Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Wer hier einen herkömmlichen Zombie-Roman erwartet, soll sich in die Blödi-Ecke vom Buchladen verkriechen und dort sein taubes Gehirn berieseln. Blut und Leichen gibt es hier nicht. Z., der Protagonist in Gunther Birnvogts Alltags-Persiflage, ist ein neumodischer Alltags-Hippster in der Beschränktheit seines täglichen Seins. Ein Gefangener der Überflussgesellschaft, ein Untoter im täglichen Einerlei. Er ist nichts Besonderes und tut das, was alle irgendwie tun: existieren. Sein Tag ist ein Tag wie jeder andere. Trotzdem zum Bepieseln komisch beschrieben und kritisch zerlegt vom Meister des verschachtelten Wortwitzes - Gunther Birnvogt. Zahlreiche Anspielungen, unzählige Gemeinheiten, Beleidigungen, Seitenhiebe und aktuelle Querverweise machen das Buch zu einer grausamen Wortkanone, die unbarmherzig auf das alltägliche Gedöns feuert.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 545
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
1. Das Grauen am Morgen
2. Zeit des Erwachens
3. Die grauhaarige Politesse
4. Auf dem Weg in den Untergrund
5. Öffentlicher Zombie Nahverkehr
6. Kadavergehorsam
7. The Resident Evil
8. Rise of the Dead
9. Rückkehr in den Kreis der Toten
10. Frisches Fleisch
11. Das große Fressen
12. Wiederkehr der Totengeister
13. Besuch im Zombiehauptquartier
14. Kampf der inneren Verwesung
15. Niedergang
16. Hirnschmelze
17. Die Nacht der Apokalypse
Impressum neobooks
Heute:
ZOMBIE
Gunther Birnvogt
Das Grauen am Morgen
Da liegst du also wieder.
Zerzaust, verkrampft, leichenfahl. Durch schmale Schlitze gepresst, kitzelt das erste Licht des Tages deinen Sehnerv und pinselt ein Bild des wohlbekannten Grauens. Ein schwacher Lufthauch löst sich vom pechschwarzen Film deiner Lunge und entströmt unter Aufnahme eines bestialischen Aromas dem Mundfäulnisraum. Der Odem des Todes steht über der Bettdecke – wie morgendlicher Dunst über einem Bestattungswald. Deine Kehle ist trocken, Übelkeit umschlingt dich, Kälte erfüllt den Raum.
Die erste bewusste Handlung des Morgens ist symptomatisch für dein tief verwurzeltes Widerstreben, in die drohende Tageskulisse einzutreten. Nicht munteres Frohlocken, angesichts der ersten zarten Sonnenstrahlen, nicht wachsames Lauschen ob des harmonisch säuselnden Vogelgezwitschers. Du streckst nicht etwa, durch Vorfreude auf den neuen Tag geleitet, alle viere behäbig von dir, vielmehr schnellt die ausgestreckte Linke durch Hass motiviert mit Nachdruck auf den Snooze-Button der blökenden Radioweckeinheit.
Der wuchtige Schlag auf den elektrischen Hahn verschafft dir fünf Minuten Galgenfrist, kann das Unausweichliche allerdings nur um einen lächerlichen Hauch verkürzen. Jeder weiß, dass der Fünfer im komatösen Alltagspurgatorium die gefühlte Dauer eines Wimpernaufschlages hat. Ergo kräht der Plastikgockel erneut aus vollem Halse vom Kommodenmist, noch bevor du das Augenzwinkern der Blondine aus deinem kurzen Traum erwidern konntest. Einen Rundflug provozierend, krächzt der Wecker durch das Schlafgemach. Ein Fluchen, ein Scheppern, Snooze-Taste.
Nach der dritten Wiederholung erwächst in dir die Erkenntnis, dass man den Samstag wohl nicht in das Gerät hineinprügeln kann.
Schuld an der Misere sind andere. Die frühe Einführung des gregorianischen Kalenders war maßgebend für den Aggregatzustand des heutigen Tages. Arbeitstag statt Wochenende. Verdammt! Da kein Papst in der Nähe ist, wird der Bote zur Zielscheibe. Das Chronometer mutiert zum Sündenbock und fliegt in parabelförmiger Flugbahn durch den Ruheraum.
»Dreckswecker!«, grollt es aus dir heraus.
Neben dem Schiedsrichter und der Politesse gehört der Beruf des Weckers zu den meistgehassten Professionen der westlichen Welt. Während sich die Erstgenannten gegen Attacken bei der aufrechten Diensterfüllung mit bunten Karten oder blassen Knöllchen zur Wehr setzen können, bleibt dem Schlafunterbrecher einzig die Schadensbegrenzung übrig.
In einem Anflug schöpferischer Fantasie haben die cleveren chinesischen Uhrenschnitzer zwei Gummifüße an den Hahn geklebt. Die Aufprallenergie beim Einschlag wird so teilweise absorbiert. Ein leises Knarzen verrät dir, dass die eingebaute Mechanik ihren Job weiterhin ernst nimmt.
»Oh Mann, ich hau das Ding zum Fenster raus.«
Zu einer lächerlichen Uhrzeit, bei der sich die Arbeitsdrohnen früherer Proletariatsgenerationen gerade zum zweiten Schichtwechsel versammelt hätten, schälst du dich aus dem warmen 7-Zonen-Atoll und verheiratest die käsigen Stumpen mit den ausgelatschten Hauspantoffeln. Voller Anstrengung komprimierst du die Fäuste, um ausreichend Vortrieb für die Belastung der Ballen zu generieren, welche fortan das Gewicht deines Kadavers zu schultern haben. Kaum aufrecht stehend gibst du Fersengeld. Die Blase schreit nach Besänftigung.
Die nächtlich gefilterte Hopfenkaltschale vom Feierabendumtrunk durchströmt mit gefühlten zwölf Bar Nachdruck hocherhitzt und schmerzverursachend den geweiteten Harnleiter. Aufgrund morgendlicher Zielungenauigkeiten einigen sich der Porzellangott und sein ergebener Vorleger auf ein leistungsgerechtes Remis im urinalen Besudelungsduell. Fliesen und Unterbuxe teilen sich den unsäglichen Rest, der während des Abschüttelvorgangs und nach dem Einparkmanöver stilecht die Umgebung kontaminiert.
Deckel bleibt oben, die Brühe geht ab. Der orchestrale Wasserfall des Flachspülers illustriert die Gefühlslage seines Herrn. Mit dem Andenken eines durchzechten Abends wird ein letzter Rest Zufriedenheit in den dunklen Moloch der Großstadtkanalisation gezogen. Was bleibt, sind gähnende Leere der Sterilität und die Gewissheit, dass man sich im urbanen Dschungel dem Sog der strukturellen Kanalisierung nur sehr schwer entziehen kann. Jedes Abweichen vom System würde irgendwann zwangsläufig unangenehm auffallen und stinken. Unzweifelhaft ein Zustand, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt.
Als antiseptischer Nektar der Wahl warten einhundert Milliliter sündhaft teure Seifenlauge, deren Mehrwert gegenüber der ekelhaft günstigen Kernseife es ist, das andere Geschlecht einem Hornissenschwarm gleich aufzuschrecken und zu betören. Das verkündet jedenfalls die Buntbildadvertise im Glotzkasten. Bereit steht außerdem eine mit fiesem Schimmel besetzte quadratische Personenberegnungsanlage – Amtsdeutsch Nasszelle. Die vollgepisste Büx wird ins Waschbecken verbannt, der Schlafmantel gleitet sanft über die Klobürste.Ab ins feuchte Vergnügen.
Die Drehung des Wasserkreislaufunterbrechers jagt dir einen Shower über den Rücken. Nicht nur, dass die Zapfarmatur schlimmer quietscht als die Bremsen vom Rasenden Roland, auch das Wasser, den abgestandenen Leitungsresten und der letzten Kanalreinigungssuppe folgend, verfehlt die feste Zustandsform nur knapp. Nachdem die linke Herzklappe ihre Arbeit wieder aufgenommen hat und die Lungen der Umgebung erneut Sauerstoff entziehen, beginnst du das morgendliche Reinigungsritual.
__________
Die Duschgewohnheiten der Menschen sind mannigfaltig und nur selten hat die Reinigungsabsicht Priorität. Wäre dem so, würde man die Kabine betreten, den Skalp benetzen, sich den Bast mit Hilfe einer beseiften Drahtbürste abkratzen, lauwarm abspülen und zusehen, dass man unbeschadet über die feuchten Fliesen in Richtung Küche verschwindet. Der Erdenbürger hasst das Wasser und meidet sein finsteres Ebenbild, so gut er kann.
Ein steriler Nassbereich mit Spiegel an der Wand ist daher zwar gesellschaftlich verordnet, aber keinesfalls präferierter Vergnügungsplatz für menschenähnliche Geschöpfe. Zu viel Schreckliches ist hier schon passiert. Wenn Vati früher den überfahrenen Eber oder das zerschrotete Rehkitz nach Hause brachte, so wurde das leblose Aas stets in einem schlecht belüfteten und vor allem gefliesten Bereich des Heimes zu Wildgulasch zerfleddert. Diese Erfahrung wirkt nach.
Also sucht sich der dreckige Bürger Alternativbeschäftigungen, um die unangenehme Säuberungsprozedur halbwegs menschenwürdig zu gestalten.
– Wer frisch verliebt oder auf Dienstreise ist, verschweinkramt den morgendlichen Ritus mit Koitus. Die Vorteile liegen auf der Hand. Alles, was normalerweise in den Laken kleben würde, verdünnisiert sich innerhalb weniger Sekunden in den muffigen Abfluss. Ähnliches gilt für Zeitgenossen, die keinen Partner oder Kurschatten zur Hand haben, dessen ungeachtet aber ebenfalls von frühmorgendlicher Libido geplagt sind. Hier bewirken Duschutensilien oft Wunder. Schwamm drüber!
– Wer ein schlechtes Gewissen hat, der singt. Ganz recht. Der Gesang, meist unvorteilhaft vorgetragen und von markerschütternder Intensität, hat mit beschwingter Laune und fröhlicher Dynamik nicht das Geringste gemein. Lautes Trällern und Pfeifen erfüllt ausschließlich den Zweck, von der Umwelt, im Speziellen dem Partner, den Mitbewohnern und/oder Nachbarn, wahrgenommen zu werden. Diese sollen wohlwollend registrieren, dass man selbst ein reinlicher Geist ist und die Pein der Waschung voller Freude auf sich nimmt. Also jodelt man verlogenerweise voller Inbrunst Singin’ in the rain, während die Klamotten und der Rest der Bude eher nach dem Flohwalzer verlangen. Egal. Hauptsache, der falsche Eindruck bleibt bestehen. Und die Hausgenossen denken sich: »Hey, die Assel von gegenüber duscht ja tatsächlich. Da haben wir uns vom Gestank seiner Kleidung wohl täuschen lassen.« Besonders kleinmütige Charaktere lassen sich gar davon hinreißen, ebenso krampfartig ein Liedchen gegenzuträllern, um dem Reinlichkeitsfanatiker von nebenan im Widerspiel mitzuteilen, man habe selbst seine Lehren aus Pest und Cholera gezogen. Das ist natürlich lächerlich.
– Eine weitere Spezies unter den Wasserstehern sind die Dauerduscher. Bei ihnen regiert im wahrsten Sinne des Wortes die nackte Angst. Langzeitbrauser haben Schiss vor der Welt. Sie fürchten sich prinzipiell vor allem. Die Duschkabine als abgeschlossene Sphäre strahlt auf sie eine gebärmuttergleiche Geborgenheit aus und verschafft ihnen somit eine friedliche Gelassenheit voller fötaler Fantasie. Der lauwarme Fruchtwasserersatz kann sie gar nicht genug umfließen. Die aggressive Kälte und Gefährlichkeit des Alltags lauert vor den angelaufenen Scheiben. Schon der erste Schritt aus dem geschützten Fliesenbunker könnte einen komplizierten Unterschenkelhalsbruch zur Folge haben. Besser nichts riskieren. So wird Duschen zur Obsession. Nur der Blick auf die verschrumpelte Haut und der sorgenvolle Gedanke an die Wasserrechnung verstärken die Wehen und entbinden den feigen Warmduscher aus dem feuchten Elysium.
– Besonders perverse Zeitgenossen sind die Zweckentfremder. Reinigungsfetischisten, die vergessen, dass die Dusche ursprünglich dafür erfunden wurde, den Golden Retriever rundum von angetrockneten Kotresten zu befreien. Ein Brausebad ist Versteck, Besinnungs- und Beichtkammer, Ort des Erwachens und Schimmelschmiede. Niemals sollte es reinigende Wirkung haben. Wer hygienisch leben will, geht in die Badewanne. Dem ignoranten Saubermann ist dieser Verhaltenskodex fremd. Er bestellt den Klärgang à la carte. Zottel waschen und spülen, Gebiss schrubben, Zunge abspachteln, mit Essiglauge gurgeln, rasieren, Pickel zerknautschen, Warzen entgraten, bürsten, scheuern, einseifen, auf Hochglanz polieren, Arschhaare zupfen, Nägel kappen, Sohlen abschmirgeln und die primären Geschlechtsteile mit Aloe-Vera-Plempe lackieren. Das ist krank! Wer derart sterilisiert aus der Kabine steigt, muss im besten Fall damit rechnen, sich bereits beim Griff nach dem Föhn einen tödlichen Keim einzufangen. Niemand sollte so eklatant fahrlässig mit seiner Gesundheit umgehen.
– Nicht zu vergessen: die Geizigen. Klamotten bleiben am Körper, das spart einen Waschgang in der rotierenden Vollwaschsau. Schnell nach links und rechts geschaut, Luft geholt und die Kabine geentert. Sprudel ahoi, aber selbstredend nur kalt, weil warmes Wasser rote Zahlen bedeutet. Flott mit der Kernseife gewienert, abgetröpfelt und – ohne auszuatmen – wieder raus aus dem Loch. Das Duschwasser, welches über eine komplizierte Drainage-Eimer-Konstruktion aufgefangen wurde, kann wahlweise die Klospülung oder die Kaffeemaschine befeuern. Ein Filter hat zuvor die Seifenreste verdichtet, die nun in der Sonne wieder zu ursprünglicher Form zurecht trocknen. Die eigene Frottierung übernimmt edles Designertuch vom Pariser Luxusbadelakendealer. Man gönnt sich ja sonst nichts.
__________
Alles ist wie immer. Noch schlaftrunken und ohne Elan versuchst du, deinen Zustand zu analysieren. Restbrühe von gestern? Möglich.Ein Anflug von Grippe? Schön wär’s. Maul- und Klauenseuche? Diese Ausrede ist in der Personalabteilung noch nie auf fruchtbaren Boden gefallen. Mangelnde Motivation aufgrund der bevorstehenden Eintönigkeit eines weiteren Arbeitstages? Ja, es wird wärmer. Du drehst die Temperatureinstellung an der Armatur nach Osten. Deine Sicht auf die Dinge verschwimmt im feuchten Schimmer der Berieselung.
Warum stehst du jeden Morgen minutenlang fassungslos in der Brause und sinnierst über Varianten deines Lebens, die gänzlich verschieden zu der einen sind, welche du durch ewiges Einweichen hinauszuzögern versuchst? Was würde denn passieren, wenn du heute mal die Arschbacken zusammenkneifen und aus dem selbst auferlegten Mitmachzwang ausbrechen würdest? Wäre das gefährlich? Oder womöglich stimulierend? Bist du wirklich so ein hasenfüßiges Weichei? Dir kommen die Tränen.
Die Duschsuppe läuft dir vom platten Schädel direkt in die Sehschlitze. Das Ganze brennt wie Dresden 45. Ein beherzter Griff an den Hahn. Mit der zweiten Hand verstellst du die Brause. Der Strahl verdichtet sich zum Hochdruckprojektil und fräst dir die oberste Lederschicht vom Pigmentparkplatz. Trommelfeuer aus allen Rohren. Mit unermüdlichen Salven ballert dir das gnadenlose Nass gegen den Schädel. Beim Versuch, die Artillerie zu stoppen, verlierst du im eigenen Schlick den Halt und kippst nach hinten. Trotz fester Absicht bekommst du den Duschvorhang nicht zu fassen, was auf den Verlust der Hand-Auge-Koordination zurückzuführen ist. Heizkörper und Badvorleger stoppen deinen Fall im harten Duett.
Weil die Wirbelsäule aufgrund jahrelanger Büroarbeit inzwischen einen schönen Abwärtsbogen macht, trifft dich der Einschlag punktuell. Eine ausgeprägte Rückenmuskulatur, die bei anatomisch korrekten Körperformen den Sturz fluffig neutralisiert hätte, ist schon seit vielen Jahren nicht mehr vorhanden. Als Jugendlicher verursachte jeder Horizontalabflug aus der Skateboard-Halfpipe mehr Schaden am Brett als am Steiß. Jetzt liegst du, der Wirtschaft Zyperns gleich, am Boden und bist von ähnlich viel Wasser umgeben. Das Rückgrat murrt, der angestoßene Schädel brummt. Du fühlst dich wie Charlie Brown, nachdem ihm Lucy wieder einmal den Football vor der Nase weggezogen hat.
Die Zeit ist reif, das Sicherheitskonzept des schlüpfrigen Andachtsraumes zu überarbeiten, bevor die vollkommene körperliche Insolvenz eintritt.
Da auf diese kurze Fallhöhe kein europäischer Rettungsschirm ausreicht, kann nur ein effizientes Hilfspaket die nächste Duschpleite verhindern. Ein Waschmoratorium darf keine Option sein, da die fristgemäße Reinigung systemrelevant ist und man als schwarzes Schaf kaum noch Kredit bei seinen Gläubigern hätte. Bevorzugter Lösungsweg ist eine umfassende Restrukturierung der Wassertransferunion. Dazu sollte zunächst die Rutschgefahr gebannt werden.
Um die Volatilität innerhalb der Kabine zu verringern, muss eine Duschmatte als Einlagensicherung her. Haltegriffe, mit Stellschrauben an der Wand befestigt, könnten durch ihre Hebelwirkung eine Art Stabilitätsmechanismus bilden. Dazu eventuell noch eine Sitzgelegenheit, um im Ernstfall eine Bankrettung zu ermöglichen.
Außerdem muss die Liquidität auf den Fliesen verringert werden. Ein zinsgünstiger Hochleistungsvorleger des Typs Pariser Modell aus der hiesigen Raftingagentur oder vom Gebrauchtwarenbörsenhändler würde überflüssige Nässe aufsaugen, so dass man beim Austritt aus dem Wasserkreislauf nicht mehr den Rubikon überschreiten müsste. Mehr oder weniger gute Ideen, um ein frühzeitiges Ausfallrisiko zu mindern.
Während du darüber spekulierst, inwiefern deine Maßnahmen eine Inflation der Absturzgefahr verhindern können, wird dir etwas frisch. Du fröstelst. Dauerhaftes Herumliegen in Scheueroasen führt wohl offensichtlich zu sozialer Kälte.
Du erhebst dich aus der Schildkrötenposition und bekleidest dich notdürftig. Eine umfassende Ausgestaltung und Maskierung des Erscheinungsbildes ist noch nicht vonnöten, denn die tägliche Initialisierungsprozedur ist mitnichten abgeschlossen. Du schleppst das schmerzende Skelett in Richtung Kombüse, um die allmorgendliche Routine durch die Einnahme der ersten Vollwertmahlzeit fortzusetzen.
__________
Das Nonplusultra der Sinnstiftung ist das Ritual. Nichts gibt mehr Sicherheit im permanenten Kampf ums Überleben, nichts suggeriert dem alltagsgeplagten Durchschnittstier gemeinschaftliche Teilhabe und systemrelevante Bedeutsamkeit besser als das immer wiederkehrende Gleiche und Selbe. Wie der ökologische Störenfried an die Gleise der Castor-Strecke, klammert und betoniert man sich an die strukturgebende Abwechslungslosigkeit, als wäre zukünftiges Überleben allein davon abhängig, regelmäßig sein Plaisirchen, in welcher Darreichungsform auch immer, zu pflegen.
Pünktlich zur Vorabendseife an der Glotze hocken, einmal täglich 45 Minuten Kampf-Yoga mit indischem Tantra-Gejodel oder Sex mit Socken nach den Tagesthemen. Die zeremonielle Erledigung der Ödnis ist dabei stets generalstabsmäßig korrekt und im zeitlichen Ablauf einwandfrei zu begehen. Über Generationen überlieferte Handlungsempfehlungen wie »Kaffee – Kippe – Klo« sind in keinster Weise fakultative Verlaufsoptionen, sondern besitzen eine unabänderliche Verbindlichkeit.
Rituelles Vorgehen ist klassenfrei und altersunabhängig. Es ist ein wechselseitiges Geschenk vom stumpfen Fleisch an seine Psyche und zurück. Getreu dem Motto:
»Hier, lieber Dickschädel, es ist Sonntag, da hast du deine Sonntagszeitung.«
»Danke, lieber Körper, nett von dir. Zum Ausgleich musst du dich nicht mit ungeplantem Beischlaf herumplagen.«
So wirft der vermummte Schwarzblocker ebenso mechanisch notgedrungen zum 1. Mai mit Flaschen auf die bereitgestellte Ordnungsmacht wie der Dauercamper allmorgendlich die Markise auf Sichtschutzlevel B leiert. Die fies geföhnte Wohlstandsblondine kommt nicht umhin, sich bei der turnusmäßigen Coiffeuraudienz den weichen Keks massieren zu lassen. Ebenso unvermeidlich füttert der neureiche Bonusadel beim frühjährlichen Aufgalopp im Kleppermotodrom zwanghaft den Wettonkel mit Devisen. Und während die schnöde Bildungselite mit Cicero in der Hand und Wagner auf dem Ohr nach den Tagesthemen geiert, leckt sich der Gamer-Nerd die invalid geklickten Kalkfinger nach dem nächsten Multiplayer-Deathmatch aus der Ballerorgienkonserve.
Hauptsache, es kommt nichts dazwischen und es unterbricht keiner den kategorischen Trott. Falls doch, rollen Köpfe.
Bekanntermaßen war die römische »Brot und Spiele« – Kultur blutiger als das Durchschnittssteak eines adipösen Texaners. Trotzdem sind wahrscheinlich schon mehr bedauernswerte Gesellen bei der Unterbrechung der lieb gewonnenen Routine eines Mitmenschen tödlich verunglückt, als Lungenflügel bei antiken Gladiatorenkämpfen von rostigen Mistgabeln durchbohrt wurden.
Blödsinn?
Von der Theorie zur Praxis:
Setze dich doch mal am Sonntagabend in eine Tatort-Runde und beginne ein angeregtes Gespräch über Wellblechhütten. Schnell wirst du bemerken, dass der liebe Gott die Halsschlagader nur halbherzig gegen Brotmesserattacken abgesichert hat.
Dein Vorarbeiter nimmt auf der Fahrt zur Baustelle gerne noch eine Mütze Schlaf mit? Verblüffe ihn spaßeshalber einmal mit dem Höhlengleichnis und Schlussfolgerungen, welche sich daraus hinsichtlich seines Medienkonsums ergeben. Der Referent der Betriebsunfallversicherung wird sich bedanken.
Deine Großeltern beten gerne vor dem Essen? Überrasche sie doch ausnahmsweise zum Abschluss mit einem satanischen Verslein. Das Fachwissen aus der SS-Vergangenheit des Großvaters wird eine ungeahnte Renaissance erleben.
Unfälle geschehen und Mord war in der Menschheitsgeschichte schon immer ein legitimes Mittel, um nervende Mitmenschen frühzeitig in den ohnehin unausweichlichen Limbus zu verschicken. Das alles ist human und vom Grundgesetz gedeckt. Hässlich wird es erst, wenn du die Mutter aller Angewohnheiten, quasi die Marotte Grande, den Ritus Pontifex unter den Ablaufmacken störst. Sabotiere niemals die sakralen Minuten vom ersten Hahnenschrei bis zum schwarzgoldinduzierten Koffeinblitz! Hier hört der Spaß nämlich auf.
__________
Du schlürfst auf direktem Weg zum Kaffeeautomaten. Da dir übermäßige Arbeitsbelastung vor Sonnenaufgang ein besonderer Graus ist, hast du dir für die Zubereitung deines Wachmachers einen neuartigen Apparat zugelegt.
Der frisch gepresste Bohnensaft wird heutzutage längst nicht mehr über den Durchlauf gebrühter Flüssigkeit durch ein mit Arbeiterkoks befülltes, trichterförmiges Papiertütchen hergestellt.
Nein, das ist Achtziger. Der Mehraufwand, welcher durch Einlegen und Befüllen des Trichters sowie die Betankung des H2O-Speichers entstehen würde, ist in der modernen Leistungsgesellschaft nicht mehr zu rechtfertigen. Effizienz ist das Gebot der Stunde.
Wie der pflichtbewusste Taliban seine schultergestützte Luftabwehrrakete lädt, munitionierst du das Patronenlager deines Kapselkaffeegeschützes auf. Die peruanische Mokka-Suppe liegt nämlich inzwischen nicht mehr halbkiloweise in der Vorratsdose oder gar als ungemahlener Köttelhaufen in der Frischetüte im Regal, sondern wird zu Kleinstmengen in handliche Aluminiumhülsen gepresst.
Bleibt die Aufgabe, das Projektil aus dem Haufen zu ziehen und in die entsprechende Vertiefung des Automaten zu stöpseln. Dann noch Knöpfchen drücken – fertig. Wer nicht vergessen hat, seine Tasse unter dem Abflussrohr der Maschine zu parken, erhält binnen weniger Sekunden eine frische, koffeinhaltige Industriebrause.
Die Erfindung dieser Gerätschaft ist eine Erlösung für sämtliche Praktikanten. Niemand kann mehr behaupten, der Aushilfspfuscher sei zu dämlich zum Kaffeekochen. Kapseln kann jeder Vollidiot.
Und so ist es kaum verwunderlich, dass überwiegend Einfaltspinsel zur Anschaffung solcher Wunderwaffen neigen.
Man muss schon mächtig einen am Kürbis haben, wenn man:
1. Auf die herkömmliche Art und Weise keinen Kaffee kochen kann.
Hallo!? Wir reden hier nicht von Molekularbiologie oder der Konstruktion einer Urananreicherungszentrifuge. Das Rezept befiehlt, heißes Wasser durch braunes Pulver zu leiten. Schon die Osmanen im 16. Jahrhundert beherrschten diese Disziplin. Dabei hatten die noch keinen elektrischen Hilfssheriff zur Verfügung.
2. Das finanzmathematische Verständnis eines Elektrozauns besitzt.
Während man sich lauthals darüber echauffiert, dass das Pfund Gesichtsbeschleuniger im Konsum sechs Maak fuffzig kostet, schlackert man beim Erwerb eines Patronengurtes Kaffeehülsen freudig mit den Ohren und blättert aufs Kilo hochgerechnet achtzig Euro hin. Von den Anschaffungskosten der Mokka-Flak mal ganz abgesehen. Angesichts dieser Tatsache sollte jeder Käufer mit der Hans Eichel – Ehrenplakette ausgezeichnet werden.
3. Sich freiwillig tonnenweise Müll ins Haus holt.
In Sachen Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit kann man es locker mit jedem Betreiber einer indonesischen Sulfurmine aufnehmen.Wenn Tante Erna und Onkel Helmfried auf einen sonntäglichen Klatsch vorbeischauen, hat man danach mehr Leichtmetall im gelben Sack, als in einem VW Golf verbaut ist.
4. Diese Variante als effizient und komfortabel erachtet.
Ach, ist das einfach. Torpedo rein und Feuer. Und bei vielen Gästen: Dauerfeuer. Die zwei Stunden, die ich zuvor vor dem Rechner verbracht habe, um den günstigsten Waffenhändler zu suchen? Die halbe Stunde bei der Post, um die Munitionskiste abzuholen? Sich zu Hause ein separates Regal mit eigenem Ordnungssystem für die verschiedenen Geschmacksvarianten bauen? Ständig zwischen Wohnzimmer und Kaffeemaschine rotieren, weil man nicht auf Vorrat kochen kann? Alle vier Minuten den Müll raus bringen, weil sich die Projektile türmen? Lächerlich! Ich muss doch nur einen Knopf drücken.
5. Darin auch noch eine Innovation der Kaffeekultur erkennt.
»Eva, meine Teuerste. Wir haben uns ja schon ewig nicht mehr gesehen. Möchtest du nicht auf eine Tasse Kaffee hereinkommen?«
»Aber gerne, liebe Hiltrud.«
Räum, stell, gieß, löffel, steck, drück. Palaver, Palaver.
»Oh, riecht das gut. Neue Sorte?«
»Ja, aus Guatemala. Hat mir die Verkäuferin empfohlen.«
»Eine tolle Note. Meine Kinder waren übrigens letztens auch in Südamerika.«
»Ich glaube, das ist in Mittelamerika.«
»Ach was?«
Palaver, Palaver, duft, duft.
»Außerdem waren sie bei den alten Maya-Tempeln.«
»Von der Biene?«
»Haaa, haaa!«
Räum, stell, einschenk.
»Milch und Zucker?«
»Sehr gern.«
Palaver, Palaver.
»Ein Hochgenuss, dein Kaffee.«
»Danke, sehr nett.«
Palaver, lach, freu.
»Noch ein Tässchen?«
»Unbedingt.«
»Wie geht’s eigentlich deinem Mann?«
»Oh, sehr gut, der schneidet gerade die Gurken.«
Palaver, Palaver.
»Und deshalb sitzen wir sehr oft im Garten. Komm doch mal mit deinem Männchen vorbei.«
»Das machen wir gern.«
Palaver, lach, herzl.
»Ein Schnäpschen?«
»Aber hallo! So jung kommen wir nicht mehr zusammen.«
vs.
»Eva, meine Teuerste. Wir haben uns ja schon ewig nicht mehr gesehen. Möchtest du nicht auf eine Tasse Kaffee hereinkommen?«
»Aber gerne, liebe Hiltrud.«
Peng, drück, wusch.
»Fertig. Milch und Zucker ist schon drin.«
»Wäh, was für eine Brühe.«
»Ist aber schön einfach.«
__________
Kleiner Zwischenruf:
Die Bewohner der Osterinseln konnten von der Tapete zur Wand denken und sind zwischendrin noch drei Mal falsch abgebogen.
Deshalb sind sie auch ausgestorben.
__________
Du schiebst einen Böller in das Brühaggregat. Deine »Same Shit,Different Day« – Tasse steht schon unter der Abtropfeinrichtung. Begleitet von einem spukhaften Gurgeln tröpfelt der Capriccio Intenso Ultracaffeinato in den Porzellankübel. Nach 50 Sekunden ist dieser randvoll und bereit, seinen heilbringenden Inhalt in deinen Schlund zu ergießen.
Doch halt! Etwas Wichtiges fehlt noch. Nicht nur das Koffein muss in den Leib, auch die gute Laune soll parallel dazu ins Hirn gequetscht werden. Für diesen Zweck gibt es nichts Besseres als das Frühstücksradio.
Mit einem gezielten Knopfdruck aktivierst du den Volksempfänger.
__________
Hätte man die Terrorverdächtigen in Guantanamo zwischen dem Waterboarding, statt mit stundenlangem Hardrock – Geschrammel, einfach mal zehn Minuten mit dem Vormittagsprogramm von Radio Energy beschallt, so wäre die gesamte Führungsriege von al-Quaida in Rekordzeit verpfiffen worden. Was hier allmorgendlich durch den Äther geblasen wird, ist selbst für stocktaube Klapperschlangen kaum zu ertragen. Ein hochverdichteter Soundbrei aus ultrabelanglosem Gequatsche, völlig fehlgeleitetem Gekichere, wild zusammengemischten Toneffektschnipseln und bis zur Unkenntlichkeit zerstückelten Melodiefetzen wird im Schnellschnittverfahren Übelkeit erregend zerhackt und portioniert, dass man den Marmeladentoast in den Lautsprecher erbrechen möchte.
Moderiert – oder besser zerredet – wird die akustische Hetzjagd von mindestens zwei sprudelnd aufgeregten Dauerspaßmachern mit kindlicher Begeisterungsfähigkeit und klaftertiefem Qualitätsanspruch. Als hätte man ihnen vor Dienstbeginn teelöffelweise Amphetamine in den kokaingeschwängerten Whisky-Cola-Energie-Drink geschaufelt und sie anschließend dazu verdonnert, auf einem elektrifizierten Stuhl sitzend, vier Dutzend Ritalin mit einer Kanne schwarzem Kaffee herunterzuspülen, hasten und hetzen die Ansager durch die konzeptlose Beschallerie.
Alles, was nicht wert ist, gesagt zu werden, wird stundenlang gebetsmühlenartig herunter exerziert. Die Nebenhöhleninfektion des Aufnahmeleiters ist mindestens so wichtig wie die neue Buxenkollektion von David Beckham. Falsch entsorgte Tetra-Behälter, Unterleibsschmerzen der Herzogin von Kent, die Knappheit an Mantelschellen im Südsudan. Hat sich der Weltraumpapst an einer Überdosis Wurstwasser vergiftet? Sendet es! Alles ist relevant und billig, den Gehörgang des Konsumenten zu verkleistern.
Natürlich wird auch der ehrenwerten Meinung des Hörers reichlich gespielte Beachtung geschenkt. Der Repräsentant des gemeinen Volkes wird zu seinem Senfkonsum oder dem Fliegen-Schaben-Verhältnis auf dem elterlichen Lokus befragt. Brav darf er seine rechtschaffende Arbeitnehmermeinung ins Telefon gurken und sich für Sekundenbruchteile als Sprachrohr der wehrlosen Unterschicht verstehen. Man fühlt quasi das simultane Nicken der Meinungskameraden an den Rundfunkschüsseln im Lande. Das ist gelebte Demokratie. So nah am Gesinde war nicht mal Robin Hood.
Aber schon Mao Zedong wusste, dass es nicht ausreicht, seinen schmalzlosen Jüngern allein das Gefühl der Teilhabe an der revolutionären Öffentlichkeitsarbeit zu vermitteln. Man muss dem Reissack schleppenden Pöbel auch ab und an mal ein Gerstenkorn vor das Auge werfen. Dieses Leckerli der Kundenbindung wird dem Rundfunkteilnehmer in Form von Gewinnspielen dargereicht. Vom Fass ohne Boden bis hin zu hundert Millionen Pfennig kann alles Mögliche gewonnen werden. Die Verlosung der Kostbarkeit erfolgt dabei in gewohnter Call-In-Manier, damit sich der Rezipient erlernter Dumpfheit bedienen kann.
Entweder ist die Quizfrage idiotisch einfach und von jedem Rasenmäher zu beantworten (der Hauptpreis ist ein Gummihuhn) oder eindeutig zweideutig, um möglichst viele Zuhörer in die kostenintensive Telefonsackgasse zu ködern (fette Beute). Daraus leitet sich auch die Dauer der Lotterie ab. Entweder ist der Spuk nach zwei Stunden vorbei oder man hört sich auf der Suche nach dem 100.000 € – Pups über viele Monate die Ohren weich.
Irgendwann ist es dann soweit. Soundeffekte, Geraschel, die Antenne vibriert vor lauter Dramatik. Gewonnen! Ein Freudenschrei am schmalen Ende der Leitung. Der Traum wird wahr. Das Moderatorenteam jubelt und frohlockt. Man freut sich für die arme Bettelseele gleich einen Eimer voll mit. Hat man ihm doch, stellvertretend für alle anderen Hörer, ein leckeres Sedativum ins Hirn gerührt.
Radioansager sind die aufgeregte Vermischung aus Thomas Gottschalk und Daniela Katzenberger. Nur stumpfer. Nur redseliger. Nur etwas kaputter.
Und lustig sind die heiteren Recken. Alle Furz lang wird gefeixt und geprustet. Zwischen humorvoller Anekdoterei und frotzelndem Jux wird wahnwitziger Schabernack verulkt. Der Frohsinn kennt keine Grenzen. Selbst scheinbar banale Ausdrücke wie Klempner oder verallgemeinern werden mit schallendem Gelächter quittiert.
Als wolle man mit aller Macht die gute Laune ins Hörervolk pressen, geben sich flache Witze und humoristischer Bodensatz die phonetische Klinke in die Hand. Wer hier nicht mit lacht, ist selbst Schuld.
Bevor man sich, von dermaßen viel zwang- und hirnlosem Frohsinn zermürbt, mit dem Eierpiekser die Trommelfelle perforiert, wird das stumpfe Büttengewäsch durch neumodischen Singsang unterbrochen.
Seltsam, denkt sich der geneigte Zuhörer. Das hast du doch schon irgendwann mal gehört. Irgendwoher kennst du diese unbeschwerte Trällerei.
Richtig. Irgendwo ist das Radio. Irgendwann ist immer.
Im Laufe der Musikgeschichte, angefangen vom beschwerlichen Jauchzen eines qualvoll verendenden Triceratops bis hin zum bulimischen Schluchzen einer leidvoll quäkenden Lady Gaga, hat sich gesangsevolutionär nicht allzu viel getan. Dennoch haben in der Zwischenzeit diverse Barden, Sänger und Kapellen milliardenfach Liedgut produziert.
Mit der gesellschaftlichen Neuordnung zu Beginn des Känozoikum, durch die streitbaren Reformen Martin Luthers, in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges und mit der Einführung des Frauenwahlrechts sind viele wertvolle Stücke verloren gegangen. Alle eigens aufgeschriebenen Meisterwerke von klassischen Stümpern wie Basti Bach oder Felix Bartholdy fallen ebenfalls weg. Hier fehlen die Originalaufnahmen, da die Rock’n’Roller aus Barock und Romantik zu blöd waren, im Proberaum ein Doppeltapedeck mitlaufen zu lassen.
Zwar existieren reichlich Coverversionen für Klavier, Holzstreicher oder Gartenzaun, doch sind die Künstler, abgesehen vom deutschen Ausnahmeviolinisten mit der blonden Raubtiermähne, ChristianCannabich, meist nicht pseudopopulär genug, um im Privatradio verwurstet zu werden.
Bleiben summa summarum circa acht Millionen Chansons, die irgendwann einmal hinter Panzerglas oder im Freiluftraum unter den klapprigen Krallen eines Tontechnikers in die Konserve gepresst wurden. Vom elektronischen Einheitsbeatgegängel über magenverdrehende Schlager-Folklore, Hip-Hop-Hurra und Reggae-Lala, vom anarchischen Blues-Gejammere zum Sekundenschlaf provozierenden Weltmusikgeleiere, extravagantem Jazz und überlang toleriertem Synthie-Pop, vom Neureichen-Punk über Schluckauf fördernden Dubstep bis hin zum geistesgestört geröcheltem Death-Metal existieren allein in der Poprockwelt mehr Musikstile als deutsche Vornamen. Da sind katholische Kirchenlieder und brasilianischer Bossa Nova noch nicht mal eingerechnet.
Die Fülle an spielbarem Musikmaterial ist schier unendlich, nur scheinen gerade die Menschen dies nicht zu wissen, die sich von Berufs wegen damit beschäftigen. Vor 20 Jahren enthielt der Beifahrerfußraum eines handelsüblichen Opel Kadett mehr magnetisch gespeicherte Musikinformation als die MP3 – verseuchten Serverfarmen moderner Rundfunksendezentralen heute. Tagein und tagaus hört man die penetrant gleiche Litanei an chartrelevanter Superstarmukke aus den Reflexboxen dröhnen. In verlässlicher Regelmäßigkeit vernimmt man bekannte Gassenhauer, die von Media Control ersonnen wurden, ins Kaufgedächtnis des Musikkonsumenten gepresst zu werden. Im Radio ist jeder Tag Murmeltiertag.
Und so schwebt der Hörfunkkasten wie der Nürnberger Trichter über dem Kopf des Ohrenzeugen und induziert ihm unaufhörlich identisches Gesülze. Ergo fiept selbst das hartgesottenste Randgruppenauditorium früher oder später mit pawlowscher Automation Lena Meyer-Unstrut durch die gepressten Lippen. Wie übel diese Art der Schallindoktrination ist, wird erst beim Sekundärkontakt deutlich.
Ob im Büro, in der U-Bahn, an der Methadonausgabestelle oder beim Hasenzüchterverband, überall und immer gibt es einen Pfeifenkopf, dessen musikalisches Kleinhirn bereits weichgekocht ist und der es deshalb nicht lassen kann, permanent Jennifer Lopez oder Bruno Mars zu flöten. Selbst gestandene Motörhead-Fans ertappen sich bisweilen dabei, den Dreck unter den musikalischen Fingernägeln zu identifizieren.
»Ey Tölle, den Song kenn’ ich doch. Ist das Manowar?«
»Das ist DJ Antoine.«
»Wer?«
»Keine Ahnung.«
Wenn dann noch die Männers von der Kanalreinigung an der Kotpumpe den Wendler intonieren, wird schlagartig klar, wie vielfältig die Auswüchse menschlicher Exkremente sein können.
Die omnipräsente Verkleisterung mit simplifiziertem Chart-Material schafft vor allem eins: Standardisierung. Die hochkomprimierte, radiokonforme Musikkonserve klingt nicht nur auf jedem Endgerät gleich, sondern ist inzwischen auch von der musischen Ausdrucksform entkoppelt.
Noch vor 10 Jahren lagen zwischen den Toten Hosen und Coldplay stilistische Welten. Heute rennen die gleichen, plattgebügelten Musik-Konformisten sowohl zu Chris Martin als auch zu Campino. Klingt eh alles gleich. Trifft man den 30 Jahre älteren Chef beim Underground-Hopping im örtlichen Elektroschuppen oder jodeln sich Oma und Enkelin zu Heino gegenseitig die verpfropften Ohren klebrig, läuft etwas prinzipiell schief.
Der Clash der Generationen beruhte schon immer auf einer gegensätzlichen Kultur. Nur so war Fortschritt möglich. Die Jugend erschuf den Radau, um nicht in die Lethargie der alten Schmolllappen zu verfallen. Stillstand in Schlagerform.
Und so dröhnt ununterbrochen zermürbende Copy-and-Paste-Dudelei aus den iPods, Baustellenradios, Taxi-Plärren und Einbaulautsprechern. Im Baumarkt, beim Friseur, im Wartezimmer, beim Klamottenkauf und als Hintergrundberieselung im Fernsehwerbeblock. Nirgends ist man sicher.
Dabei versucht man, die Klientel auch poetisch möglichst nicht zu überfordern. Lyrisch inhaltsloses Gedöns und schöpferisch geistloser Unfug geben sich die Klinke in die Hand:
»Hey I just met you and this is crazy, but here’s my number, so call me maybe. It’s hard to look right at you baby, but here’s my number, so call me maybe.”
Dagegen ist Sag mir, wo die Blumen sind ein Kandidat für den Literaturnobelpreis. Zum Glück wird ein Großteil des Lärms auf Englisch vorgetragen. Nicht auszumalen, was passieren würde, wenn die Hörerschaft die Texte auch noch verstehen könnte.
Womöglich würden wir es den Rednecks gleich tun und Großkaliberwaffen an Kindergartenkinder verschenken.
Tagtäglich aural weichgespült, macht der hirnseitig Gelähmte selbstredend keinerlei Anstalten, Musik als tonale Ausdrucksvariante geistreicher Ergüsse wahrzunehmen. Er wird nicht über den Chartrand hinausblicken, um politisch Unkorrektes und sozial Anrüchiges zu vernehmen. Das schafft Ruhe im Verkehrsstau. Like a rolling stone in der Rush Hour oder eine Dosis Public Enemy im Shoppingtempel? Reiner Zynismus.
Die Volksseele will durch schöpferische Gleichschaltung beruhigt werden.
Zeit des Erwachens
Während du benommen vor dich hinstarrst, sickert die schwarze Bohnenbrause in die ausgedörrte Magenschleimhaut. Sämtliche Lebens-geister erwachen wie Popeye nach der Dose Spinat. Eine liebliche Sprechstimme krächzt trübe Wetteraussichten in dein Ohr. Die astrologische Bevormundung durch das allwissende Horrorskop verspricht wieder einmal eine unverhoffte Begegnung zur Mittagszeit.
Prompt rufst du dir die letzte Weissagung des Radioorakels ins Gedächtnis. Damals bestand die überraschende Wendung des Plots in einer überfallartigen Magen-Darm-Verirrung infolge einer missglückten Imbisskettenwahl. Auf die prophezeite halbe Stunde über dem besudelten Porzellangott in der versifften Bahnhofstoilette hättest du gern verzichtet. Noch heute klebt dir zertretenes Spritzbesteck im Schuhprofil.
Stecker aus der Dose, Tasse in die Spüle.
Gestreifter Morgenmantel wird durch gestreiftes Hemd ersetzt. Socken an die Stumpen. Eine samtweiche Stoffhose mit frisch gebügelter Bundfalte rundet den Zweiteiler ab. Mit reichlich Pomade wird das garstige Haar businesskonform auf Richtschnur geölt. Beide Gebisslinien freuen sich über einen kurzen Beitrag aus der Zahnhygieneabteilung. Den Lecklappen schabt ein ovales Plastikkonstrukt ab. Geruchsintensive Bakterienbildung soll so verhindert werden. Ein kleiner, brummender Taschenkobold kürzt die wuchernden Bartstoppeln auf erträgliche Länge. Mundwasser, Rasierwasser, Eau de Toilette.
Alle Handgriffe sitzen. Jahrelange Wiederholung hat dich zu einem Meister der rasanten Metamorphose gemacht. Derart verwandelt würde dich selbst deine Mutter für ein kompetentes und leistungswilliges Mitglied der Gesellschaft halten.
Jetzt noch flott die Lederlatschen angeschnallt und die sportlich coole Jack Wolfskin – Outdoorjacke übergeworfen.
Eine clevere Kleidungswahl kann Karrierefaktor sein. Man benötigt Optionen, um jedwede Speichellecksituation gewinnbringend ummünzen zu können.
Folgende Szenarien sind denkbar:
Unterhaltung mit dem Chef:
»Z.! Sie sind ein guter Mann. Leute wie Sie brauchen wir in unserer Abteilung.«
»Danke, Chef.«
»Dreck! Ich bin in Dachrattenkot gelaufen. Ah, zum Glück gibt’s die Niedriglohnsklaven aus dem Ostblock. Hey, Schuhputzer! Wiener mir mal die Krokodilsgaloschen! Aber ich will danach meine Poren drin erkennen. Wollen Sie auch, Z.?«
»Oh, ähh, nein danke. Ich trage doch Turnschuhe.«
»Sie sind entlassen.«
Desaströs. Nur blutige Karriereanfänger schießen den kapitalen Bock und ziehen sich bequeme Schuhe auf Arbeit an.
Umgedreht darf man natürlich auch nicht zu sehr an der Etikette suckeln, schließlich will man im kollegialen Umfeld nicht zum Mobbing-Sandsack werden. Besser man kommt obercool daher. Schon in der Grundschule wurden die lässigen Blender trotz ihres beschränkten Intellekts stets ehrfurchtsvoll gepriesen.
Tratsch der verschworenen Kübelkollegen am Kopierminister:
»Pah, guckt euch mal den feigen Franitsch an. Wie rum der läuft. Pullover und Lederjacke. So hat mein Onkel immer seine Vogelscheuchen ausstaffiert.«
»Aber der Z., alle Achtung. Das ist doch so eine Survival-Jacke aus dem Outdoorshop. Kostet übel viel Kohle und hilft bei Bärenübergriffen.«
»Ich wette, der macht am Wochenende solche Extremwanderungen, bei denen zehn Mann loslaufen und nur sieben zurückkommen. Oder war es umgekehrt? Na ja, egal.«
»Auf jeden Fall ein gefährlicher Typ.«
Die Kleiderwahl des einfachen Büroangestellten kann über Gedeih und Verderb seiner gesamten Laufbahn entscheiden.
Nach dem stofflichen Behäng kommt das elektronische Interieur. Nur hoffnungslose Nostalgiker betreten den öffentlichen Raum ohne technische Gadgets oder digitalen Klimbim.
– Smartphone Check!
– Tablet Check!
– Notebook für die Arbeit Check!
– E-Reader, falls der Akku vom Pad röchelt Ok!
– Elektronischer Schrittzähler fürs Fußgelenk Check!
– Digitalkamera, um für die Olympiade der BILD-Leser-Reporter gewappnet zu sein Check!
– Dazu noch alle Ladekabel und Adapter, Speicherkarten und Sticks, Reiniger und Aufbewahrungshüllen Haken dran!
Fast beiläufig rümpelt der moderne Appster jeden Morgen mehr Kondensatoren und Schaltkreise aus der vermüffelten Bude, als Buzz Aldrin beim Verlassen der Mondlandefähre in der stinkenden Kapsel zurückließ.
Nachdem tonnenweise Foxconn – Schrott in den Tornister gewandert ist, wird der MP3-Player aktiviert. Angsthasen benutzen Ohrstöpsel oder InEars, wie es in korrektem Equipment-Sprech heißt.
Die Kinder aus der großen Gruppe setzen sich riesige Mickey Mäuse auf die leidgeplagten Lauscherchen.
Dicke und bisweilen voll abgeschirmte Kopfhörerbolzen spielen in einer anderen Liga und verleihen dem Träger reichlich Oberwasser.
Warum eigentlich?
1.) sieht arschcool bis verschärft stylisch aus
2.) gibt es in verschiedenen Farben
3.) klingen total dufte
4.) man hört die dämlichen Mitmenschen nicht so durch
5.) sieht total mondän und fashionable aus
6.) man hört die dämliche anrollende Straßenbahn nicht so durch
7.) sieht so was von urban living aus
8.) man hört die dämlichen anrollenden Autos nicht so durch
9.) man hebt sich vom InEars – tragenden Proletariat ab
10.) sieht dermaßen nach Understatement aus
11.) gibt es inzwischen schon für 15 Euro bei H&M – das kann nichts Schlechtes sein
12.) man hört die dämlichen anrollenden Nörgler, die sich ständig über die suppenhohlen Appster mit ihren hässlichen und übel klingenden Gehörschutzkopfhörern amüsieren, nicht so durch
Du stöpselst dir deine Akustiksemmeln an und drehst den Lautstärkeregler in die Stellung »Urknall«. Ein bisschen Elektro-Geschrammel auf dem Weg zur Arbeit wird dir sicher gut tun.
Der silberne Sicherheitsdietrich macht den Uhrzeiger und blockiert die Pforte einbruchsicher vor der diebischen Nachbarschaft.
Die grauhaarige Politesse
Kaum stehst du aufrecht vor deiner Eingangstür, klopft es von hinten auf die Schulter. Du machst kehrt und siehst in das bleiche Antlitz deiner hellwachen Nachbarin. Falsche Zähne, tiefe Schießscharten im Gesicht, ein grauer Schleier, dazu ein kleiner untersetzter Körper, bedeckt durch eine lieblos angeknüpfte Kittelschürze. Zwei Referenzbeine für Krampfaderndiagnose klappern auf einem Hausschuhduett umher. Der gesamte Oberkörper steht, im Rahmen seiner arteriell begrenzten Möglichkeiten, auf Angriff. Jener Modus Operandi offenbart auf der Stelle ein vergangenes Fehlverhalten deinerseits. Der Tanz beginnt. Das lahme Tier keucht:
»Guuten Moorgen, juunger Maann!»
»Morgn!«, antwortest du in bestgeheuchelter Unfehlbarkeit.
»Na, geht’s wieder zur Arbeit?«
Jeder kennt das Phänomen des Hausdrachens. Dieser ist meist älter in Form und Struktur, aber jung und dynamisch im Geiste, wenn es um die Observierung der Mitwohnenden geht. Die Bestie ist chronisch gelangweilt und emotional unterversorgt. Beide Unzulänglichkeiten ihres tristen Daseins versucht sie durch ein Übermaß an Ordnungswahn und Gossip zu kompensieren. Selbstverständlich benutzt sie nicht das Wort Gossip, denn sie ist Old School. Das Monstrum tratscht einfach gern in alle Richtungen.
Allein diese Eigenschaft unterscheidet sie von einem inoffiziellen Mitarbeiter. Beim Ministerium für Staatssicherheit wurde in der Regel nur in einen Kanal geplappert, ansonsten aber tunlichst die Klappe gehalten. Man wollte ja unerkannt bleiben. Das Drachentier jedoch benötigt solche Diskretion nicht. Ganz im Gegenteil. Das häusliche Spionagebiest sieht, hört und registriert zwar alles, was sich im Umkreis eines Tagesritts abspielt, möchte aber keineswegs, dass der daraus resultierende Informationsvorsprung vertraulich bleibt.
Eine Atmosphäre der Vorsicht und Angst soll geschürt werden. Die Position des Quartiervorstehers bzw. der Wabenkönigin wird nur untermauert, wenn die eigene Allmacht von möglichst vielen Mitmietern gefürchtet ist.
»Sie sind aber gestern Abend recht spät nach Hause gekommen«, sprudelt es provozierend aus ihr heraus.
»Bitte? Was zum Geier?«
In der Regel wird der Teufel durch die überhöhte Höflichkeit und die gute Erziehung seiner Mitmenschen geschützt. Selbst nicht hinnehmbare Verstöße gegen die grundgesetzlich verbrieften Persönlichkeitsrechte werden klaglos ertragen.
Warum? Weil uns Mutti in früher Jugend mehrmals den Verhaltenskodex eintrichterte, älteren Leuten Respekt zu zollen. Diese wiederum waren aber auch mal jung und kennen daher jene gesellschaftliche Doktrin, die nun arglistig und erbarmungslos gegen den jugendlichen Feind angewendet wird.
Während dein Sprachzentrum nach der passenden Antwort auf die offene Zurschaustellung ihrer Überwachungstätigkeit fahndet, kämpfen das kurzzeitige Belohnungszentrum im Frontalhirn und das fest synapste Langzeitgedächtnis um die kortikale Vorherrschaft.
Zweierlei Möglichkeiten entspringen deinen Gedanken:
1.) Zum einen könnte man das Scheusal mit einem verbalen Gewittersturm überziehen. Der massive Luftdruck des Rülpsers, in Verbindung mit einer Nomenklatur aus Fäkalausdrücken und Tiernamen, würde die Fronten ein für alle Mal klären.
2.) Auf der anderen Seite hast du die Zurechtweisungen und Wangenkneifattacken der eigenen Oma früher stets klaglos ertragen und warst auch in der Pubertät selten vorlaut, wenn es um die Durchsetzung von antiquierten Benimmregeln am großelterlichen Esstisch ging. Mit einem Augenaufschlag konnten deine Erziehungsberechtigten stets jeden Anflug von Rebellion im Keim ersticken. Diese teils absurden Grundsätze sind leider tief ins Schädelfundament eingelassen.
Du rechtfertigst dich kleinlaut:
»Ähhh, jaa, ich war noch unterwegs.«
»Muuss jaa auuch maal seiin.«
»Ich muss jetzt aber wirklich los.«
Der billige Versuch, vorschnell stiften zu gehen, wird prompt gekontert:
»Moment! Ihr Fahrrad steht heute im Hof an einer anderen Stelle als gestern. Soll das da stehen bleiben?«
»Ohämm, tja, ääähh, stört es denn dort?«
»Nein, es steht halt nur anders.«
»Auf dem Kopf?«
Flaxrakete ohne Zielvorrichtung im kalten Krieg der Worte.
»Jetzt werden Sie mal nicht unverschämt, junger Mann!«
Typisch für den Hausdrachen ist die Umkehrung des Offenkundigen. Die hemmungslose Einmischung in private Angelegenheiten sowie die Hochstilisierung belangloser Nebensächlichkeiten zum Politikum gelten als normal, während winzigste Fehläußerungen als ungeschliffene Rüpelei klassifiziert werden.
Wem aufgrund dieser Widersinnigkeit kurz der Geifer stockt, der gerät noch tiefer in den Strudel des Absonderlichen. Sprachlosigkeit wird vom feuerspeienden Ordnungsfix generell fehlinterpretiert. Sie wird in dir die Hilflosigkeit eines schlechten Gewissens aufblühen sehen. Wer defensiv agiert, hat definitiv etwas verbockt.
»Ähhh, Tschuldigung. Nein, das Fahrrad hab ich einfach so dort hingestellt.«
»Einfach so? Sind wir hier bei den Hottentotten?«
»Bitte? Was kümmert es Sie, wo ich mein Fahrrad hinstelle?«
»Heute ist es das Fahrrad, morgen brennen die Mülltonnen. Die Jugend hat überhaupt kein Ordnungsbewusstsein mehr. Alles fliegt kreuz und quer durch die Landschaft. Schlimm ist das. Wir Alten kümmern uns und Sie machen alles kaputt.«
»Was? Ich habe doch gar nicht …«
»Und rausreden, ja, das klappt gut. Waren ja immer die anderen. Mal selbst ein bisschen Verantwortung übernehmen, das ist schon zu viel verlangt. Wenn mein Mann jetzt noch leben würde, der hätte Ihnen mal richtig die Meinung gegeigt.«
An dieser Stelle sinnierst du über die Art und Weise, wie sich der Ehemann des Mistkäfers wohl das Leben genommen hat, um ihren scheußlichen Fängen auf ewig zu entkommen. Wahrscheinlich Alkohol, der tötet langsam genug, um nebenbei noch etwas Spaß mit den alten Freunden haben zu können.
Aber auch der feste Seemannsknoten im Tau am Giebelgalgen ist eine Option. So musste der Rochen sein Werk wenigstens kurz begutachten und es stellt sich eine gewisse Schuldfrage. Wobei auch hier wahrscheinlich das Theorem der Ursachenumkehr gegriffen hätte. Die Haushexe würde sich wahrscheinlich einbilden, der Gute wäre aus Liebeskummer dahingeschieden, weil sie ab und an mit dem Postboten über den korrekten Einwurf der Rentenbescheide gefeilscht hatte.
Die zweite Angriffswelle rollt bereits:
»Und außerdem war Ihre Musik gestern wieder zu laut.«
»Was? Ich war doch gestern überhaupt nicht zu Hause.«
»Doch. Ihre Musik war zu laut.«
Rentner hören im Alter etwas schlechter. Diese Tatsache ist nicht physiologisch zu erklären, da ihre Ohren gleichzeitig immer größer werden. Experten sprechen von einer Selektivwahrnehmung. Während man die Vorabendschmonzette im altersgerechten Fernsehen in ohrenbetäubender Lautstärke konsumieren muss, hört der Nachbarschaftsspitzel beim großen Lauschangriff – mit Unterlegekissen am Fenstersims – jede geflüsterte Unterhaltung der Anrainer mit der Genauigkeit eines Bundestagsprotokollanten. Die Geräuschortung ist dabei manchmal etwas schwierig, da das Gehör bei klatschrelevantem Input die Präzision einer Fledermaus hat. So kann es vorkommen, dass das Schlürfen eines Weberknechts auf dem Blatt einer Zimmerpflanze als Heavy Metal – Musik fehlgedeutet wird.
»Ich habe gestern keine Musik gehört«, versuchst du dich zu rechtfertigen.
»Richtig. Bei dem Krach versteht man ja auch nichts.«
In der Ausweglosigkeit deines Argumentationsgrabens hisst du allmählich die weiße Flagge der Resignation:
»Sonst noch was?«
Doch der Drache ist auf Krawall aus:
»Aber sicher. Sie haben einen Teebeutel in die gelbe Tonne geworfen. Schon mal was von Mülltrennung gehört?«
»Das muss ein Versehen gewesen sein.«
»Versagen meinen Sie wohl? Wozu stellt die Verwaltung überhaupt verschiedene Tonnen auf, wenn Sie sowieso alles in eine kippen? Wir sind doch hier nicht im Swasiland, wo man den Müll aus dem Fenster wirft. Hier herrscht Ordnung. Soll ich Ihnen vielleicht mal erklären, wie man den Müll richtig trennt?«
Das fehlt noch. Inklusion an der bunten Tonne. Du wirst doch sicher nicht zu blöd sein, Pizzakartons und Kaffeekapseln zu differenzieren. Viel mehr Müll fällt eh nicht an.
»Och, nöö, das krieg ich schon selbst hin.«
»Scheinbar nicht.«
In der Mülltrennung manifestiert sich das ökologische Selbstbewusstsein der Germanen. Das Separieren von Plastik, Papier, alten Schlüpfern und Haustierresten gilt als Nonplusultra nachhaltiger Kreislaufwirtschaft. Der grüne Daumen ist heutzutage gelb und ein Sack.
Man fühlt sich als Weltverbesserungsweltmeister sondergleichen, wenn man dreimal pro Woche einen Korb geleerter Schnaps- und Weinflaschen nach Farben geordnet in die vorgesehenen Wiederverwertungsmäuler stopfen darf. Als Dreckschwein darf jeder betitelt werden, der einen Kronkorken falsch entsorgt. Es geht immerhin um unser aller Zukunft.
Trennen beruhigt das Gewissen. Wer trennt, hat recht. Und wer trennt, der darf unbeschwert Fernreisen unternehmen, einen 12 Liter SUV durch das Dorf jagen, sich die Bude bis unter die Decke mit lustigen Elektronikspielzeugen befüllen, jeden Tag Unmengen an Fisch und Fleisch aus exotischen Ländern futtern, die Klamotten aus Bangladesch importieren, Transatlantikkreuzfahrten veranstalten und Billigstrom aus dem Kohleofen beziehen. Trotz eines ökologischen Fußabdrucks in Yeti-Größe bleibt das Verantwortungsgefühl unangetastet. Nachhaltigkeit? Was willst du denn? Ich trenne doch schon den Müll. Sollen die Inder und Chinesen erstmal ihre Reisweinflaschen sortieren!
Du versuchst es mit einem Totschlagargument:
»So, wenn’s Ihnen nichts ausmacht, ich müsste dann mal zur Arbeit.»
Zeit schindend kräht es zurück:
»Jaa, Arbeit, ach schlimm. Sie stehen ja alle so unter Stress heutzutage. Immer muss man Angst um seine Arbeit haben. Früher gab’s das ja nicht. Da haben wir in der Firma gelernt und danach bis zur Rente dort gearbeitet. Das gibt’s ja heute alles gar nicht mehr. Die Leute machen sich ja kaputt. Immer die Strapazen und der ganze Stress. Wissen Sie, bei uns war das noch anders. Aber heute, ganz schlimm. Da tun mir die jungen Leute von heute wirklich richtig leid. Und dann der ganze Stress. Da wundert man sich nicht, dass sich die Leute am liebsten einen Strick nehmen würden.«
»Aha«, entfährt es dir unerwartet.
»Wie bitte?«
»Mir kam bloß gerade die Lösung eines Problems von vorhin in den Sinn.«
»Sie stehen wohl ganz schön unter Stress, was?«
Der Hausdrache ist wandelfähig. Von Zeit zu Zeit wechselt er die Gestalt und mutiert vom beflügelten Feuerspeier zur falschen Schlange. Polizeibeamte in Ausbildung lernen das Spiel »Guter Bulle, böser Bulle« meist von einer zahnlosen Raubkatze aus dem Altbaublock.
Obwohl man weiß, dass die Mitsiebzigerin das personifizierte Grauen repräsentiert, wird man oftmals von der heuchlerischen Gutwilligkeit des Besens gezähmt. Als Meisterin der Charade kann das Glotzmonster auf diese Art und Weise Eintracht säen und ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln, während es im Hintergrund zum finalen Nörgelniederschlag ausholt.
Du setzt zur Flucht an:
»Tja, die Arbeit wird nicht leichter und Pünktlichkeit ist halt auch wichtig.«
»Zum Thema Pünktlichkeit: Es gibt eine Hausordnung und in dieser Hausordnung stehen Ruhezeiten. Bis um 8 herrscht Schweigen im Wald. Von 13 bis 15 Uhr ist Mittagsruhe. Ab 22 Uhr fällt der Hammer, was nicht bedeuten soll, dass Sie nach 18 Uhr noch Löcher in die Wand bohren müssen. Schließlich will man ja auch mal seine Ruhe haben und Serien gucken. Am Samstag bitte eingeschränkt. Meine Katze ist sehr empfindlich. Und am Sonntag ist striktes Geräuschverbot im ganzen Haus. Habe ich mich klar ausgedrückt?«
»Warum erzählen Sie mir das überhaupt?«
»Habe ich mich klar ausgedrückt?«
Noch vor den Zehn Geboten schuf Gott die Hausordnung. Damit besitzt das Mietdekret einen verbindlicheren Charakter. Obwohl dies in der theologischen Mythologie über weite Strecken unerwähnt bleibt, halten sich die meisten Christen tatsächlich daran. Der ganze Mist mit Nächstenliebe, Ehrung von Mutti und Vati, Nichtbegehren der Zwillingsschwester, Diebstahl und Abschlachtverbot ist doch alles Kokolores. Es handelt sich dabei eher um Richtlinien denn um verbindliche Gesetze. Deshalb wird der lustige Zehner schon seit Jahrhunderten großzügig ignoriert.
Macht man dasselbe mit dem gültigsten aller Regelwerke, so droht Schlimmeres als das Fegefeuer. Steht das Fahrrad im falschen Gang oder tritt der Hund mal versehentlich auf die Grünanlage, folgt Meckerei. Wird die Waschmaschine zu spät aktiviert, weil man leider acht Überstunden zu reißen hatte, klopft es mit dem Besenstiel von unten. Hexenverfolgung und Wasserfolter waren ein Witz angesichts der Inquisition durch Päpstin Hausdrache, sollte man einmal mit brennender Kippe im Treppenhaus erwischt werden. Gottes Wille gilt auch und vor allem im Hausflur.
Als Beweis für die Allmacht der Hausordnung wandern jeden Tag tausende Beschwerdebriefe, Abmahnungen und Räumungsklagen in die Briefkästen aufmüpfiger Mieter. Kein Vergehen ist nichtig genug, um nicht vom aufmerksamen Nachbarschaftskundschafter angezeigt zu werden. Kein Fehltritt vergilbt. Alles muss gesühnt werden. Ablasshandel durch sonntägliches Gejammer auf dem Beichtstuhl der Wohnungsbaugenossenschaft? Undenkbar. Über Ehebruch wächst Gras, Mord verjährt. Für die nicht abgeschlossene Haustür schmorst du in der Hölle.
»Ich versteh’ schon. Auf Wiedersehen.«
»Einen schönen Tag wünsche ich. Und machen Sie heute Abend nicht wieder so laut, junger Mann. Schließlich wohnen noch andere Leute im Haus. Und Ihre Schuhe können Sie auch mal ein bisschen gerade hinstellen. Ich will mich ja nicht einmischen, aber Ordnung muss sein.«
»Ja, ja.«
»Wir sind schließlich eine gute Hausgemeinschaft und das soll auch so bleiben. Leben und leben lassen, sag ich immer. Bei mir darf jeder machen, was er will. Mich hört keiner meckern. Nur auf die Hausordnung muss man schon ein bisschen achtgeben, nicht wahr?«
»Unbedingt.«
»Es muss schon alles sauber und ordentlich sein. Ich will ja niemanden kontrollieren, aber Ihre Fenster müssten auch mal wieder geputzt werden. Da kann man ja kaum noch durch gucken. Rauchen Sie eigentlich in der Wohnung?«
»Nur im Treppenha…«
»Nicht, dass mich das interessiert. Aber man macht sich ja so seine Gedanken, der Ordnung halber. Haben Sie eigentlich eine Freundin, Herr Z.? So ein gut aussehender, junger Mann wie Sie das sind?«
»Jetzt ist aber gut«, versuchst du der zunehmend quaderförmigen Situation zu entkommen.
»Ach, das ist Ihnen wohl unangenehm? Sie sind wohl vom anderen Ufer?«
»Nein, bin ich nicht.«
»Sie brauchen sich dafür doch nicht zu schämen. Das ist doch heutzutage kein Problem mehr.«
»Ich bin nicht schwu…«
»Von mir erfährt auch niemand was. Geheimnisse sind bei mir sicher. Beim Führer hätte es so was zwar nicht gegeben, aber die Zeiten haben sich halt geändert. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag. Denken Sie bitte daran, heute Abend die Haustür abzuschließen.«
»Mach ich.«
»Zweimal drehen, bitte.«
»Ich versuche, mir das zu merken.«
»Das ist schön. Ich kontrolliere das dann später auch noch mal. Man weiß ja nie. Auf Wiedersehen.«
»Tschüss.«
Kaum eine Begegnung ist ähnlich niederschmetternd und steigert das Aggressionspotential derart, wie die morgendliche Konfrontation mit dem Hausdrachen.
Du verlässt das Gebäude.
Auf dem Weg in den Untergrund
Das beklemmende Gefühl des engen Arbeiterschließfaches wird durch das beklemmende Gefühl der mit Smog erfüllten Beschränktheit der Großstadt ersetzt. Es stinkt nach einem Giftcocktail aus Abgasen, Hundekot und Billigkosmetik aus dem Drogeriemarkt.
Ein Blick nach links
Zwischen zwei parkenden Autos setzt eine zerzauste Ledertante ihre Blase auf Anfang zurück. Kinder rennen krakeelend über die Straße und werden dabei von den entzückten Autofahrern mit kräftigenStößen aus dem Signalhorn gefeiert. Während eine Mitvierzigerin nach ihrer Katze jault, die gerade die Erregung eines finster dreinblickenden Dobermanns provoziert, bügelt ein Kehrmaschinenmonster den Gehweg glatt. Der BILD-Zeitungsverkäufer motzt gegen Staat und den Gemüselieferanten, welcher laut pfeifend seine Paletten auf die Straße wirft. Neben dem Möhrenschänder sitzt eine Gruppe türkischer Schlaumeier vor einem Café. Sie lästern in Muttersprache über den unfähigen Entlader.
Ein Blick nach rechts
Auf eine Mülltonne gestützt erbricht ein Partyclown die letzten Reste Ecstasy auf den Gehweg. Das Baby im vorbeifahrenden Kinderwagen braust hörbar auf, als das Gefährt die emporsteigende Duftwolke passiert. Zwei Rentner klagen über Arthrose und das Fernsehprogramm. Eine Kolonne Bauarbeiter lehnt am Gerüst und zollt dem verlängerten Rücken der schiebenden Mutti deutlichen Respekt. Der Hausmeister kippt einen vollen Eimer verdreckter Seifenlauge über zwei turtelnde Flugratten. Einige verirrte Tröpfchen aktivieren die Sirenen der Alarmanlage einer falsch geparkten Aufschneiderlimousine. Das periodische Orgeln animiert den Papagei aus der ersten Etage zum Simultandolmetschen.
Ein Blick nach oben
Wenn der Dunst nicht so undurchsichtig wäre, könnte man den verhangenen Himmel erkennen, der den Smog auf Augenhöhe hält.
Ein Blick nach unten
Dreck, Verpackungsreste, Stuhlgang. Und dabei hast du noch nicht einmal auf den Bürgersteig gesehen. Was hier die Pflastersteinfugen verstopft, ist entweder nicht mehr zu identifizieren oder noch gar nicht erfunden. Im arithmetischen Mittel ergibt die Materie einen Überzug, der dich an die Ablagerungen in der Gemeinschaftsbong im Proberaum deiner ersten Schülerband erinnert.
Ein Blick nach vorn
Fällt schwer.
Auf den Gehwegen tummeln sich deine Mitmenschen. Ameisengleich schwärmen sie in alle Richtungen aus. Sie sind wie du in Gedanken verfallen, organisieren den Tag innerlich durch, rekapitulieren ihr vergangenes Leben und bemühen sich, das aktuelle Geschehen krampfhaft schön zu denken.
Was ist denn heute noch zu erledigen?
Arbeiten gehen. In der Mittagspause zum Schuhladen, Einlegesohlen für die vermaukten Treter organisieren. Das Rezept in der Apotheke einlösen und sicherheitshalber noch eine Wagenladung Paracetamol mitnehmen. Man weiß ja nie, wann sich der Körper wieder einmal gegen seine Umwelt wehrt.
Beim Friseur anrufen – wegen Termin.
Im Uranus-Markt den defekten Wasserfilter reklamieren und um Ausgleich ersuchen. Seit du das Leitungswasser drin bleichst, spielt dein Magen verrückt. Wahrscheinlich hat Scientology die Filterkartuschen manipuliert.
Beim Zahnarzt anrufen – wegen Termin.
Nach der Mittagspause in der Personalabteilung vorbeischneien, um die Sache mit der privaten Altersvorsorge zu klären. Schließlich gilt es Maßnahmen zu treffen, damit man im Alter ordentlich Bambule machen kann. Es wäre doch ärgerlich, nachdem man das ganze Leben auf die Rente hingearbeitet hat, später festzustellen, dass man kaum noch Kohle hat, um sich seine Wagenladung Paracetamol leisten zu können.
Beim Bestatter anrufen – wegen Termin.
Verdammt, was ist nur los? Die Lebensabschnittsziele flexibilisieren sich mit negativem Vorzeichen.
Als Kind hattest du von einer Tafel Schokolade zur nächsten gedacht. Später dehnte sich die Zeitspanne zwischen den Markierungen leicht. Vom Geburtstag zum Kindertag zum Nikolaus zum Weihnachtsfest zum Geburtstag. Stets waren die Etappen lohnenswert. Die Zwischenzeit wurde mit Spiel, Spaß und Zerstörungswut offensiv verfüllt. In der Grundschulzeit kamen als Wegstrecken noch die Ferien hinzu. Beginn und Ende der Freiphase wurde wechselseitig zelebriert oder beweint.
Mit Anbruch der Pubertät hatte man richtig was vor. Weil die üblichen Pfeiler als Vorsatz mehr als lächerlich erschienen und man prinzipiell alles erreichen wollte, was man irgendwo im Hochglanzfernsehen oder in der Heranwachsenden-Illustrierten entdeckt hatte, begannen die Ziele unrealistisch zu werden. Sie waren nicht nur inhaltlich überzogen hoch angesetzt, sondern auch zeitlich illusorisch gesteckt. Man wollte möglichst schnell aus der Schule raus und den Führerschein ab dem 18. Lebensjahr. Sofort zu Hause ausziehen. Danach fette Bude am Start haben, fette Kohle verdienen, fette Klamotten, fette Karre fahren, fett in Urlaub fliegen, dünne Zische abschleppen.
Nach der verpickelten Zeit wurde dann schlagartig klar, wie viele der fetten Träume man unterwegs zerdrücken musste. Übrig blieben wenige, dafür wurden diese umso unrealistischer. Eine solide Ausbildung, danach einen Job, der Spaß macht und den man die nächsten 35 Jahre machen kann. Nebenbei noch eine nette Partnerin kennenlernen, irgendwann zusammenziehen, in ferner, ferner, ferner Zukunft zwei Plagen und dann von der gesparten Kohle ein Haus bauen und gemeinsam alt werden.
Nach der Sturm und Drang – Zeit mit eingeschlossener Ausbildung Schrägstrich Studium liegen die Wegpunkte auf der Lebenszeitachse noch weiter auseinander. Auf Weihnachten freuen? Bitte? Auf den Geburtstag? Wäh, da wird man älter. Ferien? Gibt’s nicht mehr. Urlaub? Viel zu schnell vorbei.
Man denkt inzwischen in zweistelligen Kategorien und teilweise sogar generationsübergreifend. Wesentlich ist dabei die vollkommene Verklärung der Realität bis hin zum wahnhaften Halluzinieren über zukünftige Ereignisse. In zehn Jahren werde ich Abteilungsleiter sein und so viel Geld verdienen, dass ich mir alles leisten kann. In zwanzig Jahren sind die Kinder aus dem Haus und liegen mir nicht mehr auf der Tasche.
Sollte es mir gesundheitlich weiter so gutgehen, werde ich noch mit 70 dynamisch bis zum Abwinken sein. Und weil ich immer fleißig in meine fondsgebundene, private Altersvorsorge einzahle, wird es mir an meinem Lebensabend an nichts mangeln. Wenn ich erst mit dem scheiß Berufsleben fertig bin und genug verdient habe, kann ich endlich alles tun, was ich schon immer mal machen wollte.
Mit ähnlichem Enthusiasmus bauen sich die reaktionären Zwergenmenschen in Pjöngjang ihre Seifenblasen zurecht.
Und wir lachen sie aus.
__________
Kleiner Zwischenruf:
Warum spielen Menschen Lotto?
Weil sie einen Haufen Geld gewinnen möchten. Bis dahin ist es scheinbar logisch.
Wieso glauben sie aber, bei dem Spiel einen Haufen Geld gewinnen zu können? Wieso glauben sie, dass ihre Chancen gut stehen? Warum meinen sie, mit dem Geld glücklicher zu sein? Warum denken sie, mit viel Kohle weniger Probleme zu haben? Warum ignorieren sie die mahnenden Worte und drastischen Berichte vieler ehemaliger Lottogewinner, die zu Verlierern geworden sind? Wieso zeigen sie mit dem Finger auf glücksspielsüchtige Automatenzocker? Weshalb versenken sie stattdessen nicht jede Woche zehn Euro im Sparschwein und leisten sich davon einmal im Jahr etwas Reelles?
Weil ihre Ziele unrealistisch geworden sind.
__________
An der Ecke zur Hauptstraße duftet es nach frischem Backwerk. Sofort schüttet es eimerweise Dopamin im Schädel. Die Sabberpumpe im Mundraum arbeitet mit höchster Drehzahl, während die Bauchspeicheldrüse den Blutzuckerspiegel in den Kriegsgefangenenmodus versetzt, um wiederum dem Bewegungsapparat mitzuteilen, er möchte gefälligst die Quelle des Wohlgeruches ansteuern.
Geschwindigkeit spielt dabei sehr wohl eine Rolle, schließlich werden von den Augen rundum Konkurrenten geortet, welche womöglich ebenfalls eine Verdauung des Zuckertieres beabsichtigen. Arme und Beine bilden eine rotierende Scheibe und wetzen in Richtung des roten Backsteinhauses.
Vor einem halben Jahrhundert wärst du hier schnellen Schrittes und frohen Mutes in die kleine Backstube gerannt, hättest zehn Semmeln, vier Amerikaner und ein Stückchen Zupfkuchen bestellt, 60 Pfennig auf die Theke geworfen und dich beim fluchtartigen Verlassen über das Klingeln des Glöckchens an der Eingangstür gefreut.
Heute werden Zuckeraroma und Brotnote nicht mehr von einem frühaufstehenden Bäckergesellen mühevoll in das Laib bzw. Konditorat gepresst. Brötchen und Plundergebäck kommen inzwischen aus der Backfabrik. Und da die Produkte sowieso nur aufgewärmt werden, könnten nun prinzipiell auch japanische Roboter die Arbeit von Mehlknecht und Schrippendealerin übernehmen. Leider tendieren maschinelle Angestellte ins Unpersönliche, was den Einsatz eines kleinen, aber unfreundlichen Stabes an organischen Gebäckhändlern nötig macht.
Vor der Backzentrale staut sich ein Häufchen Menschenmaterial und erwartet ungeduldig die Eröffnung. Im Bauch der Fabrik füllt eine Semmelschubse die Regale. Kurz vor 7 wird der hungrige Mob langsam nervös und beginnt, mit grimmigen Blicken das Personal zu durchlöchern.
»Wie lange sollen wir denn noch warten? Auf meiner Uhr ist es sieben. Wir verhungern.«
Wartende Menschen tendieren stets ins Extreme. An der roten Ampel droht sich der Tank zu leeren, an der Theke die Dehydrierung und an der Kasse lauert die Privatinsolvenz. Jeder ist ständig gehetzt und das insbesondere, wenn es um die Kompensation einer Konsumgüterschuld geht. Geduldig auf etwas warten und ständiges Fressen und Verbrauchen sind zueinander leider inkompatibel. Dabei ist auffällig, dass die Mitbürger mit dem vermeintlich höchsten Zeitguthaben in der Regel über die knappsten Ressourcen verfügen. Wenn jemand laut zeternd über zwei Minuten Standzeit vor der Medikamententheke oder an der Supermarktkasse mault, dann im Allgemeinen ein 70-jähriger Vollzeit-Freizeitler mit kampfbereiter Rollatordrohne.
»Ey, mach die Hütte auf!«, krakeelt es deutlich hörbar von draußen vor der Tür.
Die Situation tendiert zur Eskalation. Darbende Hyänen in freier Betonwildbahn sind des Morgens in der Regel nicht kompromissbereit. Eine ängstliche Aushilfskraft öffnet die gläserne Pforte und wird augenblicklich vom einströmenden Hungervolk niedergemetzelt.
»Aus dem Weg, Schlampe! Ich will mein Kürbiskernbrötchen.«
Du betrittst die Halle und findest dich in einem wuselnden Pulk knurrender Mägen wieder. Überall greifen fleißige Hände in frisch polierte Zangen, um durch selbstschließende Plastikfensterboxen ihr Beutegut in halbdurchsichtige Papiertragetütchen zu fingern.
Hinsichtlich des Anspruchs an Koordination und Geschicklichkeit gleicht dieses Spiel in etwa der höchsten Schwierigkeitsstufe beim Jenga. Betrachtet man die morgendliche Verpeiltheit der Kombattanten, so ist es ein Wunder, dass nur circa zwölf Rosinenschnecken pro Stunde gen Erdmittelpunkt streben. Der Rest landet irgendwie im Behälter oder wird unter regelwidriger Benutzung der Hände aufgefangen.
Mal sehen: Weizenbrot und Krustenecke, Körnertoast und Dinkelwecke, Schokoladencroissant, Birnenzopf, Radieschentorte, Mini-Donut, Brötchen mit Ei, Brötchen mit Schnitzel, Brötchen mit Schwertwal, Lauchstange, überbackene Ananas-Erdbeer-Spargel-Madeleines, Wurst-Mozzarella-Panini, Terminator-Bagel mit Eiweißhut, Salzbretzeln und sonstiges Vogelfutter.
Alles ökologisch besonders wertvoll und mit der goldenen DLG-Ehren-Ähre prämiert. Falls es im Hals stecken bleibt, so spült Cola, Spritzwasser und Kakao den Korken runter. Coffee to go ist obligatorisch, weil man sonst als ignorant oder sogar asozial gilt. Ohne mobilen Brühbecher geht man glatt als Kommunist durch.
Du schnappst dir ein Malzbrötchen, ein verspoilertes Käseeckchen und einen Latte auf die Pfote. Kaffee gab es zwar gerade erst zu Hause aus dem Industrieofen und Hunger hast du erst recht nicht, aber was man hat, das hat man schließlich. Papiertütchen und Pappbecher sind Statussymbole der Bürothleten. Sie riechen nach Arbeit. Der Kassenapparat murmelt dir Unverständliches zu. Du übergibst fünf Euro und erhältst etwas Bronzepulver zurück.
Als du den Laden verlassen willst, stößt dich ein Kleiderschrank von hinten an. Du wunderst dich, während sich die feurigeKaffeebrühe über deine Hose ergießt, warum es der Kerl so eilig hat. Schließlich hat er doch vorsorglich direkt vor dem Eingang, schräg und mit laufenden Motor, auf dem Behindertenparkplatz geankert.Womöglich hat er Angst ihm gehe das Benzin aus. Du nickst verständnisvoll bis gleichgültig mit dem Kopf.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erhaschst du eine Hundertschaft Businesslemminge. Sie wirken leicht vertrottelt, weil sie mit starrem Blick in schmale Erdlöcher streben, die an den Verkehrsknotenpunkten in die Betonversiegelung gefräst wurden. Du erkennst die Mitglieder deines halbtoten Sinus – Tretmühlenmilieus wieder und folgst ihnen auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel.
Der Zug zum Zug führt dich in den finsteren Keller der Metropole.
Six Feet Under – Öffentlicher Zombie Nahverkehr (ÖZNV)
Da stehst du also wieder.
Steinharter Untergrund, bedeckt von einem appetitlichen Flickenteppich aus breitgelatschten Kaugummiresten, ausgelutschten Zigarettenstummeln, Speichelsedimenten, im Profil mitgeschleiftem Haustierstuhl und den vom Wochenende übrig gebliebenen, tellerminengroßen Rückständen des Mageninhaltes eines bis zu den Augenbrauen abgefüllten Tanzbären. Wie beim »Himmel und Hölle« – Spiel aus Kindertagen springst du zwischen den wenigen sauberen Fleckchen des Bahnsteiges hin und her und wartest darauf, dass die bis zum Bersten gefüllte Eisensau endlich in deinen Sichtbereich einfährt.
Um dich herum tummeln sich hagere Gestalten. Blass und ohne Ziel irren sie umher. Mit geistlosem Blick, leicht gebückter Haltung, Augenringen und abstehendem Unterkiefer sammeln sie sich zu Hunderten in deinem Sichtbereich, klammern sich an ihren Pappenpott Kaffeesurrogat und den Kanten Zuckergebäck vom Schnellfresstresen – unfähig zu sozialverträglichem Verhalten und zwischenmenschlicher Interaktion.
Was aussieht, als hätte man soeben das Konzentrationslager Bergen-Belsen befreit, ist ein typischer Wochentagsanbruch in einer neuzeitlichen Großstadt.
Der Porsche unter den öffentlichen Verkehrsmitteln entfährt dem finsteren Schacht mit einem Donnergrollen und bremst sich langsam aber stetig in Richtung Parkposition. Während die Schienen unter einem abscheulichen Quietschen die kinetische Energie der Röhrenbahn in sich aufsaugen, kommt der Menschenmob in Wallung und drängt geschlossen in Richtung Fahrzeug.
Wie ein Vogelschwarm, der spontan die Flugrichtung ändert, weiß auch hier niemand, wer an welcher Stelle der Auslöser für die spontane Erregung der Masse ist.
Sobald sich der Viehtransporter beruhigt, drängen die kürzlich noch apathischen Klumpen gruppenweise in Richtung der sich öffnenden Schleusen und versammeln sich kreisrund vor den Türen, als würde der Erlöser persönlich dahinter warten und nur die ersten drei Gestalten in den erlesenen Kreis der Gesegneten aufnehmen. Unter wildem Drängeln und Schubsen vollzieht sich ein munterer Gefangenenaustausch zwischen Bahnsteig und Waggon.
Du schaust dich um und überlegst, durch welche Luke du denn schlüpfen solltest. Insgeheim weißt du natürlich längst, dass hinter jedem Türchen der Zonk wartet. Hier gibt es nichts zu gewinnen.
