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Wer Särge trägt, lernt vor allem eines: Wir haben unser Leben selbst in der Hand, bis wir es loslassen müssen. Oliver Fleischer erzählt nicht nur skurrile Anekdoten vom Rand des Grabs. Er stellt die Fragen, die sich zwischen zwei Sarggriffen aufdrängen: Was bleibt am Ende wirklich? Was ist belanglos? Und warum vergeuden wir so oft die Zeit, die uns noch bleibt? "Das Leben zeigt sein wahres Gesicht oft erst am Abgrund. Und manchmal muss man Tote begleiten, um zu verstehen, wie man lebendig bleibt", sagt er als Sargträger, der oft aufs Ende anderer schaut, und weiß: Am Ende zählt, was vorher war. Fleischer erzählt von bewegenden Momenten am offenen Grab. Da ist eine Familie, die sich nicht einigen kann, ob Mutter das so gewollt hätte. Oder die Tochter, die beim Sarg die Playlist verwechselt – absichtlich? Erlebnisse, kurios wie bewegend, die mehr über das vergangene Leben verraten als jede Grabrede. "Der Tod eines anderen Menschen konfrontiert uns damit, dass wir selbst eines Tages sterben." Humorvoll, ernst und tröstend wendet er sich an alle, für die es noch nicht zu spät ist.
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Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Oliver Fleischer
Oliver Fleischer
Am Ende zählt, was vorher war
Neue Denkanstöße vom Sargträger
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Die im Buch dargestellten Personen wurden zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte anonymisiert. Einzelne Charaktere und Dialoge beruhen auf realen Vorbildern sowie Ereignissen, wurden jedoch aus Gründen der Verständlichkeit und Dramaturgie zusammengefasst oder verändert.
Klimaneutrale Produktion.
Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlorfrei gebleichtem Papier.
1. Auflage 2026
Copyright © 2025 Bonifatius GmbH Druck | Buch | Verlag
Bonifatius Verlag | Karl-Schurz-Str. 26 | 33100 Paderborn
Tel. 05251 153-171 | [email protected]
Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt München, werkstattmuenchen.com
Umschlagfoto: © Oliver Betke
Fotos Innenklappen: BILD / Christian Spreitz
Illustration Ast: Imron/AdobeStock
Satz: Bonifatius GmbH, Paderborn
Druck und Bindung: Pustet, Regensburg
Printed in Germany
eISBN:978-3-98790-968-9
www.bonifatius-verlag.de
Für Rübchen
„Lebe den Moment und vertrau dem Leben.
Du darfst mutig deinen Weg gehen.“
Dein Papa
Einleitung
1.
Der ungebetene Gast
2.
Und plötzlich ist alles anders. Kann der Tod auch ein Anfang sein?
3.
Der Tod als Spiegel des Lebens
4.
Wie wir leben, weil wir sterben
5.
Trauer. Willkommen im Club
6.
Wenn der leere Platz die Rollen neu verteilt
7.
Der Rabe auf der Stromleitung. Oder warum Erinnern mehr ist als Zurückschauen
8.
Wie ein frecher Clown. Humor gegen die Schwere
9.
Ach, hätte ich mal …
10.
Das leise Verschwinden
11.
Keine Angst vor der Angst vor dem Sterben
12.
Wenn der letzte Tag kommt. Die leise Zuversicht
13.
Wie erkläre ich einem Kind den Tod?
14.
Die ewig alte Frage
15.
Formen des Abschieds. Skurrile und besondere Beisetzungen
16.
Der Tod eines Papstes. Nach Protokoll oder eigenem Gusto?
17.
Demenz ist der Discount-Tod. Papas stilles Auslaufen ins Nichts
18.
Zwischen den Welten. Warum Nahtoderfahrungen mehr sind als Randerscheinungen
19.
Friedhöfe – Orte des Abschieds. Wo an den Tod erinnert wird, atmet das Leben
20.
Die Nähe, die nie ganz lädt. Immer online, aber im Hier und Jetzt offline
21.
Trauer kennt keinen Fahrplan. Warum Trauer wie ein Tanz ist
22.
Liebestod und Wiedergeburt. Vom emotionalen Krematorium zurück ins Leben
23.
So schnell kann’s gehen
24.
Was für mich bewusstes Leben bedeutet. Ein persönliches Plädoyer
25.
Champagner am Grab? Das letzte große Fest
Epilog
Ein Appell
Danksagung
Wie ein Baum
Der Mensch ist wie ein Baum.
Aus unsichtbaren Wurzeln schöpft er Kraft –
Herkunft, Erinnerungen, Liebe.
Er wächst dem Himmel entgegen,
doch niemals ohne die Erde, die ihn trägt.
Sein Stamm ist Geschichte,
gezeichnet von Jahresringen:
Sieg und Narbe,
Stille und Stunde,
eingeschrieben ins Holz der Seele.
Die Äste recken sich in viele Richtungen,
wie Wege des Lebens –
manche stark, manche gebrochen,
und doch Teil des Ganzen.
Die Blätter sind Momente:
Sie sprießen in der Jugend,
leuchten in der Reife,
verfärben sich im Alter
und kehren zur Erde zurück,
um Neues zu nähren.
In den Früchten trägt er, was bleibt:
Taten, Worte, Kinder, Spuren –
Samen, die weiterwachsen,
wenn er selbst vergeht.
Und wenn der Sturm kommt,
neigt sich der Baum, doch er bricht nicht.
Seine Wurzeln wissen:
Standhaftigkeit wächst aus Tiefe.
So ist das Leben des Menschen:
ein stilles Werden, ein mächtiges Wachsen,
ein Kreislauf von Geben und Vergehen.
„Manchmal muss man
nur einen Schritt zurücktreten,
um zu merken,
dass das Leben viel größer ist
als seine Sorgen.“
Oliver Fleischer
Als ich vor zwölf Jahren in der bergisch-rheinischen Stadt Haan als Sargträger zu arbeiten begann, hätte ich mir nie vorstellen können, wie sehr diese Tätigkeit mein Leben verändern würde. Was ich auf den Friedhöfen im Bergischen Land, zwischen Düsseldorf und Wuppertal, über das Leben lernen durfte, dafür bin ich heute noch von Herzen dankbar. Ebenso für die Menschen, die ich dabei getroffen habe. Der Dienst als Sargträger hat mein Denken verändert. Radikal. Sanft. Und manchmal beängstigend klar.
Wenn man an einem einzigen Tag eine 80-jährige Frau – ein Leben voller Jahrzehnte, Geschichten, Falten und wahrscheinlich unzähliger Tassen Kaffee – trägt und kurz darauf einen 40-jährigen Mann, dessen Zukunft abrupt mitten in einem Satz endete, anschließend ein Baby, das kaum Zeit hatte, diese Welt zu berühren, und zum Schluss einen 17-jährigen Teenager, der noch nicht einmal wusste, wer er werden wollte – dann passiert etwas in einem. Das Leben ordnet sich neu. Relationen verschieben sich und Wichtiges sortiert sich, ob man will oder nicht. Die Sichtweise auf das eigene Leben verändert sich. Du erkennst die eigene Endlichkeit. Und dieses Bewusstsein kann dir entweder Angst machen oder dich beflügeln, dein Leben anders zu sehen. Denn: „Lebend kommen wir hier alle nicht raus.“ Heute sage ich diesen Satz bei meinen Lesungen mit einem Augenzwinkern. Doch noch vor ein paar Jahren hätte ich nie gedacht, dass er einmal zu meinem Lebenskompass werden würde.
Damals hätte ich auch nie gedacht, dass ich einmal ein Buch über meine Tätigkeit als Sargträger schreiben dürfte, geschweige denn, überhaupt ein Buch verfassen würde. In „Der Oma hätte das gefallen“ schildere ich Erlebnisse aus meiner Sicht als Sargträger. Ich erzähle von kleinen Pannen und großen Gefühlen, von würdevollen Zeremonien und überraschend komischen Momenten, von stillem Schmerz und liebevoller Erinnerung. Dabei betone ich, dass 95 Prozent aller Beerdigungen ganz normal ablaufen: leise, würdevoll und ohne besondere Vorkommnisse. Doch die fünf Prozent … Ach, diese fünf Prozent! Sie zeigen uns, dass das Leben Humor hat, sogar auf dem Friedhof. Es passieren dort Dinge, über die man später schmunzelt, auch wenn man zuvor geweint hat. „Die Oma“ berichtet über genau diese fünf Prozent. Und dann ging ich mit ihr auf Lesereise. Seit mittlerweile zwei Jahren sind „wir beide“ unterwegs.
Bei meinen Veranstaltungen, die manchmal eine Mischung aus Lesung und schauspielerischer Stand-up-Comedy sind und damit – von mir völlig unbeabsichtigt – für manche Besucher wie eine Therapiestunde wirken, habe ich etwas Überraschendes festgestellt: Die Menschen wollen über den Tod sprechen. Nicht flüsternd, verlegen oder mit gesenktem Blick, so wie man früher heimlich über den Nachbarn sprach, der angeblich eine Affäre mit seiner Sekretärin hatte. Nein, sie wollen offen darüber reden, mit einer Mischung aus Neugier, Lebensweisheit und zuweilen auch schwarzem Humor. Letzterer entsteht aber nur, wenn man akzeptiert hat, dass der Tod kein Fremder ist, sondern ein stiller Mitbewohner unseres Lebens, der einfach dazugehört.
Am meisten erstaunte mich die Leichtigkeit, mit der sich die Menschen öffneten. Kaum hatte ich den letzten Satz vorgelesen und der Applaus war verklungen, vergingen oft nur wenige Sekunden, bis die ersten Zuhörer auf mich zukamen und sagten: „Wissen Sie, auf der Beerdigung meines Onkels/meiner Tante …“ – und schon folgte eine Geschichte, die gleichermaßen traurig, rührend oder unfreiwillig komisch war. Jemand erzählte mir von einer Zeremonie, bei der der Pfarrer dreimal den falschen Namen nannte. Eine andere berichtete, wie ein Windstoß sämtliche Dekorationen von den Urnenständern wehte und die Familie beschloss, dass Tante Erna das bestimmt amüsant gefunden hätte. Wieder andere erzählten mir ganz still, fast zärtlich, von den Momenten, in denen sie dem Tod zum ersten Mal persönlich begegnet waren – von dem Augenblick, der in ihnen etwas grundlegend verändert hatte.
Es war, als hätten die Lesungen eine Schleuse geöffnet. Plötzlich durfte alles gesagt werden: Ängste, Wünsche, Erinnerungen, Fragen, Hoffnungen. Einige Menschen berichteten zum ersten Mal von ihrer Angst vor dem eigenen Sterben, andere von der Sorge, irgendwann in einem unpassenden Outfit im Sarg zu liegen. Wieder andere sprachen darüber, wie sehr sie sich wünschen, dass ihre Beerdigung ein Fest wird – mit Wein, guter Musik und auf gar keinen Fall in schwarzer Kleidung. Einige erklärten auch, dass sie am liebsten gar keine große Beerdigung möchten, sondern nur „im kleinen Rahmen“ beigesetzt werden wollen.
Diese ungezwungene Offenheit überrascht mich immer wieder. Ein bisschen Lachen hier, ein wenig Ernsthaftigkeit dort – doch stets mit der Erkenntnis, dass man über den Tod sprechen kann, ohne die Stimmung zu ruinieren.
Viele sagten mir später, die Lesung habe ihnen geholfen, die Angst vor diesem Thema zu verlieren. Sie spürten zum ersten Mal, wie befreiend es sein kann, Worte für etwas zu finden, das jeder kennt, aber kaum jemand ausspricht. Dabei bleibt der Tod selbstverständlich, was er ist: der Tod. Er wird sich nicht modernisieren oder digitalisieren. Er bleibt stur, traditionsbewusst und auf seine ganz eigene Weise zuverlässig. Doch unser Umgang mit ihm – und damit auch unser Umgang mit dem Leben – kann sich verändern.
Denn die Wahrheit ist: Wir begegnen dem Tod nicht erst an dem Tag, an dem wir selbst endgültig vor ihm stehen. Wir treffen ihn überall, in vielen kleinen Formen. Wenn ein Familienmitglied unheilbar erkrankt, verändert sich die Sicht auf die einst heile Welt. Wenn eine große Liebe endet, kann sich das wie ein leises inneres Sterben anfühlen. Wenn ein Lebensabschnitt zu Ende geht, ein Traum zerbricht oder eine Hoffnung stirbt, steht der Tod symbolisch in der Tür. Er will uns dann nicht holen, sondern uns daran erinnern, dass alles endlich ist.
Liegt aber nicht gerade in dieser Endlichkeit auch eine gewisse Schönheit?
Genau darum geht es in diesem Buch und in der Frage „Heute schon gelebt?“ Es geht darum, das Leben nicht nur auszuhalten, nicht nur zu verwalten, sondern es wirklich zu bewohnen. Es geht um ein bewusstes, wahrhaftiges Dasein, das sich nicht nur aus Kalendereinträgen, Verpflichtungen und wiederkehrendem Alltagstrott zusammensetzt, sondern aus Momenten, die man wirklich lebt.
Denn wenn wir uns – jetzt bitte ohne Drama und Pathos – einmal ehrlich vor Augen führen, dass unser Leben begrenzt ist und der Tod dazugehört, kann dieser Gedanke zu einem unerwarteten Lehrmeister werden. Einer, der uns nicht mit erhobenem Zeigefinger belehrt, sondern uns freundlich, aber bestimmt daran erinnert, dass wir Zeit haben – jedoch nicht unendlich viel.
Wie oft erlebt man, dass Menschen nach einem Schicksalsschlag plötzlich bewusster leben? Nach einem Todesfall, im Angesicht einer Diagnose oder nach einem Verlust, der ihnen zeigt, wie fragil der Lebensfaden sein kann. Plötzlich rückt das Wesentliche in den Vordergrund. Man kümmert sich wieder um die Familie, ruft Menschen an, die man lange nicht gesehen hat, oder entschuldigt sich endlich für Dinge, die schon viel zu lange im Raum stehen. Manche beginnen, den Moment neu zu leben, als hätten sie entdeckt, dass ihr Kalender nicht nur Aufgaben enthält, sondern auch – oh Wunder! – Raum, Platz und vor allem Zeit.
Plötzlich betrachtet man einen Sonnenuntergang nicht mehr als rotgelben Horizontschmuck, sondern als tägliches Geschenk. Man hört das Lachen der eigenen Kinder, als wäre es ein seltenes Lied, das nur heute gespielt wird. Man führt Gespräche, die man sonst immer vor sich hergeschoben hat – jene Sätze, die uns peinlich sind, die tief gehen, schmerzen oder heilen. Andere wiederum buchen endlich die Reise, auf die sie seit Jahren verzichtet haben. Oder sie treffen sich mit Menschen, die ihnen wichtig sind, statt nur zu denken: „Wir sollten mal wieder …“
Doch so menschlich all das ist, so menschlich ist auch die andere Seite: Wie schnell kehren wir in den alten Trott zurück? Wie oft rutscht das Bewusstsein für das Wesentliche wieder in die hinterste Ecke unserer Gedanken, während wir uns erneut in den kleinen Dramen des Alltags verlieren – der E-Mail-Flut, der Wäsche, dem Stress, dem ständigen Geräusch des Handys, das uns mitteilt, dass irgendwo auf der Welt jemand ein neues Katzenvideo hochgeladen hat?
„Heute schon gelebt?“ möchte genau hier ansetzen. Dieses Buch versucht nicht, den Tod zu romantisieren oder mich zu einem Lebensberater mit tragbarem Sarg-Accessoire zu machen. Es möchte vielmehr das Bewusstsein schärfen für das, was uns im Leben wirklich trägt. Es spricht eine Einladung aus: zu mehr Mut, mehr Präsenz, mehr Liebe, mehr Wahrheit – und auch zu mehr Humor, wenn möglich. Denn manchmal muss man nur einen Schritt zurücktreten, um zu merken, dass das Leben viel größer ist als seine Sorgen.
Wenn wir begreifen, dass jeder Tag und jede Begegnung ein Geschenk ist, kann sich etwas verändern. Dann verstehen wir das Leben nicht länger als monotone, lineare Strecke, die irgendwann endet, sondern als Sammlung von Augenblicken, die wir gestalten dürfen. Das bedeutet nicht, dass wir jeden Tag in ekstatischer Dankbarkeit tanzen müssen. Es bedeutet lediglich, wach zu sein für das Schöne, das Schwierige, das Tragische, das Komische und alles dazwischen.
Dieses Buch will daran erinnern – auf sanfte, humorvolle und manchmal poetische Weise.
Es fragt: Hast DU … heute schon gelebt?
Und falls die Antwort „Nein“ lautet, ist das nicht schlimm. Es bedeutet nur: Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um damit anzufangen.
Wie ist das mit dem Tod? Wie fühlt es sich an, wenn er plötzlich in unser Leben tritt? In das Leben unserer Familie? Ich stelle es mir ungefähr so vor: Der Tod ist wie dieser eine Onkel, den niemand eingeladen hat, der aber trotzdem bei einer Familienfeier auftaucht. Er bringt keine Flasche Wein mit, sondern nur Schweigen. Er trägt weder Schlips noch Torte, sondern hat das Ende für jemanden dabei. Während alle noch beisammen am Tisch sitzen, Geschichten erzählen und Kuchen essen, schleicht er sich heran. Wortlos, von hinten, tippt er jemandem aus dem versammelten Kreis auf die Schulter – und plötzlich ist ein Stuhl leer.
Für die, die bleiben, die sogenannten Hinterbliebenen, ist dieser Moment wie ein Erdbeben im Herzen. Alles, was vorher selbstverständlich war – die Stimme am Telefon, seine abgetragene Jacke über dem Stuhl oder das lästige Rattern ihrer elektrischen Zahnbürste am Morgen wie am Abend –, ist auf einmal verschwunden. Nicht mehr da.
Der Tod ist ein seltsamer Besucher. Niemand lädt ihn ein, und doch kommt er. Sogar sehr zuverlässig. Er klingelt nicht höflich an der Tür, er macht keinen Termin im Kalender, sondern er tritt einfach ein, manchmal laut, manchmal leise, manchmal mitten in einer Feier, wenn wir gerade das Glas erheben und denken: So, jetzt ist das Leben in bester Ordnung.
Der Tod, dieser ungebetene Gast, ist ein Zerstörer. Er macht Schluss. Er setzt einen Punkt dort, wo wir eigentlich noch ein Komma machen wollten – und die plötzlich verstorbene Person erst recht. Aber der Tod ist nicht der Schlusspunkt. Denn solange wir selbst leben, ist die Geschichte unseres Lebens mit ihm nicht auserzählt.
Vielleicht liegt darin eine besondere Philosophie: Unser Leben ist nie eine korrekte oder perfekte Erzählung, sondern ein Manuskript voller abgebrochener Gedanken – und gerade diese Unvollkommenheit zwingt uns dazu, weiterzuschreiben. Denn wo der Tod einen Punkt setzt, schreiben die Lebenden die Geschichte weiter. Mal stockend, mal unbeholfen, mal mit einem lauten Lachen über den schiefen Rhythmus. Aber sie schreiben.
Für die Angehörigen bedeutet das: Plötzlich sind sie Herausgeber eines unvollendeten Buches. Sie halten leere Seiten in der Hand und müssen entscheiden, wie es weitergeht. Soll in schwermütigen Grautönen weitererzählt werden? Oder wagt man ein neues Kapitel, das das Alte nicht löscht, sondern im Hintergrund weiterklingen lässt?
Natürlich dominieren zunächst Kummer und Schmerz, die Dunkelheit ist überwältigend. In Gedanken starrt man geradezu auf die Person, die fehlt. Man tastet vielleicht nach einer Hand, die nicht mehr da ist. Doch irgendwann beginnt man, über diese Absurditäten des Fehlens zu stolpern.
Ein Witwer erzählte mir einmal, er habe zwei Wochen lang weiterhin für seine verstorbene Frau gekocht – einfach aus Gewohnheit. Am dritten Tag stand ein Berg von Nudeln in der Küche, und er musste lachen: „Wenn sie das sehen könnte, hätte sie mit mir gemeckert. Sie hätte gesagt: ‚Du weißt doch, dass ich nicht so viel esse!‘“
Dort, wo früher vieles vertraut war, lebt nun die Erinnerung. Und dort, wo jetzt Stille herrscht, breitet sich ein Nachdenken aus. Vielleicht nimmt man in einem solchen Moment sogar einen neuen Anfang wahr. Es ist, als hätte der Tod ein Fenster zugeschlagen und gleichzeitig eine Tür aufgestoßen. Das Zimmer ist leer, doch auf einmal fällt durch die Tür Licht, das vorher niemand beachtet hat. Vielleicht schleicht sich sogar ein Lachen über die vielen Nudeln ein, das wie ein kleiner Riss im Schmerz wirkt.
Ist das nicht ein bemerkenswerter Moment? Während die verstorbene Person im Zustand des Endgültigen weilt, eröffnet sich für die Hinterbliebenen eine Fülle von Möglichkeiten. Vielleicht sogar die, nach dem plötzlichen Besuch des ungebetenen Gastes namens Tod beizeiten wieder eine Einladung auszusprechen – an Freunde, Bekannte, Verwandte, mit denen man gerne eine große Portion Nudeln teilt.
„Die Erinnerung ist
das einzige Paradies,
aus dem wir nicht vertrieben
werden können.“
Jean Paul
Kann der Tod auch ein Anfang sein?
Vor einiger Zeit durfte ich eines Abends in Düsseldorf eine „Lesung mit der Oma“ halten. Als ich in den Räumlichkeiten des wunderschönen KaBARett FLiN ankam, schien für mich alles ganz normal zu sein, so wie bei anderen Veranstaltungen mit meinem ersten Buch. Doch dieser Abend, diese Lesung, sollte alles andere als normal werden – für mich wie auch für eine ganz besondere ältere Dame.
Wie gewöhnlich besprach ich mich zunächst mit den Veranstaltern, liebenswürdige Leute. Ich fragte sie: „Machen wir eine Pause?“, „An welchem Platz darf ich die Bücher signieren?“ Anschließend folgte ein kleiner Soundcheck, und ich erkundigte mich, ob sie denn zufrieden seien mit der Anzahl der Zuschauer. Alles schien wie immer zu sein. Ganz normal. Nur bei der Frage bezüglich der Zuschauer bemerkte ich, dass die Veranstalterin kurz innehielt und herumdruckste. Oh, Mist, dachte ich im ersten Moment, nicht gut verkauft, und ich fragte, ob sie unzufrieden sei mit der Resonanz. Sie verneinte, der Zuspruch sei super, aber es könnte da eventuell ein Problem mit einer Zuschauerin geben, falls diese denn käme. Ich verstand im ersten Moment nicht, worin genau das Problem liegen sollte, doch auf meine Nachfrage hin wurde es mir erklärt.
Die Veranstalterin deutete auf zwei Plätze und sagte, dass die Dame, die dort immer gemeinsam mit ihrem Mann säße, Stuhlpatin sei und noch nicht genau wüsste, ob sie zu meiner Lesung kommen würde. Dann machte sie eine bedeutungsschwere Pause. Ich verstand aber immer noch nicht, wo das Problem lag.
„Sie weiß noch nicht, ob sie kommt, da ihr Mann gestern plötzlich gestorben ist“, sagte die Veranstalterin sichtlich betroffen. Mir blieb ein wenig die Luft weg. Mit dieser Antwort hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Aufgrund des Todesfalls habe sie ihre Teilnahme an der Lesung zunächst abgesagt, so die Veranstalterin, dann aber im nächsten Moment wieder angerufen und zugesagt. Sie wolle gerne Teil meiner Lesung sein. Ich sollte also bitte nicht überrascht sein, wenn die Dame dort sitze und emotional auf die Lesung reagiere.
Dass Zuhörer während meiner Lesung von Gefühlen und Erinnerungen überwältigt werden, war mir nicht neu, diese Situation aber schon. Zu einer Lesung zu kommen, bei der es um Beerdigungen, Särge und Gräber geht, nicht einmal 36 Stunden nachdem der eigene Partner für tot erklärt wurde – für wen sollte das keine große emotionale Herausforderung sein? Ich war also gespannt, ob der Platz besetzt sein würde.
An diesem Abend wurde zu Beginn meiner Lesung das Lied „Alles ist jetzt“1 von Bosse gespielt. Ich hatte es mir als Eröffnungslied ausgesucht, da es meiner Meinung nach sehr gut zu meiner Lesung passt. Mit Beginn des Refrains betrat ich die Bühne. Mein Blick richtete sich sofort auf die beiden Stühle, doch sie waren nicht besetzt. Ich fand es zwar schade, hatte aber volles Verständnis dafür, dass die Dame an diesem Abend nicht zu meiner Lesung oder irgendeiner anderen Veranstaltung gehen konnte oder wollte. Ich begann also mit meinem Programm.
Kurz bevor ich die erste Geschichte vorlas, betrat dann eine sehr mondän gekleidete, ältere Dame die Räumlichkeiten des Kabaretttheaters und setzte sich auf einen der beiden Stühle. Im ersten Moment war ich etwas irritiert und sah sie für einen Augenblick an. Ich nickte ihr kurz zu und machte weiter mit dem Text, in alter Routine. Doch von da an ging sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Immer wieder im Laufe des Abends ging mein Blick zu ihr, um zu sehen, wie sie wohl auf das von mir Gesagte reagierte. Und ich merkte an mir selbst, wie ich mir vornahm, nur für sie zu lesen und die ausgewählten Passagen zu spielen.
Dass sie es sich nicht nehmen ließ, nach einem solch großen Schicksalsschlag zu meiner Lesung zu kommen, erfüllte mich mit unglaublicher Dankbarkeit. Immer wieder schweiften meine Augen zu ihr, um ihre Reaktionen zu sehen. Sie waren nicht viel anders als die beim übrigen Publikum. An Stellen, an denen gelacht wurde, lächelte sie, und an Stellen, an denen geseufzt und geweint wurde, floss auch bei ihr eine Träne über das Gesicht.
Nachdem meine Lesung zu Ende und der Applaus verklungen war, ging ich zu ihr. Mir war es ein Bedürfnis, mich bei ihr für ihr Erscheinen zu bedanken und ihr mein Beileid auszusprechen. Doch bevor ich überhaupt etwas sagen konnte, bedankte sie sich bei mir und nahm mich in den Arm. Ich erwiderte ihre Umarmung. Und dann …, dann fing sie an zu weinen. In diesem Moment hatte ich selbst damit zu kämpfen, meine Tränen zurückzuhalten, so ergriffen war ich von der Situation.
Nachdem wir unsere Umarmung gelöst hatten, hielt sie meine Hand und bedankte sich noch einmal für die Lesung. Mit glasigen Augen stand sie vor mir und erzählte, dass der Tod ihres Mannes sehr plötzlich und unerwartet gekommen sei. Sie habe ihn in der Wohnung tot aufgefunden. Der Tod sei wie ein ungebetener Gast in ihre gemeinsame Wohnung gekommen und habe ihren Mann einfach zurückgelassen. Anschließend erzählte sie mir, wie innig sie beide sich geliebt hätten und dass sie immer alles gemeinsam gemacht hätten. Sie liebten das Theater und die Kultur und hatten versucht, so oft wie möglich diese gemeinsame Leidenschaft miteinander zu teilen. Das sei auch der ausschlaggebende Grund gewesen, verriet sie mir, warum sie an diesem Abend gekommen war. Ihr Mann hätte sich so sehr auf die Lesung gefreut. Er hätte es gewollt, dass sie zur Lesung geht. Denn er war stets der Ansicht gewesen, dass ihr Leben eines Tages weitergehen sollte. Sie beide hatten sich zu Lebzeiten darüber unterhalten, und es war ihr gemeinsamer Wunsch, dass der jeweils andere die Zeit auf Erden noch genießen sollte, wenn es den anderen nicht mehr gab – bis man sich in einer anderen Welt wiedersehe.
Die Dame wirkte gedanklich sehr aufgeräumt und klar, als sie mir all das erzählte. In ihrem Gesicht erkannte ich nicht nur Trauer, sondern auch Zuversicht und Frieden. Natürlich war sie traurig, aber sie strahlte dabei eine unglaubliche Stärke aus.
Wir verabschiedeten uns, und zum Abschluss dieser für uns beide intensiven Begegnung gab sie mir noch folgenden Rat mit auf den Weg: „Das Leben hat seine Höhen und Tiefen, aber lass dir niemals den Humor nehmen!“
An diesem Abend dachte ich noch lange über das Gespräch und die Begegnung mit der älteren Dame nach. Dabei kam mir die Frage in den Sinn: Kann der Tod auch ein Anfang für die Hinterbliebenen sein?
PS: Was ich damit unter anderem sagen möchte, mache ich an einem weiteren kleinen Beispiel fest:
Einmal erzählte mir eine Frau lachend, dass sie seit dem Tod ihres Mannes absichtlich schief parke. „Er war besessen davon, dass unser Auto immer exakt gerade stand. Jetzt gönne ich mir den Luxus, es quer über zwei Parkplätze zu stellen. Jedes Mal, wenn ich das tue, habe ich das Gefühl, ihn ein kleines bisschen zu ärgern und gleichzeitig ganz nah bei ihm zu sein.“ Ihr Schmunzeln war zaghaft, aber bestimmt. Ein Anfang voller Leichtigkeit.
„Der Tod ist nicht das Ende,
sondern ein Teil des Lebens.“
Michel de Montaigne
Der Tod ist und bleibt ein großes Geheimnis. Ob er ein Übergang ist in ein anderes, ewiges Sein oder schlicht das Ende – wir wissen es nicht. Eines aber wissen wir ganz sicher: Er macht das Leben kostbar. Wer den Tod verdrängt, lebt oberflächlich. Wer ihn annimmt, lebt tiefer. Und wer ihn als Lehrer erkennt, der versteht für seine eigene Lebenszeit: Nicht die Anzahl der Tage zählt, sondern das, was ich aus ihnen mache.
Für mich ist das mit dem Tod so, als brächte er einen Spiegel mit. Doch es ist kein Spiegel, in den wir blicken, um zu prüfen, ob die Frisur sitzt, die Zähne sauber sind, oder die Falten zu zählen. Bei diesem Spiegelbild geht es nicht darum, wie wir aussehen, sondern wie wir gelebt haben. Sterbende, die wissen, dass ihre Zeit absehbar ist, entdecken ihn früher als andere. Es ist ein Spiegel, der nicht schmeichelt, nicht lügt und gnadenlos ehrlich ist.
Die meisten bekommen ihn in dem Moment vorgehalten, wenn sie am Grab eines Menschen stehen. Plötzlich liegt da ein gelebtes Leben vor ihnen, das ihnen im wahrsten Sinne des Wortes gespiegelt wird. In der Trauerrede werden noch einmal die wichtigsten Menschen und Stationen im Leben des Verstorbenen genannt; manchmal werden Charakter und Persönlichkeit so lebendig beschrieben, dass ein Bild vor Augen entsteht. Und natürlich kommen im Moment des Abschiednehmens all die Erinnerungen, die man selbst mit der verstorbenen Person verbindet, noch einmal hoch: gemeinsam Erlebtes, Versäumtes und Offengebliebenes. Wie tröstlich sind die Beerdigungen, bei denen es der Geistlichkeit oder dem Trauerredner gelingt, das Vergangene – das Abbild, das dieser Mensch hinterlassen hat – den Trauergästen noch einmal recht persönlich und nah vor Augen zu führen.
Wenn wir zurückschauen auf das Leben eines Verstorbenen – auf Gesten, Worte, verschenkte oder verpasste Momente –, dann dreht sich, fast unmerklich, etwas. Denn wie in einem unerwarteten Reflex schauen wir auf einmal nicht mehr nur auf das Leben derjenigen Person, die im Sarg liegt, sondern auch auf unser eigenes. Ihr Ende lenkt unseren Blick auf unser Sein. Ihr gelebtes Leben zeigt uns, wie wir selbst leben. Und ihre verpassten Chancen erinnern uns an die eigenen. Kurz: Wir bekommen mit dem Tod eines anderen Menschen einen Spiegel vorgehalten.
Er erinnert uns binnen Sekunden an Situationen, die wir vielleicht auf die lange Bank geschoben haben. Oder an Mauern, die wir zu anderen Menschen errichtet haben. Irgendetwas findet er fast immer, etwas, das uns triggert. Und er fordert uns auf, einmal wirklich auf das eigene Leben zu schauen. So sehen wir nicht nur den Tod des anderen, sondern erkennen im Angesicht des Vergänglichen auch plötzlich unser eigenes Leben.
Mal ehrlich, wir Menschen haben doch ein merkwürdiges Verhältnis zum Tod. Wir tun oft so, als ginge er uns nichts an. Wir schieben ihn in Krankenhäuser und Bestattungsinstitute, so wie man unliebsame Möbel auf den Dachboden räumt. Auch in unseren Worten äußert sich das. Wir sagen lieber: „Er ist von uns gegangen“ oder „Sie ist heimgegangen“, als das ungeschminkte Wort zu benutzen: Er oder sie ist tot.
Warum ist das so? Vielleicht, weil wir ahnen, dass der Tod uns mit seinem Spiegel etwas zeigen könnte, das wir lieber nicht sehen wollen: Wie viel Zeit wir vertrödelt haben, wie viele Worte ungesagt blieben, wie viele Umarmungen verweigert wurden. Und wer will schon im Spiegel erkennen, dass er ein Leben lang fleißig die falschen Prioritäten gesetzt hat? Dass das glänzende Auto wichtiger war als die glänzenden Augen des eigenen Kindes oder die Karriereleiter wichtiger als das Baumhaus im Garten? Der Spiegel zeigt unerbittlich Nähe, die möglich gewesen wäre. Zeit, die fehlte. Und Dinge, die nur wir für selbstverständlich hielten.
Trauernde erinnern sich an Blicke, Sätze, Berührungen. Und während der Verstorbene in Gedanken und Erinnerungen gewürdigt und wachgehalten wird, beginnen unweigerlich die Fragen nach dem eigenen Leben: Wie würde mein eigenes Leben aussehen, wenn man es jetzt auf einer Trauerfeier rückblickend betrachten würde? Welche Szenen würden wohl genannt? Welche fehlten? Welche Freunde und Bekannte säßen eigentlich in den Bänken?
Wenn der Tod uns begegnet, bringt uns das Klarheit. Er führt uns nämlich einen Spiegel vor Augen, den wir uns selbst selten zumuten. Er zeigt, was im Leben eines anderen Menschen wichtig war – und macht sichtbar, was in unserem eigenen wichtig sein sollte: nicht Leistung, sondern Beziehung. Nicht Tempo, sondern Tiefe. Nicht Besitztümer, sondern Verbundenheit.
Vielleicht ist der Tod somit ein guter Lebensberater: Er zwingt uns, Prioritäten zu setzen. Er fragt: „Willst du wirklich noch eine Stunde Überstunden machen, oder willst du lieber mit deiner Tochter spielen?“ Und er erinnert: „Du kannst dein Geld nicht mitnehmen. Bleiben werden nur die Geschichten, die andere über dich erzählen.“
Am Ende bleibt der Tod der Spiegel, der uns nicht belügt. Er zeigt, was war, und deutet an, was noch möglich ist. Wer ihn ignoriert, lebt vielleicht weiter wie bisher – im Hamsterrad, mit Einkaufslisten und Termindruck. Wer aber innehält und hineinschaut, entdeckt, was wirklich zählt: die Liebe, das Lachen, die kleinen Wunder.
Und vielleicht ist der Spiegel gar nicht so unheimlich. Vielleicht hat er Fingerabdrücke, vielleicht ist er leicht beschlagen, und vielleicht hängt ein kleiner Klebezettel daran, auf dem steht: „Vergiss nicht: Das Leben ist zum Leben da!“ Denn der Tod könnte schneller kommen, als man denkt.
Menschen, die selbst schon einmal dem Tod nahe waren, erzählen oft, dass ihnen in einem Augenblick das ganze Leben vor Augen stand. Nicht wie ein Horrorfilm oder Hollywood-Spektakel, sondern eine stille, klare Rückschau. Sie sahen nicht, wie oft sie die Wohnung gesaugt oder die Spülmaschine ausgeräumt haben. Nein, sie sahen Begegnungen, Worte, Gesten. Und sie spürten, wie andere sich in ihrer Nähe gefühlt hatten.
Man stelle sich das mal wie eine große, biografische Theateraufführung vor: Auf der Bühne treten alle Menschen auf, die uns je begegnet sind. Sie spielen Szenen aus unserem Leben – die kleinen, peinlichen, die komischen, die erhabenen. Vielleicht stehen wir selbst daneben und denken: „Oh nein, bitte nicht diese Szene, als ich meiner großen Liebe unbeholfen erzählte, wie ich heiße und dass ich ‚aus dem Fernsehen komme‘. Nur damit sie sich meinen Namen merkt, anstatt zu sagen: ‚Ich finde dich toll, darf ich dich mal anrufen?‘“ Doch der Spiegel des Todes zeigt gnadenlos alles. Und gerade darin liegt seine Ehrlichkeit.
Besonders verändert kehren Menschen ins Leben zurück, die „dem Tod von der Schippe gesprungen“ sind, wie man im Ruhrpott sagt. Viele wirken danach wacher, klarer, dankbarer. Und mal ehrlich: Wenn wir doch wissen, dass wir alle einmal diese letzte Reise antreten, können wir auch über unsere manchmal abstrusen menschlichen Eitelkeiten lachen: über das ständige Jammern über schlechtes WLAN, über den Ärger wegen verpasster Parkplätze, über das Drama, wenn der Lieblingskaffee ausverkauft ist. Sehen all diese Sorgen im Spiegel des Todes nicht aus wie winzige Staubkörner?
