich was: Von April bis Juli steht Malik Rabe für Kampfhandlungen nicht zur Verfügung. Hatschi. Das klappt nicht, kannst du vergessen.«
»Vielleicht geh ich auch hin.«
»Bist du bescheuert! Kein vernünftiger Mensch geht zur Bundeswehr, da gehen Schwachmaten hin.« Wir schauen aus dem Fenster, aber es ist nichts los auf der Annenstraße.
»Die stellen einem da so Fangfragen. Was machen Sie, wenn Ihre Freundin angegriffen wird.«
»Und was macht du?«
»Nichts«, du grinst.
Wir schauen weiter nach draußen. Es macht einen Knall. Ein Vogel ist gegen die Scheibe über uns geflogen. Wir beobachten, wie der Vogel erst schlingert und dann vier Stockwerke unter uns auf der Straße aufschlägt.
»In echt, ich könnte jemanden töten«, sagst du.
»Dann geh doch hin, zur scheiß Bundeswehr.«
»Ich vertrag’s nicht, wenn mich jemand anschreit, der dümmer ist als ich.«
»Und da sie da alle dümmer sind, wird’s schwierig.«
»Ja. Das kann ich aber nicht in die Verweigerung schreiben.«
Wir gucken beide runter auf die Straße, wo der Vogel hilflos auf dem Boden liegt. Wahrscheinlich ist er tot. Vielleicht hat er nur einen Hirnschaden.
»Ob Vögel mit Hirnschaden fliegen können?«, fragst du. Wir sehen, wie Frau Storm um die Ecke kommt, sich mit ihren Einkaufstaschen abmüht und an dem reglosen Vogel vorbeigeht. Sie ist früh dran heute.
Lutzelburg. Wir wollen trampen. Trampen hört sich gut an. Wir haben Schulferien, jetzt suchen wir das Abenteuer. Du hast dich erkundigt, du hast Freunde, die sind älter, die wissen Bescheid. Wo muss man sich hinstellen, welcher Bus fährt dorthin, du hast alles im Griff. Wir fahren mit der U-Bahn bis Hannover-Messe. Dann fahren wir mit dem Bus, dann wissen wir nicht mehr weiter, irgendwo hören wir die Autobahn. Ich laufe dir hinterher, während du die Böschung hinaufgehst. Tatsächlich, dort ist eine Autobahn, es ist trüb und grau und die Autos rasen an uns vorbei. Du weißt, wie man trampt, ich stelle mich also daneben und halte auch den Daumen raus. Wir fühlen uns wild und frei und jung. So fühlen wir uns eine Weile. Dann fühlen wir uns kalt. Es passiert nicht viel, Autos rasen an uns vorbei und wir denken an Frankreich, dort wollen wir hin. Die Kälte kriecht langsam die Schuhe hoch. Wir stehen eine Weile. Wir stehen noch eine Weile, bis ein Auto hält. Allerdings ist es ein Polizeiauto. Die Polizisten sind sehr nett und weisen uns darauf hin, dass man nicht mitten auf der Autobahn trampen darf. Außerdem dürfen die Autos hier nicht halten. Ich hatte mir schon gedacht, dass die sehr schnell fahren: dass die sich ganz schön schnell entscheiden müssten, um uns mitzunehmen. Aber sie haben das Autofahren schließlich gelernt. Die Polizisten nehmen uns mit. Sie fahren mit uns zur nächsten Autobahnraststätte und zeigen uns die Ausfahrt, wo man stehen darf und wo bereits ungefähr zehn andere Menschen stehen und die Daumen raushalten. Irgendwie ist es jetzt nicht mehr so romantisch. Die anderen schauen uns sehr neugierig an, als wir mit unseren Rucksäcken aus dem Polizeiauto steigen. Vielleicht denken sie, wir sind Verbrecher.
Wir kommen tatsächlich nach Frankreich. Wir werden gut mitgenommen, vielleicht weil wir jung und arglos aussehen. Am Abend sind wir im Elsass. Wir bleiben schließlich in Lutzelburg. Den Ort haben wir uns ausgesucht, weil er so einen schönen Namen hat.
In Lutzelburg ist nicht viel los. Lutzelburg ist am Arsch der Welt oder am Arsch von Frankreich. Es gibt eine verfallene Burg, dort kann man hinwandern, die Lutzelburg. Es gibt drei Straßen und ein Gasthaus, das Zimmer vermietet. In dem Gasthaus mieten wir uns ein, es ist nicht teuer. Das Zimmer ist groß und hat zwei Fenster, es ist hell. Aber auch im Elsass ist es noch nicht Frühling und man kann nicht viel machen in Lutzelburg. Trotzdem bleiben wir. Ich weiß nicht, warum. Die Zeit fängt an stillzustehen. Ich erzähle von meinen Träumen, von der Kunst, von der ich träume. Von den großen Figuren, die ich in meinem Leben spielen möchte. Du hörst dir das an und sagst nicht viel. Auf einem Waldweg bleibe ich stehen. Es ist ein schöner Waldweg in einem Tal. Die Bäume wachsen die Berge hoch, unten plätschert ein Bach, wahrscheinlich voller Forellen. Bestimmt voller Forellen. Im Gasthaus gibt es auch Forelle, Spezialität des Hauses. Es ist meistens grau, ab und zu kommt die Sonne durch, dann gibt es so Sonnenlöcher, Löcher, durch die die Sonne kommt. Ich bleibe stehen und ziehe dich zu einer kleinen Lichtung, nah am Bach. Dort spiele ich dir meine liebste Rolle vor. Ich habe dir das gezeigt, wofür ich leben möchte. Inzwischen hat es wieder angefangen zu nieseln, du sagst: »Ja, und.«
Wir haben Sex in dem schönen Zimmer mit den zwei Fenstern. Zwei Fenster, eins rechts, eins vorn, das Haus ist ein Eckhaus. Du sagst, mir sei alles egal. Du sagst, ich fühle nichts beim Sex. Du bist 16. Du weißt Bescheid. Ich weiß nicht, wie Sex geht, ich glaube das, was mir gesagt wird. Wenn du über mir liegst, verbietest du mir Töne. Du sagst, das sei gespielt. Dabei hab ich doch im Wald gespielt, da hat es dich nicht interessiert. Jetzt soll ich nicht spielen, ich soll still sein. Weil ich ja nichts fühle, soll ich still sein. Ich bin still. Um dir zu zeigen, wie unempfindlich ich bin, lese ich ein Buch. Ich lese ein Buch, während du dich über mir auf und ab bewegst.
Du findest das cool.
Mitgefühl. Du hast gerade versucht, einer Biene das Leben zu retten. In einer Streichholzschachtel hast du ein Bett aus Watte gebaut und sie mit Honig und Marmelade versorgt. Mehrere Tage lang hast du mich auf dem neuesten Stand gehalten, was den gesundheitlichen Zustand der Biene angeht. Es gab eine kurze Phase der Hoffnung, am Ende hat sie es nicht überlebt.
Hamburg. Es sind sieben Sprachnachrichten. Die erste wurde 5.20 Uhr gesendet, die letzte 6.02 Uhr. Ich arbeite, ich arbeite oft bis spät und ich brauche meinen Schlaf. »Waaan koooamst du?«
Telefonieren. Ich bin in England in einer seltsamen englischen Austauschfamilie. Hier ist alles anders als bei uns. Ich mag die Familie. Deswegen bin ich auch das zweite Mal da. Beim Mittagessen türmen sich alle Vorräte vor ihre Teller. Vielleicht haben sie Angst zu verhungern. Am Samstag ist Badetag, da baden alle, im selben Wasser. Es ist eine große Familie. Es muss gespart werden. Trotzdem lernt jedes Kind mindestens zwei Instrumente. Heute will ich dich anrufen, weil du Geburtstag hast. Das ist in der Familie den ganzen Tag Thema. Ich darf nach Deutschland telefonieren. Ich bin mir sicher, dass alle an der Tür horchen, während ich telefoniere, obwohl sie kein Deutsch verstehen. Es klingelt ziemlich lange, bis du rangehst, ich wünsche dir meine herzlichsten Glückwünsche aus England, ich will dich noch fragen, was du grad machst, aber du sagst schon danke und legst auf. Das war ein billiger Anruf.
Hamburg. »Waaan koooamst du?« Ich scrolle zu »alle Nachrichten löschen«.
Poker. Du spielst gerne. Du hast mir Billardspielen beigebracht und Poker. Poker spielst du sehr gut. Wenn wir zu zweit sind, spielen wir Strippoker. Wir sitzen dann auf dem braunen Teppich in deinem Zimmer und ich verliere sehr schnell. Du willst auch mit den anderen Strippoker spielen, aber die wollen nicht.
Liebe. Mit 14 werden wir ein Paar. Wir waren grad mit der Klasse im Kino, am Nachmittag. »Blues Brothers«. Ich kann mit dem Film nicht viel anfangen. Ich erinnere mich vor allem an viele Autos, die kaputtgehen. Als der Film aus ist, gehe ich allein zur U-Bahn-Station und du hältst mit dem Fahrrad neben mir. Du fragst mich, ob du mich mitnehmen sollst. Ich wundere mich, weil es vom Kino bis zum Aegi nicht weit ist, man kann die U-Bahn-Station ja sehen, was soll ich da auf deinem Gepäckträger. Trotzdem nehme ich das Angebot an.
Black Boris. Du warst heute beim Arzt. Ich finde es lustig, dass du Angst vorm Blutabnehmen hast, dass du da nicht hingucken kannst, wenn die Nadel in den Arm gestochen wird. Auch nicht hingucken kannst, wenn das Blut so rausläuft. Du bist schon mit mulmigem Gefühl zum Arzt gegangen, weil du wusstest, heute wird Blut abgenommen. Na, ab und zu muss das mal sein, hat man mir erklärt. Dich hat es den Tag beschäftigt und du bist stolz, dass du es gut geschafft hast. Du bist nicht ohnmächtig geworden und du hast nicht geschrien. Außerdem warst du überrascht. Die Sprechstundenhilfe ist an dir vorbeigegangen, hat dich mit freiem Oberkörper gesehen, hat zweimal geguckt, klassischer Doubletake, und ist rot geworden. Du bist tatsächlich das, was man ein Alphatier nennt, ein dunkles Alphatier.
Ich hole dich vom Tennis ab. Es war eine gute Stunde und dein Trainer hat dich gelobt. Ich nenne dich Black Boris. Wir lachen. Boris Becker sieht hässlich aus, du nicht.
Oma. Einmal in der Woche besuchst du deine Oma. Du fährst mit der Straßenbahn nach Kirchrode und besuchst deine Oma im Seniorenheim. Später, als du ein Auto hast, fährst du mit dem Auto hin. Ihr trinkt Kaffee und guckt zusammen Fernsehen. Ich besuche meine Oma nicht allein. Nur wenn ich muss, obwohl sie eine prima Oma ist. Du redest auch mit deiner Oma. Mit meiner Oma rede ich nie. Obwohl die sehr viel redet. Es ist aber nicht so wichtig, was ich dabei sage. Ihr trefft euch also im Seniorencafé, redet, esst Sandkuchen und geht Fernsehgucken bei ihr im Zimmer. Am liebsten »Erkennen Sie die Melodie?« oder Eiskunstlauf.
Du möchtest mich deiner Oma vorstellen. Das muss unbedingt sein. Deswegen hole ich dich am Samstagnachmittag vom Seniorenheim ab. Ich sage artig, »Guten Tag, Frau Rabe«, und die Frau mit dem grauen Topfhaarschnitt sagt: »Schön, Sie kennenzulernen, Fräulein Kreutz.« Dann verabschieden wir uns wieder. Warum das jetzt sein musste, weiß ich nicht.
Küssen. Ich bin dreizehn. Sonja geht in meine Klasse und sie hat heute Geburtstag. Sie ist ein bisschen älter als ich und sie hat mich und eine andere Freundin, Constanze, eingeladen. Seit Neuestem hat sie ein eigenes Zimmer im Kinderheim, wo sie wohnt. Sie gehört da jetzt zu den Großen. Auf dem Weg zu Sonja kaufen wir im Ihme-Einkaufszentrum ein. Wir kaufen eine Flasche Faber Sekt, einen Camembert und Eier. Wir wollen Rührei kochen. Ich bin ziemlich stolz, als ich mit der Flasche Sekt an der Kasse stehe und wir bezahlen, ohne dass irgendjemand was sagt. Vor dem Supermarkt treffen wir Hannes und Hauke aus der Parallelklasse. Die sehen unseren Einkauf und sind beeindruckt. Sonja redet einfach so mit denen, das finde ich beeindruckend. Sie sagt den beiden, sie könnten nachher ja auch noch vorbeikommen. Bei dem Satz zucke ich ein bisschen zusammen, Sonja ist wirklich cool. In der U-Bahn überlegen wir, ob die wohl auftauchen oder nicht. Wahrscheinlich nicht, das Kinderheim ist in Misburg, das ist eine Ecke weg und so verlockend ist unser Einkauf auch wieder nicht.
Sonja wohnt in der Purzelbaum-Wohngruppe. Ihr neues Zimmer liegt etwas abseits der Wohngruppe, wo die Küche ist und wo wir das Essen vorbereiten. Von der Wohngruppe geht man erst einen langen Gang nach rechts eine kleine Treppe runter, jetzt ist man im Eingangsbereich vom Heim, sozusagen im Foyer, von da geht’s eine große Treppe hoch, wie eine Freitreppe im Schloss, nur dass das Heim kein Schloss ist, und rechts oben ist Sonjas Zimmer. Das Zimmer ist so klein, dass da kein Tisch reinpasst, deswegen haben wir das Essen, wie so ein Picknick, auf dem Boden aufgebaut. Wir sind ganz zufrieden, wir haben gut gekocht und wir sind ein gutes Team. Das Essen ist lecker. Dann klopft es und Hauke und Hannes stehen vor der Tür. Wir rücken ein bisschen zusammen und Sonja geht Gläser holen. Das dauert ein bisschen und wir sind gezwungen, die Unterhaltung ohne Sonja weiterzuführen. Ich wär’ auch gern Gläser holen gegangen. Erstaunlicherweise kann man mit den beiden aber reden. Sogar ich rede. Zu fünft stoßen wir noch mal auf Sonja an. Wir reden weiter und die beiden verabschieden sich wieder.
Hannes hat blonde Locken, er erzählt keinen Quatsch und er gehört in der Schule zu den Coolen. Das macht mir ein bisschen Angst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der an mir irgendwas findet. Ich versuche, mich aufs Aufräumen zu konzentrieren. Ich stehe oben an der Treppe mit den dreckigen Gläsern in der Hand, als ich sehe, wie die beiden zurückkommen. Mir fallen beide Gläser aus der Hand. Sonja lacht.
Der Abend endet damit, dass Hauke und Constanze auf dem Boden in Sonjas Zimmer liegen und wild rumknutschen. Sonja liegt daneben und versucht zu schlafen. Ich und Hannes liegen auf Sonjas Bett. Ich denke, das ist ein historischer Augenblick in meinem Leben, weil ich gerade zum ersten Mal einen Jungen küsse. Es ist Winter und ich bin ziemlich warm angezogen. Unter der Jeans habe ich eine Nylonstrumpfhose von meiner Mutter an, in Braun. Mir ist vor allem die Farbe der Strumpfhose peinlich, wobei Hannes das im Dunkeln gar nicht sieht. Das ist wahrscheinlich auch nicht der Grund, warum er will, dass ich die Strumpfhose ausziehe. Was ich nicht tue. Mehr historische Augenblicke brauche ich heute nicht.
Am nächsten Morgen stehen Constanze und ich gemeinsam an der U-Bahn. Wir fahren nach Hause. Es ist sehr früh und wir reden nicht viel. Ich glaube, Sonja hatte nicht so einen tollen Geburtstag.
Ich weiß nicht, wie das in die Schule durchdringen konnte und wer was erzählt hat. Sonja schwört, sie hat nichts gesagt. Auf jeden Fall geht überall in der Schule rum, dass ich was mit Hannes habe. Wobei ich mich frage, was das heißt, etwas mit jemanden haben. Vor allem du willst alles ganz genau wissen. Du rennst überall in der Schule rum und fragst, was mit mir und Hannes ist, was da gelaufen ist und so. Keine Ahnung, warum du jetzt durchdrehst. Ich sitze seit über einem Jahr neben dir, du hast dich nie für irgendetwas interessiert. Du hast meine Hefte vollgekritzelt und dich über mich lustig gemacht, das war’s. Ich finde, es geht dich nichts an, was Freitag passiert ist.
Un Collier. In der achten Klasse sitze ich das erste Mal neben dir. Das habe ich mir nicht ausgesucht, sondern Herr Kühne, unser Lehrer, hat das bestimmt. Ich glaube, dass seine Strategie war, die pflegeleichten neben die schwierigen Schüler zu setzen. Auf der anderen Seite von mir sitzt Sabine. Sabine ist ein bisschen seltsam und überhaupt nicht hübsch, außerdem kaut sie mit offenem Mund. Sie ist nicht so beliebt. Ich glaube, ich bin so eine Art Pufferzone zwischen dir und Sabine. Wobei du Sabine in Ruhe lässt. Es ist sehr einfach, sich über Sabine lustig zu machen, das ist dir zu langweilig. Den andern in der Klasse ist das nicht zu langweilig. »Sabber-Sabine« und so. In der Pause, wenn Sabine isst, schaue ich in deine Richtung.
