Heute sterben wir noch nicht - Lily Zimmermann - E-Book

Heute sterben wir noch nicht E-Book

Lily Zimmermann

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Beschreibung

Können Depressive die Lebenslust lernen, sich verlieben, ihren Job gut hinkriegen, ja einen Hauch von Glück spüren? Sina glaubt nicht daran. Doch dann lernt sie Coco, Marcella und Felix kennen. Coco, die Frauen und Männer mag und für die Sex wie eine Blume am Wegesrand ist. Marcella, die eigentlich Martin heißt und ein heißer Feger werden will, um mit der Erotik Geld zu verdienen. Felix, der Ruhepol zum Festhalten, der aber verbirgt, dass er heimlich verheiratet ist. Mit ihnen zusammen gelingt es Sina sich selbst anzunehmen,obwohl sie erkennt, dass der Kampf gegen die Depression sie lebenslang begleiten wird.

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Seitenzahl: 339

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Lily Zimmermann

Heute sterben wir noch nicht

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1: Gruppentherapie

Kapitel 2: Spezialauftrag

Kapitel 3: Der Absturz

Kapitel 4: Rettung in letzter Minute

Kapitel 5: Este Schritte

Kapitel 6: Felix

Kapitel 7: Erste Therapiestunde sie heißt Dr. Sowa

Kapitel 8: Marcella

Kapitel 9: Sonntagsclub

Kapitel 10: Wenn alles ganz anders ist?

Kapitel 11: Coco

Kapitel 12: Therapiestunde Narkosemittel

Kapitel 13: Liebe und Sport

Kapitel 14: Marcella und die Gräfin

Kapitel 15: Therapiestunde Angst

Kapitel 16: Authentizität

Kapitel 17: Marcellas Cousine

Kapitel 18: Therapiestunde Ich-Suche

Kapitel 19: Tante Ruths Rettung

Kapitel 20: Therapiestunde Ich-Bin

Kapitel 21: Idylle unter dem Gurkenblatt

Kapitel 22: Therese und das Schlimmste in mir

Kapitel 23: Allein mit Coco

Kapitel 24: Immer wieder Therese

Kapitel 25: Am Ende

Kapitel 26: Und weiter?

Kapitel 27: Der Pinguin auf dem Dach

Impressum neobooks

Prolog

Der Tag, an dem ich beschloss, nicht mehr nett zu sein, war der erste Tag meiner Genesung. Und nur, weil es ein Kerl auf dem Bahnsteig sehr eilig hatte und mich beinahe vor die U-Bahn gestoßen hätte. Wenn es der erste Wagen gewesen wäre. So geriet nur mein Handgelenk zwischen die Flügel der elektronischen Tür. Bei dem Versuch, noch in die Bahn zu springen, obwohl das Warnsignal schon ertönte und die rote Lampe blinkte, rempelte er mich von hinten und ich flog mit vorgestreckten Armen auf den enger werdenden Türschlitz zu. Zack war die linke Hand drin. Immerhin versuchten der Rempler von außen und zwei junge Männer von innen beherzt die Tür wieder zu öffnen. Alle drei griffen in den Spalt, der durch meine Hand entstanden war, und rissen daran. Eine Zehntelsekunde und ein Zentimeter reichten und meine Hand war frei. Der Zug konnte endlich los, übrig blieben nur der Rempler und ich. Der nahm mein vor Angst und frischer Empörung entstelltes Gesicht in seine Hände und rief: „ Wäre wirklich schade um dieses schönes Lächeln“, und verwischte mit streichelnden Daumen die Tränen. Genau in dem Moment verwandelte er sich in einen Prinzen und es hätte der Beginn einer großen Liebesgeschichte sein können, wenn ich nicht so beschissen drauf gewesen wäre.

„Ich bin ein durch und durch melancholischer Mensch“, fauchte ich, „ich liebe Gothic-Musik und meine Lieblingsfarbe ist schwarz. Von allem gefällt mir das Traurigste am besten, egal, ob es Bilder, Melodien oder Bücher sind. Und ich habe Todessehnsucht wie nach einem Geliebten. Ich lache überhaupt nie.“

„ Nanu?“ fragte er und kam mit seinen Augen so dicht an mein Gesicht, als wollte er seine Wimpern mit meinen verhaken, „der Kopf war doch nicht eingeklemmt, nur die Hand.“

Trotzig schleuderte ich ihm entgegen: „So schnell kann ich tot sein. Was nützt mir, Sina Sonnenschein nach der ganzen Qual eine Grabinschrift: ,Aber sie hat immer so nett gelächelt’?“

Nach einem verblüfften Blick sagte er: „Schade, Sina Sonnenschein, du hättest mich verzaubern können.“ und ließ mich los. Die Magie war aus der Situation gewichen wie ein Schleier, der von seinem Gesicht gerutscht war. Darunter erschien ein sanftes Lächeln der Entschuldigung. Die nächste Bahn kam, ich wartete ab, bis der Unbekannte drin war, lief am Zug entlang und stieg drei Türen weiter vorn ein.

Ich war kurz vor einem Schreikrampf. Mit meinen Freundinnen Marcella und Coco verkracht, Felix in die Flucht geschlagen und mit der frisch gewonnen Erkenntnis, dass meine bescheuerte Nettigkeit zum Teil daran Schuld war, fand ich das Leben zum Kotzen. Sicher, ich war voller Reue, war bereit, durch den Staub der Wiedergutmachung zu robben, aber wozu? Damit jemand meinen Weg kreuzte und mich vor die Bahn stieß? Jemand, dem es absolut gleichgültig war, ob ich mein Leben im Griff hatte ? Zum Teufel mit der Reue!

So begann meine Heilung, allerdings über einen kleinen Umweg: morgens am Boden zerstört, trotzdem langsam zu einem neuen Vorhaben aufgerappelt, über eine Knalltüte gestolpert, die meinen Ausraster provozierte und noch vor dem Abend in der Klapper gelandet….

Dabei war ich ursprünglich auf dem Weg zur Therapiestunde. Ja, ich hatte Fräulein Dr. Sowa vor ein paar Tagen wieder angerufen und um einen schnellen Termin gebeten. „Sehr schlimm?“, hatte sie mich am Telefon gefragt. Ich nickte mit engem Hals. In die entstandene Pause hinein sagte sie: „ In Ordnung, ich schiebe Sie irgendwie dazwischen.“

Mir ging es schlecht, ich fühlte mich extrem unsicher, minderwertig, leer, einsam, ängstlich, absolut lustlos zu Tätigkeiten jeglicher Art, hatte Horror vor dem Unterwegssein außer Haus, war niedergeschlagen und weinerlich. Ich hätte mich selbst auf den Müll werfen können. Außerdem schien ich zugenommen zu haben, obwohl ich in den letzten Wochen kaum etwas gegessen hatte. Ich bemerkte es heute Morgen im Gesicht. Ich sah aus wie meine Mutter und wollte nur hineinschlagen.

In dieser Situation auf einen Prinz Arschloch wie den Rempler und seine Art des Umgangs mit anderen Menschen zu treffen, machte mein Vorhaben zunichte.

Frau Dr. Sowa und viele andere setzten aufs Reden. Ja, bis zu einem gewissen Punkt, aber nicht totreden bis alles zerbröselt ist und du nichts mehr übrig hast: keine Trümmer, die du begraben, keine Bruchstücke, die du kitten kannst, nur Leere, Müdigkeit und Fadheit. Eine Zeit lang hatte ich zwar das Gefühl gehabt, es hätte mir genutzt, aber jetzt stand ich genauso zerbrochen wie am Anfang der Quatscherei da. Sicher, ich war nach den Gesprächen mit meiner Frau Doktor Psycho nie so in Rage wie nach der eingeklemmten Hand, aber vielleicht war genau das die Therapie, die ich brauchte, um mich zu spüren.

Meistens war ich tatsächlich nett, ebenso wie schüchtern, sensibel, introvertiert und zog Verletzungen an. Daran war mein fehlendes Selbstbewusstsein Schuld. Etwas anderes hätte mir Dr. Sowa auch nicht gesagt. Also am besten, ich kehrte um und ließ den erbettelten Termin bei ihr sausen.

In dem Gedanken gefangen, wie ich es am besten anstellen könnte mit der Absage an die Freundlichkeit meinen Mitmenschen gegenüber, die mich bei jeder Gelegenheit klein machten, verließ ich bei der nächsten Station den Zug und stieg die Treppe aus dem U-Bahnhof hoch. Ich wollte zu Fuß gehen, ich brauchte frische Luft.

Auf dem Weg kam mir eine Frau mit einem voll beladenen Kinderwagen entgegen. An der Straße fanden irgendwelche Straßenarbeiten statt und der Gehweg war eingeengt durch die ausgehobene Erde der Gräben, die sich an ihm entlang zogen. Ich stieg am Rand eines Sandwalls hoch, um den Kinderwagen vorbei zu lassen. Der balancierte auf dem aufgebauschten Kissen eine Stiege mit verschiedenem Obst, die in der Breite über seine beiden Seiten hinausragte. Auf dem Obst lagen zusätzlich Mohrrüben, Lauch und Blumen. Die Frau lenkte ihren Wagen mit links, mit der rechten Hand hielt sie sich ein Handy ans Ohr, ganz in das Gespräch vertieft. Kurz vor mir holperte der Wagen, machte einen kleinen Schlenker, eine Außenseite der Stiege stieß an meine Hüfte und die Fracht segelte zu Boden. Die ganze Zeit hatte ich mich nicht von der Stelle gerührt.

„Ach Mensch, kannst du nicht aufpassen, musst du dich ausgerechnet da hinstellen?“ tadelte mich die Wagenbesitzerin, auf einmal gar nicht mehr auf ihr Gespräch konzentriert. Da war es wieder, dieses Scheißgefühl, alle anderen erklären mir immer meine Fehler und Unfähigkeiten und sofort fühle ich auch, wie untauglich ich eigentlich zu allem bin.

„Bitte siezen Sie mich, mit Leuten wie Ihnen bin ich nicht auf du und du.“

„Sag mal spinnst du, du hast scheinbar nicht mehr alle, so wie du redest? Wenigstens mithelfen könntest du, wenn du die Sachen schon runter geworfen hast.“ Sie bückte sich nach der Stiege, legte sie wieder quer auf das Kissen, bückte sich wieder, diesmal nach einem der davon gesprungenen Äpfeln, gleich danach nochmal, um das Gemüse auf das Kissen zu werfen. Ich hypnotisierte die Sonnenbrille auf ihrem Kopf, aber die hielt.

„ Sie verstehen mich offensichtlich nicht“, sagte ich, „aber das bin ich gewöhnt. Legen Sie doch einfach das Handy weg, mit zwei Händen können Sie schneller zupacken, Sie versperren ja den ganzen Weg.“

Ich wollte vorsichtig an dem Hindernis vorbei und weiter gehen, streifte noch einmal die Obstkiste und sie fiel zum zweiten Mal hinunter.

„Also, jetzt reicht’s aber, was fällt dir ein, du kannst doch nicht…“ ich zeigte ihr den Mittelfinger und formte mit den Lippen die entsprechende Erläuterung dazu in ihr verdutztes Gesicht. Dann ließ ich sie stehen.

Ja, ich fühlte mich schon besser.

Auf dem Vorplatz des nächsten Eckhauses, in dem ein Kiezbäcker seinen Frühstücksladen hat, traf ich auf einen Rollstuhlfahrer, der aufgeregt hin-und herfuhr und laut eine junge, rotgesichtige Mutter mit ihrem Kind beschimpfte. Er fuchtelte wild mit den Armen, stieß immerzu seinen Finger durch die Luft in Richtung der zwei und drohte dem Kind mit der flachen Hand einen Schlag an. Oh, dachte ich, schon wieder Ärger mit einer modernen Mutter? Diese hier neben ihrem verstörten Kind blickte betreten drein.

„Was ist denn passiert?“ fragte ich. Die Frau winkte ab. Sie wollte bloß weg, merkte ich, während der Mann weiter zeterte: „ …Kinder genauso verkommen wie die Eltern, keine Manieren, keine Achtung, alle Werte gehen den Bach runter.“

Ich richtete meine Frage diesmal an ihn und setzte noch hinzu: „Brauchen Sie Hilfe?“ Der Mann zeigte auf die beiden von ihm Beschimpften: „ Erklären Sie dem Balg mal, wie man mit Behinderten umgeht. Stellen Sie sich mal vor, die Göre sagt rotzfrech zu seiner Mutter:“ Guck mal, der Mann hat keine Beine.’“

„ Aha. Und weiter?“

„Schlimm genug!“, regte er sich von neuem auf. Seine Stimme klang wie die meines Vaters, wenn er wütend war. Ich konnte schreiende Männer nicht ausstehen.

„Nun ja, ich muss sagen, das Kind hat Recht, ich kann auch keine Beine sehen. Darf man das nicht aussprechen? Ich persönlich kann daran nichts Schlechtes finden.“ Der Mann im Rollstuhl hatte mir nichts getan und trotzdem wollte ich ihn unbedingt provozieren.

Jetzt richtete sich sein Zorn gegen mich: „Sie unterstützen das also? Machen Sie sich bloß aus dem Staub, sonst fahre ich Ihnen Ihre Zehen ab. Dann können Sie mal erleben, wie das ist, nicht laufen zu können.“ In seiner Erregung wirkte er sehr entschlossen.

Von dem Lärm angelockt, eilte eine Frau aus dem Backladen, legte stürmisch ihre Arme um den Mann im Rollstuhl, drückte dabei seinen Kopf zwischen ihre Brüste und küsste ihn aufs Ohr. „Pssst…beruhige dich, mein Schatz. Was ist denn hier los?“ flötete sie. Er schilderte unseren Wortwechsel und sie erwiderte: „ Komm, lass die doch. Die Leute haben überhaupt keine Ahnung wovon sie reden“, und schob ihm ein Stück der Streuselschnecke in den Mund, die sie in der Hand hielt. Dann blickte sie mich verächtlich an und zeigte mir einen Vogel.

Die Frau wischte mit dem Mittelfinger ihrem Mann etwas Zuckerguss aus dem Mundwinkel und leckte ihn ab. Dann biss sie erneut von der Streuselschnecke ab, um sie sofort wieder ihrem Mann in den Mund zu stecken. Gleich gibt sie ihm die Brust, dachte ich. „Sagen Sie“, fragte ich laut und deutlich, „Schlafen Sie noch mit dem Stinkstiefel oder holen Sie sich das woanders?“ Ihre Miene erstarrte. Ich ging noch einen Schritt auf sie zu und in ihr flatterndes Gesicht hinein stichelte ich: „Na los, sagen Sie schon, wie haben Sie sich beide geeinigt. Meinen Sie, er wäre Ihnen treu, wenn Sie da drin säßen?“ Ich zeigte mit dem Kinn auf den Rollstuhl. Einen Moment lang rang das Ehepaar nach Worten, dann brach die Entrüstung aus beiden heraus. Besonders er tobte in seinem Sitz hin und her: „ Was bilden Sie sich ein, Sie Schlampe? Sind wir jetzt schon so weit, dass Behinderte auf der Straße offen beleidigt und angegriffen werden dürfen? “ Seine Frau stimmte nahtlos ein:“ Kommen Sie mit sich selbst nicht klar, dass Sie denken, über andere Leute herfallen zu müssen?“

„ Sie wollen wohl unbedingt eine reingehauen bekommen?“, brüllte er, löste die Bremsen an seinem Rollstuhl und machte Anstalten, mir auf die Pelle zu rücken. Seine Frau hielt ihn schnell am Oberarm fest, sagte etwas zu ihm und schüttelte langsam den Kopf. Dann drehte sie sich zu mir: „Sie sollten mal zum Psychiater gehen. Da gehören Sie nämlich hin. Am besten in die Geschlossene“, und spuckte vor mir aus.

Bis dahin hatte ich den Schwall ihrer Beschimpfungen von mir ablaufen lassen wie heute Morgen die Wasserstrahlen unter meiner Dusche. In der Pause, die durch das Spucken entstanden war, musterte ich ihr Gesicht und sagte eindringlich: „ Sie sind doch nur wütend, weil Sie hassen, was Sie tun und ich Sie durchschaut habe.“ Nach einer kurzen Unterbrechung ergänzte ich: „Aber ich sag es nicht weiter.“ Mit geschlossenen Augen murmelte sie wie mit letzter Kraft: „ Hauen Sie auf der Stelle ab.“

Ich nickte und mit besten Wünschen für einen schönen Tag winkte ich ihnen zu und ging. Aus meinem Bauch kam ein Zittern, das sich im ganzen Körper ausbreitete. Ich spürte, wie aufgeregt ich war, obwohl ich meine Bosheiten fehlerfrei ohne Versprecher herausgebracht hatte.

Ich dachte an Felix, der hatte auch einmal einen Streit öffentlich auf der Straße ausgetragen. Wir waren damals hinzugekommen, als ein großer Kerl mitten auf dem Gehweg auf seinen kleinen Sohn eindrosch. Felix ging dazwischen und drohte dem Vater seinerseits Schläge an, sollte er nicht aufhören. Der brüllte wiederum, mit seinem Kind könne er tun was er wolle, es ginge niemanden etwas an. Wie er glotzte, als Felix daraufhin alle Geräusche der Umgebung übertönte und die Aufmerksamkeit der Passanten sowie Gäste der Straßencafés auf den Vorfall lenkte, indem er alle aufforderte, wenn sie einen Kinderschläger kennenlernen wollten, sich das Gesicht vom Kerl neben ihm zu merken. Er fragte sogar direkt einzelne Männer an den Cafétischen, ob sie gern solche Typen als Nachbarn hätten. Natürlich sagte keine der Angesprochenen ein Wort, alle blickten nur verlegen in ihre Getränke. Ich war damals so stolz auf Felix. Wäre er jetzt auch stolz auf mich?

Ich schaute nach vorn. Zirka zwanzig Meter vor mir standen mehrere Männer auf dem Bürgersteig. Meine Schritte wurden ganz von selbst langsamer. Ich konnte einfach nicht ohne weiteres an Gruppen oder Grüppchen von Menschen vorbei gehen. Sie verwandelten sich sofort in gehässige Gaffer. Mehr als zwei Menschen auf einem Haufen dort wo ich unterwegs war stimulierten meinen Fluchtinstinkt, es kostet mich die Hälfte meiner Kraft, ihn niederzuhalten. Sie glotzen ja nicht nur, sie verhöhnen mich, auch ohne Worte. Jeder Blick klebte und zerrte und beging einen Striptease an mir; sie machten mich plump, picklig und lahm. Die andere Hälfte meiner Kraft brauchte ich, mich darauf zu konzentrieren, einen Fuß vor den anderen zu setzen und nicht zu stolpern. Fast immer wechselte ich die Straßenseite. Das hatte ich auch diesmal vor und setzte einen Schritt seitwärts in Richtung Bordsteinkante, da stieß mich jemand grob in den Rücken, zerrte sehr heftig am Schulterriemen meiner Tasche und riss mich zu Boden. Ich wollte mich abstützen, knickte mit dem Daumen um, prallte mit der Schulter gegen etwas unverschämt Hartes, schrie auf und schürfte mit Händen und Knien über das Pflaster, es brannte fürchterlich, meine Strumpfhose war kaputt, beide Knie breit aufgerissen, Blut und Erde in der Haut bildeten ein dreckiges Geschmiere, in meinen zerkratzten Handflächen klebten kleine Kieselsteinchen. Hoffentlich ist keine Hundekacke drin, dachte ich. Der Schmerz trieb mir die Tränen in die Augen. Der Zug hatte nachgelassen, meine Tasche lag vor mir. Im Vierfüßerstand sah ich noch den Radfahrer fortfahren. Ich war ihm einfach im Weg gewesen. Als er mich knapp überholen wollte, war sein Lenker unter meinen Riemen geraten und hatte mich mitgezerrt. Das musste er bemerkt haben! Wahrscheinlich war es ihm schnurzegal, denn nicht mal Klingeln hatte er für nötig gehalten. Mein inneres Zittern war inzwischen so stark, dass ich fast mit den Zähnen klapperte. Die Ampel vor uns schaltete auf Rot, ich sprang auf und rannte hinterher. Keine Gaffer, niemanden anders und nichts nahm ich mehr wahr, nur kriegen wollte ich ihn. Der Radfahrer lehnte lässig an einem Laternenpfahl, die Füße auf den Pedalen. Er war ein junger Schnösel, nicht älter als ich. Er sah mich kommen und drehte den Kopf weg. Vielleicht erwartete er, dass ich ihn ansprach. Gleichzeitig mit dem Wechsel auf Grün stieß er sich ab. Ich setzte ihm nach, trat seitlich mit voller Wucht in sein rollendes Rad und schubste ihn gleichzeitig gegen seinen Oberkörper. Zu verdutzt über meinen Wutausbruch schlitterte er ohne Gegenwehr über die Straße. Ich sprintete hinterher, packte seinen Rucksack, zog den Reißverschluss auf und warf, was ich greifen konnte wild in die Gegend. Alles ging so schnell, dass ich es noch bei Grün von der Straße herunter schaffte. Der junge Mann kroch umher, um seine Sachen aufzusammeln, fluchte er vor sich hin und schrie in meine Richtung: „ So wie du aussiehst, müsstest du eigentlich nett und ganz still sein, du Brot. Wie du dich aufführst, ist wirklich das sicherste Mittel, ungefickt zu bleiben.“ Klar wusste ich, dass Männer gern zu dem Mittel greifen, das Äußere einer Frau herunter zu machen, weil sie uns so am besten treffen können. Trotzdem brannten mir bei diesen Sätzen die Sicherungen durch. Der Knabe ahnte nicht, wozu ich fähig war. Mit einem Sprung war ich bei ihm, trat ihm ins Kreuz und als er umfiel, stürzte ich mich auf ihn. Fast gleichzeitig riss ich seinen Kopf an den Haaren zu mir heran.

Er wollte mich abschütteln und sich erheben, aber das gelang ihm nicht, weil ich auf ihm kniete. Ich hob mein linkes Knie und rammte mit beiden Händen sein Gesicht dagegen. Und noch einmal, und nochmal. Ich raste vor Wut. Sein Blut brachte mich zur Besinnung. Ich sah plötzlich Felix vor mir nach meiner Scherenattacke auf ihn und das viele Blut….

Nein!!! schrie es in mir, Hilfe, was tue ich, was habe ich getan?

Entsetzt ließ ich den Jüngling los und sprang auf, wollte wegstürzen, nur weg von hier.

Da sah ich die Straßenbahn und lief auf sie zu.

In dem Gewusel, das dann folgte und für mich zumeist im Dunkel lag, konnte ich mich nur noch an ein kurzes Auftauchen erinnern. Dicht über mir sagte eine Männerstimme: „Mein Gott, die Püppi gegen die Straßenbahn. Mit Brille wär das nicht passiert.“

Gegen? Ich Idiot, ich wollte doch davor laufen…..

Kapitel 1: Gruppentherapie

Ich war viel zu früh da, dieses Preußentum steckte mir zu tief in den Knochen. Damit war man heutzutage vollkommen unpopulär. In Zeiten der Handydauerträger mit programmierten Terminerinnerungen und Hochpräzisionsuhren gehörte es längst zum guten Ton, grundsätzlich zu spät zu kommen.

Ich bewegte mich in Richtung des Gruppenraumes, zu schlapp für irgendeine Stimmung. In den vergangenen drei Tagen war ich jedes Mal die letzte im Fernsehraum gewesen, leider waren nicht alle Zimmer der Klinik mit einem Fernsehapparat ausgestattet. An allen Abenden hatte ich mir französische Filme angeschaut, die immer noch auf dieselbe Art gedreht wurden: ausufernde Szenen von Belanglosigkeiten, dieselben klapprigen Autos und Frisuren ohne Schnitt. Die Franzosen bringen es fertig, eine Mahlzeit mit riesigem Getue vorzubereiten, versetzen dabei eine ganze Gesellschaft in Aufregung und am Ende liegen auch nur Messer und Gabel auf dem Tisch.

Ich ging den Stationsflur entlang. Der Gruppentherapieraum lag am hinteren Ende links, das letzte Zimmer vor einer stummen Glastür, die den Flur beendete. Gleichzeitig bildete die Wand, in der sie eingelassen war, die Außenwand des Gebäudes. Früher, bevor in das Haus eine Klinik einzog, ließ sie sich öffnen und führte direkt auf die Feuerflucht, dicht an der Hausfassade entlang, gewissermaßen als Verlängerung des Flures. Jetzt zog sich ein riesiger, zwanzig Zentimeter breiter und fünf Zentimeter dicker Stahlriegel quer über die Tür. Zusätzlich hing ein Schild davor mit dem Hinweis: kein Ausgang. Auf den Stühlen im Gang hatte ich schon öfter gewartet und dabei den Beschiss mit der Tür entdeckt. Denn nur, wer genauer hinblickte, bemerkte, dass vom alten Fluchtweg zwar das Geländer noch vorhanden war, aber nicht der Boden. Makaber. War die Warnung eine versteckte Aufforderung an die Insassen? Ich dachte an meine Mitpatienten, von denen die meisten gebückt schlurften wie die Wolgatreidler, mit dem Blick ins Leere oder nach unten, als folgten sie ausgestreuten Brotkrümeln. Es war eindeutig ein Irrtum, zu glauben, man trüge seine Probleme versteckt nach innen.

Ich hielt diese Gedanken in meinem Tagebuch fest, das ich fast immer bei mir trug und fragte mich, ob ich bei meinem Einzug hier denselben Anblick geboten hatte. Im Tagebuch nachlesen konnte ich es nicht, leider war ich damals nicht in der Verfassung gewesen, auch nur eine Zeile zu Papier zu bringen.

Die Station hier bestand eigentlich aus zwei Stationen, einer geschlossenen und einer offenen, die im sogenannten Wachzimmer aneinander grenzten. In diesem wurden die akuten Neuzugänge gesammelt, wo sie solange unter Kontrolle des Personals standen, bis eine Diagnose erstellt war und sie einer der beiden Stationen zugeteilt werden konnten. Wir auf der offenen Station hatten mit den wirklich harten Fällen nichts zu tun, aber über die Geschehnisse im Wachzimmer drang schon ab und zu etwas nach draußen.

Am meisten hatte mich bisher die Geschichte von Rudi berührt, die sich kurz nach meiner Ankunft hier ereignete. Rudi war nur wenig älter als ich, aber absolut überzeugt, ein ehemaliger B52-Bomberpilot im Vietnamkrieg gewesen zu sein und das quälte ihn. Er wollte dafür büßen und zündete sich eines Tages im Waschraum selbst an. Zwar wurde er erwischt und gerettet und auf eine andere Station verlegt, bis seine Brandwunden verheilt waren, aber seine inneren Qualen blieben unbehandelt. Als er wieder bei uns auftauchte, stellte man ihn unter Dauerbeobachtung. Sogar zum Schlafen blieb eine Sitzwache an seinem Bett, um ihn an weiteren Suizidversuchen zu hindern. Aber nicht mit Rudi. Irgendwie schaffte er es, wahrscheinlich im Mund, eine Rasierklinge ins Bett zu schmuggeln. Nachts tauchte er unter seiner Decke ab und schnitt sich die Pulsadern auf, quasi unter den Augen seines Aufpassers.

Eine Stimme schreckte mich aus meinen Gedanken auf. Schwester Renate stand neben mir und sagte: „ Die Therapiestunde wurde auf heute Nachmittag verlegt, meine Liebe. Haben Sie das nicht mitbekommen?“

Schwester Renate war meine Lieblingsschwester hier.

Mit ihrem Silberblick und der großen Nase zog sie sofort alle Blicke auf sich. Und erst mit ihrem Lachen, wenn sie sich auf ihren langen geflochtenen Rapunzelzopf gesetzt hatte und deshalb den Kopf nicht bewegen konnte!

Nach Renates Auskunft hatte ich noch Stunden Zeit. Ich beeilte ich mich nicht, zurückzugehen, stattdessen wandte ich mich erneut meinem Tagebuch zu. Es war der Spiegel meiner Verfassung. Aus erster Hand enthielt es meine gesamten spontanen und unverfälschten Gedanken, Gefühle und Wertungen, alles, was ich nie einem anderen, schon gar keinem Therapeuten erzählen würde, verwebt mit Erinnerungen an das letzte Jahr, die von Zeit zu Zeit auftauchten. Vor jedem Gesprächstermin überlegte ich, wie weit ich meine Antworten frisieren sollte, um einerseits die Ärzte zu beschäftigen und sie dennoch genügend auf Abstand zu halten. Ich war der Meinung, ganz gut damit zu fahren, schließlich war ich nicht freiwillig hier.

In der Zeit meines Aufenthaltes hier war ich schon viel ruhiger geworden. Ich sperrte mich nicht mehr gegen Problemdiskussionen vor Fremden, im Gegensatz zu meinen ersten Auftritten in der Gruppenrunde. Damals war ich störrisch und hatte keine Lust, immer wieder den ganzen Horror auszubreiten. Wiederholt bockig ließ ich die Weigerung, mich zu öffnen, heraushängen: „ Es ist leider ein Versehen, dass ich hier gelandet bin, statt auf dem Friedhof. Ganz sicher war es keine Rücksicht auf den, der die Schweinerei weggemacht hätte, auch kein Mitleid mit dem Straßenbahnfahrer, dessen Augen wie Kesselnieten aus seinen Höhlen traten, als ich angerannt kam….. am ehesten wohl Blindheit, die mich gegen die Bahn laufen ließ statt davor. Glück war es jedenfalls nicht….“

Ich sah eine Person auf mich zu stampfen und erkannte den langen Brand, der eigentlich auf die Nachbarstation gehörte. Ab und zu gelang es ihm, in seinem unstillbaren Drang zu laufen, von dort auszubüchsen. Er lief ohne Sinn und Verstand, unermüdlich und in demselben Tempo wie ein Schlittenhund. So lange, bis er vor einer Wand stand. Dann änderte er die Richtung und lief in gleicher Weise zurück. Unterwegs griff er sich blind diverse Dinge, die ihm in den Weg kamen, am liebsten Essen, das herumstand oder ein anderer Patient in der Hand hielt, nur, um es nach einem Bissen achtlos in die nächstbeste Ecke zu feuern. Die nicht essbaren Sachen verteilte er beliebig überall. Er lief die letzten Schritte bis zur Glastür an mir vorbei, drehte um und ehe ich mich versah, riss er mir mein Tagebuch aus den Händen und war in Null-Komma-Nichts verschwunden.

Ich kam zu spät, die Gruppentherapie hatte bereits begonnen. Unsere Psychologin, Frau Dr. Smolenskaja schaute mich tadelnd an. Na und, schließlich musste ich die ganze Zeit mein Tagebuch suchen, ohne Erfolg. Vor ein paar Wochen noch hätte ich vorgezogen, lieber zu schwänzen als in eine begonnene Veranstaltung zu platzen. Inzwischen machte es mir nichts mehr aus, es war mir scheißegal, wenn sie glotzten. Mir war ein wirksames Mittel dagegen angeboren, Kurzsichtigkeit. Für einen Kurzsichtigen ist das Gesicht seines Gegenübers schon ab etwa drei Meter etwas konturlos. Besonders den Augen fehlt Tiefe und Ausdruckskraft. Mit denen kann er dadurch problemlos beliebig lange einen direkten Augenkontakt aushalten. Das Gegenüber empfindet den Blick des Kurzsichtigen umgekehrt als sehr intensiv und fast immer wendet er, völlig verunsichert, als erster seine Augen ab, wie ich feststellen konnte.

Zwischen Odile und Vicky war ein Stuhl frei. Gegenüber, zwischen Arndt und Berger, saß Angie. Mit den beiden Männern verband mich besondere Vertrautheit, nicht zuletzt wegen ihrer skurrilen Krankheitsgeschichten. Zur Zeit jedoch schmollte ich mit ihnen, weil sie meiner Meinung nach Angie zu sehr hofierten, die ich wiederum überhaupt nicht ausstehen konnte. Für mich war sie eine Lügnerin.

Ich schickte eine Geste der Entschuldigung an die Smolenskaja und versuchte dann, das laufende Gespräch aufzufangen. Angie war darin verwickelt. Sie hatte ein Gesicht wie ein Posaunenengel, die Haare fielen wie Palmwedel über ihren Kopf, in vielen Stufen, sehr dick und sehr blond. Sie reichten ihr bis auf den Rücken, waren aber längst nicht so lang wie meine. Ich musterte sie und dachte: wenn man die Haare länger betrachtete, sahen sie doch eher wie der Pompon eines Cheerleaders aus. Sie faselte gerade über die Romantik des Todes. Ich beugte mich vor, um sie besser zu verstehen, da unterbrach sie ihren Redefluss, gab geräuschvoll mehrere erregte Atemzüge von sich und fächerte sich Luft zu. Vicky beendete als erste das betretene Schweigen, das entstanden war.

Ihr Einwand kam zögerlich: „Ich weiß nicht, mir ist es unangenehm, mir solche Szenen auszumalen. Ich möchte eher davon loskommen, sonst geht es mir nie besser.“

Ihre Freundin, die kleine, derbe Barbara neben ihr nickte und brummte mit ihrer tiefen Stimme, die stets ein wenig missbilligend klang: „Ich glaube, in den meisten Fällen ist es ein spontaner Entschluss. Da denkt man nicht darüber nach, wie man eine filmreife Szene hinkriegt.“

Ich nickte. Als es mir sehr schlecht ging, gab es jeweils nur einen einzigen Tag, und schon den glaubte ich nicht zu überleben. Wie hätte ich da im Voraus planen können?

Ich setzte zu einer Antwort an. Im selben Moment meldete sich ein paar Stühle entfernt Robert zu Wort, ein ruhiger, unauffälliger Mann Mitte dreißig, der sich praktisch nie von allein äußerte. Er flüsterte vor Scham: „Genau, das Wissen, dass das eigene Leben auf ganzer Linie gescheitert ist treibt einen in die totale Vernichtung, das ist keine Party.“ Sein Satz endete in einem Schluchzen.

„Das kann ich bestätigen.“ Die Blicke, die sich bei Roberts Schluchzen gesenkt hatten, hoben sich und wandten sich in die Richtung, aus der die Stimme kam.

„ Die Bereitschaft zum Suizid verspürst du in dir oder auch nicht. Wenn der günstige Moment hinzukommt, dann tust du es oder auch nicht. Aber ernsthaft Gedanken darüber, wie er hinterher für die anderen aussieht, macht sich jemand, der akut unter Druck steht nicht. Sonst könnte er es nicht tun.“ Von wem war das gewesen? Ich musterte die Runde. Ah, unser Lehrer. Lehrer war wirklich Lehrer gewesen, zumindest so lange, bis man ihn vom Dach eines Zwanziggeschossers schleppte. Der musste es wissen. Wollte es richtig machen, mit Abschiedsbrief wie, wo und wann, hatte sich Mut angetrunken und dabei übertrieben, war auf dem Dach gestolpert und hatte sich mit einer Gehirnerschütterung außer Gefecht gesetzt.

Lustlos kippte ich auf meinem Stuhl nach hinten und stellte fest, dass immer wieder die gleichen Dinge erzählt wurden, manche kamen tatsächlich nie heraus aus der Falle.

Aber ich wusste auch, wenn es einem selbst besser ging, wurde man schnell unduldsam gegenüber den anderen in der Gruppe und befahl mir, nachsichtiger zu sein. Nur Angie hatte in meinen Augen keine Nachsicht verdient. Ich stellte mir vor, wie sie ihren Abgang als Event plante: um Gottes Willen keine Dreckwäsche hinterlassen, alle offenen Rechnungen bezahlen, Ehrensache, den Kühlschrank leeren, vielleicht sogar abtauen, ebenso den Müll entsorgen, und nicht vergessen, alle Termine abzusagen, am besten rechtzeitig vorher keine neuen mehr vereinbaren, wohin mit dem Vibrator, noch einmal die Blumen gießen, essen oder nicht, was mach ich bloß, wenn die im Supermarkt meinen Lieblingswein zum Abschied nicht haben, schminken oder nicht, und was zieh ich an? Ich grinste vor mich hin.

„Und was ist jetzt so lustig an dem Thema?“ Angies spitze Stimme zerstach meine Gedanken.

„Nichts, außer der miesen Show, die du hier abziehst“, giftete ich zurück, „Was meinst du, wie lange du dich so schön und konserviert wie Schneewittchen im Glassarg hältst? Soll ich dir sagen….“

„ Jetzt lasst sie doch mal“, wies Arndt uns zurecht, „ Todesszenarien sind für viele sehr ergreifend und beängstigend. Dass sie sich davon mit eigenen Fantasien ablenkt, werdet ihr Angie wohl zugestehen.“

Was war denn mit dem los, fragte ich mich. Litt er unter den Spätfolgen seiner schiefgegangenen Schlaftablettenüberdosis? Ich konnte nichts dafür, dass er seiner Mutter nicht den Gefallen getan hatte, an Stelle seiner Schwester zu ertrinken. Seine Mutter ließ ihn sein Leben lang dafür bezahlen. Natürlich verstand ich, dass Arndt sich geweigert hatte, sie zu pflegen, als sie nach einem Treppensturz im Rollstuhl saß und sich nicht mehr selbst versorgen konnte, jeder von uns hätte das getan. Pech für Arndt war, dass er dennoch richterlich dazu verdonnert wurde. Er versuchte, sich mit dem Freitod aus der Misere zu flüchten, hatte es aber vermasselt, weil er zu wenige Tabletten nahm.

Ich ignorierte ihn einfach und sprach im selben Ton weiter zu Angie: „Deine Todessehnsucht ist lächerlich und ärgerlich, weil sie unecht ist und weil du nur damit spielst.“

Sie protestierte und spuckte dabei vor Aufregung ein wenig: „Ich spiele nicht damit, nur, der erste Eindruck ist wesentlich. Stell dir mal vor, mein kleiner Sohn findet mich.“

Sie wollte allen Ernstes eine schöne Leiche sein, falls ihr Sohn sie finden sollte!

„Prima“, schrie ich sie an, „dann tust du ihm genau das an, was du deinen Eltern vorwirfst: ihn frühzeitig bis auf den Grund seiner Seele zu verletzen und für ein normales Leben untauglich zu machen, du dämliche Kuh.“

Berger sprang auf, rannte zum Fenster, lief dort unruhig hin und her, hielt sich die Ohren zu und rief: „Es wird nicht besser, niemals. Das hält keiner aus.“

Ihm zuliebe war ich bereit, Ruhe zu geben. Er tat mir leid, seine Geschichte war eine von unseligem Pech. Nur einem winzigen Missverständnis war es zu verdanken, dass er Insasse einer solchen Einrichtung geworden war.

In der Zeit davor war Berger ein fröhlicher Bürger gewesen und hatte als ein solcher begonnen, sich ein Wochenendhäuschen zu bauen. Eines Tages stand er vor dem laufenden Betonmischer, ein Kiesel drückte in seinem Schuh und er schüttelte seinen Fuß, um ihn los zu werden. Zufällige Spaziergänger deuteten seine Bewegungen als Zuckungen von einem, der unter Strom steht. Ihr erster Gedanke war: Stromfluss unterbrechen. Mit einer Schaufel schlugen sie Berger aus dem vermeintlichen Stromkreis. Ergebnis: Pneumothorax, Schädel-Hirn-Trauma, Koma…. Seitdem war er wesensverändert, von Ängsten und Depressionen geplagt.

Die Smolenskaja ging zu Berger und redete ruhig auf ihn ein. Aber er wollte am Fenster stehen bleiben.

Angie redete weiter und blickte mich provozierend an: „ Ich möchte wirklich liebend gern meinen Schmerz hinausschreien, aber ich werde ihn nicht los. Er wurzelt so tief und verzweigt in mir, würde ich versuchen, ihn herauszureißen, es würde mich zerfetzen. Eines ist aber noch schlimmer als der Schmerz: vom eigenen Ich entfernt zu sein.“

Arndt streichelte Angies Arm. Diese letzten Sätze hatten eine merkwürdige Wirkung auf mich. Ich glaubte plötzlich, meine Worte zu hören. Meine Worte aus ihrem Mund und ich fragte mich, was es zu bedeuten hatte, wieso Angie sie benutzte. Woher kannte sie meine Gedanken?

Arndts Zärtlichkeit für sie regten mich zusätzlich auf.

„Sag mal, merkst du nicht, wie sie uns alle verarscht, wie sie sich lustig über uns macht?“, fuhr ich ihn an, „Gerade von dir habe ich in diesen Dingen ein klares Gespür erwartet.“

Arndt schaute betreten und schwieg.

Die Smolenskaja löste die Stille auf, die sich zwischen allen Anwesenden festgesetzt hatte: „ Ich glaube, wir brechen an dieser Stelle das Thema ab. Die Diskussion, wer hier lügt oder nicht, führt nur ins Leere und ich werde das eine oder andere Problem mit den Betreffenden im Einzelgespräch klären. Wollen wir uns lieber unserer Aufgabe vom letzten Mal zuwenden, Ideen für das Theaterstück zu sammeln?“

Keiner wollte beginnen.

Angie räusperte sich: „Dann fang ich mal an. Es sind natürlich alles noch lose Gedanken, ja?“ Sie räusperte sich noch einmal, hüstelte, bauschte ihre Haare und sprudelte los: „Also, ein Selbstmörder trifft bei einem Suizidversuch einen zweiten Selbstmörder und sofort ist ihr beider Vorhaben, sich das Leben zu nehmen, undurchführbar. Sie ziehen gemeinsam umher, suchen Gleichgesinnte und bilden eine Bande. Sie entführen den Angehörigen eines superreichen Familienclans, um mit dem erpressten Geld ihre Situation zu verbessern. Die reiche Familie zahlt nicht und ist gar nicht an der Freilassung interessiert, will eher die Situation nutzen, den Entführten günstig los zu werden, denn er ist genauso ein depressiver Versager und Selbstmörder wie seine Entführer …….“ Die meisten unserer Gruppe waren plötzlich munter, einer klatschte sogar Beifall und eine heitere Aufmerksamkeit verbreitete sich.

Nur ich war vollkommen überrumpelt, und saß wie gelähmt da. Oh mein Gott, dieses Gefühl, als sie über den Schmerz sprach, war begründet. Es waren wirklich meine Sätze, die sie zitiert hatte. Und das Theaterstück, das sie gerade vortrug, war exakt die Idee, die ich vor ein paar Nächten in mein Tagebuch geschrieben hatte!

„…..die Geisel verbündet sich mit der Bande und die haben nun die finanziellen Mittel, auf sich aufmerksam zu machen. In kurzer Zeit werden sie eine populäre Bewegung, die sich sogar zur politischen Wahl stellt. Mit ihren Forderungen gewinnen sie viele Stimmen, wie z.B. das verfassungsmäßige Grundrecht auf Depression, einen Depressionsbeauftragten in jedem Betrieb, einen jährlichen Volkstag „Pflicht zur Traurigkeit“ und so weiter…“

Mein Gesicht glühte und ich kochte innerlich so dermaßen, dass ich vernehmlich nach Luft schnappte. Besorgt fragte mich Odile: “Was ist, geht es dir nicht gut?“ Ich antwortete nicht, starrte nur kopfschüttelnd die schnatternde Angie an. Sie war so abgebrüht!

Unruhe hatte sich im Raum verbreitet, fast jeder redete mit seinem Sitznachbarn, einige spannen die Geschichte weiter, auf einmal wollte jeder das Stück mitentwickeln.

Frau Dr. Smolenskaja, die mitgeschrieben hatte, rief: „ Ruhe. Ich bitte Sie, lassen Sie immer nur einen reden, damit alle den geäußerten Gedanken folgen können“ Und zu Angie sagte sie freundlich: „ Sehr schön, Frau Feldt, Ihre Ideen klingen nach völlig neuen Ansätzen. Das halten wir auf jeden Fall fest. Weitere Vorschläge bitte.“

„ Mach weiter, Angie“, feuerte Ben sie an. Einige andere aus der Gruppe nickten.

Angie lächelte geschmeichelt: „ Ich habe noch tausend andere Ideen, ich habe sozusagen den ganzen Kopf voll damit.“

Nein, schrie es in mir, sie darf nicht weiter reden, ich muss sie stoppen. Wenn sie jetzt erzählt, wie wir Tante Ruth vom Friedhof geklaut haben, schnapp ich sie mir.

Wie befürchtet setzte Angie ihre Prahlerei fort: „Zum Beispiel fallen mir einige schräge Friedhofsszenen ein, schön gruselig mit Grabräuberei…..“

Das war das Signal. Wütend platzte ich heraus: „ Was fällt dir ein, dich mit fremden Federn zu schmücken, anderen ihre Gedanken und Ideen zu stehlen! Machst du das immer so, dann weiß ich ja, wo du deine Krankheit her hast, alles getürkt nämlich. Ist überhaupt irgendetwas echt an dir?“

Mit dem letzten Satz stürzte ich auf sie los, ignorierte Dr. Smolenskajas warnende Stimme: „ Oh ,oh ,oh , Frau Sonnenschein bleiben Sie auf Ihrem Platz“, packte Angie am Hals, ehe jemand reagieren konnte und schüttelte sie: „ Du verlogenes Miststück, rück das Buch heraus.“ Sie duckte sich, um auszuweichen und schleuderte ihren Kopf hin und her. Arndt versuchte, Angie mit seinem Oberkörper zu schützen und zwei weitere Personen wollten mich von ihr wegziehen. Erst als ein gellender Schmerzensschrei durch den Raum hallte, ließ ich von ihr ab und die zwei, die Angie zu Hilfe geeilt waren, blieben erschreckt neben mir stehen. Überrascht blickte ich auf meine Hand, in der ich Angies Wollschal hielt, den ich ihr über den Kopf gezerrt hatte und ein Büschel Haare. Im Gerangel waren Angies Haare nach vorn gefallen und dadurch haufenweise angetackerte Strähnen von Kunsthaar sichtbar geworden, zwei von diesen Extensions hatte ich ihr abgerissen. Jeder im Raum starrte darauf. Angie, immer noch vornüber gebeugt, hielt sich ihren Kopf und heulte. Bei Angies Schrei war Dr. Smolenskaja aufgesprungen, drängte sich nun aufgebracht zwischen uns und schimpfte mit donnernder Stimme: „Genug jetzt. Aufhören und Hinsetzen, jeder auf seinen Platz. Es reicht. Sie benehmen sich schlimmer als kleine Kinder.“ Beim letzten Satz hatte sie mich angeschaut und stand jetzt mit ausgebreiteten Armen vor Angie.

Mir reichte es nicht, blitzschnell schlüpfte ich unter ihrem Arm durch und holte mit der rechten Hand aus. Jemand packte mich am Arm, um mich vom Prügeln abzuhalten, aber der Schwung reichte, mein Ring rutschte vom Finger, flog durch den Raum, sprang klingelnd an ein Stuhlbein und trudelte irgendwo auf dem Filzteppich aus. Alle schauten erschrocken hinterher. Dies wäre der Moment gewesen, zu lachen, sich zu entschuldigen, zu erklären, dass ich ihr bestimmt keine Ohrfeige verpasst hätte, aber ich wollte nicht. Wütend blitzte ich in die Runde:

„Sie soll aufhören, geklaute Geschichten zu erzählen. Es sind meine. MEINE, versteht ihr? Sie hat mein Tagebuch gelesen.“ Meine Stimme versagte.

Keiner antwortete. Ich konnte es nicht ertragen, wie sie jetzt mit offenem Mund hier saßen, während sie vorher zu blöd gewesen waren, diese Hochstaplerin zu durchschauen.

So warf ich Arndt nur angewidert den Wollschal zu und rannte aus dem Raum.

Kapitel 2: Spezialauftrag

„Muss man immer alles richtig machen?“, fragte ich die Smolenskaja, in deren Zimmer ich zitiert worden war. Sie saß mir schräg gegenüber und antwortete nicht, sondern schüttelte sich immer noch in ihrem Kittel. Ich hatte sie sozusagen ertappt, obwohl ich brav geklopft hatte. Sie knutschte gerade einen großen Mann, stieß dabei ihren rechten Arm in den Ärmel ihres Arztkittels und zerrte mit der linken Hand hastig den Saum ihres Pullovers, den sie darunter trug, über den Bauch. Der Mann löste sich von ihr und verließ mit schnellen Schritten das Zimmer. Er hatte einen schmalen Kopf mit deutlicher Stirnglatze, die Haare ringsherum waren fast vollständig abrasiert.

„Ruf mich an, wenn du gelandet bist“, rief die Smolenskaja ihm nach. Er ging gerade an mir vorbei und das Lächeln bei seinem „Mach ich“, fiel auf mich. Ich schickte ihm ein: „Wow, Ihr Alter? Ganz vital.“ hinterher und sah, wie die Smolenskaja in ihren Bewegungen kurz stockte. Dann setzte sie sich an ihren Arbeitstisch und wies wortlos auf einen Stuhl für mich, seitlich daneben.

Meine Frage hing schon eine Weile in der Luft, aber ich traute mich nicht, sie zu wiederholen. Endlich schaute sie mich an. Ich mochte ihr weiches Gesicht mit den klaren grauen Augen, das immer mütterliche Aufmerksamkeit auf mich ausstrahlte.

Auch ihre Stimme klang mütterlich warm, als sie zu sprechen begann: „ Es steht außer Frage, dass jeder seinen eigenen Leidensweg hat und es unzählige Arten gibt, ein Kind zu traumatisieren. Das Ergebnis sind immer dieselben eingemauerten Seelen, die sich in unzähligen Absonderlichkeiten mitteilen. Alle verdienen….“

„ ABER, Frau Doktor“, unterbrach ich sie, „bei allem Verständnis, auf das sogar Typen wie Angie Anspruch haben, als Insider traue ich mir zu, Quatsch zu erkennen. Und Angie hat die ganze Zeit Mist erzählt und die Aktion mit meinem Tagebuch war eine Sauerei, dabei bleibe ich.“

Die Smolenskaja bemühte sich, ein Lächeln wegzudrücken und tat, als hätte sie meinen Einwurf nicht gehört.

„Natürlich müssen Sie nicht alles richtig machen, zumindest nicht beim ersten Mal. Wichtig ist, daraus zu lernen, um die Fehler nicht zu wiederholen. Bei Ihnen zieht es sich allerdings wie ein roter Faden durchs Leben. Ich meine Ihr hohes Aggressionspotential mit regelmäßigem Kontrollverlust, das auf Fehlen von Wut-und Stressbewältigungstechniken hinweist, ich glaube sogar auf das Fehlen einer grundlegenden Konfliktstrategie.“

Meine Therapeutin stand auf, zog sich ihren Arztkittel aus und warf ihn auf die Untersuchungsliege an der Wand. Sie schob sich die Ärmel ihres herbstroten Pullovers bis an die Ellenbogen hoch und wandte sich mir wieder zu: „Ich dachte, Sie wären weiter, wollte Sie sogar demnächst nach Hause schicken.“

„Und wenn ich gar nicht raus will?“

„Wollen Sie damit sagen, dass Sie die ganze Zeit gelogen haben?“

„Gelogen würde ich es nicht nennen.“