Hier ist alles sicher - Anneleen Van Offel - E-Book

Hier ist alles sicher E-Book

Anneleen Van Offel

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Beschreibung

Ein Riss geht durch eine Familie. Und ein Riss geht durch ein Land. "Komm nach Israel, Mama." Lang hat Lydia den Hilferuf ihres Stiefsohnes ignoriert, und als sie endlich ankommt, ist es zu spät. Immanuel ist tot. Selbstmord. Sie begibt sich auf die verzweifelte Suche, will verstehen. Ihn und damit auch das Land, das eigentlich eine Zuflucht sein sollte. Vor dem Hintergrund des israelisch-arabischen Konflikts beginnt ein spannender Roadtrip, der tief hineinführt in die Strukturen und Wunden ganzer Generationen. Atmosphärisch dicht und mit einer unverwechselbaren literarischen Stimme schildert Anneleen Van Offel, wie schwer es ist, unter den falschen Umständen richtig zu handeln. Ein Roman über Liebe, Sehnsucht, Verlust, Tod und Trauer und gleichzeitig eine berührende Ode an das Leben.

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Seitenzahl: 285

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Anneleen Van Offel

HIER IST ALLES SICHER

Aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt

OKTAVEN

Inhalt

KOMM NACH ISRAEL, MAMA

Kapitel 1

DAMALS, IRGENDWO IM NORDEN BELGIENS

EINE FANTASTISCHE, WUNDERBARE STADT!

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

DAMALS, IRGENDWO IM NORDEN BELGIENS

BLOODY MARY

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

DAMALS, IRGENDWO IM NORDEN BELGIENS

SWIFTER THAN EAGLES, STRONGER THAN LIONS

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

DAMALS, IRGENDWO IM NORDEN BELGIENS

IM NORDEN

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

QUELLEN

DANK

Anneleen Van Offel über das Schreiben ihres Romans

KOMM NACH ISRAEL, MAMA

1

Dieser Tote ist nicht mein Sohn, das ist ein Mann, den ich nicht kenne. Die schwülwarme israelische Luft drückt mich zu Boden, fesselt mich an den Ledersessel, meine Finger umklammern die Knöpfe, mit denen man die Lehne bequem nach hinten verstellen kann: ein Relaxsessel, wie es so schön heißt. Es gelingt mir nicht, meinen Sohn zu sehen, in dem Toten auf dem Krankenhausbett meinen Sohn zu sehen.

Draußen fahren Autos an, jemand hupt, der Wind streicht sanft durch die Palmen hinter der Scheibe, und hier drin atme ich weiter, in meinem Körper findet ein Verdauungsprozess statt, das Herz pumpt Blut durch die Adern, die Uhr in der Zimmerecke tickt viel zu schnell und viel zu laut. Hinter der Tür, in einem anderen Leben, eilt jemand mit quietschenden Sohlen vorbei. Ich versuche, nicht in Panik zu geraten – darüber dass unser Weg weitergeht, wir gehen weiter und lassen Immanuel zurück, jeder Atemzug ein Vorsprung vor meinem Kind. In der Mitte der Zimmerdecke dreht sich ein Ventilator. Die Luft flirrt über einem Riss, der von einer Ecke aus hinter der Fußleiste ansteigt, um dann neben dem Bett steil abzufallen wie die Kurve eines Kardiogramms. Ich lasse mein Handy von einer Hand in die andere wandern, ganz so als gäbe es jemanden, den ich anrufen kann.

Im Dämmerlicht verschwimmen die Konturen des Bettes, des Rolltisches daneben und des Buches darauf. Es lässt die Flecken auf den Fliesen, den Staub auf der Fensterbank, die vom hölzernen Fensterrahmen abblätternde Farbe und den Glanz der Scheiben verschwinden. Dahinter versinkt Haifa im Abendrot.

Ich fotografiere ihn. Aus Versehen wird der Blitz ausgelöst. Grell beleuchtet liegt er auf dem Bett. Im Nebenzimmer setzt Platzregen ein. Jemand ruft etwas, es hallt wie in einem Bad, jemand anders antwortet. Gelächter.

Die Neonröhren flackern auf. In der Tür steht eine Krankenschwester, die ich noch nie gesehen habe. Klein, gedrungen, die Finger am Lichtschalter. Sie presst die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. «Es tut mir leid», sagt sie in einem Ton, dem man anhört, dass ihr vor allem eines leid tut: dass ich hier bin. Wie lange bin ich schon hier? Ich habe sie gebeten, mich allein zu lassen, als sie mich herbrachten, mich mit ihm allein zu lassen. Ich bin gekommen, Immanuel, ich bin da.

Sie tritt näher, einen Metalljesus um den Hals, der das Licht reflektiert. Er hat weder Nase noch Augen: ein kantiges, völlig ausdrucksloses Gesicht. Das Kreuz ragt ihm wie Flügel aus dem Rücken. «Wer sind Sie?»

Ich lasse das Handy in meine Handtasche gleiten, die Kamerafunktion ist noch aktiv. «Ich bin Touristin», habe ich heute Nachmittag noch zum Zollbeamten gesagt und dachte das wirklich: Ich habe meinen Sohn seit zehn Jahren nicht mehr gesehen, ich schneie kurz in sein Leben und bin im Nu wieder weg. Man hat mich in der Annahme ins Land gelassen, dass ich in wenigen Tagen wieder abreise.

«Kann ich den behandelnden Arzt sprechen?», frage ich.

Die Krankenschwester schüttelt den Kopf.

«Ich bin selbst Ärztin», sage ich – auch um ihr zu verstehen zu geben, dass ich schon bei Betreten des Zimmers gesehen habe, was er getan hat. Ich kann Körper lesen, ich brauche es nicht laut zu hören, sie soll gefälligst den Mund halten. Mit dem Kinn zeige ich aufs Bett, auf dem mein Sohn nicht aufgebahrt ist, sondern auf dem bloß eine andere Version von ihm liegt. Noch heute Morgen war er hier, er kann nicht weit sein.

Die Krankenschwester kehrt mir den Rücken zu, schiebt sich wie eine Wolke zwischen mich und das Bett. Es ist soweit. Ruckartig komme ich zum Stehen, meine Haut löst sich nur mühsam vom Lederbezug. Und dann sehe ich plötzlich meinen Mann dort liegen, den ich streng genommen gar nicht mehr so nennen darf; auf dem Bett liegt mein Mann, wenn auch vor zwanzig Jahren. Ich drehe mich zur Krankenschwester um, sehe mich selbst in einem weißen Kittel und ringe nach Luft, umklammere das Metallgestell des Bettes.

«Zu schnell aufgestanden?» Die Krankenschwester hält mich am Ellbogen. «Möchten Sie ein Glas Wasser?»

Er ist seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, hat seine braunen Locken, seine Wuschelmähne, seine wächserne Stirn und seine Lippen. Weiter unten jedoch: rote Striemen um den Hals, schwarze Blutergüsse vom Nacken bis zu den Schultern, dünne, schlaffe Arme, knochige Handgelenke. Auf seinem T-Shirt grelle Buchstaben. WE WERE STONED IN HEBRON. Ein Cartoon mit kiffenden Soldaten, die von palästinensischen Jugendlichen mit Steinen beworfen werden. Es ist verschossen, vermutlich wurde es schon oft gewaschen.

An seiner rechten Hand sind nur noch Daumen und Mittelfinger übrig. Verbranntes Fleisch voll weißer, wulstiger Narben.

«Kann ich Ihnen ein Glas Wasser bringen?»

«Ich möchte ihn herrichten», sage ich.

«Entschuldigung?», sagt sie. Das ist keine Entschuldigung, sie verlangt eine von mir.

«Waschen will ich ihn, ich will meinen Sohn waschen.»

Sie spielt mit dem Kreuz an ihrer Halskette, pikst sich damit in den Busen. «Das geht doch nicht. Er ist schon hergerichtet.»

Das sehe ich auch. Ich weiß, dass er wieder eine Windel trägt, eine Inkontinenzeinlage, die auffangen soll, was er nicht mehr halten kann. Sein Rücken unter dem T-Shirt dürfte bereits dunkelrot, das zum Stillstand gekommene Blut am tiefsten Punkt zusammengeflossen sein. Ich weiß mehr als mir lieb ist, das bringt mein Beruf so mit sich: Ich nehme diejenigen, die mir nahestehen, auch als Körper wahr.

«Ich brauche einen Eimer», sage ich. «Und einen Lappen.» Meine Stimme bricht und damit auch ich. Sie spürt das, sie schüttelt den Kopf. Ich will ihn waschen, ich werde warmes Wasser verwenden, jeden Quadratzentimeter seiner Haut liebkosen, bis ich kein Detail je wieder vergesse und er nicht anders kann, als es doch noch zu spüren. Ich bin da, Immanuel, ich bin gekommen.

Ich beuge mich zu ihm, ziehe ein Hosenbein etwas nach oben. Auch hier ein dunkelvioletter Fleck unter der Haut. Sein Bein ist behaart, ein Männerbein. Das ist nicht der Junge, von dem ich mich nie richtig verabschiedet habe. Er ist jetzt dreiundzwanzig, das weiß ich, ich habe weiterhin jeden Geburtstag gefeiert.

«Er hat mir gemailt», sage ich. «‹Komm nach Israel, Mama. Sderot Yitzhak 5.›»

Seine Härchen sind weich. Ich drücke seine unversehrte Hand; als ich das letzte Mal seine Hände hielt, war er dreizehn, und ich hatte nichts mehr zu sagen; ich drückte sie, und er verschwand, tagelang brachte ich kein Wort mehr heraus. Als er ins Taxi stieg, waren seine Lippen zu einem blassen Strich zusammengepresst. Wie seine Stimme wohl hinter diesem geschlossenen Mund klingt? Ich habe ihn mir stets mit dieser Jungenstimme, kurz vor dem Erwachsenwerden, vorgestellt, mit seiner hohen, leicht kieksenden Stimme. Ich will sie hören. Ich bin gekommen, Immanuel.

«Bringen Sie mir Wasser», sage ich. Seine Haut ist eiskalt. Ich kann ihn aufwärmen, ich muss seine Hände nur in meine nehmen, dann wird ihm automatisch wieder warm. Das Brot, das er heute Morgen gegessen hat, ist noch in seinem Darm.

«Misses …» Die Krankenschwester atmet hörbar ein.

«Bringen Sie mir Wasser», wiederhole ich, diesmal schon ein Stück lauter. Ich drücke seine Finger, bohre die Nägel so fest ich kann in seine Haut. Die gibt leicht nach, ist noch nicht starr, und aus den Augenwinkeln sehe ich, wie die Frau auf mich zueilt, sie packt mich am Handgelenk, versucht, mich von ihm zu lösen, aber ich lasse ihn nicht zurück, nicht noch einmal, ich stoße sie fort, sie knallt mit dem Ellbogen gegen den Rolltisch, dessen Bremsen quietschen.

Komm nach Israel, Mama. Vier Worte, und ich habe mich vier Wochen lang nicht getraut, zu antworten. Die Nachricht hat mich unter meiner beruflichen E-Mail-Adresse erreicht. Er musste auf der Internetseite des Krankenhauses nach mir suchen, um Kontakt aufnehmen zu können.

Die Dusche im Nebenzimmer wird abgestellt.

«Ich möchte den Arzt sehen», sage ich, vielleicht schreie ich es auch.

«Der Arzt schaut nur ein Mal die Woche vorbei. Das ist hier eine spezielle Einrichtung, wir sind quasi eine Art …» Ihre Halsmuskeln spannen sich an. Sie wartet, sie weiß nicht, ob ich schon soweit bin, die dumme Gans, dabei habe ich es schon längst gemerkt. Oder aber sie traut mir nicht. Ich lasse seine Hand los.

«Wo ist sein Vater? Joachim Polak?», frage ich.

Joachim Polak. Vor zweiundzwanzig Jahren in einem Krankenhauszimmer: Ich sage ihm, dass er sich keine Sorgen zu machen braucht, sein Sohn wird durchkommen. Ich habe dem Kind eine kleine Maske aufgesetzt, die Sauerstoffdosierung eingestellt; wieder sage ich dem Vater, dass es schlimmer aussieht, als es ist. Er ist kreidebleich, starrt ununterbrochen auf die kleine Gestalt, die jetzt ruhiger atmet. Ich bleibe länger im Zimmer als nötig.

Joachim Polak, ein Name in einer Patientenakte. Ein Name, der schnell zu einem Mann wurde: ein Mann mit dunklen Locken und einem herzförmigen, markanten Gesicht, hinter dem stets ein Feuer zu wüten scheint. Ein Mann, der sich über das Kinderbett beugt wie ein Fragezeichen. Ein Mann, der versucht, eine Lücke zu schließen, ein Mann, der sich breiter macht als er ist, um die Lücke zu schließen, die seine Frau hinterlassen hat. Ein Mann, der versucht, dem Tod zuvorzukommen. Ein Mann, der sich mit Schicksalsergebenheit auskennt. Alles wird gut, sage ich, und er nickt. Ihr Sohn wird wieder gesund, verspreche ich und höre mir selbst dabei zu.

Joachim Polak. Keine Kurzform, keine Kosenamen, immer nur Joachim. Wenn er panisch aus dem Schlaf hochschrak. Wenn er seine Hand in der Elternsprechstunde mit meiner verschränkte. Wenn ich mich in leidenschaftlichen Nächten an ihm festhielt.

Später sollte ich seine Angst nachempfinden. Von dem Moment an, als ich zur Mutter seines Sohnes wurde (was übrigens genauso intensiv war wie eine natürliche Geburt), habe ich versucht, mich auf Immanuels Tod vorzubereiten. Wenn ich jemanden wiederbeleben musste, wiederbelebte ich auch mein eigenes Kind. Beim Überbringen schlechter Nachrichten kündigte ich nicht nur den Tod meines kleinen Patienten an, sondern auch Immanuels, in meiner Fantasie baute ich eine wacklige Brücke zu den Eltern. Ich übte mich im Trauern. Als frisch gebackene Mutter schlüpfte ich in eine Rolle, etwas von außen bestimmte, wie ich mich zu verhalten und was ich zu empfinden hatte, und das Schlimmste daran war, dass ich mich tatsächlich immer mehr so verhielt und empfand, was ich zu empfinden hatte. «Joachim Polak, sein Vater. Wo ist er?»

Die Krankenschwester schaut zur Tür, als wollte sie abschätzen, wie weit es bis dahin ist, um notfalls fliehen zu können.

Ich lege Immanuel die Hand auf die Schläfe. Sanft fahre ich mit dem Daumen über die Haut unter seinem geschlossenen rechten Auge, dann hoch zur Wange, nur so konnte ich mein Kleinkind beruhigen. Wir müssten hier eigentlich gemeinsam stehen, Joachim und ich, unseren Sohn betrachten und sagen: «Schau nur, wie schön er schläft.»

Das Problem ist nur, dass ich mehr weiß als andere Mütter. Ich kenne den schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Ich weiß, wie weit der Körper geht, um zu überleben, auch dass wir ihm letztlich völlig egal sind. Im Schnitt stehe ich einmal im Monat machtlos da; dann kann ich nicht mehr tun, als den Vorhang zuzuziehen, die Mutter oder den Vater im Relaxsessel Platz nehmen zu lassen, alle Kabel und Schläuche zu entfernen und den Brutkasten rauszurollen. Ihnen das Baby auf den Oberkörper zu legen.

Als ich zu Immanuels Mutter wurde, hatte er das Wort «Mama» längst gesagt. Allerdings nicht zu mir.

Der Blick der Krankenschwester hat sich etwas verhärtet, sie beißt die Zähne zusammen. Sie wartet darauf, dass ich noch eine Bitte äußere, damit sie sie erneut verweigern kann, aber den Triumph gönne ich ihr nicht. Das gibt mir ein lächerliches Gefühl von Kontrolle, ein letztes bisschen Kontrolle.

Mit dem Selbstbewusstsein eines Menschen der glaubt, man würde ihn erwarten, taucht ein Mann im Türrahmen auf. «Wie ich sehe, hat man Ihnen den Weg gezeigt.» Rasch tritt er aus dem Gegenlicht und streckt mir so energisch die Hand hin, dass man meinen könnte, er wollte mich auf Abstand halten. Das rote Basecap lässt sein widerspenstiges Haar über den Ohren abstehen. «Chernoff», sagte er. «Joseph Chernoff, ich bin hier der Leiter. Hat Krista Sie bereits informiert?» Kopfschüttelnd dreht er sich zum Bett. «Dabei haben wir uns so bemüht. Ich finde es einfach nur schrecklich. Zum Glück ist er jetzt in guten Händen, er wurde von seinem Leid erlöst.» Chernoff schürzt die Lippen und legt den Kopf schräg. «Ich weiß genau, wie Sie sich jetzt fühlen.»

Seinetwegen scheint das Zimmer die Luft anzuhalten, sie entweicht, sodass ein Vakuum entsteht, ein Ort, der nicht mehr von dieser Welt ist, und das ist auch so, das hier geschieht nicht wirklich. Das ist nur ein Warnschuss, ich bekomme noch eine zweite Chance. Es summt in meinem Kopf. Wenn ich die Augen schließe, stehe ich vielleicht einfach wieder auf der Rollbahn des Flughafens wie vor ein paar Stunden, und alles ist gut; ich kann auf der Landebahn eines Landes stehen, das ausschließlich in meiner Fantasie existiert. Es ist der Ventilator, der brummt, und ich bin in einer Stadt, die nicht so ist, wie ich sie mir vorgestellt habe. Dieses Zimmer ist eine Folge davon. Siehst du. Da hast du’s.

«Ms Lamont? Sie sollten wissen, dass wir alles versucht haben, um ihn wieder auf den rechten Weg zu bringen. An uns lag es nicht. Wir haben nie gesagt, dass es einfach werden würde. Sie kommen freiwillig mit.»

Ich versuche, dem Riss zu folgen, von ganz unten bis knapp über Immanuels Kopf, wo er einen abrupten Knick macht und bis unters Bett abfällt; ich folge ihm solange, bis ich mir vorstellen kann, ich wäre der Riss; ich spüre, wie mich ein fremdes Augenpaar von Kopf bis Fuß taxiert und nicke. Eine Frage, die ich überhört habe. Chernoffs Blick durchbohrt mich wie Röntgenstrahlen.

«Ich habe eine Nachricht von ihm erhalten», sage ich. «Warum hat er mich gerufen?»

Chernoff schüttelt den Kopf. «Man weiß nie, was in ihnen vorgeht. Es ist zum Gotterbarmen …» – er wendet sich jetzt an die Schwester – «… wie schwer diese jungen Leute zu durchschauen sind.» Er stößt einen lauten Seufzer aus. «Man kann sich noch so sehr anstrengen, aber wenn sie es nicht wollen, tja … Dann sind wir machtlos.» Er lässt die Schultern hängen, nimmt die Haltung ein, die er in seinem Körper als «Mitgefühl» gespeichert hat. «Wir haben ihn vor ein paar Wochen in Tel Aviv aufgelesen. Es ging ihm dreckig, aber das brauche ich Ihnen nicht zu erzählen. Er hat kein Wort mehr rausgebracht. Ich war selbst dabei, zusammen mit Krista. Wir beugen uns zu ihm runter, und er schaut einfach an uns vorbei. ‹Junge, du musst nicht hier sein›, hab ich gesagt. ‹Du hast kein Drogenproblem, du hast ein spirituelles Problem. Hast du ein Zuhause?›»

Er holt einen Kuli aus der Brusttasche, klopft damit mehrmals aufs Bettgestell. «Nun, anscheinend nicht. ‹Unser Herrgott liebt dich, mein Junge›, sag ich. ‹Es gibt jemanden, der dich liebt.› Da schauen sie alle sofort auf, wenn man das sagt. Damit hat man ihre Aufmerksamkeit. Gut, und dann sagt man: ‹Es gibt ein Zuhause für dich. Du kannst mitkommen, wenn du willst.› Sie kommen fast alle mit, verlassen ihr destruktives Umfeld in Tel Aviv, auch wenn das die schönste Stadt der Welt ist, das ist unbestritten. Sie ist die einzige echt hebräische Stadt Israels. Zusammen mit dem Land aufgebaut, aus dem Morast gestampft sozusagen. Jedenfalls bringen wir sie dann ins grüne, ruhige Haifa. Wir sagen übrigens von Anfang an, dass in dieser Einrichtung keine Drogen erlaubt sind. Wir wollen keine bösen Überraschungen. Die Bibel ist die Entziehungskur. Und sie funktioniert. Kalter Entzug, wenn man so will. Unangenehm, aber sie schaffen es.» Er schweigt kurz. «Die meisten zumindest.»

Ich kann nicht fassen, dass das hier existiert, dieses Zimmer, dass wir alle drei aus unserem hektischen Alltag gerissen und hierher verpflanzt worden sind, ans Bett meines Jungen; ich kann nicht fassen, dass das mein Junge sein soll.

Derselbe Junge, der Pflanzen mit Keksen gefüttert hat – sie hatten schließlich Hunger.

Derselbe Junge, der unter Albträumen litt. «Schlechte Träume sind Eigenbrötler», pflegte ich damals zu sagen, «sie kommen immer allein, du kannst jetzt also beruhigt einschlafen, ich lass die Tür einen Spalt offen stehen.»

Mein Junge, der seit seinem fünften Lebensjahr auf Geheiß seines Vaters eine Kippa tragen musste, der sich nach und nach mit alten Ritualen vertraut machte.

Mein Junge. Noch heute Morgen muss er die zugestellten Balkone gegenüber gesehen haben, wo Mülleimer stehen und die zerfranste israelische Flagge schlaff vom Geländer hängt; vielleicht hat er in der Ferne das Mittelmeer im Morgenlicht glitzern sehen, es kann aber auch sein, dass er gar nicht mehr so weit geschaut hat. Vielleicht hat er an mich gedacht, an die Nachricht, auf die keine Antwort kam. Vielleicht hätte all das gar nicht passieren müssen, wenn er gestern in den Aufenthaltsraum gegangen wäre und sich in sein E-Mail-Postfach eingeloggt, dort die Antwort vorgefunden hätte, die zu lang auf sich hatte warten lassen.

«Ich komme, Immanuel. Ich freue mich, von dir zu hören. Bitte entschuldige, dass ich erst jetzt antworte, aber morgen (Dienstag) bin ich gegen 17 Uhr in Haifa. Ich werde zu der von dir angegebenen Adresse kommen. Alles Liebe, Lydia (Mama).»

Oder – und das ist der Gedanke, der mir die Luft abschnürt – er hat die Nachricht sehr wohl gelesen und ist heute Morgen in dem Wissen, dass ich gerade die Sicherheitskontrolle in Brüssel-Zaventem passiere, auf den Stuhl gestiegen. Der Metalldetektor piepte, meine Uhr war schuld. Ich nahm sie ab, sie zeigte die Uhrzeit an, als er sprang. Ich legte sie in den Korb und durfte weitergehen. Ich ahnte nicht das Geringste.

Ich habe Wasser bekommen, ein Glas Wasser. Ich habe mich wieder hingesetzt, Chernoff beugt sich zu mir, direkt vor mein Gesicht, überprüft, ob ich in Ohnmacht falle. Das Schmerzmittel (ein Schmerzmittel!), das sie mir zugesteckt haben, zermalme ich in der Faust zu weißem Pulver. Ich schüttle den Kopf, anscheinend sage ich, dass es geht. Es geht schon, es wird schon, wir setzen unseren Weg fort, wir lassen Immanuel zurück.

Chernoff trommelt nervös mit seinem Kuli. «Sie dürfen sich selbstverständlich die gesamte Patientenakte durchlesen, wir sind hier generell so transparent wie möglich.»

«Haben Sie seinen Vater informiert?», frage ich erneut.

Die Kappe des Kulis fällt herunter. Reflexartig bückt sich Chernoff und greift danach, während er am Bett Halt sucht. «Soweit wir das wissen, hatten die beiden keinen Kontakt mehr. Die meisten jüdischen Eltern tun sich recht schwer mit uns, müssen Sie wissen, und dafür haben wir durchaus Verständnis. Unsere Arbeit stößt auf großen Widerstand in Israel.»

Joachim. Joachim Polak. Ruhelos, sich stets nach einem Ort sehnend, an dem er gerade nicht ist. Ich könne das unmöglich verstehen, das war seine feste Überzeugung. Das sei etwas Jüdisches, etwas zwischen Immanuel und ihm. Sein Sohn war alles, was Joachim nach dem Verlust seiner Frau noch am Leben hielt, und die Vorstellung von diesem Leben schien letztlich nur die Gestalt Israels annehmen zu können. Und da gehörte ich einfach nicht dazu. Ich konnte noch so viele Bücher darüber lesen: Joachim war fest davon überzeugt, dass ich seine Bedeutung nie ganz erfassen würde. «Israel ist nicht nur ein Land», sagte er. «Israel ist ein Seinszustand.»

«Haben Sie Kontakt zu seiner Freundin?», fragt Krista.

«Hat er eine Freundin?»

«Das vermuten wir, denn anfangs hat er ständig nach ihr gefragt. In den ersten Wochen müssen sie ihr Handy abgeben. Wir halten es für das Beste, wenn die Jungs ihre Isolation so lange wie möglich genießen.» (Sie sagt doch tatsächlich «genießen»).

Ich hole mein Handy wieder aus der Handtasche und gehe auf Facebook. Ihm näher zu kommen als ab und an sein Profil aufzurufen, habe ich mich in den letzten Jahren nicht getraut. Auf dem Foto trägt er eine Armeeuniform und hat den Arm um eine junge Frau gelegt. Er schaut nicht in die Kamera, sondern strahlt sie an. Eine riesige Waffe liegt locker in seiner Hand vor ihrer Brust. Das Foto ist drei Jahre alt. Wie die junge Frau heißt, steht nicht dabei. Lustlos klicke ich mich weiter. Mehrere Stunden nach seinem Tod schicke ich meinem Sohn eine Freundschaftsanfrage. «Haben Sie ihre Kontaktdaten?»

«In seinem Handy vermutlich, doch das ist gesperrt. Aber Sie finden bestimmt jemanden, der es für Sie hacken kann.» Krista grinst, als sie das Wort in den Mund nimmt.

Aus der Schublade des Rolltisches nimmt Chernoff einen alten, verblichenen Rucksack. «Den hier dürfen Sie natürlich mitnehmen und auch die Kleidung, die er im Moment trägt. Wir bestatten sie in einem Totenhemd.» Er drückt mir den Rucksack in die Hand. Den hat jemand über und über mit hebräischen Buchstaben bemalt. Die Vorstellung, dass Immanuel das geschrieben hat, ist mir viel zu intim, mein Kind kommuniziert in Geheimsprache. Sanft fahre ich mit den Fingern über die Buchstaben, Spuren seiner Gedanken, die mich vielleicht zu ihm führen, zu etwas von ihm.

Komm nach Israel, Mama.

Von meinem Stuhl aus scheint sein Körper kein Körper mehr zu sein, sondern das Konzept eines Körpers, seine Essenz, und auch der Riss ist kein Riss, sondern das Negativ der Wand, ein Spalt im Zimmer, eine Öffnung, ein Dahinter: Israel, das Land, über das Joachim und ich sooft diskutiert haben. Das Land, das ich bisher nur aus den Nachrichten kannte, und das er mir erklärt hat, stundenlang: Angefangen von den Ruinen von Caesarea bis hin zu den Stränden rund um Haifa, von der sagenumwobenen Stadt Akkon und ihrer Zitadelle über die weißen Mauern Jerusalems bis hin zu den himmelstürmenden Hotels in Tel Aviv ließ er ein Land zwischen uns entstehen, wo er noch nie gewesen war und das in Edegem über den ganzen Küchentisch verteilt lag.

Ich könnte schwören, dass ich den Riss knacken höre. Der Ventilator wird langsamer und verstummt klappernd. Es ist, als entweiche der letzte Rest Sauerstoff in einem einzigen Seufzer aus dem Zimmer.

«Sie müssen jetzt gehen», sagt Chernoff – das Ergebnis eines Gesprächs, das nicht geführt wurde. «Wir schließen gleich. Morgen findet die Beerdigung statt, sobald wie möglich. So läuft das hier.»

Ich gehe zum Kopfende des Bettes. Ich beuge mich zu Immanuel hinab, flüstere seinen Namen wie damals, als ich ihn sooft weckte, so als könnte ich, indem ich in seiner unmittelbaren Nähe bleibe, das Zeitloch zwischen uns kitten.

«Machen Sie sich nicht zu viele Gedanken», höre ich Chernoff sagen. «Er war hier sehr glücklich. Unter der Pergola im Garten konnte ich stundenlang mit ihm diskutieren. Wir waren die Antwort auf seine Fragen.»

Krista bejaht eifrig. «Vor allem die Vorstellung, dass es Vergebung für ihn gibt, hat ihn nicht losgelassen.»

Ihre Worte bleiben für einen Moment zwischen uns im Zimmer hängen. Ich drehe mich um und schaue ihr direkt in die Augen. «Ich komme nicht mit», sage ich ruhig. Wieder drehe ich mich zum Bett, zu Immanuel, und dann sehe ich, wie sich der Riss wie Eis, das bricht, über die gesamte Wand verzweigt.

«Sie werden das Zimmer trotzdem verlassen müssen.» Wer von beiden das sagt, höre ich schon nicht mehr, ich lasse den Riss nicht aus den Augen, langsam versinkt er im Boden. Joachim. Er wollte sich doch um ihn kümmern. «Für den Jungen ist es besser so», meinte er, wo ist Joachim, Joachim müsste eigentlich hier sein, er hat versprochen, sich um Immanuel zu kümmern, unter meinen Füßen kriecht der Riss weiter zur Tür, und in diesem Augenblick schaue ich wieder auf und sehe, wie Chernoff und Krista mich befremdet anstarren, ihre Lippen formen Worte, Krista gibt mir ein Zeichen, aber ich werde Immanuel nicht zurücklassen, noch einmal werde ich das nicht zulassen, Joachim, wo ist Joachim, ich werde dieses Land nicht verlassen, bevor ich ihn gefunden habe, bevor ich Immanuel gefunden habe. Und als der Riss die Tür erreicht, beschleunigt er sein Tempo, er saust um Chernoff und Krista herum Richtung Flur, vorbei an den nicht zu entziffernden Plakaten, durch die Tür hinaus ins Freie, die Steintreppe hinunter in den Garten, wo die Zitronen gelb in den Bäumen hängen, die Passionsblume in voller Blüte steht. Er läuft unter dem Zaun hindurch, folgt der Sderot Yitzhak zum Gipfel des Berges, auf dem der Tempel steht, von dem Joachim mir sooft erzählt hat, dort hält er kurz inne, um durch die Gittertore zu den symmetrisch angelegten Gärten des Tempels vorzudringen: große Kreise aus Rosen auf der einen und große Kreise aus Rosen auf der anderen Seite. Vorbei am Heiligen Schrein mit der goldenen Kuppel, zwischen den grünen Heckenbögen und Veilchenbeeten hindurch, die fein säuberlich um das Heiligtum angelegt wurden, nur ich sehe, wie der Riss die Stadt einnimmt, wie er an den Fassaden der Häuser emporklettert und sich in den Seitenstraßen verzweigt wie die Nerven eines Blattes. Wie er unter schlendernden Füßen hindurchhuscht, die Unterstadt wie eine Krakeleeschicht zurücklässt und das Karmelgebirge erklimmt. Sich über den Asphalt der Sderot Morya ausbreitet, wo mich der Taxifahrer heute Nachmittag abgesetzt hat, vorbei an den Dönerläden und Geschäften mit Billigklamotten, in denen die Schaufensterpuppen aus durchsichtigem Plastik sind und die schon vor dem Verkauf aus der Form geratenen Fähnchen sie eher wie Feigenblätter als wie Mode verhüllen.

Über den Bergrücken eilt er weiter nach Achuza, dem höher gelegenen Teil der Stadt, der überwiegend jüdisch ist, und in dem die Zeit noch schneller zu verstreichen scheint als in der lebhaften Unterstadt. Die Menschen hasten unter lautem Hupen von einem Moment zum nächsten, der Riss lässt sich mit zur Autobahn hetzen, die ihn direkt mit dem Rest des Landes verbindet.

Während ich sehe, wie Chernoff auf mich zukommt, beuge ich mich über Immanuel, ich sage seinen Namen, rufe ihn, meinen Sohn, ich rufe ihn, spüre, wie sich ein Zittern in mir Bahn bricht. Chernoff packt mich am Arm, und ich gebe ihm einen Klaps, viel heftiger als gewollt, ich wende mich ab, als wäre nichts passiert. «Tut mir leid, Immanuel», sage ich, «tut mir leid.» Er muss das doch hören, irgendwo muss er mich doch hören. «Tut mir leid», es kommt von weit weg, und nur wenn er es hören kann, ist es ausgesprochen, ist es wahr.

Und tief in der Klagemauer in Jerusalem beginnen die Steine zu weichen, nur ein winziges bisschen, für niemanden sichtbar, auch hier ist der Riss durchgegangen, bis ins Innerste von dem, was vom Zweiten Tempel übrig blieb. Die Juden pressen die Stirn gegen die Mauer und spüren kleine Erschütterungen, dieselben, die die Muslime spüren, wenn sie den Kopf ein Stück weiter in den Boden der Al-Aqsa-Moschee drücken. In den engen Gassen des armenischen Viertels läuft ein Junge neben seiner Mutter her und ruft, seine Hand sei rissig, «Schau nur, Mama!» Und die Mutter sagt, dass diese Linien zu seiner Hand gehören, dass er nur lernen muss, sie richtig zu lesen. Der Junge will sich auf eine Mauer setzen, es gelingt ihm nicht. Unter ihm saust der Riss zu den Mauern der Altstadt, die eine Eroberung der Stadt unmöglich zu machen scheinen.

Unweit dieser Festung stellt eine Großmutter die Einkäufe, die sie gerade auf dem Markt gemacht hat, auf den Tisch, sie nimmt ihr Kopftuch ab und staunt über den Schwindel, der ihren Körper zu erfassen scheint wie ein elektrischer Schlag. Sie muss sich kurz hinlegen, dort auf dem Bett wird sie von einer Enkelin gefunden, die erst denkt, die Oma würde den Riss an der Decke betrachten, um sich dann zu wundern, dass sie so lange gucken kann, ohne zu blinzeln. Als Nächstes rennt das Kind durch den Souk und sucht nach seinem Vater, der gerade auf einem Hocker vor seinem Souvenirladen eindöst. Während die Kleine mit ihrem Vater an der Hand nach Hause zurückeilt, schießt der Riss unter ihren Füßen bis ans andere Ende der Stadt, wo er langsamer wird und weiterkriecht, durch das Goldene Tor. Er lässt sich von keiner Mauer aufhalten, der Riss, auch nicht von den israelischen Sperranlagen, er durchdringt das Bauwerk aus Stacheldraht, Gräben, Toren, Türmen und Beton, rast auf direktem Weg weiter bis zu den dahinter liegenden Palästinensergebieten. In den Olivenhainen gabelt er sich. Der eine Teil verschwindet in der Wüste Negev Richtung Gazastreifen, wo er sich mit der Mauer eines Hauses vor der Großen Moschee verbindet. Er spürt, wie ein Kind ihm mit dem Finger folgt, bis zu der Stelle, wo er neben einem Fenster endet. Die andere Verzweigung führt an den kleinen Palästinenserdörfern vorbei nach Hebron, und von dort aus flieht der Riss zum Toten Meer, wo er sich über die Salzstrände zum Wasser vorarbeitet, um dann auf dem Grund des flachsten Meeres der Welt zu verschwinden.

Ich stehe auf dem Flur. Chernoff hat mich am Arm gepackt. Krista löscht hinter mir das Licht, sie schließt die Tür. Noch ehe ich etwas sagen kann, werde ich nach draußen geführt, das Tor schließt sich hinter mir. Ich lasse mich auf eine Bank sinken. Die Schatten der Blätter malen Muster auf den Kiesweg. Ein Piepen kommt aus meiner Handtasche. Eine Benachrichtigung auf meinem Handy. Eine Nachricht von Facebook, das sich ungefragt wieder aktiviert hat. Ich muss sie mehrmals lesen, bis ich sie verstehe, aber da steht doch tatsächlich: «Immanuel hat deine Freundschaftsanfrage bestätigt».

DAMALS, IRGENDWO IM NORDEN BELGIENS

Wollen wir nicht einfach noch mal von vorn anfangen? Dann lege ich jetzt den Rückwärtsgang ein, rase rückwärts über die schmalen Straßen des Niemandslands, in dem ich hier gelandet bin, wieder nach Edegem, mit um die achtzig Stundenkilometer lege ich den gesamten Fluchtweg erneut zurück, ja sogar noch schneller, während der Mond in der Abenddämmerung verschwindet, lenke den Wagen anschließend in die Auffahrt und betrete rückwärts das Wohnzimmer, in dem du dich von mir abwendest und erneut auf dem Sofa Platz nimmst, und im selben Moment wird es auch schon wieder hell, und die Sonne fällt ins Zimmer, direkt in dein Gesicht, Joachim, und du machst den Mund auf, und alles, was du sagst, ist nicht zu verstehen, weil du es rückwärts sagst, und eben deswegen können wir gemeinsam weiter zurück, wir schalten einen Gang höher, unser Haar wird kürzer und länger, unser Blick wird offener, und irgendwann berührt meine Hand die deine, wir versinken tiefer in der Zeit, und unser Sohn läuft zwischen uns, wird kleiner, bis er das Laufen verlernt hat, und du nimmst ihn hoch, reichst ihn mir, woraufhin ich ihn in ein Kinderbett aus Metall lege, und auch jetzt ist es Abend, dunkel, nur das Krankenhauszimmer ist erhellt, und hier verstummen wir, Joachim. Wir schauen uns an, und das ist der Anfang.

Ich sage, dass alles gut wird. Eine RSV-Infektion ist beängstigend, aber gut zu behandeln. Ein paar Tage im Krankenhaus beatmet werden – das klingt schlimmer als es ist. Du siehst erschöpft aus. Die Trauer hat ihre Klauen ausgefahren, dir Falten ins Gesicht gegraben, die nicht mehr weggehen werden. Ich sage, dass es einen Psychologen auf der Station gibt, dass du dich jederzeit an ihn wenden kannst. Es ist eine Leine, die ich auswerfe und die irgendwo zwischen uns treibt, ohne dass du darauf reagieren würdest. Du hast eine leise Stimme, das Polnisch klingt noch durch in deinem Englisch. Ich müsste eigentlich weiterarbeiten, ich bin die einzige Kinderärztin, die gerade Dienst hat. Ich trödele. Du setzt dich in den Ledersessel neben dem Bett. «Möchten Sie meine Frau sehen?», fragst du.

«Natürlich.»

Du greifst zu deinem Kalender auf dem Rolltisch, holst ein Foto heraus. Ich nehme es entgegen. Du lässt mich nicht aus den Augen, während ich die Frau auf dem Foto betrachte. Auf den ersten Blick käme man nicht auf die Idee, dass sie gestorben ist, doch alle Mimik ist bereits erstarrt, für die Ewigkeit festgeschrieben. Ich bemühe mich nach Kräften, nicht aus der Rolle zu fallen.

«Sie ist schön», sagst du.

«Ja.»

«Manchmal vergesse ich, dass sie tot ist.» Du drehst dich weg, zu Immanuel, der auf dem Rücken schläft, die Arme über dem Kopf. «Dann denke ich, jetzt ist es dann mal gut, Edyth. Du verpasst so viel.»

«Sind Sie nur vorübergehend in Belgien?», frage ich.

«Ja. Aber ich gehe nicht zurück nach Polen.» Du sagst nicht, wo du stattdessen hingehst. Du legst die Hände in den Schoß. Ich gebe dir das Foto zurück, unsere Blicke verhaken sich, nur ganz kurz, bis wir uns beide auf das Krankenhauszimmer konzentrieren.

«Ich geh dann mal», sage ich. Ich streiche über die Flecken auf dem Resopaltisch, so als müsste man sie nur miteinander verbinden, um ein Motiv zu enthüllen. Eines, das bereits besteht, sich aus einzelnen Punkten zusammensetzt, nur noch auf die Linie wartet, die es sichtbar macht.

«Bleiben Sie doch noch einen Moment», sagst du.

Ich gehe zum Bett, stütze mich auf die Kante. Immanuel schmatzt leise. Ich beuge mich zu ihm, kontrolliere, ob der Sauerstoffschlauch noch gut in der Nase sitzt, obwohl ich auf Anhieb sehe, dass er sitzt. Wir sind uns der Anwesenheit des jeweils anderen deutlich bewusst – so sehr, dass wir unsere Bewegungen betonen, uns an unsere Rolle als Ärztin und als Vater eines Patienten klammern, und ich versuche, dich nicht zu lange anzuschauen, denn wie kann es sein, dass in den Augen eines Menschen so viel Ohnmacht und Liebe zu sehen ist, ich habe noch niemanden erlebt, der sowohl mit Trauer als auch mit Zuversicht in die Welt schaut. Schicksalsergebenheit, das ist das Wort. Wie kann es sein, dass jemand dem Leben mit so viel Schicksalsergebenheit begegnet.

«Alles in Ordnung», sage ich. Ich nicke dir kurz zu, nehme meine Patientenakten, klopfe kurz gegen die Tasche meines Arztkittels. Dann gehe ich zur Tür.

«Frau Doktor», sagst du.

Ich drehe mich um.

«Sind Sie schon oft umgezogen?»

Ich drücke die Klinke herunter. «Wenn irgendetwas ist, rufen Sie mich bitte.» Ich zeige nicht auf den roten Knopf neben dem Bett. Dafür auf das Feldbett am Fenster. «Versuchen Sie ein wenig zu schlafen.»

«Ich schlafe schon seit Jahren nicht mehr», sagst du. «Aber ich werde mich hinlegen und die Augen zumachen.»