Hexentanz im Himmelbett - Dagmar Feldmann - E-Book

Hexentanz im Himmelbett E-Book

Dagmar Feldmann

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Beschreibung

Mariella Ewald, kinderlos und ledig, ist Inhaberin eines Esoterikladens und eine gute Bekannte vom lästigen Kobold des Liebeskummers. Ob Kunststudent, Schamane oder Zirkusdirektor – nie hat es geklappt mit der dauerhaften Beziehung. Peter Althoff, Baulöwe und begehrter Junggeselle der Münchner Schickeria, steht auf exklusiv und teuer und muss seine Parallelbeziehungen raffiniert managen, um nicht aufzufliegen. Zwei, die unterschiedlicher nicht sein könnten! Welche Hindernisse es zu überwinden gilt, damit die Wege der beiden sich kreuzen, erzählt dieser Roman mit viel Fantasie und bewegenden Momenten. Eine schwungvolle Geschichte, die zeigt, dass immer alles zur richtigen Zeit und am richtigen Ort passiert.

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Seitenzahl: 419

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2024 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99146-713-7

ISBN e-book: 978-3-99146-714-4

Lektorat: Dr. Angelika Moser

Umschlagabbildungen: Yufa12379, Dwnld777, Madhourse | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Zitat

When you love you should not think you can direct the course of love, for love, if it finds you worthy, directs your course.

Khalil Gibran

1

Laufen. Immer geradeaus.

Was ist das?

Eine Sackgasse, verdammt.

Besser umkehren?

Oder durchmogeln?

Egal. Einfach weiter.

Über die eigenen Füße stolpern. Taumeln.

Peng, hingefallen. Wie peinlich.

Hat’s einer gesehen? Schnell umgucken.

Offenbar niemand.

Wenigstens etwas.

Vorsichtig aufstehen. Wunden lecken.

Einmal schütteln, wieder losmarschieren … und leben.

Immer weiter und weiter.

Leben.

Und das Wichtigste dabei nicht vergessen. Das i.

An der richtigen Stelle versteht sich.

2

Die Schicksalsfäden, die ihre knalligen Farben in mein Leben woben, verhedderten sich hoffnungslos in der kakofonischen Etüde, die nur ein wahrhaft wahnsinniger Komponist dirigieren konnte. Ebendieser schien sich darin zu gefallen, meinen fröhlich bummelnden Lebenszug in einen ICE zu verwandeln, um ihn bei Tempo dreihundertfortissimoentgleisen zu lassen. Der liebe Gott, oder wie sich der geheime Kapellmeister nannte, hatte wohl Spaß daran, auf meinen vibrierenden Nerven Geige zu spielen.

Wie ein Gezeitenstrom, beharrlich und unerbittlich, brandete das Drama an die Küsten meines Seins. Es riss mich in nachtschwarze Tiefen hinab, schleuderte mich wieder empor. Mein Leben, wie ein Schiff auf stürmischer See, verlor zuweilen den Kurs, um ihn auf wundersame Weise wiederzufinden, gefangen im ewigen Spiel um Liebe und Schmerz.

Durch das unendliche Labyrinth meiner Tage irrend, feierte ich rauschende Feste für meine Triumphe – die Niederlagen erduldete ich in Stille und Einsamkeit. Kam es ganz dicke, dann tröstete mich der Gedanke, dass auch ein Kontrollverlust seine Vorteile hatte. Die sich meist viel später erst zeigten, wenn aus Verlust Gewinn und aus Schmerz pure Freude geworden war. Denn nur die Retrospektive enthüllte die Relativität meiner Tragödien um Leidenschaft und Leid, Euphorie und Verzweiflung – kurz, um das Spektrum meiner Emotionen im Ausnahmezustand.

Diese Erkenntnis war unbedingt wertvoll, trotzdem konnte ich nichts, aber auch gar nichts tun, um den Höllenexpress aufzuhalten, wenn die Büchse der Pandora sich öffnete.

Sicher war es nicht hilfreich, die Tür sperrangelweit aufzureißen, sobald das Chaos von Weitem grüßte. Doch so sehr ich versuchte, es beim nächsten Mal besser zu machen, schien ich stets einem höheren Plan zu folgen, der mich nicht nur die Fehler der Vergangenheit wiederholen, sondern auch eifrig neue machen ließ. Irgendwann gewöhnte ich mich daran, dass ich längst knietief im Mist stand, bevor ich begriff, was geschah.

Natürlich war der Inhalt der Büchse immer der gleiche.

Männer …

Ob groß oder klein, blond gelockt oder kahl, schon in jungen Jahren fühlte ich mich von ihnen angezogen. Und sie sich von mir. Vielleicht war es das Versprechen von Sinnlichkeit, das mein naturrotes Haar und meine grünbraunen Augen gaben. Vielleicht das ehrliche Interesse, das ich ihnen entgegenbrachte.

Wie auch immer, das Letzte, was ich mir auf dem Sterbebett vorwerfen wollte, war, meinen Becher nicht zur Gänze geleert zu haben.

Zumindest darüber musste ich, Mariella Ewald, kinderlos und ledig, mir gegen Ende meines vierzigsten Lebensjahres keine Sorgen machen. Schließlich hatte ich keine Gelegenheit ausgelassen, den Mann meiner Träume zu finden und meine Irrfahrten etwas lädiert, aber erhobenen Hauptes gemeistert.

3

Beim Anblick der flammenden, über den Horizont kippenden Sonnenscheibe verspürte ich einen Anflug von Melancholie.

Vor zwei Stunden hatte ich meinen Fensterplatz über dem gewaltigen Flügel einer Boeing 767 eingenommen, um nach dreimonatiger Beziehungsmisere in meinen Münchener Esoterikladen zurückzukehren. Natürlich ohne den Mann, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen wollte.

Der launische Lebensrest hatte sich wieder als Rohrkrepierer erwiesen und nur ein halbes Jahr durchgehalten. Dann war ihm die Luft ausgegangen. Obwohl alles so schön begonnen hatte, damals, als Andy und ich im Schlepptau meiner Schwester auf ein Rockkonzert in Basel gestolpert waren. Berauscht von der Inkonsistenz unserer Lebensentwürfe hatten wir uns aufeinander gestürzt, um am Bollwerk unserer enormen Erwartungen zu zerschellen.

Inzwischen hatte der Rauch sich verzogen, das Trümmerfeld war sondiert und wir befanden uns in der Aufräumphase. Sprich, wir klaubten unsere Einzelteile zusammen und trugen sie dahin, wohin sie gehörten: der smarte Andy seine in den vornehmen Millionärsclub an der amerikanischen Ostküste und ich die meinen ins heimische Oberbayern.

Plötzlich tauchte in der Sitztasche vor mir ein knollennasiges Gesicht unter grünem Spitzhut auf. Der lästige Kobold des Liebeskummers. Das hatte noch gefehlt.

„Ich hasse es, wenn du mir auflauerst!“, raunte ich ihm zu.

„Und ich hasse es, wenn du meinst, mir durch dein hektisches Agieren entwischen zu können.“ Das grüngewandete Männchen stemmte sich über den Rand der Sitztasche und klammerte sich an das obere Ende des Bordmagazins. „Klapp mal den Tisch runter, damit ich mich hinsetzen kann!“

Ich legte keinen Wert auf die Gesellschaft des selbstherrlichen Wichts und schüttelte entschieden den Kopf. „Und wenn ich mich weigere?“

„Dann kneife ich dich so fest in den Arm, dass du schreist, und alle Welt denkt, du hast sie nicht alle. Sie werden dich bei der Ankunft in Frankfurt direkt in die Klapse stecken. Willst du das?“ Der Erdgeist grinste boshaft.

Erschrocken sah ich mich um. Das Irrenhaus wollte ich lieber nicht von innen sehen. Das bedeutete, ich musste mich hier irgendwie durchlavieren.

Bisher schien niemand das ungewöhnliche Zwiegespräch bemerkt zu haben. Mein dickbäuchiger Sitznachbar schnarchte weiter geräuschvoll, während die bärbeißige Matrone neben ihm in einer Illustrierten blätterte. Sie beachtete mich nicht.

Ich atmete auf und klappte das Bordtischchen nach unten, um den Kummergnom nicht weiter zu reizen.

„Bist du jetzt zufrieden?“, zischte ich.

„Vorerst.“ Er setzte sich auf den Klapptisch und ließ seine Beine, die in tannengrünen Leggings steckten, hin und her baumeln. Mit der Spitze seines wildledernen Stulpenstiefels tippte er an meinen Arm. „Sprich nicht so laut, sonst landest du noch ohne mein Zutun in der Zelle. Rede in Gedanken mit mir. Du weißt, dass die anderen mich nicht sehen können.“

Ich fragte mich ohnehin, warum ich den Plagegeist sah. Und das, obwohl ich absolut keinen Wert darauf legte. Eines war klar: Meine Schwester Linda würde, wenn sie es denn wüsste, die getunten Kekse dafür verantwortlich machen. Und was Mutter dazu meinte, wollte ich lieber nicht wissen.

„Mit den Haschdingern hat das gar nichts zu tun“, funkte Liebeskummer in meine Gedanken. „Du hast uns gesehen, lange bevor du sie das erste Mal gekostet hast.“

Aber nicht freiwillig, dachte ich zurück. „Du und deinesgleichen, ihr habt mir schon als Kind nichts als Ärger gemacht. In der Grundschule haben mich meine Mitschüler gehänselt und die alte Pannefeld hat mir eine Ohrfeige verpasst, weil sie dachte, ich würde mich über sie lustig machen.“

„Was dazu führte, dass Mama Elise für einen Riesenskandal gesorgt hat und die Pannefeld vorzeitig in Rente gehen musste.“ Liebeskummer lachte schadenfroh. „Das Abschaffen der Prügelstrafe wird sowieso überbewertet.“

„Und genau deshalb will niemand mit euch zu tun haben“, setzte ich zu einem Seitenhieb an, „weil ihr nichts als eine Meute übellauniger, niederträchtiger und Zwietracht säender Tagediebe seid!“

„Rosenfee auch?“, konterte der Kobold spitz.

„Nein, die natürlich nicht. Und Lillyveilchen auch nicht. Und …“

„… die übrigen nutzlosen Blumenhocker. Aber wir gehören nun einmal zusammen, wie du inzwischen wissen solltest. Siehst du den einen, kriegst du sie alle. Wenn du die Pflanzenbande willst, musst du auch mit mir und Nachtalb rechnen.“

Und mit Sorgenkobold, Neidgeist und Streitelfe, dachte ich resigniert. Liebeskummer nickte zufrieden.

„Nachdem das geklärt wäre – zum, lass mich nachrechnen“, er feixte böswillig, „48. Mal –, kommen wir endlich zum Grund meines Besuches.“

Andy, dachte ich düster.

„Andy. Richtig. Wollen wir uns deine letzte, und, herrje, schon wieder verflossene Beziehung einmal ansehen.“

„Muss das unbedingt jetztsein?“ Widerwillig musterte ich das Beine baumelnde Männlein.

„Natürlich jetzt. Hier kannst du nicht abhauen. Sind wir erst in Frankfurt gelandet, findest du wieder tausend Wege, mir zu entwischen und unser Plauderstündchen zu vertagen.“

Ich ergab mich in mein Schicksal „Also gut. Was willst du wissen?“

„Das liegt doch auf der Hand: Warum hat es mit euch nicht geklappt?“

Ich seufzte. „Wahrscheinlich, weil Andy nicht der Richtige war. So einfach ist das.“

Der Kobold schüttelte den Kopf. „Nein, so einfach ist das ganz und gar nicht! Im Unterschied zu seinen vier Vorgängern hatte der Ami einen ganz entscheidenden Pluspunkt: Er hat dich geliebt.“

Die Sonne war restlos verschwunden und der Himmel leuchtete in sattem Rot und Indigoblau. Bedrückt betrachtete ich das überirdische Schauspiel.

Der Gnom hatte recht: Andy hatte mich geliebt. Und ich ihn. Warum hatte unsere Beziehung trotzdem nicht funktioniert? Ratlos blickte ich den Grünling an.

„Vielleicht sind wir einfach zu verschieden. Insbesondere was unsere Meinung über den Freizeitwert von Antiquitätenmessen und Golfevents angeht. Wir leben in unvereinbaren Wertesystemen: Andy strebt nach ständiger Gewinnmaximierung, während für mich nur die Schönheit des Augenblicks zählt: das Gedicht, das mich inspiriert, das lustige Gurgeln des Baches, der Zitronenfalter, der sich so niedlich die Fühler reibt. Geld hat mich nie interessiert. Ihn dagegen … ach, was soll’s!“

„Ich dachte, Gegensätze ziehen sich an?“, polterte es höhnisch in meinem Kopf.

„Deine Plattitüden kannst du dir sparen!“, entgegnete ich scharf, „Fakt ist, dass sich unsere Liebe im Alltag nicht bewährt hat. Die Villa mit ihren Biedermeiermöbeln und Ölschinken, oh Gott, ich bin wie ein Geist durch das Museum seiner Sammelwut gewandert. Und erst die Gesellschaften, die ich als Hausherrin geben musste …“ Ich schüttelte mich beim Gedanken an die diamantschweren Hände, die ich gedrückt und die endlosen, auf jung getrimmten Gesichter, in die ich geblickt hatte. „Das konnte nicht gut gehen. Vielleicht hätten wir irgendwo auf der Welt neu anfangen sollen. Ohne Ostküstenseilschaft und die Mumien, die seinen Erfolg protegieren. Doch das hat Andy strikt abgelehnt. Und so wie er kann und will ich nicht leben. Am Ende hatten wir uns nichts mehr zu sagen, lagen nebeneinander im Bett, Welten voneinander entfernt. Ob du es glaubst oder nicht: Ich war selten so erleichtert wie gestern, als ich die Entscheidung getroffen hatte, meine Koffer zu packen.“

Liebeskummer hatte mir aufmerksam zugehört. Nun neigte er sein Köpfchen zur Seite und sah mich forschend an. „Und du bist sicher, dass du nicht als Trauerkloß endest und diesen Schritt irgendwann bereust?“

„Kann ich hellsehen?“ Ich warf einen raschen Blick auf die Stewardess, die ihren Getränkewagen energisch durch den Gang bugsierte. Einen Augenblick später war sie vorbeigezogen und ich fuhr fort: „Immerhin habe ich es nicht bereut, den Kunststudenten für jemanden aufzugeben, der den Dreck am Stecken nicht wert war. Auch dem Zirkusdirektor habe ich nach einer bombastischen Saison als Elefantensouffleuse nicht nachgeweint. Ich habe nie einen meiner Schritte bereut, selbst wenn er schmerzhaft war. Andy und ich hatten eine wundervolle Zeit, die im Alltag ihren Glanz verlor. Deshalb habe ich die Konsequenzen gezogen und bin gegangen. Siehst du: Es ist eben doch so einfach!“

Triumphierend hatte ich die letzten Worte gedacht und freute mich darauf, die Niederlage im Gesicht des Kobolds zu sehen.

Doch er war verschwunden.

„Du hast dich also verkrümelt. Das zeigt mir, dass Andy tatsächlich Geschichte ist.“ Vergnügt klappte ich den Tisch hoch und drehte mich zur Seite. Draußen war es inzwischen dunkel geworden und die Kabinenbeleuchtung wurde gedimmt. Das schummrige Licht entlockte mir ein herzhaftes Gähnen.

Als die Stewardess zurückkehrte, um nach meinem Getränkewunsch zu fragen, war ich eingeschlafen.

*

Nichts als Ärger.

Der ging schon los, als Peter Maria Althoff am Morgen aufwachte und mit einer fahrigen Handbewegung das Glas neben seinem Bett umstieß. In einem Schwall ergoss sich das abgestandene Wasser über den frisch unterzeichneten Kaufvertrag für die Gewerbeimmobilie an der Commonwealth Avenue.

„Das kommt davon, wenn man seine Arbeit ins Bett mitnimmt“, brummte er und versuchte, das Dokument mit dem Bezug seines Kopfkissens trocken zu tupfen, ohne die Tinte der Unterschriften zu verwischen.

Der Tag ging so unerfreulich weiter, wie er begonnen hatte: Die Dusche spuckte nur eiskaltes Wasser, das Frühstücksei war so hart, dass er die kläffende Töle am Nebentisch damit hätte erschlagen können, und bei der Abrechnung seines Hotelzimmers streikte der Computer. Zu allem Überfluss blieb das Taxi im Bostoner Verkehrschaos stecken. Beinahe hätte er seinen Flieger nach Frankfurt verpasst.

Mit wehendem Trenchcoat und rasendem Puls war er schließlich durch sämtliche VIP-Schleusen gestürmt, um sich wie die Königin von Saba in einem privaten Shuttlebus über das Flugfeld chauffieren zu lassen.

Am ganzen Körper schwitzend, sank er in den komfortablen Sitz der Boeing 767, um direkt in die Horizontale abzutauchen. Er war restlos bedient und würde für die kulinarischen Privilegien der Business Class nicht zur Verfügung stehen.

Entschlossen setzte er seine Schlafbrille auf und wickelte sich, soweit seine sportlichen Einsneunzig es zuließen, in die frisch gereinigte Borddecke. Nichts sollte ihm jetzt den Schlaf rauben, denn morgen war ein wichtiger Tag. Endlich würde er seinen potenziellen Investor für das geplante Einkaufszentrum in Frankfurt Bockenheim treffen. Lange genug hatte er auf diese Chance gewartet. Dem Geschäftspartner in spe gedachte er sich topfit und auf Augenhöhe zu präsentieren.

4

Die Glastüren jenseits der Zollabfertigung glitten mit einem leisen Schleifen hinter mir zu. Frankfurt empfing mich mit einem Stoßtrupp aus Leibern und Gesichtern. Schilder wurden gereckt, Namen gerufen. Jauchzende Kinder warfen sich einer müde blickenden, kofferbestückten Gestalt entgegen.

Ich sah mich um. Irgendwo fernab des Gewusels musste der Bahnhof sein. Noch dreieinhalb Stunden im ICE bis zu meiner Endstation. Immerhin durfte ich in München auch auf ein freudig gerötetes Gesicht hoffen, das mir am Bahnsteig entgegenstrahlte.

Vor meinem Abflug in Boston hatte ich meiner Freundin Maja eine SMS geschickt. Obwohl sie nicht geantwortet hatte, war das kein Grund zur Sorge, denn die Funktionalitäten ihres Handys waren ihr noch immer ein Rätsel. Im Grunde genügte es ihr, meine Nachrichten lesen zu können.

Ich beschloss, ihr eine weitere Mitteilung mit meiner Ankunftszeit am Münchener Hauptbahnhof zukommen zu lassen, sobald ich im Zug saß. Die Vorstellung, dass meine unverhoffte Rückkehr ein Leuchten in ihr Gesicht zaubern würde, ließ mich lächeln.

An einem trüben Novembertag war ich Maja das erste Mal begegnet. Auf dem Münchener Ostfriedhof, dessen Stille ich suchte, wenn meine Gefühle aus dem Ruder liefen und das Gedankenkarussell auf Kollision schaltete. Was ich an jenem Tag Martin, dem triebhaften Schamanen, mit dem ich kurzzeitig liiert war, zu verdanken hatte.

Plötzlich war ich im Nebel über eine dunkel gewandete Gestalt gestolpert, die vor einem mit Herbstzeitlosen bepflanzten Grab kauerte. Im Zwielicht hatten wir uns aufgerichtet und stumm gemustert.

„Meine Schuld, bitte verzeihen Sie …“, hatte ich schließlich gemurmelt.

„Da gibt es nichts zu verzeihen“, erwiderte mein Gegenüber sanft, „wenn mich jemand um Vergebung bitten muss, dann der da oben. Er hat mir alles genommen, was ich geliebt habe.“

Majas schlichte Worte erzeugten ein Gefühl spontaner Verbundenheit in mir. Erst viel später erfuhr ich ihre traurige Lebensgeschichte. Ihren Sohn hatte sie im Grundschulalter an die Gelbsucht verloren, ihr geliebter Mann war nach fünfundvierzig Ehejahren einer Lungenembolie zum Opfer gefallen und ihre beiden Schwestern hatte der Krebs dahingerafft.

Der Ostfriedhof barg all ihre Erinnerungen und Maja kam regelmäßig, um Zwiesprache mit ihren Lieben zu halten.

„Wollen wir gemeinsam ein Stück durch den Nebel gehen?“, hatte ich vorsichtig gefragt.

Sekundenlang studierte Maja mein Gesicht. Schließlich klopfte sie die Erde von ihrem zeitlosen, etwas zu langen Lodenmantel und straffte energisch die zierlichen Schultern, was mich unwillkürlich an Napoleon im Anblick der preußischen Heeresmacht denken ließ.

„Ja, ich würde gerne ein Stück meines Weges mit Ihnen gehen“, sagte sie mit fester Stimme und zwinkerte schelmisch.

Von dem Moment an verband uns eine geheimnisvolle Freundschaft.

Kaum zu glauben, dass jener Novembertag erst neun Monate zurücklag.

Schnell hatten wir herausgefunden, dass Maja nur zwei Straßen von meinem Laden entfernt wohnte und uns in den folgenden Wochen beinahe täglich getroffen. Sie liebte meinen kleinen Esoterikhandel und sprang bereitwillig ein, wenn ich anderweitig zu tun hatte. Was aufgrund meines unsteten Lebenswandels ziemlich häufig der Fall war.

Vor meiner Abreise nach Boston hatte sie das Zepter im Laden ganz übernommen und vergaß nie, die Einnahmen wöchentlich auf mein Konto zu überweisen. Eine Gegenleistung für ihre Mühen wollte sie nicht.

„Die Arbeit mach ich gern und lerne dabei noch interessante Leute kennen. Geld brauche ich nicht. Mein Heinz, Gott hab’ ihn selig, hat schließlich gut für mich gesorgt und mir eine ordentliche Rente hinterlassen“, schmetterte sie jeden Versuch, sie am Gewinn zu beteiligen, ab.

„Und was machen wir, wenn ich bei Andy in Boston bleibe und nicht nach München zurückkehre?“ Die Angst, ihre Hilfsbereitschaft auszunutzen, machte mir ernsthaft zu schaffen.

Maja schenkte mir ihr unergründliches Lächeln. „Wenn es so sein soll, werden wir eine Lösung finden. Und wenn nicht“, ihre Mundwinkel zuckten amüsiert, „dann kommst du zurück in das Nest, das ich für dich warmhalte.“

Schneller als gedacht, würde ich nun in den Kobel zurückflattern.

Der Gedanke, dass ich schon wieder eine Beziehung in den Sand gesetzt hatte und mein Versagen in den nächsten Tagen Linda und Mutter beibringen musste, behagte mir gar nicht.

Ich seufzte und suchte die Umgebung nach Hinweisschildern mit dem ICE-Icon ab, da packte mich jemand von hinten an der Schulter.

„Ella!“

Erschrocken fuhr ich herum. „Was zur Hölle!“, rief ich und riss erstaunt die Augen auf, als ich mein Gegenüber erkannte. „Linda? Du … hier?“

Meine Schwester hielt mir lachend eine verbeulte Rose vors Gesicht.

„Die ist für dich. Mensch, wie ich mich freue, dich zu sehen!“ Stürmisch fiel sie mir um den Hals.

Zögernd erwiderte ich die Umarmung. „Das ist ja eine Überraschung! Was führt dich denn hierher?“

„Reiner musste nach Kapstadt. Ich hab’ ihn vor zwei Tagen hier abgeliefert und die Gelegenheit genutzt, mich mit Bettina zu treffen. Gestern Abend hab’ ich erfahren, dass du auf dem Weg in die Heimat bist.“ Sie lachte übermütig. „Die Gelegenheit, dir hier aufzulauern, konnte ich mir schlicht nicht entgehen lassen!“

„Na, das ist wirklich ein Ding …“ Ich freute mich ehrlich, sie wiederzusehen.

„Dann hast du mit Maja gesprochen?“

Sie nickte. „Bettina interessiert sich für die Energetisierung von Lebensmitteln. Deshalb hab’ ich im Laden angerufen, weil ich hoffte, von Maja ein paar Infos darüber zu kriegen.“ Unvermittelt wurde sie ernst. „Sie hat mir erzählt, dass du ihr eine Nachricht geschickt hast und auf dem Weg nach Frankfurt bist.“ Forschend sah sie mir in die Augen. „Heißt das, die Sache mit Andy und dir …?“

Ich zuckte die Schultern. „Ist beendet. Ja, das heißt es wohl.“

„Das tut mir leid.“ Mitfühlend legte sie ihren Arm um mich.

„Hey, das muss es nicht.“ Freundschaftlich knuffte ich sie in die Seite. „Jetzt guck nicht so traurig!“

„Also kein Katzenjammer à la Schamanenmartin?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nee, diesmal nicht. Im Gegensatz zu dem Knall, mit dem Martin sich aus meinem Leben katapultiert hat, ist das Ende mit Andy eher schleichend gekommen.“

„Und war damit weniger schmerzhaft. Verstehe.“ Sie griff nach meiner am Boden stehenden Reisetasche. „Was hältst du davon, erst mal mit mir zu Tini zu gehen?“

Wenn ich ehrlich war, gar nichts. Die spröde Brokerin, Lindas frühere Kommilitonin, war mir schon damals ein Gräuel gewesen. Unentschlossen wiegte ich den Kopf.

„Hm. Eigentlich würde ich lieber in den nächsten Zug nach München steigen …“

Linda zog einen Flunsch. „Ach, komm schon! Ich weiß, dass du Tini nicht leiden kannst, aber wir würden nur einen Tag bei ihr bleiben und morgen in die Schweiz weiterfahren.“

Entgeistert starrte ich sie an. „Du denkst aber schon daran, dass ich langsam nach Hause muss?“

„Musst du gar nicht. Wenn du noch drei Monate in Amerika geblieben wärst, hätte auch kein Hahn danach gekräht. Maja ist superhappy mit dem Laden und wird ihn problemlos weiterschaukeln. Außerdem halte ich es nicht für angesagt, dich nach der Amerika-Episode direkt der Einsamkeit deines Appartements zu überlassen.“

„Aber es geht mir gut!“, protestierte ich.

„Und es wird dir noch besser gehen, wenn du morgen mit mir nach Basel fährst.“ Bittend sah sie mich an. „Wir haben so viel zu bequatschen. Außerdem musst du unbedingt meinen Feng-Shui-Garten sehen! Ich kann dir sagen: Der ist ein energetisches Feuerwerk, das beste Heilmittel gegen Herzschmerz.“

Die asiatische Wundertüte wollte ich mir ungern entgehen lassen und wer weiß, ob sich in diesem Sommer noch einmal die Gelegenheit für einen Abstecher in die Schweiz bot. Das Argument zog und ich gab nach.

„Okay, dann lass uns heute die Börse rocken und morgen früh die Reise nach Süden antreten.“

Linda klatschte begeistert in die Hände und hatte mich, ehe ich mich versah, mitsamt meinen Rollkoffern in die S-Bahn Richtung Frankfurter City geschoben.

Das Loft der potenten Aktienverkäuferin war atemberaubend.

„Was für eine Aussicht“, murmelte ich und ließ meinen Blick über die Tempel der Hochfinanz schweifen.

„Das ist noch gar nichts“, wiegelte die top gestylte Bettina, mondän in Chanel gekleidet, ab. „Da müsstest du mal mein Office an der Wall Street sehen –that’s really fabulous!“

„Tini hat ihr Büro ganz oben“, sagte Linda ehrfürchtig, „wer da sitzt, hat es geschafft.“ Ihre Freundin lächelte huldvoll, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Botox und Hyaluron sei Dank.

„Wer hoch fliegt, wird tief fallen“, stellte ich lakonisch fest.

Die arrogante Brokerin ging mir mit ihrem affektierten Gehabe auf die Nerven. Ich fragte mich, wie ich die nächsten Stunden in ihrer Gesellschaft überstehen sollte, ohne mich gründlich mit ihr zu verkrachen.

Obwohl ich nicht müde war, erwog ich, mich in den Jetlag zu flüchten und für den Rest des Tages im Gästezimmer zu verschanzen. Da war der Ausblick weniger spektakulär, aber die Gesellschaft in Form einiger Miss-Lanvin-Figurinen, die Bettina auf einem Glasregal gekonnt in Szene gesetzt hatte, ungleich besser.

Ich ließ ein lautes Gähnen ertönen und streckte mich ausgiebig, um meinen Rückzug einzuleiten.

„Vielleicht sollten wir eine Kleinigkeit essen gehen. Ella hat nach der langen Reise sicher mächtig Kohldampf“, funkte Linda in meine Fluchtpläne.

Mein Magen knurrte tatsächlich. Doch bei der Vorstellung, die bornierte Bettina mit spitzen Fingern an einem Cheeseburger mit Pommes fieseln zu sehen, verging mir der Appetit.

„Wenn ich in Frankfurt bin, esse ich mittags immer ein Häppchen imBull + Bear, die haben ausgezeichnete Hors d’oeuvre. Von dort aus können wir zu Fuß ins Städel gehen, das sind höchstens zwei Kilometer.“

„Jawohl, so machen wir das“, schloss Linda sich an.

Ich verstand nur Bahnhof. „Bullen im Städel? Nee, ohne mich. Ich wollte mich sowieso gerade auf die Couch legen …“

„Nix da, du kommst mit! Tini hat extra drei Karten für die Ausstellung besorgt.“ Linda setzte ihr Oberlehrergesicht auf. Jeder Versuch, ihr zu widersprechen, würde eine Endlosdiskussion provozieren. Ich seufzte ergeben.

„Dann gehen wir halt ins Museum. Ich ziehe mir nur schnell bequemere Schuhe an.“ Schon durchwühlte ich meine Reisetasche. „Ah, da sind sie ja.“

Im Augenwinkel sah ich, wie Bettina meine zerfledderten Chucks musterte. Als Antwort darauf starrte ich demonstrativ auf ihre Manolo Blahniks. Sollten ihr in den endlosen Gängen der Kunstgalerie doch die Zehen abfallen! Immerhin war zu hoffen, dass ich sie auf unserem kulturellen Durchmarsch abhängen konnte. Der Gedanke gefiel mir.

Während sie in der Gästetoilette verschwand, um ihrer Maskerade den letzten Schliff zu verpassen, betrachtete ich mein Outfit im deckenhohen Kristallspiegel: skinny Jeans, darüber ein schwarzer Hoody und Turnschuhe. Für mein Alter hatte ich mich ganz gut gehalten. Allerdings trug ich die Sachen nun schon seit meiner Abreise aus Boston, es wurde definitiv Zeit für einen Wechsel.

Leider hatte unsere Gastgeberin für Banalitäten wie einen Duschgang keinen Zeitslot vergeben. Verdrossen blickte ich mich nach Linda um und registrierte, dass sie sich die Lippen nachzog. Das tat sie sonst nie. Überhaupt hielt sie jede Art von Make-up allenfalls dafür geeignet, ihren im Monatsrhythmus wiederkehrenden Kinnpickel zu kaschieren.

„Was gucken wir eigentlich an?“, fragte ich gleichgültig.

„Schwarze Romantik“, nuschelte der rote Lippenstift.

„Ein wirkliches Highlight in dieser Saison. Muss man gesehen haben“, ergänzte Madame Börsenfly aus dem Off.

„Klingt irgendwie gruselig.“ Linda hatte ihr Werk beendet und trat neben mich, um das Gesamtkonstrukt ihrerseits im Spiegel zu prüfen. Zufrieden nickte sie mir zu. Rein optisch gingen wir als Zwillinge durch.

„Die Exponate sind nicht gruseliger als dein Musikgeschmack“, tönte es hochnäsig aus der Toilette, wo Bettina noch immer an ihrer Frisur zuppelte.

Ich suchte den Blick meiner Schwester im Spiegel und verdrehte die Augen.

„Nichts ist gruseliger als Manhattan bei Nacht. Besonders im Umkreis der NYSE“, stichelte ich.

„These streets glitter in the dark“, begann Linda zu singen.

„Aber sonst geht’s euch gut, oder?“ Säuerlich schnippte sich Wallstreet-Tini die Ponyfransen aus der Stirn.

„Don’t sleep, red eyes sunken and stark …“, fuhr Linda ungerührt fort.

„Welche gruselige Band war das noch mal?“ Lachend hakte ich mich bei ihr unter.

„Savatage. Heavy Metal at its best“, gurrte sie und schob verschmitzt hinterher: „Pfui, wie asozial.“

„Ob die wohl was von Aktien verstehen?“, setzte ich streitlustig noch einen drauf.

Linda griente. „Zumindest haben sie noch keine globale Finanzkrise ausgelöst.“

In schwesterlicher Eintracht verließen wir die Wohnung. Die Manolos tippelten beleidigt hinter uns her und zeigten schon am Startblock Probleme, mit den vier Turnschuhen Schritt zu halten. Ich dachte an den bevorstehenden Marsch zum Städel und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

Am Lift holte Bettina uns ein. Selten nachdenklich. Offenbar schwante ihr, dass der Nachmittag ihre Zehen töten würde.

„Na dann, Mädels, einmal Romantik und zurück“, sagte ich süffisant und drückte den Abwärtsknopf.

„Ausstellungen sind so …“ Mit qualmenden Füßen ließ ich mich auf eine Sitzbank vor einen Alptraum in Öl fallen.

„Öde?“ Erschöpft sank Linda neben mir nieder.

„Genau das wollte ich sagen.“ Suchend sah ich mich um. „Wo ist denn deine Stöckelschuhfreundin geblieben?“

Linda wies in die Richtung, aus der wir gekommen waren.

„Die haben wir amFloß der Medusaverloren.“

„Wie passend. Vermutlich treibt sie inzwischen derHölledes Hieronymus Bosch entgegen.“

Linda knuffte mich in die Seite. „Sei nicht so fies!“

„Wenn’s aber stimmt.“ Ich war gerade dabei, den rechten Schuh abzustreifen, um meine schmerzenden Zehen zu massieren, da tauchte Bettinas leicht ramponierte Gestalt in der Ferne auf.

„Achtung, Medusa von hinten.“

Der Hieb, der mich traf, fiel ungleich stärker aus als der letzte.

„Aua! Das hat wehgetan …“

„Sollte es auch. Du könntest wenigstens versuchen, dir deine Abneigung nicht anmerken zu lassen.“

Ich rümpfte die Nase. „Etwa so, wie du damals in Bern? Als du meinen Studenten in Grund und Boden geätzt hast?“ So leicht würde Linda mir nicht davonkommen.

Sie begann unbehaglich auf unserer Bank hin und her zu rutschen.

„Ach, der … Aber das kann man doch nicht vergleichen! Dein Maximilian Oberschnösel war schließlich nur eine winzige Episode, eine Sternschnuppe am Firmament deiner Sinneslust.“

„Soso – und mit Bettina verbindet dich eine innige Freundschaft, oder was?“

„Das vielleicht nicht, aber wir kennen uns eben schon ewig …“

„Was die Sache nicht besser macht“, knurrte ich.

Inzwischen war unser Zankapfel bis auf wenige Meter herangerollt.

„Da seid ihr ja“, rief er uns entgegen, „ich jage euch schon durch drei Ausstellungsräume nach!“

Unschuldig sah ich sie an. „Echt? Wir haben gedacht, du hast dich der Schlangenfrau angeschlossen.“

„Welcher Frau?“ Bettinas Blick schweifte ratlos von mir zu Linda.

„Vergiss es.“ Linda winkte ab und bemühte sich, das Thema zu wechseln. „Scheint, als ob wir fast durch wären.“

„Nee, das geht da hinten noch weiter. Das Beste kommt erst.Die weiße Frauvon Gabriel von Max.“ Manolina musste Zehen aus Stahl haben. Und hatte ich da schon wieder den Namen Max gehört? Wenn das kein Zeichen war, die Aktion hier und jetzt abzubrechen.

„Ich habe genug Weltenbrände gesehen und brauche einen Kaffee. Ihr könnt ohne mich mit der Dame in Weiß plaudern. Wir sehen uns in der Lobby.“ Damit stand ich auf und wandte mich zum Gehen.

„Ella, warte!“ Überrascht stellte ich fest, dass Bettina mich am Ärmel meines Jumpers festhielt. „Weißt du, wer hier ist?“, raunte sie verschwörerisch.

Ich schüttelte den Kopf.

„Der Wulf“, flüsterte sie.

Musste ich den kennen? „Na und?“ Gelangweilt zuckte ich die Achseln.

„Ist das nicht irre? Wir drei unter einem Dach mit dem Bundespräsidenten.“

„Mit dem Ex-Bundespräsidenten“, verbesserte Linda. „Trotzdem toll.“

„Nicht wahr? Und wisst ihr, was das Tollste daran ist?“ Bettina kicherte wie ein Backfisch. „Mit meiner Namensvetterin soll wieder mal Schluss sein.“ Sie straffte die Schultern. „Also Mädels: ran an den Speck!“

„Welchen Speck? An dem Typen ist doch nix dran“, meckerte Linda.

„Was dich ja nicht kümmern muss, da du seit Urzeiten unter der Haube bist. Aber umso besser: Dann erhöhen sich unsere Chancen, stimmt’s, Ella?“

„Nee, lass’ mal. Ausgemusterte Präsidenten passen nicht in mein Beuteschema.“

„Ach“, mischte Linda sich wieder ein, „ich wusste gar nicht, dass du so was wie ein Beuteschema hast.“

„Was willst du denn damit sagen?“, plusterte ich mich auf.

„Nur dass man nie wissen kann, welche Ausprägung männlichen Irrsinns als Nächstes mit dir um die Ecke kommt.“

Während unserer Unterhaltung waren wir langsam weitergeschlendert und fanden uns unversehens vor dem Bildnis der weißen Frau wieder.

„Mein Gott, das ist wirklich …“ Ergriffen legte ich Linda meinen Arm um die Schultern. Unser Geplänkel war schlagartig vergessen.

„Unfassbar“, hauchte sie.

„Geheimnisvoll und ätherisch“, konstatierte Bettina.

Mir fehlten die Worte im Angesicht einer solch geisterhaften Schönheit.

„Sie sieht aus, als würde sie gleich aus dem Rahmen treten. So lebendig …“, flüsterte Linda.

Andächtig bestaunten wir das Meisterwerk und merkten nicht, wie sich hinter uns eine immer größere Menge von stillen Bewunderern sammelte.

Ein ehemaliger Bundespräsident war, soweit ich das beurteilen konnte, nicht unter ihnen.

*

Althoff hatte ein Zimmer im Frankfurter Hof gebucht. Eigentlich mochte er diese Art überladener Eleganz nicht, aber zum einen war Messe und er konnte froh sein, nicht nach Hofheim ausweichen zu müssen, und zum anderen war das feudale Fünfsternehotel für seine nachmittägliche Konferenz ausgewählt worden. Quasi als Verbeugung gegenüber dem erlauchten Teilnehmerkreis.

Gerade hatte er seine Schlüsselkarte an der Rezeption in Empfang genommen, da klingelte sein Handy. Ein kurzer Blick auf das Display sagte ihm, dass er das Gespräch besser annahm.

„Du hast versprochen, dich zu melden, sobald du gelandet bist.“ Jules Stimme klang vorwurfsvoll. Wie immer.

„Hallo, Schatz! Das ist ja witzig, ich wollte dich just in diesem Moment anrufen.“ Die Notlüge kam beängstigend leicht über seine Lippen.

„Du bist jetzt erst gelandet? Wie konnte es denn zu so einer krassen Verspätung kommen?“, bohrte sie nach.

Ihr Verhör schrie nach einer weiteren Lüge.

„Wir hatten reichlich Gegenwind.“ Das lag immerhin im Bereich des Möglichen. „Außerdem war mein Koffer auf dem Laufband nebenan gelandet und ich habe über eine halbe Stunde gebraucht, ihn zu finden.“ Den Bären hätte er niemandem außer Jule aufgebunden. Manchmal reizte ihn ihre Naivität dazu, die absurdesten Behauptungen aufzustellen, nur um zu sehen, ob sie ihm den Unsinn abkaufte.

„Wann kommst du endlich nach Hause? Ich vermisse dich“, nörgelte sie, ohne auf seine Erklärungen einzugehen.

„Das habe ich dir doch gestern gesagt, Hase.“

Hase? Wie bin ich denn auf den Quatsch gekommen, fragte er sich amüsiert.

Jule stutzte. „Seit wann nennst du mich Hase?“

„Ich dachte … weil du … so niedlich bist …“, sagte er lahm. Er beschloss, sich besser zu konzentrieren, um Jule nicht zu verärgern. Sonst würde sie ihn die nächsten zwei Stunden nicht vom Haken lassen.

„Hasegefällt mir gar nicht. Das klingt, als könnte ich nicht bis drei zählen.“

„In Ordnung, Schatz. Wird nicht wieder vorkommen.“

„… und das, wo ich gerade so erfolgreich die Abendschule besuche“, nölte sie weiter.

„Was du ganz großartig machst“, bestätigte er halbherzig. Tatsächlich konnte er nicht verstehen, warum es nötig war, mit dreiundzwanzig den Realschulabschluss nachzuholen. Ihm hatte sie als Unterwäschemodel mit Hauptschule auch genügt.

Ungeduldig warf er einen Blick auf seine Breitling Avenger.

„Hör zu, Schatz, ich melde mich später noch mal. Um halb drei habe ich einen wichtigen Termin und muss mich vorher noch umziehen.“

„Deine blöden Termine sind immer wichtiger als ich! Jetzt bist du schon zehn Tage lang weg, obwohl du weißt, dass ich mich in diesem Kasten zu Tode fürchte. Wann kommst du endlich nach Hause?“ Jules Stimme hatte von kindlich auf eindringlich geschaltet. Das nächtliche Knarzen der Holzdecken und die wandelnden Schatten der Grünwalder Gründerzeitvilla jagten ihr eine Heidenangst ein.

„Wie gesagt: nächsten Mittwoch. Übermorgen fahre ich in die Schweiz, danach zu dir. Schau, nur noch viermal schlafen und ich bin wieder da. Und weißt du, was das Beste ist?“, sein Ton wurde schmeichelnd, „ich hab’ dir was Schönes mitgebracht!“

„Echt?“ Verflogen war die Panik in ihrer Stimme. „Was ist es denn? Ein neues Parfüm? Ohrringe? Eine Gucci-Tasche vielleicht?“

„Lass dich überraschen. Ich muss jetzt wirklich weiter. Bis später, Süße.“ Althoff ließ das Handy mitsamt ihrem aufgeregten Geplapper in seine Jackentasche gleiten.

Er hatte schon fast die Halle durchquert, als ihm ein orientalisch aussehender Mann den Weg zum Aufzug abschnitt.

„Sie sind Peter Althoff, ist das richtig?“, sprach dieser ihn an.

„Jawohl, der bin ich.“ Neugierig betrachtete Althoff den gepflegten, in eine weiße Dischdascha gekleideten Araber.

„Mein Name ist Alim Abu Salama“, sagte der junge Mann in akzentfreiem Deutsch und streckte ihm lächelnd die Hand entgegen, „ich bin der Privatsekretär – und wenn nötig auch Übersetzer – von Scheich Djamal bin Aziz.“

Er machte eine kurze Pause, um seinem Gegenüber die Gelegenheit einer Erwiderung zu geben. Da dieser stumm blieb, fuhr er fort: „Schön, dass ich Sie hier treffe!“

Althoff schwante nichts Gutes. Sein potenzieller Investor würde kaum den Adlatus schicken, um ihn im Nobelhotel willkommen zu heißen. Wenn der Scheich den Geschäftstermin jetzt platzen ließ, konnte er seinen Grünwalder Kamin mit den Plänen für das Bockenheim Center anfeuern und Zehntausende Euros in Rauch aufgehen lassen.

Mit den nächsten Worten des Arabers schienen sich seine Befürchtungen zu bestätigen.

„Unser Meeting war für 14.30 Uhr im Roten Salon angesetzt“, er seufzte, als wäre ihm die Tragweite seiner Ausführungen bewusst, „allerdings hat seine Exzellenz umdisponiert und wird den Bauherren der Stadt Frankfurt nun bei einem Rundgang durch die Ausstellung im Städel Museum zur Verfügung stehen.“

Perplex blickte Althoff in das glattrasierte, jungenhafte Gesicht. „Aber wir haben extra das Modell des geplanten Einkaufszentrums in den Konferenzraum bringen lassen! Die Präsentation mit sämtlichen Unterlagen ist auf eine entsprechende Infrastruktur ausgerichtet, wenn Sie verstehen, was ich meine …“

Abu Salama nickte bedächtig. „Ich verstehe Ihren Einwand sehr gut. Gleichwohl steht der Ablauf des Nachmittags fest: Wir werden um Punkt 14.30 Uhr gemeinsam das Hotel verlassen und mit einem Bus zum Museum fahren. Dort haben Sie eine Stunde lang Zeit, die Gemälde zu bewundern und seine Exzellenz über Ihr Projekt zu informieren.“

Althoff versuchte, sich seinen Ärger über die geänderte Tagesordnung nicht anmerken zu lassen. „Und die Grundrisspläne?“, fragte er zögernd.

„Die dürfen Sie mir geben. Ich werde sie Scheich Djamal bin Aziz gern auf unserem Flug nach London vorlegen.“

Gegen die Entscheidung seiner Exzellenz war offensichtlich kein Kraut gewachsen. Althoff fluchte innerlich, denn es ging hier nicht nur um eine Investition im zweistelligen Millionenbereich, deren Präsentation er akribisch vorbereitet hatte, sondern auch um seine Geschäftspartner, die mit dem Projekt verflochten waren. Die Entschädigung für die unzähligen Überstunden des Planungsbüros sah er bereits davonschwimmen. Im Fahrwasser seiner eigenen Felle.

Mühsam bemühte er sich, die Haltung zu wahren.

„Ich werde mich pünktlich zur Abfahrt in der Lobby einfinden.“

Damit nickte er Abu Salama zu, griff nach seiner Notebooktasche und beeilte sich, zum Aufzug zu kommen.

Die Schauerromantik hatte Scheich Djamal bin Aziz fest im Griff. Seit einer halben Stunde versuchte Althoff vergeblich, die Aufmerksamkeit seiner Exzellenz auf das Bockenheim Center zu lenken.

Leicht gereizt ließ er die arabischen Begeisterungsstürme über DalisDream Caused by the Flight of a Bee Around a Pomegranate a Second Before Awakeningund FüsslisNachtmahran sich vorüberziehen. Um möglichst unauffällig nach einem Gemälde zu suchen, das ihm als Überleitung zum Thema Shoppingparadies dienen konnte.

Mütter, die ihre Kinder kochen, fliegende Hexen, Tod und Verderben überall – wie in aller Welt soll ich da den Bogen zu Opulenz und Konsumfreude kriegen, dachte er genervt. Weit und breit war kein geeignetes Objekt in Sicht.

Zu allem Überfluss verschwand der Scheich jetzt auch noch hinter einem dicken Vorhang, um sich Tod BrowningsDraculaanzusehen.

Nomen est omen, dachte Althoff grätig und überlegte, ob er sich die Filmsequenz aus den 1930er Jahren ebenfalls antun sollte. Um weiter darauf hoffen zu dürfen, den schwerreichen Wüstensohn am Ende um ein paar seiner Millionen erleichtern zu können.

Er entschied sich dagegen. Frustriert schlenderte er weiter von Bild zu Bild, scheinbar in die schaurigen Motive versunken. In Wahrheit drangen weder Tod noch Teufel zu ihm durch. Suchend blickte er sich um. Wenigstens an Abu Salama sollte er dranbleiben, um die Grundrisspläne und Hochglanzprospekte an den Mann zu bringen. Sein letzter Strohhalm für einen glücklichen Projektverlauf.

Der Privatsekretär konnte dem blutsaugendem Bela Lugosi ebenfalls nichts abgewinnen und war weitergezogen. Wie auch die übrigen Tagungsteilnehmer, die inzwischen in alle Winde zerstreut waren.

„Das perfekte Businessmeeting“, murmelte Althoff, „jeder kocht sein eigenes Süppchen und keinen schert, was der andere denkt.“

Im angrenzenden Ausstellungsraum sah er, wie sich eine Menschentraube um ein Gemälde bildete. Aus der Ferne meinte er zu erkennen, dass Abu Salama nicht unter den Bewunderern war. Seufzend ging er weiter.

Vor OehmesProzession im Nebelwurde er schließlich fündig. Schweigend stellte er sich neben den Araber.

„Balsam für die Seele“, meinte dieser nach einer Weile. „Nach zig Teufelsfratzen und Höllenexzessen kann ich mich hieran kaum sattsehen.“

Althoff nickte nachdenklich. „Eine beruhigende Szene, in der Tat. Die Mönche auf ihrem Weg durch den Dunst. Das mutet bei all dem Wahnsinn fast meditativ an.“

Abu Salama lächelte. „Vielleicht haben die Verantwortlichen gemeint, sie können uns nicht ohne einen Schimmer von Hoffnung in die Realität entlassen.“

Hoffnungsschimmer, das war sein Stichwort. Althoff sah die Chance gekommen, endlich sein Anliegen vorzubringen.

„Seine Exzellenz hat, in diesem Rahmen durchaus verständlich, kein Interesse signalisiert, über Geschäftliches zu reden. Darf ich Ihnen nach unserer Rückkehr kurz mein Immobilienprojekt erläutern?“

Der Privatsekretär nickte, noch immer verbindlich lächelnd. „Wie schon erwähnt: Ich werde Ihre Prospekte gerne entgegennehmen und sie dem Scheich bei nächster Gelegenheit vorlegen. Bitte entschuldigen Sie mich jetzt, die Zeit drängt und ich muss meine Schäfchen zusammentreiben. In fünfzehn Minuten fährt unser Bus zurück zum Hotel, bitte finden Sie sich rechtzeitig am Ausgang ein.“ Damit drehte er sich um und ging raschen Schrittes in Richtung Videowand davon.

Konsterniert blickte Althoff ihm nach.

Nie zuvor hatte ihn jemand derartig auflaufen lassen. Die Wut kroch immer schneller durch seine Adern und er würde ein Ventil brauchen, um nicht zu platzen.

Zwei Jahre war es her, da hatte er seine letzte Zigarette geraucht. Eine einzige war als Mahnmal in einem kunstvoll verzierten Jugendstiletui, das er in der Brusttasche seines Jacketts immer mit sich trug, zurückgeblieben. Für den Fall, dass er in eine ganz eklige Lage geriet und dringend mentale Unterstützung brauchte.

Er fand, nun war es so weit. Auf dem kürzesten Weg verließ er die Ausstellung, zog den Notnagel aus seiner Tasche und zündete ihn an.

5

Die Fahrt nach Basel verging wie im Flug.

Männer, Kinder, Schule, Garten. Ein Thema zu finden, war für Linda und mich nie ein Problem. Wir hatten Karlsruhe gerade passiert, da waren wir mit Andy durch. Bis Baden-Baden war Reiner dran. Der hatte seine Sturm-und-Drang-Zeit offenbar hinter sich und sorgte als braver Familienvater und Ehemann nur kurz für Gesprächsstoff. Ganz anders die Kinder.

„Lukas steckt endgültig in der Pubertät und schraubt anstatt am PC lieber an seinen Klassenkameradinnen rum“, stöhnte meine Schwester.

Ich wusste nicht, was daran so schlimm sein sollte.

„Das ist doch super! Stell dir mal vor, dein Sohnemann würde sich nicht für die Damen interessieren. Dich möchte ich sehen!“

Linda stieg auf die Bremse, um einen LKW vor sich einscheren zu lassen. Was ihr den prompten Protest des aufgemotzten BMWs, der hinten an ihrer Stoßstange klebte, einbrachte.

„Blödmann“, zischte sie und stieg mutwillig noch einmal kräftig auf die Bremse. Ein wütendes Hupkonzert folgte.

„Wo waren wir stehengeblieben?“, meinte sie etwas zerstreut beim Blick in den Rückspiegel, „ach ja, der lüsterne Lukas. Und du findest, mit 16 muss man wirklich jede Gelegenheit nutzen, die sich bietet?“

Ich biss herzhaft in meinen Apfel, den ich mir vor unserer Abfahrt an einem Frankfurter Obststand geholt hatte. „Ja, das finde ich“, sagte ich schmatzend, „das hätte dein Reiner auch besser getan. Dann wäre dir mancher Kummer erspart geblieben.“

Linda schien zu überlegen. „Hm. Damit magst du recht haben. Das bedeutet aber, dass ich die Kartoffeln für meine Schwiegertochter in spe aus dem Feuer holen soll. Oder nicht?“

„Lass die Kartoffeln mal Lukas’ Sorge sein“, kicherte ich, „der wird sein Feld auch ohne deine Hilfe bestellen.“

„Dann wollen wir hoffen, dass der junge Bauer sein Handwerk versteht und die Kartoffeln keine ungewollten Triebe produzieren, die wir im nächsten Frühjahr dann ernten dürfen.“

„Och, ich hab’ Vertrauen zu meinem Patenkind. Der hat das im Griff. Und wenn nicht – du weißt, ich bin ein erfahrener Erntehelfer. Anruf genügt.“

Wir sahen uns an und gackerten albern.

„Guck mal, da vorne ist der Europapark.“ Linda hatte sich wieder eingekriegt und wischte sich die Lachtränen von der Backe. „Da wollte Mutter in meiner Abwesenheit mit Erich und Amélie hin. Bin mal gespannt, was die drei uns gleich über ihren Ausflug berichten.“

Erstaunt riss ich die Augen auf. „Ach, Erich ist auch in Basel? Das hast du mir gar nicht erzählt.“

Mutter war vor einigen Monaten ins Tessin gefahren, um Erich, ihre attraktive Internetbekanntschaft, in seinem Ferienhaus zu besuchen. Seitdem waren sie und der pensionierte Bauingenieur mit Hauptwohnsitz Hamburg unzertrennlich.

„Was glaubst du denn? Die beiden gibt’s nur noch im Doppelpack. Willst du die eine, musst du den anderen auch nehmen …“

Gedankenvoll betrachtete ich die Silhouette der riesigen Achterbahn in der Ferne. „Das ist doch irgendwie schön, oder? Ich meine, wer hätte gedacht, dass Mutter nach Papas Tod noch einmal das große Beziehungslos ziehen würde?“

Linda hielt ihren Blick auf die Straße gerichtet. „Ach, Schwesterlein, ich wünschte, so ein Hauptgewinn wäre dir auch endlich beschieden“, sagte sie leichthin.

Auf einmal hatte ich einen Kloß im Hals. „Tja, wer weiß? Vielleicht stehe ich bei der nächsten Beziehungslotterie auf der Gewinnerseite …“

Schweigend ließen wir die Ausfahrten nach Freiburg an uns vorüberziehen und wandten uns erfreulicheren Themen zu. Insbesondere den Fortschritten in Lindas Feng-Shui-Garten. Ich war wirklich gespannt auf ihr botanisches Meisterwerk.

„Meine zwei Mädels, wie ich mich freue!“, jauchzte Mutter und eilte uns schon am Parkplatz mit fliegenden Rockschößen entgegen. Stürmisch riss sie erst Linda, dann mich an ihren wogenden Busen. „Mariella, mein Herz, ist das schön, dich zu sehen!“ Gerührt verdrückte sie ein Tränchen.

„Einfach herrlich“, murmelte ich. Mein flüchtiges Liebesglück hatte mir nachhaltig die Stimmung verhagelt.

Linda machte sich bereits am Kofferraum zu schaffen und drückte mir unsere Reisetaschen in die Hand. Geschäftig griff Mutter nach ein paar Tüten, um uns beim Abtransport behilflich zu sein.

„Hier war wieder was los, sag ich euch. Linda, deine Bande bringt mich ins Grab!“

„Nun lass uns doch erst mal ankommen, Muddie“, erwiderte die Gescholtene.

Wie gewöhnlich dachte Mutter gar nicht daran, sich ausbremsen zu lassen. „Das geht wirklich auf keine Kuhhaut! Amélie hat nicht ein einziges Mal mit uns gegessen und Lukas ist nach der Schule erst gar nicht nach Hause gekommen. Fips ist jeden Tag über die neue Katzentreppe in den Garten der Denglers gewetzt, um sein Häufchen in ihre Astern zu setzen. Du kannst dir vorstellen, wie begeistert die sind! Dann ist uns noch der Hamster entwischt, als Amélie den Käfig sauber gemacht hat …“ Mutter schnaufte die steinerne Außentreppe hoch und brauchte die Luft für ihre Lungen. Für einen Moment herrschte Ruhe.

„Warst du wirklich nur vier Tage weg? Das klingt, als wären in der Zeit sämtliche Katastrophen des Monats hier eingeschlagen“, raunte ich Linda zu.

„Der ganz normale Wahnsinn“, wisperte sie zurück und schloss, als Erste oben angekommen, die Wohnungstür auf, „Muddie ist nicht daran gewöhnt und rastet jedes Mal aus.“

Etwas lauter fuhr sie fort: „Ich hoffe doch, ihr habt den Hamster wiedergefunden!“

„Nee, haben wir nicht.“ Keuchend stellte Mutter ihre Taschen im Flur ab.

„Wie bitte?“ Linda riss entsetzt die Augen auf. „Heißt das, wir müssen jetzt hinter sämtliche Schränke kriechen, um ihn zu suchen?“

„Das haben wir bereits getan. Erich meint, dass Fips ihn gefressen hat.“ Etwas verlegen machte Mutter sich in der Küche zu schaffen. Linda schnappte nach Luft.

„Wo ist denn dein Erich?“, versuchte ich, die Lage zu entschärfen. Für den Nager kam ohnehin jede Hilfe zu spät.

„Der ist abgereist.“

„Wegen der Hamsterpanne?“ Da Linda der Nachrichtenfrust zu überwältigen schien, nahm ich das Gespräch in die Hand.

„Nein, natürlich nicht.“ Mutter hatte sich vom Treppensteigen erholt und riss scheppernd drei tiefe Teller aus dem Schrank. Überraschend flink verschwand sie damit im Esszimmer.

„Mum, jetzt bleib doch mal stehen und sag uns endlich, was los ist!“ Ich sauste hinter ihr her und verstellte ihr den Rückweg.

„Wir brauchen noch Löffel“, bemerkte sie trocken.

„Nix da. Erst den Lagebericht, dann essen.“

Mutter seufzte. „Erich musste weg, weil seine Tochter ihren Ehemann vor die Tür gesetzt hat und jetzt mit Kind und Kegel vor den Trümmern ihrer Existenz steht.“

„Au Backe.“ Mehr fiel mir dazu nicht ein.

„Das kannst du laut sagen. Darf ich jetzt die Suppe servieren?“

„Hat die nicht gerade ihr zweites Kind bekommen?“, mischte Linda sich ein. Den Verlust des Hamsters hatte sie offensichtlich verwunden.

„Die Henne in meiner Suppe? Wer weiß das schon …“, brummte Mutter und drängte sich an uns vorbei in die Küche.

Linda ließ sich nicht abschütteln. „Quatsch, die Tochter natürlich. Wie hieß die noch gleich?“

Mutter hielt kurz inne. „Bärbel.“

„Wieso hat sie ihren Mann denn rausgeschmissen?“, fragte ich neugierig.

„Weil sie doof ist.“ Energisch griff Mutter nach der Suppenkelle und nahm den Topf vom Herd. „Hat vor zwei Monaten entbunden und meint, alles alleine schaukeln zu können: das Baby, ihren zweijährigen Sohn, den Lebensunterhalt für sich und die Kinder. Und drei Mal darfst du raten, wer jetzt die Feuerwehr spielt …“

„Erich“, vermutete ich.

„Richtig, der Papa soll’s richten. Vorbei das süße Rentnerleben. Nix mehr Ibiza und Lugano, Kinderhüten in Freising ist angesagt.“ Mutter schnaubte und begann schwungvoll, die Suppe auf unsere Teller zu verteilen.

„Immerhin liegt das in der Nähe von München“, warf ich ein, „da können wir uns demnächst zum Familienpicknick treffen.“

„Das kannst du vergessen. Die Madame hat bereits angekündigt, das Haus zu verkaufen und zum Papa nach Hamburg zu ziehen.“

„Der sich wahrscheinlich nicht einkriegt vor Freude, dass er die Kleinen dann ganz bei sich hat“, bemerkte Linda und pustete in die dampfende Suppe auf ihrem Löffel.

„Das meinst auch nur du“, entgegnete Mutter düster, „weil die böse Stiefoma das nämlich verhindern wird.“

Aus Erfahrung wusste ich, dass Bärbel sich angesichts dieser Drohung besser warm anziehen sollte. Sehr warm. „Und was genau willst du dagegen unternehmen?“

„Na, was wohl? Ich werde mich in Freising einquartieren und den Laden dreimal am Tag kräftig durchwischen.“

„Ich kann dir meinen Hexenbesen borgen, der reinigt besonders gründlich!“ Linda hatte ihre gute Laune wiedergefunden.

„Danke, ich habe selbst zwei im Schrank“, konterte Mutter.

„Was hat der Typ denn ausgefressen, dass Bärbel den Fehdehandschuh wirft?“

„Wahrscheinlich ist er fremdwischen gegangen“, vermutete ich.

„Aber so was von“, grinste Mutter, „er hat mindestens vier Besen während ihrer Schwangerschaft verschlissen.“

Linda pfiff durch die Zähne. „Das nenne ich mal einen echten …“

„Putzteufel?“, ergänzte ich.

„Powerreiniger wollte ich sagen …“, prustete sie.

Ausgelassen löffelten wir Mutters köstliche Hühnersuppe und bemerkten dabei nicht, wie Lukas sich mit seiner neuen Flamme an uns vorbei in sein Zimmer stahl und Kater Fips sich auf den Weg zu Nachbars prächtiger Blumenrabatte machte.

Linda hatte nicht übertrieben: Ihr kleiner Garten war ein Hort purer Lebensfreude.

Am Eingang begrüßte uns ein leise plätschernder Brunnen, der bestimmt auch als Vogeltränke gut ankam. Große Kleckse aus Dahlien, Anemonen und Bechermalven riefen nach krabbelnder Kundschaft. Im knallbunten Potpourri ließen sich dennoch Strukturen erkennen, die meine Schwester – wie ich vermutete – der chinesischen Farbenlehre entnommen hatte. Den Insekten schien’s zu gefallen. Es flatterte, summte und brummte an allen Ecken und Enden.

Eine Weile beobachtete ich die von Segelfaltern umschwärmten Lavendelblüten. Bis der Jetlag mich niederstreckte und ich in die Polster einer wuchtigen Holzliege unter eine kleine Zierkirsche sank. Da das Bäumchen nur wenig Schatten spendete, raffte ich mich noch einmal auf und zog mich bis auf die Unterwäsche aus, um die Hitze besser ertragen zu können.

Rasch verteilte ich die Sonnencreme, die Linda mir vor ihrem Aufbruch in die Basler City gegeben hatte. Schließlich wollte ich nicht als Brathähnchen enden, sollte der Schlaf mich übermannen.

Am ganzen Körper wie eine Weihnachtskugel glänzend, ließ ich meine Gedanken schweifen. Mutter war am Morgen in den Zug nach München gestiegen, um ihrer Antagonistin den Krieg zu erklären. Ich fragte mich, was Bärbel angesichts der nahenden Stiefhexe empfand. Große Freude wohl nicht. Aber wie meine Schwester schon sagte: Wer Elise wollte, musste auch Erich nehmen, was umgekehrt ebenso galt. Klar war, dass Mutter ihren Besen auf Hochglanz poliert hatte. Im Gegenzug würde das Bärbelkind alle Register ziehen, um sich Papas Unterstützung zu sichern. Kurzum, der Stoff, aus dem Familiendramen gemacht sind.

Gerade hatte ich beschlossen, den Freisinger Hexenkessel großräumig zu meiden und das Thema erst mal ad acta zu legen, als das Liebesspiel zweier Kohlweißlinge, die sich neckend in luftige Höhen schraubten, meine Aufmerksamkeit erregte.

Träge folgten meine Augen dem lustigen Flug der Falter.

Da wehte, scheinbar aus der Ferne, eine leise Stimme zu mir herüber.

„Ma-ri-ella …“

Verwirrt richtete ich mich auf und lauschte angestrengt.

Nichts.

Muss wohl der Wind gewesen sein, dachte ich.

„Der Wind … so ein Unsinn!“ Da war die Stimme wieder. Laut und deutlich diesmal.

Erschreckt blickte ich mich um.

„Hier bin ich.“

„Wo ist hier?“, fragte ich in die Richtung, in der ich den Sprecher vermutete.

„Na, hinter dir, in den Rosen.“

Ich kniff die Augen zusammen, um im Schatten der Sträucher etwas erkennen zu können. Tatsächlich, da saß sie.

„Die Rosenfee, ich fass’ es nicht!“ Zögernd stand ich auf, um mich dem zierlichen Wesen zu nähern. „Meine Güte, das ist eine Ewigkeit her!“

Das glockenhelle Lachen plätscherte wie Regen in meine Ohren.

„Was ihr Menschen so Ewigkeit nennt … Aber ich gebe zu: Du hast dich etwas verändert seit unserem letzten Treffen.“

„Etwasverändert?“ Ich schüttelte den Kopf über die schamlose Untertreibung. „Damals war ich zehn.“ Nachdenklich betrachtete ich die ätherische Erscheinung. „Duhast dich jedenfalls nicht verändert.“ Noch immer winzig, mit braunem Kurzhaar, rot schimmerndem Kleidchen und frechem Spitzbubengesicht, dachte ich.

„Hey, das hab’ ich gehört!“, schimpfte die Elfe und schlug gereizt mit ihren Flügeln.

„Ich weiß, aber ich konnte den Gedanken nicht aufhalten, er ist mir, schwupps, einfach durchgerutscht. Bitte entschuldige.“

„Entschuldigung angenommen.“ Rosenfee nickte gnädig und ließ sich auf einer Blüte mir gegenüber nieder.

Eine Weile sahen wir uns stumm an. Ich versuchte, mein Gehirn zu leeren und keine unbedachten Gedanken mehr aufsteigen zu lassen.

„Was verschafft mir die Ehre?“, wagte ich schließlich zu fragen.

„Das würdest du gerne wissen“, neckte sie mich, „und soll ich dir was sagen?“, sie grinste entwaffnend, „ich werde es dir verraten.“

Der drollige Anblick brachte mich zum Lachen. „Na dann bitte, ich höre.“