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Geschichten über die Liebe. Mit der unerwartet eine neue Dimension ins Leben einbricht. Wie lässt es sich damit leben? Nicht immer gut. Manchmal gar nicht. Von den vielen Facetten der Liebe handeln diese manchmal verstörenden Kurzgeschichten. Liebe ist nicht immer leicht zu ertragen. Denn immer verweist sie auf etwas jenseits eines kleindimensionierten Alltags.
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Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Dieser eine Moment
Ein Schnippchen geschlagen
Heute nicht
Hasta la vista, querida
Tu-Wort
Geruchsprobe
Grenzüberschreitung
Synthesis
Rolf und Lisa
Entschieden
Nach Hause
Der verhängnisvolle Buchladen
Maries Akte
Es hatte diesen einen Moment gegeben. Von dem er sich nie ganz sicher war, ob er ihn nicht nur geträumt hatte. Weil nie vorher und auch danach nie mehr etwas Vergleichbares geschehen war.
Sie waren beide erschöpft. Sie waren dreckig von oben bis unten. Sie stanken nach Schweiß. Sie hatten Hunger. Und es gab nichts zu essen im Haus. Sie hatten keine Ahnung, ob sie noch Geld hatten oder welches finden würden. Und wenn, dann war nicht klar, ob man etwas damit hätte kaufen können. Jedenfalls nicht jetzt sofort. Nur die Flasche Schnaps stand da zwischen ihnen. Und die würde den Hunger betäuben. Soviel war klar. Und danach wäre hoffentlich auch so manches andere wieder klarer.
Sein Vater sah toll aus. Verwegen, mutig. Wie ein Kämpfer. Oder ein Cowboy aus einem Western. Seine blauen Augen stachen in dem vor Dreck braunen Gesicht hervor. Seine kantige Nase war auf einmal charaktervoll. Sein Rollkragenpullover hatte etwas Existenzielles.
„Weißt du“, hatte er gesagt, während er das Wasserglas mit dem Schnaps, aus dem er gerade den ersten Schluck genommen hatte, in der Hand hielt und ansah, als könnte er etwas in der klaren Flüssigkeit lesen, „weißt du, wenn mir damals jemand gegenüber gesessen hätte – mit Dreitagebart, müden Augen, den Kopf aufgestützt, erschöpft und leer – dann hätte ich ihm nichts tun können. So einen richtigen lebenden, warmen Menschen, der vielleicht noch irgendwie daran erinnerte, dass er mal herzlich sein konnte. Man hätte ja Mitleid gehabt. Ich hätte jedenfalls Mitleid gehabt. Ich konnte als Kind nie jemandem weh tun. Ich hatte immer Angst, jemand könnte weinen, weil mir dann auch die Tränen kamen. Und deshalb bin ich oft genug ausgelacht worden. Das kannst du glauben.“
Dann kam lange nichts. Ich war zu müde nachzufragen. Und ich hatte Angst, ihn daran zu erinnern, dass ich da war. Ich hatte einen Dreitagebart. Ich hatte müde Augen. Und ich hatte einen Rollkragenpullover an. Der hatte in einem Koffer auf dem Schrank gelegen. Und deshalb war er trocken geblieben, als diese furchtbare Flut die ganze Straße, den ganzen Ort und das halbe Haus unter Wasser gesetzt hatte. Wir hatten den ganzen Tag Sachen aus dem Erdgeschoss in den ersten Stock getragen. Waren nass bis auf die Haut. Am späten Nachmittag war das Wasser so hoch, dass man nur noch Dinge herausfischen konnte, die oben trieben. Es war auch in den ersten Stock gekommen und wir hatten überlegt, wie hoch es noch steigen würde, bis wir aus dem Fenster noch rauskommen würden. Gegen Abend aber hatte es auf-gehört zu steigen. Jetzt war es fast dunkel. Der Fußboden war nur noch einen Zentimeter mit Wasser bedeckt. Der Wind kam durch die offenen Fenster und es wurde kühl. Und ich war froh, dass ich sie gefunden hatte. Diese schwarzen Rollis. Die uns beiden viel zu eng waren, weil sie aus einer Zeit stammten, als ich noch schlaksig und jung war.
Damals waren sie mir zu groß gewesen, was ich damals schick fand, ich erinnerte mich genau.
„Als er da saß, wurde mir heiß und kalt“, fing mein Vater unvermittelt wieder an. Seinen Blick unverwandt auf meine Hände gerichtet. „Seine Augen waren so herzlich und ein bisschen schalkhaft. Aufstehen, weggehen. Durch die Wälder wandern. Erzählen. Wo kommst du her? Was machst du? Lachen. Abends einkehren. Bierchen trinken. Lachen. Und einschlafen. Neben diesen Augen, die ihre Freude an mir hatten. Vielleicht in seinem Arm. Er hatte so ausdrucksvolle Hände. Viereckig. Der Ansatzknochen des Daumens kam so hervor und der Daumen war nach außen gebogen. Weißt du, bei manchen Menschen sind die Daumen kerzengerade und bei manchen biegen sie sich so nach oben. Er hatte ebenmäßige Fingernägel. Kurz geschnitten. Makellos. Und stark. Von ihnen nur gehalten zu werden. Mein Herz schlug bis zum Hals. Meine Lippen wurden feucht. Einen Moment und unsere Augen sprachen all das aus. Ja, seine auch. Für einen Moment waren wir wirklich woanders. Es war wirklich so. Es war so.“
Er sagte das nicht sentimental. Nein. Eher wie eine Nachricht. Der objektive Bericht eines neutralen Berichterstatters. Das zweite Mal schon war das Wasserglas zur Hälfte geleert. Ihm fielen die Augen zu. Und ich war nicht sicher, ob das schon Traum war oder nicht. Er jedenfalls schien sich zu verlieren in dieser denkwürdigen Erinnerung oder Verwechslung. Mir sah er jedenfalls nicht in die Augen. Aber er sah auf meinen Bart, er sah auf den Rollkragenpullover. Und sein Blick blieb lange auf meinen Händen liegen. Ich habe auch diese sich nach oben biegenden Daumen und den hervorstehenden Ansatzknochen. Aber in die Augen sah er mir nicht. Und gerade als ich dachte, sein Kopf sinkt jetzt auf den Tisch, da ging ein Ruck durch ihn. Sein Körper straffte sich.
„Ich hätte ja nur heulen müssen. Wenn da Menschen gewesen wären. Aber es ging ja für mich um Leben und Tod. Und nicht nur für mich. Auch meine Eltern und die Brüder und alles – alle hätte ich mitgerissen. Da war es gut, dass ich gerade noch rechtzeitig kapiert hab, dass sie keine Menschen sind wie wir. Dass das nur eine Hülle ist, bei denen. Innen drin sitzt einer, der nur so tut, als sei er müde und verzweifelt, weil die wissen, dass wir empfindsame Menschen sind. Also hat man nicht hinschauen dürfen, um sich nicht täuschen zu lassen. Es war einfacher, wenn die alle das gleiche anhatten und nicht gerade erst ankamen und noch vielleicht ‘nen Pulli anhatten, so einen, wie man vielleicht selbst auch mal hatte. Und vor allem Angst. Die war immer ganz schlecht auszuhalten. Weil man die ja selber hatte und nicht haben durfte. Wer Angst hatte, kam gleich weg. Da hab’ ich mich nur umgedreht und auf die Tür gezeigt. Das war wirklich ‘ne böse Falle von denen, um uns weich zu machen. Man musste sich wirklich selbst immer daran erinnern, dass da ein Teufel drinsitzt, dem es nur darum ging, uns weich zu machen. Das war es, was die wollten. Na ja, die Uniformen haben es uns auch leichter gemacht. Man war dann ja auch nicht als Mensch da. Eher als Vertreter des Guten, der eine schwere und traurige Aufgabe hatte. Diesen, leider falschen, Menschen zu vernichten. Besser wäre es ja gewesen, er wäre gleich auf der richtigen Seite geboren gewesen. Dann hätten wir das nicht tun müssen. Sie zwangen uns ja dazu. Aber ich habe so deutlich gespürt, wie wir beide eben nicht anders können, als zu sein, wer wir sind.“
Und als die Flasche fast leer war – er hatte geschwiegen. So lange. Da sagte er noch. „Scheiße – er hatte verdammt warme Augen. Ich hätte ihn so gemocht.“ Und gerade als ich dachte, er würde jetzt tatsächlich heulen, da hatte er sich schon wieder gefangen. „Ich war dann umso wütender, weil er genau wusste, wie er mich kriegt. Dieser Blick, so interessiert und neugierig auf mich. Das stand ihm nicht zu, in seiner Situation – und wer so guckt, obwohl die Gaskammer keine hundert Meter weg ist, der ist besessen. Das ist unmenschlich. Der ist gefährlich. Ich wollte dem nicht noch mal begegnen. Oder jemand anders der Gefahr aussetzen.“
Das war’s. Ich hatte nicht gewusst, dass er im KZ war und da was zu sagen gehabt hatte. Oma hat immer nur gesagt, er sei an der Ostfront gewesen. Mama hatte mal gesagt, er sei da freiwillig hingegangen. Aber aus ihm hab’ ich kein Wort mehr rausbekommen. Obwohl ich gehofft hatte, das Eis wäre gebrochen. War’s nicht. War wohl eher ein Ausrutscher.
Manchmal denke ich, dass es ganz einfach daran lag, dass er so verdreckt war, wie damals im Krieg. Und so nass und hungrig und verfroren. Dass sein Gedächtnis ihn da zurückkatapultiert hat. Dass er mich für einen Kameraden hielt oder so, dem man Sachen erzählt, weil man nicht weiß, wie lange man überhaupt noch erzählt. So eine Art Kurzschluss im Gehirn. Und wer weiß, vielleicht hat er tatsächlich vergessen, dass das überhaupt passiert ist. Sonst hätte man ja daran mal anknüpfen können. Konnte man aber nicht. Hat mich nur angesehen, als käme ich auch von einem anderen Stern. So wie dieser Typ im Wollpullover mit Dreitagebart und müden Augen, die ihn so herzlich und neugierig angesehen haben, dass sie offensichtlich etwas in seinem Herzen berührt haben, das ihm ganz schreckliche Angst eingejagt haben muss. Sodass er ihn sofort umbringen ließ und sich selbst auch in einer Art Selbstmordkommando an die Ostfront schickte. Ich hatte schon immer den Verdacht, dass er eigentlich Männer liebte. Mir widerstrebt zu sagen, dass er schwul war. Weil da so viel Sex mitschwingt und das kann ich mir bei ihm gar nicht vorstellen. Irgendeine Art von Sehnsucht nach körperlicher Nähe. Liebe - ja. Zu Männern allerdings nur. Er sprach oft zärtlich von Filmstars. Die waren wohl weit genug weg. Uns Söhne hat er nie angesehen. Nicht in die Augen. Nein, das schon gar nicht. Aber auch sonst nicht. Ich weiß nicht, ob ich ihm überhaupt mal die Hand gegeben habe.
Es war schon Mittag als Jupp erwachte. Jedenfalls schien die Sonne durch sein trübes Dachfenster und wärmte seine nackten Füße. Die Bettdecke war runtergerutscht und lag halb in dem Deckel eines Gurkenglases, das er als Aschen-becher benutzte. Er konnte seine Füße nicht sehen, denn sein dicker Bauch war dazwischen. Das Oberteil des Pyjamas hatte nur noch einen Knopf und gab den Blick auf die weiße Haut seines Bauchs mit den schwarzen Haaren frei. Er atmete tief ein und aus – der Bauch hob und senkte sich. Er wackelte mit den Zehen. Na bitte, geht doch. Er war der Herr im Haus. Langsam und bedächtig setzte er sich auf. Seine Füße fanden einen freien Platz auf dem kühlen Fußboden zwischen alten Zeitungen, Büchern und dem Aschenbecher. Das Aufstehen fiel ihm zugegebenermaßen immer schwerer. Aber es ging. Ächzend kam er auf die Beine. Ein klappriger Stuhl stand an der gegenüberliegenden Wand. Dahin zu kommen war nicht ganz einfach. Er hatte schon mal das Gleichgewicht verloren und war gestürzt, weil er nicht auf die Bücher treten wollte. Trat er aber darauf, so kam es vor, dass sie sich verschoben, bevor er fest stand. Er war nicht sicher, wer daran Schuld hatte. Aber diesmal ging es gut. Er ließ sich auf den Stuhl sinken. Das Schwierigste waren jetzt die Strümpfe. Er sollte sie anbehalten nachts, hatte er schon des Öfteren überlegt. Aber sie wollten das nicht. Sie wollten, dass er sich ordentlich auszog. Sie sahen alles und sie würden es sicher melden, wenn er anfing, das Aus- und Anziehen zu vernachlässigen. Er war einfach nicht mehr so beweglich, um mit beiden Händen an seine Füße zu kommen. Aber es ging irgendwie auch mit einer Hand. Hoffentlich sahen sie nicht, wie seine Füße aussahen – seit Wochen nicht gewaschen, die Nägel nicht geschnitten. Na ja, heute ging es noch mal.
Auf Strümpfen ging er langsam in die Küche. Eigentlich war es nur eine Kochecke. Aber er sagte Küche. Er ließ Wasser in den Boiler und schüttete Nescafé in seine alte Porzellankanne. Da konnten sie nicht meckern. Die hatte Stil. Er grinste freundlich zu den Wänden. Grüßte die rechte obere Ecke der Zimmerwand. Sollten sie doch ruhig sehen, dass es ihm gut ging.
Allerdings bekam er gleich darauf einen Schreck. Aus dem Abfluss seines Spülbeckens kam mit zartem Grün ein kleines Pflänzchen. Das war gestern noch nicht da. Ob der Kirschkern von vor ein paar Wochen sich selbständig gemacht hatte? Oder hatten sie es ihm da reingesetzt, um ihn zu prüfen? Jupp beschloss, sich nichts anmerken zu lassen.
Da klingelte das Telefon. Er war sehr stolz auf diesen Apparat. Er wusste, wer dran sein würde. Es gab ja außer ihr niemanden, der seine Nummer hatte. Wem sollte er sie auch geben. Dem Typ vom Kiosk etwa?
Also gut. Auf in den Kampf. Beate hatte ihre sachliche Stimme angelegt. Er wurde panisch. So konnte man mit ihm nicht reden. Er legte gleich wieder auf. Aber das war auch nicht richtig. Schon spürte er das Grinsen auf dem Schimmelfleck rechts unten in der Ecke. Gott sei Dank blieb es leise. Und Beate rief auch gleich wieder an. Er war sehr geistesgegenwärtig und sagte, sie seien unterbrochen worden. Beate war jetzt besorgt. Sie glaubte ihm nicht und ihre Stimme war fast zärtlich. Erstaunlich, wo sie doch gerade auf Fortbildung gewesen war. Sie müsste eigentlich distanzierter sein. Distanz ist wichtig in der Sozialarbeit. Er hatte irgendwo ein einschlägiges Lehrbuch liegen. Na ja, jedenfalls konnte man so besser reden.
„Alles klar, sie kommen in einer halben Stunde“, sagte sie.
„Ja, ich habe alle Zeitungen und Bücher sortiert. Stehen hier, in Kisten verpackt. Eine Kiste mit Flaschen. Eine mit dem Krempel vom Sperrmüll.“
Beate war platt. Tja, er vermochte zu überraschen. Immer wieder war er erstaunt über die Macht der Sprache.
Er sagte: „Beate, diese Wohnung erkennst du nicht wieder.“ Und er hörte wie froh sie war, dass er die Kurve noch mal gekriegt hatte.
„Jupp, ich bin stolz auf dich“, sagte sie.
„Aber ich habe immer an dich geglaubt. War es schwer?“
„Ach was“, sagte er. „Nur alter Plunder. Jetzt kann ich mir was für die Fitness besorgen. Vielleicht so ein Tretgerät, du weißt schon. Ist richtig viel Platz hier.“
Beate lachte. Es fiel ihr schwer mit ihm streng zu sein, sie mochte ihn. Sein Blick fiel auf die zusammen gefalteten Kisten, die unberührt in der Ecke standen.
