Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Charlotte betreibt mit ihren besten Freundinnen Louisa und Sarah eine kleine, florierende Bäckerei in einem Dorf in Süddeutschland. An ihrem 30. Geburtstag erfährt sie, dass ihr französische Großmutter ihr ein Landgut in der Provence vererbt hat. Charlies beschauliches Leben erfährt eine plötzliche Wende und sie stolpert von einer Überraschung in die nächste. Um die Großmutter scheint sich ein Geheimnis zu ranken, sie hat keine Ahnung, was sie mit einem Gut in Frankreich anfangen soll. Zu allem Überfluss ist Vincent, der Gutsverwalter, ein attraktiver Mann, der Charlies Herz stolpern lässt. Sie steht vor bedeutenden Entscheidungen und sucht mutig ihren Weg.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 903
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
IMPRESSUM
Hey Charlie…
Antje Maichl
©2024 Antje Maichl
Alle Rechte vorbehalten.
Autor: Antje Maichl
Wegenerstr. 1-2, 10713 Berlin,
ISBN: 20036367
Krachend schlägt die Haustür zu. Charlotte hüpft die Treppen ihres Häuschens hinab. Sie saugt die noch kalte Frühlingsluft ein, die nach feuchter Erde, nassem Laub und den ersten zarten Blumen duftet. Es ist noch sehr früh am Morgen, die Kirchturmglocke schlägt vier Mal. Entlang des Gartenweges kann sie im Dunkeln Narzissen, Primeln und Schneeglöckchen erahnen. Sie freut sich auf den nahenden Frühling und die helle Jahreszeit. Lächelnd setzt sie ihren Weg fort und lauscht der kraftvollen Stimme des Sängers der Band Nickelback, die ihr in den Ohren dröhnt.
Als Bäckerin ist sie das frühe Aufstehen gewöhnt und sie hat die Morgen-stunden lieben gelernt. Charlotte läuft eiligen Schrittes durch das noch schlafende Dorf, nur ab und an bellt ein Hund. Steinhagen ist ihre Heimat, ein kleines Dorf in Süddeutschland. Hier hat sie ihre Kindheit und Jugend verbracht und kennt nahezu jeden Einwohner.
Von weitem winkt ihr Michel zu, der Zeitungsausträger, bevor er hinter der nächsten Biegung verschwindet. Charlotte erwidert den Gruß und sie genießt das spontan aufkommende Gefühl von Verbundenheit und Vertrautheit. Jedes Gässchen und jedes Gebäude, das sie auf dem Weg in Richtung Dorfmitte erblickt, kennt sie in- und auswendig. Sie lässt den Blick über die gepflegten Fachwerkhäuser wandern, die links und rechts die Straße säumen.
Charlotte lächelt, als sie sieht, dass bei Bauer Mayer das Licht in der Küche angeht, taucht ihre Hand kurz in das kalte Wasser des Dorfbrunnens, überquert den Marktplatz und erblickt bereits das Ladenschild: „Die kleine französische Bäckerei“. Immer noch lässt das bronzene Schild mit den schwarzen verschnörkelten Lettern ihr Herz höherschlagen. Sie betreibt ihr Unternehmen gemeinsam mit ihren besten Freundinnen Louisa und Sarah. Es sind junge Frauen, die sie ihr Leben lang kennt, und zusammen sind sie ein Trio, das schon in Kindertagen unzertrennlich war. Gegenüber befindet sich die Dorfkneipe „Zum Krug“, nebenan die Apotheke und der Dorfarzt, direkte Nachbarn sind der kleine Krämerladen von Hans und Meike sowie Erikas Blumenoase.
Hier im beschaulichen Süddeutschland fühlt sich die Welt noch in Ordnung an. Man kennt einander, tauscht den neuesten Klatsch aus und jedermann weiß, wer ein Kind erwartet, eine Affäre hat, krank ist oder sich gerade um was auch immer streitet. Das Dorfleben kann mitunter mühevoll sein, da sich die Dorfbewohner anscheinend mehr für alle anderen interessieren als für sich selbst. Jedoch möchte Charlotte das Zusammengehörigkeitsgefühl nicht missen. Wenn nötig steht das ganze Dorf zusammen und hat gemeinsam bereits die eine oder andere Herausforderung gemeistert. Die Steinhagener sind stolz auf ihren Ort, besonders auf ihre Bäckerei, die ein Hauch von Frankreich ins Ländle bringt – krosse Baguettes, kräftiges Pain de Campagne, französisches Landbrot, buttrige Croissants und süße, weiche Brioches.
Im Vorbeigehen wirft Charlotte einen Blick durch die großen Ladenfenster und sieht die gläserne Vitrine, die so früh am Morgen bis auf etwas Dauergebäck und Louisas kunstvolle Pralinen noch leer ist. Dahinter befinden sich die langen Reihen von Holzregalen, in der später die Brote und Brötchen in großen geflochtenen Körben angeboten werden. Der gemauerte Verkaufsraum ist rustikal gestaltet mit viel Holz und bronzenen Kronleuchtern, die für eine warme und behagliche Atmosphäre sorgen. Im rechten Bereich befinden sich Tische aus dunklem Holz, an denen sich die Kunden niederlassen können, um eine Tasse heiße Schokolade und Petit Fours zu genießen. Lavendelfarbene Tischdecken und lindgrüne Sitzkissen sorgen für fröhliche Akzente. Die getöpferten Blumenvasen, Milchkännchen und Zuckertöpfchen runden den urban-gemütlichen Stil des Cafés ab. Frische Blumen werden im Laufe des Tages von Erika geliefert.
Zufrieden biegt Charlotte um die Ecke und betritt die Bäckerei durch die Hintertür. Hier ist ihr Reich – die Backstube. Viele Stunden hat sie hier mit ihrer Großmutter Fanny verbracht. Sie ist bei ihr aufgewachsen, nachdem ihre Eltern bei einem tragischen Verkehrsunfall tödlich verunglückt sind. Charlotte war damals fünf Jahre alt. Ihre Eltern verbrachten ein Wochenende in den Bergen zum Skilaufen. Auf der Rückfahrt bei Eis und Schnee kam der Wagen ins Rutschen, durchbrach die Leitplanke und stürzte eine steile Schlucht hinunter.
An manchen Tagen befürchtet Charlotte, sich nicht mehr an ihre Eltern erinnern zu können. Oma Fanny hielt die Erinnerung mit vielen Geschichten lebendig, doch auch sie verstarb vor vier Jahren. Das zweiundneunzigjährige Herz wollte nicht mehr weiterschlagen. Charlotte vermisst sie immer noch jeden Tag. Aber hier in der Backstube ist sie ihr ganz nah. Von ihrer Großmutter hat sie die Backkunst gelernt und während ihrer Ausbildung in Paris vertieft. Ihr verdankt sie auch ihre perfekten Französischkenntnisse.
Sie schaltet das Licht an, schnappt sich ihre Schürze vom Haken und heizt die großen Backöfen mit ihren vielen Klappen ein. Im Holzbackofen entzündet sie das vorbereitete Feuer. Sofort erfüllt der Geruch feinen Birkenrauches die Backstube. Sie nimmt den vorbereiteten Teig für die Baguettes, den sie bereits am Vortag zubereitet hat, aus der Kühlung. Das Geheimnis eines krossen, luftigen Baguettes liegt darin, den Teig drei Mal gehen zu lassen. Schnell wirft sie einen Blick auf die Bestellungen des Tages und stöhnt. Ein langer Arbeitstag steht ihr bevor. Der Erfolg erfüllt Charlotte zwar mit Stolz und Freude, da die Produktpalette mit der Verwendung von natürlichen, biologischen Zutaten den Back-to-the-roots-Zeitgeist trifft, allerdings kommen die drei Freundinnen langsam an ihre Belastungsgrenze. Zusätzlich zum wöchentlichen Markt in der nächsten Stadt werden Restaurants und Hotels beliefert. Die Liste der regelmäßigen Kunden, die größere Mengen abnehmen, wird immer länger. Dazu kommen die Stammkunden, die in der Zwischenzeit auch einen langen Anfahrtsweg nicht mehr scheuen. Es tut gut zu wissen, dass sich Qualität durchsetzt, aber das Thema zusätzlicher Unterstützung muss in der nächsten Teamrunde dringend besprochen werden. Während die ersten Brötchen, Baguettes und Croissants im Ofen sind und ein köstlicher Duft durch die Backstube zieht, kommt Louisa herein.
»Guten Morgen, Charlie! Na, wieder volles Programm heute?«
Charlotte blickt auf und lächelt ihre Freundin an. Sie lässt ihren Blick von den perfekt gestylten schwarzen Haaren, die Louisa bis über die Schultern reichen, über die mit Eyeliner und goldglitzerndem Lidschatten betonten, grünen Augen bis hin zu den rosaglänzenden Lippen wandern. Mit ihrer schwarzen, eleganten Hose und der fluffigen, fliederfarbenen Chiffonbluse sieht Louisa aus, als würde sie zu einer Cocktailparty gehen und sich nicht gleich der Herstellung von Eclairs und Himbeertörtchen mit Baiser widmen. Grüne Ballerinas vervollkommnen den feenhaften Anblick.
Louisa ist die Elegante ihres Trios und hat viel Ähnlichkeit mit ihren detailverliebten süßen Kreationen. Charlotte hingegen ist der sportliche Typ und fühlt sich in Jeans, Shirt und Sneakern am wohlsten. Ihre honigblonden Locken fallen unbändig bis zu den Schultern, die Stupsnase ist voller Sommersprossen, der breite, volle Mund ungeschminkt. Das einzige Zugeständnis an die Kosmetikindustrie ist etwas Wimperntusche, um ihre großen dunkelbraunen Augen zu betonen. Ihre Wangen sind stets voller Mehl, im Haar klebt gerne auch etwas Teig.
»Morgen Louisa, ja wieder ein voller Arbeitstag. Aber das ist gut so. Was steht bei dir heute an? «
»Für Müllers vom Brattenhof muss ich die Schokoladentorte für Hannahs 40. Geburtstag backen, dann noch die Petit Fours für das Schlosshotel. Ansonsten der normale alltägliche Wahnsinn. Ich lege am besten gleich los, bevor unsere Sarah Druck macht, dass die Vitrinen im Laden nicht bestückt werden können. Und wehe, Gustav bekommt sein Eclair nicht pünktlich zum Frühstück. Das würde ich vermutlich nicht überleben.«
Beide lachen und denken an Gustav, den Dorfpolizisten, der pünktlich um zehn Uhr seine tägliche Pause im Café einlegt.
Charlotte mischt die Zutaten für das beliebte Pain au Campagne, ein kräftiges dunkles Brot. In den würzigen Duft von Brot mischt sich nun der herbe Geruch geschmolzener Schokolade, feiner Vanille und Zimt. Louisa hat ihren Bereich der Patisserie nebenan, durch eine Schwingtür abgetrennt, sodass beide in Ruhe arbeiten können.
Charlie gönnt dem Teig eine Pause, holt die Brioches und die kleinen Pains au Lait aus dem Ofen und lässt sie abkühlen. Nun steht noch das Pain de Provence, verfeinert mit Lavendelblüten und Fenchelsamen auf der Liste, ebenso das Pain au Noix, ein Walnussbrot, das köstlich zu Käse schmeckt.
Laute Musik dröhnt aus dem Verkaufsraum und Charlotte weiß, dass gleich Sarah zwischen den Vitrinen und Brotkörben hin und her wirbeln wird. Schon kracht die Schwingtür an die Wand und die dritte Freundin und Geschäftspartnerin stürmt in die Backstube. Die Hände in die Hüften gestemmt, die veilchenblauen Augen prüfend auf die Abkühlroste gerichtet, rümpft sie ihre aristokratische Nase und verzieht den üppigen Mund.
»Sind denn die Roggenbaguettes noch nicht fertig? Die sollen um sieben Uhr ausgeliefert werden. Tom scharrt schon mit den Füßen.«
Tom ist ein rüstiger Rentner, der den Lieferdienst seit vielen Jahren übernimmt und durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist. Fragt sich, wer da mit den Füßen scharrt. Dabei fährt sich Sarah durch das strubbelige blonde Kurzhaar und klopft ungeduldig mit ihrem linken Fuß, heute in roten Cowboystiefeln, auf den Boden.
»Auch dir einen guten Morgen, Sarah. Alles fertig, nur keine Aufregung. Die Brote stehen im Nebenraum, da ich hier keinen Platz mehr hatte. Schlechtes Date gestern Abend?«
Sarah schnaubt und rollt die Augen. Sie hat ein Händchen für Männer, die sie unglücklich machen, was auch daran liegen könnte, dass sie sich innerhalb von wenigen Minuten unsterblich verlieben kann. Mit ihren dreiunddreißig Jahren ist sie die Älteste des Trios und der Meinung, sie höre ihre biologische Uhr so laut ticken wie die Glocken von Notre Dame. Louisa und Charlotte machen sich immer wieder einen Spaß daraus, sie zu ärgern, indem sie Sarah bitten, sie solle doch noch einige Männer im Internet für die Konkurrenz übriglassen.
»Ein unglaublicher Langweiler. Hat stundenlang über Bohrsysteme und die Faszination irgendeiner Hightech-Geschichte erzählt. Sehe ich aus, als hätte ich Ingenieurwesen studiert? Er hatte deutlich mehr auf den Rippen als das Foto vermuten ließ. Am schlimmsten waren die Speichelfäden, die er beim Sprechen zog. Das Haar war schütter und schlecht frisiert. Der totale Reinfall!«
»Könnte am schütteren Haar liegen«, erwidert Charlie grinsend.
»Nein, der ganze Typ passte nicht. Außerdem hatte er feuchte Hände.« Bei dieser Erinnerung schüttelt es Sarah, während sie beginnt, Brot und Brötchen in die Weidenkörbe zu schichten.
»Ich glaube, ich lege eine Dating-Pause ein.«
»Diesen Satz habe ich schon oft gehört, meistens hattest du ihn achtundvierzig Stunden später wieder vergessen«, entgegnet Charlie und zieht dabei eine Braue hoch.
Sarah schnaubt und ihr Blick fällt auf die Uhr. »Wenn Janina heute wieder zu spät kommt, ziehe ich ihr die Ohren lang, von hier bis zum Rathaus. Seit sie in diesen Jungen verliebt ist, starrt sie nur noch träumerisch aus dem Fenster und übersieht die Kundschaft. Allerdings ist sie mit Liebeskummer noch schwerer zu ertragen.«
Mit diesen Worten verschwindet sie durch die Schwingtür, um sogleich mit den nächsten leeren Weidenkörben wieder anzurauschen. Nahtlos fährt sie mit ihrer Tirade fort.
Charlotte lächelt vor sich hin, während sie Laugenbrezeln formt, die in keiner Bäckerei in Süddeutschland fehlen dürfen. Sie kann nicht umhin, über die Unterschiedlichkeit ihrer Freundinnen und Geschäftspartnerinnen nachzudenken, die dadurch das perfekte Team ergeben, auch wenn die Zusammenarbeit nicht immer reibungsfrei verläuft. Sarah, die Temperamentvolle, energiegeladen und voller Tatendrang, wortgewaltig, robust und mitten im Leben stehend. Ihre scharfe Zunge bekommt jede von ihnen regelmäßig zu spüren. Sie hat den Verkauf und das Café fest im Griff und vor allem fest im Blick. Böse Zungen behaupten, sie hätte Augen am Hinterkopf. Ihr entgeht nichts, sehr zum Leidwesen von Janina, der siebzehnjährigen Auszubildenden, die lieber die langen blonden Haare ordnet und ihren Lippenstift nachzieht, als würde es keine Kunden geben und als hätte sie alle Zeit der Welt. Sarahs fröhliches Lachen lässt den Laden erbeben und ihr trockener Humor ist treffsicher und mitunter bissig.
Louisa ist das komplette Gegenteil – sanft, freundlich, zurückhaltend und empathisch. Sie ist die Ausgleichende, liebt Harmonie und sorgt für die notwendigen Kompromisse. Ihr strahlendes Lächeln und ihre sanfte Stimme verzaubern auch den miesepetrigsten Kunden. Erscheint sie im Laden, zieht sie sofort die Blicke der männlichen Kundschaft im Alter von sechs bis sechsundneunzig auf sich. Ihrer Schönheit ist sie sich dabei nicht bewusst, was sie nur noch anziehender macht. Ihr Perfektionismus bringt Charlotte und vor allem Sarah, die gerne mal Fünfe gerade sein lässt, immer wieder an ihre Grenzen. Aber Louisa trägt maßgeblich zur Qualität und zum guten Ruf der Bäckerei bei. Charlotte pendelt mit ihrer lebensfrohen, optimistischen Art zwischen den Freundinnen hin und her. Ihre Unkompliziertheit, ihr erfrischender Humor und ihre herzliche Art führen dazu, dass sie gerne unterschätzt wird. In ihren ausdrucksvollen, wachen Augen blitzt Intelligenz und ein scharfer Verstand. Ihre strukturierte Arbeitsweise und ihr Geschäftssinn haben dazu geführt, dass die Bäckerei floriert und erfolgreich ist.
»Das perfekte Team«, denkt Charlotte, während sie die Zutaten für die letzte Brotsorte des Tages mischt: das Cereale – ein aromatisches, hellbraunes Brot, bestehend aus acht Mehlsorten. Der Teig für die zweite Ladung Baguettes geht auf und Charlotte ist zufrieden mit dem Vormittag.
Auf leisen Sohlen betritt Thelma den Raum. Die Mittvierzigerin mit dem akkurat geschnittenen, hellbraunen Bob und den karamellfarbenen Augen ist die gute Seele der Bäckerei. Sie organisiert das Büro, nimmt die Bestellungen auf, kümmert sich um die Buchhaltung und sorgt für einen reibungslosen Ablauf. Sie erzieht ihre drei Kinder allein und ist ein Multitasking-Talent. Ohne Thelma würde der Betrieb zum Stillstand kommen. Sie verliert nie die Contenance und ist dabei immer guter Laune. Für Charlotte das reinste Wunder. Keine Ahnung, wie ein Mann diese wunderbare Frau für ein flüchtiges Abenteuer verlassen konnte. Freundlich lächelnd sieht Thelma ihr einen Moment bei der Arbeit zu, bricht dabei ein Stück frisches Baguette ab und schnuppert genüsslich daran.
»Charlie, hallo! Du, eben rief der Willy vom Gasthof Krone an. Der Gesangsverein fällt heute Abend bei ihm ein und die trockenen Kehlen verlangen nicht nur nach Bier und Wein, sondern auch nach Quiche Lorraine und Apfeltarte. Jeweils fünf Stück. Bekommst du das noch unter?«
Charlotte stöhnt, denkt an die Vorbereitungen für den morgigen Markttag und verschiebt den Besuch im Fitnessstudio auf. Das passt ihr gut, Sport ist für sie ein lästiges Übel. »Geht klar, Thelma. Alles in Ordnung zu Hause?«, fragt sie.
»Bis auf die Tatsachen, dass Mette ihre Haare schwarz gefärbt hat und seit gestern im Gothiclook durch die Gegend rennt, Felix eine Sechs in Französisch geschrieben hat und Maximilian unbedingt das Zwergkaninchen mit ins Bett nehmen wollte, ist alles im grünen Bereich.«
Charlie lacht auf. Thelma kann nichts so leicht erschüttern, obwohl ihr Leben alles andere als ein Spaziergang ist. Ihre lebhaften Kinder liebt sie heiß und innig.
Sie beschließt, dass es Zeit für eine Pause ist. Mal sehen, ob sie Louisa von der Arbeit losreißen kann. Louisas Arbeitsbereich zu betreten, ist für Charlotte immer noch ein tägliches Erlebnis. Neugierig sieht sie sich um und entdeckt kleine Blätterteigschnitten mit Vanillecreme, Himbeertarteletts mit Zitronencreme, Cassis-Törtchen und Schokomacarons. Louisa beugt sich konzentriert über die marmorne Arbeitsplatte und verziert mit ruhiger, sicherer Hand Petit Fours. Charlie streckt die Hand aus und möchte sich eines der kleinen Kunstwerke schnappen.
»Finger weg, sonst bleiben keine mehr für unsere Vitrine und Sarah liegt mir in den Ohren. Die meisten sind bestellt und gehen an das Schlosshotel«, entgegnet Louisa entschieden.
Charlotte seufzt sehnsüchtig. »Machst du mit mir eine kurze Pause?«
»Ja, noch fünf Minuten. Du kannst mir schon mal einen Café au Lait zubereiten.«
»In Ordnung, ich warte draußen auf der Bank auf dich, wenn diese nicht besetzt ist.«
Charlotte schlendert in den Laden, streicht Janina im Vorbeigehen kurz über den Arm, schnappt sich ein Croissant und wartet, bis die Kaffeemaschine zischend zwei Milchkaffees ausspuckt. Sie lässt ihren Blick durch den Verkaufsraum und das Café gleiten. Der Laden ist gut besucht und sie erkennt die Stammkunden, nach denen sie die Uhr stellen könnte. Mit Kaffee und Croissant in der Hand begrüßt sie bekannte Gesichter.
»Hey, hey Charlie«, tönt es ihr entgegen.
Sie entdeckt Irma und Rudi, ein rüstiges Rentnerehepaar, die am Tisch sitzen. Irma ist vielseitig am Leben der Dorfbewohner interessiert und jederzeit bestens informiert.
»Stell dir vor, bei Lisa und Philipp hat es endlich geklappt! Lisa ist erst in der zwölften Woche und möchte die freudige Botschaft noch geheim halten. Ich freue mich so für meine Schwiegertochter und meinen Sohn. Endlich wieder etwas Kleines im Haus!«, ruft Irma freudig und strahlt Charlotte an. Die grauen Locken wippen eifrig vor Begeisterung.
Ihr Mann Rudi, Kuchenkrümel in Bart und Mundwinkel, lächelt seine Frau nachsichtig an. Er ist mit ihrem Temperament bestens vertraut.
»Das hat ja wunderbar funktioniert mit der Geheimhaltung«, lacht Charlie und zwinkert Rudi zu. »Auch ich freue mich für die beiden. Richte bitte herzliche Grüße aus.«
«Das werde ich machen. Ich sagte Sarah schon, sie soll mir vier von den köstlichen Himbeertörtchen zur Seite legen. Lisa soll jetzt vitaminreich essen und das auch noch für zwei.«
Charlie grinst in sich hinein und tritt vor die Ladentür. Endlich Frühling! Der Winter war dieses Jahr ungewöhnlich lang und erst jetzt, Mitte April, werden die Temperaturen etwas milder. Sie lässt sich auf eine Bank fallen und streckt ihr Gesicht den wärmenden Sonnenstrahlen entgegen. Versonnen schließt sie für einen Moment die Augen und hört dem Gezwitscher der Vögel zu. Dann blickt sie gedankenverloren über die geschwungenen Hügel, auf denen sich das erste zarte Grün zeigt. Oben auf der Schwäbischen Alb liegen noch Schneereste. In sechs Wochen werden die Streuobstwiesen blühen und die Luft ist erfüllt vom schweren Blütenduft und dem Summen der Bienen.
Neben ihr lässt sich Louisa auf die Bank fallen und greift nach ihrem Kaffee. Anstelle eines Croissants hat sie sich einen Apfel gegriffen. Charlies schlechtes Gewissen meldet. Ihre perfekte Freundin, stets kalorien- und gesundheitsbewusst.
»Der Frühling scheint das ganze Dorf aus den Häusern zu treiben. So viel war auf dem Marktplatz schon lange nicht mehr los«, wundert sich Louisa.
Charlie blickt sich um und stimmt ihr zu. »Bald kommen die Wanderer und Radfahrer wieder, auch die Restaurants und Hotels haben wieder mehr zu tun.«
Louisa und Charlie winken und begrüßen Passanten. Auch bei Erika in der Blumenoase herrscht reger Betrieb. Die Kunden erfreuen sich an einer großen Auswahl an Narzissen, bunten Primeln, Hyazinthen und Stiefmütterchen.
»Bei Erika nehme ich heute auch ein paar Frühblüher mit und pflanze sie auf Oma Fannys Grab«, meint Charlotte.
»Hi Charlie, hi Louisa, ihr zarten Feen meiner schlaflosen Nächte«, ertönt es. Vor ihnen steht Jo, ein enger Freund des Trios.
»Hallo Jo! Gibt es etwas zu reparieren oder schaust du einfach so vorbei?«, fragt Louisa und rutscht nervös auf der Bank hin und her.
Charlotte grinst. Jos raubeinige Attraktivität hatte schon immer diese Wirkung auf ihre Freundin. Ob sie sich das irgendwann selbst eingestehen wird?
Louisa, Charlotte und Sarah kennen Jo aus Kindertagen. Der Sozialarbeiter ist handwerklich begabt und arbeitet mit erwerbslosen jungen Menschen, die er unter seine Fittiche nimmt und ihnen eine Chance gibt. Seine heitere und gelassene Art kommt gut an und er wird mit seiner Chaostruppe, wie sie gerne genannt wird, zu fast allen Baustellen im Dorf gerufen. Davon profitieren alle. Die Arbeiten sind günstiger als vom Fachmann und die Jugendlichen lernen etwas fürs Leben und Verdienen dabei ihr erstes eigenes Geld.
»Wir renovieren bei Schulzes die Küche und meine Bande verlangt nach einem ordentlichen Handwerkerfrühstück. Die reinsten Raubtiere«, entgegnet Jo fröhlich. »Außerdem wollte ich dich fragen, Charlie, was du zu deinem Geburtstag planst.«
Charlie lässt sich stöhnend zurückfallen und verdreht die Augen. In zwei Wochen wird sie dreißig Jahre alt und das ganze Dorf scheint sich auf ein Großevent vorzubereiten. Dabei hätte sie gerne ihre Ruhe und würde diesen Tag am liebsten nur mit Louisa und Sarah verbringen. Aber das würde sie sich wochenlang anhören müssen.
»Dieter stellt seine Scheune zur Verfügung, jeder trägt etwas zum Buffet bei und Markus tritt mit seiner Band auf. Du musst also nur noch kommen und dich feiern lassen«, meint Jo verschmitzt. Seine gletscherblauen Augen funkeln. »Ah ja, und Getränke bestellen …«
Bei der Erwähnung von Markus und seiner Band verzieht Louisa das Gesicht, als hätte sie Zahnschmerzen. »Wofür genau wollen wir Charlie mit dieser grauenhaften Musik bestrafen?«, fragt sie.
»So schlimm wird es nicht, meine Schöne. Die Jungs üben fleißig. Außerdem sind sie an Enthusiasmus nicht zu überbieten. Das verdient doch auch eine Würdigung.«
»Typisch Sozialarbeiter!«, sagt Charlotte.
Jo strahlt Louisa an und verschwindet im Laden. Eine zarte Röte überzieht ihr Gesicht.
»Los geht’s, es wartet noch viel Arbeit.« Charlie erhebt sich von der Bank und lässt nochmals ihren Blick über das bunte Treiben schweifen. Manchmal fühlt sie sich nicht wie in Süddeutschland, sondern wie irgendwo in Frankreich, denn aus jedem zweiten Fahrrad- und Einkaufskorb ragt ein Baguette.
Gemeinsam durchqueren sie den Verkaufsraum, Charlie betrachtet einen Moment die Sandwichtheke. Neben kleinen herzhaften Quiches bieten sie hier auch üppig belegte Brote mit Frischkäse und Rucola an, Bagels und Tramezzini. Sarahs Fantasie kennt keine Grenzen, wenn es um originelle Brotbeläge geht. Zufrieden betrachtet sie die lange Schlange, die sich davor gebildet hat. Ein deutliches Zeichen, dass die Mittagszeit naht.
Louisa hat sich bereits in ihr Reich zurückgezogen und auch Charlotte arbeitet routiniert weiter. Sie mischt den Teig für eine Reihe von Tartes und Quiches, die morgen auf dem Markt angeboten werden. Heute entscheidet sich Charlie für Birnen-, Apfel- und Walnusstartes. Das Programm wird wieder umfangreicher, sobald die Obstsaison beginnt. Der Schwerpunkt liegt momentan auf herzhaften Varianten wie Meeresfrüchtequiches, Kürbis-Fenchel-Quiches mit Weintrauben, Käse- und Pilztartes. Ihr spuken einige neue Kreationen im Kopf herum, aber diese müssen warten.
Sie holt die letzten Baguettes aus dem Ofen, säubert die Arbeitsplatten und Gerätschaften und wirft noch einen Blick auf die Bestellungen für morgen. Sie ist gerne gut vorbereitet und mag Überraschungen nicht sonderlich. Thelma hat noch einiges hinzugefügt. Nachdem Charlie die Brot- und Brötchenteige für den nächsten Tag vorbereitet hat, hängt sie ihre Schürze an die Garderobe, wirft ihre braune Lederjacke über und verabschiedet sich von Louisa.
»Hast du heute noch was vor?«, fragt diese, ohne von ihrer Arbeit aufzublicken.
»Ich möchte noch zum Friedhof, dann hole ich mir bei Alessandro Pasta Vongole, trinke ein Glas Lambrusco und dann folgen die drei Bs – Badewanne, Buch, Bett. Und du?«
Louisa lacht. »Würde ich auch gerne, aber ich habe meiner Mutter versprochen, sie in die Stadt zu begleiten. Sie braucht ein Outfit für was auch immer«, seufzt sie. Dabei ist ihr anzusehen, dass sie sich auf die Shoppingtour freut.
Louisa ist die Jüngste, ihre drei älteren Brüder vergöttern sie und sie liebt ihre große, lärmende Familie mit unzähligen Vettern, Cousinen, Tanten und Onkeln. Ihr Vater, Dr. Hans Wagner, der Dorfarzt, wird von allen geschätzt. Ebenso ihre Mutter Lotte, deren Tür stets so weit geöffnet ist wie ihr Herz. Zu jeder Tageszeit sieht sie aus, als käme sie direkt vom Fotoshooting für eine Modezeitschrift.
Charlie schaut noch schnell bei Sarah vorbei, die einem Kunden die verschiedenen Brotsorten erklärt. Ihr Blick signalisiert, dass sie keine Zeit hat, und sie winkt Charlie nur kurz zu.
»Morgen Mädelsabend«, ruft Charlie noch schnell.
Sarah nickt. Der Gedanke an Pizza mit doppelt Käse und Wein ist verlockend. Dazu Frauengespräche, Gelächter, Witze und Vertrauen.
Der Arbeitstag steckt Charlotte in den Knochen. Sie überlegt, die Pflanzaktion auf morgen zu verschieben. Aber was ist morgen anders? Entschlossen steuert sie Erikas Blumenoase an und sucht sich lilafarbene Stiefmütterchen, rosa Primeln und Narzissen aus. Die roten Minitulpen vollenden ihren Einkauf.
Erika bindet gerade einen bunten Frühlingsstrauß, blickt auf und winkt Charlie zu, die Gartenschere in der Hand. »Moment noch Charlie, ich bin gleich für dich da. Heute scheint halb Steinhagen im Garten zu buddeln.«
Die burschikose Erika, klein, drahtig, die wilde braune Haarmähne zu einem unordentlichen Knoten zusammengebunden, ist in ihrem Element. Frühling bedeutet Farbenpracht, Fülle und neues Leben. Erikas gute Laune ist so ansteckend, dass sie auf die Kundinnen überspringt. Sogar die Blumen scheinen ihr lächelnd die Köpfe zuzuneigen.
»Hast du was Schönes für deinen Garten gefunden?«
»Ja, aber ich wollte Omas Grab neu bepflanzen. Sie hat ihren Garten so geliebt und über die bunten Blumen wird sie sich bestimmt freuen«, antwortet Charlie ein wenig melancholisch.
Oma Fanny fehlt. Sie war bis zu ihrem Tod stets Charlies wichtigste Bezugsperson.
Erika drückt sie an sich. »Klar freut sie sich. Ich packe dir die Pflanzen noch für den Transport ein.«
Charlie geht über den Marktplatz, überquert den Kirchhof und betritt den Friedhof. Sie geht den ordentlich geharkten Kiesweg entlang, an alten Grabstätten vorbei und erreicht das Grab ihrer Großmutter, das unter einer großen Linde liegt. Ein marmorner, filigraner Grabstein mit schlichten Lettern verweist auf die Verstorbene. In der Mitte des Grabes wächst ein kleiner Aprikosenbaum, gesäumt von Lavendel. Beides waren Fannys Lieblingspflanzen.
Während Charlie Oma Fanny von ihrem Alltag erzählt, entfernt sie getrocknetes Laub und abgestorbene Pflanzen. Schnell ist alles an Ort und Stelle, nun noch eben gießen und einen Moment in Erinnerungen schwelgen. Oma Fanny, wie sie im Garten arbeitet, ihre Lieblingsbeschäftigung, beim Kochen von Marmelade, Backen von Crêpes und Vorlesen ihrer Lieblingsgeschichten. Immer ein Lächeln auf dem Gesicht, den Blick voller Liebe und Verständnis. Oma Fanny war ihr sicherer Hafen. Nur mühsam und mit viel Schmerz konnte Charlie sie langsam loslassen.
»Bonne nuit grand-mère, à bientôt«, flüstert und eilt durch die stiller werdenden Gassen des Dorfes.
Bei Alessandro, ihrem Lieblingsitaliener, macht sie Halt. Natürlich hat er keine allzu große Konkurrenz um den Posten ihres Lieblingsitalieners, denn es gibt kein weiteres italienisches Restaurant im Ort. Sie stößt die Tür auf und wird von einer Duftwolke nach Knoblauch, Tomaten und Basilikum eingehüllt.
»Charlie, va bene?«
Der stämmige Wirt strahlt sie an.
»Ja, alles gut und bei dir?«
»Nicht ganz so. Maria hat einen Hexenschuss und kann heute nicht kochen. Emanuela gibt ihr Bestes, aber la mia mamma macht einfach die beste Pasta.« Alessandros Blick drückt Bedauern und Sorge aus. Aber er hat Recht, Maria kocht göttlich.
»Das stimmt eindeutig. Ich wünsche ihr gute Besserung. Aber es ist schon eine Leistung, mit fünfundsiebzig Jahren noch jeden Tag in der Küche zu stehen. Irgendwann wird sie den Stab an deine Emanuela weitergeben müssen.«
»Italienische Mammas sind stur und zäh. Sie wird wohl den Kochlöffel bis zum letzten Atemzug schwingen und Gott damit drohen, dass sie jetzt keine Zeit zum Sterben hat. Die Gnocchi wären noch nicht fertig.«
Alessandro und Charlotte lachen herzlich bei dieser Vorstellung, die Mamma Maria treffend charakterisiert.
»Buon Appetito, Charlie.« Alessandro überreicht ihr die Spaghetti.
Charlotte bedankt sich und schlüpft durch die Tür in die kühle Luft des frühen Abends. Über die letzten Meter den Hügel hinauf zu ihrem Häuschen wird ihr flau vor Hunger. Sie betrachtet das kleine Backsteinhaus mit den weißen Sprossenfenstern und freut sich auf einen gemütlichen Feierabend.
Die Spaghetti füllt sie in eine tönerne Schale, gibt reichlich Parmesan darüber, schenkt sich ein Glas Rotwein ein und macht sich noch die Mühe, die schlanke Kerze auf dem Esstisch zu entzünden. So viel Zeit muss sein, denkt sie und lässt sich müde auf einen Stuhl sinken. Sie lebt zwar allein, legt jedoch Wert darauf, dies mit Stil zu tun.
Nach dem Essen geht sie die naturbelassene Holztreppe hinauf in das Dachgeschoss und betritt ihr Badezimmer. Die weiße Klauenbadewanne mit den goldenen, altmodischen Armaturen ist einer ihrer Wohlfühlorte. Sie gibt großzügig Lavendelöl in das Badewasser und lässt sich wohlig seufzend in das warme Wasser gleiten. So ist die Welt in Ordnung, denkt sie und greift nach dem neuesten Krimi von Anne Mette Hancock.
Charlotte beschließt heute, nach einem arbeitsintensiven Tag, den späten Nachmittag in ihrem Garten zu verbringen. Samstags ist Markttag in Großheidach, der naheliegenden Kreisstadt, und Louisa und Charlie hatten das doppelte Programm. Der Stand wird von Frieda betreut, einer quirligen Mittfünfzigerin, und von Victoria, die sich im Studium befindet, bevor sie auf Grundschülerinnen und -schüler losgelassen wird. Die beiden sind ein eingespieltes Team und arbeiten seit Jahren für die Bäckerei.
Sonntags bleibt das Geschäft geschlossen. Das ist zwar in der heutigen Zeit nicht mehr üblich, in der alles jederzeit verfügbar sein muss, aber das Trio hat beschlossen, dass der Arbeitsaufwand nur so langfristig zu stemmen ist.
Charlotte macht sich noch eine Tasse grünen Tee und schlendert damit durch den Garten. Die Sonne wärmt bereits und die ersten Bienen summen durch die Luft. Der Garten ist groß; im rückwärtigen Teil befinden sich Hochbeete, die auf die überfällige Aussaat von Karotten, Radieschen, Porree und Erbsen warten. Später im Mai kommen noch Tomaten, Gurken, Zucchini und allerlei mehr dazu. Auch das große Gewächshaus ist noch zur Hälfte verwaist.
»Mehr Zeit müsste man haben«, sagt Charlie zu sich selbst. Sie nimmt sich vor, bei Erika Salat- und Gemüsesetzlinge zu kaufen. Für manche Pflanzen ist es tatsächlich schon etwas spät. Aber sie ist sich der Unterstützung von Jo sicher, der sich hin und wieder auch um ihren Garten kümmert. Im Geräteschuppen sucht sie die benötigten Geräte zusammen.
Charlie macht sich daran, die Erde aufzulockern, reichert diese mit Kompost an und zieht Furchen für die Aussaat. Gartenarbeit entspannt sie und sie fühlt sich im wahrsten Sinne des Wortes geerdet. Ihre Gedanken wandern zu ihrer Oma Fanny. Früh hatte Charlie ihre eigene kleine Harke und wurde belehrt, welche Pflanze wie gepflegt werden müssen. Ähnlich wie beim Backen hatte Oma auch hierin umfangreiche Kenntnisse und verbrachte jede freie Minute im Garten. Fannys Geduld und Fürsorge bescherten jedes Jahr eine reiche Ernte. Das Obst und Gemüse, das sie nicht für den Eigenbedarf benötigte, wurde in der Bäckerei verarbeitet. An diesem Prinzip hält auch Charlotte fest. Sie arbeitet strukturiert, und schnell sind zwei Hochbeete bestückt. Auch im Gewächshaus bereitet Charlie die Erde vor. Hier ist die Luft tropisch und vom schweren Duft der Südfrüchte erfüllt. Fanny experimentierte gerne und pflanze Orangen-, Zitronen-, Avocado- und Olivenbäume. In den letzten Jahren waren Vanillepflanzen ihre neueste Entdeckung. Das Gewächshaus ist groß genug für kleine Bäume, die jedoch regelmäßig zurückgeschnitten werden müssen. Vanille wächst in Ranken, die großen grünen Schoten werden blanchiert und anschließend in der Sonne getrocknet. So entstehen die schwarzen verschrumpelten Stangen.
Wenn Oma sehen würde, wie ich hier alles vernachlässigt habe, wäre sietraurig, denkt Charlie und das schlechte Gewissen lastet auf ihr. Fannys Südfrankreichabteilung lag ihr besonders am Herzen. Vermutlich wollte sie ein Stück Heimat nach Süddeutschland holen. Charlie macht sich ans Werk, harkt und schneidet zurecht.
Oma Fanny hat nie gerne von ihrer Kindheit und Jugend erzählt. Wann immer Charlotte sie bat, davon zu berichten, wurde ihr Blick wehmütig und richtete sich in die Ferne. »Ach Kind, das sind alte Geschichten, lassen wir sie ruhen und kümmern uns um das Hier und Jetzt«, sagte sie dann.
Charlie spürte die Traurigkeit und wagte nicht, weitere Fragen zu stellen. So erging es ihr auch, wenn sie sich nach ihrem Großvater erkundigte. Die Mauer des Schweigens wurde noch dichter.
»Wir haben uns, das reicht doch vollkommen aus, meine Kleine.« Ihr Blick ruhte dabei liebevoll auf Charlie und ein Kuss auf Wange oder Stirn, ein Streicheln über die Locken beendete jede weitere Neugier.
Charlie hat das immer respektiert. Trotzdem bedauert sie, so wenig von Fannys Leben erfahren zu haben. Verlässlich tauchten immer wieder dieselben Fragen auf, aber jedes Mal erntete sie einen strengen Blick, wenn sie zu penetrant wurde.
Alles, was sie weiß, ist, dass Fanny im Oktober 1921 in der Provence geboren wurde, als einziges langersehntes Kind. Ihre Eltern bewirtschafteten einen kleinen Bauernhof, hielten Pferde und Schafe, bauten Lavendel, Tomaten und Avocados an. Der Hof wurde im 2. Weltkrieg von der Wehrmacht beschlagnahmt und Fannys Eltern flohen in die Bretagne zu Verwandten. Fanny hingegen machte sich auf den Weg nach Deutschland, in die französische Besatzungszone, da dort ihre große Liebe Frederic stationiert war. So landete sie in Steinhagen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Die ersten Jahre müssen schwierig gewesen sein – eine junge, schwangere Frau aus dem Feindesland. Gut, dass ihre Mutter aus dem Elsass stammte und Fanny die deutsche Sprache beigebracht hatte. Frederic fiel in den letzten Tagen der Kriegswirren und Fanny stand mit ihrem neugeborenen Sohn Robert allein da.
Sie fand eine Anstellung in der örtlichen Bäckerei, die von einem älteren Ehepaar, Gerda und Wilhelm Mayer, betrieben wurde. Es herrschte Not an Arbeitskräften und nur so bekam Fanny die Chance, ihr Können unter Beweis zu stellen. Jahrelang wurde sie nur »die Französin« genannt. Niemand machte sich die Mühe, sie beim Namen zu nennen, den sich wohl die wenigsten merken wollten oder konnten. Dazu kam ihr französischer Chic, denn Fanny konnte auch aus wenig etwas machen. Ihre stolze Haltung sorgte für Neid und daraus resultierender Ablehnung.
Fanny arbeitete hart, um sich und ihren Sohn zu versorgen. Die Mayers erkannten ihren Wert jedoch nach kurzer Zeit. Als sich die Versorgungslage besserte, ließen sie ihr freie Hand und neben Laugenbrezeln, Eingenetzten und Seelen gab es Baguettes und Pain au Levain. Die dörfliche Gemeinschaft musste einige Widerstände überwinden, das aus ihrer Sicht exotische Brotsortiment anzunehmen. Damals wie heute siegten die Qualität und die Neugier. Meyers nahmen Fanny und Robert unter ihre Fittiche, sorgten für eine kleine Wohnung und sie lebte sich nach und nach ein. Ihr zurückhaltendes Wesen trug ebenso dazu bei, wie ihr unwiderstehliches Lächeln. Dann strahlte ihr ganzes Gesicht und die eisblauen Augen begannen zu leuchten.
Viele Dorfbewohner fragten sich, warum Oma Fanny keinen Mann an ihrer Seite hatte. Sämtliche Avancen wurden ihrerseits im Keim erstickt. Das blieb bis zu ihrem Tod so. »Ich habe mein Herz an Frederic verschenkt – und dieses gibt es nur am Stück, es ist unteilbar«, war die knappe Erklärung. Damit war alles gesagt.
Da der einzige Sohn von Gerda und Wilhelm Meyer in russischer Kriegsgefangenschaft starb, konnte Fanny die Bäckerei übernehmen und über einen längeren Zeitraum abbezahlen. Viele Jahre später erwarb sie das kleine Bauernhäuschen am Ortsrand, anfangs eine Bruchbude, und Fanny hatte ihre neue Heimat gefunden.
Trotz ihrer guten Deutschkenntnisse hatte sie zeitlebens Mühe mit der schwäbischen Mundart. Wenn es zu Missverständnissen kam, grummelte sie oft, dass dies nur daran läge, dass außer ihr niemand im Dorf der deutschen Sprache mächtig sei.
Das Leben nahm seinen Lauf, Robert wurde größer und im Gegensatz zu Fanny beherrschte er den schwäbischen Dialekt perfekt und übersetzte hin und wieder. Machte er sich über den einen oder anderen Ausdruck lustig, wechselte er im Gespräch mühelos ins Französische. Während seines Jurastudiums lernte er Valerie, Charlies Mutter, kennen und lieben. Nach dem Studium führten sie gemeinsam die Kanzlei von Valeries Vater in Hamburg weiter – bis zum Unglück.
Charlie denkt häufig darüber nach, wie ihr Leben verlaufen wäre, würden ihre Eltern noch leben. Das Aufwachsen in Hamburg wäre anders verlaufen. Vielleicht hätte sie Rasenhockey gespielt, eine internationale Schule besucht, auf der Alster gepaddelt und am Wochenende wäre sie zum Kiten nach Heiligenhafen gefahren. Hier hat sie eine Dorfschule besucht, ihre Kindheit in der Natur verbracht, ohne dass ein Sozialpädagoge hinter jedem Busch saß, sich in Heuschobern und Kuhställen herumgetrieben und ihr Abitur im nächsten Gymnasium in der Kreisstadt abgelegt.
Auch Oma Fannys Leben wäre anders gewesen – ruhiger, vielleicht auch einsamer. Es war bestimmt nicht einfach, mit siebenundfünfzig Jahren nochmals Verantwortung für ein Kind zu übernehmen.
Charlotte hat dennoch nichts vermisst und ist zu einer selbstständigen jungen Frau herangewachsen. An Geburtstagen und an Weihnachten stellt sie sich manchmal vor, wie es wäre, diese Tage im Kreise einer großen Familie zu verbringen. Manchmal graut es ihr vor diesen Feiertagen, aber dann ist da Louisa, die ihr deutlich macht, dass auch Charlie ein Teil ihrer Familie ist, deren Größe selbst Louisa mitunter unüberschaubar findet.
Charlie streckt den Rücken durch und schüttelt die Gedanken, die sie in die Vergangenheit geführt haben, ab. Schließlich ist nachher Mädelsabend, da ist kein Platz für Nachdenklichkeit. »Genug für den Moment«, murmelt sie vor sich hin, räumt die Gartenutensilien auf und dreht noch eine Runde durch den Garten. Sie stellt fest, dass sie die Himbeeren noch anbinden muss, die Brombeeren zurückschneiden und Stroh unter die Erdbeerpflanzen legen, damit die Früchte nicht faulen.
Charlie wandelt weiter, streicht über den Stamm des Aprikosenbaumes, sieht, dass die Kirschblüten bald aufgehen und freut sich jetzt schon auf die Ernte: Kirschen, Äpfel, Birnen, Pflaumen, Aprikosen und Walnüsse. Hoffentlich spieltdas Wetter mit, überlegt Charlotte. Die Nächte können hier bis in den Mai hinein sehr kalt sein. Auch jetzt ist die Luft kühl, die Sonne bereits hinter den Bergen verschwunden.
Schnell betritt sie das Haus und gönnt sich eine warme Dusche. Sie muss sich beeilen, Louisa und Sarah wollen gegen sieben Uhr hier sein. Die Pizzen sind bei Alessandro vorbestellt, Wein und Prosecco stehen kalt. Sie muss nur noch einen Salat zaubern und ein Feuer im Schwedenofen vorbereiten, das für eine gemütliche Wärme sorgt und gut zum Interieur des ehemaligen Bauernhäuschens passt.
Charlie schlüpft in Jeans und ihren hellblauen Lieblingssweater. Die Lockenpracht lässt sie trocknen. Föhnen verbessert das Ergebnis nicht und kostet nur Zeit. Etwas Tönungscreme, Wimperntusche und rosa Lipgloss, zum Abschluss noch zwei Spritzer Si von Armani, fertig.
Noch während sie das Salatdressing zubereitet, klopft es an der Hintertür. Charlie lächelt. »Gute Freunde kennen den direkten Weg, ohne Umwege«, sagt sie, als sich die Tür auch schon öffnet. Weder Louisa noch Sarah wären auf die Idee gekommen, an der Haustür zu klingeln.
Sarah platzt herein, umarmt die Freundin, die Pizzakartons, die sie im Arm hat, geraten dabei bedenklich ins Wanken. »Hi Süße! Ich bin so hungrig, und stell dir vor, ich habe extra ein Date abgesagt!« Sie strahlt. »Der Mädelsabend ist heilig und wir planen heute deine Geburtstagsparty, keine Widerrede«, droht sie Charlie mit erhobenem Zeigefinger.
»So lange hat die Datingpause gehalten? Ich bin schwer beeindruckt«, spöttelt Charlie.
»Ich habe nochmals darüber nachgedacht. Es könnte sein, dass ich durch meine Abstinenz die Chance auf die Liebe meines Lebens verpasse. Diese Vorstellung deprimiert mich mehr als das eine oder andere langweilige Date.«
»Das würdest du vermutlich nicht bemerken – die verpasste Chance, meine ich. Die Auswahlkriterien zu spezifizieren wäre auch eine Idee«, tönt es taus dem Hintergrund. Louisa drängt sich an Sarah vorbei und umarmt Charlie. »Hallo Süße! Ich habe noch einige Macarons retten können. Die gönnen wir uns zum Nachtisch. Schokolade und Pistazie, deine Lieblingssorten.«
»Oh, lecker, aber meine Waage zeigt schon wieder vier Pfund mehr an. Dabei renne ich den ganzen Tag von links nach rechts, wenn ich nicht gerade über Janina stolpere.« Sarah kneift sich in die Hüften und schüttelt verärgert den Kopf. »Vermutlich ist der Luftdruck im Badezimmer nicht kompatibel mit der Waage«, meint sie lapidar.
Louisa und Charlie lachen auf.
»Dir fällt auch immer ein Argument ein, Sarah. Vielleicht liegt es aber auch an der doppelten Portion Käse auf deiner Pizza«, entgegnet Louisa schmunzelnd.
»Du hast gut reden, du kannst essen was und wieviel du möchtest und hast trotzdem Modelmaße. Wenn ich dich nicht so sehr lieben würde, wäre ich neidisch«, fährt Sarah fort. »Aber mein Glück hängt nicht an vier Pfund mehr oder weniger. Eher an doppelt Käse.« Sie grinst, geht zum Kühlschrank und öffnet die Flasche Prosecco mit einem lauten Ploppen.
Charlie und Louisa sehen sich an. Das ist Sarah, wie sie leibt und lebt. Probleme werden angepackt oder ertränkt.
»Aus dir hätte Gott zwei machen sollen, dann könnten wir wenigstens eine ertragen«, witzelt Charlie. Sie deckt während des Geplänkels den Tisch, stellt den angerichteten Salat dazu, Gläser und Servietten. Dann entzündet sie noch das Feuer im Ofen. Die Pizzen lässt sie auf drei große Teller gleiten.
»Wir können doch direkt aus dem Karton essen, sonst wird der Prosecco noch warm, bevor wir anstoßen«, mahnt Sarah zur Eile.
Sie erntet von Louisa einen entsetzten Blick, Charlie zieht eine Augenbraue nach oben.
»Okay, schlechte Idee. Wollte nur eure Reaktion testen. Ihr seid ziemlich eingefahren für euer Alter.«
Die Freundinnen stoßen an und gratulieren sich gegenseitig zu einer erfolgreichen Woche.
Louisa trägt ein flaschengrünes, fließendes Kleid, bedruckt mit Sonnenblumen, und einen gelben Chiffonschal, locker um den Hals drapiert. Sonnenblumenohrringe runden das Ensemble ab. Dazu trägt sie dunkelgrüne Wildlederstiefeletten.
»Louisa, dein Outfit sieht großartig aus«, sagt Charlie bewundernd. »Ich hätte auch gerne dein Händchen für Mode.«
»Der Shoppingnachmittag mit meiner Mutter war erfolgreich. Das Kleid ist fast über mich gestolpert und rief förmlich nach einem Platz in meinem Kleiderschrank.« Louisa dreht sich einmal um die eigene Achse und lässt sich bewundern.
»Ich würde darin aussehen wie eine Landpomeranze«, bemerkt Sarah. »Keinen Kommentar bitte«, signalisiert ihr Blick und sie stemmt dabei die Hände in die Hüften.
»Dir steht dein extravaganter Stil doch super«, meint Charlie und betrachtet Sarah. Sie glänzt heute in einer dunkelbraunen Wildlederhose, dazu passenden hohen Stiefeln und einer goldfarbenen Bluse. Große runde Ohrringe aus Bronze geben dem Outfit Pfiff.
»Nur du siehst immer aus, als würdest du noch die elfte Klasse besuchen und Kaugummiblasen machen«, lacht Sarah.
Auch Louisa schmunzelt.
»Dafür bezahle ich im Schwimmbad immer noch den Eintrittspreis für Jugendliche«, schmollt Charlie. »So, aber nun zu Tisch, bevor die Pizzen kalt sind. Wir gehen vor wie immer, zum Essen besprechen wir Geschäftliches, dann beginnt der gesellige Teil.« Sie klatscht auffordernd in die Hände und bedient sich.
»Okay, Chefin«, stimmt Sarah mit vollem Mund zu.
»Ich fange an«, meldet sich Louisa zu Wort. »Um es auf den Punkt zu bringen, können wir alle drei Unterstützung gebrauchen. Das Volumen unserer Bestellungen und Verkäufe wächst stetig, manche Anfragen müssen wir ablehnen. Unsere Ressourcen wie Maschinen, Arbeitsflächen und die Größe unserer Räume sind auf Wachstum ausgelegt. Es fehlt nur noch das Personal. Ich hätte gerne eine zusätzliche Kraft, dann kann ich endlich wieder experimentieren und mir neue Kreationen ausdenken. Und du, Charlie, wankst oft ganz schön müde aus der Bäckerei und wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht übernehmen. Davon abgesehen, könnte auch eine von uns krank werden und dann stolpern wir unvorbereitet in eine solche Situation.«
»Das sehe ich genauso«, fällt Sarah ein.
»Ich habe bereits mit Frieda gesprochen, sie freut sich, vier weitere Tage im Verkauf und im Service zu arbeiten. Seit ihr Mann Fred den schweren Arbeitsunfall hatte und zu Hause ist, kann sie jeden zusätzlichen Euro gebrauchen. Ich würde ihr gerne so bald als möglich zusagen, denn Frieda ist ein Glücksfall für uns. Victoria hilft uns gerne in den Semesterferien im Café. Besser kann ich mir das nicht vorstellen.« Sarah hebt ihr Glas und prostet den Freundinnen zu, um ihre Worte zu untermalen.
Charlotte seufzt, während sie an ihrer Pizza knabbert und blickt in die Runde. Zwei fragende Augenpaare auf sich gerichtet, holt sie tief Luft. »Ihr habt Recht, das weiß ich auch. Und ich bin absolut für Unterstützung. Jedoch arbeite ich gerne allein und genieße die Ruhe. Vielleicht bin ich nicht so teamfähig wie ihr. Ich muss mich daran gewöhnen, jemanden ständig um mich zu haben. Außerdem möchte ich, dass in meinem Bereich alles genau so läuft, wie ich mir das vorstelle.«
»Das wollen wir auch, Charlie«, erwidert Sarah mit einer leichten Schärfe in der Stimme. »Auch wir haben einen hohen Anspruch an unsere Arbeit und du bist durchaus teamfähig. Mit diesem Glaubenssatz kannst du endlich mal aufräumen. Wir halten dich auch aus. Wir können die Potenziale allerdings nur nutzen, wenn wir uns auf Veränderungen einlassen.«
»Thelma sucht für dich eine ruhige, unscheinbare Mitarbeiterin, die mucksmäuschenstill ist und sich gut anpassen kann – sozusagen wandfarben ist«, wendet Louisa vermittelnd ein.
»Die kann sie sich vermutlich selbst backen«, kommt es ironisch von Sarah.
Charlie muss wider Willen lachen. Sie streckt die Flügel. »Gut, wir erarbeiten ein Jobprofil. Louisa und Thelma gestalten einen Aushang für das Schaufenster und schalten die Stellenannoncen. Ich bin allerdings dafür, dass wir jemanden mit Erfahrung suchen, denn für eine Auszubildende habe ich keinen Nerv. Das können wir im nächsten Schritt angehen.«
»Oha, wirst du altersmilde?«, witzelt Sarah.
»Erinnere mich nicht daran, das ist das nächste Thema.« Charlie grinst schief. »Ich fürchte, aus der Big-Party-Nummer komme ich nicht raus.«
»Richtig«, stimmt Louisa zu und faltet ein Salatblatt mundgerecht. »Aber wir freuen uns alle auf die Party. Es gibt hier viele Menschen, die dir eine Freude bereiten wollen, nimm das doch einfach an und genieße den Abend. Du musst dich nur stylen und einigermaßen pünktlich eintreffen. Ich komme vorher bei dir vorbei, dann können wir uns zusammen fertig machen.«
»Ich kann mich selbst stylen«, grummelt Charlie vor sich hin.
»Das Ergebnis ist mit Louisas Hilfe eindeutig besser«, meint Sarah und mustert Charlie grinsend.
»Im Ernst, das Fest wird klasse. Wir gießen uns einen hinter die Binde und tanzen bis zum Umfallen – mit Klamotten, keine Sorge. Am Sonntag können wir ausschlafen und den Tag verbummeln. Wo ist das Problem?« Pragmatisch und auf den Punkt gebracht, typisch Sarah.
»Was gibt es denn sonst Neues bei euch?«, fragt Charlie, die den dringenden Wunsch hat, das Thema zu beenden.
Sarahs Blick wird ernst. »Ach, eigentlich will ich nicht darüber sprechen, aber meine Mutter hat mich wieder fest im Griff. Sie versinkt in tiefer Melancholie, hat keine Energie und verbringt die Tage im Bett. Das geht so weit, dass ihr der Weg vom Bett zum Badezimmer zu weit ist. Ich kümmere mich um sie, so gut es geht, aber es kostet mich unglaublich viel Kraft« Sie stützt den Kopf auf ihre Hand und spielt gedankenverloren mit ihrem restlichen Stückchen Pizza.
Charlie und Louisa betrachten die Freundin teilnahmsvoll. Beide wissen, dass Sarahs Mutter Svetlana immer wieder in tiefen Depressionen versinkt und ihren Alltag in den schlimmsten Zeiten nicht allein bewältigen kann. Sarah kennt das nicht anders, aber dieser Umstand macht es nicht einfacher für sie.
»Ich dachte, sie wäre medikamentös eingestellt und auf einem guten Weg«, sagt Louisa.
»Das war sie auch, bis sie der Meinung war, es ginge ihr so gut, dass sie die Medikamente absetzen kann. Ihr kam nicht in den Sinn, dass es ihr aufgrund dieser besser ging und nicht durch irgendwelche universellen Schwingungen.«
»Sag Bescheid, wenn wir dich unterstützen können«, meint Charlie. Sie weiß, wie schwer es Sarah fällt, um Hilfe zu bitten, und dass sie gerne alles mit sich allein ausmacht.
»Wir sind für dich da«, bekräftigt auch Louisa.
»Danke euch, das weiß ich.« Sarah lächelt dankbar. »Momentan versuche ich sie dazu zu bewegen, die Medikamente wieder einzunehmen. Es dauert eine Zeit, bis sie ihre Wirkung zeigen. Aber lasst uns von erfreulichen Dingen reden. Was tut sich denn in der Liebe bei euch? Auch Saure-Gurken-Zeit?«, fragt sie.
Fröhliches Gelächter erfüllt den Raum, wobei sie wieder bei Sarahs Lieblingsthema angelangt sind.
»Ich warte auf den Ritter auf dem weißen Pferd. Im cremefarbenen Bentley wäre auch okay«, meint Charlie. »Das erwarte ich mindestens als Geburtstagsgeschenk. Ich bin auch bereit für kleine Kompromisse. Ein Adonis, der aus der Torte springt, ist zum Beispiel auch in Ordnung.«
»Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, für die Torte bin ich zuständig!« Louisa lacht. »Mal sehen, ob Michel darin Platz findet.«
Beim Gedanken, dass der Zeitungsausträger, ein sympathischer Kerl, aber vom Adonis so weit entfernt wie die Venus von der Erde, aus der Geburtstagstorte springt, lacht das Trio Tränen.
Sarah japst nach Luft. »Und dann noch in sexy Unterwäsche! Das Bild setzt sich gerade in meinem Kopf fest und ich kann Michel in nächster Zeit bestimmt nicht unbefangen begegnen.
»Ich hoffe auf bessere Chancen, momentan habe ich keine Zeit für romantische Abenteuer. Es ist gut so, wie es ist. Meine biologische Uhr höre ich noch nicht und ich will Mister ‚Love of my Life‘ mit allem Drum und Dran. Auf den warte ich gerne«, entgegnet Charlie.
»Unser Prinzesschen auf der Erbse«, schmunzelt Sarah. »Und du, Louisa, wann gestehst du dir endlich ein, dass Jo mehr ist als ein guter Freund?«
»Es gibt nichts einzugestehen«, erwidert Louisa und zwirbelt eine Haarsträhne um ihren Finger. »Er ist genau das: ein guter Freund von uns allen, und das soll er auch bleiben. Wenn aus Freundschaft Liebe wird und es funktioniert nicht, bleibt oft nichts übrig. Dieses Risiko wäre mir zu groß. Außerdem muss ich nicht darüber nachdenken, das ist absurd.«
Charlie und Sarah tauschen einen wissenden Blick.
»Aber mein Bruder hat mir noch eine lustige Geschichte erzählt«, fährt Louisa fort. »Ihr wisst ja, dass Christian und Elke bald ihr erstes Kind erwarten und das Dachgeschoss ihres Hauses von Jo ausbauen lassen. Gestern wartete Elke lange und wurde bereits ungeduldig, da sie zur Arbeit musste, und Jo kam und kam nicht. Als er dann endlich eintraf, meinte er, dass er eine Stunde auf einem Parkplatz an der Straße verbracht hätte. Sherif, einer seiner Jungs, sei der Meinung gewesen, sein Onkel, Präsident Biden, würde ihn mit einem Helikopter abholen. Also stieg die ganze Truppe aus und wartete geduldig auf Herrn Biden. Als abzusehen war, dass dieses Zusammentreffen nicht mehr klappen würde, meinte Sherif, er hätte sich vielleicht in der Zeit oder im Treffpunkt geirrt. Daraufhin kletterten alle wieder in den Transporter und machten sich auf den Weg. Jo meinte noch, er sei froh gewesen, dass es auf der restlichen Strecke keinen weiteren Parkplatz gab.«
Die Geschichte führt zu Erheiterung und das Trio ist sich einig, dass Jo und seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einfach einzigartig sind. Jos Geduld, mit den Eigenheiten eines jeden Einzelnen umzugehen, ist faszinierend, ebenso die Toleranz, die die Gruppe im Umgang miteinander lebt. Sie tauschen noch belanglose Neuigkeiten aus, diskutieren über ihre Sommerpläne und der Abend plätschert dahin.
»Ihr Lieben, es ist spät geworden und ich muss dringend ins Bett.« Charlie gähnt und streckt sich.
Die drei räumen den Tisch ab, stellen das Geschirr in die Spülmaschine, geben die Kartons zum Altpapier und verabschieden sich voneinander.
»Schlaft gut, wir sehen uns am Montag«, ruft Charlie.
»Du auch! Wie immer tat der Abend gut«, sagt Louisa.
Sarah nickt und winkt.
Charlie löscht die Lichter, prüft nochmals, ob alle Türen abgeschlossen sind, und macht sich auf den Weg ins Dachgeschoss. Sie freut sich, gleich in ihr Bett sinken zu können. Morgen klingelt kein Wecker und sie kann den Tag auf sich zukommen lassen. Mal sehen, was dieser bringen wird, ist ihr letzter Gedanke des Tages.
24. April, der große Tag ist da. Charlie genießt die Ruhe vor dem Sturm in der Backstube, mischt Zutaten, knetet und formt. Der Holzbackofen knistert und würziger Birkenrauch erfüllt die Luft. Sie tänzelt zum neuesten Song von Herbert Grönemeyer von Knetmaschine zur Arbeitsplatte. Musik entspannt sie und sorgt für gute Laune. Gleich ist es mit der Einsamkeit vorbei und der Trubel beginnt. Insgeheim freut sie sich darauf.
Schon betritt Louisa den Raum, einen großen Blumenstrauß im Arm. »Happy Birthday, alles Gute dir, meine Liebe.« Sie strahlt über das ganze Gesicht und umarmt Charlotte.
»Danke dir! Oh, Ranunkeln und Pfingstrosen, herrlich!«
»Die stelle ich kurz ins Wasser. Thelmas Büro eignet sich als Lagerort. Unsere strenge Hygienedame springt an die Decke, wenn sie Blumen in den Produktionsräumen sieht. Ich sehe ihren Dolchblick schon vor mir«, witzelt Louisa und macht sich auf den Weg.
Tom schneit herein, holt die vorbereiteten Kisten für den Markttag, dreht nochmals um, lässt die Backwaren fast fallen und blickt Charlie erschrocken an. »Fast vergessen. Komm her Kleine.« Er nimmt Charlie in den Arm und klopft ihr etwas unbeholfen auf den Rücken. Gefühle sind nicht seine Stärke. »Ein großartiges neues Lebensjahr, auf viele weitere gemeinsame Arbeitsjahre.«
Charlie lacht auf. »Tom, ich bin dreißig geworden, nicht achtzig.«
»Ich muss dringend los, bin spät dran. Bis heute Abend.«
Und weg ist er. Die Schwingtür kracht an die Wand und Charlie weiß ohne nachzuschauen, dass Sarahs Arbeitstag begonnen hat. Mit aufreizendem Hüftschwung kommt sie auf Charlotte zu und schwenkt dabei einen seltsamen Strauß. Auch sie drückt die Freundin und wünscht ihr alles Gute und noch vieles mehr, was Charlie nicht unbedingt wiederholen möchte. Sie grinst und zieht eine Augenbraue nach oben.
»Meine oder deine Wünsche?«
»Ich würde dir die Bürde der Wunscherfüllung auch abnehmen«, spottet Sarah. »Was eignet sich besser für eine Bäckerin als ein Brötchenstrauß?«, fragt sie augenzwinkernd, Küsschen links, Küsschen rechts.
Und tatsächlich, zwischen Immergrün und Schleierkraut sind kleine Brötchen, Brezeln und Laugenstangen mit Draht eingebunden. Charlie freut sich über dieses originelle Geschenk und knabbert eine Brezel an.
»Von der Konkurrenz – ich kann dich ja nicht dein eigenes Geschenk backen lassen.«
»Danke Sarah, welch lustige Idee!«
»Wir feiern später, jetzt muss ich mich an die Arbeit machen. Janina kündigte gestern bereits an, dass sie einen Hauch von Halsschmerzen hat. Da rechne ich heute besser nicht mit ihr.« Sarahs Miene ist anzusehen, was sie davon hält.
Am Nachmittag schlendert Charlie nach Hause, den Arm voller Blumen. Der Tag war kurzweilig und lebhaft. Die Gratulanten gaben sich die Tür in die Hand, um Glückwünsche zu überbringen und viele kleine Aufmerksamkeiten. Die ersten Touristen flanieren durch den Ort, Wanderrucksäcke geschultert oder Fahrräder schiebend.
Zu Hause angekommen sieht sie die Post des Tages durch. Eine Geburtstagskarte von Céline, ihrer Ausbilderin in Paris, von der Versicherungsmaklerin und der Krankenkasse. Sie wundert sich über einen Brief von Notar Dr. Walden. Ungewöhnlich, vom Notar ein Geburtstagsschreiben zu bekommen, denkt Charlie und wirft die Post auf die Kommode im Flur. Zunächst möchte sie ihre Blumen versorgen und die Geschenke arrangieren. Mit einer Tasse Tee greift sie wenig später doch wieder nach dem Schreiben, das ihr keine Ruhe lässt.
Charlie gibt sich einen Ruck und reißt den Umschlag mit ihrem Daumen auf. Sie liest konzentriert, überlegt und liest ein weiteres Mal. Dr. Walden fordert sie auf, einen Termin zu vereinbaren, da es noch eine Angelegenheit aus dem Nachlass ihrer Großmutter zu regeln gilt.
Charlie ist verwundet und überlegt, worum es sich handeln könnte. Ihrer Meinung nach wurde alles geregelt – die Bäckerei, das Häuschen und einige Geldanlagen. Für ihr junges Alter verfügt sie über ein ansehnliches Vermögen. Sie muss nichts teilen und sich mit niemandem auseinandersetzen. Das hat auch Vorteile. Sie nimmt sich vor, gleich am Montag den Notar anzurufen.
Als Nächstes öffnet sie die Geburtstagskarte von Céline. Ein Foto fällt heraus und sie erkennt das Team der Bäckerei. Lächelnd betrachtet sie die vertrauten Gesichter. In der Mitte Céline, umgeben von ihren Mitarbeiterinnen, die Charlie alle vertraut sind. In Célines Boulangerie-Patisserie hat sie zusammen mit Louisa zwei Jahre ihrer Ausbildung genossen. Es war eine harte Schule, aber lohnend. Die strenge Französin ließ keine Halbherzigkeiten durchgehen und forderte die Freundinnen sehr. Durch ihre Herzlichkeit verlor ihr Anspruch an Schärfe und Charlotte ist ihr dankbar für all das Können, das sie erwerben durfte. Sie hatte eine tolle Zeit in Paris und erinnert sich gerne daran.
Sie liest die Zeilen. Auch Céline erkundigt sich, wann sie denn wieder in Paris sein wird, der letzte Besuch liegt Jahre zurück. Aber zuerst würde Charlie die ehemalige Chefin gerne hierherlocken.
Um das Gedankenkarussell zu stoppen, das in ihr ausgelöst wurde, zieht sie die Joggingklamotten an und schlüpft in ihre Turnschuhe. Sie läuft durch die Felder, den Hügel hinauf und konzentriert sich auf ihre Atmung. Der Kopf wird frei, sie erreicht den Waldrand und nimmt den Duft von Bärlauch wahr. Ihr Blick wandert ins Tal über die sanften Hügel und sie spürt, wie gut ihr die Natur und die Bewegung tun. Zum Sport muss sie sich immer aufraffen. Wenn die innere Hürde jedoch überwunden ist, genießt Charlie das angenehme Körpergefühl und nimmt sich vor, regelmäßiger zu laufen. Irgendetwas kommt jedoch immer dazwischen – ein gutes Buch, die Müdigkeit, anderweitige Verpflichtungen.
Sie läuft noch eine kleine Schleife und macht sich dann auf den Rückweg. Traktoren sind noch auf den Feldern unterwegs, das Vieh wird Richtung Stall getrieben. Auch für Charlie wird es Zeit, sich für den Abend vorzubereiten.
Bevor Louisa und Sarah vorbeikommen, gönnt sie sich ein entspannendes Bad. Es kommt ja nicht darauf an, ob sie zur Party eine halbe Stunde später kommt.
Charlie schließt die Augen, doch kurz bevor sie einnickt, gibt sie sich einen Ruck. Kaum in ihren Bademantel gehüllt, klopft es auch schon. Sie eilt die Treppe hinab, Louise und Sarah stehen bereits in der Küche. Louisa ist mit Kleidungsstücken in Schutzhüllen beladen, Sarah hantiert mit Gläsern, Flaschen und Eiswürfeln.
»Ich bereite uns einen Aperol Spritz zu, den genießen wir, während du gestylt wirst. Wir sind bereits ausgehfertig«, verkündet sie.
»Mein Kleiderschrank ist zur Hälfte geplündert. Zuerst hat sich Sarah bedient und ich habe einige Outfits mitgebracht, die für dich in Frage kommen«, erklärt Louisa.
Charlotte betrachtet die Freundinnen. »Und ich dachte, legere Kleidung wäre angesagt.«
»Heute nicht, wir haben uns schon lange nicht mehr in Schale geworfen. Ab und zu tut das gut«, meint Sarah und lässt die Orangenschnitze in die Gläser gleiten. »Prost!«
Die Kelche klingen, Louisa stellt ihren wieder ab und wendet sich den Klamotten zu.
»Moment, ich muss euch erst betrachten, um mich innerlich darauf vorzubereiten, was mich erwartet«, bremst Charlie.
Sarah trägt einen ärmellosen rauchgrauen Hosenanzug mit figurbetontem Oberteil und weit geschnittenen Beinen. Die blauen Augen sind betont, die blonden Haare kunstvoll zerzaust.
»Sarah ist für dieses Boss-Modell wie geschaffen. Sie hat die dafür notwendige Größe«, erwähnt die Modeexpertin. Sie selbst trägt ein rotes Korsagenkleid mit einem weit schwingenden Rock, der ihr bis kurz über das Knie reicht, darüber ein schwarzes Spitzencape.
»Wow, dann lass mal die Ausbeute sehen.« Charlotte hat Feuer gefangen und zappelt herum.
Louisa präsentiert ein bronzefarbenes, schmal geschnittenes kurzes Kleid mit langen Ärmeln. Schlicht, aber chic. Des Weiteren ein figurbetontes schwarzes Spitzenkleid sowie ein verspieltes Kleid aus cremefarbener Seide mit aufgenähten kamelienähnlichen Stoffblumen und gerüschtem Saum, in das sich Charlie sofort verliebt. Sie schlüpft hinein und fühlt sich rundum wohl. Die Seide ist angenehm kühl auf der Haut. Sie dreht sich im Kreis, der Stoff schillert im Licht.
»Wunderbar! Der Designer muss dich im Kopf gehabt haben.« Louisa klatscht in die Hände. »Ich habe es kürzlich entdeckt und sofort an dich gedacht. Das ist mein Geburtstagsgeschenk.«
Charlie bedankt sich überschwänglich und bringt die Freundin fast zu Fall.
»Nun noch etwas Farbe ins Gesicht, dann sind wir startklar.« Louisa nimmt einen Schminkkoffer zur Hand, in einer Größe, die Charlie für einen dreiwöchigen Urlaub ausreichen würde.
Sarah unterhält die beiden so lange mit Anekdoten der Kundschaft, die sich am heutigen Tage ereignet haben. Sie besteht darauf, ein Foto zu machen, bevor das Trio aufbricht. »Dann können wir unseren Enkeln mal zeigen, was für Sahneschnitten ihre Großmütter waren«, feixt sie.
»Nun aber los, der Tortenadonis erstickt sonst. Das wäre glaube ich Totschlag«, drängt Louisa zur Eile.
Charlies Blick richtet sich erschrocken auf sie. Louisa lächelt geheimnisvoll.
»Da hupt auch schon Jo. Ich dachte, selbst fahren ist heute keine gute Idee.«
Jos Transporter, der jeden Augenblick in seine Bestandteile auseinanderzufallen droht, wendet soeben vor dem Haus. Er steigt aus und öffnet den Damen die Beifahrertür. Heute sieht er ungewohnt aus in seinem grauen Sakko mit dem weißen Hemd zur schwarzen Lederhose, die festgewachsen zu sein scheint. »Zur Feier des Tages habe ich das Auto geputzt. Ihr wollt vermutlich keine Sägespäne und Sandwichreste an der Kleidung«, ruft er. »Ihr seht klasse aus!«
Sein bewundernder Blick bleibt an Louisa hängen. Er strahlt sie an, die gletscherblauen Augen funkeln mit den Sternen am Himmel um die Wette. Sarah seufzt und verdreht die Augen.
»Es wird etwas kuschelig, die Rücksitzbänke sind bereits belegt.«
Die Bautruppe grüßt lautstark, alle in den besten Gewändern, die durchweg originell sind. Dreadlocks, Piercings, Tattoos und grüne Igelhaare vervollständigen das Bild.
Auf der Fahrt werden Neuigkeiten ausgetauscht, gewitzelt, gelacht und sich gegenseitig geneckt. Trotz der Unterschiedlichkeit der jungen Menschen, auch bezüglich ihrer persönlichen Geschichte, ist der Umgang miteinander von Wertschätzung, Respekt und Humor geprägt. Charlotte liebt das Zusammensein mit dieser bunt zusammengewürfelten Gruppe.
Nach wenigen Minuten erreichen sie ihr Ziel. Charlie staunt. Die Zufahrt zum Gehöft ist mit Fackeln bestückt, die den Weg zur Scheune weisen. Der Hof ist bereits zugeparkt, Jo hat Mühe, noch einen freien Platz zu finden.
Charlotte strebt voraus Richtung Scheune, die Dieter und seine Frau Heike zur Verfügung stellen. Über dem Tor prangt ein Willkommensschild, das in bunten Farben leuchtet und eher an eine etwas missglückte Weihnachtsdekoration erinnert. Sie betritt den Festsaal, ihre Augen werden groß. »Die Dekoabteilung des Möbelhauses muss komplett ausverkauft sein«, meint sie zu Louisa.
Beeindruckt betrachtet sie das Werk. Lampions und Blumengirlanden schmücken das Dachgebälk, umwickelt mit Lichterketten. Goldsterne zieren die Wände und Stützbalken. Die Tische sind mit Wasserschalen geschmückt, in denen sich Blütenköpfe und bunte Schwimmkerzen befinden.
Charlie ist überwältigt und traut ihren Augen kaum. Sie schaut sich um und stellt fest, dass nahezu alle Plätze bereits belegt sind. Markus und seine Band „Hotpants“ stimmen auf einer provisorisch errichteten Bühne ihre Instrumente. Es herrscht Gelächter, Wortfetzen fliegen durch den Raum, die Stimmung ist bereits jetzt ausgelassen.
Thelma entdeckt sie als Erste und ruft: »Sie ist da!«
Es dauert etwas, bis die Information alle Ohren erreicht hat. Frieder, der Dirigent des Gesangsvereins, erhebt sich und die Gäste stimmen ein Geburtstagslied an.
