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"... Eine schlanke Frau kommt in den Waggon gedonnert, ihr Smartphone als Schutzschild vor sich führend [...] marschiert sie im Offizierschritt in die Sitzgruppe neben mir und installiert sich meinem Beobachtungsobjekt gegenüber, wobei es durch ruckartiges Zurückziehen seines Beines dasselbe in Sicherheit aber auch zur gleichen Zeit seinen Unmut zum Ausdruck bringen möchte. Man kann förmlich seine Gedanken lesen: "Was, diese vier Plätze sollen nun nicht mehr ganz allein mein sein?" Nun gut, der Mann greift zu einer drastischen Methode, diese aufdringliche Person zu verscheuchen. Selber bereits stark Bohnentranspirat verströmend greift er in seine Manteltasche und holt einen ..." Der Autor berichtet in kurzen Geschichten aus seinem Alltagsleben, die Kurioses, Spannendes und manchmal einfach nur Seltsames bieten. Ohne Blatt vor dem Mund werden Situationen in der Bahn, im Supermarkt, kurzum im ganz normalen Leben beschrieben. Dabei kann es schon mal sarkastisch oder selbstironisch werden. HAFTUNGSAUSSCHLUSS MANCHE LESER KÖNNEN SICH VON DER IN DEN EINZELNEN GESCHICHTEN ZU EIGEN GEMACHTEN WORTWAHL ANGEGRIFFEN FÜHLEN. DIESES BUCH LEGT AUFGRUND DER REFLEXION VON ERLEBTEN SITUATIONEN NICHT DEN ANSPRUCH, VOLLSTÄNDIG POLITISCH KORREKT ODER NICHT ANSTOSSEND ZU SEIN.
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Seitenzahl: 156
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Für all die, die Gleiches erleiden, erdulden und genießen durften, dürfen und dürfen werden.
Erklärendes Vorwort mit Dank
Bahnfahren
Profieinsteiger
Respektspersonen
Ich bin altmodisch
Rassismus
Die Lektion
Hier komm‘ ich
Lehrreiche Dienstreise nach Amsterdam
Der Zugreporter
Der Jongleur
Auf Tuchfühlung
Kleine Schmunzelei
Mundhalten und lernen
Der Mann mit den richtigen Manieren
Richtig hingucken, Junge!
Ein brauner Tag (in zwei Teilen)
Ein Mensch will ich sein
Mit Chic Hand in Hand
Eingeschläfert
Aus dem Büro
Der Anfang
Büroerotik
Der Streber
Helene Fischer
Die deutsche Eiche
Blüte von Hawaii
Aus dem Blog
Die Französin
Zu spät
Service
Wir essen, was wir kennen
Film ab
Auf Kriegsfuß mit Amsterdam
Notizen
Warum ich soviel beim Bahnfahren erlebe, während andere kaum etwas erleben, liegt wohl daran, dass ich nach 16 Jahren des Pendelns mit dem Auto einfach verzweifelt hungrig auf Soziales war und somit meine Sinne mehr als geschärft jede nur erdenkliche zwischenmenschliche Regung im öffentlichen Raum wahrnahmen und verarbeiteten.
Autofahren ist an sich schon ein Spaß, aber nicht in der Zeit, zu der wir leben, die gespickt ist mit Baustellen, Verkehrsstaus und Ampelphasen, die zum Quälen erdacht wurden gleich den Todeslabels und Ekelphotos auf Zigarettenschachteln. Und dann all die aggressiven Autofahrer hier im Osten. Mir war das Pendeln mit dem Auto einfach eine unsägliche Last geworden, mal abgesehen davon, dass ich sowieso niemals pendeln wollte, sodass ich schwor, dass sobald mein Arbeitsweg in halbwegs adäquater Zeit und Qualität mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erledigt werden könnte, ich es auch sofort in Anspruch nehmen würde. Und vor zweieinhalb Jahren war es dann soweit. Die S-Bahn-Linie zwischen Halle an der Saale, wo ich meinen Wohnsitz zu haben pflege, und Leipzig Hauptbahnhof, in dessen fußläufiger Nähe ich arbeite, war plötzlich entsprechend machbar, was sich auch äußerst gut mit dem Umstand traf, dass mein Auto ein unerpressbares Sparschwein war, in das ich häufig genötigt war Geld hineinzustecken, das jedoch außer Gefräßigkeit nichts weiter für mich zu bieten hatte, sodass der gewünschte Spareffekt leider nie eintrat. Eine Milchmädchenrechnung. Aber dazu später im Buch ein Beispiel.
Die Freude über die neugewonnene Freiheit und meine aus der Isolationshaft des Autopendlers wiedererweckte Schnatterwut stürzten sich auf alles, was mir vor die Füße geworfen wurde. Blicke, Anmerkungen, Gesten, Gespräche, Angewohnheiten. All das was man an sich nicht sieht, aber erkennt, sobald einem durch andere der Spiegel vorgehalten wird.
Alles was in diesem Buch geschrieben steht, dies sei hier erwähnt, falls meine literarisch rhetorischen Fähigkeiten womöglich nicht entsprechend geschult sind, es ohne Anmerkung richtig wirken zu lassen, versteht sich mit einem selbstkritischen Ton.
Diese einleitenden Worte sollen bereits verdeutlichen, dass es sich bei den in diesem Buch dargelegten Ereignissen keinesfalls um Fiktion handelt. Es sind alles wahre Begebenheiten des Pendelns mit der S-Bahn innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre. Dass ich all diese Stories in einem Büchlein sammelte, war nicht meine Idee, wenn auch der Vorschlag von verschiedenen Seiten gern und ohne Zögern von mir aufgegriffen und schnurstracks in die Tat umgesetzt wurde, denn die erlebten Stories beschrieb ich anfangs in meinem Blog und später die S-Bahn-Pendeleien auf meiner privaten Facebookseite. Alles was ich dort gepostet hatte, war was ich auch während meiner Pendelfahrt noch schreiben konnte. Alles was ich nicht fertig schreiben konnte bevor ich ankam, habe ich aus Stolz auch nicht mehr gepostet, sondern aufgehoben. So kam mir die Idee, alles erlebte in einem Bändchen zusammenzufassen gelegen und gab mir auch gleich Anlass, weitere Geschichten von abseits der Gleise zum Veröffentlichen einzuschließen, um dem Büchlein noch die nötige Abwechslung und Fülle zu verleihen. Schließlich kam auch noch die Idee auf, dass man die Stories mit Illustrationen anreichern könnte und so fragte ich Christane Fuchte – die Lebensgefährtin meines ehemaligen Bassisten, die ein entsprechendes Talent hat – ob sie sich denn dazu bereit erklären und so etwas umsetzen könnte. Und da sind wir nun.
Und da ich Kapitel sparen möchte, danke ich an dieser Stelle auch gleich all denen, die mir auf Facebook und in meinem Blog ihr Gefallen bekundeten und mich damit indirekt darin bekräftigten – die werden sich beim nächsten Like, das sie einem Beitrag geben wollen, zweimal überlegen was sie da tun – und ganz speziell meiner Frau Nele, die mich immer in allem unterstützt und speziell bei diesem Projekt auch noch außerordentliches leistete, indem sie meine kryptischen Verstümmelungen der deutschen Sprache und des deutschen Satzbaus über all die Seiten in schweiß- und tränenreichen Stunden redigierte. Natürlich danke ich Christiane Fuchte, die mich aus der Ferne mit den Zeichnungen versorgte und meine Drängeleien geduldig ertrug genauso wie meinem Kollegen Jakob Mund, der seine wertvolle Zeit und kreative Energie für die Covergestaltung spendete und ähnlich viel Geduld mit mir hatte wie Christiane und meine aufopferungsvolle und unter mir leidende Frau Nele.
Zum Bahnfahren gehört mehr, als sich zum Bahnhof zu begeben und dort den gewünschten Zug zu besteigen, um anschließend wieder auszusteigen. Der wahre Bahnfahrer entwickelt aufgrund von täglichen Erfahrungen und Beobachtungen ein umfangreiches Portfolio an Taktiken und Strategien, um eine bestmögliche » Experience « zu haben. Manche sind so planvoll und professionell, dass sie sogar Teamwork in Betracht ziehen.
Als ich auf den Bahnsteig komme, stehen nahezu alle wartenden Fahrgäste mir zugewandt. Hintereinander aufgereiht wie die Zinnsoldaten. Alle scheinen mich anzusehen. Anzustarren. Ich fühle mich geehrt, will es mir aber professionellerweise nicht anmerken lassen und wende den Obama-Gangway-Schritt an, um weltmännische Gelassenheit zu demonstrieren. Die Menge gibt sich unberührt. Ich defiliere an den Wartenden an der Bahnsteigkante vorbei.
Ich dachte, in Mitteleuropa würden die Menschen auf weiten Abstand aus kulturellen oder gesundheitlichen Aspekten Wert legen, irre mich jedoch scheinbar, da sobald es eng wird nur wenige mir ein paar zusätzliche Zentimeter geben, damit ich nicht auf die Gleise ausweichen muss, während die meisten jedoch eine Berührung vorziehen.
Meinen angestammten Platz auf dem Bahnsteig erreiche ich schließlich nahezu problemlos, nur wenige bissige Blicke musste ich einstecken. Das ist Kollateralschaden. Das ist eben so. Ich pendle schon seit eineinhalb Jahren, da kennt man das Zugverhalten und weiß, wo welche Tür sein wird, wenn sich die Bahn nicht gerade wieder eine kleine Neckerei ausgedacht hat. Da kann man sich nicht von irgendwelchen Graugesichtern von seinem Plan abbringen lassen. Ich justiere mich geschickt zwischen zwei zu Salzsäulen erstarrten Männern. Keiner will auch nur einen Millimeter abgeben in der festen Überzeugung, dass dies der einzig gute Platz ist, um in perfekter Position zur Tür zu stehen, wenn der Zug zum Stillstand kommt, damit man auch ja nicht den dann aussteigenden Fahrgästen Platz machen muss, sondern stattdessen, wenn sich alles bestens fügt, sogar noch während des Aussteigens der letzten bereits in den Wagen schlüpfen kann, um dann einen, wenn nicht sogar seinen Thron zu besteigen.
Ich stelle mich also zwangsläufig auch so auf, dass ich in die Richtung gucke, aus der ich kam, allerdings nur weil keine andere Haltung möglich war. » Lächerlich … « denke ich » … das ist ja hier wie bei der Armee «.
Plötzlich kommt Dynamik in die starre Szenerie. Zwei Frauen, vielleicht Mitte fünfzig, kommen nervös schnatternd auf den Bahnsteig und stellen sich vor die beiden Männer rechts und links neben mir und tun so, als wäre nichts. Demonstrativ erweitern sie ihren Aktionsradius nach rechts und links und schließlich auch nach hinten, sodass die beiden Männer ein Stück zurückweichen müssen. Ich stehe nun zwischen den Damen, die die gelassenen und nichts von ihrer Aktion merkenden, aufgeregt aber doch sehr angespannt redenden Damen geben, sich dabei immer gespielt locker in die Augen blicken und dann hin und wieder einen erwartenden Blick auf das Tunnelende werfen, aus dem der ersehnte Zug erwartet wird.
Man sieht bereits die Reflexionen der Zugscheinwerfer an den Tunnelwänden. Der Zug fährt ein. Zum Glück, er hat zwei Wagen. Wir müssen unsere Position nicht aufgeben und etwa hastig in die Mitte des Bahnsteigs laufen. Die Pole-Position ist unsere. Die beiden Damen schauen einander vielsagend verschwörerisch an. Der Zug kommt perfekt abgepasst mit der Tür genau zwischen den Damen zum Stehen. Die Türen öffnen sich. Die Damen geben sich mit den Fingern sonderbare Zeichen, wie Baseballspieler auf dem Feld, um den Gegner nicht wissen zu lassen, was sie für eine Taktik anwenden werden. Die ersten Fahrgäste steigen aus. Die Damen schieben sich ein bisschen nach innen und näher an den Wagen heran, um etwaige Lücken zu schließen, durch die ein Gegner schlüpfen könnte. Weitere Blicke und Handzeichen werden gewechselt. Stumm. Der Kopf der rechten schwenkt ruckartig richtungsweisend nach rechts. Die linke antwortet mit kurzem Kopfschütteln und einem anschließenden Kopfruck nach links. Klar, wir gehen nach links – Ihr zwei seid stark. Jetzt kommen nochmal Handzeichen ins Spiel. Die beiden Männer und ich schauen uns verwundert an. Wollen die beiden uns verdeutlichen, dass sie die Luft harken wollen? Nein, es wird klarer. Sie deuten sich durch wackelnde in der Luft hin- und hergezogene Finger an, dass sie sobald der letzte auch nur die Wagentür erreichen sollte, in den Wagen schnellen, nach links abbiegen und die Fensterplätze – angedeutet durch das Zusammenführen beider Zeigefinger und Daumen – auf der linken Gangseite einnehmen wollen. Um das gesteckte Ziel auch auf jeden Fall zu erreichen, kann ruhig Gewalt angewandt werden – angedeutet durch Stoßbewegungen der angewinkelten Arme, mit dem Ellbogen nach hinten zeigend, während ein gerümpftes Gesicht gezeigt wird.
Es ist soweit. Der letzte Passagier scheint die Schwelle überqueren zu wollen. Die Damen drücken sich in die Tür, sodass der Passagier für einen kurzen Augenblick zwischen ihnen steckt, um anschließend wie ein nasses Stück Seife zwischen Fingern ausgespuckt zu werden und mit einem kleinen Schub schneller als beabsichtigt auf dem Bahnsteig zu landen.
Die beiden Männer und ich vereinbaren stillschweigend, wir würden keinen Widerstand leisten und die Damen kampflos ihr Vorhaben durchführen lassen. Die Damen flutschen in den Wagen, platzieren sich einander gegenüber am Fenster und thronen. Ich nehme Platz neben einem bescheiden Passagier und beobachte die selbstgerechten Gesichter der beiden, wenigstens hier mal erfolgreich gewesen zu sein.
Ich war gerade dabei, ihnen ihren Triumph zu gönnen, als ein großer augenscheinlich durchgeschwitzter Mann mit stark verschmutzten Straßenarbeiterklamotten – wie sich kurz darauf herausstellte, stark nach Schweiß riechend – neben sie setzte. Die beiden guckten sich bedient in der Erkenntnis an, dass ihre Platzwahl getroffen und unumstößlich war, außer sie wollten die Fahrt im Stehen verbringen.
Erfolg ist nicht immer ein Genuss und manchmal muss man auch leiden, um seinen Erfolg zu erhalten.
Grundsätzlich denke ich, dass ich ein kleines Problem damit habe, mich auch mal nicht an Regeln zu halten. Ich mache nichts, das der Obrigkeit widrig ist – ich fühle mich ja schon vom Geheimdienst verfolgt, wenn ich einmal bei Rot über die Ampel gegangen bin – und halte Gesellschaftswerte hoch, wie ich auch Autoritäten als Respektspersonen schätze.
Wenn man pendelt, dann kommt man nicht umhin, immer wieder die gleichen Personen zu sehen. Seit einiger Zeit treffe ich einen Inder in der Bahn. Ein stiller Zeitgenosse. Er hat jedoch eine kleine Eigenart. Wenn der Schaffner kommt und ihn um seinen Fahrschein bittet, zeigt er diesen zugleich vor. Er ist allerdings immer wieder aufs Neue nicht entwertet. Der Schaffner wird nicht müde, ihm jeden Tag aufs Neue zu erklären, dass die Entwertung vor Fahrtantritt auf dem Bahnsteig passieren muss. Er guckt den Schaffner an, als verstünde er nichts. Der Schaffner beginnt gebrochen zu sprechen, damit ihn der Sprachunkundige auch versteht. Es hilft nichts. Der Mann versteht nichts. Also entwertet der Schaffner die mitgeführte Karte und geht weiter. Ich weiß nicht, ob ich anschließend tatsächlich ein kleines Lächeln auf dem Gesicht des Fahrgastes sehe oder mich irre. Aber ich glaube ihm zu glauben.
Da gibt es aber noch einen Ostasiaten. Ein sehr gepflegter Herr in den späten 50ern oder frühen 60ern, der immer im Anzug anzutreffen ist. Auch diesen Mann durfte ich schon ein paar mal dabei beobachten, wie er keine entwertete Karte vorweisen konnte. Der Schaffner, auch hier erst in der Annahme der Mann könne Deutsch, gibt ihm lange und umständliche Erklärungen, wie das deutsche Fahrkartensystem funktioniert und beginnt ihn zu tadeln. Der Mann blickt verdutzt und neugierig wie ein kleines Kind um sich und sagt mit einem unschuldigen Lächeln » Ich nicht verstehen «. Der Schaffner gibt auf und entwertet die Karte. Ich war bisher sehr naiv und glaubte ihm, bis er gerade als der Schaffner außer Hörweite war einen Anruf erhielt, das Gespräch annahm und in lupenreinem, nahezu akzentfreiem Deutsch antwortete und sich dabei auch keinerlei Gedanken zu machen schien, ob ihn der Schaffner vielleicht doch hören könnte.
Ich könnte das nicht. Ich könnte noch nicht einmal zu meinem Vorteil lügen, selbst wenn ich regulär dafür bezahlen würde wie mein schottischer Kollege in den Niederlanden, der mir immer wieder berichtet, was er alles von den Britischen Inseln bestellt, auch wenn die Anbieter meinen, sie würden nicht aufs Festland versenden und er daraufhin in einem erbarmungswürdigen Ton meint, er wäre doch Schotte und die auf dem Festland hätten so tolle Sachen nicht, erst recht nicht in der Qualität wie in der Heimat – dabei geht es ihm einfach nur um das Modell. Das würde die nationalen Gefühle besonders der Engländer sofort bewegen und meinen lassen, dass er arm dran wäre und sie ihn auf jeden Fall unterstützen würden. Und schwupps wird die Bestellung verschickt.
Ich hätte einfach nicht den Mumm dazu. Vielleicht habe ich als Kind schon für mein ganzes Leben vorgelogen.
Aber die Begebenheit, die mir am meisten imponierte, war die folgende:
Es ist Feierabend. Alle wollen nachhause. Der Bahnsteig ist voll. Der Zug fährt ein. Ein wildes Gedränge, bis alle Passagiere die Waggons verlassen und die neuen Fahrgäste die Waggons besetzt haben. Manche ziehen es vor zu stehen, auch wenn noch Plätze frei sind, aber eben nicht ohne Nachbarn. Nicht so die Alte.
Die Alte, ein bunt geblümtes Kopftuch tragend, geduckt, klein aufgestumpft, in der rechten Hand einen dicken Nettobeutel mit Krimskrams, vielleicht Leergut, Plunder, in der linken Hand einen zerschundenen Aldibeutel, der offensichtlich mit leichten Dingen, aber vielen davon, bis zum Überquellen befüllt ist, schlüpft beim Schließen der Türen noch schnell in den Wagen und schiebt sich, ohne sich nur für eine Sekunde umzuschauen selbstbewusst durch die Gänge, stößt hier und da einen Stehenden beiseite. Auch Sitzende sind nicht sicher vor ihr und verlieren durch ihre beim Vorbeigehen verteilten Stöße teilweise ihre Bücher und müssen sie slapstickartig in der Luft durch mehrfaches Nachfassen wieder einfangen, ehe sie auf den mit Nässe bedeckten Boden gleiten.
Die Alte ist nicht zu bremsen. Sie schiebt sich, ihren Blick wie ein Stier schräg nach unten vor sich auf den Boden gerichtet durch den Gang. An mir vorbei. Sie verströmt einen Hautgout von Ranzigem, von fauliger Nässe. Die Lumpen, die sie kleiden, lassen sie wie eine Pennerin erscheinen, eine Bettlerin. Ihr Gesicht zeigt nichts Außergewöhnliches außer Sturheit, eine gewisse Dosis Verbitterung und Ignoranz. Wie selbstverständlich öffnet sie die edle Glastür zur ersten Klasse. Dort sitzt nur ein Businessmann im feinen Zwirn. Und sie. Kein Gedränge. Keine stehenden Passagiere. Keine Unruhe.
Sie richtet sich ein. Rechts schön ordentlich wird der eine Beutel aufgestellt. Sicher. Er soll bei schwankenden Bewegungen des Wagens nicht umfallen. Auf dem gegenüberliegenden Sitzplatz erhält der olle Aldibeutel einen Ehrenplatz. Der Businessmann blickt nicht einmal auf. Sicher, sie hat bestimmt eine erste Klasse Karte. Nichts natürlicher als das.
Die Passagiere der zweiten Klasse gaffen einander an. Warum sind wir so doof und sitzen hier wie die Hühner aneinander gedrängt. Oder stehen etwa?
Die Schaffnerin kommt. Hohn macht sich auf den Gesichtern in der zweiten Klasse breit. Die wird jetzt aber ihr blaues Wunder erleben. » Ihre Fahrscheine bitte! « Jeder zeigt bereitwillig seinen Fahrausweis vor. Manche führen dabei einen kurzen Blick Richtung erste Klasse. Die wird jetzt gleich ihr Fett weg kriegen. Gemurmel mit hämischem Kichern ist zu hören. Die Schaffnerin passiert mich. » Danke. « Ich muss zugeben, ich gucke auch gespannt. Die Schaffnerin öffnet die Glastür zur ersten Klasse. » Ihre Fahrausweise bitte! « Der Businessmann zeigt seine Premium-Gold-Card-Erste-Klasse beflissentlich vor. › Eins. Setzen. ‹ denk ich mir › Fein gemacht ‹. Die Alte guckt unbeeindruckt vor sich hin. Die Schaffnerin gibt dem Businessmann seine Karte zurück. Dreht sich zur Alten. Sieht. Dreht sich zur zweiten Klasse und verlässt das Abteil, ohne die Alte auch nur angesprochen zu haben. Die Fahrgäste der zweiten Klasse gucken leicht betreten vor sich hin. Offensichtlich hat hier jeder seine Wette verloren. Auch ich.
Respekt!
Respektspersonen sind selten geworden. Deutschland ist doch noch nicht am Ende. Die Alte sollte Lehrerin werden.
Wir sind es alle gewohnt, dass es bei größeren Menschenmengen auch mal eine kleine Duftwehe gibt, von deren Herkunft man nicht unbedingt alle Details wissen will, aber wenn, dann kann dieses Vergnügen zweifelhafter Natur sein. Und das kommt zwangsläufig, das mag den ein oder anderen Leser überraschen, auch beim Bahnfahren vor.
Ich sitze also mal wieder so in der Bahn, als sich plötzlich mir gegenüber eine sehr hübsche junge, gut gekleidete, um nicht zu sagen anziehende Studentin setzt. Sie macht einen unbeschwerten lebendigen Eindruck, während sie heiter mit ihrem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung mit Hilfe ihres Headsets telefoniert. Ich bin entzückt. Sie zieht gleich ihre Jacke aus. Der Rest macht auch einen äußerst ansprechenden Eindruck. Sie lehnt sich ein bisschen zur Seite und hebt dabei die eine Seite ihres Gesäßes. Sie stockt im Gespräch. Ich denke, sie will ihr Portemonnaie oder Telefon – heutzutage tragen die jungen Dinger ja dort ihr Smartphone – hervorzaubern, da höre ich eine gequälte Flatulenz. Ein tiefes niederfrequentes Knattern, fast schon Rumpeln, das nahezu an das genüssliche Grunzen eines Hundes erinnert, wenn er sich gerade auf dem soeben ergatterten Platz auf dem Teppich zur Ruhe legt, nachdem er eine Weile seine Ziele bei seinem Herrchen erfolgreich verfolgt hat – und bemerke zugleich, dass der Druck aus ihrer Mimik weicht und sie sogleich unbeschwert laut loslacht und heiter mit ihrem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung ohne jede Pause oder Unterbrechung, ohne Zuckung oder Geste der Entschuldigung an ihr Gegenüber, mich, weiter über Auslandssemester und Masterarbeit und Degrees redet. Da war einfach nur ein lauter, lang gezogener, knatternder und selbstbewusster Furz.
Ich schwanke zwischen » Chapeau! « und » Na, also wirklich! «.
