9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €
Pierre M. Krause ist ein bisschen anders als andere – lustiger, frecher, schlagfertiger. In einer normalen deutschen Großstadt fällt jemand mit diesen hervorstechenden Eigenschaften nicht weiter auf – was aber, wenn dieser Mensch mit der großen Klappe in einem badischen Dorf lebt? Unnachahmlich direkt und witzig schaut Krause seinen Nachbarn auf die Finger und sorgt für Unruhe in der Dorfkneipe. Und er stellt fest: Alle Klischees stimmen. Zumindest in seiner Heimat, kurz hinter Baden-Baden. «Das Dorf ist eine Welt. Die Welt, in der ich zu diesem Zeitpunkt lebe, hat ungefähr 2000 Einwohner, die sich auf drei Nachnamen verteilen: Huber, Fuchs und Kraft. Man kennt sich, man grüßt sich. Straße und Gehweg verschmelzen zu einer asphaltierten Einheit. Es gibt Dorfplätze, Parkplätze und Spielplätze – alle sind sauber. Überhaupt ist alles sauber. Kontinuierlich kontrollierte Kehrwoche, blickdichte Buchsbaumburgen, grenzenlose Geraniengärten, Terrassen Tausender Terrakottatiere. Stätte der staunenden Stabreimsüchtigen. Hier ist man von hier oder nicht von hier. Ich bin nicht von hier und möchte Ihnen, hochgeschätzter Leser, erzählen, wie ich hierherkam, um hier dann schließlich nicht von hier zu sein.»
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2012
Pierre M. Krause
Geschichten aus dem Schwarzwald
Pierre M. Krause ist ein bisschen anders als andere – lustiger, frecher, schlagfertiger. In einer normalen deutschen Großstadt fällt jemand mit diesen hervorstechenden Eigenschaften nicht weiter auf – was aber, wenn dieser Mensch mit der großen Klappe in einem badischen Dorf lebt? Unnachahmlich direkt und witzig schaut Krause seinen Nachbarn auf die Finger und sorgt für Unruhe in der Dorfkneipe. Und er stellt fest: Alle Klischees stimmen. Zumindest in seiner Heimat, kurz hinter Baden-Baden.
«Das Dorf ist eine Welt. Die Welt, in der ich zu diesem Zeitpunkt lebe, hat ungefähr 2000 Einwohner, die sich auf drei Nachnamen verteilen: Huber, Fuchs und Kraft. Man kennt sich, man grüßt sich. Straße und Gehweg verschmelzen zu einer asphaltierten Einheit. Es gibt Dorfplätze, Parkplätze und Spielplätze – alle sind sauber. Überhaupt ist alles sauber. Kontinuierlich kontrollierte Kehrwoche, blickdichte Buchsbaumburgen, grenzenlose Geraniengärten, Terrassen Tausender Terrakottatiere. Stätte der staunenden Stabreimsüchtigen. Hier ist man von hier oder nicht von hier. Ich bin nicht von hier und möchte Ihnen, hochgeschätzter Leser, erzählen, wie ich hierherkam, um hier dann schließlich nicht von hier zu sein.»
Rowohlt E-Book, veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, April 2012
Copyright © 2012 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München
(Foto: Stephanie Schweigert)
Fotos im Buch: Eduard Gerwald, Pierre M. Krause
ISBN 978-3-644-46081-2
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.
Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
www.rowohlt.de
Widmung
Motto
Am Anfang war das Teuer
Mietvertrag!
Ruhe und Gemütlichkeit
Farbenleere
Der dreißigste Geburtstag
Empfangsbereit
Lebenszeichen
Der halbe Mann und der Mäher
Dagegensprechanlage
Foxy Ladies
Humus Sapiens
Fliegende Gesprächsfetzen
Big Huber
Lachen ist gesund
Nix wie weg mit Dieter Thomas Heck
Auto, Motor und Spott
Sissi
Zeitreise
Posttraumatisch
Keine Linzer Torte
Fastnacht ohne Jogi Löw
Discopogo
Revolution im Topf
Plastik
Der sechzigste Geburtstag
Der Schwur
Hier kann man gut sitzen
Epilog
Dank
Für den Muck
«In der Stadt lebt man zu seiner Unterhaltung, auf dem Lande zur Unterhaltung der anderen.»
Oscar Wilde
Gerade hilflos bei Google eingetippt: «Wie fängt man ein Buch an?» 4640000 Ergebnisse. Ich klicke die ersten zweiundzwanzigtausend Seiten an, lese sie aufmerksam durch und habe immer noch keinen Anfang für das Buch. Immerhin geben mir 4640000 Treffer das wohlige Gefühl, mit dieser Frage nicht alleine zu sein. Mit dem Thema dieses Buches bin ich wohl auch nicht alleine. Es gibt auf dem deutschen Buchmarkt exakt 4640000 Bücher zum trendigen Themenkomplex «Landleben Schrägstrich Provinz». Ich lese aus Recherchegründen zweiundzwanzigtausend davon und bin jetzt verunsichert. Hätte ich das mal lieber gelassen. Da schreiben Großstädter von Landflucht und dem Trugbild der Provinzidylle. Und einige davon auch noch «humorvoll». Hm. Ich überlege, ob ich nicht doch einen Ratgeber zum Glücklichsein schreibe – auf die Idee ist sicher noch keiner gekommen.
Aber nein, ich bleibe jetzt dabei! Mit Glücklichsein habe ich zu wenig Erfahrung, und schließlich muss es doch einen Sinn gehabt haben, dass ich hierher gezogen bin. Dass ich dort wohne, wo Jägerzaun und Gartenzwerg nicht Ausdruck ironischen Städterhumors, sondern gelebte Wirklichkeit sind. Dass ich Deutschland so erleben darf, wie man es in Parodien übertrieben findet. Dass ich auf dem Dorf lebe. Ja, ich lebe seit ein paar Jahren «auf dem Dorf». «Im Dorf» lebt man erst nach einem intensiven Integrationsprozess, der Jahrzehnte oder ganze Generationen andauern kann.
Das Dorf ist eine Welt.
Die Welt, in der ich zu diesem Zeitpunkt lebe, hat ungefähr 2000 Einwohner, die sich auf drei Nachnamen verteilen: Huber, Fuchs und Kraft. Man kennt sich, man grüßt sich. Straße und Gehweg verschmelzen zu einer asphaltierten Einheit. Es gibt Dorfplätze, Parkplätze und Spielplätze – alle sind sauber. Überhaupt ist alles sauber. Kontinuierlich kontrollierte Kehrwoche, blickdichte Buchsbaumburgen, grenzenlose Geraniengärten, Terrassen Tausender Terrakottatiere. Stätte der staunenden Stabreimsüchtigen. Hier ist man von hier oder nicht von hier. Ich bin nicht von hier und möchte Ihnen, hochgeschätzter Leser, zu Beginn erzählen, wie ich hierherkam, um hier dann schließlich nicht von hier zu sein.
Ich mache etwas mit Medien. Im Fernsehen. Meine Bekanntheit ist so zwischen D und J einzuordnen. Ich bin also ein G-Promi. Zu unbekannt für «Wetten, dass …?», zu solvent fürs Dschungelcamp. Bis zu diesem Tag gestalte ich seit einigen Jahren unter anderem eine wöchentliche Show im dritten Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Der Sender hat geschichtlich bedingt seinen Sitz in der weltbekannten Kurstadt Baden-Baden. Die logistisch logische Konsequenz für mich war also ein Wohnsitzwechsel in die lauschige Bäderstadt. Eine wirklich sehr schöne Stadt, die durchaus eine Reise wert ist. Vor allem eine Rückreise. Baden-Baden repräsentiert den demographischen Wandel in Deutschland wie kein anderer Ort. Ein großer Teil der Einwohner ist entweder alt oder reich. Meistens jedoch beides.
Schnipp. Alle drei Sekunden. Schnipp. Stirbt in Baden-Baden. Schnipp. Ein Millionär. Schnipp.
Da ist es beruhigend, dass ständig neue Millionäre aus Russland importiert werden. Seit jeher mögen Russen nämlich Baden-Baden. Ein nicht geringer Anteil der Immobilien liegt bereits in russischer Hand. Der Russe hat eben Geschmack – das ist ja bekannt.
Dem Besucher der Stadt Baden-Baden werden zuerst die barocken Fassaden auffallen. Und damit sind nicht nur die Häuser gemeint. Gutgekleidete ältere Damen und Herren, wohlgenährte russische Geschäftsleute und die schön hergerichteten Begleitdamen derselben prägen das Stadtbild. Bei einem sonntäglichen Bummel kann man viele neue Gesichter sehen. Keine neuen Leute, aber neue Gesichter. Dazwischen tummelt sich die hochgeschätzte Normalbevölkerung, zu der ich mich auch zählen möchte.
Ja, es ist schon auch schön hier. Touristen lieben es, durch die malerische Allee zu schlendern, und freuen sich über Blumenpracht und Sauberkeit. Kein Müll, kein Gesocks. Baden-Baden ist sauber. Der Strafbestand des «Herumlungerns» wird hier noch praktisch angemahnt. Mehrere Verbotsschilder der Extraklasse zieren die Ränder der städtischen Wiesen. Darauf wird unter der Fotografie eines Kupferstichs in nicht weniger als neun Symbolen dargestellt, was so alles verboten ist. Betreten. Liegen. Hunde. Kinder. Ballspiel. Blumen pflücken. Und so weiter. Beim Betrachten des Schildes halten viele die Luft an – aus Angst, das Atmen könnte unter Strafe stehen. Die Präzision der Verbote ist faszinierend. «Wenn das Betreten untersagt ist, sind doch eigentlich alle anderen Verbote hinfällig. Wie soll man denn liegen, ohne vorher zu betreten?», würde sich der naive Verbote-Laie vielleicht fragen. Doch die in mehreren Nahkampfkünsten und internationaler Diplomatie ausgebildeten Ordnungskräfte können da nur fachmännisch schmunzeln. Sie sind nämlich schlau. Angenommen, ein großer, starker Kumpel von mir wirft mich auf diese Wiese, und ich falle in liegender Stellung ins Gras, dann könnte ich dort liegen, ohne den Rasen je betreten zu haben. Wenn ich meinen Hund gut genug trainiere, könnte ich ihn ebenso auf diese Wiese werfen. Bürger, die an schönen Sonnentagen an den Wiesenrändern stehen und ihre Kinder, Freunde und Hunde auf die gepflegten Rasenflächen werfen, beeinträchtigen das Stadtbild negativ. Verstehe ich total. Man geht also auf Nummer sicher. Ich habe dem Rathaus vorgeschlagen, die Verbotshinweise auf «Nasebohren» und «Blöd gucken» auszuweiten. Bis heute kam keine Antwort. Baden-Baden arbeitet hart und diszipliniert daran, das Image, die Stadt der Alten und Reichen zu sein, aufrechtzuerhalten. Spielende Kinder, picknickende Familien oder gar Jugendliche werden sofort durch installierte Bürgerwehr-Patrouillen von den Wiesen entfernt. Die Maßnahmen ziehen, und sie zahlen sich aus. Es ist schön. So wunderschön. Zum Angucken, aber nicht zum Anfassen. Ein malerisches Fleckchen zum Sterben, keines zum Leben.
Baden-Baden ist ein sehr außergewöhnlicher Ort. Der Begriff «Altstadt» rückt hier in ein ganz anderes Licht. Es ist eine elitäre Stadt. Parkende Gebrauchtwagen, die nicht einer bestimmten Luxuskategorie angehören, werden von spezialisierten Sondereinsatzkommandos sofort gesprengt. Das Stadtbild muss gewahrt werden. Sollte es vorkommen, dass Besucher des weltberühmten Festspielhauses über eine Vorführung unzufrieden sind, zeigen sie ihren vornehmen Unmut, indem sie Fabergé-Eier auf die Bühne werfen. In Baden-Baden gibt es auf kleinem Raum mehr Apotheken, als es in Manhattan Starbucks-Filialen gibt. Lediglich die Preise korrespondieren dabei. Baden-Baden ist eine Stadt, in der das Durchschnittsalter bisher vor allem von Zivildienstleistenden gedrückt wurde. Eine Stadt, zu der mir 4640000 Witze einfallen, die ich allerdings nicht weiter niederschreibe, damit mir auf den Umschlag dieses Buches ja keiner den blöden Terminus «so herrlich politisch unkorrekt» pinselt.
In diese Stadt bin ich also aus Liebe zur Show gezogen. Direkt ins Zentrum, in den Schmelztiegel von Jugendkultur und Underground. Sex, Drugs and Rock’n’Rollator. Vergesst den Prenzlauer Berg – hier ist das dicke Doppel-B! Und es ist ja schon praktisch, direkt in einer Innenstadt zu wohnen. Alles ist zu Fuß erreichbar. Zum Beispiel Geschäfte des täglichen Bedarfs wie Prada, Versace, Gucci, Swarovski. Oder einfach mal das kulturelle Angebot ausnutzen wie Thermalbad, Rheumaklinik oder Tanztee mit Tony Marshall. Schon toll. Irgendwann war ich allerdings vom Überangebot derart überfordert, dass ich an einen Wohnortwechsel dachte. Außerdem verlangen russische Oligarchen und Immobilienbesitzer recht hohe Mieten. Denn auch den reichen Russen in Baden-Baden geht es nach der Finanzkrise deutlich schlechter. Man las von einem, dessen Vermögen von zwölf auf sieben Milliarden schrumpfte. Schlimm. Dieser Mann muss auch essen!
Ich entschied mich jedenfalls, in das ländlich geprägte Umland zu ziehen. Wennschon, dennschon! Ob meiner misanthropischen Ader gefiel mir der Gedanke des zurückgezogenen Lebens im Einklang mit der Natur immer besser. Ruhe, Anonymität, Lebensqualität, preiswerte Mieten, gute Luft, bukolischer Frieden. Jetzt lebe ich seit über zwei Jahren auf dem Dorf und weiß: Die Mieten sind wirklich ganz preiswert.
Flur». Wir stehen im Flur und lassen stumm unsere Blicke schweifen. Stille. Mein vielleicht zukünftiger Vermieter scheint kein Freund ausgiebiger Konversation zu sein. «Schön», lüge ich, um etwas zu sagen. Es ist einfach nur ein Flur, weder hübsch noch hässlich. Ein Flur eben. Sein Job ist es, die einzelnen Zimmer begehbar zu machen. Man lässt sich auf ihn ein, um ans Ziel zu kommen und ihn dann schnell wieder zu verlassen. Der Flur ist der Lothar Matthäus unter den Zimmern. Ich könnte dann mal weiter ins nächste Zimmer, aber Herr Kraft, Haus- und Flurbesitzer, lässt mir genug Zeit, die Schönheit des Flurbereichs wirken zu lassen. Diese Stille ist ein bisschen unheimlich. Auf der Fahrt hierher habe ich mich von den herrlich blühenden Wiesen und saftigen Weinreben ablenken lassen und dabei völlig verdrängt, wie abgelegen das hier alles liegt. Ich mustere Herrn Kraft unauffällig. Hier ist der Name Programm. Große Handwerkerhände, durch körperliche Arbeit muskulös geformte Arme, Vollbart, tiefe Stimme. Immer noch Stille. Ein bizarrer Gedanke schießt mir durch den Hollywood-verseuchten Kopf. Was, wenn Herr Kraft ein irrer Serienkiller ist? Der Flurkiller! Außer «Tag. Dann woll’n wir mal!» und «Flur» hat er noch nichts gesagt. In meinem Kopf dreht sich eine Zeitung, sie bleibt stehen, unter Herrn Krafts Schwarzweißbild steht «Er war unscheinbar und hat nicht viel gesprochen».
«Wohnzimmer.» Ich schrecke auf. Herr Kraft mustert mich misstrauisch und geht dann voraus in das Wohnzimmer. «Sehr schön», steigere ich meine Lügen. Sollte er doch ein Serienkiller sein, möchte ich ihn nicht unnötig provozieren. Obwohl das Zimmer wirklich recht nett aussieht. Herr Kraft zeigt auf Anschlüsse in den Wänden: «Sat. Strom.» – «Ah, es gibt Strom – das entlastet meinen Hamster natürlich enorm.» Ich versuche es mit Humor. «Haustiere sind net erlaubt», informiert mich Herr Kraft unaufgeregt. «Nein, das … das sollte ein Scherz –» Wrrrums! Das blecherne Scheppern eines Rollladens unterbricht mich. Herr Kraft lässt denselben herunter. Wir stehen im Dunkeln, und ich denke kurz wieder an die Serienkillertheorie. «Die Rollläden und Thermofenster sind neu», höre ich Herrn Krafts Stimme im Dunkeln. «Ja super», stammle ich mit trockenem Mund und stelle dabei fest, dass Herr Kraft anscheinend nur im Dunkeln vollständige Sätze mit Artikeln spricht. Er zieht den Rollladen wieder hoch, und ich freue mich tatsächlich für eine Millisekunde darüber, nicht auf die Schneide einer blitzenden Axt zu blicken. Der Gesprächsinhalt der nächsten zehn Minuten lautet wie folgt:
Herr Kraft: «Arbeitszimmer.» Ich: «Großartig!» Herr Kraft: «Küche.» Ich: «Ganz toll!» Herr Kraft: «Garten.» Ich: «Wunderwunderschön!» Herr Kraft: «Keller?» Ich (ängstlich): «Nein, nein, den muss ich jetzt nicht sehen! Aber danke!»
Die Wohnung ist nicht spektakulär, aber irgendwie passend und schön geräumig. Der gerade aufkommende Frühling, das großartige Wetter bei der Besichtigung und die blühende Flora im kleinen, sympathisch überwucherten Gärtchen gereichen dem Mietobjekt zum klaren Vorteil. Spontane Traumsequenz: Ich trage ein weißes Leinenhemd und einen Strohhut, sitze rotweinschwenkend in meinem Freisitz, zitiere Sartre vor mich hin und stoße mit der untergehenden Sommersonne auf einen gelungenen Jahrgang an. Aus dem Weinrebenbewuchs an der Hauswand lässt sich doch bestimmt ein halbes Gläschen herausquetschen. Ich hab doch so eine Orangenpresse.
«Und?» Herr Kraft zerstört meinen Tagtraum mit seiner speziellen Art zu fragen, ob ich interessiert sei. Ich merke, dass ich noch immer die Schwenkbewegung mache, nur eben ohne Glas. Ich höre abrupt damit auf. Herr Kraft sagt dazu nichts – welch Überraschung. «Na ja, ich müsste noch einmal darüber schlafen.» Herr Kraft nickt. Ich schließe die Augen, ahme ein kurzes Schnarchgeräusch nach, öffne die Augen wieder und sage: «Okay, erledigt.» Der zweite Versuch, Herrn Kraft mit Humor zu erreichen, scheitert ebenso kläglich. Der schlechteste Smalltalker der Welt und ich stehen nun in der ganz tollen Küche und geben uns der Stille hin. Ein intimer Moment. Jeder sollte einmal eine Weile mit seinem zukünftigen Vermieter geschwiegen haben. Eine interessante Art des Kennenlernens. Gerade als es am schönsten war, werden wir von der polyphonen Version des Holzmichl-Liedes unterbrochen. Ich überlege, ob ich Herrn Kraft «You say it best when you say nothing at all» als Klingelton empfehle, verwerfe den Gedanken aber schnell wieder. «Kraft. Mhm. Mja. Okay. Jo. Schüß.» Ich versuche, das Gespräch zu rekonstruieren, und belasse es dann bei dem Gedanken, dass man es hier vielleicht einfach nicht so mit Worten hat, eher mit Taten. Gute, ehrliche, körperliche Taten an der frischen Landluft. Bei dem Gedanken atme ich instinktiv eine große Ladung Küchenluft durch die Nase, freue mich auf die anstehende Gartenarbeit und atme mit einem tatkräftigen «Aaaah!» wieder aus. «Meine Frau», sagt Herr Kraft und schiebt sein Mobiltelefon schweigend in die lederne Gürteltasche. Was ist los, Lassie? Ist deine Frau mit Timmy in den Grubenschacht gefallen?, denke ich und sage: «Herr Kraft, ich würde die Wohnung gerne nehmen. Was meinen Sie?» Er zuckt mit den Schultern und sagt: «Jo. Glaub, des passt.» Er wirkt jetzt sympathisch. In diesem Moment klingelt es an der Tür, ein Schlüssel öffnet sie von außen. Die untersetzte, stämmige Frau mit kurzen, knallrot gefärbten Haaren, die jetzt die Küche betritt, stellt sich als Frau Kraft vor. «Angenehm. Krause», sage ich freundlich. «Sie kenn ich ausm Fernsäh!», platzt es aus ihr in tiefstem Badisch heraus. Sie lächelt dabei nicht. Ich bedanke mich fürs Zuschauen und erwähne, dass ich die Wohnung nehmen würde – vorausgesetzt, ihr Mann sei kein Serienkiller. Den letzten Satzteil habe ich nur gedacht. «Was machese beruflich?», fragt Frau Kraft.
«Sagten Sie nicht gerade, Sie kennen mich aus dem Fernsehen?»
«Ahso. Sind Sie hauptberuflich Sprecher?»
«Sprecher? Nein, eigentlich … Ja, doch. Ja, ich bin Sprecher. Hauptberuflicher Sprecher. Ich spreche mich gerade hoch. Bin auch jetzt ein bisschen müde, war viel los gestern im Büro, hab bis in den späten Abend reingesprochen», antworte ich glaubhaft.
Sie wendet sich an ihren Mann: «Dann hemma bald en Schdar im Haus!», und dann lacht sie für beide. Es folgt ein Gespräch, an dem sich Herr Kraft nur nickend oder kopfschüttelnd beteiligt. Mir wird schnell klar, dass Frau Kraft für die Kommunikation zuständig ist, sie spricht auch für beide. Ich erfahre unter anderem, dass die beiden zwei Dörfer weiter wohnen, dass der Familienbetrieb «Kraft Paletten» gleich um die Ecke ist, dass wir uns im Elternhaus von Frau Kraft befinden, dass Frau Huber gegenüber nicht mehr so gut hört und man sich deshalb über Gespräche in Form von Geschrei nicht wundern soll, dass «dem Fuchs sei Sandra» ein Luder sei, dass die Frau über mir aus Polen stamme, aber sehr nett und anständig sei, dass man bei Tomatenpflanzen die Triebe abschneiden müsse, dass freitagmorgens die Biotonne rausgestellt wird, wie man Gartenabfälle richtig bündelt und wie hoch die Nebenkosten sind. Also alles, was ich wissen muss.
Wir gehen nach draußen. Frau Kraft spricht jetzt leiser. Ich weiß nicht, ob aus Rücksicht oder um Neugierige zu enttäuschen. Ihr Blick streift immer wieder die Fenster der Nachbarhäuser, während sie mir den Turnus der Hausordnung erklärt. Ich muss automatisch an die arme Frau Huber denken, die jetzt gar nichts von unserem Gespräch mitbekommt. Ich überlege kurz, ob ich meinen Gesprächsanteil vielleicht schreie und dabei gleich mal frage, wo denn dem Fuchs sei Sandra wohnt. Wir sind uns jedenfalls einig: Ich ziehe nächsten Monat hier ein. Die späte Nachmittagssonne bestätigt meine Entscheidung und legt einen romantischen Rotfilter über die scheinbar endlosen Rebenhügel, es riecht nach … Dings. Keine Ahnung, Blumen eben. Ich fühle mich an einen Urlaub in der Provence erinnert und freunde mich nun endgültig mit dem Gedanken an, bald das deutsche Pendant davon zu bewohnen. Frau Kraft schüttelt mir die Hand mit all ihrem Nachnamen. Ihre Hände sind rau und weisen deutliche Spuren von Gartenarbeit auf. Ich möchte auch solche Hände haben. Trophäen ehrlicher Arbeit. Sie setzt sich ans Steuer des roten Kombis, mit dem sie gekommen ist, Herr Kraft holt einen Jutebeutel mit dem Logo der Bäckerei Fuchs vom Rücksitz und kramt einen Stapel Papiere in einer Klarsichthülle heraus. Er drückt sie mir in die Hand, schenkt mir dazu einen Kugelschreiber mit dem Aufdruck «Kraft Paletten» und lächelt mich zum ersten Mal an. «Mietvertrag!» Ein Mann der Tat eben.
«Ein Widerspruch in sich», mag der Laie da denken. Doch hier gilt das homöopathische Prinzip der Heilung durch Reizüberflutung. Nach einem längeren Aufenthalt mit kräftigem Ausheulen verlässt man das Gebäude als fröhlich pfeifender und glücklicher Mensch. Eine moderne Heulmethode gegen den zunehmenden Alltagsstress.
Die Silhouetten meiner beiden Pferde verglühen im Rund der Abendsonne. Ich lächle sanft, meine Entspannung lappt ins Meditative, ich genieße das Idyll. In der Ferne kräht ein Hahn. Ich habe Durst. Das Rotweinglas ist so groß, dass ich beide Hände brauche, um es zu schwenken. Durch die unkontrollierten Schwenkbewegungen schwappt eine beachtliche Menge Wein auf mein weißes Leinenhemd. Ich kann das Schwenken nicht stoppen, da die große Menge an Flüssigkeit derart in Bewegung geraten ist, dass mir ein Gegenschwenken unmöglich vorkommt. Der Wein hat nun Kontrolle über das überdimensionale Glas und über mich. Schwipp. Schwapp. Die Krempe meines verrutschten Strohhutes versperrt mir jede Sicht, ich muss mich auf mein Gehör verlassen. Schwapp. Schwipp. Kikeriki. Das Krähen des Hahnes scheint näher gekommen zu sein, es hört sich an, als stünde er jetzt direkt neben mir. Plötzlich wird mir mein Strohhut unsanft vom Kopf gehauen. Was war das? Die Antwort steht vor mir: Der zwei Meter große Hahn trägt Boxhandschuhe und lacht schallend laut. Seine schnabelhafte Mimik erinnert mich an die der Klitschko-Brüder, und sein irrer Blick verrät, dass ich es hier mit dem Hahn gewordenen Bösen zu tun habe. Das diabolische Lachen morpht zu einem lauten, wahnsinnigen «Kikeriki». Er schwingt seine Faust, und jetzt geht alles so schnell, dass ich nicht mehr reagieren kann. Der gigantische Boxhandschuh rast ungebremst auf mich zu. Bäng! Ich schrecke auf, sitze senkrecht im Bett. Alles nur ein Traum. Erleichtert falle ich wieder in mein Kopfkissen, drehe mich zur Seite und blicke in das blutüberströmte Gesicht von Wladimir Klitschko, der ein grauenhaftes Kikeriki ausstößt. Ich schrecke auf, sitze senkrecht im Bett. Alles nur ein Traum. Erleichtert falle ich wieder in mein Kopfkissen, drehe mich zur Seite und sehe etwas Grauenvolles: Die Digitalanzeige meines Weckers schreibt in teuflischem Rot 6:38 Uhr in die Dunkelheit. Ich schrecke auf, sitze senkrecht im Bett. Es ist Samstagmorgen, und diese Uhrzeit existiert nur in Erzählungen und Mythen. Träume ich etwa immer noch? Ich könnte meine beiden Pferde rufen – wenn sie hereinkämen, wäre das hier noch ein Traum. Leider weiß ich die Namen meiner imaginären Pferde nicht mehr. Ein reales Krähen holt mich in die Wirklichkeit zurück, und ich muss zwangsläufig schmunzeln. So ein irres Schmunzeln ist das. Kurz bevor man das Mobiliar mit seinen Zähnen zerkleinert. Da kräht also ein Hahn. Wahrscheinlich steht er dabei auch noch auf einem Misthaufen. «Das ist doch Klischee, lass das!», höre ich mich selbst rufen. Als würde der Hahn das auch so sehen, hört er tatsächlich auf zu krähen, und ich höre daraufhin sofort damit auf, wach zu sein.
Den Holztisch in meinem kleinen Garten hat mein handwerklich über die Maßen begabter Vater vor mehr als dreißig Jahren aus einem gefällten Baum gebaut. Ich mag diesen Tisch. Vor allem mag ich es, wenn er, mit einem üppigen Frühstück gedeckt, ein sonniges Wochenende begrüßt. So wie jetzt. Ich nehme Platz und wundere mich nur kurz über die Rotweinflecken auf meinem weißen Leinenhemd. Die Krempe des Strohhuts schützt mich angenehm vor der grellen Morgensonne, die ein kesses Funkeln auf die Messerklinge legt, mit der ich nun das perfekte Drei-Minuten-Frühstücksei köpfen werde. Das Ei bewegt sich. Ich traue meinen Augen kaum, als ich ein blutendes Schnäbelchen erblicke, das sich seinen Weg aus dem Inneren des Eis bahnt. Jetzt geht alles sehr schnell. Die Kalkschale zerbirst, aus dem winzigen Ei springt ein zwei Meter großer Hahn, der es trotz Boxhandschuhen schafft, seine Kettensäge routiniert anzuschmeißen und mir mit dem Schwert vor meinem Gesicht herumzufuchteln. Das Schmettern des Sägemotors bohrt sich in meine Gehörgänge, das Schwert der Säge in meinen geliebten Tisch. Ich schrecke auf. Es sind zweiundachtzig Minuten vergangen. Samstagmorgen, Punkt acht Uhr, und jemand mäht Rasen. Ich bin mir sicher, dass das ein Irrtum sein muss. Wieso sollte man sich das freiwillig antun? Es ist Samstagmorgen, und man könnte so vieles tun. Zum Beispiel nichts. Oder schlafen – auch eine in manchen Kulturkreisen präferierte Beschäftigung für einen Samstagmorgen um Punkt acht Uhr. In meinem gottverdammten Kulturkreis jedenfalls schläft man da! Mein bisschen Energie reicht nicht aus für Wut. Ich stülpe mir das Kissen über den Kopf, versuche die Eckzipfel in meine Ohren zu stecken. Es hilft nichts, ich höre die vermeintliche Kettensäge immer noch – bis ein Schuss das Ganze jäh beendet. Hat da jemand meinen unmoralischen Gedanken gehört und dem Taten folgen lassen? Kirchengeläut füllt die Geräuschleere. Schnelle Reaktion oder Zufall? Leider war es nur ein Stein, der das Messer des Rasenmähers kurzzeitig zum Stehen brachte. Ein sympathischer Stein. Ich hoffe, er hat noch viele Freunde. Der Rasenmäher springt wieder an, ich versuche das Geräusch in meinem Gehirn umzuwandeln und in einen schönen Traum zu integrieren. Klingt doch wie Meeresrauschen. Ich versuche es mit positivem Denken. Stelle fest: Man kann positiv denken, was das Zeug hält, ein blöder Rasenmäher klingt wie ein blöder Rasenmäher, und das Geräusch hat mit Meeresrauschen so viel gemein wie Reiner Calmund mit Twiggy. Das Motorengeräusch ebbt nach zwanzig Minuten ab. Die Wiese scheint gemäht. Erleichterung. Wie abgesprochen beginnt dasselbe Geräusch nach einer nicht nennenswerten Zäsur von maximal fünf Sekunden von Neuem. Dieses Mal kommt es von einer anderen Seite, der Surround-Effekt ist gelungen. Von nun an haben wir es hier mit einem durchgehenden Geräusch zu tun. Sobald ein Rasen gemäht ist, wird das nächste Grundstück beschnitten. Die Darbietung besticht durch ihr grandioses Timing. Huber schaltet aus, Fuchs zieht daraufhin sofort den Anlasser, Kraft wartet, bis Fuchs fertig gemäht hat, um dann die Kette aufrechtzuerhalten. Das olympische Feuer des kleinen Mannes. So mähen drei Nachnamen einen Samstagmorgen lang ihre Rasen. Inzwischen habe ich mich derart daran gewöhnt, dass ich wahrscheinlich in Panik geraten würde, wäre diese Geräuschkulisse auf einmal nicht mehr da. Krieg? Naturkatastrophe? Pest? Ufo-Sichtung? Es gäbe kaum andere Erklärungen für Stille.
12:30 Uhr. Sitze im kleinen Garten und lausche dem Gesang des Grünfinks, dem Brummen der Bienen, dem Rattern der Rasenmäher. Herrlich. Olfaktorischer Frühling ist, wenn Grasschnitt auf Kraftstoffgemisch trifft. Ein neues Geräusch stimmt mit ein. Eine Art Sägen oder Schleifen, ich weiß es nicht. Ich weiß heute nur, dass dieses Geräusch zwei Jahre lang permanenter Bestandteil eines jeden Samstages sein wird. Eigentlich wird jeden Tag geschliffen. Ich glaube, der Lärm kommt von Familie Huber. Herr Huber könnte ja direkt im Wohnzimmer schleifen oder sägen, seine Frau würde es nicht hören. Ich weiß bis heute nicht, was dieser schleifend-sägende Mensch da jeden freien Tag tut, aber es muss etwas Großes sein, so lange wie er daran sägt und schleift. Ich stelle mir vor, wie Herr Huber seinen Opel Astra in die Einfahrt stellt, aussteigt und beiläufig die Funkfernbedienung am Autoschlüssel benutzt. Die Räder des Wagens klappen ein, sämtliche bewegliche Teile verschieben und verkeilen sich so lange geschickt ineinander, bis aus dem Rüsselsheimer Kraftfahrzeug ein gigantischer Roboter geworden ist. Herr Huber hat einen Transformer gebaut. Cool. Ich ertrage dieses unschöne Schleifgeräusch nur in der Hoffnung, dass ich bei Fertigstellung irgendwann einmal mit Herrn Hubers Megatron spielen darf. Die Programmierung meines ersten Auftrages wäre klar: «Zerstöre das Klavier!» Ein anderer Nachbar besitzt nämlich dieses Piano. Das hat Stil und gefällt grundsätzlich. Der Nachbar kann allerdings nicht damit umgehen. Es fehlt der Tastensinn. Zur Endlosschleife von Ottomotor und Stahlsäge gesellt sich die wochenendliche Fingerübung vom amputierten Richard Clayderman. Immer wieder von Neuem wird «Versuch’s mal mit Gemütlichkeit», der berühmte Balu-Song aus dem Dschungelbuch, angestimmt. Immer dieselbe Stelle. Ein satanischer Loop. Akkorde der Hölle. Ich singe jedes Mal automatisch im Kopf den Text mit. Die Langsamkeit und in keinerlei Hinsicht über die Jahre verbesserte Art des Spiels macht das allerdings schwer. «Ver. Such’s mal. Miiiiit. Ge. Ge. Mütlichkeit. Mit. Mit Ru. Mit Ruhe. Und. Und. Ge. Ge. Gemüt. Lich. Keit.» Und von vorne! Und immer wieder! Und dann: Noch mal! Ich überlege, ob ich Herrn Huber bei der Fertigstellung von Megatron irgendwie behilflich sein kann, um die ganze Sache zu beschleunigen. Es ist eine manchmal schmerzhafte, manchmal erheiternde Erkenntnis am Menschsein, dass man nicht alles können muss. Dass man irgendwann durch Ausprobieren und Fehlermachen erfährt, zu was man nicht geboren ist. Ich habe mich beispielsweise längst mit dem Gedanken angefreundet, in diesem Leben keine Modelkarriere mehr zu machen oder Profiballett zu tanzen. So hoffe ich auf den Tag, an dem die Erkenntnis dem Freizeitpianisten aus vollem Halse ins erschrockene Gesicht schreit: «Du wirst nicht der nächste Horowitz! Sammle Briefmarken! Und hüte dich vor Megatron!»
Ein neues Geräusch gesellt sich zum Konzert der Unbegabten. Also eines muss man den Leuten hier schon lassen, in Sachen Lärm ist die Kreativität wirklich grenzenlos. Man sitzt eben nicht einfach so da und genießt den Tag, man muss immer irgendetwas tun. Es gibt ja auch immer etwas zu tun. So ein Eigenheim ist praktisch eine ständige Baustelle. Da stehen die Projekte Schlange. Wer hier wohnt, hat immer Arbeit zu verrichten. Um nicht als faul zu gelten. Das Klimpern wird für einen feuchten Moment unterbrochen. Jemand macht gerade der Tyrannei des hartnäckigen Schmutzes ein Ende. Weil er es kann. Seit 1984 ist die Zeit nämlich vorbei, in der Moosbewuchs mit Hilfe einer Tina-Turner-Kassettenhülle von verdreckten Pflastersteinen abgekratzt werden musste. Seit 1984 wird in Deutschland unter Hochdruck gesäubert, denn da erschien der erste Hochdruckreiniger für den privaten Bereich – der Kärcher. Alfred Kärcher, Erfinder des gleichnamigen Putzteufels, hat es nicht nur zum umsatzstarken Familienunternehmen gebracht, sondern inzwischen sogar zum eigenen Verb. Das schafft nicht jeder. «Kärchern» ist das deutschlandweit anerkannte Zeitwort für «etwas mit dem Hochdruckreiniger sauber machen», dies kann im Lifestyle-Duden nachgeschlagen werden. «Kärchern» ist also Lifestyle. So weit hat es nicht einmal Steve Jobs gebracht – die Begriffe «jobsen» oder «appeln» sucht man in diesem Duden vergebens. Dem Dorf ist das egal, hier wird sowieso mehr gekärchert als gejobst. Wenn der Winter seinen Frühlingsurlaub antritt, dann ist Hochdrucksaison. Alle Besitzer eines Hochdruckreinigungsgerätes stürmen ihre Terrassen und Gehwege, um jeglichen Schmutzbefall bis ins mikroskopische Detail auszumerzen. Sprühpistolen werden mit ausgeklügelten Bajonettverschlüssen an Lanzenspitzen geschraubt und verkünden Moos und Schmutz den Krieg. Wenn der widerspenstige Löwenzahn in den Lauf einer geladenen Hochdruckbürste blickt, weiß auch er, dass sein letztes Stündchen geschlagen hat. Mit hundertundzehn Bar wird ihm hoch- und eindrucksvoll der Garaus gemacht. Es sind ausschließlich Männer, die kärchern. Eine in das Gerät integrierte Testosterondüse gibt es gegen Aufpreis. Für den ganzen Saubermann. Der Hochdruckreiniger ist nicht mehr wegzudenken. Er ist Teil des Establishments. Und er wird es bleiben. Deutschland wird immer kärchern, dafür sorgen die zukunftsorientierten Firmenchefs. Schon heute werden die nachfolgenden Generationen in ihrer natürlichen Umgebung spielerisch an den Umgang mit der Dreckfräse herangeführt. Auf der Website der Herstellerfirma locken spannende PC-Spiele, in denen der Spielfreudige virtuell Schmutz beseitigen kann. So muss man bei «Robo Kärcher» das Labyrinth von den Fußabtritten herumlaufender Menschen befreien. Trifft der Roboter dabei auf einen Menschen, verliert er ein Leben. In einem anderen Spiel geht es darum, die präsidialen Köpfe des Mount Rushmore von bösen Algenflechten zu befreien. Welche Gefahr von den Kärcherspielen ausgeht, darüber sind sich die Experten noch nicht einig. Hinter einem Hochdruckreiniger steckt maschinelle Kraft. Und die muss man hören. Der Hochdruckreiniger ist laut. Und man kann sich auf ihn verlassen. Sollte jemals die sehr unwahrscheinliche Situation eintreten, dass gerade keiner den Rasen mäht, etwas schleift, schweißt, sägt, staubsaugt, sprengt, das Klavier- oder Tubaspiel probt, hämmert oder laubbläst, dann kann man sich darauf verlassen, dass es immer irgendwo einen gibt, der kärchert. So wie jetzt. Nach nur einer halben Stunde hat er ausgespritzt. Wahrscheinlich raucht er jetzt erst mal eine. Der unbegabte Pianist unterbricht die kurze Stille sofort wieder mit neuen musikalischen Foltermethoden. Ein Traktor mit Anhänger fährt vorbei. Zynischerweise transportiert der Anhänger des Treckers mehrere Rasenmäher. Ein Traktor ist übrigens sehr laut. Traktor verhält sich zu Auto wie Auto zu Feenstaub. Der Schlepper fährt ob seiner Last gemächlich und übertüncht damit die unmusikalische Audiohölle für eine wundervolle Minute. Meine Güte, ich genieße gerade Traktorenlärm. Eine Frage springt aus der Kirschlorbeerhecke heraus und drängt sich frech auf: Ob ich vielleicht doch bald wieder in die Stadt ziehen soll? Wenn ich es mir recht überlege, ist es mir da zu ruhig.
Ein kritisches Statement zum gesamtdeutschen Bildungssystem. Da geht es zur Schulreform.
Es geht nicht ohne. Ich muss ein paar Zeilen zum Farbton «Terrakotta» schreiben. Terrakotta: in modernen ländlichen Behausungen favorisierter, meist mit Schwammtechnik aufgetragener Wandanstrich. Pfiffig. Terraktottafarbene Teppiche heben sich schön vom praktischen weißen Fliesenboden ab. Ein Farbtupfer. Terrakottafarbene Vorhänge und Polstermöbel runden das Gesamtbild ab. Ein innenarchitektonischer Albtraum. Ich versuche, mich ins ästhetische Bewusstsein der Terrakottafans hineinzuversetzen. Es gelingt mir nicht. Werden jene Stilverweigerer einmal sagen: «Wir hatten ja damals nichts anderes!»? Ich möchte mich für meine intolerante Haltung gegenüber einer Farbe entschuldigen. Vielleicht wird Terrakotta irgendwann ja mal richtig modern. Nicht unmöglich, dass wir Hässliches plötzlich hübsch finden. Dicke Hornbrillenfassungen, die sogenannten Nerd-Brillen, sind schließlich auch wieder modern geworden. Nicht auszuschließen, dass Zahnspangen mit Gummizug und Kieferbügel oder Kassen-Krücken einen ähnlichen Hype erfahren. Also warum nicht auch Terrakotta?
In der Schweiz gibt es ein Gefängnis, in dem ein paar Zellen rosa gestrichen wurden. Rosa Wände, rosa Decke, rosa Tür, rosa Bettpolsterung. Rosa mildert nachweislich das Aggressionspotenzial und hat somit eine befriedende Wirkung auf die Gefangenen. Keine schlechte Idee eigentlich. Dennoch schleicht sich jetzt ein grauenvoller Gedanke in mein Bewusstsein: Gab es in Guantánamo vielleicht terrakottafarbene Folterzellen? Ich glaube nicht. So gemein kann kein Mensch sein.
Tobias und Sarah feiern bald ein Jubiläum. Tobias und Sarah sind jetzt nämlich seit zehn Jahren ein Paar. Früher gab es Tobias und Sarah auch einzeln. Heute gibt es nur Tobias und Sarah. Die beiden haben sich während ihrer Ausbildung bei der Bank kennen-, lieben und aushalten gelernt. Tobias und Sarah wollen im nächsten Jahr standesamtlich heiraten und dann auch mal Kinder bekommen. Wird ja langsam Zeit, scherzen Tobias und Sarah gerne. Sarah ist ja nun schon siebenundzwanzig, und wenn sie einen Humorschub bekommt, dann sagt sie «Tick, tick, tick» und lacht fast schon natürlich über ihre lustige Anspielung auf die biologische Uhr. Tobias lacht dann auch, denn Tobias und Sarah haben denselben Humor. Vor zwei Monaten haben Tobias und Sarah ihr schönes Haus fertig gebaut. Das Grundstück haben sie von Tobias’ Vater geschenkt bekommen. Tobias und Sarah arbeiten bei derselben Bank, in der sie ihre Ausbildung genossen haben. Inzwischen machen Tobias und Sarah auch ein bisschen Karriere bei der Bank. Sarah hat einen Posten als stellvertretende Bereichsleiterin in der Buchhaltungsabteilung der Zentrale in Aussicht, und Tobias ist seit einem halben Jahr Filialleiter einer kleinen Zweigstelle hier im Dorf. Mit seinen neunundzwanzig Jahren der jüngste Filialleiter in der Dorfgeschichte. Ich bin Kunde bei dieser Bank und betrete Banken seit der nützlichen Erfindung des Onlinebankings eigentlich so gut wie nie. Kürzlich hat sich jedoch meine EC-Karte aus dem Leben verabschiedet, sodass ich persönlich eine neue beantragen musste. So lernte ich Tobias kennen.
Der Türgriff ist eine große, kupferfarbene Pfennigmünze. An der einen Seite ist das Kupfer durch die stete Politur der Abnutzung Tausender Kundenhände hochglänzend. Ich fasse die andere Seite des Pfennigs an, öffne die schwere Sicherheitstür und betrete die Bank zum ersten Mal. Auch das Interieur wurde sichtlich lange vor der Währungsunion zuletzt erneuert. Wieder einmal bleibt festzustellen, dass die frühen Achtziger nicht zu den innenarchitektonischen Sternstunden des letzten Jahrhunderts gehören. Zumindest nicht, wenn es um die Gestaltung der Innenräume von Bankfilialen auf dem Land geht. Die Strategie hier scheint zu lauten: Lange genug abwarten, irgendwann wird das alles wieder modern sein.
