Hidden Tracks - Oliver Dreyer - E-Book

Hidden Tracks E-Book

Oliver Dreyer

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Beschreibung

An manchen Tagen geht wirklich alles schief! Clay, der Sänger einer erfolglosen Rockband, stürzt betrunken von der Bühne – und findet sich im Paradies der toten Rockstars wieder. Doch bevor Clay im Himmel höllisch gute Partys mit Jimmy Hendrix & Co. feiern darf, muss er zuerst seine Seele retten. Denn Clay hat sein Talent verschwendet. Zur Strafe schickt ihn Gott zurück auf die Erde. Damit er hier die Leben von drei scheinbar hoffnungslosen Versagern in die richtigen Bahnen lenkt. Was Clay nicht weiß: Gott hat seine Seele längst verwettet …

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Seitenzahl: 188

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Oliver Dreyer und Sebastian Büttner

Hidden Tracks

Impressum

1. Auflage Januar 2012

©opyright 2012 by Autoren

www.hiddentracks.net

Umschlaggestaltung: Sylvia Klein

Lektorat: Christoph Strasser

Satz: Fred Uhde (www.buch-satz-illustration.de)

ISBN: 978-3-942920-08-7

Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung ist

nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags gestattet.

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[email protected]

Mehr Infos jederzeit im Web unter www.unsichtbar-verlag.de

Unsichtbar Verlag | Wellenburger Str. 1 | 86420 Diedorf

eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmundwww.readbox.net

HIDDEN TRACKS

Ein himmlisches Rock ’n’ Roll-Märchen

»God gave Rock ’n’ Roll to you.«

(Kiss)

Tracklist

Track

Lesedauer (ca.)

A one, a two, a three, a …

00:53 min.

Intro

06:49 min.

Track 01: Sex

50:04 min.

Track 02: Drugs

48:11 min.

Track 03: Rock ’n’ Roll

92:26 min.

A ONE, A TWO, A THREE, A …

»I fall, well I fall«

(The Damned)

Licht aus, Spot an.

Jimmy flatterte aufgeregt mit den Flügeln. »Gleich ist es soweit!«

Sein bester Kumpel Jim griff nach den Erdnüssen.

»Wer von ihnen ist es denn?«

Und dann kam er: Clay. Der Frontmann. In seiner Linken das Mikrophon, in der Rechten ein Bier – nicht das erste an diesem Abend. Aber das letzte.

Jimmy deutete auf den Bildschirm.

»Ich glaub’, es ist … DER DA!«

Jim schüttelte ungläubig den Kopf.

»Oh, mein Gott! Was für ein Freak … Meint der Boss wirklich, dass wir mit DEM diesmal gewinnen?«

»Keine Ahnung. Lassen wir uns überraschen …«

Dezibelgewitter. Der Gitarrist spielte den Auftaktakkord, Clays Einsatz … Verpasst. Die Band warf sich genervte Blicke zu und traute ihren Augen kaum: Denn just in diesem Moment fiel Clay von der Bühne. Bumm.

»This ist the end …«, entfuhr es Jim. Das Große Spiel hatte wieder einmal begonnen.

INTRO

»Take me down to the Paradise City …«

(Guns ’n’ Roses)

Clays Schädel dröhnte. Mühsam rappelte er sich auf und rieb sich die Augen. Jedoch vergebens: Die hügelige Landschaft, die sich weiß und schaumig vor ihm ausbreitete, wollte einfach nicht verschwinden. Komisch. Wie zum Teufel war er nur hierher gekommen?

Verwirrt versuchte Clay zu rekonstruieren, was ihm in den letzten Minuten widerfahren war. Ohne Erfolg. Alles, woran er sich erinnern konnte, war sein Sturz und das warme Licht, das ihn magisch angezogen hatte. Und jetzt stand er hier. Am Fuß dieses seltsamen Berges. Ratlos spuckte Clay eine kleine Wolke aus. Langsam schwebte sie davon.

Und stieg höher …

und höher …

und höher …

und plötzlich durchfuhr Clay die Erkenntnis mit der brachialen Wucht eines AC/DC-Gitarrenriffs:

Zur Hölle, dies musste der Himmel sein!

Das konnte nur eines bedeuten: Er war tot. Abgenippelt. Über den Jordan gegangen. Verdammt! Wie konnte das sein? Man starb doch nicht einfach so. Ohne jede Vorankündigung. Obwohl: Wie sonst? Der Tod verteilte schließlich keine Verwarnungen wie ein Basketballschiedsrichter. Aber weshalb wurde er ausgerechnet jetzt vom Platz gestellt? Nach nur 27 Jahren. An exakt dem Punkt seiner Karriere, an dem die Songs seiner Band, The Slacky Sacks, endlich im Lokalradio gespielt wurden. Mann, war das unfair – und peinlich! In Gedanken konnte Clay den Text seiner eigenen Todesanzeige schon deutlich vor sich sehen:

Was für eine Blamage! Die ganze Stadt würde sich halbtot über ihn lachen. Das coole Image, das er sich im Laufe seines Lebens mühsam erarbeitet hatte, konnten sie direkt mit ihm zu Grabe tragen. Wie sollte es jetzt bloß weitergehen? Am besten, er checkte erst einmal die Lage …

Etwa im selben Moment als Clay durch die Wolken kletterte, wurde im Tal auf der anderen Seite des Wolkenberges jemand, der in dem wohl größten Buch aller Zeiten die wohl größte Hauptrolle aller Zeiten spielte, immer unruhiger. Mit angespannter Miene lief er in seinem Palast, übrigens dem wohl größten aller Zeiten, vor seinem Assistenzengel auf und ab und schaute immer wieder auf die Uhr.

»Sag mal, müssten wir nicht schon längst los? Wo steckt unsere Spielfigur?«

Der Assistenzengel räusperte sich.

»Etwa eine Flugmeile von hier, Boss. Sie kämpft sich gerade den Nordpass hoch.«

Sein Gegenüber hielt überrascht inne.

»Was will sie denn dort?«

Das Gegenüber des Gegenübers zuckte mit den Schultern. »Wegen Bauarbeiten im Lebensende-Tunnel mussten wir die Spielfigur leider eine Ausfahrt früher raus lassen.«

»Jesus Maria! Das zeigen wir aber nicht live … oder?«

Der Assistenzengel schüttelte den Kopf.

»Keine Sorge. Die Regie bringt gerade einen Einspieler mit den besten Szenen der letzten Spieljahre … Wir gehen erst wieder on air, wenn Sie den Protagonisten feierlich in die Regeln des Spiels einweihen.«

»Super. Dann hol’ am besten schon mal den Wagen aus der Garage!«

Clay, der nichts davon ahnte, dass er bereits erwartet wurde, erreichte derweil den Gipfel. Erschöpft zog er sich hoch – und blickte hinab auf den sündigsten Ort des gesamten Universums: das gottverdammte Paradies. Oder um es mit den etwas weniger pathetischen Worten des Ortschilds zu sagen:

ROCK CITY – Home of Rock ’n’ Roll.

Unzählige Wolkenkratzer in der Form von Gitarrenhälsen ragten dicht aneinander gedrängt aus dem endlos scheinenden Dächermeer hervor. Verstärkertürme zerteilten die Luft, und von überall her drangen Rockriffs in seine Ohren. Was für eine Stadt! Noch stundenlang hätte Clay vor der imposanten Skyline verharren können. Aber hey! Er war doch ein Frontmann, und Frontmänner beobachten Städte nicht: sie erobern sie.

Und so stürmte Clay den Hügel hinab – direkt in das Zentrum des pulsierenden Treibens. Alles um ihn herum war in Bewegung. Groupies tanzten ausgelassen in den Straßen, Engel mit E-Gitarren auf dem Rücken flatterten breit grinsend durch die Lüfte, und dort: War das nicht …? Nein, er musste sich täuschen … Jim Morrison war doch schon lange …

Quiiiiiiiietsch!

Clay zuckte zusammen. Direkt neben ihm kam ein strahlend weißer Luxusschlitten zum Stehen. Die Türen flogen auf. Zwei muskelbepackte Engel flatterten auf den Boulevard und schubsten ihn wortlos ins Innere des Wagens.

»Äh, Jungs …«, protestierte Clay. Doch die Limousine war bereits gestartet. Und er saß drin. Eingeschüchtert kauerte sich Clay in die teuren Ledersitze. Sein Gegenüber (weiße Haare, weißer Anzug, weißer Vollbart) musterte ihn interessiert.

»Schau mal einer an: Da ist ja unser Gipfelstürmer!«

»Äh …?!«

Verzweifelt suchten Clays Augen nach einem Türgriff. Es gab keinen.

»Du kannst vor mir nicht weglaufen, Clay!«, las der Entführer seine Gedanken. »Denn ich weiß, was du denkst und fühlst, kenne deine intimsten Wünsche und schlimmsten Lügen. Zum Beispiel, dass das angebliche Top-Model, mit dem du ein Verhältnis hattest, in Wirklichkeit nur …«

»Schon gut, schon gut«, unterbrach ihn Clay, der nicht an seine alkoholgetränkten Nächte mit der übergewichtigen Fleischfachverkäuferin erinnert werden wollte, schnell. »Wer … äh … sind Sie überhaupt?«

Der Fremde sah ihn durchdringend an. Tiefes Donnergrollen erfüllte den Wagen. Rauch stieg auf. Die Autofenster vibrierten.

»Wer ich bin? Zum Teufel, was für eine dämliche Frage! Ich bin das Licht in der Dunkelheit. Der Hirte. Der Richter über Gut und Böse. Jener, der die Melodie für die Trompeten von Jericho komponierte und das Dasein im Himmel wie auf Erden dirigiert. Kurz gesagt: Ich bin der Herr, dein Gott – und ganz schön wütend auf dich.«

Zisch! Ein kleiner weißer Blitz traf Clay direkt am Kopf. Fassungslos rieb er sich die schmerzenden Schläfen. Niemals hatte er sich träumen lassen, einmal mit dem Schöpfer höchstpersönlich durch eine Stadt zu fahren, in der jeder einzelne Bordstein mehr Rock ’n’ Roll versprühte als ganz San Francisco in den wilden Sixties. Und nun, als Höhepunkt dieser ohnehin schon bizarren Situation, war der Herr auch noch sauer auf ihn. Aber warum nur? Er hatte doch niemanden um die Ecke gebracht, seinen Eltern gelegentlich den Rasen gemäht, und verheiratete Frauen standen auch nicht auf ihn. Gegen welches Gebot sollte er also verstoßen haben?

»Du hast dein Talent verschwendet, Clay!«

Clay sah Gott an, als hätte dieser gerade behauptet, eine E-Gitarre habe sieben Saiten.

»Aber der Rock ’n’ Roll war doch mein Leben.«

»Papperlapapp! Anstatt hart an dir zu arbeiten und Songs zu komponieren, die in die Annalen der Rockgeschichte eingehen, hast du Trottel lieber nächtelang gesoffen und keine Party ausgelassen.«

Gottes Blick wurde kalt.

Der Frontmann fröstelte.

»Aber … äh … es heißt doch Sex and Drugs and …«

»Bullshit!«, unterbrach der Schöpfer Clays zaghaften Einwand. »Die Backstage-Belohnungen sind nur für diejenigen bestimmt, die es im Rock ’n’ Roll zu was bringen. Du kannst ja noch nicht mal auf einer Bühne stehen, ohne gleich wieder runter zu purzeln. Deshalb habe ich beschlossen, dass die Pforten Rock Citys für dich verschlossen bleiben. Und zwar bis in alle Ewigkeit.«

Stille. Das Jüngste Gericht hatte gesprochen. Über dem Kopf des Bandleaders bildete sich eine dunkle Wolke und begann zu regnen. Betreten wischte sich Clay das Wasser aus dem Gesicht.

»Aber wo soll ich denn hingehen?«

Gott zuckte mit den Schultern.

»Na, direkt in die Hölle. Oder noch schlimmer: Ich steck’ dich in den Himmel für Fleischfachverkäuferinnen!«

Clay erschauderte.

»Es sei denn …«, geheimnisvoll senkte der Oberbefehlshaber aller Engelsheere die Stimme, »du begibst dich auf eine heilige Mission, in der du deine frevelhaften Versäumnisse auf Erden ausgleichst und dein verlorenes Seelenheil zurück gewinnst. Dazu musst du zurück in die Stadt, in der du deiner unwürdigen Existenz ein so erbärmliches Ende gesetzt hast. Dort leben drei Personen, die aufgrund einer Störung im Schicksalsgefüge ihre wahre Bestimmung – ebenso wie du – aus den Augen verloren haben. Ich will, dass du in ihre Haut fährst und die tief in ihnen schlummernden Potenziale aufdeckst und nutzbar machst.«

»Äh … Wie viel … äh … Zeit habe ich denn dafür?«

Gott sah Clay lang und fest in die Augen.

»99 Tage. Bist du bereit, dich der Herausforderung zu stellen?«

Mit feierlicher Miene streckte der Schöpfer Clay die Hand entgegen.

Clay zögerte. Jedoch nur kurz. Dann schlug er ein – und meinte für einen kurzen Moment, eine kleine Kamera im Dach der Limousine entdeckt zu haben. Doch bevor er darüber weiter nachdenken konnte, löste sich Clay in Luft auf.

Während der frisch gestorbene Frontmann mit 479facher Lichtgeschwindigkeit durch den Seelen-Molekular-Transmitter Richtung Zielperson schoss, musste Gott immer noch über Clays verängstigte Reaktion auf die Blitz-, Regen- und Rauch-Effekte seines Holyator 3001 schmunzeln. Sie machten hier oben wirklich eine verdammt gute Show – und das schon seit vielen Jahren. Dabei war das Konzept total simpel … Aber einfach war eben einfach gut.

»Und wie fandest du mich?«, wollte der Herr aller Himmelsscharen von seinem Assistenzengel wissen.

»Göttlich«, antwortete Gottes erster Angestellter beflissen. »Die Fans werden es lieben!«

Der Schöpfer nickte zufrieden. Er mochte Zuschauer, die ihn liebten – und in diesem Jahr konnte er gar nicht genug davon haben. Denn er hatte eine echte Überraschung in petto, die ihm den wohl größten Triumph aller Zeiten bescheren würde. Leider lag es in der Natur von Überraschungen, dass man sie erst einmal niemand verraten durfte. Gott wusste dies nur zu gut, schließlich hatte er das Prinzip der Überraschung selbst erfunden.

Was er dagegen immer noch nicht kapierte, war, wie man ein Mobiltelefon bedient. Sein teuflischer Widersacher hatte ihm in dieser Hinsicht einiges voraus. Er konnte sogar MMS versenden. Und jene Multimedia-Message, die Gott in diesem Moment aus der Hölle erreichte, gefiel ihm überhaupt nicht. Im Gegenteil: Es waren die Quoten der Buchmacher. Sie standen eindeutig gegen ihn …

TRACK 01: SEX

»Go on and dream – your house is on fire«

(Tori Amos)

Eigentlich hatte Officer Willy Wisecracker seinem Boss hoch und heilig versprochen, es nie wieder zu tun. Aber sein Chef war um diese Zeit nicht im Dienst. »Und was er nicht weiß«, pflegte Officer Willy Wisecracker immer mit einem Augenzwinkern zu seinen Kollegen zu sagen, »macht ihn nicht heiß.« Die letzten vier Worte sprachen er und seine Männer jedes Mal gemeinsam. Und dann richtete Officer Willy Wisecracker das Parabol-Richtmikrofon wieder auf die Anschlussstelle 1.800.252.0306, einem Telefonapparat in einem Imbiss am Rande der Stadt.

»Junge, willst du nicht endlich was Vernünftiges lernen?«

»Ma … ich bin nicht für so einen Nine-to-Five-Job geschaffen. Ich bin Schauspieler!«

»Aber Joe, Schauspieler arbeiten doch beim Film und nicht in einem Hähnchengrill.«

»Das mache ich auch nur, bis ich den Durchbruch geschafft habe, Ma.«

»Mein Junge, auf den wartest du jetzt schon so lange. Willst du denn wirklich nicht aufs College gehen?«

»Ach, Ma …«

»Ach, Joe …«

Beim letzten Teil des Dialogs klopften sich Officer Willy Wisecracker und seine Kollegen immer lachend auf die Schenkel. Und dann gab es Donuts. Zwei für jeden – und drei für Officer Willy Wisecracker, weil er das Parabol-Richtmikrofon betätigte.

Demjenigen, den sie abhörten, verging nach dem Telefonat mit seiner Mutter hingegen meist der Appetit. Ihre Mittwochabend-Gespräche erinnerten ihn schmerzlich daran, dass seine Träume von schauspielerischem Ruhm und sein Leben als Tellerwäscher weit auseinander klafften. Dabei hatte alles einmal so gut angefangen: In der Theater AG seiner High School hatte er vier Jahre hintereinander den Romeo verkörpert. Das war einsamer Schulrekord! Seine Lehrerin und vor allem die Mitschülerinnen waren von seinem leidenschaftlichen Spiel stets begeistert gewesen.

Überhaupt waren es meist Mädchen, die felsenfest an sein Talent glaubten. Insbesondere jene Frauen, mit denen er die Matratze teilte, wurden niemals müde zu bestätigen, was für ein begabter Schauspieler er sei. Und was für ein gut aussehender dazu! Später erzählten die ihm mit Haut und Haar Verfallenen dann in den Sonnenstudios und Friseursalons, in denen sie arbeiteten, dass sie gerade mit einem echten Schauspieler schliefen. Wie gern hätte es Joe gehabt, wenn dies wirklich der Fall wäre. Doch leider war die einzige Rolle, die er seit langer Zeit spielte, die des talentierten Schauspielers, der kurz vor dem Durchbruch stand. Seine Träume von Ruhm und Reichtum waren schon lange im ranzigen Bratfett ertränkt. Denn wer täglich von früh bis spät hinterm Spülbecken schwitzte, der hatte wenig Zeit, an seiner Filmkarriere zu feilen. Und so blieb das Pornokino gegenüber dem Hähnchengrill weiterhin der einzige Ort in seiner Nähe, der auch nur im Entferntesten mit einer Leinwand zu tun hatte.

Joe wischte sich den Schweiß von der Stirn und ließ frisches Wasser nach, um den letzten Abwasch des Tages zu erledigen.

Im selben Moment, als Officer Willy Wisecracker, den Bonus-Donut in der einen, das Parabol-Richtmikrofon in der anderen Hand, von einer nächtlichen Stippvisite seines Chiefs überrascht wurde, griff Joe nach einer verdreckten Saucenkelle – und verschwand aus seinem Körper.

Wwwwusch …

Tag 1 von 99

Eine Saucenkelle? Überrascht betrachtete Clay sein fremdes Spiegelbild in der mit Ketchupresten verschmierten Kelle. Es zeigte einen Schönling – mit blauen Augen, blond gelockten Haaren, braungebrannter Haut und …

»Na, Joe!«, riss ihn eine unbekannte Stimme aus seinen Überlegungen, »Liegen die Haare noch, oder soll ich für dich einen Friseurtermin vereinbaren?«

Erschrocken ließ Clay die Saucenkelle fallen.

»Ja … äh … ich meine, äh … nein …«

Der Typ (Mitte fünfzig, Wohlstandsbauch, freundliche Augen), zu dem die Stimme gehörte, grinste.

»Schön, dann kannst du dich ja wieder um den Abwasch kümmern.«

Clay sah ihn fragend an – und bemerkte, dass er an einem jener Orte gelandet war, die ihm als abgebrannten Rock ’n’ Roller überaus vertraut waren: einem Imbiss. Dieses Mal kam er jedoch nicht als Gast. Mit einer auffordernden Handbewegung in Richtung Spülbecken gab der Dicke Clay zu verstehen, dass er sich nun auf der anderen Seite der Servicetheke befand. Und das Namensschild, das er an seinem Hemd trug, zeigte, dass er sogar das Recht dazu hatte:

Hier bedient Sie der Chef persönlich:

Mr. Goodwill

- General Manager -

Chicken Paradise

Im Gegensatz zum General Manager des Chicken Paradise hatte der General Manager des Himmelreichs von Clays erstem Auftritt auf Erden so gut wie nichts mitbekommen. Gott saß immer noch im Fond seiner Limousine und starrte auf das Display seines Mobiltelefons: 10 zu 90. Was für eine miese Wettquote! Und dann auch noch dieses dämliche Zwinkermännchen, das der Teufel unter seine MMS gesetzt hatte. Fast kam es dem Schöpfer so vor, als ob sich sein Rivale schon jetzt als Sieger des Großen Spiels wähnte. Und die Buchmacher unterstützten ihn auch noch in seinem Glauben.

Gott atmete durch. Gut, er hatte bislang noch keine Runde des Großen Spiels gewonnen. Aber konnte nicht jeder mal eine kleine Pechsträhne haben? Und ja: Vielleicht hätte er auf seinen Assistenten hören und bei der Auswahl der diesjährigen Spielfigur etwas genauer hinschauen sollen. Aber verdammt noch mal: Er war schließlich Gott. Wenn ER nicht auf seine Intuition vertrauen konnte – wer dann?

Gott spürte wieder dieses ungute Gefühl in sich aufsteigen, das ihn immer dann überkam, wenn er zu viel Kontakt mit seiner eigenen Schöpfung hatte. Hätte er es damals doch einfach bei der Erfindung des Apfelbaums belassen … Aber dafür war es jetzt zu spät. Leider. Denn wenn er ehrlich zu sich selbst war, langweilte ihn das, was Tag für Tag auf der Erde geschah, genauso wie das profane Treiben auf den vielen anderen Planeten, die er aus einer Laune heraus mit lustigen kleinen Lebewesen bevölkert hatte. Er brauchte dringend mal eine Auszeit vom Regierungsgeschäft. Nur an welchem Ort sollte er Urlaub machen? Wo immer er auch hinkam, wurde er bloß an seine Arbeit erinnert. Im gesamten Universum existierte kein einziger Fleck, den er sich nicht selbst ausgedacht hatte. Und so gab es eigentlich nur drei Dinge, die ihn am Leben erhielten: das Große Spiel, der Rock ’n’ Roll und die Tatsache, dass Götter nun einmal nicht sterben können.

Der Schöpfer tippte seinem Assistenzengel auf die Schulter.

»Fahr mich zu meinem Palast. Ich muss dringend aus diesen Klamotten raus – und danach ins Heaven’s Door.«

Vorspülen, nachspülen, klarspülen: Neununddreißig Teller, achtundzwanzig Gläser und achtundsiebzig Messer und Gabeln. Nachdem ihn Mr. Goodwill ans Spülbecken beordert hatte, verfluchte Clay zum hundertfünfundvierzigsten Mal den Moment, in dem er von der Vorstadtbühne gefallen war. Hätte er bei dem Gig doch nur besser aufgepasst! Ihm wäre die gesamte Sache hier erspart geblieben, und er würde immer noch der Alte sein. Ein Frontmann an der Spitze einer Rock ’n’ Roll-Band, die zwar Gott nicht überzeugen konnte, ihm jedoch dafür ein echtes Zuhause geboten hatte. Aber mit diesem Leben war es nun vorbei. Nie wieder würde er mit seinen Jungs durch die Clubs der Vorstadt tingeln (sie hatten immerhin zwei Aufritte in den letzten zwölf Monaten gehabt), im Proberaum am Bandsound tüfteln (das war ihnen mindestens einmal in sechs Wochen gelungen) oder einfach nur ein paar Biere leeren (dies war ihnen sogar täglich geglückt). Clay seufzte. Selbst einem unverbesserlichen Optimisten wie ihm fiel es schwer, dem Tod etwas Positives abzugewinnen. Die einzige Chance, die er jetzt noch hatte, seinen Rockstar-Traum zu leben, war Rock City. Vielleicht könnte er da oben eine neue Band zusammenstellen. So eine richtige Allstar-Truppe aus lauter toten Rockstars und mit ihm am Mikrofon … Der Ex-Frontmann ließ das Schmutzwasser ab. Fertig. Joes Chef lächelte.

»Na, dann hast du es für heute ja mal wieder geschafft, Junge!«

Feierabend? Clays Mine hellte sich auf – aber nur kurz. Denn ihm fehlte noch eine entscheidende Information:

»Äh …«, begann er vorsichtig, »ich hab da noch eine kleine Frage: Wissen Sie eigentlich, wo ich wohne?«

Wenig später lag Clay, der von seinem irritierten Chef den Weg zu Joes Apartment erklärt bekommen hatte, in den Armen einer fremden Frau – und wurde dabei live im Himmelsfernsehen übertragen: Jimmy Hendrix pfiff anerkennend durch die Zähne.

»Mann, die Lady geht ja richtig zur Sache!

Schau mal, Jim …

Was sie da …

Und jetzt erst …

Wow! Die machen ja die … Geschlossene Auster1∗!«

Jim Morrison gähnte bloß. Je älter er wurde, desto weniger vertrug er dieses lausige Bier, das sie in ihrer Stammbar, dem Heaven’s Door, im Angebot hatten.

Müde stützte Jim Morrison sich auf der Theke ab und versuchte der TV-Übertragung des Großen Spiels zu folgen. Er fragte sich, welche Frage er Jimmy gerade noch fragen wollte. Die Antwort auf diese Frage fragte sich, ob es wirklich sie sein sollte, die gemeint war und entschied sich, nach einem etwas länger dauernden Moment des Zögerns, für ein zaghaftes ›Ja‹. Schwerfällig kämpfte sie sich aus den Tiefen von Jims vernebelter Hirnrinde empor, passierte ein noch immer restlos biergetränktes Sprachzentrum und schaffte es schließlich, seine schwere Zunge mit Engelsgeduld zum Sprechen zu überreden.

»Weißt du, welchen Einsatz der Chef dieses Mal ins Spiel gebracht hat?«

»Den Rock ’n’ Roll.«

Jim Morrison war mit einem mal wieder hellwach. Ungläubig drehten sich die beiden Engel um. Hinter ihnen stand der Assistenzengel, direkt neben ihm sein Chef: der Schöpfer höchstpersönlich – und er sah ziemlich zerknirscht aus.

Versonnen streichelte Clay über den Rücken der schönen Unbekannten (Anfang dreißig, lange Beine, kurzer Verstand), die ihn nackt, wie von Gott erschaffen, in Joes Apartment empfangen hatte. Unglaublich! Zufrieden steckte sich Clay eine Zigarette an und betrachtete den geschmeidigen Körper neben sich. Wenn er das nur seinen Jungs erzählen könnte … Nie hätte er gedacht, einer solchen Frau einmal so nahe zu kommen – zumindest nicht, ohne seine Nase an einem Bildschirm platt zu drücken.

»Seit wann rauchst du eigentlich, Süßer?«

Die langbeinige Schönheit schien verwundert.

»Äh … es gibt viele … äh … Seiten an mir, die du noch nicht kennst, Darling!«, ahmte er den Tonfall Sean Connerys nach und zwinkerte dem James Bond-Darsteller, der sie von einem Filmplakat aus beobachtete, verschwörerisch zu.

Auffordernd zwickte die schöne Unbekannte in seine Pobacken.

»Aber deine beste kenne ich bereits …«

Zeit für die zweite Runde! Clay drückte die Zigarette aus. So schlecht, wie zunächst vermutet, war er bei dem Deal mit Gott doch nicht weggekommen. Ganz im Gegenteil: Es gefiel ihm immer besser, in Joes Haut zu stecken!

Jimmy Hendrix hingegen fühlte sich gerade alles andere als wohl in seiner leiblichen Hülle.

»Du hast den Rock ’n’ Roll aufs Spiel gesetzt? Aber im Fernsehen haben sie doch gesagt, dass es nur um hundert Seelen aus einem kleinen Kaff in Oklahoma geht.«

Verlegen scharrte der Schöpfer mit den Füßen.

»Das habe ich bloß diesen Presse-Typen erzählt. Stellt euch mal vor, was im Himmel los wäre, wenn ich denen gesagt hätte, dass ich mit dem Teufel darum wette, ob es in Zukunft nur noch unseren Sound oder seinen gottverdammten Plastik-Pop aus den Castingshows gibt.«

»Wahrscheinlich die Hölle, Boss!«

Gott blickte seinen beiden Lieblingsengeln tief und fest in die Augen.

»Genau, und aus diesem Grund muss die Angelegenheit auch so lange unter uns bleiben, bis ich das Spiel für mich entschieden habe, verstanden?«

Jim Morrison nahm einen tiefen Schluck Bier.

»Ja schon, Boss. Aber warum hast du es überhaupt so weit kommen lassen?«

»Warum, warum …«

Der Schöpfer verdrehte die Augen.

»Den Einsatz hast du dir doch nicht selbst ausgedacht«, hakte Jimmy Hendrix nach.

Gott atmete durch.

»Na und? Was spielt das für eine Rolle …Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, oder?«

»Und was ist, wenn wir wieder verl…«

Noch bevor Jimmy Hendrix seinen Satz vollenden konnte, war der Schöpfer auch schon wieder verschwunden.

»Er ist momentan etwas überspannt«, entschuldigte der Assistenzengel seinen Arbeitgeber. »Ihr wisst schon: die schlechten Quoten …«