2,99 €
Zwei Leben, verbunden, aber durch die Zeit getrennt. Eine Liebe, so stark, dass sie Raum und Zeit überwindet. Schottland, 2019: Als sich die Schriftstellerin Sophie Meinhardt in den Highlands verirrt und dabei dem attraktiven Hotelerben Hamish MacGregor begegnet, knistert es gewaltig. Zu Sophies Enttäuschung bringt der begehrteste Junggeselle des Glens sie aber nur zurück ins Tal. Er scheint wesentlich weniger an ihr interessiert zu sein als angenommen. Doch so schnell gibt Sophie nicht auf. 416 Jahre später. Auf der zerstörten Erde ist Oberst Tammes Duncan mitverantwortlich für die Durchführung der wichtigsten Mission der Menschheitsgeschichte: das Umsiedeln auf einen neuen Planeten. Doch Duncan verfolgt auch seinen eigenen Plan. Er will ins Jahr 2019 zurückkehren und die Schriftstellerin Sophie Meinhardt entführen. Jetzt scheint er seinem Ziel nah, denn es ist ihm gelungen, die Technologie zu entwickeln, die das Reisen durch die Zeit möglich macht. Aber was ist, wenn die Zeit nicht alle Wunden heilt, sondern neue schafft? Jessie Coe ist das Pseudonym der Autorin Nicole Fünfstück und steht für Bücher mit explizit beschriebenen Liebesszenen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 607
Veröffentlichungsjahr: 2022
Impressum neobooks
Jessie Coe
Highland Love
Eine Liebe durch Raum und Zeit
Impressum
Texte: © Copyright by Nicole Fünfstück
Pseudonym: Jessie Coe Umschlag: © Copyright Florin-Sayer-Gabor-
www.100Covers4you.com
Bild 1: StockSnap
Foto: Nicole Fünfstück Lektorat: SchriftWerk Jona Gellert
Verlag: Nicole Fünfstück
Achtung: Ich lebe und arbeite in Spanien. Hier besteht keine
Impressumspflicht.
Sie erreichen mich unter:
www.nicole-fuenfstueck-schreibt.de
2019 • Nebel
Ich lag mit geschlossenen Augen im Bett und stellte mich tot. Es war mit Sicherheit viel zu früh zum Aufstehen, aber die Gedanken, die in meinem Kopf herumschwirrten, forderten Aufmerksamkeit. Die Uhrzeit war ihnen dabei vollkommen egal.
»Weiterschlafen«, suggerierte ich mir lautlos und hielt den Atem an, als vor der Schlafzimmertür kurz darauf Mister Muhs Miauen ertönte. Mein Kater verfügte über ein inneres Radar, bemerkte sofort, dass ich wach war, selbst wenn ich mich nicht bewegte, und forderte Futter. Weiterschlafen fiel somit aus. Ich öffnete vorsichtig die Augen, streckte mich, kuschelte mich aber noch einmal tiefer in mein Federbett. Der Kater nahm mir das übel und wurde lauter. Alter Miesmacher!
Als er anfing, sich zusätzlich unter der Schlafzimmertür durchzugraben, gab ich auf. »Nervbacke, du hast gewonnen!«
Ich stand seufzend auf und ging zum Fenster. Vor der Tür grummelte der Kater weiter vor sich hin. »Man könnte meinen, du bist kurz vorm Verhungern«, antwortete ich ihm. »Du tust so, als hätte ich dich seit Tagen nicht gefüttert, aber glaube mir, du stirbst nicht, wenn du noch ein paar Minuten wartest.«
Das Maunzen des Katers klang jetzt empört, zumindest kam es mir so vor. Ich grinste. Schade, dass ich mit Mister Muh zwar sprechen, aber nichts besprechen konnte. Manchmal fragte ich mich, ob meine Entscheidung, als Single zu leben, die richtige war. Allerdings nur selten, ich hatte mich inzwischen daran gewöhnt und wenn ich ehrlich war, machte es mir Spaß. Ich zog die dicken, blauen Vorhänge zurück. Wow! Draußen schien die Sonne. Schottland pulsierte zwar zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter vor Energie, aber bei Sonnenschein war es geradezu magisch. Schon bei der ersten Schottlandreise war mir klar gewesen, dass ich das Land irgendwann zu meiner Wahlheimat machen würde. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde. Eine unerwartete Erbschaft und einer meiner Romane, der zu einem weltweiten Bestseller geworden war, hatten es möglich gemacht. Ich war immer noch weit davon entfernt, reich zu sein, aber für mein weißes, zweistöckiges, mit zwei Schornsteinen bestücktes Cottage hatte es gereicht. Es lag an einem Berg und war etwas vom Dorf entfernt, aber doch in Sichtweite der Nachbarn, was in den Highlands schon fast intime Nähe bedeutete. Was mich aber letztendlich zum Kauf bewogen hatte, war der atemberaubende Blick auf das Loch Leven, das sich direkt vor meiner Haustür befand.
Gedankenverloren betrachtete ich den kleinen, terrassenförmig angelegten Garten, der sich hinter meinem Cottage, an den Fuß des Berges schmiegte. Die bunten Wildblumen leuchteten im Sonnenschein und ich überlegte kurz, ob ich draußen frühstücken sollte. Ein Blick auf das Thermometer ließ mich die Idee verwerfen. Ich schlüpfte in Hausschuhe und Bademantel. Schottland im Sonnenschein hieß nicht, dass es morgens auch warm war. Selbst im Sommer fiel die Nachttemperatur oft bis kurz über den Gefrierpunkt. Trotzdem war das Wetter zu schön, um im Haus zu bleiben. In Schottland leben hieß die Sonne ausnutzen, wann immer sie schien. Ich beschloss, nach dem Frühstück wandern zu gehen. Vielleicht löste sich dabei der Knoten, der mich davon abhielt, das Manuskript zu beenden. In den Highlands unterwegs zu sein, gab mir das Gefühl von Freiheit und Verbundenheit mit der Natur und ich konnte außerdem meinen Gedanken freien Lauf lassen. Inzwischen hatte ich die Umgebung auch so weit erkundet, dass ich mich nicht mehr ständig verlief. Kleine Markierungen an Bäumen, Aussichten auf das Tal und seltsam geformte Steinformationen hatten sich mir eingeprägt und waren zu meinen Wegweisern geworden.
Ich trat aus dem Zimmer und verhinderte dabei mit dem Fuß, dass der Kater im Gegenzug darin verschwand. So sehr ich ihn liebte, Tiere gehörten für mich nicht ins Schlafzimmer. Zumindest keine mit Fell und mehr als zwei Beinen. Ich grinste. Es war schon eine Weile her, seit sich in dieser Hinsicht etwas getan hatte. Vielleicht war es eine gute Idee, mal über das Wochenende nach Edinburgh zu fahren. Mit Sicherheit war die Auswahl an attraktiven Junggesellen dort größer als hier im Dorf.
Ich verschwand, gefolgt von Mister Muh, im Bad, zog mich an und ging anschließend die Treppe hinunter in den Wohnraum. Unter die Treppenstufen hatte ich bei den Renovierungsarbeiten eine amerikanische Küche integrieren lassen. Außer einer L-förmigen Küchenzeile gab es eine Insel mit Unterschränken, Schubladen, der Spüle und einem niedrigen Regalbrett mit dem Napf des Katers. Auf der anderen Seite des Raums befand sich das Wohnzimmer. Mein ganzer Stolz war der Originalkamin aus dem 18. Jahrhundert. Ich ging zur Kücheninsel und Mister Muh folgte mir. Dabei machte er ein Geräusch, das wie eine Mischung aus Miau und Muh klang und ihm zu seinem Namen verholfen hatte.
»Geht los, Kleinster.« Ich nahm seinen Napf, wusch ihn aus und füllte ihn neu. Während der Kater glücklich fraß, deckte ich den rustikalen Holztisch, der mir in einem Möbelhaus in Edinburgh sofort ins Auge gefallen war und ein großes Loch in meine Ersparnisse gerissen hatte. Doch er war jeden Cent wert. Die bequeme Sitzbank mit den dicken Kissen auf der einen Seite des Tisches gehörte zu meinen Lieblingsleseplätzen. Wenn ich Wasserkocher und Tee strategisch günstig auf der Küchenzeile platzierte, konnte ich mir Tee kochen, ohne von der Bank aufstehen zu müssen. Und der »Mudroom«, ein kleiner Raum mit Schuhbank, Heizung und Kleiderhaken, der sich direkt hinter der Eingangstür befand, verhinderte, dass ich im Zug saß. Selbst wenn die Haustür geöffnet wurde, schirmte die mit einem Glaseinsatz versehene Tür des Mudrooms die Kälte ab.
Ich betrachtete die Sonnenstrahlen, die durch die Wohnzimmerfenster fielen, und in denen einige Staubkörnchen tanzten. Wann hatte ich eigentlich das letzte Mal gründlich Staub gewischt? Ich griff zum Lappen und legte ihn gleich wieder zur Seite. Ich musste los, und zwar sofort. Wenn ich erst anfing zu putzen, war die Chance auf einen Spaziergang im Sonnenschein wahrscheinlich vorbei. Als ich das letzte Mal aus dem Fenster gesehen hatte, waren zwar nur vereinzelte Wolken am Himmel gewesen, doch in Schottland wurden aus wenigen Wolken schnell viele. Ich schmiss die Kaffeemaschine an und schmierte mir, während mein Lebenselixier durchlief, ein paar Brote. Als der Kaffee fertig war, goss ich mir etwas in eine Tasse, füllte den Rest in einen Thermobecher und stopfte die Brote in den Rucksack. Mit der Kaffeetasse in der Hand suchte ich eine Flasche Wasser, Handschuhe und ein Midgesnetz und packte sie dazu. Ich sah hinüber zu Mister Muh, der sein Futter inhaliert hatte und mich interessiert beobachtete.
»Ich gehe wandern, Käterchen«, erklärte ich ihm. »Ich bin aber bald wieder da.«
Ich stellte das Geschirr in die Spülmaschine, griff nach Rucksack und Thermobecher und schloss die Tür des Mudrooms hinter mir. Hier stieg ich in die Wanderstiefel, knotete mir die Jacke um die Hüften und verließ, mit einem breiten Sonnenhut in der einen und dem Thermobecher in der anderen Hand, das Haus. Die Luft war angenehm und roch nach feuchter Erde, Blumen und Schafen. Auf dem Grundstück neben meinem befand sich eine Schaffarm. Das dazugehörende Land war riesig und die Tiere kamen nur selten in die Nähe meines Gartenzauns, aber je nachdem, wie der Wind stand, roch man ihre Anwesenheit. Doch Schafe gehörten ebenso zu Schottland wie Regen. Ich trank einen Schluck Kaffee und verbrannte mir prompt die Lippen. Wann würde ich es lernen, dass die Getränke in einem Thermobecher mit der Zeit nicht kühler wurden? Deshalb nahm man das Ding ja schließlich. Leise fluchend durchquerte ich den Vorgarten und blieb erneut stehen. Loch Leven sah heute wieder aus wie ein Spiegel. Die dahinter aufragenden Berge hoben sich grün vom blauen Sommerhimmel ab und waren gleichzeitig deutlich auf der Wasseroberfläche zu sehen. Die Welt in der Welt.
Ich schloss das Gartentor hinter mir und bog nach rechts ab. Der Wanderweg zum Stausee begann nur ein paar Meter unterhalb des Grundstücks. Die Sonnenstrahlen zauberten goldene Flecken auf das allgegenwärtige Farnkraut und sprenkelten den Waldweg vor mir, der stetig nach oben führte. Ich folgte ihm langsam, trank dabei wesentlich vorsichtiger, aber nicht weniger genüsslich, meinen Kaffee und lauschte dem Gezwitscher der Vögel. Während des Aufstiegs kam ich an einer halbverfallenen, moosbewachsenen Steinmauer vorbei, hinter der die Reste eines Cottages standen. Disteln und Farnkraut wuchsen in dem, was einst der Vorgarten gewesen war. Ich blieb stehen und strich über das samtige Moos der Steine. Jedes Mal, wenn ich hier vorbeikam, hatte ich das Gefühl, als wolle das Anwesen mich auf die Vergänglichkeit von allem hinweisen. Meine Protagonisten schien es heute allerdings zu ganz anderen Dingen zu animieren. Schnell holte ich mein Notizbuch aus dem Rucksack und notierte, was mir durch den Kopf ging. In Gedanken versunken wanderte ich anschließend weiter und bemerkte erst, dass ich mich verlaufen hatte, als ich unvermittelt vor einem gerodeten Waldstück stand. Ein schmaler Wanderweg wand sich links von mir den grünen, mit Heidekraut bewachsenen Berg hinauf, während ein Forstweg rechts durch gefällte Bäume und Baumstümpfe erst nach oben und dann nach unten führte. Die Holzgewinnungsarbeiten hatten vor ein paar Tagen begonnen und dass ich ihre Auswirkungen betrachten konnte, bedeutete, dass ich zu weit gegangen war. Zögernd sah ich mich um und kratzte mich an der Hand. Verflixt, Midges. Hastig holte ich das Netz aus dem Rucksack, zog es über den Hut und schlüpfte in Jacke und Handschuhe. Auf diesen Teil der schottischen Natur hätte ich gut verzichten können. Die Midges, winzige Mücken, jagten in Schwärmen. Sie stachen nicht, sondern bissen, und wenn man auf sie allergisch reagierte, wie ich, dann sah man nach einem Tag in den Highlands aus, als hätte man die Beulenpest. Nachdem ich mich vor den kleinen Biestern geschützt hatte, betrachtete ich den Berg vor mir. Es gab zwei Möglichkeiten. Entweder folgte ich dem Wanderweg nach links und stieß irgendwann hoffentlich wieder auf den ursprünglichen Pfad oder ich ging auf Nummer sicher, kehrte um und suchte die Abzweigung, die ich im Wald übersehen hatte.
Leise schimpfend entschied ich mich für die zweite Möglichkeit, gelangte eine halbe Stunde später an die richtige Kreuzung und folgte dem Weg nach oben. Obwohl ich langsam ging, war ich völlig außer Atem, als ich endlich am Stausee ankam. Ich stützte die Hände auf die Oberschenkel, holte mehrfach Luft und beobachtete die Schafe und Lämmer, die wie fast überall in den Highlands frei herumliefen. Mein Blick fiel auf die weißen, flauschigen Enden des Wollgrases, die ich früher für Schafwolle gehalten hatte, und dann auf den Stausee. Ich fröstelte. Im Gegensatz zu den Lochs, wirkte er auf mich bedrohlich. Das Wasser war schwarz, tief und hatte eine vorher lebende Welt unter sich begraben. Es fiel mir nicht schwer, mir vorzustellen, wie etwas Schleimiges aus den Tiefen emporstieg, um aus dem Wasser zu kriechen und ...
»Mähhh«, machte es hinter mir. Ich schrie vor Schreck auf und fuhr herum.
Ein Schaf sah mich aus schwarzen Augen fragend an, während sein Lamm sich ängstlich hinter ihm versteckte.
Ich lachte zitternd. »Frag nicht, Autorengedanken«, erklärte ich dem Tier, das nun, gefolgt von seinem Nachwuchs, weiterlief. Ich sah den beiden hinterher. Über dem Berg vor mir hingen dicke Wolken. Eigentlich hatte ich geplant, noch ein Stück weiterzugehen und dann ein Picknick zu machen doch es war wohl besser, umzukehren. Mein Magen knurrte protestierend. Nur Kaffee war ihm entschieden zu wenig. Ich öffnete meinen Rucksack, schlug genervt nach den Midges, die mich umschwärmten, wobei ich mir durchaus bewusst war, dass ich damit nichts ausrichtete, und holte ein Butterbrot heraus. Blitzschnell, bevor die Midges davon Wind bekamen, schob ich Hand und Brot unter das Netz. Nach dem ich meinen Magen versöhnlich gestimmt hatte, machte ich mich auf den Rückweg.
Je weiter ich mich dem Tal näherte, desto schlechter wurde das Wetter. Als ich den Wald erreichte, krochen bereits Nebelschwaden durch die Bäume.
»So ein Mist!« Ich musste über diese unbewusst mehrdeutige Wortwahl grinsen, wurde aber schnell wieder ernst, starrte auf den Nebel, der zwischen den Bäumen hing, und zog die Schultern hoch. Alle Geräusche waren verstummt und ich schien alleine in einer fremden Welt zu sein. Eine Gänsehaut überzog meinen Körper. Das sah nicht gut aus und es kam mir so vor, als würde der Nebel in Sekundenschnelle dichter. Vorsichtig ging ich weiter, aber ohne den Blick ins Tal war ich völlig aufgeschmissen und kam nur im Schneckentempo voran. Nervös versuchte ich, etwas zu erkennen, doch die Bäume, die aus dem Nebel ragten, sahen alle gleich aus. Mit klopfendem Herzen gestand ich mir ein, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich mich befand. Wieder blieb ich stehen. Falls ich mich für den falschen Weg entschied, lief ich nicht nur Gefahr, mich zu verlaufen, sondern auch abzustürzen. Ich konnte natürlich hierbleiben und warten, bis der Nebel sich verzogen hatte, aber was, wenn er sich nicht auflöste? Wenn es dunkel wurde, während ich darauf wartete? Dass ich den Weg dann fand, war ebenso ausgeschlossen. Zudem wurde es nachts in den Highlands empfindlich kalt. Es ließ sich nicht daran rütteln, ich steckte fest. Frustriert trat ich einen Stein aus dem Weg.
»Autsch!«, ertönte es irgendwo vor mir.
Ich zuckte zusammen, das Blut rauschte in meinen Ohren und mein Herz klopfte wie wild. Angestrengt starrte ich in den Nebel und machte erschrocken ein paar Schritte rückwärts, als nur einen Augenblick später eine Gestalt daraus auftauchte. Für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, einen Geist zu sehen, denn es war ein Mann in Highland Tracht. Er trug einen Kilt und ein weißes Jakobiten Hemd. Verblüfft betrachtete ich ihn genauer. Der Mann war groß, dunkelhaarig, äußerst attraktiv, hatte einen Dreitagebart und rieb sich den Arm. Wäre er mit einem Schwert ausgestattet gewesen, hätte ich an die Möglichkeit von Zeitreisen geglaubt.
»Sie hätten auch rufen können«, sagte er jetzt statt einer Begrüßung und der Zauber verflog. »Steine schmeißen ist ein bisschen infantil, finden Sie nicht?« Seine Stimme klang genervt.
Ich starrte ihn mit immer noch rasendem Herzen an. Das war eindeutig kein Geist und nach der teuren Armbanduhr zu urteilen, die er trug und die mir erst jetzt auffiel, auch kein Zeitreisender aus der Zeit der Jakobitenaufstände. Somit stellte sich die Frage, wieso er bei solch einem Wetter unterwegs war und was er von mir wollte.
»Ich habe ihn nicht geschmissen, sondern getreten«, stellte ich klar, um überhaupt etwas zu sagen.
»Schon mal über eine Fußballkarriere nachgedacht?«, erkundigte sich Mr Schottland und trat einen Schritt näher.
»Bis jetzt nicht, aber danke für den Tipp.« Ich achtete darauf, den Abstand zwischen mir und ihm aufrechtzuhalten, während ich mich gleichzeitig nach einer Waffe umsah. Nur für den Fall der Fälle.
»Was genau machen Sie hier oben?«, wollte mein Gegenüber wissen. Sein Blick glitt über das Midgesnetz und die Handschuhe, die ich trug, und blieb an meinen Wanderschuhen hängen.
Was für eine blöde Frage! »Ich übe Rückenschwimmen«, erklärte ich ihm freundlich. »Ohne Wasser fällt es leichter.«
Der Fremde grinste und zeigte dabei eine Reihe weißer, gepflegter Zähne. »Ich gebe zu, darauf wäre ich jetzt nicht gekommen. Sie sehen eher aus wie eine wildgewordene Imkerin auf der Suche nach einem verlorenen Schwarm. Ich bin übrigens Hamish MacGregor.«
»Sophie Meinhardt«, stellte ich mich vor und trat unauffällig einen Schritt näher an den Stein heran, den ich als Waffe auserkoren hatte. »Und wenn ich das Netz nicht benutze, fressen mich die Midges bei lebendigem Leib. Sie scheinen es auf mich abgesehen zu haben«, fügte ich hinzu und hätte ihm den Stein schon wegen der dusseligen Bemerkung gerne auf den Kopf gehauen. Als wenn ich nicht selbst wüsste, wie dämlich ich mit dem Netz aussah.
»Die Biester stehen auf Nichtschotten«, erklärte Hamish. »Sie haben süßeres Blut als wir.« Er sah mich prüfend an. »Sie sind die Schriftstellerin, die das Heather Hill Cottage gekauft hat«, stellte er fest.
»Und Sie im Vorteil, weil Sie wissen, wer ich bin, ich aber keine Ahnung habe, wer Sie sind«, gab ich zurück, machte einen weiteren Schritt und stand nun genau neben dem Stein.
Hamish sah mich ungläubig an. »Erstaunlich, dass mein Name keine Glocke zum Läuten bringt. Sonst weiß gleich jeder, wer ich bin. Ich wäre Ihnen übrigens dankbar, wenn Sie mich nicht mit dem Stein erschlügen, den Sie die ganze Zeit anvisieren.« Er schüttelte den Kopf und betrachtete mich mit hochgezogener Augenbraue. »Ihre Fixierung auf Gestein sollten Sie beizeiten untersuchen lassen. Bevor etwas Ernstes daraus wird.« Er reichte mir die Hand. »Kommen Sie, wir machen uns auf den Weg. Es gibt gemütlichere Orte als die Highlands im Nebel.«
Irritiert sah ich ihn an. Was bildete sich der Kerl ein? So umwerfend war er nun auch wieder nicht!
Seufzend ließ Hamish die Hand sinken. »Das kam wohl falsch rüber. Meinen Eltern gehört das Castle Hotel und wir sollten uns auf den Rückweg machen, bevor wir gar nichts mehr sehen. Da ich kein Seil dabeihabe und Sie nicht verlieren möchte, hilft nur Händchenhalten. Ohne jegliche romantische Bedeutung«, erklärte er mir geduldig.
Ich wurde rot. Natürlich, MacGregor. Er hatte recht, der Name hätte mir etwas sagen sollen. Schon allein, weil MacGregor senior vor Kurzem gestorben war. Das war also Hamish, sein Sohn, der nach Hause gekommen war, um das Hotel zu führen. Obwohl ich selten im Dorf war, hatte ich einiges über ihn aufgeschnappt. Das, was über seine Attraktivität gesagt wurde, stimmte. Hamish MacGregor war einen Kopf größer als ich und seine vollen, dunklen Haare sahen aus, als hätte er sie vor Kurzem gerauft, was ihm ein jungenhaftes Aussehen verlieh. Unter dem weißen Hemd zeichneten sich breite Schultern ab und in dem Kilt sah er einfach nur heiß aus. Ich fragte mich gerade, was er darunter trug, als er meine Gedanken unterbrach.
»Fertig mit der Musterung?«
Ich zuckte ertappt zusammen. »Fast. Mir fehlen nur noch die Schuhe.«
»Frauen und Schuhe!« Er verdrehte die Augen. »Wir sollten los.« Erneut streckte er mir die Hand entgegen.
Ich überlegte. Attraktiv oder nicht, jeder konnte behaupten, Hamish MacGregor zu sein. Auf der anderen Seite: Wenn er mir etwas tun wollte, hätte er es schon getan. Außerdem hatte ich keine Wahl. Ich reichte ihm die Hand und bekam einen Schlag.
»Statische Entladung«, sagte Hamish, aber sein Blick ruhte nachdenklich auf mir.
»Was sonst?«, erwiderte ich, doch mein Herz klopfte wie verrückt.
»Wahrscheinlich sind Sie der Grund. Ich sehe zwar nur einen Teil Ihres Haars, aber der sieht aus, als hätten Sie in eine Steckdose gefasst«, verkündete Hamish und setzte sich in Bewegung.
Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Seine Hand war warm und gab mir Halt. Trotzdem hätte er sich den blöden Spruch über meine Haare sparen können.
»Da Sie scheinbar Spaß daran haben, mein Aussehen zu beleidigen, sollten wir uns vielleicht duzen, dann wird es persönlicher.« Die Worte waren heraus, bevor ich es verhindern konnte. Verdammt, was war los mit mir? Das hatte ja geklungen, als wäre ich verletzt.
Hamish warf mir einen kurzen Seitenblick zu. »Ich wollte Sie nicht verletzen«, sagte er. »Ich habe nur das Offensichtliche kommentiert.«
»Ist klar. Lange nicht mehr mit einer Frau unterhalten, oder?« Ich sah ihn an, stolperte über eine Wurzel und verlor das Gleichgewicht. Ehe ich wusste, wie mir geschah, lag ich in seinen Armen. Ein angenehmer, männlicher Duft umfing mich, ich spürte seine Muskeln unter dem Hemd und mein Mund wurde trocken.
»Gut, dass ihr Hut rund ist, sonst hätte ich jetzt ein Auge weniger«, bemerkte er und stellte mich wieder auf die Füße.
Ich bedachte ihn mit einem bösen Blick.
»Was machen Sie eigentlich hier oben?«, erkundigte ich mich und nahm wieder seine Hand. Diesmal flogen keine Funken und obwohl es albern war, war ich ein bisschen enttäuscht. Schnell sprach ich weiter. »Ich meine, im Gegensatz zu mir müssen Sie doch schon bei miesem Wetter losgegangen sein.«
»Stimmt«, sagte er und setzte den Weg fort. »Doch im Gegensatz zu Ihnen kenne ich mich hier auch bei Nebel aus.«
»Dann erzählen Sie es mir halt nicht. Schönes Wetter heute, oder?«
Hamish schnaubte nur.
Schweigend gingen wir weiter. Nach einer Weile wusste sogar ich, wo ich mich befand, ließ seine Hand aber nicht los. Er war attraktiv, roch gut und die Wortgefechte mit ihm machten mir Spaß. Außerdem peppte er die Junggesellenauswahl des Dorfes deutlich auf. Ich überlegte gerade, wie ich ihn zu einem weiteren Treffen überreden konnte, als er das Schweigen brach.
»Ich verabschiede mich hier. Folgen Sie dem Weg. Er führt bis zu Ihrem Cottage.«
»Danke«, sagte ich und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. »Und was machen Sie? Schlagen Sie sich seitlich in die Büsche?«
Er verdrehte die Augen. »Sie haben den Orientierungssinn eines Brötchens. Ein paar hundert Meter weiter rechts befinden sich der öffentliche Parkplatz und mein Wagen. Mal im Ernst: Was halten Sie davon, wenn ich Sie bei Ihren nächsten Wanderungen begleite? Nur so lange, bis Sie sich besser auskennen?« Sein Blick ließ mich nicht los, ebenso wenig wie seine Hand.
Mein Pulsschlag beschleunigte sich. Läuft!
»Mein Orientierungssinn ist hervorragend und wenn nicht gerade Nebel herrscht, kenne ich mich auch aus«, hörte ich mich sagen und biss mir auf die Zunge. Was tat ich da? Er hatte mich wiedersehen wollen. Ich unterdrückte ein Stöhnen. Zumindest hielt er immer noch meine Hand.
Hamish seufzte. »Es mag Sie überraschen, aber es gibt noch andere Wanderwege, als den zum Stausee. Ich könnte sie Ihnen zeigen. Abwechslung macht das Leben interessant.«
Ich atmete erleichtert auf und unterdrückte ein Lächeln. Abwechslung, so, so.
»Wie könnte ich jemandem widerstehen, der mich so konsequent beleidigt?«, willigte ich ein. »Wann passt es Ihnen?«
Hamish grinste. »Ich bin Mittwochmorgen um sieben bei dir.« Er ließ meine Hand los.
»Morgens?«, fragte ich entsetzt, doch er hatte sich bereits umgedreht und marschierte davon.
2019 • Abwechslung
»Warum tue ich mir das an?«, murmelte ich und schlug auf den Alarmknopf des Weckers. Es war sechs Uhr früh und in einer Stunde würde Hamish MacGregor vor meiner Haustür stehen und mich zum Wandern abholen. Ich zog mir die Decke über den Kopf. Wer, bitte schön, kam auf so eine bescheuerte Zeit? »Er«, flüsterte eine Stimme in meinem Kopf und mir wurde warm. Hamishs sinnlicher Mund und die Funken, die schon alleine beim Händchenhalten geflogen waren, kamen mir in den Sinn und mein Puls beschleunigte sich, wie so oft in den letzten Tagen. Ich war die Gedanken an ihn nicht losgeworden, obwohl ich mich wirklich bemüht hatte, und schon das Wissen, dass ich ihn gleich wiedersehen würde, sandte ein Kribbeln durch meinen Körper und mein Magen zuckte.
»Ich habe Hunger, das sind keine Schmetterlinge«, sagte ich zu mir selbst. »Benimm dich nicht wie ein verliebter Teenager, sondern wie eine erwachsene Frau. Er ist ein erotischer Bringer, du willst mit ihm ins Bett und mehr nicht. Punkt.«
Doch um das zu erreichen, musste ich wohl oder übel aufstehen. Ich quälte mich aus dem Bett und schlurfte ins Bad. Von Mister Muh war nichts zu sehen. Selbst für meinen sonst so verfressenen Kater war es noch zu früh.
Als Hamish pünktlich um sieben Uhr klingelte, öffnete ich ihm mit einer Kaffeetasse in der Hand die Tür.
»Komm rein, der Kaffee ist gerade durchgelaufen«, sagte ich statt einer Begrüßung und musterte ihn unauffällig. Auch in normalen Klamotten machte er eine gute Figur.
»Auch dir einen wunderschönen guten Morgen«, erwiderte er gutgelaunt.
Ich verzog das Gesicht. »Um diese Uhrzeit kann er gar nicht wunderschön sein.« Ich trat zur Seite, um ihm Platz zu machen. Himmel, roch der Mann gut!
Hamish grinste, streifte die Schuhe ab und folgte mir in die Küche.
»Gefällt mir, was du aus dem Erdgeschoss gemacht hast«, sagte er, nachdem er sich interessiert umgesehen hatte.
Ich sah ihn überrascht an. »Du warst schon mal hier?«
Hamish zuckte mit den Schultern. »Ist lange her.«
Ich überlegte, ob ich nachhaken sollte, entschied mich aber dagegen. Um diese Zeit hatte ich weder die Energie noch die Lust, ihm die Würmer aus der Nase zu ziehen. Stattdessen hob ich die Kaffeekanne in die Höhe und sah ihn fragend an.
Er schüttelte den Kopf. »Lass uns starten. Ich wollte dir heute den Einstieg zum verborgenen Tal zeigen, aber dafür brauchen wir Zeit und um zehn muss ich im Hotel sein. Vorzugsweise geduscht und umgezogen.«
»Was genau steht denn um zehn Uhr an?«, erkundigte ich mich, trank einen Schluck Kaffee, goss gleichzeitig den Rest aus der Kanne in den Thermobecher und verstaute diesen zusammen mit den geschmierten Broten, im Rucksack. Dann trank ich die Tasse leer und griff nach meinem Hut.
»Ein Morgenmeeting.« Hamish beäugte den Hut. »Ich hoffe, dass du den heute nicht brauchst. Der Scotish Midges Forecast sagt, die Zone, in der wir gleich wandern, ist fast frei von den kleinen Biestern.«
»Es gibt einen Wetterbericht für Midges?«, erkundigte ich mich verblüfft.
»Ja, und verschiedene Mittel, um sie in Schach zu halten.«
»Was du nicht sagst!« Ich öffnete eine Schublade. »Gibt es etwas, das ich noch nicht ausprobiert habe?«
Hamish trat neben mich, warf einen Blick auf das Sammelsurium an Fläschchen und Tiegeln und schüttelte den Kopf. »Wenn das alles nicht geholfen hat, bin ich ratlos.«
»Das eine oder andere hält die Viecher eine Weile von meinen Händen fern, aber ins Gesicht kann ich nichts schmieren, dafür ist alles zu aggressiv.« Ich zuckte mit den Schultern.
Er lächelte, trat einen Schritt näher und strich mir eine Locke aus dem Gesicht. Mein Herz machte einen Satz.
»Du hast die wunderschöne Alabasterhaut der Rothaarigen.« Er ließ die Hand sinken. »Wirst du eigentlich braun?«
Ich spürte, wie ich rot wurde. Seit mehreren Wochen saß ich, wann immer es möglich war, im Garten und nutzte jeden Sonnenstrahl und nun das. »Ich bin braun«, sagte ich mit Nachdruck.
»Wo?«, erkundigte er sich.
»Wollten wir nicht los?« Ich schnappte mir den Rucksack, stapfte zum Mudroom und zog die Wanderstiefel an.
»Im Ernst, das ist alles? Brauner wirds nicht?« Er folgte mir grinsend.
»Natürlich wird es das«, schnappte ich. »Wenn ich drei Wochen ununterbrochen unter südlicher Sonne liege und den Sonnenbrand der ersten Tage überlebe.«
»Nicht böse sein«, bat er. »Ich mag deine Haut und dein Haar.«
Er sah mir tief in die Augen und meine Atmung setzte kurzfristig aus. Verwirrt öffnete ich die Tür und trat in den Garten. Hamish schlüpfte wieder in seine Schuhe und folgte mir.
»Links herum«, sagte er und ging vor.
Als wir auf die Hauptstraße bogen, stießen wir fast mit einer großen Frau zusammen, die trotz ihrer ausladenden Hüften, mit Reiterhosen und Gummistiefeln bekleidet war und ihr Outfit mit einer zu eng sitzenden lilafarbenen Tweed Jacke gekrönt hatte.
»Guten Morgen, Mrs. Fraser«, grüßte Hamish und die Frau nickte, wobei sie mich von oben bis unten musterte.
»Sie kennen Frau Meinhardt?«, erkundigte er sich und sprach weiter, bevor sie die Chance hatte, zu antworten. »Wir wollen bis zum Einstieg zum verborgenen Tal wandern. Möchten Sie sich anschließen?«
Ich starrte ihn entsetzt an. So hatte ich mir das mit der Abwechslung nicht vorgestellt.
»Nein, junger Mann, möchte ich nicht«, entgegnete Mrs. Fraser trocken. »Aber Sie können mich nachher gerne auf einen Whisky einladen. Passen Sie auf, was Sie ihm erzählen«, wandte sie sich an mich. »Die MacGregors sind dafür bekannt, Informationen zu speichern und später als eigene Ideen auszugeben.« Sie nickte mir zu und marschierte davon, bevor ich etwas erwidern konnte.
»Was sollte das denn?«, erkundigte ich mich.
Er lachte. »Mrs. Fraser ist der festen Überzeugung, dass meine Urgroßmutter Eilidh MacGregor den Frasers das Rezept für unsere berühmte MacGregor Whisky Tart gestohlen hat. Eilidh war sehr gut mit Mrs. Frasers Großmutter Lea befreundet und die beiden haben, wie das zu der damaligen Zeit üblich war, viel Zeit in der Küche verbracht.«
»Das meinte ich nicht.« Ich sah ihn an. »Warum hast du sie aufgefordert, uns zu begleiten?«
Hamish erwiderte den Blick und ich wurde rot. Verflixt, hatte ich da gerade mit dem Zaunpfahl gewunken?
»Wir müssen da lang«, sagte er statt einer Antwort und zeigte auf einen schmalen Trampelpfad, der zwischen Haselnusshecken verschwand. »Und wenn ich sie nicht eingeladen hätte, wären wir jetzt das Dorfgespräch. Früh am Morgen und alleine unterwegs und so. Außerdem sind ihre Verschwörungstheorien amüsant.« Er bog einen Zweig zur Seite und ließ mich vorangehen.
»Ich lag mit dem `seitlich in die Büsche Schlagen´, gar nicht so falsch«, bemerkte ich.
Hamish schnaubte und schloss zu mir auf, sobald der Pfad breiter wurde.
»Welche Verschwörungstheorien meinst du?«, versuchte ich das Gespräch in Gang und gleichzeitig auf ungefährliches Terrain zu bringen.
»Immer wenn etwas Ungewöhnliches geschieht, ist Mrs Fraser der Überzeugung, dass die Regierung oder ein Sabotageakt dahinter stecken. Erinnerst du dich an den Blitz, der vor ein paar Wochen über den Himmel gezuckt ist, ohne, dass es ein Gewitter gab? Für Mrs. Fraser war das kein stinknormales Wetterleuchten, sondern die Regierung, die die Highlands als Testgebiet für eine neue Waffe benutzt. Und als Beweis führt sie drei vertrocknete Rhododendronbüsche an, die angeblich vor dem Blitz in voller Blüte gestanden haben sollen.«
Ich grinste. »Ich als Autorin finde, das ist ein überzeugendes Argument und eine tolle Idee für meinen nächsten Roman.«
»Wenn das so ist, solltest du regelmäßig im Tea Room vorbeischauen«, schlug Hamish vor. »Du glaubst nicht, was du da an Material sammeln könntest.«
Wir erreichten einen Bach, dessen braunes Wasser sich gurgelnd und schäumend den Weg ins Tal und, wie ich vermutete, ins Loch bahnte. Im Bachbett verteilt lagen mehrere glitschig aussehende Steine. Hamish reichte mir die Hand.
»Wir müssen auf die andere Seite.« Er zeigte auf einen Pfad, der sich sanft, aber stetig ansteigend, durch Gras, Farn- und Heidekraut den Berg hinaufwand und schließlich, auf halber Höhe, hinter einer Steinformation verschwand.
Diesmal nahm ich die ausgestreckte Hand, ohne zu zögern, und spürte ein angenehmes Kribbeln, als seine Finger die meinen umschlossen. Ich sah zu ihm hoch, um herauszufinden, ob er es auch spürte, doch er hatte sich bereits umgedreht und einen Fuß auf den ersten Stein gesetzt. Ich beeilte mich, ihm zu folgen, und stand kurz darauf sicher und mit trockenen Füßen am anderen Ufer. Hamish ließ meine Hand los und setzte sich wieder in Bewegung.
»Was hast du gemacht, bevor du hierher zurückgekommen bist?«, erkundigte ich mich und beeilte mich, ihn einzuholen.
»Häuser und Einkaufszentren gebaut«, erklärte er. »Ich bin Architekt und habe eine Wohnung in Edinburgh.«
»Vermisst du es?«
»Jetzt nicht mehr so sehr, wie am Anfang, was mich wirklich überrascht. Ich wollte nämlich nur für kurze Zeit hierbleiben, aber die Dinge haben sich anders entwickelt, als geplant.«
»Tun sie das nicht meistens?« Ich atmete erleichtert auf. Er hatte nicht vor, sofort wieder zu verschwinden.
»Und was hat dich nach Schottland verschlagen?« Er warf mir einen Seitenblick zu.
»Schottland. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, hierher zu gehören. Mir blieb keine andere Wahl.«
Ich wappnete mich gegen einen dummen Spruch, doch Hamish nickte ernst.
»Ja«, sagte er. »Es gibt Orte und Menschen, da weiß man sofort, dass man an der richtigen Stelle ist. Es ist fast ein bisschen wie Magie.«
Eine Weile gingen wir schweigend. Meine Versuche, ihm ein paar persönliche Fragen zu stellen, hatte er ignoriert und mich beschlich das Gefühl, dass er es bereute, mich zu dieser Wanderung aufgefordert zu haben. Mit der Zeit wurde der Weg steiniger und das Reden unmöglich. Ich musste meine ganze Kraft darauf verwenden, weiterzugehen. Trotzdem war Hamish mehr als einmal gezwungen, mir dabei zu helfen, größere Steinbrocken zu überwinden. Mein Atem ging inzwischen keuchend und ich wusste, dass mein Körper mich mit einem fiesen Muskelkater strafen würde, wenn ich nicht bald zur Ruhe kam.
»Es ist nicht mehr weit«, sagte Hamish und ich fragte mich, ob er hellseherische Fähigkeiten hatte oder man mir so deutlich ansah, was ich fühlte und dachte.
»Das hoffe ich, denn ich breche gleich zusammen.« Ich schnitt eine Grimasse. »Was hat mich verraten?«
»Du meinst, abgesehen von deinem hochroten Gesicht und dem keuchenden Atem?«
»Charmant wie immer.« Ich steckte ihm die Zunge raus und musste über mich selbst lachen.
Hamish grinste. »Fünf Minuten und wir machen eine Pause«, versprach er.
Als wir die Felsformation erreichten, die wir bereits vom Bachbett aus gesehen hatten, und diese schließlich umrundeten, fand ich mich unvermittelt in einer anderen Welt wieder. Der Weg führte nun durch Laubbäume und Büsche, rechts von uns fiel der Berg steil ab und in der Ferne rauschte ein Wasserfall die Bergwand hinunter. Dort, wo die Sonnenstrahlen ihn trafen, zauberten sie einen Regenbogen in die Gischt. Ich warf einen vorsichtigen Blick nach unten. Auf dem Grund der Schlucht bahnte sich ein reißender Bach den Weg zwischen moosbedeckten Steinen und Felsen hindurch. Ich sah zu dem Wanderweg vor mir und schüttelte mich innerlich. Er war eng, felsig und stieg steil an. Manche Passagen wirkten, als wären sie nur auf allen vieren zu bewältigen und führten direkt am Abgrund vorbei.
»Es ist traumhaft schön hier, aber für mich endet der Weg an dieser Stelle«, sagte ich zu Hamish gewandt. »Ich bin nicht schwindelfrei und außerdem tut mir jetzt schon alles weh.«
»Das dachte ich mir«, sagte er, setzte den Rucksack ab und ließ sich auf einem Felsen nieder. »Und für mehr reicht die Zeit heute sowieso nicht. Aber hier geht die Wanderung eigentlich erst richtig los. Bis zum verborgenen Tal sind es noch etwa zwei Stunden.« Er holte eine Flasche Wasser aus seinem Rucksack und sah mich fragend an.
Ich schüttelte den Kopf, setzte mich neben ihn und nahm den Thermobecher und ein belegtes Brot aus dem meinen.
»Das Wetter ist traumhaft«, sagte ich und trank einen Schluck Kaffee.
»Und es soll auch so bleiben«, erklärte Hamish. »Für heute Nacht ist ein sternenklarer Himmel angesagt. Mit etwas Glück kann man die Milchstraße mit bloßem Auge sehen. Wenn du ein Fernglas hast, dann siehst du sie mit Sicherheit.«
»Habe ich leider nicht.« Ich zuckte mit den Schultern.
»Ich schlage dir einen Deal vor.« Er sah mich an. »Ich bringe ein Fernglas mit und du stiftest eine Flasche Wein. Dann schauen wir sie uns zusammen an.«
Plötzlich schlug mein Herz in einem Rhythmus, den ich lange nicht mehr gespürt hatte. Er wollte mit mir die Sterne ansehen. Wie romantisch war das denn, bitte?
»Einverstanden«, sagte ich und strahlte ihn an.
Eine gute Stunde später standen wir wieder vor meinem Cottage. Ich war am Ende, aber euphorisch, wenn ich an das abendliche Programm dachte.
»Du solltest ein heißes Bad nehmen, sonst kannst du dich in ein paar Stunden nicht mehr bewegen«, empfahl Hamish. »Ich bin gegen zehn Uhr bei dir, ist das okay?«
»Klar«, sagte ich und sah ihn erwartungsvoll an.
Hamish zögerte einen Moment, dann griff er vorsichtig in mein Haar. Ich atmete schneller, doch Hamish zog die Hand wieder zurück und reichte mir ein welkes Blatt.
»Ein Souvenir unserer ersten, gemeinsamen Wanderung«, sagte er und grinste. »Bis heute Abend, ich muss mich beeilen.« Er winkte mir noch einmal zu und verschwand, ohne sich umzudrehen.
Ich sah ihm verblüfft und frustriert hinterher. Als ich ins Cottage trat, maunzte Mister Muh herzzerreißend.
»Du hast recht, du armer Kerl.« Ich bückte mich, um ihn zu streicheln. Mit einem Stöhnen richtete ich mich auf halbem Wege wieder auf. Verdammt taten mir die Beine weh. Nachdem ich unter Schwierigkeiten den Napf des Katers aufgehoben, gefüllt und wieder auf das Regalbrett gestellt hatte, humpelte ich zur Treppe und stieg sie leise fluchend hinauf. Oben angekommen ließ ich Badewasser ein und ging im Geiste meinen Kleiderschrank durch. Was zog man an, wenn man sexy sein wollte, sich aber bei unter zehn Grad nachts im Freien aufhielt?
Als Hamish um zehn Uhr klingelte, war es mir schon fast egal, wie ich aussah. Ich hatte mich nach einem langen Vollbad zwar rasiert, gecremt und mir die Nägel lackiert, doch je weiter der Tag fortgeschritten war, desto stärker war der Muskelkater geworden. Inzwischen fühlte ich mich wie eine achtzigjährige Rheumatikerin mit zwei künstlichen Hüftgelenken, kurz nachdem sie ein Laster überrollt hatte. An Sex war überhaupt nicht zu denken. Leise fluchend und mich selbst bemitleidend hievte ich mich von der Couch und humpelte langsam zur Tür.
»Ich hasse dich«, sagte ich, sobald die Tür offen war und Hamish brach in schallendes Gelächter aus.
»So schlimm?«, fragte er, als er sich wieder beruhigt hatte, und sah mich mitfühlend an.
»Ich schlafe heute hier unten auf der Couch, denn ich bezweifle, dass ich die Treppe hinaufkomme.«
Er grinste. »Ich habe das Fernglas, wo ist der Wein?«
»Steht zusammen mit zwei Gläsern auf dem Tisch«, sagte ich. »Ich nehme nur noch eine Decke mit.«
»Gute Idee.« Hamish griff nach Flasche und Gläsern und ich jubilierte innerlich. Mit ihm unter einer Decke zu kuscheln war den Muskelkater fast wert. »Meine Decke habe ich draußen auf deiner Bank gelassen«, sagte er in diesem Moment. »Von da aus haben wir den besten Blick.«
Wenig später saßen wir, jeder in eine Decke gewickelt, nebeneinander auf der Bank vor dem Cottage. Hamish hatte mir das Fernglas gereicht und erklärte mir die Sterne.
Ich sollte ihn einfach küssen, um ihm zu zeigen, was ich will. Ich warf ihm einen schnellen Seitenblick zu, rührte mich aber nicht, sondern lauschte stattdessen seinen Erklärungen und betrachtete den Sternenhimmel. Nirgendwo leuchteten die Sterne so hell wie in Schottland.
»Dir ist kalt«, stellte Hamish nach einer Weile fest. »Du zitterst so, dass die Bank vibriert und meine Zähne auch schon klappern. Wir sollten es für heute gut sein lassen.« Er schälte sich aus seiner Decke und half mir auf die Beine. Ganz dicht stand er vor mir. Er legte mir die Hände auf die Arme und ich schloss die Augen. Ein paar Sekunden später öffnete ich sie wieder, denn Hamish rubbelte mich mit meiner Decke ab, um mich aufzuwärmen.
»Besser?«, fragte er mit einem Lächeln.
Ich sah ihn sprachlos an, löste mich von ihm und humpelte zur Tür.
»Ich gehe jetzt schlafen«, verkündete ich. »Wo auch immer.«
Hamish lachte und folgte mir zur Tür.
»Wandern, nächsten Mittwoch um die gleiche Zeit?«, erkundigte er sich.
Obwohl ich ihn am liebsten getreten hätte, nickte ich. So schnell gab ich nicht auf.
2019 • Muskelkater und Whisky
Was mich am nächsten Morgen weckte, waren keine Gedanken, sondern der Muskelkater. Nachdem Hamish gegangen war, hatte ich mich langsam die Treppen hinaufgequält, war nach einer Katzenwäsche ins Bett gefallen und hatte, dank einer Schmerztablette, zumindest ein paar Stunden lang geschlafen. Aber ewig hielt die Wirkung von einer Tablette auch nicht an. Stöhnend und ohne die Augen zu öffnen, suchte ich mir eine bequemere Position. Dabei fiel mir ein, wie ich vor Hamish gestanden und darauf gewartet hatte, dass er mich küsste. Ging es noch peinlicher? Ich schüttelte den Kopf über mich selbst. Was war nur mit mir los? Warum hatte ich nicht einfach ihn geküsst? Bei Hamish verhielt ich mich vollkommen anormal. Das musste ich ändern. Ab jetzt würde ich bewusst mit ihm flirten und klare Zeichen setzen. Es wäre doch gelacht, wenn ich ihn nicht bekäme. Nicht zu wissen, wie es war, ihn zu küssen und in seinen Armen zu liegen, machte mich verrückt. Ob das Kribbeln, das ich jedes Mal spürte, wenn er meine Hand nahm, sich dann auf den ganzen Körper übertragen würde? Es wurde Zeit, dass ich es herausfand. Voller Elan schlug ich die Decke zurück, schwang ein Bein aus dem Bett, zuckte zusammen und stöhnte. Aber nicht heute. Wie eine alte Frau durch die Gegend zu schleichen war eher ein Abturner als ein Anturner. Ich schnappte nach Luft. Das war es! Deshalb hatte er sich gestern so verhalten, es lag gar nicht an meinem traurigen Versuch, von ihm geküsste zu werden. Nun, Mr `ich rubbele dich mit deiner Decke warm´, Sie werden sich noch wundern. Ich kann auch anders. Ich kletterte langsam aus dem Bett, schlüpfte in meinen Bademantel und beschloss, den Tag im Pyjama zu verbringen.
Zwei Tage später war ich fast die Alte. Meine Beine waren zwar immer noch sauer auf mich, aber sie taten wieder, was ich wollte. Außerdem zickten die Protagonisten meines Manuskripts herum, standen mit verschränkten Armen da und weigerten sich, mit mir zu reden oder gar etwas zur Handlung des Buches beizutragen. Es wurde Zeit, das Cottage zu verlassen und die Inspiration an anderer Stelle zu suchen. Mrs Frasers Verschwörungstheorien kamen mir in den Sinn. Der Tea Room des Castle Hotels, das war es. Außerdem bestand die durchaus realistische Möglichkeit, dort Hamish in die Arme zu laufen. Mit äußerster Sorgfalt schminkte ich mich und verbrachte eine Menge Zeit mit der Auswahl meiner Kleidung. Bis jetzt hatte Hamish mich nur in Sportbekleidung gesehen. Es wurde Zeit, ihm zu zeigen, dass ich auch Röcke und Schuhe mit Absätzen besaß. Nach einem Blick in den Spiegel lächelte ich befriedigt. Ich hatte zwar keine Modelfigur, aber Rundungen an den richtigen Stellen und meine Taille war schlank genug, um den breiten Gürtel zur Geltung zu bringen. Mit den Schuhen in der Hand, denn ich wollte meine Beine nicht schon jetzt überstrapazieren, ging ich die Treppen hinunter in den Wohnraum. Mister Muh sah von der Couch auf, die er sich zum Schlummern ausgesucht hatte.
»Drück mir die Pfoten, Kleinster«, sagte ich, ging zu ihm und kraulte ihm das Köpfchen. »Ich weiß nicht, wann ich zurück bin, also mach keinen Unsinn.«
Beschwingt verließ ich das Haus. Heute war der Tag der Tage. Selbst das Wetter spielte mit. Es war sonnig und für schottische Verhältnisse richtig warm. Trotzdem begann sich das Farnkraut bereits zu verfärben, der Herbst war nah. Bald würde die Heide anfangen zu blühen und die Berge in ein lila Kleid hüllen. Ich stieg in meinen Wagen, drehte die Musik lauter und fuhr zum Castle Hotel. Je näher ich dem mit Zinnen und Erkern versehenen Gebäude aus dem 18. Jahrhundert kam, desto nervöser wurde ich. Was, wenn ich mich irrte, wenn ich mir nur einbildete, dass Hamish sich zu mir hingezogen fühlte? Und überhaupt. Ich führte mich auf wie ein Teenager, der seinen Schwarm stalket. Fast hätte ich angehalten und den Wagen gewendet.
»Quatsch!«, schimpfte ich mit mir selbst. »Du ziehst das jetzt durch. Wenn er heute nicht aus dem Quark kommt, dann war es das. Dann kann er alleine durch die Highlands hecheln!«
Mit erhobenem Kopf und rasendem Herzen betrat ich wenig später das Hotel, begrüßte den Hausdiener und ließ mich von ihm zum Tea Room begleiten. Dieser hatte, seit ich das letzte Mal dort gewesen war, eine faszinierende Wandlung erfahren. Vor knapp zwei Jahren, als sich herausgestellt hatte, dass die Renovierungsarbeiten in meinem Cottage etwas länger dauern würden, als geplant, hatte ich zwei Wochen im Castle Hotel gewohnt. Damals war der Tea Room dunkel getafelt gewesen, mit Gardinen in den Clansfarben der MacGregor und roten Plüschsesseln, passend für ein Castle, aber nicht für das 21. Jahrhundert. Als ich ihn jetzt betrat, blieb ich mit offenem Mund im Türrahmen stehen. Die dunkle Holztäfelung der Wände war im oberen Bereich verschwunden und bedeckte nur noch den unteren Teil bis zu einer Höhe von etwa eineinhalb Metern. Alles, Wände und Holz, war Petrolblau. Die Ornamente des Kamins direkt gegenüber dem Eingang waren schwarz gestrichen, darunter befand sich ein heller Marmorrahmen. Der Rest des Kamins, hatte die Farbe der Wand. Rechts und links von ihm standen Holzbänke mit dicken Kissen, die goldgelbe und orange Ornamente hatten, davor runde, dunkle Holztische und goldgelbgepolsterte Stühle und Sessel. Ein wunderschöner alter Teppich lag unter einer der Sitzgruppen. Zwischen dem Kamin und der linken Bank stand eine Stehlampe mit hellgelbem Schirm, auf der anderen Seite der Bank führte die alte Tür mit dem Sprossenfestereinsatz zwar immer noch in die Bar des Hotels, doch sie und soweit ich sehen konnte auch die Bar selbst, waren farblich angepasst worden.
An der Wand über den Bänken und über dem Kamin hingen unzählige, unterschiedlich große, dunkle, eckige Holzrahmen neben- und sogar stückweise übereinander. Sie zeigten Fotos aus allen Epochen des Hotels. Die alten Tartangardinen waren verschwunden, dafür hingen nun goldgelbe vor den Fenstern auf der rechten Seite des Raums. Runde und eckige Tischen waren davor und auch im restlichen Raum verteilt. Manche aus Holz, andere mit Tischplatten aus dem gleichen Marmor, der sich auch am Kamin befand. Viele der Sessel und Stühle im Raum hatten statt der goldgelben eine Polsterung in einem gedeckten Orange. Lampenschirme in Farben der Polster hingen von der Decke. Der Raum wirkte urgemütlich, aber nicht mehr antiquiert. Es war deutlich, dass ein frischer, moderner Wind ins Castle Hotel eingezogen war. Das Einzige, was sich nicht verändert hatte, war der alte, dunkle Holzfußboden. Er knarrte immer noch, als ich endlich in den Raum trat. Bis auf einen Tisch waren alle anderen belegt, da ich zur Zeit der Nachmittagtees gekommen war. Außerdem befanden wir uns in einer der besten Reisesaisons, doch zwischen den Touristen, die alle eine Etagere vor sich auf dem Tisch stehen hatten, sah ich auch viele Einheimische. Als ich auf den leeren Tisch zusteuerte, nickte mir der eine oder andere zu. Ich erwiderte die Grüße mit einem Lächeln und setzte mich in einen der bequemen, orangen Sessel.
Und was jetzt?
»Was darf ich Ihnen bringen?«, erkundigte sich eine dralle Kellnerin mit ausgeprägtem schottischen Akzent. »Vielleicht einen Creme Tea?«
Scones mit Clotted Creme und Marmelade. Eine der leckersten Süßigkeiten, abgesehen von Shortbreads. Ich war kurz davor, zuzustimmen, als mir einfiel, warum ich hergekommen war. Bestimmt nicht, um mich von Hamish dabei erwischen zu lassen, wie ich in ein mit Creme und Marmelade beschmiertes Teilchen biss.
»Nur Tee«, sagte ich stattdessen und seufzte innerlich.
Während ich auf den Tee wartete, betrat eine Frau den Raum, die ich näher kannte. Wir hatten uns in der winzigen Bücherei des Ortes getroffen, in der sie arbeitete, und waren uns sofort sympathisch gewesen. Als ich bemerkte, wie sie sich suchend umsah, winkte ich ihr zu.
»Mrs Smith, wenn Sie möchten, setzen Sie sich gerne zu mir.«
Sie durchquerte lächelnd den Raum. »Nennen Sie mich Mabel«, bat sie und setzte sich. Im Gegensatz zu mir bestellte sie den kompletten Creme Tea und eine große Kanne Tee mit zwei Tassen.
Als die Bedienung die Scones brachte, bedauerte ich meinen Entschluss.
»Sie sollten ein Scone probieren, Sophie, sie sind herrlich«, sagte Mabel.
Bevor ich antworten konnte, stampfte Mrs. Fraser in den Raum und direkt auf uns zu.
»Na, wie war die Wanderung?«, wollte sie wissen und setzte sich ungefragt an unseren Tisch. Mabel schenkte ihr wortlos eine Tasse Tee ein. »Komme ich rechtzeitig zur Show?«, erkundigte sich Mrs Fraser und Mabel nickte lächelnd.
Verwirrt sah ich die beiden an. Keinen Wimpernschlag später rauschte eine Frau in den Raum. Bekleidet mit einer unvorteilhaften Hose, einem hellrosa Pullover und einem Twinsetjäckchen, das auf ihren Schultern lag.
»Es freut mich zu sehen, dass unsere Scones so gut bei ihnen ankommen«, flötete sie, sah mich, stutzte und warf mir aus unerfindlichen Gründen einen finsteren Blick zu.
»Wer ist das denn?«, erkundigte ich mich bei Mrs Fraser.
»Ihre Konkurrenz«, erwiderte sie trocken.
»Wieso?«, fragte ich verwirrt. »Schreibt sie auch Bücher?«
Mrs Fraser sah mich an, als wäre ich minderbemittelt und ich verstand.
»Ach so.« Ich schüttelte den Kopf. »So ist das nicht, zwischen Hamish und mir«, beeilte ich mich zu sagen. Auf keinem Fall wollte ich zum Klatschobjekt des Dorfes werden.
Mrs Fraser betrachtete mich skeptisch. »Sind Sie sicher? So wie er Sie angesehen hat?« Sie nahm einen Schluck Tee. »Hazel scheint Sie auf jeden Fall für eine Rivalin zu halten. Seit Sie mit Hamish wandern waren, gibt sie ganz schön Gas. Sie hat inzwischen sogar herausgefunden, wozu die Kosmetikindustrie den Lippenstift gedacht hat. Gestern waren ihre Lippen doch tatsächlich pink«, fügte sie bösartig hinzu und beschmierte ein Scone dick mit Creme und Marmelade.
»Sie war gestern schon hier?«, erkundigte ich mich unangenehm berührt.
In Mrs Frasers Augen glitzerte es wissend. »Sie ist täglich hier. Immer zur gleichen Zeit. Ihrem Vater gehört die größte Bäckerei im Umkreis und sie lässt es sich nicht nehmen, die Richtigkeit der Lieferungen ans Castle Hotel persönlich zu überprüfen und an der Verbesserung der Zusammenarbeit zu arbeiten.« Sie schnaubte belustigt. »Warten Sie, gleich sehen Sie, was ich meine.«
Mein Blick wanderte zu Hazel, die gerade auf die Bedienung einredete. Diese nickte ergeben und kehrte kurz darauf in Hamishs Begleitung zurück, der in seiner hellgrauen Anzughose und dem enganliegenden, weißen Oberhemd verboten gut aussah. Mein Herz fing an, wie wild zu klopfen und für einen kurzen Augenblick, hatte ich das Gefühl, als würden tatsächlich Schmetterlinge in meinem Magen herumflattern, aber das war natürlich albern. Ich hatte Hunger, das war alles. Ich hätte mir doch ein Scone nehmen sollen. Hamish sah sich flüchtig um und wollte sich gerade Hazel zuwenden, als sein Blick an mir hängen blieb. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht und er nickte mir zu. So unberührt wie möglich hob ich die Hand und winkte kurz.
»Jetzt geht’s los«, sagte Mrs Fraser, verschränkte die Arme und lehnte sich bequem zurück.
»Hamish, Darling«, zwitscherte Hazel mit hoher Stimme und legte die Hände auf seine Arme.
Mit offenem Mund beobachtete ich, wie sie ihm affektiert zwei Küsschen auf die Wangen hauchte. Zu meiner Genugtuung schien Hamish sich unwohl in seiner Haut zu fühlen. Ich grinste und er warf mir einen vernichtenden Blick zu.
»Auf dem Weg hierher sind mir ein paar einfach fantastische Frühstücksideen eingefallen«, fuhr Hazel fort.
»Gestern waren es welche für den Creme Tea«, sagte Mrs Fraser laut und ich hustete.
Hazel warf erst ihr und dann mir einen eisigen Blick zu und hängte sich bei Hamish ein. »Wollen wir sie kurz bei dir im Büro besprechen?«
»Natürlich«, sagte er freundlich. »Ich möchte nur gerne vorher jemanden begrüßen.« Er löste sich von ihr und kam auf mich zu. Sofort schlug mein Herz wieder schneller.
»Sophie, meine Damen«, sagte er, sobald er unseren Tisch erreicht hatte, und nickte Mrs Smith und Mrs Fraser zu. Dann wandte er sich an mich und nahm meine Hand. Sofort war das Kribbeln wieder da. »Ich freue mich, dass du es in den Tea Room geschafft hast. Was macht der Muskelkater?«
»Der wäre mir, wenn überhaupt, an anderen Stellen lieber gewesen«, lag mir auf der Zunge, aber da die beiden Mrs’s am Tisch saßen, konnte ich leider nicht so antworten, wie ich wollte. »Meine Treppenstufen und ich haben uns wieder lieb«, sagte ich stattdessen. »Allerdings würden meine Beine gerne wissen, was du für den nächsten Mittwoch planst.«
Hamish grinste, drückte kurz meine Hand und ließ sie dann los. Sofort hatte ich das Gefühl, einen wichtigen Körperteil verloren zu haben.
»Bleibst du noch ein Weilchen?« Hamish sah mir in die Augen und ich vergaß kurzfristig zu atmen. Wortlos nickte ich.
»Wenn du magst, lade ich dich nachher auf einen Drink ein, die Bar öffnet in einer Stunde.«
Zu gerne hätte ich jetzt Hazels Gesicht gesehen, doch Hamish versperrte mir die Sicht, aber zumindest hatte ich meine Stimme und Denkfähigkeit wiedergefunden.
»Alkohol am frühen Nachmittag. Ist das der Versuch zu beenden, was der Muskelkater nicht geschafft hat? Mich von den Füßen zu hauen?« Ich bedachte ihn mit einem strahlenden Lächeln.
»Man tut, was man kann«, erwiderte er lachend. »Also, was ist mit dem Drink?«
»Gerne.«
»Dann bin ich gleich wieder bei dir.« Er verabschiedete sich von den Mrs’s und ging hinüber zu Hazel, die mich giftig ansah und sich bei ihm unterhakte.
»Egal, was Sie behaupten, Sie sind Konkurrenz«, stellte Mrs Fraser klar und ich lächelte erfreut.
In der Zeit, die ich auf Hamish wartete, ließ ich mich doch zu einem Scone überreden und lauschte, während ich den himmlischen Geschmack von Clotted Creme und selbstgemachter Himbeermarmeladen genoss, den neusten Verschwörungstheorien von Mrs Fraser. Ich selbst hatte das Projekt Clotted Creme nur einmal in Angriff genommen und dann nie wieder. Man musste Schlagsahne mit einem Fettgehalt von 35% aufwärts in eine Auflaufform gießen, so dass der Boden mindestens zwei Zentimeter bedeckt war und das Ganze dann bei 80º Grad zwölf Stunden lang im vorgeheizten Backofen lassen. Danach wurde alles bei Zimmertemperatur abgekühlt und kam abgedeckt für nochmal zwölf Stunden in den Kühlschrank. Für Menschen ohne Geduld, wie mich, nichts, was man wiederholen wollte. Seitdem kaufte ich die Creme fertig aus dem Kühlregal.
Als Hamish kam, um mich abzuholen, hatte ich das beruhigende Gefühl, jeglichen Alkohol locker wegstecken zu können.
»Meine Damen, ich werde Ihnen Sophie jetzt entführen«, sagte er charmant und reichte mir die Hand, um mir aufzuhelfen. »Die Rechnung geht selbstverständlich auf mich.« Er gab der Bedienung ein Zeichen und diese nickte.
Hamish ließ mich vorgehen und legte mir leicht die Hand auf den Rücken. Die Stelle begann sofort zu kribbeln. Als hätte er es ebenfalls bemerkt, zog er die Hand zurück.
»Rock und Highheels stehen dir«, sagte er leise. »Aber in Sportsachen gefällst du mir auch.«
Bingo. Das fing doch super an. »Danke.« Ich schenkte ihm ein Lächeln und verkniff mir ein: »Du solltest mal sehen, was ich darunter trage.«
In der Bar, die jetzt wirklich in dem gleichen Stil des Tea Rooms gehalten war, steuerte Hamish den Tresen an und wir setzten uns auf die Hocker, die sich als erstaunlich bequem herausstellten. Der Barkeeper war sofort bei uns.
»Was möchtest du trinken? Einen Whisky?«, erkundigte sich Hamish.
Ich nickte. »Ich bin zwar keine Expertin, aber die der Destillerie Edradour schmecken mir«, sagte ich. »Wobei ihr die wahrscheinlich nicht habt, von wegen kleinste Destillerie Schottlands und so.«
»Also bitte.« Er zog die Augenbraue hoch. »Das hier ist das Castle Hotel. Selbstverständlich haben wir Whiskysorten dieser Destillerie. Die Dame nimmt einen Edradour Fairy Flag«, wandte er sich an den Barkeeper.
Mist, den kannte ich nicht. Ich hatte bisher nur den Zehnjährigen probiert.
»Mit Eis?«, erkundigte er sich bei mir.
»Himmel, nein. Pur!«
Hamish lächelte. »Ich nehme das Gleiche und bringen Sie uns bitte auch Mineralwasser dazu.«
Ich schlug die Beine übereinander, was meinen Rock ein Stück nach oben rutschen ließ, doch Hamish schien es nicht zu bemerken. »Was ihr aus dem Tea Room und der Bar gemacht habt, gefällt mir ausnehmend gut«, ließ ich ihn wissen.
»Das freut mich, ich werde es der Innenarchitektin ausrichten, wenn sie zurückkommt, denn im Frühjahr sind der Speiseraum und dann, hoffentlich, das Foyer an der Reihe.« Er reichte mir lächelnd eins der Whiskygläser, die der Barkeeper gerade gebracht hatte.
»Danke.« Ich nippte daran. Hm, lecker. »Warum wird das Foyer nur `hoffentlich´ renoviert?«, erkundigte ich mich dann und warf einen unauffälligen Blick auf seinen Oberkörper, der in dem schlichten Herrenhemd wesentlich besser zur Geltung kam, als in dem weitgeschnittenen, das er zu dem Kilt getragen hatte.
Hamish zog sein Glas zu sich hinüber, schwenkte es einmal und nahm einen Schluck. »Lass es mich so sagen: meine Mutter und ich haben einen etwas anderen Geschmack.«
»Ihr gefällt das neue Design des Tea Rooms nicht?«, fragte ich verblüfft und trank einen weiteren Schluck. Er rann mir die Kehle hinunter und wärmte meinen Magen.
Hamish schob ein Glas mit Mineralwasser zu mir. »Du musst noch fahren«, erinnerte er mich. »Doch, das Design gefällt ihr ausnehmend gut und auch das für den Speiseraum, aber beim Foyer teilen sich unsere Meinungen. Wie kommt es, dass du hier bist?«, wechselte er das Thema.
»Meine Protas haben gestreikt«, erklärte ich seufzend, trank brav ein paar Schlucke Wasser und fügte nach einem Blick auf seinen verwirrten Gesichtsausdruck hinzu: »Gähnende Leere im Hirn. Während ich frustriert auf den Bildschirm gestarrt habe, ist mir eingefallen, was du über Mrs Fraser und ihre Verschwörungstheorien gesagt hattest, und ich habe beschlossen, es zu versuchen.«
Hamish grinste. »Und, hat es was gebracht?«
»Allerdings! Sobald ich zuhause bin, setze ich mich sofort wieder vor den Computer.«
»Dann weißt du ja jetzt, wo du Inspiration findest, solltest du welche benötigen«, stellte er fest.
Ich nickte. »Was machst du eigentlich, wenn du nicht hier im Hotel bist?«, erkundigte ich mich.
»Momentan bin ich hier.« Sein Gesicht verschloss sich, doch damit kam er diesmal nicht durch. Heute würde er mir etwas über sich erzählen.
»Das ist mir klar.« Ich verdrehte die Augen. »Ich meine in Edinburgh. Hast du Gebäude entworfen, die ich kennen sollte?«
Er schüttelte den Kopf. »Wir sind keine Prestigeagentur. Wir haben ein paar Wohnhäuser entworfen und gebaut und den Umbau eines Einkaufscenters in Inverness unterstützt. Unser letztes Projekt hat uns zwar ein wenig mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt, weil wir eine Gemeindehalle für eine Kleinstadt entworfen und die Bauarbeiten überwacht haben, aber dann starb mein Vater und es blieb keine Zeit, an den Erfolg anzuknüpfen.«
»Wir?«, erkundigte ich mich und nahm noch einen Schluck Whisky.
»Meine Geschäftspartnerin und ich«, erklärte er.
»Geschäftspartnerin, aha.«
»Genau«, bemerkte er mit einem halben Lächeln. »Seit ein paar Monaten ist `Geschäfts´ ein fester Bestandteil des Wortes.«
»Vermisst du sie?«, erkundigte ich mich. »Die Architektur«, fügte ich hinzu, als ich sah, wie sich sein Gesicht erneut verschloss.
Er zögerte einen Moment. »Sehr. Doch jetzt genug von mir. Wie sieht es bei dir aus? Was hast du gemacht, bevor du nach Schottland gekommen bist?«
»Ich hatte einen stinknormalen Bürojob und in der Freizeit habe ich geschrieben«, sagte ich. »Irgendwann ist eins meiner Bücher ein Bestseller geworden und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Da habe ich beschlossen, meinen Traum, in Schottland zu leben und zu schreiben, wahr werden zu lassen.«
»Und es gab niemanden, dem es nicht gefiel, dass du Deutschland verlassen hast?«
Ich dachte kurz an Marc und mein Herz krampfte sich zusammen. Verdammt, mit der Geschichte sollte ich wirklich längst durch sein. Nein, er hatte nichts dagegen gehabt, dass ich nach Schottland gegangen war. Er war damals schon seit einigen Jahren mit der Frau verheiratet gewesen, mit der er mich, während unserer Beziehung, betrogen hatte.
Ich spürte Hamishs Blick auf mir ruhen und schüttelte den Kopf. »Nein, obwohl viele meiner Freunde nicht verstanden haben, dass ich ausgerechnet in das Land mit dem gefühlt schlechtesten Wetter Europas ziehen wollte. Sie wissen nicht, dass Schottland magisch ist, können die Energie, die Inspiration, die ich hier verspüre, nicht nachfühlen.«
Ich zuckte mit den Schultern und sah ihn an. Seine blauen Augen blickten interessiert. Er schien wirklich wissen zu wollen, was ich dachte. Ich wollte nach meinem Glas greifen, doch mein Blick blieb an seiner linken Hand hängen. Sie lag auf dem Tresen und so nah an meiner rechten, dass sich unsere Fingerspitzen fast berührten. Er hatte schöne Hände. Hände, von denen man sich berühren lassen wollte.
»Du musterst schon wieder«, sagte er neckend.
»Du hast schöne Hände.« Ich wurde rot und nahm einen großen Schluck Wasser.
Er schnaubte.
»Verrätst du mir jetzt, was du für Mittwoch planst?«, wechselte ich das Thema und sah ihn an.
Seine Augen funkelten und er grinste. »Nope. Lass dich überraschen.«
»Wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben. Aber an eins solltest du denken: Falls du mich am Mittwoch nicht nach Hause tragen möchtest, dann sollte die Strecke nicht zu anstrengend sein, denn mein Muskelkater ist noch nicht ganz weg.«
Hamish sah mich nachdenklich an. »Obwohl die Vorstellung, dich zu tragen, unter gewissen Voraussetzungen durchaus etwas hat, werde ich deinen Einwand berücksichtigen.«
»Was warst du noch mal, Anwalt?«, erkundigte ich mich, verdrehte die Augen, und versuchte mein wild schlagendes Herz zu ignorieren. Ob ihm wohl die gleichen Voraussetzungen durch den Kopf gingen wie mir gerade?
»Wenn es nach meinen Eltern gegangen wäre.« Er trank sein Glas mit einem Zug leer.
