Hiking Asia - Christine Thürmer - E-Book

Hiking Asia E-Book

Christine Thürmer

0,0
17,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Dreizehn Trails, drei Länder, ein Ziel: das echte Ostasien zu Fuß entdecken Wie viel Abenteuer passt in einen Wandertag? In Ostasien: eine ganze Menge! Rekordhitze, Schlangen, Erdrutsche und Taifune halten Christine Thürmer in Japan, Taiwan und Südkorea ordentlich auf Trab. Auf ihren dreizehn Trails stößt sie auf buddhistische Tempel und Shinto-Schreine von einzigartiger Schönheit, verspeist eine Überdosis Kimchi, zupft Blutegel von ihren Beinen und erlebt das schwerste Erdbeben in Taiwan seit 25 Jahren! Und sie findet Antworten auf Fragen wie: Warum wandern die Südkoreaner vermummt wie Bankräuber? Wie schläft es sich auf einer öffentlichen Hightech-Toilette? Weshalb wird zur Nudelsuppe eine Schere gereicht? Wie pilgern Buddhisten? Kultur, Natur und Geschichte auf Pilgerrouten, Küstenwanderwegen und Citytrails Einfühlsam erzählt sie von der Wanderung in Japan entlang der vom Tsunami 2011 zerstörten Küste, spricht mit Überlebenden und läuft im Abstand von lediglich vier Kilometern um den havarierten Reaktor herum. Im Südkorea erlebt sie auf überfüllten Trails mit perfekter Infrastruktur einen wahren Wanderhype, entdeckt aber auch zwischen Reisfeldern christliche Gedenkstätten. In Taiwan wandert sie durch stille Bambuswälder und begegnet sogar Wasserbüffeln und Makaken. Zum Mitfiebern, aber auch zum Selbst-Nachwandern Ein packender Reisebericht, nach dessen Lektüre man sofort selbst losziehen möchte – ehrlich, kenntnisreich und mit vielen praktischen Anregungen und Insider-Tipps zum Nachwandern.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:

www.malik.de

Wenn Ihnen dieses Buch gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »Hiking Asia« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.

Mit 88 Abbildungen und 13 Karten

© Piper Verlag GmbH, München 2026

Redaktion: Margret Trebbe-Plath

Covergestaltung: Birgit Kohlhaas, kohlhaas-buchgestaltung.de

Coverabbildung: Jimmy Beunardeau

Wegweiser-Icon: Freepik

Fotos: Christine Thürmer, außer anders angegeben

Karte: Marlise Kunkel, München

Litho: Lorenz & Zeller, Inning am Ammersee

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.

Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.

((Text bei Büchern mit inhaltsrelevanten Abbildungen und Alternativtexten))

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Karten von Ländern und Regionen

Prolog

Japan

Tōkai Shizen Hodō

Michinoku Coastal Trail

Taiwan

Zwischenspiel

Taipei Skyline Trail

Tamsui-Kavalan Trails

Raknus Selu Trail

Zwischenspiel

Südkorea

Jeju Olle Trail

Hallasan-Besteigung

Jirisan Dulle-gil

Seoul Trail

Seoul City Wall Trail

Japan

Tōkai Shizen Hodō

Kumano Kodō

Fukushima Coastal Trail

Weiterführende Information

Bildteil: Japan I

Tōkai Shizen Hodō

Michinoku Coastal Trail

Bildteil: Taiwan

Taipei Skyline Trail

Tamsui-Kavalan Trails

Raknus Selu Trail

Bildteil: Südkorea

Jeju Olle Trail

Hallasan-Besteigung

Jirisan Dulle-gil

Seoul Trail

Seoul City Wall Trail

Bildteil: Japan II

Tōkai Shizen Hodō II

Kumano Kodō

Fukushima Coastal Trail

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Literaturverzeichnis

Karten von Ländern und Regionen

Prolog

»Was willst du denn in Asien?«, fragt meine Freundin Felice am Tag vor meinem Abflug bei einem Telefonat. Ich hänge gerade meine frisch gewaschene Outdoorkleidung zum Trocknen auf einen Wäscheständer, der Rest meiner Trekkingausrüstung liegt schon auf dem Bett bereit, um verstaut zu werden.

»Wie meinst du das?«, erwidere ich verwirrt, schließlich habe ich ihr doch gerade ausführlich erklärt, welche beiden Trails ich in den nächsten zwei Monaten wandern möchte – und welche Schwierigkeiten ich befürchte. Denn ich begebe mich auf komplettes Neuland: Ich war noch nie zum Wandern in Asien, es gibt zu diesen Wegen kaum Informationen auf Englisch, und obendrein ist es jetzt, Ende August, eigentlich noch zu heiß. Außerdem frage ich mich, ob meine Kreditkarten in Japan wirklich akzeptiert werden, wo ich eine SIM-Karte für mein Handy herbekomme und wie ich mich überhaupt verständigen soll. Ach ja, und mein rechter Fuß tut mir aktuell auch noch weh …

»Du bist mittlerweile über 60 000 Kilometer gewandert in Amerika, Europa und Australien. Und du warst immer total begeistert. Was treibt dich denn jetzt plötzlich nach Asien, wo doch alles so verdammt schwierig werden wird? So jedenfalls hast du es mir in der letzten halben Stunde in blühenden Farben geschildert«, erklärt Felice, halb genervt und halb belustigt von meinem Gejammere.

»Ich bin wohl wie immer vor einer langen Tour ziemlich aufgeregt«, entschuldige ich mich kleinlaut. Obwohl ich nach zwanzigjähriger Outdoorlaufbahn derzeit wohl die meistgewanderte Frau der Welt bin, gehen mir vor jedem Aufbruch immer noch die Nerven durch.

»Das kenne ich ja schon«, bestätigt meine Wanderkollegin lachend, bohrt aber weiter: »Mal im Ernst: Warum dieses Jahr gerade Japan?«

»Der japanische Yen befindet sich aktuell auf einem historischen Tiefstand. Das Land ist für Europäer so günstig wie nie zuvor. Das kann ich mir doch nicht entgehen lassen«, antworte ich triumphierend und lege den letzten Socken auf den Wäscheständer.

»In Europa kannst du genauso preiswert wandern, aber ohne vierzehnstündigen Flug mit anschließendem Jetlag«, entkräftet meine Freundin die Erklärung und hakt noch einmal nach: »Der Devisenkurs ist sicher ein Argument, aber selbst für einen Sparfuchs wie dich nicht die wichtigste Motivation, oder? Was genau erwartest du von dieser Tour?«

Nachdenklich setze ich mich auf meinen Schreibtischstuhl. Sie hat recht, hinter jeder meiner Wanderungen steckte bislang immer eine Idee: Mal wollte ich auf einer anstrengenden Wildnisstrecke meine Grenzen austesten, mal mich bei guter Verpflegung in angenehmer Kulturlandschaft erholen. Ich bin schon auf den Spuren geschichtlicher Ereignisse gewandert oder wollte ein bestimmtes Ökosystem kennenlernen. Doch das Ziel dieser Reise wird mir erst jetzt so richtig klar: Dieses Mal erwarten mich ein ungewohntes Klima, mir fremde Religionen und Geschichte, ja sogar unvertraute Essgewohnheiten. All diese – und bestimmt noch viele weitere unvorhergesehene Faktoren – werden ganz massiv meine Erlebnisse auf diesen Trails beeinflussen. Ich weiß nur noch nicht, wie. Aber genau das will ich herausfinden: Wie wandert man in Ostasien?

»Ich möchte einmal eine komplett andere Wanderkultur erleben«, erkläre ich bestimmt – und ahne noch nicht, dass dieser Wunsch mehr in Erfüllung gehen wird, als mir lieb ist.

Japan

Tōkai Shizen Hodō

Oder wie ich tausend Kilometer von Tokio nach Osaka wandern will und stattdessen bei einer unerwarteten Entscheidung ankomme

26. August 2023 Sagamihara

»Nein!«, rufe ich erschrocken – aber da ist es schon zu spät. Der Topf mit der warmen Ramen-Suppe, den ich mir zum Essen bereitgestellt hatte, kippt von der Isomatte, und die dünnen weißen Nudeln verteilen sich auf dem Zeltboden vor mir.

»Verdammt!«, zische ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor und versuche mich aus meiner bequemen Seitenlage aufzurichten. Dabei bleibt die Schlafunterlage an meinem schweißnassen Körper kleben, und mein Abendessen verteilt sich jetzt auch noch darunter. Um vor Frust nicht laut loszuschreien, zwinge ich mich, ein paarmal tief durchzuatmen. Und tatsächlich hat der würzige Geruch der hochgewachsenen japanischen Zedern rund um mein Zelt erst mal eine beruhigende Wirkung auf mich.

Draußen regt sich kein Lüftchen, ich höre nur das laute Zirpen der Zikaden. Selbst jetzt nach Einbruch der Dunkelheit herrschen noch fast dreißig Grad, die schwüle Luft liegt wie ein Schmierfilm auf meiner Haut. Mein trockenes Schlafshirt, das ich erst vor einer halben Stunde angezogen habe, zeigt bereits Schweißflecken auf der Brust. Meine Beine sind nackt, denn es ist viel zu heiß für eine Hose oder gar einen Schlafsack. Ich greife zu meinem Baumwolltaschentuch und wische mir den Schweiß vom Gesicht.

Im Schein meiner Stirnlampe untersuche ich die Bescherung. Die Hälfte meines Abendessens befindet sich noch im Topf, der Rest der Suppe hat sich in einer Bodenvertiefung angesammelt. Glücklicherweise lagert meine durchgeschwitzte Wanderkleidung auf der anderen Seite meiner Isomatte und hat nichts abbekommen. Der Zeltboden ist zwar nicht klinisch rein, aber die ausgelaufene Suppe kann ich sicherlich noch essen. Hungrig kratze ich die Nudeln unter meiner Isomatte hervor und probiere einen Löffel davon.

»Geschmacklich einwandfrei«, attestiere ich mir selbst und muss fast schon wieder lachen. Wahrscheinlich können nur Langstreckenwanderer in solch einer Situation noch gierig essen. Nach ein paar weiteren Löffeln Suppe mit Dreckeinlage sind die Spuren des Unglücks fast komplett beseitigt. Ich schlürfe gerade meinen Topf leer, als ich im schwachen Licht der Stirnlampe eine winzige Bewegung wahrnehme. Da klettert doch tatsächlich ein Blutegel an der Zeltwand entlang! Wie ist der nur hier reingeraten?

Irritiert packe ich den dicken Egel zwischen Daumen und Zeigefinger, wo er sich bei jedem Hautkontakt sofort festsaugt und nur mühevoll wieder abziehen lässt. Durch Fingerschnippen kann ich ihn zusammen mit meinem leeren Kochtopf hinausbefördern.

Auf der Suche nach weiteren unwillkommenen Gästen lasse ich den Schein meiner Stirnlampe über den hinteren Teil des Zeltes gleiten – und traue meinen Augen nicht: Meine nagelneue Isomatte, meine Knöchel und Waden, alles ist blutverschmiert. Nach ein paar Schrecksekunden dämmert mir: Der Blutegel ist nicht etwa von draußen hereingekrochen. Nein, ich habe ihn – und vermutlich weitere Artgenossen – unwissentlich selbst hier reingeschleppt, nachdem er sich beim Wandern an mir festgebissen hat. Blutegel übertragen zwar keine Krankheiten, und die Bisse sind schmerzlos. Doch um munter drauflos saugen zu können, geben sie einen gerinnungshemmenden Stoff ab, sodass die Wunde stundenlang weiterblutet, selbst wenn sie vollgesogen wieder abgefallen sind.

Na prima! Mein Magen knurrt immer noch vor Hunger, mir tun nach einem anstrengenden Wandertag alle Knochen weh, der Schweiß tropft mir schon wieder vom Gesicht, meine Haut juckt wie verrückt von Insektenstichen, und noch dazu blute ich meine Isomatte voll, die ungeplant nach Nudelsuppe riecht. Ich muss mir selbst eingestehen: Auf diesem Weg klappt bisher absolut nichts so wie geplant …

Der Tōkai Shizen Hodō, auf Deutsch »Tokai-Naturweg« oder abgekürzt TSH, verläuft auf rund tausend Kilometern von Tokio nach Osaka durch eine Region, die auf Japanisch Tōkai genannt wird. Gestartet bin ich gestern am Takao, dem 599 Meter hohen Hausberg von Tokio und beliebtem Ausflugsziel für gestresste Großstädter und Touristen. Die S-Bahn hält direkt am Fuß des Berges, gleich zwei Seilbahnen fahren zum Gipfel, wo es jede Menge Tempel, Schreine, Imbissbuden und Souvenirläden gibt. Ich hatte daher bei der Planung gefolgert, dass dieser östliche Startpunkt des Trails ein einfacher Einstieg wäre, und gleich mal eine Zwanzig-Kilometer-Etappe für den ersten halben Tag angesetzt.

Doch kaum war ich am Bahnhof aus dem klimatisierten Zug gestiegen, haben mich Hitze und Luftfeuchtigkeit schlichtweg umgehauen. Aus den geplanten zwanzig Kilometern wurden jämmerliche acht, und dabei hatte ich noch verdammt viel Glück, in der bereits um 18 Uhr schnell hereinbrechenden Dämmerung einen passenden Zeltplatz im Wald zu finden. Am heutigen zweiten Tag dasselbe Problem: Statt der geplanten dreißig Kilometer habe ich wieder mal nur die Hälfte bis in diesen Wald bei Sagamihara geschafft – denn zur Hitze hatte sich noch ein Gewitter gesellt. Der Donner war so laut, dass ich mir die Ohren zuhalten musste, während der Regen den Weg in einen Sturzbach verwandelte und mich zwang, eine Stunde lang unter einem schützenden Felsvorsprung auszuharren.

»Die Wandersaison beginnt hier erst wieder Ende September«, hatten mich in Japan lebende Bekannte gewarnt, doch ich hielt mich nach über 60 000 Wanderkilometern für schlauer – und werde jetzt eines Besseren belehrt. Ich kann zwar nach mehreren Wüstentouren gut mit Hitze umgehen, doch ich habe schlichtweg die hohe Luftfeuchtigkeit unterschätzt. Die macht nicht nur das Wandern zu einer schweißtreibenden Angelegenheit, sondern verwandelt mein Zelt außerdem geradezu in eine Dampfsauna. Schweißperlen bahnen sich schon wieder den Weg über mein Gesicht, und ich bereue bitterlich, dass ich keinen Fächer mitgenommen habe. Als ich im Schein der Stirnlampe nach meinem Schweißtuch krame, entdecke ich den nächsten Blutegel – zwischen meinen Zehen, wo er sich gerade windend mit meinem Blut vollsaugt.

Ich habe da wohl noch mehr falsch eingeschätzt. Besorgt frage ich mich zum ersten Mal auf dieser Tour, ob der Tōkai Shizen Hodō wirklich eine so gute Idee war.

27. August 2023 Aone

Ratlos stehe ich vor den Regalen des Tante-Emma-Ladens in Aone, während mich die Besitzerin und eine Kundin diskret, aber neugierig aus den Augenwinkeln beobachten. Ich kann es ihnen nicht verdenken, denn in diesen winzigen Ort zwischen Tokio und dem Fuji verirren sich bestimmt nicht viele westliche Touristen. Da mir bei meinem unerwartet langsamen Tempo bald die Vorräte ausgehen werden, muss ich hier Proviant nachkaufen.

Als Wanderin habe ich in diesem schwierigen Gelände einen täglichen Bedarf von über 3000 Kalorien, den ich normalerweise mit viel Schokolade, Nüssen, Müsli und Tütengerichten decke. Schon bei meinem ersten Großeinkauf in einem Tokioter Supermarkt konnte ich diese Art von Lebensmitteln nur vereinzelt und zu exorbitanten Preisen finden, in diesem Dorfladen bin ich nun vollends aufgeschmissen.

Schokolade gibt es nur in Fünfzig-Gramm-Tafeln mit mehr Verpackung als Inhalt, aber bei dieser Hitze würde ja sowieso alles gleich schmelzen. Doch leider kann ich keine kalorienhaltigen Alternativen entdecken. Energieriegel, Trockenfrüchte, Nüsse? Alles Fehlanzeige! Es gibt weder wandertaugliche Snacks noch Müsli oder Haferflocken fürs Frühstück. Aus Verzweiflung lege ich zwei voluminöse, aber verräterisch leichte Schachteln Kekse in meinen Einkaufskorb, dazu zwei Packungen Nudelsuppe, die mir allerdings schon jetzt, nach drei Tagen, zum Hals raushängt.

Die Ladenglocke bimmelt, und ein älterer Mann schlurft herein. Kaum hat er mich entdeckt, redet er begeistert auf mich ein – leider auf Japanisch. Mein Vokabular umfasst jedoch nur etwa ein gutes Dutzend Wörter, sodass ich rein gar nichts verstehe.

»Doitsu-jin desu« (»Ich bin Deutsche«), unterbreche ich seinen Redeschwall und schicke einfach mal ein »Tōkai Shizen Hodō« hinterher.

»Sō desu ne!«, antworten nun alle drei nickend. Diese japanische Universalwendung kann alles heißen von »Oh, ist das so?« bis »Ich verstehe!«. Ich habe keine Ahnung, ob die drei älteren Herrschaften mich wirklich verstanden haben, aber zumindest folgen keine weiteren Fragen. Das Geschäft scheint das inoffizielle Gemeindezentrum zu sein, denn der Mann nimmt auf einem Klappstuhl Platz, sodass sich mir nun gleich sechs Augen in den Rücken bohren, als ich mich seufzend dem Kühlregal zuwende. Wenn ich schon keine vernünftige Trekkingnahrung finde, will ich wenigstens für die anstehende Mittagspause etwas Frisches mitnehmen.

Doch auch hier werde ich enttäuscht: Abgepackter roher Fisch, eingelegtes Gemüse und ein paar Tetrapaks mit Getränken sind alles, was ich finde. Aber halt! Aus der hintersten Ecke lacht mir eine Packung mit Desserts entgegen. Ich kann die japanische Beschriftung natürlich nicht lesen, doch bei dem wabbeligen beigen Pudding mit der dunkelbraunen Soße kann es sich nur um eine Art spanischen Flan handeln, also das perfekte Mittel gegen meine Unterzuckerung.

Die Ladenbesitzerin verabschiedet mich mit mindestens fünf »Arigato gozaimasu!« (»Danke schön!«), nachdem ich meine spärlichen Einkäufe eilig bezahlt habe und das Geschäft unter mehreren angedeuteten Verbeugungen verlasse. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich heute in Aone Stadtgespräch bin …

Glücklicherweise habe ich den Ort für meine Mittagspause schon ausgekundschaftet: eine große öffentliche Toilettenanlage am Dorfrand, wo es nicht nur Schatten, sondern auch einen Stromanschluss gibt. Kaum hängt mein Handy an der Steckdose, reiße ich die durchsichtige Folie von der Plastikverpackung ab, schiebe mir einen großen Happen Pudding in den Mund – und verziehe sofort das Gesicht. Denn das ist kein süßer, cremiger Flan mit Karamell, sondern wässriger Seidentofu mit Sojasoße! Ich könnte mich ohrfeigen, dass ich die Aufschrift im Laden nicht wie üblich per Übersetzungs-App geprüft habe. Drei getrennte Portionen dieser relativ geschmacklosen, wabbeligen Masse befinden sich in der Packung. Zwei davon kann ich enttäuscht hinunterwürgen, doch die dritte spüle ich angewidert in der Toilette runter. Als ich weiterwandere, ist zwar mein Handy wieder aufgeladen, aber mein Magen immer noch ziemlich leer.

Die restliche Tagesetappe ist leicht, denn anstatt auf der Trail-Hauptroute durch die Berge zu klettern, habe ich mich für eine tiefer gelegene Alternativstrecke entschieden. Entspannt laufe ich daher den ganzen Nachmittag auf einer alten Straße mit löchrigem Teerbelag immer entlang des Kanno, wo sich Campingplätze und Ferienhäuschen aneinanderreihen und farbenfrohe Werbeschilder Forellenfischer zeigen. An dem Fluss entdecke ich tatsächlich Dutzende von Anglern, doch auf der Straße sind kaum Fahrzeuge unterwegs, da sie nach wenigen Kilometern in einer Sackgasse an einer Bergschutzhütte endet – bei der ich abends hoffentlich ungestört mein Zelt aufschlagen kann. Immer wieder kontrolliere ich meinen Fortschritt auf GPS-Gerät und Armbanduhr. Ich will die Hütte unbedingt noch vor Sonnenuntergang erreichen. Kein Problem, denn in diesem einfachen Gelände komme ich flott in einem Tempo von vier Stundenkilometern voran, noch dazu mit schöner Aussicht auf den tosenden Fluss.

»Stopp!«, werde ich plötzlich aus meinen Gedanken gerissen. Zwei Männer fahren in einem weißen Kleintransporter wild gestikulierend im Schritttempo neben mir her. Aus den Angelruten auf der Rückbank, ihren Gummistiefeln und Overalls schließe ich, dass es sich um Angler handelt. Ich habe zwar keine Angst vor den beiden, doch es ist bereits 17:30 Uhr, in einer Stunde wird es dunkel und ich möchte mich bald diskret zum Zelten in die Büsche schlagen – und zwar ohne Zeugen. Hinter diesem Sichtschutz muss ich keine nächtliche Störung befürchten, weder durch überfreundliche Einheimische noch durch Förster auf Revierpatrouille oder gar Übeltäter mit bösen Absichten.

Ich zwinge mich zu einem Lächeln, presse ein »Konnichiwa!« (»Hallo!«) zwischen den Zähnen hervor – und laufe weiter.

Doch die beiden geben nicht auf. Das Auto hält nun direkt vor mir an, einer der Männer springt heraus und kreuzt die Unterarme vor der Brust. Ganz offensichtlich will er mir mit diesem Stoppzeichen sagen, dass irgendetwas verboten oder gesperrt ist. Doch was? Die Straße vielleicht? Ich weiß, dass sie in einer Sackgasse endet, aber ich werde danach sowieso auf einem Wanderweg weitergehen. Oder ist der Trail unpassierbar? Ich zücke mein Handy, um mit einer Übersetzungs-App Licht ins Dunkel zu bringen – aber ausgerechnet hier habe ich keinen Empfang.

Ich probiere meinen Standardsatz: »Doitsu-jin desu, Tōkai Shizen Hodō!« Leider ernte ich damit nur erneut einen Schwall unverständlicher Worte. Ich lächle eisern weiter, sage ein Dutzend Mal »Arigato!« – und setze meinen Weg fort. Denn egal, was nun gesperrt ist: Ich brauche bald einen Zeltplatz.

Die beiden Herren steigen in ihr Auto und fahren davon, nur um ein paar Hundert Meter weiter abermals auf mich zu warten. Jetzt halten sie mir ein Handy entgegen. Auf dem Display sehe ich noch einen Japaner, ganz offensichtlich einen Bekannten der beiden, der nun per Videotelefonie auf mich einredet. »Turn around! It is dangerous!«, radebrecht er aufgrund des schlechten Empfangs abgehackt auf dem grob verpixelten Bildschirm, während seine beiden Freunde vor Ort zustimmend nicken. Erst als sie mit ihren Händen Schlafgesten formen, dämmert es mir langsam: Sie wollen mir erklären, dass die Berghütte am Ende der Straße geschlossen ist! Doch das betrifft mich als Wildzelterin ja gar nicht.

»Camping!«, erkläre ich daher mehrfach in verschiedenen Stimmlagen und Betonungen, doch die beiden verstehen mich erst, als ich ihnen auf meinem Handy ein Foto meines Zeltes zeige.

»Sō desu ne!«, nicken sie endlich und fahren nach mehreren Verbeugungen auf beiden Seiten mit ihrem Auto davon. Ich habe keine Ahnung, ob sie mich – und ich sie – richtig verstanden habe.

Als ich gerade noch rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit an der Berghütte ankomme und mein Lager aufbaue, ist der riesige Holzbau tatsächlich geschlossen. Doch in den nächsten Tagen wird mir klar, dass die beiden besorgten Japaner mit ihren Warnungen noch in anderer Hinsicht völlig recht hatten.

29. August 2023 Komotsurushi

Platsch, ertönt es leise, und ich schaue mich erstaunt um. Durch das Fenster ist ein wolkenloser blauer Himmel zu sehen, es regnet also ganz bestimmt nicht.

Platsch, macht es da schon wieder, und jetzt richte ich mich neugierig von der Holzplattform auf, wo ich mich gerade erschöpft nach dem anstrengenden Aufstieg ausgestreckt hatte. Die Hütte auf dem Gipfel des Komotsurushi hat nach allen Seiten riesige Fenster, durch die das Licht der Mittagssonne auf den blitzsauberen, hellen Fliesenboden fällt; vor einem Holztisch stehen Sitzhocker aus Baumstämmen.

Platsch, vernehme ich das leise Geräusch zum dritten Mal – und da erst dämmert mir, was da tropft: mein eigener Schweiß! Gleich nach der Ankunft hatte ich mein nass geschwitztes Wanderhemd zum Trocknen an ein Fenster gehängt. Mittlerweile hat sich darunter auf dem Boden eine kleine Schweißpfütze gebildet …

Stöhnend lasse ich mich wieder auf die Holzplattform sinken. Ich habe auf meinen Wanderungen ja schon viel geschwitzt, aber Japan stellt in dieser Hinsicht alles in den Schatten. Hier ist es so schwül, dass meine Brille beim Aufstieg ständig beschlagen war und ich kaum etwas erkennen konnte. Weil ich keine einzige trockene Faser mehr am Leib hatte, konnte ich sie nicht mal abwischen. Bei jeder Pause tropfte mir der Schweiß aus den Hemdsärmeln und sogar aus der Hose. Und als ich dieses Elend fotografieren wollte, reagierte der Touchscreen meines Handys nicht mehr auf meine nassen Hände.

Leider macht mir nicht nur die Luftfeuchtigkeit das Leben schwer, sondern auch das Gelände. Japan ist eigentlich ein Gebirge, das sich aus dem Meer erhebt. Drei Viertel des Landes sind so stark geneigt, dass sie weder landwirtschaftlich noch als Siedlungsfläche nutzbar sind. Daher sind auch siebzig Prozent der Fläche Japans bewaldet, im Vergleich zu gerade mal einem Drittel in Deutschland, Österreich und der Schweiz! Die Siedlungsmöglichkeiten beschränken sich hier auf wenige große Ebenen, die Küstenstreifen und die Bergtäler.

Für mich als Wanderin bedeutet das eine brutale Achterbahnfahrt: Entweder quäle ich mich mithilfe von Stufen und Leitern fast vertikal einen Berg hoch, oder ich balanciere oben auf einem messerscharfen Grat, der rechts und links mehrere hundert Meter jäh abfällt. Und leider bin ich nicht komplett schwindelfrei.

Aus der Kombination von fast schon subtropischem Klima und steilem Gelände resultiert mein drittes Problem: die Erosion! Sintflutartige Regenfälle beschädigen besonders während der Regenzeit oder Taifunsaison die kunstvoll angelegten Pfade und spülen Treppenstufen, Brücken und Geländer oft einfach weg. Immerhin sind die Steilhänge dicht mit japanischen Zedern bewachsen, sodass ich bei einem Sturz wahrscheinlich schnell an einem Baum hängen bleiben würde. Dazu warnten auf den letzten Kilometern immer wieder Schilder vor Schäden am Weg. Ich wandere hier definitiv weit außerhalb meiner Komfortzone. Vielleicht wollten mich die beiden Angler ja davor warnen?

»Bist du dir sicher, dass du noch ganz klar im Kopf bist?«, fragte mich gestern meine Freundin Felice bei einem Telefonat, nachdem ich ihr meine schwierige Lage geschildert hatte.

»Ich bin doch nicht plemplem!«, antwortete ich empört, doch ich hatte sie gründlich missverstanden.

»Nein, ich meine das ernst«, erklärte sie mir ruhig. »Du bekommst seit Tagen zu wenig Kalorien, bist unterzuckert, dehydriert und leidest wahrscheinlich auch an Mineralstoffmangel. Das kann sich auf dein Entscheidungsvermögen auswirken.«

Gestern hatte ich ihre Bedenken noch als belanglos abgetan, doch mittlerweile bin ich ins Grübeln gekommen. Das Wandern in diesem Dampfsaunaklima ist so belastend für den Kreislauf, dass ich mit wackligen Knien und zittrigen Händen alle zwei Minuten eine kurze Verschnaufpause einlegen muss. Obwohl ich jede Menge Kalorien verbrenne, habe ich seit ein paar Tagen auf nichts Appetit und würge mein Essen lustlos herunter. Um den hohen Flüssigkeitsverlust auszugleichen, trinke ich täglich über fünf Liter Wasser – doch davon kommt unten kaum mehr was raus. Mein Urin ist dunkelbraun, ein deutliches Zeichen von Dehydration. Die weißen Salzränder an Kleidung und Rucksack weisen darauf hin, dass ich überproportional viele Mineralien verliere. Auch mein Jetlag ist nach einer Woche Aufenthalt immer noch nicht überstanden. Kurzum: Ich leide unter massiven Überlastungserscheinungen. Keine gute Voraussetzung für diesen Trailabschnitt, auf dem ich jeden Tag mehrfach potenziell lebensbedrohliche Stellen passieren muss. Während ich jetzt nachdenklich an die Decke der Holzhütte starre, fallen mir all die guten Ratschläge ein, die ich sonst anderen Wanderern gebe: »Wenn dir alles zu viel wird, dann schnell runter vom Trail und ab in ein Verwöhnprogramm!« Da endlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Ich brauche einfach einen Ruhetag!

Dank bestem Handyempfang habe ich innerhalb von dreißig Minuten eine passende Abstiegsroute zur nächsten Straße mit Busverbindung gefunden und eine Pension in der nahe gelegenen Stadt gebucht. Sofort hebt sich meine Laune – auch wenn bei der Umsetzung meines Plans dann nicht alles rund läuft. Beim Abstieg stoße ich auf einen komplett wegerodierten Hang, den ich nur mithilfe von behelfsmäßig aufgespannten Seilen und viel Gottvertrauen passieren kann. Endlich heil an der Straße angekommen, fährt mir der letzte Bus des Tages vor der Nase weg. Verzweifelt probiere ich es mit Trampen – und werde trotz meines ramponierten Aussehens innerhalb von zehn Minuten mitgenommen. Als ich mich schließlich abends frisch geduscht in meiner Pension auf dem Bett ausstrecke, merke ich: Mir hat genau diese Pause gefehlt!

30. August 2023 Yamanakako

»Die Schuhe sind in der blutsaugenden Maschine«, lese ich erstaunt auf dem Display des Smartphones meiner Pensionswirtin. Verwirrt schaue ich zum Schrank, in den ich gestern meine dreckigen Trailrunner gestellt habe, um die im Haus obligatorischen Slipper anzuziehen. Sie sind tatsächlich weg!

»Wait!«, erklärt die Vermieterin, während ich noch rätsle, was die Übersetzungs-App da verhackstückt hat. Zwei Minuten später kommt sie freudestrahlend mit meinen Schuhen zurück, die noch genauso schmutzig sind wie am Vortag. Sie waren über Nacht wohl in einem der in Japan beliebten Sterilisatoren, die mit UV-Strahlung Keime – und unangenehmen Geruch – beseitigen sollen. Bei meinen verschwitzten und verdreckten Exemplaren leider ein ziemlich schwieriges Unterfangen.

Gemeinsam treten wir vor die rustikale Pension im Fachwerk-Look, wo auf dem Parkplatz ein halbes Dutzend Fahrräder darauf wartet, von den Übernachtungsgästen ausgeliehen zu werden. Während ich die Räder auf platte Reifen und Sattelhöhe untersuche, ruft die Wirtin plötzlich: »Look!«

Erstaunt blicke ich auf und erkenne ein paar Hirsche, die gerade seelenruhig die Straße überqueren und im Wald verschwinden. Gesehen habe ich diese Muntjaks bisher noch nicht, aber fast jede Nacht in meinem Zelt gehört! Denn genau wie ihre europäischen Artgenossen warnen sie sich bei Überraschungen mit lautem Bellen.

Wir befinden uns am Yamanaka-See, einem der fünf Fuji-Seen im gleichnamigen Nationalpark, die vom Quellwasser des Vulkans gespeist werden. Der Ort Yamanakako ist eine beliebte Touristenattraktion. Idyllische Waldgrundstücke reihen sich mit Ferienhäusern und Pensionen aneinander. Mit dem Leihfahrrad will ich auf Sightseeingtour gehen – auch wenn die zur Verfügung stehenden Modelle nicht gerade hundert Prozent verkehrstüchtig sind. So muss ich vor Sonnenuntergang zurück sein, denn an keinem der Räder funktioniert die Lichtanlage. Die Wirtin drückt mir noch ein Zahlenschloss in die Hand, das ich wahrscheinlich mit meinem Schweizer Taschenmesser durchsägen könnte, aber die Diebstahlgefahr ist in diesem beschaulichen Touristenort wohl nicht allzu hoch.

Mit dem größten Rad strample ich los. Obwohl die Bremsen kaum funktionieren und ich beim Treten ständig mit den Knien an den Lenker stoße, könnte ich vor Freude jauchzen. Der tiefblaue Yamanaka-See, darauf Tretboote und Ausflugsdampfer in Schwanenform, die gut ausgebaute Strandpromenade voller Spaziergänger, die vielen gepflegten Rastplätze und Pavillons am Seeufer – all das versetzt mich in ausgelassene Urlaubsstimmung.

Ich starte mein Verwöhnprogramm mit dem Besuch eines traditionellen Restaurants, wobei traditionell bedeutet, dass es keine Stühle gibt. Brav ziehe ich also am Eingang meine Schuhe aus und danke insgeheim meiner Pensionswirtin, die mit Waschmaschine und Sterilisator dafür gesorgt hat, dass jetzt niemand von meinem hiker stink umfällt. In frisch gewaschenen Socken folge ich der Bedienung über Reisstrohmatten zu meinem Platz am Boden, das Essen wird auf niedrigen Tischen serviert. Schon beim Hinsetzen graut mir vor dem Moment, an dem ich hier trotz Muskelkater elegant wieder hochkommen muss. Ich kann auf der glatten Tatami-Unterlage auch keine bequeme Sitzposition finden, während neben mir eine mindestens achtzigjährige Dame mit perfekt untergeschlagenen Beinen ihre Mahlzeit genießt.

Ich bestelle die lokale Spezialität Hōtō, einen cremigen Gemüseeintopf mit breiten Nudeln, der in einem schweren gusseisernen Topf serviert wird. Kürbis, Lauch, Pilze, Frühlingszwiebeln – nach den immer gleichen Tütensuppen für mich ein kulinarischer Hochgenuss. Und nicht nur mir schmeckt es ausgezeichnet. An den anderen Tischen wird lautstark geschlürft, was mich zwar furchtbar irritiert, in Japan aber gesellschaftlich akzeptiert wird – zumindest bei Nudelsuppe. Denn Schlürfen veredelt den aromatischen Genuss und kühlt die heiße Speise auf eine bekömmliche Temperatur.

Neidisch beobachte ich die Familie am Nebentisch, die sich inklusive betagter Oma nun elegant in einem Schwung von den Strohmatten erhebt. Als ich mein üppiges Mahl beendet habe, tue ich es ihnen in einem unbeobachteten Moment gleich, was bei mir leider nur über den uneleganten Vierfüßlerstand klappt. Immerhin werfe ich dabei weder Tisch noch Geschirr um.

Ich sollte wohl mal wieder Pilates machen, denke ich zerknirscht, als ich zum Ausgang humple. Die Sportstunden müssen bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland warten, aber den Muskelkater kann ich gleich hier bekämpfen – und zwar in einem Onsen. So nennt man in Japan öffentliche Bäder, die von natürlichen heißen Quellen gespeist werden. Doch Onsen ist nicht nur ein Bad, sondern auch eine Lebenseinstellung, ja eine ganze Kultur. Ein Onsen besucht man zur Reinigung ebenso wie für die Geselligkeit, zur Entspannung und Heilung. Oder wie ein japanisches Sprichwort besagt: »Onsen heilt alles außer Liebeskummer.«

Ich schwinge mich wieder auf mein Leihfahrrad und stehe schon zehn Minuten später vor dem riesigen Gebäude des Benifuji no Yu. Dessen Thermalquelle ist stark alkalihaltig und laut Website daher besonders wirksam gegen Muskel- und Gelenkschmerzen, also genau das Richtige für eine lädierte Wanderin wie mich. Gleich am Eingang ziehe ich wieder meine Schuhe aus und deponiere sie in einer abschließbaren Box. Den ausgesprochen günstigen Eintrittspreis von gut 5 Euro entrichtet man eigentlich an einem Automaten, doch als Ausländerin bekomme ich eine Sonderbehandlung.

»First time Onsen?«, fragt mich ein junger Mitarbeiter in gebrochenem Englisch. Ich verneine, denn vor vielen Jahren habe ich bereits auf einer Japan-Radtour Erfahrungen mit den heißen Quellen sammeln können. Trotzdem bekomme ich ein fotokopiertes Merkblatt für Ausländer in die Hand gedrückt, in dem die Badbenutzung mit Zeichnungen erklärt wird.

»Tattoo?«, will er als Nächstes wissen. Wieder schüttle ich den Kopf und ernte ein erleichtertes Lächeln. Tätowierte Menschen werden mit der Yakuza, also der japanischen Mafia, in Verbindung gebracht. Wenn die Tätowierungen nicht mit Pflastern bedeckt werden können, wird dem Gast der Zutritt verweigert, was bei ausländischen Touristen oft auf Unverständnis stößt.

Auf Strümpfen laufe ich zur Frauenabteilung des Bades, das wie üblich nach Geschlechtern getrennt ist. Ich kann die Schriftzeichen an der Tür zwar nicht lesen, aber ich weiß: Roter Vorhang am Eingang steht für Frauen, blauer Vorhang für Männer.

Im Umkleideraum herrscht rege Betriebsamkeit. Während andere Besucherinnen sich die Haare föhnen oder Schönheitspflege betreiben, ziehe ich mich aus und deponiere meine Kleidung in einem Schließfach. Splitterfasernackt betrete ich jetzt mit einem kleinen Handtuch das Bad, wo ich zuerst die Waschstationen ansteuere. Niedrige Plastikhocker stehen vor je einem Wasserhahn mit Handbrause, daneben ein Dreierset aus Shampoo, Conditioner und Duschgel. Die einzelnen Waschplätze mit Spiegel sind durch hüfthohe Trennwände voneinander abgeteilt. Ächzend lasse ich mich auf einem der Hocker nieder und fange an, mich ausgiebig von oben bis unten zu schrubben, denn in das Thermalwasser darf man nur nach einer gründlichen Körperreinigung steigen.

Anschließend beginnt für mich der schönste Teil meines Ruhetages. Zwei Stunden lang entspanne ich mich in verschiedenen Becken, deren Temperatur von lauwarm bis heiß variiert. Es gibt Innen- und Außenpools, einen Whirlpool und sogar ein Schlafbecken mit bequemen Wasserliegen. Und das Beste daran: Meist habe ich beim Planschen sogar eine grandiose Aussicht auf den Fuji! Ich verlasse das Onsen klinisch sauber und radle in der Dämmerung tiefenentspannt zu meiner Pension zurück.

»Good day?«, fragt mich die Wirtin am nächsten Morgen, als sie ein liebevoll dekoriertes Frühstück vor mir hinstellt. »Very good day«, antworte ich und mache mich mit einem verzückten Lächeln über den gegrillten Lachs, Reis und die Misosuppe her.

In den nächsten Tagen zeigt mir der Tōkai Shizen Hodō zur Abwechslung sein schönstes Gesicht. In einem Halbkreis verläuft er durch flaches und technisch einfaches Gelände rund um den Fuji, immer wieder fantastische Blicke auf den 3776 Meter hohen Vulkan freigebend. Auf den ikonischen Berg selbst führt der Trail jedoch nicht, und ich möchte ihn aufgrund des Massenandrangs auch nicht bei einem Ausflug besteigen: Mehr als 200 000 Touristen verursachen in der gerade mal zweimonatigen Sommersaison dort sowieso schon genug Umweltprobleme.

Als ich eines Abends am Fuße des Fuji zelte, sehe ich in der Dunkelheit die Routen der Bergsteiger mit ihren starken Stirnlampen wie Ameisenstraßen an den Bergflanken flackern, die Lautsprecherdurchsagen der Seilbahn werden kilometerweit zu mir herübergeweht. Auf dem Tōkai Shizen Hodō rund um den Fuji hingegen bin ich fast immer allein unterwegs, ich habe bisher noch keinen einzigen anderen Langstreckenwanderer getroffen.

Ich laufe hier auf schmalen Landstraßen, Radwegen und erfreulich oft auf gut erschlossenen Pfaden durch den Fuji-Hakone-Izu-Nationalpark, vorbei an weiteren Vulkanseen; immer wieder gönne ich mir eine Hotelübernachtung. Ich bewundere Zen- und Blumengärten am Wegesrand, besichtige Höhlen aus Lavagestein, in denen selbst jetzt im Hochsommer noch Schneereste lagern, und besuche das Fujisan World Heritage Center in Fujinomiya. Das Besucherzentrum wurde anlässlich der Ernennung des Berges zum UNESCO-Weltkulturerbe errichtet und ist ein architektonisches Highlight. Das trichterförmige Gebäude ist mit Kanthölzern verkleidet und symbolisiert einen auf dem Kopf stehenden Fuji. Drinnen kann man den Berg dann über spiralförmige Treppen symbolisch besteigen, bevor man schließlich von der Aussichtsterrasse einen grandiosen Blick auf das Original bekommt. So macht das Wandern Spaß!

9. September 2023 Ushizuma

Gut gelaunt steige ich in dem kleinen Ort Ushizuma aus dem Bus. Aufgrund einer Taifunwarnung hatte ich einen ungeplanten Ruhetag in der Stadt Shizuoka eingelegt. Statt Wirbelsturm kam dann zwar nur Nieselregen, doch ich habe den Zivilisationsaufenthalt für einen Großeinkauf im Supermarkt genutzt und fühle mich nun sowohl körperlich als auch kulinarisch gut gewappnet für die nächste Etappe.

Der Himmel ist immer noch mit grauen Wolken verhangen, dichter Nebel verhüllt das satte Grün der bewaldeten Gipfel der Bergketten rechts und links des weiten Flusstals. Fast 500 Meter breit ist der Abe, der bei Shizuoka ins Meer mündet, doch normalerweise windet er sich nur in dünnen Flussarmen durch sein graues Kiesbett. Optisch komme ich mir vor wie im Herbst, aber die Temperaturen sind immer noch sommerlich tropisch.

Die Strecke ist mit Wegweisern gut markiert, an der Brücke entdecke ich sogar eine Informationstafel mit Landkarte. Und auf der kann ich keine potenziellen Probleme für die nächste Etappe ausmachen. Der Trail quert den Fluss auf einer langen Autobrücke und führt über kleine Sträßchen zwischen Bauernhäusern und Reisfeldern ein schmales Seitental hinauf, wo ich auf Naturpfaden eine Hügelkette überwinden muss. Auf zwei Kilometern geht es dabei 200 Höhenmeter hoch zu einem Pass und dann wieder 200 Höhenmeter auf der anderen Seite hinunter.

Kein Problem, denke ich, bis ich den Abzweig von der Straße erreiche. Ein Holzwegweiser mit Kilometerangaben zeigt eindeutig, dass ich hier abbiegen muss. Leider ist die Brücke über das Flüsschen weggespült und am Hang kann ich im dichten Gestrüpp keinerlei Pfad erkennen. Ich suche flussauf- und flussabwärts nach einem vernünftigen Weg – doch da ist nichts! Missmutig rutsche ich also die Uferböschung hinunter, furte das Flüsschen und schlage mir mit den Trekkingstöcken einen Weg durchs Gestrüpp. Als ich wenig später einen kleinen Bach erreiche, bin ich zunächst erleichtert. Rote Plastikbänder an den Bäumen zeigen mir, dass sich hier eigentlich ein Weg befinden sollte. Heftige Regenfälle haben den wohl weggespült, sodass ich jetzt direkt im Bachbett wandern muss. Ich steige über umgestürzte Baumstämme und balanciere über glitschige Steine, bis der Bach versiegt und ich einen Steilhang hochklettern muss.

Zur Sicherung des Weges wurden hier Holzplanken mit Pflöcken in die Erde gerammt, aber als ich auf einen dieser Stege trete, rutscht er unter mir weg – und ich ein paar Meter hinterher. Verzweifelt suche ich mit Händen und Füßen nach Halt, doch der Boden ist so locker, dass ich immer wieder abrutsche. Kaum habe ich mich aufgerichtet, gibt der Untergrund schon wieder nach. Seitwärts arbeite ich mich an freiliegenden Baumwurzeln auf allen vieren den Steilhang hinauf. Als ich endlich oben am Pass ankomme, ist meine frisch gewaschene Hose komplett verdreckt, meine Fingernägel haben dicke Trauerränder und ich muss Erdbrocken aus meinen Schuhen schütteln.

Abwärts kann es ja nur besser werden, denke ich, und tatsächlich geht es jetzt erst mal auf erkennbaren Wegen nach unten – bis ich auf ein Baum-Mikado von gigantischen Ausmaßen stoße. Hier muss ein Taifun gewütet haben, denn auf mehreren Hundert Metern liegen in einer Schlucht umgestürzte Bäume kreuz und quer, von Markierungen oder gar einem Weg keine Spur, obwohl der Trail laut Karte eindeutig hier hinunterführt.

Umdrehen!, sagt meine langjährige Erfahrung. Aber die gerade absolvierte Rutschpartie will ich jetzt nicht noch einmal in Gegenrichtung absolvieren. Außerdem habe ich mich auch schon in anderen Ländern durch so ein Windbruch-Chaos gekämpft. Also packe ich die hinderlichen Trekkingstöcke in meinen Rucksack und stürze mich in das Windholz. Den Unterschied zu meinen früheren Trails erkenne ich leider erst, als es zu spät ist. Bisher hatte ich es immer mit am Boden liegenden Bäumen zu tun, unter denen ich durchkriechen oder über die ich drüberklettern konnte. Jetzt robbe ich rittlings über freischwebende Stämme, die zwar noch halb im Boden verwurzelt sind, ansonsten in der Luft hängen. Während ich mir an abgebrochenen Ästen den Hosenboden aufreiße und die Arme zerkratze, bete ich, dass der bedenklich wippende Baum nicht ausgerechnet in diesem Moment nachgibt und mit mir in die Schlucht stürzt. Ich würde zwar nur etwa fünf Meter tief fallen, doch selbst das kann zu einer schweren Verletzung führen – und ich habe hier nicht den Hauch von Handyempfang.

Endlich hat die Schwebepartie ein Ende, denn ich erreiche den gegenüberliegenden Hang, der allerdings von umgestürzten Bäumen blockiert ist. Vorsichtig lasse ich mich von meinem Stamm gleiten, bis ich wieder Boden unter den Füßen spüre. Während ich mich mit beiden Händen weiter am Baum festhalte, taste ich mich vorsichtig mit den Beinen voran. Ich habe schon fast einen gangbaren Pfad am Steilhang erreicht, als sich plötzlich die Erde unter mir löst und in die Schlucht rauscht. Ich kann mich gerade noch am Baum hochziehen und den dünnen Stamm unter meine Achseln klemmen, doch meine Beine baumeln nun in der Luft. Ich starre fassungslos nach unten und muss mich zwingen, nicht in Panik zu verfallen.

»Du bist nicht in Lebensgefahr«, sage ich mir mantramäßig immer wieder vor, denn direkt unter mir wippt eine Baumkrone, die bei einem Absturz meinen Fall bremsen würde. Ich atme tief durch, dann hieve ich ein Bein über meinen Stamm. Als ich rittlings wieder darauf sitze, befreie ich meinen Rucksack, der an einem Ast festhängt. Nur ganz langsam kann ich mich nun vorwärtsrobben: noch drei Meter, noch zwei, noch einer – geschafft! Erleichtert springe ich auf den sicheren Weg.

Aus Angst vor weiteren Katastrophen gönne ich mir keine Ruhepause, sondern renne das Bachtal hinunter, bis ich endlich eine gut ausgebaute Forststraße erreiche. Erst jetzt fällt die Anspannung von mir ab und ich lasse mich mit wackligen Knien auf einen gefällten Baumstamm am Wegesrand sinken. Für gerade mal zwei Kilometer habe ich drei Stunden gebraucht! Als ich mir mit meinem Stofftaschentuch nun endlich Dreck und Schweiß vom Gesicht wischen will, greife ich ins Leere. Mein Schweißtuch ist bei der Kletterei genauso verloren gegangen wie eine meiner Wasserflaschen. Ich werde beides ganz bestimmt nicht suchen gehen …

Trotz der Sommerhitze ist mir kalt, mein Kreislauf ist im Keller und meine Hände zittern. Diese Aktion hätte ins Auge gehen können – und kein Warnschild, keine Information im Internet hatte mich auf diese Problemstelle hingewiesen. Unvorhergesehene Hindernisse gibt es auf jedem Trail und ich habe in meiner langjährigen Outdoorlaufbahn weiß Gott schon genug davon bewältigt. Aber eine derartige Häufung so vieler Gefahrenstellen in so kurzer Zeit habe ich selten erlebt. Will ich wirklich ausprobieren, wie lange das noch ohne Unfall gut geht?

Ich stütze meinen Kopf auf die Hände und denke zum ersten Mal ernsthaft darüber nach, diesen Trail abzubrechen. Doch seit Jahren predige ich anderen, dass man einen solchen Entschluss nicht im Affekt treffen soll. Da es jetzt schon nach 17 Uhr ist, brauche ich vor allem erst mal einen Zeltplatz. Ich vertage die Entscheidungsfindung auf den nächsten Ruhetag und schultere seufzend meinen Rucksack.

10. September 2023 Kuromata

Die Japaner sterben aus! Jedenfalls, wenn es bei der aktuellen Rate von 1,2 Geburten pro Frau bleibt, denn zum Bevölkerungserhalt müsste sie bei 2,1 liegen. Da es in Japan keine nennenswerte Einwanderung gibt, wird die Einwohnerzahl also von derzeit 124 Millionen bis zum Jahr 2050 auf etwa 100 Millionen schrumpfen. Bei meiner Wanderung merke ich diesen Geburtenrückgang besonders stark. Knapp zwei Drittel der Japaner leben auf gerade mal 3,3 Prozent der Landfläche, allein im Großraum Tokio 37 Millionen. Die Dörfer hingegen sterben, hier sehe ich fast nur noch alte Leute.

Diese dramatische Entwicklung hat für mich als Wanderin allerdings einen unerwartet positiven Nebeneffekt: Sie macht Wildzelten äußerst einfach! Aufgrund des extrem steilen Terrains ist es in den Bergen fast unmöglich, ein flaches Plätzchen für mein Zelt zu entdecken, in Dorfnähe werde ich allerdings fast immer fündig. In früheren Zeiten wurde nämlich das Gebiet rund um die Siedlungen bis hinauf in die Berghänge für die Landwirtschaft terrassiert. Weil auf diesem Gelände keine Maschinen eingesetzt werden können und der Anbau damit nicht mehr rentabel ist, sind die alten Steinterrassen mittlerweile mit Bambus und Gestrüpp überwuchert, bieten aber immer noch wunderbare Zeltplätze. Und da kein Bauer mehr vorbeikommt, schlafe ich hier völlig ungestört.

Ich mache mir also keine großen Sorgen, als ich mich kurz vor Sonnenuntergang dem Dörfchen Kuromata nähere. Ein Busfahrer wartet an der Haltestelle im Zentrum mit laufendem Motor auf Passagiere, doch in diesem verschlafenen Nest steigt niemand ein. Meine Uhr zeigt halb sechs, als er endlich losfährt und auf dem schmalen Sträßchen am Fluss verschwindet. Für mich ist es höchste Eisenbahn, mit der Zeltplatzsuche zu beginnen. Ich wandere die Hauptstraße entlang und beäuge alle abgehenden Seitenstraßen, laufe mal rechts und mal links ein paar Meter hoch Richtung Berge. Doch ohne Ergebnis! Ich lande entweder auf bebauten Privatgrundstücken oder in Sackgassen. Diese Berge sind selbst für den Terrassenfeldbau zu steil.

»Verflixt und zugenäht«, fluche ich, denn mittlerweile setzt die Dämmerung ein. Ich renne einen letzten schmalen Weg nach oben, der mich erst steil durch Bambuswald führt und dann an einem Friedhof ausspuckt. Fast überall in Japan ist Ackerland so rar, dass sich Gräber meistens an Steilhängen befinden – mit grandioser Aussicht für die Toten. Hier sind die Ruhestätten auf Terrassen angeordnet und mit Steinplatten abgedeckt, die vertikal aufragenden Grabsteine vermerken wie bei uns die Namen der Verstorbenen. Es gibt keine Friedhofsbepflanzung, nur vereinzelt sehe ich Vasen mit Blumen und abgebrannte Räucherstäbchen. Zwischen einigen Gräbern fände sich genug Platz für mein Zelt und Angst vor Geistern habe ich nicht. Doch kann ich hier wirklich übernachten? Nein, das wäre pietätlos, verwerfe ich den verführerischen Gedanken.

Sosehr ich die Umgebung auch absuche, ich sehe absolut kein flaches Stückchen Erde – außer direkt am Rand des Friedhofs, quasi in der letzten Reihe, wo jede Menge verrostete Bierdosen und Getränkeflaschen herumliegen. Angesichts der untergehenden Sonne folgere ich notgedrungen: Wo die Einheimischen ihren Abfall entsorgen, kann ich wohl auch zelten.

Mit nur noch halb schlechtem Gewissen baue ich in Windeseile mein Lager an der inoffiziellen Müllhalde auf und nehme mir vor, morgen vorsichtshalber bereits sofort bei Sonnenaufgang loszulaufen, um nicht etwa frühe Friedhofsbesucher zu erschrecken. Da nachts aber sicher niemand mehr vorbeikommt, sitze ich bei einbrechender Dunkelheit noch ein wenig im Freien und genieße den atemberaubenden Blick über die bergige Landschaft, wo sich gerade Nebelschwaden auf die Gipfel legen. Während die Straße im Tal nun völlig verwaist daliegt, sind im Dorf die ersten hellen Fenster zu sehen. Ich sinniere gerade darüber nach, wer hier wohl alles begraben liegt – als urplötzlich am Grab unter mir ein Licht aufflackert.

Unwillkürlich weiche ich zurück und halte vor Schreck die Luft an – bis mir endlich dämmert, dass kein Geist herumspukt, sondern gerade eine Zeitschaltuhr ein elektrisches Grablicht aktiviert hat. Erleichtert atme ich wieder aus, aber die Lust an der schönen Aussicht ist mir vergangen. Ich ziehe mich – mit immer noch wackligen Knien – in mein Zelt zurück.

Es fällt mir in dieser Nacht schwer einzuschlafen und das liegt nicht nur an der ungewöhnlichen Umgebung. Diese Wanderung wird immer mehr zur physischen und psychischen Belastungsprobe. Rund um meine Knöchel haben sich die Bissstellen der Blutegel entzündet. Die vielen nässenden Bläschen jucken unsäglich und wollen trotz desinfizierender Salbe einfach nicht heilen. Mit leichtem Schaudern denke ich an mein Abendessen vor drei Tagen zurück. Ich hatte vor dem Zelt gekocht und wollte gerade einen tiefen Schluck aus meiner Wasserflasche nehmen. Doch in der Dunkelheit hatte ich unter dem Schraubverschluss einen Blutegel übersehen, der sich bei Hautkontakt sofort in meiner Mundhöhle festbiss. Ich bin hart im Nehmen, aber den sich windenden, glitschigen Wurm zu packen und wieder aus der Schleimhaut herauszuziehen, war selbst für mich eine mentale Herausforderung.

Und dann die Mamushi-Schlangen, die zu den giftigsten des Landes zählen. Jedes Jahr werden in Japan bis zu 3000 Menschen gebissen und müssen im Krankenhaus behandelt werden, trotz Gegengift sterben davon durchschnittlich zehn Patienten. Fast jeden Tag liegt ein Exemplar vor mir auf dem Weg, einmal sogar auf meinem anvisierten Übernachtungsplatz. Ich entdeckte die Schlange erst, als ich bereits mein Zelt auspackte. Obwohl sie lautlos ins Unterholz davonglitt, stopfte ich alles wieder in den Rucksack und wanderte noch eine Viertelstunde weiter.

Mein größtes Problem ist jedoch der unberechenbare Zustand des Trails. Mal fliege ich stundenlang auf bequemen Asphaltstraßen dahin, mal hangele ich mich unter Todesangst über erosionsgeschädigte Hänge an Baumwurzeln entlang. Nachdem ich das Drama mit dem Baum-Mikado in den sozialen Medien gepostet hatte, hat mich ein in Japan lebender Wanderkollege kontaktiert: »Diesen Sommer hat es in Japan mehrere heftige Stürme gegeben, und du wanderst jetzt durch deren Verwüstung. Die Zedernplantagen entlang des Tōkai Shizen Hodō haben darunter besonders gelitten, und die Eigentümer hatten noch keine Zeit, das Chaos aus Windbruch und Erosion zu beseitigen – zumal durch Corona sowieso viel Forstarbeit liegen geblieben ist.«

Seine Nachricht erklärt zwar einerseits den schlechten Wegzustand, lässt andererseits aber wenig Hoffnung auf eine baldige Verbesserung der Lage zu. Ich bin es gewohnt, mich durch unangenehme Situationen durchzukämpfen. Doch sind die aktuellen Umstände wirklich nur unangenehm – oder schon lebensbedrohlich? Ist es ein Zeichen von Stärke, trotz aller Probleme weiterzumachen – oder pure Dummheit? Soll ich also weiterlaufen oder lieber auf einen anderen Trail wechseln?

Stundenlang wandern meine Gedanken im Kreis herum, ohne dass ich mich zu einer der beiden Varianten durchringen kann. Nur eines wird mir klar: Abzubrechen und nach Hause zu fahren ist für mich (noch) keine Option. Ich will mindestens den nächsten Ruhetag abwarten. Als ich am folgenden Morgen bereits bei Sonnenaufgang übermüdet ohne Frühstück loslaufe, ahne ich nicht, dass meine Entscheidung schon sehr bald – und sehr eindeutig – fallen wird.

12. September 2023 Takane

Wo bin ich?, frage ich mich verwirrt beim Aufwachen und greife instinktiv hinter mich, wo normalerweise im Zelt meine Brille und meine Stirnlampe liegen. Da ertaste ich nicht wie sonst Meshgewebe, sondern kalten Fliesenboden. Endlich dämmert mir: Ich liege zwar auf meiner Isomatte, aber nicht in meinem Zelt, sondern in einer öffentlichen Toilette. Eigentlich hatte ich gestern an einem Shinto-Schrein in der Nähe zelten wollen, doch es regnete in Strömen, und diese unglaublich saubere Toilettenanlage bot mir alles, was mein Wanderherz begehrt: ein Dach über dem Kopf, Wasser- und Stromanschluss, einen Holzhocker als Sitzgelegenheit, Aufhängemöglichkeiten für meine nassen Klamotten – und sogar ein eigenes Klo. Und da nachts sowieso niemand mehr vorbeikommt, habe ich meine Isomatte einfach neben dem Waschbecken ausgerollt und mir den Regen durchs Fenster angeschaut.

Gähnend richte ich mich auf und blicke auf die Uhr. Es ist kurz nach fünf, draußen dämmert es bereits. Japaner sind Frühaufsteher, und da ich niemanden vom Toilettengang abhalten möchte, packe ich hastig meine Sachen und fege sogar noch mit dem bereitliegenden Besen durch. Fertig! Jetzt kann man nicht mal mehr erahnen, dass ich hier übernachtet habe. Ich setze mich auf eine Holzbank vor dem Toilettenhäuschen und frühstücke in aller Ruhe mein Müsli, während die Sonne orangefarben über den dicht bewaldeten Bergen aufgeht. Regenwolken und Nebel sind verschwunden, ich kann in der Ferne sogar die Silhouette des Fuji erkennen. Die Zikaden haben bereits ihr rhythmisches Stakkato gestartet und ein paar Muntjaks bellen im Wald. Laut Karte muss ich heute nur den Takane hoch- und wieder hinuntersteigen, danach folgt eine lange Straßenetappe. Es verspricht, ein schöner Tag zu werden.

Um 6 Uhr schultere ich meinen Rucksack und passiere zunächst den großen Shinto-Schrein am Fuß des Berges. Gewaltige Zedern beschirmen das imposante Holzgebäude mit Pagodendach, am Brunnen nebendran kann ich noch mal frisches Quellwasser zapfen. Hier endet der schmale asphaltierte Fahrweg, ein Wegweiser mit dem Traillogo zeigt den Pfad zum 871 Meter hohen Gipfel. Glücklicherweise machen Treppenstufen aus Holz den Aufstieg einfach. Ich passiere eine Weggabelung und habe laut GPS-Gerät den Gipfel schon fast erreicht, als unerwartet ein weißes Flatterband den Pfad versperrt. Keuchend bleibe ich stehen und schaue mich suchend um. Kein Schild, kein handgeschriebener Zettel, wirklich nichts erklärt diese Sperrung. Ich kann keinerlei Forstarbeiten sehen oder hören; bis auf das Rauschen der Bäume im Wind ist es still. Da keine Umleitung markiert ist, hebe ich das Flatterband einfach an und marschiere weiter am Hang entlang. Tatsächlich sieht der Weg ganz normal aus, nur muss ich bald über einige tiefe Risse im Boden steigen. An mehreren Stellen klafft das Erdreich bis zu dreißig Zentimeter auseinander, die Wurzeln von Bäumen und Sträuchern liegen frei. Verwundert erreiche ich eine Biegung – und traue meinen Augen nicht: Dahinter sind der ganze Hang, der Weg, die Bäume – einfach nicht mehr da! Ein gewaltiger Erdrutsch muss alles weggerissen haben, denn der Weg endet in der Luft! Und dann wird mir schlagartig klar, dass die Risse im Boden vielleicht schon Vorboten eines weiteren Geländeabgangs sind … Fast schon panisch drehe ich auf dem Absatz um und renne zurück.

Erst hinter dem Absperrband auf einem kleinen Geländeplateau fühle ich mich wieder in Sicherheit. Was nun? Kann ich die Gefahrenstelle vielleicht irgendwie umgehen? Ich studiere eingehend die Karte auf meinem Handy und entdecke tatsächlich eine etwas tiefer gelegene Straße, die auf der anderen Seite um den Berg herumführt und danach den Tōkai Shizen Hodō wieder kreuzt. Ich eile zurück zur Weggabelung, nehme jetzt den anderen Pfad bergab, der zwar auf keiner Karte eingezeichnet ist, mich aber erfreulicherweise trotzdem zur anvisierten Straße führt. Hier war schon lange kein Auto mehr unterwegs. Ein paar vereinzelte Felsbrocken versperren die Durchfahrt, und in den Schlaglöchern wachsen bereits Blumen – für mich als Wanderin ist das alles kein Problem.

Die Straße windet sich um jede Bergfalte herum, verläuft aber völlig eben, sodass ich zügig vorankomme. Links von mir der steile Hang, rechts hinter den Leitplanken ein undurchdringlicher Dschungel aus Sträuchern, Bambus und Zedern. Die Kreuzung mit dem Trail kommt immer näher, und ich bin mir schon sicher, dass ich das Problem glücklich umschifft habe. Denn auf dieser gut erhaltenen Straße kann ja wohl nichts mehr schiefgehen. Doch leider habe ich mich zu früh gefreut.

Als ich wieder mal eine Bergfalte umrundet habe, werde ich abrupt gestoppt: Die Straße vor mir ist auf zwanzig Meter Länge unter einem Erdrutsch begraben. Der Hang ist einfach komplett abgebrochen, aus dem Geröll ragen sogar noch die mitgerissenen Bäume auf. Mein Ziel ist doch so nah! Trotzig beschließe ich, mich nicht aufhalten zu lassen. Das Erdreich ist zwar über zwei Meter hoch aufgeschüttet, aber da komme ich sicherlich irgendwie drüber.

Ohne viel nachzudenken, versuche ich auf das Geröll hochzuklettern – und rutsche auf dem losen Untergrund immer wieder ab. Mit Händen und Füßen kämpfe ich mich Stück für Stück voran und bin gerade oben angekommen, als die Krone eines der entwurzelten Bäume plötzlich bedenklich zu wippen beginnt – obwohl es völlig windstill ist. In dieser Sekunde setzt endlich mein Verstand ein: Durch meine Kraxelei störe ich das labile Gleichgewicht des abgegangenen Erdbodens, der sich dadurch womöglich erneut in Bewegung setzt – und mich mitreißen könnte? Tatsächlich löst sich genau in diesem Moment ein Gesteinsbrocken am Steilhang über mir und holpert langsam auf mich zu.

Hastig drehe ich mich um, stolpere und rutsche die Aufschüttung wieder hinunter, eine kleine Lawine loser Erde hinter mir herziehend. Als meine Füße endlich Asphalt berühren, atme ich erleichtert auf. Und zwar nicht nur, weil ich wieder sicheren Boden unter mir habe, sondern weil mein Entschluss feststeht: Das war es jetzt für mich mit dem Tōkai Shizen Hodō!

Erdrutsche werden vor allem durch Starkregen ausgelöst, denn das Wasser schwemmt die einzelnen Gesteinsschichten auseinander, die bei entsprechender Hangneigung abgehen. Da es in diesem Jahr deutlich mehr Stürme gab als sonst, würde ich bei meiner Wanderung immer wieder auf Windbruch, Erdrutsche oder sonstige Erosionsschäden stoßen – und das ist mir einfach zu riskant.

Leise rieselt hinter mir noch etwas Erde nach, dann ist es bis auf den üblichen Dschungelsound wieder still. Doch meine Entscheidung ist gefallen. Entschlossen klopfe ich mir den Dreck von der Hose, drehe mich um und laufe zurück zu meinem luxuriösen Übernachtungsplatz, wo ich auf meiner Frühstücksbank die nächsten Schritte recherchiere. Da ich sowieso vorhatte, nach diesem noch einen weiteren Trail zu wandern, muss ich den Plan nur vorziehen. Deshalb geht jetzt alles sehr schnell.

Ich marschiere zurück ins letzte Dorf, Kurata, wo mich nach ein paar Stunden Wartezeit ein Minibus nach Fujieda befördert, die nächste größere Stadt mit Hotel. Dank Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen erreiche ich schon 24 Stunden nach meiner Abbruchentscheidung Hachinohe, den Startpunkt des Michinoku Coastal Trails.

Michinoku Coastal Trail

Oder wie meine Gefühle zwischen Tsunami-Gedenkstätten, Seafood-Restaurants und heißen Quellen Achterbahn fahren

14. September 2023 Hashikami

Mit quietschenden Bremsen fährt der Bummelzug in den Bahnhof von Hashikami ein. Das zweisprachige Ortsschild bestätigt mir, was ich durch mein GPS-Gerät schon wusste: Hier muss ich für meine heutige Wanderetappe aussteigen. Auf diesem Tagesausflug gehe ich zwar zurück zum nördlichen Startpunkt in Hachinohe, generell will ich jedoch in südlicher Richtung laufen. Hier im Norden ist es nämlich schon angenehm kühl, während im Süden noch sommerliche Hitze herrscht. Mit einem Ruck kommt der Zug endgültig zum Stehen, ich warte bereits startklar an der Tür. Doch die geht nicht auf! Hektisch suche ich nach einem Türöffner, drücke irgendwelche Knöpfe – aber nichts passiert! Panisch renne ich zum nächsten Ausgang. Auch der ist und bleibt verriegelt, egal wie sehr ich den Drücker malträtiere.

Verzweifelt schaue ich mich in dem fast leeren Abteil um. Und tatsächlich: Da winkt mir eine Frau und weist mich in den ersten Waggon. Verwirrt eile ich nach vorne, wo aber ebenfalls alles verschlossen ist. Erst nach ein paar Schrecksekunden fällt mir auf, dass der Lokführer aus seinem Führerstand gekommen ist. Mit Dienstmütze, Uniform und weißen Handschuhen wartet er neben der ersten Tür auf mich – und die ist geöffnet!

Als ich zu ihm nach vorne haste, dämmert es mir endlich. In Japan erfolgt die Fahrkartenkontrolle in der Regel durch elektronische Schranken sowohl beim Betreten als auch beim Verlassen des Bahnsteigs. Hashikami hingegen ist lediglich eine winzige unbemannte Station, weswegen der Lokführer zusätzlich als Ticketverkäufer und -kontrolleur fungieren muss. Und damit niemand unbemerkt ein- und aussteigt, wird nur die Tür neben seiner Kabine geöffnet. Erleichtert halte ich ihm meine Fahrkarte hin, die ich bereits in Hachinohe am Automaten gekauft habe, und darf nun ungehindert nach draußen treten.

Das ging ja schon mal gut los, denke ich und sehe mich im Bahnhofsgebäude um, das eher einer großen Bushaltestelle ähnelt. An den Wänden hängen zahlreiche Plakate mit Aufschriften, von denen ich kein Wort verstehe, aber zumindest ist der Fahrplan auch in Englisch verfasst. Ich mache vorsorglich ein Foto für den Fall, dass ich mit dem Zug zurückfahren muss. Nach all den Problemen der letzten zwei Wochen bin ich vorsichtig geworden und habe meine Campingausrüstung im Hotel in Hachinohe zurückgelassen, um mir den neuen Küstenweg in Ruhe und mit leichtem Gepäck bei einem Tagesausflug anschauen zu können.

Der Michinoku Coastal Trail, oft zu MCT abgekürzt, verläuft auf gut tausend Kilometern entlang der Nordostküste der japanischen Hauptinsel Honshū zwischen den Orten Hachinohe im Norden und Sōma im Süden. Diese Region wird heute auf Japanisch Tōhoku genannt, war im Altertum aber als Michinoku bekannt, was übersetzt »Ende der Straße« heißt. Obwohl es mittlerweile zwar jede Menge Straßen (und Bahnlinien) gibt, ist Tōhoku immer noch extrem dünn besiedelt, die überalterte Bevölkerung lebt überwiegend von Landwirtschaft und Fischfang.

Ich schultere meinen Tagesrucksack, trete vor das Bahnhofsgebäude und atme tief die salzige Meeresluft ein. Eine leichte Brise verspricht einen angenehmen Wandertag. Direkt gegenüber entdecke ich gleich den ersten Wegweiser mit dem Logo des Michinoku Coastal Trails, der mir den Weg nach Süden und Norden zeigt.

Schon nach 200 Metern auf der asphaltierten Küstenstraße erreiche ich ein Denkmal, das einen wellenumtosten Leuchtturm zeigt, wahrscheinlich eine Tsunami-Gedenkstätte. Aufgrund seiner geografischen Lage ist Japan immer wieder schweren Erdbeben und den davon ausgelösten Flutwellen ausgesetzt; letztmalig ereigneten sich diese Naturkatastrophen in Tōhoku 1896, 1933 und 2011. Eine englischsprachige Informationstafel bestätigt meine Vermutung in holprigen Worten: »Das Denkmal wurde gebaut, um der Opfer zu gedenken, die 1933 hier von einer 24 Meter hohen Flutwelle getötet und verletzt wurden. Und um zu beten, dass sich eine solche Tragödie nicht wieder ereignet.«

Ich bin erst eine Stunde auf dem Trail unterwegs, da wird mir bereits klar, dass das Thema Tsunami hier allgegenwärtig ist. Jede noch so kleine Bucht ist mit gewaltigen Küstenschutzanlagen zubetoniert, alle paar Hundert Meter weisen Schilder den Weg zum nächsten Evakuierungspunkt. Vor allem ist fast alles neu. Egal ob Straßen, Häuser oder Stromleitungen – wirklich alles wurde durch die letzte Flutwelle zerstört und musste seither neu errichtet werden. Das japanische Umweltministerium beschloss dazu 2012 einen sogenannten »grünen Wiederaufbauplan«, der neben der Wiederherstellung von Infrastruktur auch den Schutz von Naturräumen vorsah. Teil dieses Nachhaltigkeitsprojektes war von Anfang an ein Langstreckenwanderweg, der eine »Brücke zwischen der Natur, den lokalen Traditionen und den Spuren des Tsunami« darstellen sollte. Bereits sieben Jahre später wurde der Michinoku Coastal Trail offiziell eröffnet – wohl als weltweit erster und einziger Wanderweg, der einer Naturkatastrophe gewidmet ist.

Ich passiere einen kleinen Hafen, in dem ein paar Fischer ihre Netze ausbessern. Auf dem Asphalt liegen Bündel von Seetang, am Strand kreischen die Möwen, ansonsten ist nur das Rauschen des Meeres zu hören. Gedankenverloren wandere ich auf der schmalen Küstenstraße weiter. Es gibt zwar keinen Seitenstreifen, und zweisprachige Schilder mit dem Traillogo mahnen daher zur Vorsicht, aber hier ist so gut wie kein Verkehr.

Bei der Planung meiner Tour durch Japan war der Michinoku Coastal Trail eigentlich nur zweite Wahl. Der Hauptgrund für meine mangelnde Begeisterung: Die Route verläuft zu 75 Prozent auf Teerstraßen! Ein solch hoher Asphaltanteil ist nicht nur schmerzhaft für die Füße, sondern verspricht auch wenig Naturnähe und damit Probleme beim Wildzelten. Doch nun laufe ich schon drei Stunden diese Straße entlang und langweile mich immer noch nicht, sondern habe stattdessen mindestens ein Dutzend potenzieller Übernachtungsplätze entdeckt. Hier ein versteckter Schrein, dort ein kleines Wäldchen und selbst tagsüber kaum Verkehr. In dieser Gegend könnte ich völlig problemlos zelten, wenn ich nicht schon für heute Abend ein Hotel gebucht hätte. Lag ich vielleicht falsch mit meiner negativen Einschätzung?