Heute mit Kuhglockensound in weiter Tal-Arena - Ruedi Bind - E-Book

Heute mit Kuhglockensound in weiter Tal-Arena E-Book

Ruedi Bind

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Beschreibung

In diesem Journalroman wird der Plot fortlaufend vom Leben selbst geschrieben. Der Autor wählt aus, lässt weg, fügt hinzu. Die Liebe wie der Tod spielen dabei entscheidend mit. Auf seinen Vagabondagen und Zeitreisen lotet der Autor in seiner ganz eigenen Art und Weise seine Begegnungen aus: vom Boden, über den er geht, bis zu den Sternen, unter denen er steht. Nachbarn, Freunde, Zufallsbekanntschaften, selbst Personen aus Zeitungsmeldungen und Verstorbene mischen sich mit ihren eigenen Geschichten ein.

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Seitenzahl: 223

Veröffentlichungsjahr: 2019

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»… vertraue ich heute darauf, dass alles, was ich erlebe, sich zu einer Erzählung zusammenfügt.« (Birgit Schmid, NZZ 16.8.15)

»Im Film erzählt er von einer indischen Kollegin, die während einer Reportagereise jeden Tag, wenn es dämmerte, den Fahrer anwies zu halten. Dann stieg sie aus und dankte der Sonne.«

(Navid Kermani im Tagebuch, 9. Mai 2018, über den Fotografen Daniel Schwartz im Film »Beyond the Obvious« (2018) von Vadim Jendreyko)

Heute, Samstagvormittag, nach elf, die Leute im Dorf am Einkaufen, habe ich Ruth und Markus an der Haltestelle getroffen. Sie warteten auf die Tram. Ruth strahlte, war sozusagen festlich, sonntäglich gekleidet, mit Sorgfalt hergerichtet, sie hatte mit Makeup und Lippenstift nachgeholfen. Unübersehbar, die beiden hatten heute etwas Besonderes vor. Wir gehen in die Hauptstadt. Und was macht ihr da, demonstrieren, shoppen? Mein Patenkind hat uns eingeladen. Er heiratet. Wie alt? 29, er ist Käser und Schwinger. So ein Schrank von einem Mann? Genau. Er ist wirklich gut, ein diplomierter Käser, eine Art Diplom-Ingenieur-Käser.

Heute Morgen habe ich eine Mail von B. erhalten. Er war auf Anweisung des Physiotherapeuten auf dem Gang vor seinem Zimmer zum ersten Mal mit Stöcken auf und ab gegangen, vielleicht zweimal sieben Meter, mehr war nicht zu schaffen. »Ich setzte mich wieder in den Rollstuhl und weinte. Es war die Rührung darüber, dass ich wieder – zum zweiten Mal – gehen lerne. Der Anfang vom Gehen. Was vorher so selbstverständlich war, muss ich jetzt wieder Stück für Stück, Schritt für Schritt erlernen. Draussen ist alles weiss, es hat mindestens 15 Zentimeter Schnee. Der kleine Teich ist fast zugefroren.«

Mit siebzig lernt B. umzugehen mit Gehen und Fühlen. Ja, in die Welt hinausgehen. Und fühlen, Beziehungen wahrnehmen und erleben zwischen Innen und Aussen, hier und da, ich und du. Kindlich neu entdecken, ertasten, überwältigt werden, mit grenzenlosem Vertrauen in die Welt und in die eigenen Möglichkeiten. Wie schön, wenn da einer am Anfang daneben steht und sagt, vielleicht nur mit seinen Blicken: Steh auf, nimm oder lass deine Krücken und geh. Und es geht.

Milan, jetzt drei Monate alt, liegt nur auf dem Rücken. Das grosse Abenteuer, Aufstehen und Gehen, steht ihm noch bevor. Er weiss es noch nicht. Doch sein Blicken und seine Bewegungen gehen in diese Richtung. Und mit dem Gehen wird auch das Sprechen kommen, Beziehung aufnehmen im Gehen und Sprechen, hin- und hergehen, losgehen, aussprechen, zu dir sprechen, zu mir sprechen, zu ihr sprechen, offenes Vertrauen, stille Geduldsschneedecke, darunter alles bereit für den grossen Aufstand und die Überfülle der vielen gleichzeitigen Beziehungen.

Euphorie. Ich bin euphorisch, ich befinde mich auf einer hellroten Wolke (selten), so weit, so gut. Aber die Wolken sind nicht immer so stabil. Vielleicht ist deshalb die Euphorie oft von kurzer Dauer.

(Hansen)

Heute habe ich meinen Nachbarn Willi im Lift getroffen. Gerade Nachbarn haben manchmal die grössten Geheimnisse voreinander. Sie leben nahe zusammen, näher als irgendjemand anders, verstecken sich aber in ihren Burghäusern oder verschliessen sich in ihren Wohnungen voreinander – mehr als vor allen anderen Menschen. Ich kannte Nachbarn, die sich über viele Jahre nicht mehr grüssten.

Man stelle sich vor. Ein junges Ehepaar. Ein Dorf mit einer kleinen Poststelle, einem Restaurant, einer Tankstelle. Beim Frühstück in der kleinen Küche ihrer Dreizimmerwohnung in einem zweistöckigen Haus am Zedernweg hatte jeder seinen festen Platz neben dem aufgehängten Heisswasserboiler am Tisch mit den silbernen Metallbeinen und dem rotweissen Plastiktischtuch. Sie blieben ohne Kinder. Zuerst waren sie zu jung, um sich gleich festzulegen, dann wars zu spät. Zu spät in jeder Beziehung. Sobald er krachend die Holztreppe hinunter trampelte, aus dem Haus stürzte und zur Arbeit bei der Post eilte, griff sie sich den Staubsauger, heulte mit ihm wie eine aufgebrachte Sirene dem Boden entlang und schnüffelte bis in alle Ecken der drei Zimmer, des Badezimmers und der Küche. Rundherum um ihre Wohnung, ums Haus, ums Quartier, ums Dorf, im Land rumorte es. Überall war es unordentlich, unruhig, die Verhältnisse verwilderten, Ruinen stürzten ein, Leitungen unter der Erde brachen auf, aber in ihrer Wohnung, innerhalb der Oberflächenverhältnisse ihrer eigenen Wände, war alles tiptop. Sie träumte gern vom Metzger und davon, wie ihr Mann den Laden des Metzgers führen könnte, anstatt für die Post zu arbeiten. Die Dorfbewohner würden zu ihnen kommen. Willi müsste ihnen nicht im ganzen Dorf nachrennen.

Eines Morgens verlief das Frühstück ein ganz wenig anders als üblich. Für einen Aussenstehenden, falls es so etwas in dieser Situation auf engem Raum überhaupt geben könnte, kaum zu bemerken. Durch widrige Umstände, es türmte sich das Geschirr vom letzten Abend, den sie überstürzt in der Küche abgebrochen hatten, um eine überwältigende lange Nacht im gemeinsamen Bett zu verbringen, kam Willi für einmal auf einen anderen Platz am Frühstückstisch mit dem rotweissen Tischtuch und den silbernen Metallbeinen zu sitzen. Sein Sitzgefühl war ganz anders. Das ganze Raumgefüge irritierte ihn. Er sprach tatsächlich von Raumgefüge. Vor allem sah er Sofia plötzlich ganz anders, ohne dass er begriff, was es genau war, und ohne dass er es selbst in Worte hätte fassen können. An diesem Morgen blieb er noch schweigsamer als eh schon immer beim Frühstück und überhaupt. Sofia muss es ähnlich ergangen sein. Denn an diesem Vormittag unterliess sie das Staubsaugen, fuhr in die Stadt, sobald sie das Geschirr abgewaschen hatte, und vergnügte sich beim Einkaufen. Bald nach diesem Frühstücksmorgen verliess er, ohne gross zu packen, seine Frau, zog ins Nachbardorf und fing beim Metzger an zu arbeiten. Es war natürlich ein viel schweinischerer Job, als er sich das vorgestellt hatte. Er gewöhnte sich jedoch schnell an elektronische Pistolen, lange Spritzen, scharfe Messer, schwere Kettensägen, spritzendes Blut, toten Fleischabfall, abgehauene Köpfe, Zehen und Schwänze.

Nach drei Jahren besuchte er seine Frau in der alten Dreizimmerwohnung im Nachbardorf. Vielleicht hatte Willi einen Durchhänger, oder er wollte sich rächen, ich weiss es nicht, er hatte nicht darüber gesprochen. Sie war überrascht, denn mit ihm rechnete sie natürlich zuallerletzt. Ausserdem war noch ein Mann bei ihr, den Willi nicht kannte. Es wurde kaum geredet. Worüber auch? Kurz nach der Begrüssung packte er sein Beil aus der Plastiktasche und erschlug sie. Ein Schlag genügte, sagte er. Es war in der Küche, als sie sich bückte. Die ganze Küche war blutrot verspritzt. Der andere Mann verharrte tatenlos, konnte aber der Polizei und den Nachbarn und Freunden den Tatvorgang ganz genau beschreiben. Der Metzger-Postmann bekam schliesslich mildernde Umstände, musste aber doch ein paar Jahre sitzen. Im Gefängnis bekam er Rückenprobleme. Das führte zu einer vorzeitigen Entlassung. Später würde er sich vielleicht operieren lassen.

Ein wuchtiger, grosser Kerl, vielleicht Mitte Vierzig. Er war früher mein Nachbar. Kennengelernt haben wir uns erst jetzt bei den morgendlichen Fahrstuhl-Aufenthalten auf dem Weg zur Therapie im Kantonsspital. Ich hatte es am Bein, er am Rücken. Er fiel mir sofort durch seinen treuherzigen Blick auf. Schon bei unserer ersten Begegnung oder Wiederbegegnung erzählte er mir von Sofia und dem Schlachtfeld in der Küche. Wenn er schon spricht, von was hätte er sonst reden wollen! Er erzählte trocken, sachlich, ohne weinerliches Pathos oder Selbstmitleid oder Bedauern, es hatte einen klaren, logischen Aufbau. Das war sicher das Resultat von den hunderten von Wiederholungen, in denen sich diese, seine Geschichte eingeschliffen hatte. Mir gefallen diejenigen, die zur Sache kommen, sowieso viel besser als diese ewigen Um-den-heissen-Brei-rum-Schleimschleicher.

Nach den Therapieübungen setzte ich mich auf die Kloschüssel, ergriff die Zeitung, wie ich es immer in solchen Situationen zu tun pflege, wenn eine rumliegt, schlug sie irgendwo auf, und mein Blick fiel als erstes auf die Schlagzeile »Im Bus erstochen«. Ein Mann ist am Freitagnachmittag – das war also vor drei Tagen – erstochen worden, weil sein Hund im Bus an einer Einkaufstasche geschnuppert hatte. Der Täter, ein 40-jähriger Kanistani, stieg mit seiner Tochter in Aumatten in den Bus Nummer 42. An der Haltestelle Inselstrasse stieg das spätere Opfer, ein 41-jähriger Mann mit seiner Freundin und deren Hund, in den Bus ein. Der Hund schnupperte an der Einkaufstasche des latenten Täters. Darauf kam es zu einem Wortgefecht. Die Situation eskalierte, obwohl ein dritter Buspassagier versuchte, den 40-jährigen Kanistani zu beruhigen. Kurz darauf stach dieser dem Mann mit der Freundin und dem Hund ein Messer in die Brust. Der Busfahrer stoppte vor der Polizeiwache Grauholz. Die alarmierte Notfallärztin konnte das Opfer jedoch nicht mehr retten. Ende der Zeitungsnachricht.

Ich hörte also heute von Willi im Fahrstuhl die Geschichte, wie er seine Frau mit dem Beil erschlug. Jetzt ging ich auf die Toilette im Spital und las diese Geschichte in der Zeitung. Ich weiss wirklich nicht mehr, was ratsamer ist: nicht mehr auf die Strasse zu gehen oder die Zeitung nicht mehr aufzuschlagen.

Heute habe ich aus der Presse mitbekommen, dass Stan Wawrinka sich die kurzen Sätze »Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.« von Beckett auf den Unterarm tätowieren liess. Ich sah auch ein Foto davon. Schade, dass der alte Sam das nicht mehr mitbekommen hat. Er hätte Stan sicher geliebt. Sam war ein begeisterter Tennisspieler und hatte beim Tennisspielen seine Frau kennengelernt, die Tennis- und Klavierspielerin. Diese Tennisspielerinnen und Tennisspieler, wenigstens die Top-Ten, kommen mir immer mehr wie Musterschülerinnen und Musterschüler aus gutem Haus mit netten Eltern vor, die mit ihren grossen Taschen brav zum Prüfungstermin in der ganzen Welt antreten, wo sie möglichst viele Creditpoints holen wollen. Es ist immer dieselbe Prüfung, dasselbe Prüfungsspiel, aber mit wechselnden Partnern an unterschiedlichen Orten. Und wenns irgendwann nur noch schlecht ausgeht, können sies auch lassen, denn dann gibts eh keine Creditpoints mehr. Die ganzen Prüfungen finden ja nicht im stillen Kämmerlein, sondern vor laufender Kamera und zahlendem Publikum statt, da gibts zu den Points auch eine schöne Stange Geld. Es sind also Musterschüler in einer Schauprüfung. Wie die Schriftsteller kämpfen sie Satz für Satz ums Vorwärtskommen. Und der Ball ist nicht einfach nur ein Ball, sondern der springende Punkt, der mit sicherer Hand an der richtigen Stelle im Feld platziert werden muss. Darüber hinaus gibts auch Tennisspieler mit einem Flair für Literatur und Poesie und die existentielle Reflexion des Tenniskampfspiels. Wer das nicht nur so dahinsagt oder auf der Webseite publiziert, sondern auf dem Tennisunterarm für immer einschreiben lässt, der lässt mich nicht kalt, denn so weit habe ich es mit meiner Liebe zur Poesie, zu Beckett und zum Existenzialismus noch nicht getrieben wie Stan the Man.

Heute ist ein ganz besonders ereignisreicher Tag gewesen. In unserem Zimmer im Hotel Pierre Nicole ganz in der Nähe der Station Port Royal hängt ein Poster von Cézannes Mont St. Victoire. Auf unseren Stadtexkursionen und Metrofahrten trug ich immer das dünne braune Taschenbuch mit Peter Handkes »Versuch über den geglückten Tag« bei mir, die erste Arbeit nach seiner Weltreise und Ankunft in Chaville. Auf unserem Ausflugsprogramm während der sieben Tage Paris stand auch ein Abstecher in den Wald von Chaville-Meudon, seit vielen Jahren Handkes bevorzugter Spazierlandschaft im Grüngürtel um Paris.

Ein Vormittag mit Sonne und blauem Himmel und wenigen Restwolken begrüsste uns. Ophelia schlug vor, dass wir heute nach Chaville aufbrechen könnten. In der Gare du Montparnasse hatten wir unsere Mühe, uns auf den verschiedenen Ebenen der grossen Bahnlinien oder der Vorortzüge zurecht zu finden. Wo fährt der Zug ab? Wo und wie kommen wir zu unserem Ticket? Wir standen zuerst an einem der Schalter in der Schlange an, entschlossen uns dann, einen in der Halle herumstehenden Bahnangestellten (den einzigen Uniformierten neben den Soldaten, die mit beiden Händen an der MP patroullierten) um Hilfe beim Automaten zu bitten. Er war uns wirklich behilflich, die richtige Automatengattung auch noch richtig zu bedienen, doch scheiterten wir beim letzten Schritt, da wir nicht genügend Münzen dabei hatten. Bis wir die nötigen Münzen durch einen Espresso und das Rückgeld beim Bezahlen zusammen hatten, verpassten wir den angepeilten Zug und nahmen erst den 15 Minuten später um 11.30 Uhr Richtung Chaville fahrenden. Wir lösten bis Viroflay mit der Absicht, bei der Station nach dem langen Tunnel, der unter dem Wald von Chaville-Meudon hindurchführt, auszusteigen. Dafür sassen wir aber im falschen Zug.

Sowohl im Zug wie auf den Vorstadtstationen Malakoff, Clamart, Bellevue, Sèvres hatte es kaum Leute. In Chaville Rive Gauche stiegen wir aus, wunderten uns, dass es sogar einen bemannten Schalter hatte (was tat der Angestellte nur den ganzen Tag?), kauften gleich das Ticket für die Rückfahrt (vielleicht war der Mann am Schalter später ja nicht mehr da und wir würden wieder ohne genügend Münzen dastehen), studierten den Ortsplan beim Bahnhof und liefen hinter dem Bahnhof die erstbeste Strasse hoch, die Route des Huit Bouteilles, vorbei am Friedhof, und dann auf breitem Feldweg gleich in den Wald von Meudon hinein. Es hatte weiterhin kaum Leute, wir begegneten einem älteren Paar mit einem Hund, später einem einzelnen Pilzsammler und immer wieder Joggern. Irgendwie kamen wir zu einer Art Sendeturm (Tour herzienne) auf einem runden Platz oder inmitten eines Verkehrskreisels, Etoile du pavé de Meudon, von dem mehrere geteerte Strassen nach Meudon führten und wo am Waldrand die Autos der Jogger parkierten. Alle rannten, keiner spazierte. Der lockere Laubmischwald war voller Eichen und Esskastanien. Es knirschte und krachte unter unseren Schritten von den mit Eicheln übersäten Wegen und Pfaden. Da wir keine Lust hatten, uns in diesem Gewirr von dünneren und breiteren Wegen ohne Wegweiser zu verirren (alles sah für Neulinge sehr ähnlich aus), nahmen wir einen breiten, sehr steilen Weg nach unten, wahrscheinlich die Route Sablée, von der wir erwarteten, dass sie uns wieder Richtung Chaville aus dem Wald führen würde. Wir erreichten den Waldrand, eine geteerte Strasse, einen Situationsplan bei einem künstlich angelegten Teich, dem Etang de l’Ursine, und das Restaurant La Pergola, daneben das Ortseingangsschild Chaville.

Wir entschlossen uns, nach der Pergola den pfeifengeraden breiten Weg, Route de la morte bouteille, durch den Wald zu nehmen, überquerten im Wald die Autostrasse, Rue de la Mare Adam oder Route du pavé Meudon, gingen hoch bis zu einem grünen, verbeulten Drahtzaun mit einem offenen Portal und traten auf eine Lichtung, eine Wiese mit gelbblühendem Habichtskraut und gelb-orangen Schmetterlingen, setzten uns auf die Bank am Waldrand unter eine prächtige Eiche und die herausragenden Äste einer mächtigen Esskastanie und begannen, uns das mitgebrachte Gebäck vorzunehmen. Mittlerweile war es gegen 13 Uhr. Keine fünf Minuten später kam auf demselben Weg wie wir durch dasselbe Portal im Zaun Peter Handke, langes grauweisses Haar, weisses Hemd, dunkles Gilet, die Jacke auf dem Arm. Vielleicht dreissig Meter entfernt. Nach der ersten Überraschung gab es keinen Zweifel: Er wars. Ein Koinzidenz-Wunder. Wir schauten zu ihm, er schaute zu uns, als ob wir auf seiner Bank sitzen würden. Er folgte dem breiten Weg in den Wald, verliess ihn und suchte in unserem Rücken nach Pilzen. Wir waren völlig baff. Mir war klar, dass ich ihn jetzt nicht ansprechen würde. Wohl aus natürlicher Scheu oder Respekt vor dem Poeten, der jetzt und schon gar nicht hier in seinem eigenen Revier von einem Fan und Passanten aufgeschreckt werden möchte. Vielleicht auch, um unsere stille geheimnisvolle Szene nicht zu zerreden. Ich versicherte mich bei Ophelia, dass sie es auch so wahrnahm. Das Ganze hatte etwas Unwirklich-Wirkliches, als ob wir uns in einem Film befänden und zugleich Zuschauer waren. Und doch war es der ganz reale, gemeinsame Hier-und-Jetzt-Existenzraum. Das eigentliche Wunder war die Gleichzeitigkeit. Die quasi einzigen Spaziergänger in diesem weitläufigen Teil des Waldes begegneten sich. Die grosse Waldfläche hatte viele Zugänge. Dazu kam, dass wir ja wegen Handke an diesem Ort waren und ihn dann auch noch ohne Verabredung trafen. Er war wohl wenige Minuten vorher von zu Hause losgegangen, ein paar hundert Meter entfernt vielleicht. Wir waren vor vier Tagen von zu Hause in der Schweiz losgefahren, ein paar hundert Kilometer entfernt.

Nach dieser märchenhaften Begegnung und dem Picknick kam eine Schar Kinder aus dem Wald, vielleicht zwanzig Grundschulkinder, darunter viele schwarze. Sie legten sich nach dem Anstieg genussvoll vor unserer Bank auf die Wiese, einige sammelten Blumen und brachten sie der jungen Lehrerin. Die Lichtung, eine leicht angehobene Kuppe, lag beim Parc forestier und bei der Porte de la Mare Adam, beim Punkt C. de la Calotte, gleich oberhalb und östlich des Friedhofs von Chaville, wo wir unseren Waldspaziergang begannen und uns wie auf Irrwegen bewegten. Wir haben uns in einem Kreis bewegt.

Heute hat der Gärtner einen ganzen Tag in unserem Garten gearbeitet. Herr Schnyder richtete unseren Sträuchern und Bäumen mit der Schere und der Säge die Frisur. Für ihn sind das nur noch Nebenarbeiten. Inzwischen versteht er sich nämlich als Partner für japanischen Gartenbau und Bonsai, er gestaltet mit Vorliebe langweilige Gärten zu durch komponierten Gartenanlagen um. Für das, was es bei uns zu tun gibt, ist er schlicht überqualifiziert. Egal, wenn er hier ist, arbeitet er so ernsthaft und perfekt, als ob unser Gartenstück ein Prunkstück der Gartengestaltung wäre. Aus seinen ersten Jahren in unserem Garten gibts noch zwei Bonsai, die er zu seinem eigenen Vergnügen aus zwei eh schon kleinen Feldahornbäumchen in die Randzonen unseres Gartens gezaubert hatte.

Heute habe ich auf der Suche nach etwas ganz anderem einen Text über den Tod meines Vaters gefunden. Einen Text, den ich vergessen hatte und der aus einer Zeitperiode stammte, die mir weit, sehr weit weg schien. Ein Text ist ja eh schon was Totes. Und jetzt ein toter Text über einen Toten, und dieser Tote ist dein Vater. Die Nachricht erreichte mich damals in der Toscana, in der Pension, wo wir, in der Nähe des Meeres bei Livorno, unsere Sommerferien verbrachten. Ophelias Schwester liess es ausrichten. Ich rief zurück. Dann telefonierte ich mit Denise, Vaters Lebenspartnerin seit 46 Jahren. Das war auch mein Alter, als ich von seinem Tod erfuhr. Vater und ich hatten nie ein grossartiges Verhältnis, aber seit seinem Tod verstanden wir uns ganz gut. Vater vererbte mir zu Lebzeiten einen Leib und am Schluss ein Haus und seinen alten Chevrolet. Den Leib bezog ich, lange scheu und still. Auf das Haus verzichtete ich, weil der Vertrag, den Vater mit seinem Willensvollstrecker ausgeheckt hatte, viel zu kompliziert ausgefallen war. Mit dem alten Chevrolet hatte ich noch einige Monate mein bewegtes Vergnügen.

Es war sofort klar, dass ich vorzeitig abreisen würde, um an der Beerdigung teilzunehmen. Ophelia und die Kinder sollten ruhig weiter Ferien machen. Als Ophelia später beim Abendessen den Kindern Grossvaters Tod und meine Abreise bekannt gab (Reisen und Tod), war unser Jüngster (damals sechs oder sieben) ganz überraschend tief betroffen: Gestorben? Warum? Wann ist er gestorben? Er beendete augenblicklich das Essen. Die Lust war ihm vergangen, sein Blick, sein Gesicht zeigten Entgeisterung. Es war das erste Mal, dass ein so eng Vertrauter aus seinem noch ach so kleinen Weltkreis plötzlich ausgetreten sein sollte. Gestorben? Die Tochter meinte, sie hätte so etwas erwartet, als sie zuhörte, wie ich telefonierte, und sagte: Jetzt ist es doch sehr schnell gegangen. In der Nacht meinte ich Unkenrufe zu hören, auch kurze Kadenzen von Nachtigallen, in der Ferne detonierte irgendetwas mehrmals.

Hier hat es letzte Nacht nochmals geschneit. Arosa, 2000 Meter über dem weit abliegenden südlichen Meer, 9. Juli. Holunder, Wiesensalbei und Alpenrose blühen, sind aber zur Zeit unter einer Schneedecke. Schau, so viel Holunder, sagte Alex, als wir mit der roten Rhätischen Bahn den Berg hochfuhren, immer höher, über die Tannenspitzen hinweg wie in einer Gondelbahn. Man sollte mehr darüber berichten, erzählen, die Seele und die Landschaft ausloten können. Der Schnee und die Toten.

Schliesslich sind wir über der Baumgrenze, in der Nähe der letzten grossen alten Arve, an der Grenze des Lebens angekommen. Aus den Berghängen stürzten Wildbäche und fielen wie wallende Eurythmieschleier durch die Luft. Der Schnee von letzter Nacht ist heute tagsüber wieder geschmolzen, er hat sich ganz auf die Bergspitzen und Bergkämme zurückgezogen. Am nächsten Morgen, also heute, war der Himmel grau bedeckt, Regen rieselte, und tief am Boden zogen dünne Nebelwische über das Tal dem Hang entlang aufwärts. Wie projizierte Laken, entmaterialisierte Kleiderfetzen, Nebelschwaden, die Schwadronen der Toten. Nebelfetzen in der Landschaft sind ihre zurückgelassenen Kleider, mit den lebendigen, hoch gehaltenen Erinnerungen darin, die aber lautlos und stumm bleiben. Später hatte ich den Eindruck von heruntergekommenen indianischen Rauchsäulen, aus denen die Luft raus ist.

Nahe bei den Wolken sind wir auch im Haus eines Toten, im Schweizer Ferienhäuschen des ersten Ministerpräsidenten von Baden-Würtemberg, Maier. An der Wand sein Bild, eine Schwarz-Weiss-Fotografie, als er schon alt war, schreibend am Tisch sitzt, hinter seinem Rücken das Steinrelief eines mittelalterlichen Mannes, Jürg Jenatsch, mit einem kecken Schnauz und Geissbärtchen, und einem Barometer daneben. Beide hängen noch da, mit der Fotografie dazwischen, wo vorher, das heisst auf der Fotografie, noch die Fotografie eines anderen Männerkopfes hing, Gottfried Keller im Steinrelief. Maier sass, nach der Fotografie zu urteilen, gerne so, dass er mit Blick nach Osten die Berge vor sich hatte und durchs andere Fenster nach Norden ins Dorf hinab sehen konnte. Ich sitze hier jeweils so, dass ich zuerst nach Norden hinausschauen kann, mit dem Blick zum Stall unseres Bauern Daniel, von dem wir jeweils abends die gerade gemolkene Milch holen gehen und der am selben Tag Geburtstag hat, inzwischen schon 36 mal, an dem mein Vater starb. Was, kann man zurecht fragen, hat der, habe ich, schreibend, im Haus, im Ferienhaus eines schreibenden schwäbischen Ministerpräsidenten zu suchen, der doch schon lange tot ist?

Am südlichen Himmel über der Toscana die noch nicht ganz volle Mondscheibe. Fullmoon is rising. Als Maurizio in unser Appartement kam, um die Mitteilung zu überbringen, dass wir dringend Signora Anna zurückrufen sollten, brachte er auch einen Brief für Aglaia, einen harmlosen Ferienbrief von Anna, der Schwester meiner Frau, Patin der Tochter, Todesbotin dem Mann. Am nächsten Tag ging ich zum ersten Mal nicht mit den anderen zum Baden. Baden, sterben, wiedererwachen. Nein, ich verlies das Dorf, ging am Friedhof vorbei, um landeinwärts zu wandern in die von den Bauern gestaltete Landschaft, zum gemähten und ungemähten Getreide, zu den bewaldeten Hügeln, zu den Zypressen- und Pinienbaumgruppen. Wie plötzlich und unverhofft ist doch die Stille immer wieder zu erreichen. Nur hin und wieder wurde sie durchbrochen von einem einzelnen Auto, einem Traktor, einem Flugzeug, einer Grasmükke, dem Klopfen in der Ferne, dem Stundenglockenschlag. Weit und breit ging in der Abendlichtmilde der Blick, zusammen mit meinem Atem, über die weich geschwungenen Vorhügellinien und ihr Getreide, die Olivenhaine und die Rebenreihen bis an den bewaldeten Girlandenhügelhorizont, da und dort das Meer, und ich dazwischen. Natürlich müsste man alles viel ausführlicher und liebevoller beschreiben können. Hätte ich mehr Talent für den Augenblick, mehr Zeit für die Darstellung und schriebe ich nicht im Lärm eines Wirts- oder Kurhauses mit einem darin untergebrachten Nachtclub fast 2000 Meter über Meer, würde ich mir auch mehr Mühe geben können und mehr auf die Welt und die Dinge und die Mitmenschen eingehen, als es während der momentanen Niederschrift möglich ist.

Heute habe ich eine Feder gefunden. Sie lag am Weg bei Feldahorn und Hartriegel. Vielleicht an die zwanzig Zentimeter lang. Sie ist dunkel, nicht schwarz, braunschwarz, im Licht eine dunkle Sepia. Gibt es dunkle Sepia? An der Basis zum Kiel hin sind die Federn ein kurzes Stück weiss und flaumig zerzaust. Mit meinen Fingern strich ich über das dunkle, streng geordnete, dichte Gefieder aus den unzähligen Federverzweigungen, streifte der Feder zwischen Zeigefinger und Daumen entlang von unten nach oben und vom Schaft her zur Aussenfahne, immer wieder. Es fühlte sich wie das Streicheln der Fingerkuppen über teuren, seidenen oder kunstseidenen Nylon an, der über die Wölbung eines Beins gespannt war. Ein Frauenbein im Federkleid.

Fehlt dem Vogel jetzt nicht diese eine Feder für den reibungslosen Kunstflug? Und hat es vielleicht wehgetan, sie zu verlieren oder ausgerupft zu bekommen? Ich tauchte den durchsichtigen Kiel aus weichem Horn in weisse Farbe, weil gerade weisse Farbe im Haus war zum Ausbessern und Verschönern der Wände und der Fensterrahmen, und schrieb »Feduwedalschnalzer«, den Fantasienamen meines Vogels, »Feduwedalschnalzer«. Mit der Feder und Wandmalerfarbe zu schreiben, ging eigentlich gar nicht. Das ist nicht wie Tinte im angeschnittenen Kiel. Trotzdem tat ich es, Buchstabe für Buchstabe. Weisser, grauweisser Kiel in weisser Farbe auf weissem Papier.

Ich erinnerte mich an Melina, die immer auf unseren Ausflügen Federn, mindestens immer eine Feder, gefunden hatte. Sie waren so fein und hell wie ihr Haar. Sie sammelte Vogelfedern. Ihr Zimmer war voll davon. Mit einer dieser Federn, die sie noch nicht gefunden hatte, mit dieser Feder hob ich ab in die Luft, flog lustvoll zwischen Baum und Baum, zwischen einer Baum- und Sträuchergruppe und dem Waldrand hin und her. Das Federkleid im Luftzug, mit dem Wind unter dem Flügel teilte ich die Luft, flog der Katze über den gespannten Rücken und auf und davon über Grasland mit Kirschbäumen, schaukelte in den Windstimmen, streckte, bog, wand, drehte, wog mich im warmen Sonnenbad und versteckte mich zuletzt zwischen den Blättern einer Hainbuche am Waldrand mit Blick ins Offene, denn die Federwimper hatte Augen, viele kleine Augen, die unruhig nach hinten und vorne, nach oben und unten blickten. In jener Nacht war meine Kunststoffdaunendecke mit richtig flauschigen Daunen gefüllt, und ich lag nicht unter der Decke, sondern flog auf dem weichen, leichten Daunendeckenteppich über die Häuser, die Alpen und übers Meer bis nach Afrika, ein Afrika ohne Elend, Armut, Ausbeutung und Krankheiten und ohne Niedergemetzel der einen Gruppe durch eine andere Nachbargruppe – und wieder zurück ins warme Bett, die Feder im Buch als Lesezeichen.

Heute habe ich mich eineinhalb Stunden mit Regine im Garten sehr angeregt unterhalten. Eigentlich kam sie, um Ophelia zu besuchen, aber Ophelia war schon mit einer anderen Freundin zum ausgiebigen Plaudern verabredet. Während wir so redeten und ich immer wieder nachfragte, weil ich es genau wissen wollte, fielen die Zungenblüten des Hartriegels aufs Zeltdach, unter dem wir sassen. Das erweckte in uns den behaglichen Eindruck, als ob es zart und zögerlich am Sommerabend zu regnen anfinge. Aber wir sassen ja im Trockenen. Sie war fröhlich und entspannt. Nach einer öden Phase durch den dunklen Wald, in der sie sich fühlte, als ob es nicht vorwärts ginge und alles sich gegen sie zu stellen schien, fühlte sie sich jetzt im Licht und in der Blüte, alles klappte so gut und stimmte zusammen.

Vor acht Jahren lernte sie ihren Mann kennen. Nach einem anstrengenden Arbeitstag gönnte sie sich ein Abendessen im Restaurant. Sie nahm im Vorgarten des Restaurants an einem Tisch Platz. Die Luft war leicht vom Zirren der Schwalben und vom Duft der Lindenblüten. Sie nahm sich Zeit, herumzuschauen und sich etwas zum Essen auszuwählen. Die wortkarge Art und die Aufmerksamkeit des jungen Kellners, seine Blicke, seine stolzen, eleganten Bewegungen zwischen den Tischen hindurch berührten sie. Er las ihr alle Wünsche von den Augen ab, stellte ihr sogar eine langstielige Rose auf den Tisch. Regine erinnerte sich auch noch gut an diese künstlich grünen Zahnstocher und musste lachen.