Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Verbotene Leidenschaft in den Highlands: Zwischen Ruhm, Geheimnissen und einer unerwarteten Liebe
North Hunter, ein gefallener Hollywood-Star, sucht Zuflucht in den schottischen Highlands, nachdem ein dunkles Geheimnis aus seiner Kindheit seine Karriere zerstört hat. Dort trifft er auf Aria Howard, die älteste Tochter einer Hollywood-Legende, die sich nach dem Ende einer toxischen Beziehung ebenfalls zurückgezogen hat. Aria leitet das exklusive Ardnoch Estate und begegnet dem arroganten Schauspieler mit Skepsis. Trotz gegenseitiger Abwehr entwickelt sich eine prickelnde Anziehung zwischen ihnen. Eine verheerende Nacht bringt sie einander näher, und sie beginnen eine unverbindliche Affäre. Doch bald wachsen tiefere Gefühle, die alte Wunden und Ängste aufreißen. North muss nicht nur Arias Vertrauen gewinnen, sondern sie auch vor einer gefährlichen Vergangenheit beschützen, die droht, alles zu zerstören – inklusive ihrer Chance auf eine gemeinsame Zukunft.
Young versteht es wie niemand sonst, ernste Themen wie Verlust, Trauma oder Selbstzweifel mit Leichtigkeit, Charme und Zuversicht zu verbinden.
Das Hörbuch können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Zum Buch
North Hunter, ein gefallener Hollywood-Star, sucht Zuflucht in den schottischen Highlands, nachdem ein dunkles Geheimnis aus seiner Kindheit seine Karriere zerstört hat. Dort trifft er auf Aria Howard, die älteste Tochter einer Hollywood-Legende, die sich nach dem Ende einer toxischen Beziehung ebenfalls zurückgezogen hat. Aria leitet das exklusive Ardnoch Estate und begegnet dem arroganten Schauspieler mit Skepsis. Trotz gegenseitiger Abwehr entwickelt sich eine prickelnde Anziehung zwischen ihnen. Eine verheerende Nacht bringt sie einander näher, und sie beginnen eine unverbindliche Affäre. Doch bald wachsen tiefere Gefühle, die alte Wunden und Ängste aufreißen. North muss nicht nur Arias Vertrauen gewinnen, sondern sie auch vor einer gefährlichen Vergangenheit beschützen, die droht, alles zu zerstören – inklusive ihrer Chance auf eine gemeinsame Zukunft.
Zur Autorin
Die SPIEGEL-Bestsellerautorin Samantha Young lebt in Schottland und hat in Edinburgh Geschichte studiert – viele gute Romanideen hatte sie während der Vorlesungen. Ihre Romane werden in 30 Ländern veröffentlicht. Wenn Samantha Young mal nicht schreibt, kauft sie Schuhe, die sie eigentlich nicht braucht.
Samantha Young
Highland Flower
Roman
Aus dem Englischen von Martina Takacs
HarperCollins
Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel
Among the Heather.
© 2023 by Samantha Young
Deutsche Erstausgabe
© 2026 für die deutschsprachige Ausgabe
HarperCollins in der
Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH
Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg
Covergestaltung von Guter Punkt | Agentur für Gestaltung
Coverabbildung von yvonnestewarthenderson, Rod Hill, paladin13, elenavolkova, phanasitti, andreusK / iStock / Getty Images Plus
E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN9783749908455
www.harpercollins.de
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberinnen und des Verlags bleiben davon unberührt.
Für Samantha Young’s Clan McBookish
Danke, dass ihr meine Geschichten lest, und danke für eure überwältigende Freundlichkeit und Unterstützung.
Sie bedeuten mir die Welt.
Fly we to some desert isle,
There we’ll pass our days together,
Shun the world’s derisive smile,
Wand’ring tenants of the heather.
Robert Tannahill, »Fly We to Some Desert Isle«
Aria
Ardnoch Castle, Schottland
Juli
Den Blick auf die Nordsee gerichtet, saß ich auf der Veranda und nippte an meinem Morgenkaffee. Sanft schlugen Wellen an die Küste, Möwen kreischten am wolkenlosen Himmel, und ich fühlte mich … zufrieden. Nicht glücklich, aber zufrieden. Die Hitzewelle, die den Rest der westlichen Hemisphäre heimgesucht hatte, war letztlich auch in die schottischen Highlands eingekehrt. Die frühe Morgensonne überzog das Wasser der Nordsee mit einem mediterranen Türkiston entlang der flachen Küste bis hin zum Strand. Eine leichte Brise sorgte für angenehme Abkühlung in der für diese Tageszeit ungewöhnlichen Wärme. Gott sei Dank hatte mein Vater das Haus mit einer Klimaanlage ausstatten lassen, entgegen allen Beteuerungen, dass so etwas in diesem Winkel der Welt überflüssig sei. Wäre er diesem Rat gefolgt, so hätte ich letzte Nacht nicht schlafen können.
Im letzten Sommer, meinem ersten als Hospitality-Managerin dieses exklusiven Privatclubs in den Highlands, hatten wir, was das Wetter betrifft, eine Achterbahnfahrt erlebt. Diesen Sommer dagegen hielten sich die Stars der Film- und Fernsehbranche – die ein Vermögen dafür ausgaben, Zugang zu einem der sichersten Anwesen der Welt zu erhalten – einen Großteil ihrer Zeit im Freien auf, da es wochenlang ausschließlich sonnige Tage gegeben hatte. Nie zuvor hatte ich gesehen, dass so viele Clubmitglieder unseren Privatstrand benutzten oder Securityteams benötigten, die sie bei geführten Touren durch die Highlands beschützen sollten. Ganz zu schweigen davon, dass das Spa doppelt so häufig genutzt wurde. Tatsächlich war ich dieses Jahr gezwungen gewesen, mehr Saisonpersonal einzustellen, als Ardnoch Castle jemals zuvor benötigt hatte.
Natürlich war es beabsichtigt, dass es auf Ardnoch Castle vor Leben und Energie nur so brummte … Aber ehrlich gesagt wartete ich darauf, dass Hollywood endlich wieder an die Arbeit ging. Ich sehnte den September herbei, damit alle nach Hause oder zu ihrem nächsten Projekt wo auch immer auf der Welt reisen würden. Hauptsache, sie waren nicht mehr hier.
Das Anwesen würde nie so wie L. A. sein, aber wenn sich so viele Leute aus L. A. hier tummelten, kam es dem unangenehm nahe.
Ich warf einen Blick auf die elegante Rolex, die ich von meiner Mutter zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, trank schnell den letzten Schluck Kaffee und eilte in mein Haus. Genau genommen war es das Sommerhaus meiner Eltern, aber ich wohnte das ganze Jahr über hier, während die beiden (vor allem meine Mutter) nur im Sommer zu Besuch kamen. Als ich Moms Schmuck auf dem Frühstückstisch verstreut liegen sah, schlich ich mich eilig durchs Erdgeschoss.
Ich wollte sie nicht wecken.
Meine Mutter war vor einigen Wochen hereingeschneit, und obwohl ich im Schloss ziemlich viel zu tun hatte, schaffte sie es doch, mir den letzten Nerv zu rauben.
Ich schnappte mir Handtasche, Handy und Autoschlüssel und huschte auf Zehenspitzen zur Haustür, um zu vermeiden, dass das Geräusch meiner Absätze nach oben hallte.
»Buondì, Coccolona.«
Auf die rauchige Stimme meiner Mutter hin hielt ich inne. Ich hatte diesen sinnlich rauchigen Klang von ihr geerbt, nicht jedoch den dazu passenden sinnlichen italienischen Akzent. Ich holte tief Luft, drehte mich um und sah, wie meine Mutter die Treppe herabgeschritten kam, als wäre sie auf einem Fotoshooting. Ihr Seidenmantel öffnete sich dabei ein wenig und gab den Blick auf ihre perfekten langen Beine frei. Die dunklen Haare, die sie seit ihrem dreißigsten Lebensjahr färbte, um vorzeitiges Grau zu verbergen, waren zu einem kunstvoll zerzausten Dutt hochgesteckt, und sie runzelte die Stirn, als sie mich sah. Weil sie sich alle paar Monate die Lippen aufspritzen ließ, machte es den Eindruck, als würde sie ständig schmollen. Um ehrlich zu sein – meistens tat sie das auch.
»Morgen, Mammina«, antwortete ich und richtete mich instinktiv auf. Mein ganzes Leben lang hatte mir meine Mutter, das Supermodel, eingetrichtert, Schultern und Rücken gerade zu halten.
Meine Töchter haben keinen Buckel.
»Kaffee?«, fragte sie, trat in den Flur und schloss die Distanz zwischen uns.
»Ist in der Küche.«
Ihre dunklen Augen verengten sich. »Du gehst? Schon wieder?«
Ich seufzte innerlich. »Mammina, du weißt doch, dass ich hier arbeite.«
»Du tust nichts anderes, als zu arbeiten. Hast du nie Urlaub?«
»Im Sommer herrscht hier Hochbetrieb. Das weißt du doch.«
»Ich bekomme dich ja kaum zu Gesicht.«
Ich unterdrückte eine Antwort und ließ mir etwas Zeit, um den Ärger unter Kontrolle zu bringen. Wenn ich meine Mutter anschnauzte, gab es nur tagelang Drama. Ich fand es jedoch bemerkenswert, dass sie erst Zeit mit mir verbringen wollte, seit ich erwachsen geworden war und sie nicht mehr in dem Maß brauchte wie früher. Als Kind hatte ich viel Zeit mit Nannys und überarbeiteten Assistentinnen verbracht. Mein Dad war Wesley Howard, der legendäre Filmregisseur. Er spielte schon in einer Liga mit Spielberg und Scorsese und war viel unterwegs, als ich noch klein war. Meine Mutter, ein berühmtes italienisches Supermodel, reiste damals ständig zu Shootings für Zeitschriften oder Werbekampagnen an exotischen Orten.
Ich kann nicht sagen, dass sie sich nicht um uns gekümmert hätten, wenn sie zu Hause waren, denn das haben sie. Trotz ihrer vielen Verpflichtungen hatten meine Eltern ihr Bestes gegeben, um mir und meiner Schwester zu zeigen, dass sie uns liebten. Großgezogen haben sie mich aber nicht. Und als ich zehn Jahre alt war und meine kleine Schwester Allegra als unerwartetes Nesthäkchen auf die Welt kam, übernahm ich die Rolle unserer meist abwesenden Eltern.
Ich hatte das Studium an meiner Traumuni geopfert und war stattdessen in Malibu geblieben und zur University of California in L. A. gependelt, weil ich so weiterhin für meine kleine Schwester da sein konnte. Nach meinen ersten zwei Jahren an der UCLA hatte meine Mutter das Modeln aufgegeben. Da sie dann zu Hause war, wäre ich gern an die Ostküste gewechselt, aber schon bei dem Gedanken, ich könnte weggehen, erlitt Mom einen derartigen Zusammenbruch, dass ich um Allegras willen geblieben war.
Unsere Mutter hatte sich nie besonders in unser Leben eingemischt. Ich war dankbar, dass meine kleine Schwester diese Zeit mit ihr verbringen konnte (auch wenn es sie nicht davor bewahrte, auf die schiefe Bahn zu geraten), aber es frustrierte mich, dass ich mich jetzt – so viele Jahre nachdem ich sie wirklich gebraucht hätte – mit Moms ständigen Anrufen und Nachrichten herumschlagen musste.
Ich entschied mich schließlich für eine ruhige Antwort. »Ich muss zur Arbeit.«
Sie ließ den Blick über mein Outfit wandern. »Oh, Darling, bedecke bitte deine Arme. Hast du die Hanteln denn gar nicht benutzt, die ich dir gegeben habe?«
In den ganzen achtundzwanzig Jahren meines Lebens hatte ich es ertragen, dass meine Mutter mein Aussehen kritisierte. Sie dachte, das sei ihre Art, mir zu zeigen, dass ich ihr wichtig war. Wahrscheinlich hatte sie sich schon über meine süßen Babyspeckröllchen geärgert, als noch ich ein Neugeborenes war.
Heute Morgen bezog sie sich auf die ärmellose Seidenbluse, die ich in den Bleistiftrock gesteckt trug. »Es ist heiß draußen«, erwiderte ich.
»Im Schloss gibt es eine Klimaanlage. Warte, ich hole dir was zum Überziehen, okay?« Meine Mutter tätschelte mir liebevoll die Schulter. »Du musst das Beste aus dir machen, wenn mal ein stattlicher Mann ein Auge auf dich werfen soll.«
»Mammina, bitte komm mal rüber zu uns ins 21. Jahrhundert.«
»Ach, pfft.« Sie winkte mit ihrer manikürten Hand ab, drehte sich um, und ihr Morgenmantel blähte sich um sie. »Nur weil eine Frau Romantik und Partnerschaft wichtig findet, heißt das noch lange nicht, dass sie keine Feministin ist.«
»Sagt die Frau, die ihren Mann nur ab und zu mal übers Jahr zu sehen bekommt.«
»Übertreib nicht«, warf meine Mutter mir über die Schulter zu, »und die Entfernung tut der Liebe keinen Abbruch, im Gegenteil. Dein Vater und ich können immer noch nicht die Finger voneinander lassen.«
»Erzähl mir was Neues«, murmelte ich leise. Die Leidenschaft zwischen meinen Eltern hatte ich nie infrage gestellt. »Ich gehe jetzt!«
»Nein, Coccolona, eine Minute!«
»Und nenn mich nicht so!« Ich war am Ende mit meiner Geduld und lief aus dem Haus, bevor sie mich aufhalten konnte.
Coccolona bedeutet »knuddelig«. Ich war das Knuddelchen meiner Mutter. Es war ihre liebevolle Art gewesen, darauf hinzuweisen, dass ich ein pummeliges Kind war. Als Teenager hatte ich nur kleine Mahlzeiten und niemals etwas zwischendurch gegessen, um ein für meine Knochenstruktur unmögliches Gewicht zu halten. Im Unterricht hielt ich mir praktisch durchgehend den Bauch, damit man ihn nicht knurren hörte. Und selbst da machte meine Mutter noch Bemerkungen über mein Gewicht. Schließlich gab ich die ständige Diät auf und akzeptierte, dass ich nun mal kein Supermodel war. Wenn meine Mutter nicht immer auf die Stellen hingewiesen hätte, die ich an mir am wenigsten mochte (wie meine Arme!), hätte ich mich vielleicht wohler in meinem Körper gefühlt. Ich wäre stolz auf meine »Sanduhrfigur«, wie Allegra es nannte.
Als sich diese Arme jetzt im Fenster meines BMWs spiegelten, kämpfte ich gegen den Drang an, ins Haus zurückzugehen und mich umzuziehen. Es war heiß, verdammt! Und ich hatte nun mal keine schlanken, trainierten Arme wie meine Mutter oder Allegra. So what? Ich hatte meine Figur von der mütterlichen Seite meines Vaters geerbt, und damit basta.
Hoffentlich reiste Mom bald ab.
Ich schlug die Autotür zu und fuhr um einiges schneller als nötig vom Haus weg. Unser Haus zählte zu den wenigen großen privaten Immobilien, die die Küste des Anwesens säumten und im Besitz von Clubmitgliedern waren. Mein Vater war im Vorstand von Ardnoch Castle and Estate. Er hatte hier investiert und sich gleichzeitig das größte der Privatdomizile gesichert – sein Sommerhaus in Schottland. Die meisten Clubmitglieder logierten im Schloss selbst. Ein ausgefeiltes Sicherheitssystem und ein Securityteam sorgten für maximale Sicherheit.
Der Hollywoodschauspieler Lachlan Adair hatte das Anwesen seiner Vorfahren in ein lukratives Geschäft und einen Zufluchtsort für die Elite Hollywoods verwandelt. Lachlan hatte sich aus dem Schauspielgeschäft zurückgezogen, um Ardnoch Castle und seine anderen Unternehmensprojekte zu leiten, aber als seine Frau ihre gemeinsame Tochter Vivien zur Welt brachte, hatte er sich seiner Verpflichtungen entledigt, um sich ganz seiner Vaterrolle und der Familie zu widmen. Ich respektierte diese Entscheidung sehr und war dankbar dafür, denn so hatte ich einen Job, in den ich flüchten konnte, als ich ihn gerade dringend brauchte. Ich hätte nie gedacht, dass ich die schottischen Highlands so lieben würde. Obwohl meine Stellenbezeichnung »Hospitality Manager« lautete, übernahm ich Lachlans Aufgaben komplett und leitete den Betrieb. Es machte mir nichts aus, hielt es mich doch auf Trab und stillte meine Liebe zum Organisieren und zum Herumkommandieren anderer.
Während sich die meisten Suiten, das Restaurant, die Bar und die Bibliothek im Schloss befanden, waren Spa, Fitnessstudio und Swimmingpool in separaten Gebäuden untergebracht. Außerdem gab es auf dem Anwesen Tennisplätze, einen Golfplatz, zwei kleine Seen, einen Privatstrand und luxuriöse Lodges für Clubmitglieder, die etwas mehr Privatsphäre bevorzugten.
Ich musste mich nicht nur mit dem Butler, einem Maître d’hôtel, der Chefköchin, der Hausdame und dem Housekeeping abstimmen, sondern auch Beautyexpertinnen, Personal Trainer, Physiotherapeuten und -therapeutinnen, Masseure, Masseurinnen, eine Yoga-, Pilates- und Mindfulness-Lehrerin, Golf- und Tennistrainer und -trainerinnen, Rettungsschwimmer und -schwimmerinnen und eines der besten privaten Sicherheitsteams des Landes leiten. Ganz zu schweigen davon, dass ich auch die Person war, an die sich die Clubmitglieder wandten, wenn es irgendein Problem gab.
Außerdem war ich das Empfangskomitee, und heute erwarteten wir unser neuestes Clubmitglied: North Hunter, einen renommierten schottischen Schauspieler. Ich hatte ihn in ein paar mittelmäßigen Romantikkomödien gesehen, in denen er vor allem den eingebildeten Playboy gab. Zugegeben: Ich war ein absoluter Snob, was Filme betraf. Ich konnte ganz unvoreingenommen sagen, dass mein Dad einer der größten Regisseure aller Zeiten war. Folglich war er schuld an meinem Filmsnobismus.
Allerdings hatte ich auch North Hunters Thrillerserie King’s Valley gesehen, die ihn in den letzten Jahren berühmt gemacht hatte. Darin spielte er einen Serienmörder und hatte für seine Leistung voriges Jahr einen Golden Globe bekommen. Ich war von seinem schauspielerischen Talent in King’s Valley überrascht gewesen, da ich nicht erwartet hatte, dass er sich von einem großspurigen, charmanten, umwerfend aussehenden Schotten zu einem äußerst charismatischen und komplexen Soziopathen wandeln konnte.
Nachdem ich die Serie gesehen hatte, hatte ich mich an sein Management gewandt, um zu fragen, ob er an einer Clubmitgliedschaft interessiert sei. Zu meinen Aufgaben gehörte es auch, »frisches Blut« aufs Anwesen zu holen, und ich wollte, dass es aus der Crème de la Crème Hollywoods bestand. North hatte gerade die Hauptrolle in dem – wie es aussah – nächsten großen Spionage-Action-Film ergattert. Gerüchten zufolge sollten die Dreharbeiten Ende des Jahres beginnen. Ich war begeistert, als North die Clubmitgliedschaft bezahlte, ohne sich das Anwesen auch nur angesehen zu haben. Er hatte offenbar genug von Ardnoch Castle gehört und verstanden, dass eine Mitgliedschaft hier ein vergoldetes Statussymbol war. Ja, das klang elitär und prätentiös, und genauso war es auch. Es gab eine lange Warteliste, und wer diese Warteliste umgehen konnte, war ein Glückspilz.
Die Fahrt durch das bewaldete Gelände zum Schloss dauerte nur fünf Minuten, und ich war eine der Ersten, die ihr Auto auf dem Mitarbeiterparkplatz abstellte. Ich kam gern früh zur Arbeit. So eilte ich in das kühle Innere des Schlosses, nickte den Mitarbeitern, die gerade angekommen waren oder aus der Nachtschicht kamen, grüßend zu und begrüßte Wakefield, unseren Butler. Er trug seine formelle Butleruniform mit dunkelgrüner Weste und weißen Handschuhen. Ich arbeitete nun ein Jahr in Ardnoch und war noch nie vor ihm zur Arbeit gekommen.
»Guten Morgen, Wakefield.«
Er deutete eine Verbeugung an. »Miss Howard. Mr. Hunter ist hier.«
Ich hielt abrupt am Rand der opulenten Empfangshalle an, sodass meine Absätze auf dem blank polierten Parkettboden quietschten. Der Raum war leer. Keine Spur von North Hunter.
Eine große Treppe nahm die Mitte der Halle ein, ausgelegt mit einem Läufer mit rot-grauem Schottenkaromuster. Sie führte zu einem Treppenabsatz hinauf, auf dem drei raumhohe Buntglasfenster das Sonnenlicht hereinließen. Dann teilte sie sich, sodass zwei identische Treppen rechts und links in den oberen Stock weiterführten, den ich teilweise durch die Galeriebalkone an beiden Enden des Empfangssaals sehen konnte. Heute brannte wegen des hochsommerlichen Wetters kein behagliches Feuer in dem riesigen offenen Kamin neben dem Eingang gegenüber der Treppe. Vis-à-vis luden zwei identische Chesterfield-Sofas die eintreffenden Mitglieder ein, Platz zu nehmen, bis sie vom Management begrüßt wurden. Tiffanylampen, die auf Beistelltischen verteilt waren, tauchten den Raum in einen warmen Schimmer.
»Jetzt schon?«, fragte ich, wobei ich mich wieder Wakefield zuwandte. »Wo ist er?«
»Ich habe mir erlaubt, Mr. Hunter ins Restaurant zu führen und ihm ein Frühstück servieren zu lassen.«
»Gut. Danke. Er ist sehr früh dran.« Wir hatten North erst am Nachmittag erwartet. Heute Morgen hatte ich als Erstes ein Treffen mit Jock McRory geplant, unserem Sicherheitschef. »Wakefield, können Sie Mr. McRory ausrichten, dass ich unser Treffen auf halb zehn verschieben muss? Und lassen Sie Mr. Hunter in mein Büro führen, sobald er mit dem Frühstück fertig ist.«
»Selbstverständlich, Miss Howard.«
»Wo ist sein Gepäck?«
»Mrs. Hutchinson erinnerte sich, dass Sie Mr. Hunter in der Bruce-Suite einzulogieren gedachten, folglich habe ich sein Gepäck dorthin bringen lassen.«
Bei dem Gedanken an unsere Hausdame zuckten meine Lippen. »Diese Frau muss übernatürliche Fähigkeiten haben.« Agnes Hutchinson schien alles zu wissen, was im Schloss vor sich ging, und sie kannte meinen Terminkalender auswendig.
»In der Tat«, antwortete Wakefield, wobei seine Augen funkelten.
»Danke, Wakefield. Ich bin in meinem Büro.«
»Soll ich Ihnen Kaffee bringen lassen?«
»Ja, bitte.«
Wakefield war der Beste.
Mein Büro war Lachlans sogenanntes Bühnenbüro. Sein eigentliches Büro befand sich im Personaltrakt und war ein schlichter, unspektakulärer kleiner Raum. Das Bühnenbüro jedoch erfüllte repräsentative Zwecke, um die Clubmitglieder im adäquaten traditionellen Rahmen – den sie von ihm als »Schlossherrn« erwarteten – zu empfangen. Lachlan hatte darauf bestanden, dass es mein Büro werden sollte, und ich hatte nicht widersprochen. Der Raum sah wie eine kleinere Version der Schlossbibliothek aus, mit hohen Bücherregalen aus dunklem Eichenholz an den Wänden, einem imposanten offenen Kamin und zwei bequemen Sesseln vor einem beeindruckenden Bibliotheksschreibtisch. Ein raumhohes Doppelfenster neben dem Schreibtisch ließ Sonnenlicht herein, zudem verbreiteten Tiffanylampen warmes Licht. Luxuriöse Samtvorhänge ergossen sich bis auf das Parkett, das größtenteils mit teuren Teppichen bedeckt war.
Ich ging um den Schreibtisch herum und setzte mich auf den ergonomischen Stuhl, dessen Design speziell an die traditionelle Opulenz des Raumes angepasst war. Meine kleine Tastatur stand auf der ledernen Oberfläche des Schreibtischs, und ich starrte einen Moment darauf und auf den leeren Bildschirm meines Computers.
Zweifellos erwarteten mich Hunderte E-Mails, sobald ich den PC hochfuhr.
Also atmete ich einmal tief ein und aus, bevor ich den Monitor einschaltete.
Keine Minute später klopfte es an der Tür, und Wakefield kam mit heißem Kaffee sowie einem Frühstücksgebäckstück herein.
»Mr. Hunter ist gerade fertig. Soll ich ihn bitten, einen Moment in der Lobby zu warten?«
»Nein, bringen Sie ihn ruhig her.« Obwohl er zu früh gekommen war und ich nichts dafür konnte, hatte er schon lange genug gewartet.
Wie immer drohte die Nervosität in mir die Oberhand zu gewinnen. Das passierte regelmäßig, wenn ich jemand Neues traf. Aber ich hatte gelernt, mir Selbstsicherheit überzustreifen, als wäre es eine Rolle, die ich spielte. Ich blickte an mir hinab, um sicherzugehen, dass ich präsentabel aussah, runzelte die Stirn beim Anblick meiner nackten Arme und verfluchte meine Mutter dafür, dass sie mich darauf aufmerksam gemacht hatte. Plötzlich wünschte ich mir, ich hätte etwas anderes als diese Seidenbluse an. Ehrlich gesagt war ich ohnehin zu vollbusig für Seide. Meine Mutter fand, Seide sei etwas für »elegante Figuren«. Meine Brüste wären in ihren Augen vermutlich nicht mal dann elegant, wenn sie mit kilometerlangem Brusttape gestützt würden.
Schluss damit!
Gerade als ich die Schultern durchdrückte, klopfte es.
»Herein.«
Wakefield trat ein. »Mr. North Hunter, Miss Howard.«
»Danke, Wakefield.« Ich stand auf, als der schottische Schauspieler den Raum betrat.
Unsere Blicke trafen sich, und ich bemerkte kaum, dass Wakefield das Büro verließ, weil mir plötzlich eine Gänsehaut über die Arme lief. Durchdringende, wunderschöne hellgraue Augen hielten meinen Blick auf intensive Weise fest, und ein Schauer aus Befangenheit zog mir den Rücken hinab.
Der ganze Raum schien in North Hunters Gegenwart zu schrumpfen. Er war groß, vielleicht eins neunzig, trug ein eng anliegendes schwarzes T-Shirt und dunkelblaue Jeans, und mir fielen seine breiten Schultern auf, der definierte Bizeps, sein schlanker, athletischer Körperbau. Das dunkelblonde Haar trug er recht kurz.
Er hatte ein kantiges Kinn, sinnliche Lippen, eine gerade, scharf geschnittene Nase und hohe Wangenknochen.
Meine Füße fühlten sich wie Blei an, als er meinen Blick erwiderte, wobei sein Gesichtsausdruck von einem Moment auf den anderen von überrascht zu neugierig wechselte und sein Blick glühend wurde.
North Hunter war ein Mann von faszinierender rauer Schönheit.
Ich hatte schon viele schöne Männer getroffen, aber ich hatte mich nur zu wenigen hingezogen gefühlt. Normalerweise dauerte es mehr als ein paar Sekunden in ihrer Gegenwart, bis ich dieses Kribbeln zwischen den Beinen spürte.
Dann lächelte North. Es war ein verschmitztes, jungenhaftes Lächeln, das ein Flattern in meinem Bauch hervorrief, als wäre ich ein verdammter Teenager.
Angst durchfuhr mich, und ich versteifte mich, während Bestürzung die Angst vertrieb.
Ich ging um den Schreibtisch herum und hielt ihm widerwillig die Hand hin. »Mr. Hunter, willkommen in Ardnoch Castle! Sie sind sehr früh dran.« Selbst in meinen Ohren klang meine Stimme spröde.
Und die letzten Worte vorwurfsvoll.
Sein Lächeln verbreiterte sich nur, sodass seine Augenwinkel sich kräuselten, was sehr sexy aussah. »Das ist wahr.« Er ließ den Blick gemächlich an meinem Körper entlangwandern, um mich ziemlich unangemessen zu mustern. Meine Hand zitterte. Ich wusste aus meinen Recherchen, dass North seit zwei Jahren mit dem britischen Popstar Cara Rochdale zusammen war. Als er sich endlich bequemte, seine Aufmerksamkeit wieder meinem Gesicht zuzuwenden, wobei ich die Hitze in seinem Blick deutlich spürte, kämpfte ich gegen den Wunsch an, mit meiner Abneigung nicht hinter dem Berg zu halten. Ich fragte mich, mit wie vielen Frauen er die englische Schönheit wohl betrogen haben mochte.
North ergriff meine Hand und hielt sie fest. »Sie sehen im wirklichen Leben anders aus«, sagte er mit diesem singenden Akzent, der unfairerweise sehr attraktiv klang.
Auch er sah anders aus. Oder besser gesagt, seine Anziehungskraft war im Film nicht so präsent. Ich konnte förmlich spüren, wie seine Energie meinen Arm hinaufvibrierte, und nachdem er meine Hand zu lange hielt, spürte ich ein Ziehen in der Brust.
Ich holte tief Luft und entriss ihm meine Hand.
Ich hatte mich schon einmal von heißem Aussehen und Charisma täuschen lassen. Das würde mir nie wieder passieren. Ich ignorierte seine Bemerkung, die darauf hindeutete, dass er mich gegoogelt hatte (es gab im Internet ein paar Fotos von mir mit meiner Familie auf dem roten Teppich, aber das letzte musste mindestens vier Jahre alt sein), und ging zurück zu meinem Schreibtisch. Ich hatte am Abend eine Schlüsselkarte für Norths Zimmer in die Schublade gelegt.
»Mein Name ist Aria Howard. Ich leite Ardnoch Castle, so lange Mr. Adair sich mehr Zeit für seine Familie nimmt. Selbstverständlich steht Ihnen während Ihres Aufenthaltes unser komplettes Team zur Verfügung. In Ihrer Suite finden Sie Informationen über Wellnessanwendungen, Personal Trainer, Physiotherapeuten, Golfstunden, Tennisstunden, Yoga, Pilates, Achtsamkeit, Tourbegleitungen und Sehenswürdigkeiten in der Umgebung. Wenn Sie Fragen haben, drücken Sie jederzeit die Null auf dem Telefon in Ihrem Zimmer, um mit unserem Servicepersonal verbunden zu werden.« Ich nahm den Umschlag mit seiner Schlüsselkarte und ging wieder um den Schreibtisch, um sie ihm auszuhändigen. »Willkommen in Ardnoch Castle.«
»Das sagten Sie bereits.« Er nahm den Umschlag und warf einen Blick hinein.
Ich wartete darauf, dass er ging.
In Norths Augen blitzte es amüsiert auf. »War das alles? Das war die herzliche Begrüßung?«
Ich versuchte mir mein Unbehagen nicht anmerken zu lassen. »Wünschen Sie noch etwas, Mr. Hunter?«
»Nun, ich würde mich freuen, wenn Sie mich North nennen würden.«
Da das völlig unangemessen gewesen wäre, antwortete ich nicht.
Eine Falte erschien zwischen seinen Augenbrauen. »Habe ich Sie irgendwie beleidigt, Aria?«
»Miss Howard«, korrigierte ich sanft. Und vielleicht hören Sie damit auf, mich so anzusehen, als würden Sie mich am liebsten verschlingen. »Natürlich nicht, aber ich bin in Eile, weil ich ein Meeting habe, also, wenn Sie mich entschuldigen würden.« Ich durchquerte den Raum und öffnete die Tür.
Als ich über die Schulter zurückblickte, waren Norths Augen auf meinen Hintern gerichtet.
Empörung erfüllte mich, und ich räusperte mich, wobei ich mich fragte, ob er meinen Hintern ansah, weil er ihm gefiel oder weil ihn seine Größe überraschte.
Er schien nicht im Geringsten verlegen darüber zu sein, dass er erwischt worden war, und kam zur Tür geschlendert. »Danke für den kurzen und nicht sehr herzlichen Empfang.« North blieb nur wenige Zentimeter vor mir stehen, und ich kämpfte gegen den Drang an, einen Schritt zurückzutreten. Er musterte mein Gesicht, als wäre ich ein Rätsel, das er nicht lösen konnte. »Ich habe das Gefühl, dass ich Sie irgendwie beleidigt habe, und das stört mich mehr, als mir lieb ist.«
Er klang aufrichtig.
So war das mit den Schauspielern.
Sie waren Meister im Vortäuschen.
»Natürlich haben Sie mich nicht beleidigt, Mr. Hunter. Wir sind uns heute zum ersten Mal begegnet. Es ist nur immer viel los morgens auf dem Anwesen.« Ich sah, dass Max, einer der Pagen, draußen wartete. »Max wird Sie zu Ihrer Suite begleiten. Ich habe mir erlaubt, die Bruce-Suite für Ihren Aufenthalt zu reservieren. Sie hat einen wunderschönen Blick auf die Nordsee. Wenn Sie das nächste Mal nach Ardnoch Castle kommen und eine bestimmte Suite oder eine Lodge wünschen, geben Sie uns bitte rechtzeitig Bescheid, dann tun wir unser Bestes, um Ihren Wunsch zu erfüllen.« Während ich sprach, kämpfte ich gegen das unterschwellige Verlangen an, mich näher zu ihm zu beugen, um seinen Duft nach Sandelholz und Zitrusfrüchten tief einzuatmen.
Auf meine betonte Förmlichkeit hin verschloss sich seine Miene. »Vielen Dank, Miss Howard.« Er verließ das Büro ohne einen weiteren Blick, und ich machte schnell die Tür zu.
Die Stirn an das Holz gelehnt, atmete ich zittrig aus.
Was, zum Teufel, war das denn bitte?
Was auch immer es gewesen sein mochte, meine Alarmglocken schrillten. Das letzte Mal, als ich mich zu einem Schauspieler hingezogen gefühlt hatte, war mein fragiles Selbstwertgefühl vollends zerstört worden.
Aber dieser Schauspieler hier war ein Clubmitglied.
Ich musste mich, so gut es ging, von North Hunter fernhalten.
North
Dezember
Die Zufahrt führte durch einen dichten Kiefernwald, bis schließlich die Bäume den Blick auf eine schier endlose Rasenfläche freigaben. In der Ferne erhob sich ein riesiges Gebäude. Fahnen auf dem hügeligen Gelände markierten es als Golfplatz. Nur wenige Monate zuvor hatte ich mit meinem Freund Theo Cavendish auf diesem Rasen gestanden, und wir hatten so getan, als wüssten wir, was wir da taten.
Sorglos. Selbstbewusst. Siegesgewiss. Ich war überzeugt gewesen, dass sich mein Leben aufs Beste verändern würde.
Oh ja, verändert hatte es sich.
Allerdings aufs verflucht Schlimmstmögliche überhaupt.
Ardnoch Castle war ein weitläufiges, zinnenbewehrtes Schloss, sechs Stockwerke hoch und etwa zweihundert Jahre alt, das auf einem mehrere Tausend Hektar großen Anwesen stand. Als Aria Howard mein Management kontaktiert hatte, um mich zu fragen, ob ich an einer Clubmitgliedschaft interessiert sei, hatte meine Publizistin Annette mich gedrängt anzunehmen. Ich hielt die Sache für prätentiösen, überteuerten Blödsinn. Aber es hieß, es sei gut für mein Image, und mir gefiel, dass der Club in Schottland lag, meiner Heimat. Ich hatte nicht erwartet, dass ich mich in diesen Ort verlieben würde. Ich hatte auch nicht damit gerechnet, dass ich ihn aufgrund der ausgefeilten Sicherheitsvorkehrungen schon bald als Zufluchtsort brauchen würde.
Die Wintersonne stand tief über dem Horizont und ließ die Fenster des Schlosses einladend glänzen.
Wakefield, der Butler, trat aus dem großen Haupteingang, noch bevor der Range Rover auf dem Kies zum Stehen kam. Das Seltsamste an meinem Wandel vom mittellosen Niemand zum berühmten Schauspieler war, dass die Leute alles für mich tun wollten. Das irritierte mich ein wenig.
Wakefield öffnete meine Tür, sobald das Auto angehalten hatte.
»Willkommen zurück in Ardnoch Castle, Mr. Hunter«, sagte er mit warmer Professionalität.
Kein Anflug von Vorwurf oder Urteil in der Stimme.
»Danke, Wakefield«, antwortete ich, obwohl ich am liebsten mit niemandem sprechen wollte.
»Haben Sie Gepäck, Sir?«
Nein. Kaum dass mein Team mir mitgeteilt hatte, was die Zeitungen am Morgen veröffentlichen würden, hatte ich einen Flug nach Schottland genommen. Ich war in L. A. gewesen, wo ich mich schon auf den Rückflug nach London eingestellt hatte, um in Birdwatcher zu spielen, dem Spionagefilm, der mein Leben verändern würde. Da er unter der Regie des so berüchtigten wie brillanten Regisseurs Blake Forster gedreht wurde, hieß es bereits, dass der Film James Bond Konkurrenz machen würde.
Es war, als zöge sich ein Knoten in meinem Magen fest zusammen.
Annette hatte mir geraten, nach Ardnoch zu flüchten und dort abzuwarten, dass der Sturm sich legte. Mein Agent Harry hingegen warnte mich, dass ich damit den Drehplan und den Film über den Haufen werfen würde. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Dass das Studio durch von mir verursachte Verzögerungen Geld verlor, nur weil die Boulevardpresse sich wie eine wilde Meute verhielt. Denen war es scheißegal, was sie anderen Menschen damit antaten.
»Mein Gepäck kommt separat an«, erklärte ich Wakefield. »Ich weiß noch nicht, wie lange ich bleiben werde.«
»Sehr wohl, Sir. Ich bringe Sie zu Miss Howards Büro.«
Innerlich stöhnte ich auf. »Können Sie mich nicht einfach zu meinem Zimmer bringen?« Es kam mir vor, als würde ich zur Schuldirektorin geschickt. Zu einer verlockend sexy Schuldirektorin. Aber ich war heute nicht in der Stimmung für Aria Howards Verachtung.
»Miss Howard möchte mit Ihnen reden, Sir«, sagte Wakefield vorsichtig.
Oh, aye, natürlich. Mir schwante, was sie mir sagen wollte, und ehrlich gesagt war ich mir nicht sicher, ob mein angeschlagenes Nervenkostüm das verkraften konnte.
Normalerweise empfand ich eine perverse Befriedigung bei ihrer abweisenden und bissigen Reaktion auf mich. Das war zwischen uns so, seit wir uns kennengelernt hatten, ohne dass ich den Grund dafür kannte. Heute jedoch wollte ich mich nur in meinem verdammten Zimmer verstecken und von niemandem belästigt werden.
Widerwillig folgte ich dem Butler zu Arias Büro.
Sie sprach mit Wakefield, bevor ich hineingebeten wurde, und ich wusste, dass es schlecht um mich stand, denn ihre rauchige Stimme ließ mich völlig kalt. Normalerweise reizte sie meinen Schwanz. Ich glaube, die Frau war sich gar nicht bewusst, dass sie die verführerischste Schlafzimmerstimme besaß, die man sich vorstellen kann.
Der Butler zog sich zurück, als ich eintrat, und schloss die Tür hinter mir. Aria stand da und zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich wollte sie nicht ansehen, aber ich konnte nicht anders.
Schon immer hatten mir die Frauen zu Füßen gelegen. Ja, das klingt entsetzlich arrogant, oder? Aber es entspricht der Wahrheit. Ich hatte mich nie anstrengen müssen, um eine Frau in mein Bett zu bekommen. Seit ich berühmt geworden war, fand ich sie sogar ungefragt darin vor. Das Problem war: Gelegenheitssex war nicht mein Ding. Ich konnte das nicht. Ich sprach nicht viel darüber, weil meine Freunde mich wahrscheinlich für plemplem gehalten hätten, aber Gelegenheitssex hinterließ bei mir ein Gefühl der Leere. Ich mochte es, in einer Beziehung zu sein. Ich mochte es, gebraucht zu werden. Als ich Aria kennenlernte, war ich in einer langjährigen Beziehung mit Cara Rochdale gewesen, deshalb hatte die Tatsache, dass eine andere Frau mein Blut in Wallung brachte, verdammt große Schuldgefühle in mir ausgelöst.
Aber nach dem, was Cara mir vor nur vierzehn Stunden angetan hatte, fühlte ich mich nicht mehr schuldig, weil ich mich zur Managerin von Ardnoch Castle hingezogen fühlte. Keine Ahnung, was mich an Aria Howard so faszinierte. Ja, sie war schön, aber ich war schon zuvor mit schönen Frauen zusammen gewesen, darunter auch Cara. Ich glaube, es war der Gegensatz zwischen der offenkundig sexuellen und physischen Ausstrahlung dieser Frau und ihrer coolen, effizienten Art.
Der Knoten in meinem Magen wurde fester, als unsere Blicke sich trafen und hielten.
Aria hatte beeindruckende Augen. Moosgrün und so hell und klar im Kontrast zu ihrem mediterranen Teint und ihren fast schwarzen Haaren. Alles an ihr weckte in einem Mann den Wunsch, in ihr zu versinken. Volle Lippen, spektakulär große Brüste und ausladende Hüften. Sie war groß, in High Heels fast so groß wie ich, und ihre Länge streckte ihre üppigen Kurven, aber zum Glück nicht zu sehr. Ihre Taille war schmal, was ihr eine perfekte Sanduhrfigur verlieh. Vor ein paar Monaten hatte ich zufällig mitbekommen, wie zwei Schauspielerinnen auf dem Anwesen über Aria sprachen. Eine hatte Aria als dick bezeichnet. Neidische Kuh. Aria war perfekt.
Leider hatte sie mich schon vor dem heutigen Tag nicht ausstehen können.
Ich wartete darauf, dass sie mir ihre Abneigung ausdrücken und damit den Knoten in meinem Magen noch fester zusammenziehen würde.
Sie kam um den Schreibtisch herum, sah mich an, und ich ließ den Blick dreist an ihrem Körper hinunter- und wieder hinaufgleiten, um sie zu provozieren. Sie presste die Lippen kurz zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich fragte mich, ob sie wusste, wie offensichtlich ihre Körpersprache war. In meiner Gegenwart verschränkte sie immer die Arme vor der Brust. Sie schützte sich. War defensiv. Ich wusste nicht, was ich dieser Frau getan hatte, aber mir fehlte die Energie, dem nachzugehen.
»Zimmerschlüssel?« Ich streckte die Hand aus.
Ihre Augen blitzten. »Ich habe die Bruce-Suite für Sie vorbereiten lassen.«
Ich bedankte mich nicht. An jedem anderen Tag wäre ich dankbar gewesen, aber ich wollte nur verschwinden.
Aria richtete sich auf und ließ die Arme sinken. »Ich versichere Ihnen, dass unsere Security Ihre Privatsphäre schützt. Auf Ardnoch Castle sind Sie vor der Boulevardpresse sicher und können sich auf dem Anwesen nach Belieben bewegen. Wenn Sie das Gelände aus irgendeinem Grund verlassen möchten, stellen wir Ihnen ein Sicherheitsteam zur Begleitung zusammen.«
Ich war sprachlos vor Schreck. In den letzten Monaten war ich immer wieder für ein paar Tage in Ardnoch gewesen, und jedes Mal, wenn ich Aria getroffen hatte, war sie verdammt feindselig mir gegenüber gewesen. Soweit ich wusste, hatte ich nichts getan, was ihre Verachtung rechtfertigte, und so war ich zu dem Schluss gekommen, dass sie meine Vergangenheit kannte und mich als unter ihrem Niveau ansah.
Heute jedoch war in den Nachrichten berichtet worden, dass ich als Dreizehnjähriger an der Ermordung eines Obdachlosen beteiligt gewesen war … und nun empfing sie mich annähernd herzlich. Das ergab keinen Sinn.
»Brauchen Sie sonst noch irgendetwas, Mr. Hunter?«
Spöttisch fragte ich: »Heute so freundlich, Miss Howard? Ich hatte erwartet, dass Sie diesen Moment richtig auskosten würden.«
Ihre Augen weiteten sich angesichts meines unverschämten Tons, und ich versuchte, nicht in ihnen zu ertrinken. »Heute Morgen wurde ich daran erinnert, niemals einfach zu glauben, was ich online lese.«
Ihre Freundlichkeit verschlimmerte die Lage noch, warum auch immer. »Damals ist ein Mann gestorben«, presste ich hervor.
»Ja. Aber ich weiß nichts über die Umstände. Ich weiß nur, dass Sie noch ein Kind waren, als es geschah, und dass der Mann, der hier vor mir steht, meine Freundin vor etwas bewahrt hat, worüber sie nie hinweggekommen wäre.«
Ich erstarrte. Aria bezog sich auf ein Ereignis vor einigen Monaten. Ich hatte mit Walker Ironside vom Sicherheitsdienst des Anwesens gesprochen. Er hatte in der Branche den Ruf, ein erstklassiger privater Bodyguard zu sein mit dem Hintergrund einer militärischen Elitetruppe. Und er war Schotte. Gerade als ich versucht hatte, ihn vom Anwesen abzuwerben, um ihn als Bodyguard zu gewinnen, hörten wir einen Schrei aus einem der Zimmer. Es stellte sich heraus, dass Sloane vom Housekeeping, eine Freundin von Aria, Walker zuvor von dem ungebührlichen Verhalten eines Clubmitglieds berichtet hatte. Deswegen hielt er sich in Sloanes Nähe auf und hatte eine Schlüsselkarte für das Zimmer des Mistkerls bei sich. Byron Hoffman, der jüngste Sohn von Henry Hoffman, dem Besitzer einer der größten Fernseh- und Filmproduktionsfirmen der Welt, hielt sich für unantastbar. Als Walker und ich in sein Zimmer stürmten, war er nahe daran, Sloane zu ersticken, während er sie zu vergewaltigen versuchte. Am liebsten hätte ich den verdammten Hurensohn umgebracht.
Kürzlich war bekannt geworden, dass Byron Hoffman wegen mehrfacher Vergewaltigung einsaß. Gerüchten zufolge war es dem Besitzer dieses Anwesens, Lachlan Adair zu verdanken, dass seine Opfer ausfindig gemacht wurden und ihn angezeigt hatten.
»Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.« Ich steckte die Hände in die Taschen meiner Jeans, zuckte mit den Schultern und grinste. »Ein Mann ist ums Leben kommen. Es hat sich also herausgestellt, dass ich der Abschaum bin, für den Sie mich immer hielten.«
Sie sah überrascht aus. »Ich habe Sie nie für Abschaum gehalten, Mr. Hunter.«
»Schon gut, Miss Howard. Ich bin für Sie Abschaum, Sie sind für mich eine verklemmte, elitäre Person. So ist das Leben. Haben Sie nun meine Schlüsselkarte oder nicht?«
Arias Augen blitzten auf, sie biss die Zähne aufeinander, dann drehte sie sich um und marschierte um den Schreibtisch, riss die Schublade auf, schnappte sich die Schlüsselkarte und kam mit großen Schritten zu mir zurück, um sie mir in die offene Hand zu klatschen. Dann verschränkte sie die Arme vor der Brust und hob das Kinn in Richtung Tür, um mir stumm ein »Raus!« zu signalisieren. Hinter der Wut sah ich ihre Verletztheit.
Der Knoten in meinem Magen zog sich fester zusammen.
Ich öffnete den Mund, um mich zu entschuldigen, aber die Worte kamen nicht heraus. Was ich gesagt hatte, stimmte. Und ich brauchte weder ihr verdammtes Mitleid noch ihr Verständnis.
Mein Karma hatte mich eingeholt. Vielleicht hatte ich es verdient.
Ich war ein Waisenkind aus Falkirk, einer Pendlerstadt zwischen Glasgow und Edinburgh, wo die sozioökonomische Kluft enorm war. Ich konnte meinen breiten schottischen Akzent ablegen und meine Herkunft tarnen, aber ich konnte die Armut und den Schmutz nicht von der Seele des kleinen Waisenkindes wischen, das den Jungs nachgejagt war, denen von Geburt an alles an Menschlichkeit ausgeprügelt wurde.
Sie hatten Dinge getan, für die ich mich zutiefst schämte. Wir hatten Dinge getan.
Vielleicht war es Teil der Strafe des Karmas, mir dieses Leben vor die Nase zu halten. Es reichte ihm nicht, dass mich die Vergangenheit eingeholt hatte. Es wollte mich den Schmerz spüren lassen zu wissen, wie es war, wenn man auf der anderen Seite ankam … und einem dann das bessere Leben wieder weggenommen wurde.
Aria Howard war die Tochter der Hollywoodlegende Wesley Howard und des weltberühmten Supermodels Chiara Bellucci Howard. Sie hatte den Präsidenten der Vereinigten Staaten getroffen! Sie hatte ein privilegiertes Leben in Malibu gehabt. Und alles an ihr war makellos. Kein Haar lag fehl am Platz. Ihre Nägel waren makellos manikürt, ihr Make-up war dezent und ihr Parfüm teuer. Sie trug eine Rolex am Handgelenk und Diamanten an den Ohren. Sie war bis in die Seele rein und luxuriös.
Schmutz kannte sie nicht. War nie dem Abschaum auch nur nahe gekommen.
Sie war … Nichts. Für. Mich.
Das wusste ich von dem Moment an, als wir uns das erste Mal begegnet waren. Und daran musste ich, verflucht noch mal, nicht gerade jetzt erinnert werden.
Ohne ein weiteres Wort wandte ich mich um und stürmte hinaus.
Aria
Februar
Von: Ariella Branch
An: Aria Howard
Hey, Honey! Wie geht’s? Lange nichts voneinander gehört. Ich habe dir schon mehrmals geschrieben, aber ich glaube, meine E-Mails landen in deinem Spamordner. Neulich war ich mit Marissa und Ana unterwegs, und wir haben Allegra getroffen. Sie hat sich mir gegenüber irgendwie komisch verhalten. Das war verletzend. Wir standen uns doch mal so nahe. Warum macht sie das? Jedenfalls hat es sich herumgesprochen, dass du Lachlan Adairs exklusiven Club in Schottland managst. Das klingt so spannend. Ich bin immer noch Hospitality-Managerin im Curiosity, aber ich hätte Lust, mal aus L. A. rauszukommen. Wie sieht’s aus? Stellst du deine alte Freundin ein? Es wäre so wunderbar, mit dir zusammen in Schottland zu sein! Meine neue Nummer: 213-555-3890. Ruf mich mal an, Honey. Langsam verliere ich die Geduld, lol.
Ariella xoxoxoxo
»Was, zum Teufel?«, murmelte ich vor mich hin. Mir wurde ganz heiß, weil die E-Mail mich so ärgerte. »Wie oft muss ich dich denn noch blockieren?« Mit der Verärgerung kam das vertraute Gefühl der Unruhe in mir auf. Es gab nur sehr wenige Menschen auf dieser Welt, die ich so verabscheute wie Caitlyn »Ariella« Branch. Ich war davon ausgegangen, dass es eine klare und eindeutige Botschaft senden würde, wenn ich fünftausend Meilen zwischen uns brachte und alle Kontaktversuche ignorierte. Aber es war, als nähme sie das alles gar nicht wahr. Die Frau hatte Wahnvorstellungen. Und gab es da so etwas wie einen drohenden Unterton?
Im Gegensatz zu Allegra hatte ich Caitlyns unberechenbares Verhalten erst nicht bemerkt und die Bedenken meiner kleinen Schwester abgetan, bis auch ich eines Abends erkannte, dass Allegra recht hatte, was meine anhängliche sogenannte Freundin betraf.
Ich seufzte, klickte auf die E-Mail und blockierte ihre neue Mailadresse.
Um mich von dem plötzlichen Aufruhr in meinem Innern abzulenken, stand ich vom Schreibtisch auf und schnappte mir die Liste der gewünschten Behandlungen von Angeline Potter, einer etwas anstrengenden britischen Schauspielerin, die ein langjähriges Clubmitglied war. Ihre Assistentin hatte angerufen, um mir mitzuteilen, dass Angeline in zwei Tagen zu einem dreitägigen Aufenthalt eintreffen werde. Also machte ich mich auf den Weg zu Wakefield und Mrs. Hutchinson, um sie zu informieren. Ich hatte Lust, mir die Beine zu vertreten, also beschloss ich, die fünf Minuten zum Spagebäude zu Fuß zu gehen, um das Team zu bitten, Angeline für Massage, Haare, Nägel und alles Weitere – die Liste war lang – einzutragen.
Als ich Richtung Personaltrakt ging, um erst einmal Mrs. Hutchinson zu finden und mit ihr über die Suite für Angelines Aufenthalt zu sprechen, sah ich, wie Sarah McCulloch vom Housekeeping aus dem Personalaufzug trat und sich mit zwei Champagnerkühleimern voller leerer Bierflaschen abmühte.
Sarah arbeitete seit sieben Jahren in Ardnoch Castle. Sie war die Enkelin eines Farmers namens Collum McCulloch. Wenn ich nicht aus ihrer Gehaltsabrechnung gewusst hätte, dass sie einunddreißig Jahre alt war, hätte ich Sarah auf Anfang zwanzig geschätzt. Ja, sie sah jugendlich aus, aber ihre Schüchternheit ließ sie noch zusätzlich jünger erscheinen.
»Warten Sie, ich helfe Ihnen«, rief ich und eilte mit klackernden Absätzen zu ihr hinüber.
»Oh nein, Miss Howard, ich schaffe das schon.« Offenbar war ihr meine Hilfe peinlich.
Ich lächelte sie an. »Ich kann den einen Eimer tragen.« Die Bierflaschen klapperten, und ich runzelte die Stirn, weil ich sah, dass eine Whiskyflasche dazwischen steckte. In Sarahs Eimer befanden sich noch zwei. »Wo kommen die denn her?«
Sarah sah mir kurz in die Augen, bevor sie wieder nach vorn schaute und weiter mit mir in Richtung Personaltrakt ging. »Mr. Hunter hat sie zusammen mit ein paar leeren Essenstabletts vor dem Zimmer abgestellt. Frannie wollte sich um die Tabletts kümmern.« Frannie war ihre neue Zimmerservicepartnerin. Nachdem meine gute Freundin Sloane gekündigt hatte, um ihren Traum von einer eigenen Bäckerei zu verwirklichen, hatten wir die Teams neu organisiert.
Verärgert presste ich die Kiefer zusammen, nahm mir einen Moment Zeit und fragte dann ruhig: »Hat Mr. Hunter Ihnen den Zutritt zu seinem Zimmer verweigert?«
»Seit über einer Woche.« Sarah biss sich auf die Lippe und sah unbehaglich drein. »Mrs. Hutchinson ist gar nicht glücklich darüber.«
»Das kann ich mir vorstellen.«
Zwei Monate. North Hunter versteckte sich schon seit zwei Monaten auf Ardnoch Castle, seit bekannt geworden war, dass er und seine Freunde für den Tod des Obdachlosen vor vielen Jahren verantwortlich waren. In dieser Zeit hatte Cara Rochdale ihn aufgrund des Skandals verlassen, was den Wahrheitsgehalt der Meldung untermauerte. Dann war Hunter als das Gesicht einer bekannten Designermarke fallen gelassen worden. Norths sexy Werbung für deren Aftershave hatte zu einem rasanten Anstieg der Verkaufszahlen geführt, sodass man sich diese Entscheidung sicherlich nicht leicht gemacht hatte. Und natürlich hatte auch das Studio, in dem sein angekündigter Spionagethriller produziert werden sollte, ihn geschasst. Ich hatte ein paar Informationen von meinem Dad aufgeschnappt, der jeden in Hollywood kannte, und anscheinend hatte das Studio den Film vorerst auf Eis gelegt. Das Drehbuch war North auf den Leib geschrieben worden, und so hatte man jetzt ziemliche Schwierigkeiten, einen neuen männlichen Hauptdarsteller zu finden.
Ich war mir nicht sicher, ob North das bewusst war. Ich war mir nicht mal sicher, ob ihm überhaupt etwas bewusst war außer seinem Selbstmitleid. Der Mann suhlte sich darin. Zuerst war er jeden Tag aus seinem Zimmer gekommen, um ins Fitnessstudio und/oder schwimmen zu gehen. Während der traditionellen Silvesterparty hatte er sich im Zimmer verkrochen, was ich verstehen konnte. Vor zwei Wochen jedoch hatte er ganz aufgehört, das Zimmer überhaupt zu verlassen. Ich hatte ein Auge auf ihn gehabt und wusste, dass in dieser Zeit auch viel Alkohol aufs Zimmer bestellt und geliefert worden war.
Jetzt reichte es.
Ich wusste nicht, ob North außer Theo Cavendish viele Freunde hatte, aber aus meinen Recherchen von damals, als ich zum ersten Mal Kontakt zu seinem PR-Team aufgenommen hatte, wusste ich, dass er ein Waisenkind war. Er hatte keine Familie, zu der er flüchten konnte. Keine Familie, die ihm einen Tritt in den Hintern geben und ihn aus dem schwarzen Loch seines Selbstmitleids herausholen konnte. Ich war die Letzte, die das tun wollte, aber wir mussten sein Zimmer in Ordnung bringen. Und er musste in sein Leben zurückkehren.
Ich folgte Sarah in den Hauswirtschaftsraum und stellte den Eimer auf einer Arbeitsfläche ab. »Kommen Sie klar?«
»Natürlich, Miss Howard. Vielen Dank für Ihre Hilfe.« Ihre Augen begegneten endlich einmal meinem Blick, und ich war überrascht, wie wunderschön grün sie waren. Nicht moosgrün wie meine, sondern von einem auffälligen Jadegrün, klar und atemberaubend schön.
»Gern geschehen.« Ich lächelte sie freundlich an, und sie senkte wieder schüchtern den Blick. Es war schade, dass sie sich so versteckte, aber ich wusste selbst ein wenig, wie es war, sich verstecken zu wollen.
Als ich zielstrebig zum Sicherheitsraum ging, in dem wir die Ersatzschlüsselkarten aufbewahrten, dachte ich nicht mehr an Sarah. Es wurde Zeit, North Hunter aus seiner Suite zu werfen. Zumindest für ein paar Stunden, damit dort aufgeräumt und geputzt werden konnte. Ich fürchtete mich ein wenig davor, was ich dort vorfinden würde.
»Aria?« Walker Ironside, der am Tisch mit den Monitoren saß, erhob sich. Ein weiterer Sicherheitsbeamter war mit ihm im Raum. »Was kann ich für dich tun?«
Walker war vor etwa einem Jahr nach Ardnoch gekommen, als Brodan Adair, Lachlans Bruder, sich aus Hollywood zurückgezogen hatte. Walker war sein Bodyguard gewesen. Während dieser Zeit hatte er sich in Sloane verliebt, die Frau, um derentwillen er vor wenigen Monaten angeschossen worden war. Er hatte sie vor einem Mann beschützen wollen, der angeheuert worden war, sie zu töten – wegen des Erbes ihres Vaters. Der Skandal geisterte noch immer durch die Medien. Mit seinen ein Meter sechsundneunzig und dem beeindruckend muskulösen Körperbau war Walker ein einschüchternder Typ, aber er betete Sloane an und liebte ihre Tochter Callie über alles. Allein aus diesem Grund war er so etwas wie mein Favorit unter den Angestellten. Aber das ließ ich mir nie anmerken. Er war zudem stur und hatte darauf gedrängt, so schnell wie möglich wieder arbeiten zu gehen, trotz des Bauchschusses. Ich hatte jedoch darauf bestanden, dass er zunächst mit leichteren Aufgaben beginnen sollte, bis er vollständig genesen war, wofür Sloane mir dankbar war.
»Ich brauche die Ersatzkarte für die Bruce-Suite.«
Walker verstand sofort. »Soll ich dich begleiten? Vielleicht kann ich mit North sprechen.« Demnach wussten wohl alle, dass der Schauspieler sich dort verkrochen hatte. Ich vermutete, dass Walker sich North gegenüber verpflichtet fühlte, weil er ihm vor Monaten geholfen hatte, Byron Hoffman in Schach zu halten, als dieser Sloane überwältigt hatte. Ich befürchtete jedoch, dass diese Dankbarkeit ihn dem Mann gegenüber zu Nachsicht verleiten würde. North Hunter brauchte in dieser Angelegenheit eine harte Hand.
»Ich schaffe das schon«, versprach ich ihm.
»Daran habe ich keinerlei Zweifel.« Walkers Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. Bevor er Sloane kennenlernte, hatte ich den grüblerischen Schotten nie lächeln sehen, aber seitdem war er ein wenig aufgetaut. Als ich zum ersten Mal gesehen hatte, wie er Sloane anlächelte, wäre ich fast in Ohnmacht gefallen, weil ich dermaßen überrascht war … und ein bisschen neidisch. Es muss wunderbar sein, von jemandem so sehr geliebt zu werden, dass man ihn zum Besseren verändert. Seine Welt zu einer Welt zu machen, für die es sich zu lächeln lohnt.
Ich verdrängte ein Gefühl der Sehnsucht, bedankte mich bei Walker, als er mir die Schlüsselkarte reichte, und begab mich zum Personalaufzug, den ich voller Entschlossenheit betrat.
Die Bruce-Suite befand sich im zweiten Stock; sie war eine unserer besten Suiten mit direktem Blick auf die Nordsee. Sie bestand aus einem großen Schlafzimmer, einem etwas kleineren Wohnzimmer mit Schreibtisch am Fenster und einem luxuriösen Bad.
Ich wagte es nicht, daran zu denken, in was für einem Zustand sie sein mochte.
Im Versuch, es diplomatisch anzugehen, klopfte ich laut an die Tür. Als keine Antwort kam, klingelte ich. Nicht das leiseste Geräusch von Schritten war zu hören. Ich klopfte erneut.
»Hauen Sie ab!«, tönte eine Männerstimme angriffslustig heraus.
Reizend.
»Mr. Hunter, hier ist Aria Howard. Bitte öffnen Sie die Tür.«
Keine Antwort.
»Mr. Hunter!«
Sein gedämpftes »Verpissen Sie sich!« trieb mir vor Ärger den Blutdruck hoch.
Ich zog die Schlüsselkarte durch, trat ein und ließ die Tür langsam hinter mir zufallen. Ich blinzelte in das gedämpfte Licht, das durch die halb geschlossenen Vorhänge fiel, und wartete, dass meine Augen sich an die Lichtverhältnisse gewöhnten.
»Welchen Teil von ›Verpissen Sie sich‹ haben Sie nicht verstanden?«, gab er mit starkem schottischen Akzent von sich.
Ich ließ einen Blick durch das Zimmer gleiten: über das ungemachte Bett, das halb aufgegessene Sandwich, das auf dem Nachttisch vor sich hin gammelte, die überall verstreuten Kleidungsstücke … und schließlich zu North. Er fläzte sich in einem Sessel im Wohnzimmer und drehte eine Bierflasche zwischen seinen Fingern. Zudem hatte er nur eine Pyjamahose an, die ihm tief an den Hüften hing. Die langen Beine hatte er von sich gestreckt, und mir fielen seine ausgeprägten Bauchmuskeln auf. Einen Moment war ich sprachlos, als ich den definiertesten Sixpack erblickte, den ich je gesehen hatte. Der Mann sah aus wie aus Stein gemeißelt, ohne ein Gramm Fett. Überraschend, wenn man bedachte, wie viel Alkohol er diese Woche konsumiert hatte.
»Sind Sie nur hier, um mich anzustarren?«, knurrte er und sah mich mit halb geschlossenen Augen an, als wäre ich eine Beute. Sein Akzent war so stark, dass ich ihn kaum verstehen konnte. Aber ich verstand genug.
Der unangenehme Geruch, eine Mischung aus abgestandenem Bier, alten Essensresten, geschlossenen Fenstern und ungeduschtem Mann stieg mir in die Nase, und ich verzog das Gesicht. »Ich bin hier, um Sie zu bitten, die Suite zu räumen, damit wir alles in Ordnung bringen können.«
North schnaubte. »Sie meinen, damit die Ladies in black hier putzen können? Ich bezweifle, dass Sie persönlich Hand anlegen möchten.«
»Ja, die Mitarbeiterinnen vom Housekeeping würden gern ihre Arbeit machen«, antwortete ich steif, ohne auf seine äußerst zweideutige Bemerkung einzugehen. Am Bett vorbei ging ich zum Fenster und spürte seinen Blick auf mir, als ich die Vorhänge fasste und sie mit einer ruckartigen Bewegung aufzog.
»Fuck!«, fluchte er, und als ich mich umdrehte, sah ich, dass er die Bierflasche fallen gelassen hatte, die zum Glück leer war. North hielt sich die Augen zu. »Raus aus meinem Zimmer, Teufelsweib!«
Ich grinste, genoss sein Unbehagen. »Sie sind unglaublich schottisch, wenn Sie betrunken sind. Wussten Sie das?«
»Verdammte Nervensäge!« Er runzelte die Stirn. »Können Sie mich nicht warnen, bevor Sie mir die Netzhaut verbrennen?«
»Das nennt man Tageslicht.« Ich sammelte die Kleidungsstücke ein, während ich durch den stickigen Raum spazierte. »Sie sollten mal versuchen, darin herumzugehen. Nüchtern. Aber zuerst gehen Sie duschen. Sie riechen genauso schlimm wie das Zimmer.« Ich warf seine Sachen an die Tür, damit der Zimmerservice sie mitnehmen konnte, und sagte: »Wir waschen das für Sie. Haben Sie so lange was anderes zum Anziehen?«
»Wer braucht was zum Anziehen?«
Auf sein mürrisches Murmeln hin sah ich ihn an. In seinen Augen war keine Wut, sondern etwas anderes. Mein Rücken versteifte sich. »Das hier ist kein Nudistenresort, Mr. Hunter. Kleidung ist Pflicht.«
»Ach, kommen Sie schon.« Er zwinkerte mir zu, während er sich auf seine Bauchmuskeln klopfte. »Ich habe gesehen, wo Sie hingeguckt haben. Sie mögen mich lieber nackt. Geben Sie’s zu.«
Du lieber Himmel. »Ich würde an Ihrer Stelle den Mund halten, bevor noch etwas herauskommt, was Sie später bereuen.«
»Das mache ich vielleicht … wenn Sie mir auch was halten, wenn Sie verstehen, was ich meine.« Er wackelte anzüglich mit den Augenbrauen.
»Ich werde so tun, als hätte ich das nicht gehört.«
»Weil Sie denken, ich bin unter Ihrem Niveau?«
Überrascht von der Bitterkeit in seinem Tonfall schnaubte ich. »Absolut nicht. Aber ich finde, dass Sie sich gerade wie ein selbstverliebter Playboy benehmen, der im Selbstmitleid schwelgt. Gehen Sie duschen, ziehen Sie sich was an und machen Sie einen Spaziergang.« Ich drehte mich um und ging zur Tür, wurde aber durch feste Schritte hinter mir aufgeschreckt. Als ich über die Schulter blickte, sah ich, dass North mich fast erreicht hatte, und ich drehte mich mit hochgezogenen Augenbrauen zu ihm um. Die Nervosität jagte mir einen Schauer den Rücken hinunter, aber ich hob das Kinn und ließ ihn keine Sekunde glauben, dass er mich einschüchtern könnte.
Seine Poren strömten Biergestank aus, und ich rümpfte die Nase. Wie betrunken war er eigentlich?
North beugte sich so dicht zu mir, dass sein Gesicht meines beinahe berührte, und flüsterte rau: »Waren Sie schon immer so kaltherzig? Was ist los? Was muss passieren, damit Ihr fucking kaltes Herz auftaut?«
Ich wollte ihm nicht zeigen, dass seine Worte mich verletzten, und sagte streng: »Wenn Sie einen Schritt zurücktreten, wäre das ein guter Anfang.«
»Warum? Haben Sie Angst, dass es Ihnen gefallen könnte, was ich mit Ihnen mache?«
Ein Schauer lief mir über die Brüste und zwischen die Beine. Die Wut, dass dieses Arschloch es selbst in betrunkenem Zustand schaffte, dass ich mich zu ihm hingezogen fühlte, machte mich einen Moment sprachlos. Er schien mein Schweigen zu verstehen.
North umfasste meine Hüfte, zog mich an sich und flüsterte mir mit sanfter Stimme ins Ohr: »Sie würden mich nicht mal mit ’ner Kneifzange anfassen, hm? Aria Howard, Eiskönigin. Stehen Sie überhaupt auf Männer?«
Wütend auf ihn und auf mich selbst trat ich zurück, ballte eine Hand zur Faust und schlug ihm mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte, zwischen die Beine.
Seine Knie gaben nach, und seine Lippen formten ein Oh vor Schmerz und Schock, Sekunden bevor er die Augen aufriss, zu Boden fiel und die Hände in den Schritt hielt. Die Qual verzerrte sein Gesicht, dann nickte er heftig, ließ sich auf den Rücken kippen und keuchte: »Aye. Das hab ich verdient. Das hab ich verdient.«
Mit einem letzten Blick voll Abscheu marschierte ich aus der Suite und lief direkt in Theodore Cavendish hinein.
»Mr. Cavendish.« Ich nickte ihm zu und trat zur Seite.
Theo deutete auf die nun geschlossene Tür. »Ist er endlich aufgestanden?«, fragte er mit seiner überaus vornehmen britischen Aussprache. Theo war ein englischer Drehbuchautor und Regisseur. Er hatte King’s Valley geschrieben und inszeniert, die Serie, die North zum Superstar gemacht hatte. Beide hatten dafür Preise gewonnen. Theo war außerdem der zweite Sohn eines Viscounts. Er sah gut aus und war weltgewandt, und ich hatte den Eindruck, dass die meisten Leute Cavendish charmant fanden. Allerdings hatte er etwas Hartes und Überhebliches an sich, das mich misstrauisch ihm gegenüber machte. Nur sehr wenige Menschen schüchterten mich ein, aber Theo Cavendish war definitiv einer von ihnen. Nicht dass ich es jemals hätte durchblicken lassen. Dass er mit North befreundet war, überraschte mich. Sie kamen aus völlig unterschiedlichen Verhältnissen.
»Im Moment liegt er auf dem Fußboden und hält sich die Eier.« Es war unprofessionell von mir, das zu sagen, aber ich hatte keinen Zweifel, dass North ihm ohnehin von der Begegnung berichten würde. »Vielleicht können Sie ihn dazu bewegen, zu duschen, sich auszunüchtern und nicht mehr so ein Klischee abzugeben. In zwei Stunden kommt das Housekeeping, um sein Zimmer herzurichten, und wenn es sein muss, schicke ich jemanden vom Sicherheitsdienst mit.«
Theo grinste, nickte aber.
»Oh … und sagen sie Ihrem Freund, wenn er mich noch einmal beleidigt, sorge ich dafür, dass seine Karriere nicht das Einzige ist, was dieses Jahr gecancelt wird.« Ich öffnete die Tür mit meiner Ersatzkarte, um Theo in Norths Zimmer zu lassen.
Theo unterdrückte ein lautes Lachen und tippte sich mit zwei Fingern an den Kopf, bevor er hineinging. Beim Schließen der Tür hörte ich ihn sagen: »Na, sieh einer an, alter Junge. So angeregt habe ich dich ja seit Wochen nicht gesehen.«
»Ich glaube, sie hat mir meine verdammten Eier zu Brei geschlagen.«
»Nun, ehrlich gesagt hattest du in letzter Zeit ja nicht oft Verwendung dafür.« Die Tür fiel hinter Theo zu, gerade als mir ein unerwarteter Lachanfall die Kehle hinaufstieg.
Als mir klar wurde, dass ich mit einer komplexen Mischung aus Mitleid, Sorge, Verärgerung, Befriedigung und Belustigung kämpfte, zuckte ich mit den Schultern und versuchte es abzuschütteln. Norths emotionaler Zustand ging mich nichts an, und ich wollte nicht, dass seine Welt meine über die Arbeit hinaus beeinflusste.
North
Sitz es einfach aus.
Das hatte mein Agent mir geraten.
Ich solle mir etwas Zeit nehmen, eine Weile in Ardnoch bleiben und warten, bis es ausgestanden war.
