8,49 €
Schafft eine Frau nicht das volle Programm, steht sie unter Verdacht, erhebliche Defizite zu haben: Ohne Kinder gilt sie als karrierebesessen; mit Kindern als Hausfrau als zurückgeblieben; mit Kindern und berufstätig ist sie eine Rabenmutter. Dieses Buch will in der Beschreibung des alltäglichen Wahnsinns das Tabu der perfekten Frau und Mutter brechen. Himmel und Hölle der Emanzipation aufzeigen. Denkanstöße geben. Zum Lachen bringen. Und eigene Lösungsperspektiven entwickeln und aufzeigen. Maya Onken, verheiratet, zwei Kinder, berufstätig, schreibt ihrer Mutter von der Unmöglichkeit, Job und Muttersein unter einen Hut zu bringen. Julia Onken antwortet und versucht, die Tochter auf das aufmerksam zu machen, was diese nicht sehen will. Ein Streitgespräch, das die Augen öffnet, in welchen Überforderungen wir uns bewegen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2016
Julia Onken · Maya Onken
Ein Streitgespräch zwischenMutter und Tochter
Verlag C.H.Beck
Schafft eine Frau nicht das volle Programm, steht sie unter Verdacht, erhebliche Defizite zu haben: Ohne Kinder gilt sie als karrierebesessen; mit Kindern als Hausfrau als zurückgeblieben; mit Kindern und berufstätig ist sie eine Rabenmutter. Dieses Buch will in der Beschreibung des alltäglichen Wahnsinns das Tabu der perfekten Frau und Mutter brechen. Himmel und Hölle der Emanzipation aufzeigen. Denkanstöße geben. Zum Lachen bringen. Und eigene Lösungsperspektiven entwickeln und aufzeigen.
Maya Onken, verheiratet, zwei Kinder, berufstätig, schreibt ihrer Mutter von der Unmöglichkeit, Job und Muttersein unter einen Hut zu bringen. Julia Onken antwortet und versucht, die Tochter auf das aufmerksam zu machen, was diese nicht sehen will. Ein Streitgespräch, das die Augen öffnet, in welchen Überforderungen wir uns bewegen.
Julia Onken ist diplomierte Psychologin, Psychotherapeutin, Leiterin des Frauenseminars Bodensee (gemeinsam mit ihrer Tochter Maya), Dozentin in der Erwachsenenbildung und Herausgeberin des Magazins Generation Superior – von der Kunst des langen Lebens. Von ihr sind bei C.H.Beck u.a. lieferbar: Feuerzeichenfrau. Ein Bericht über die Wechseljahre (7. Aufl. 2014), Altweibersommer. Ein Bericht über die Zeit nach den Wechseljahren (3. Aufl. 2011), Glück. Ein Bericht aus dem Liebesalltag (3. Aufl. 2003), Vatermänner. Ein Bericht über die Vater-Tochter-Beziehung und ihren Einfluß auf die Partnerschaft (6. Aufl. 2012), Wenn Du mich wirklich liebst. Die häufigsten Beziehungsfallen und wie wir sie vermeiden (3. Aufl. 2011).
Maya Onken, lic. phil., war Deutsch- und Pädagogiklehrerin an Gymnasien, Human Resource Managerin und leitet zusammen mit ihrer Mutter das Frauenseminar Bodensee.
www.frauenseminar-bodensee.ch
1 Warum hast du mich nicht davor gewarnt?Maya
2 An die WuttocherJulia
3 Achtung, SpinnenfrauMaya
4 Heißa hoppsaJulia
5 Die Versuchung oder endlich AuszeitMaya
6 Die akademische BruthenneJulia
7 Der emanzipierte MannMaya
8 Des Pudels KernJulia
9 MachoMaya
10 Spreu vom Weizen trennenJulia
11 Lippenstift und GummistiefelMaya
12 Zweimal gebissenJulia
13 Paradies mit HinterhaltMaya
14 Frau Kressentinis GrabgesangJulia
15 Emanzipation, fahr zur Hölle – ewig Nummer zweiMaya
16 PlatzhirschnummerJulia
17 Im DilemmaMaya
18 Ach, mein MädchenJulia
19 Money, money, moneyMaya
20 Money, honey, boneyJulia
21 Zwei SchweigeminutenMaya
22 SchattengeflüsterJulia
23 Von Amazonen und BurgfräuleinsMaya
24 Bestell deinen GartenJulia
25 Mütter, die spinnen, oder das Mutter-Maria-SyndromMaya
26 Joseph – Mann mit EigenschaftenJulia
27 Rhapsodie in MollMaya
28 BravoJulia
29 KlassentreffenMaya
30 Vom Hund hinter dem OfenJulia
31 Von Sex und SchrecksenMaya
32 Stopp den Hamster im RadJulia
33 Nein, mit AnalyseMaya
Epilog
Hallo, Mami,
eigentlich sollte am Anfang jedes Briefes «Liebe» stehen. Aber heute bringe ich das «Liebe Mami» einfach nicht aufs Papier, denn wenn nach einem solchen freundlichen Auftakt gleich eine Vorwurfstirade folgt, dann ist dies wohl sehr verwirrend. Also, du bist gewarnt, es heißt heute nur «Hallo».
Denn eigentlich bin ich sauer (oder eher enttäuscht?), weil es doch eigentlich die Pflicht jeder Mutter ist, ihr Kind auf das Leben vorzubereiten. Und diese Aufgabe ist doch nicht einfach mit der Zwanziger-Altersmarke abgelaufen. Wie ich das Wort Pflicht eigentlich hasse und selbst darunter leide, aber dennoch muss ich dich ernsthaft fragen: WARUM HAST DU MIR NICHT GESAGT, WAS ES HEISST, EINE MUTTER ZU SEIN?
Als du dich vor sieben Jahren so ungeheuer über das kleine Söcklein im Weihnachtsbrief gefreut hast, war ich, ehrlich gesagt, bass erstaunt. Ich rechnete mit verhaltener Anteilnahme, mit forschenden Fragen nach Organisation über das zukünftige Leben. Wirklich, ich rechnete mit der ähnlich kühlen Reaktion wie bei der Annoncierung unserer Heiratsabsichten. Aber doch nicht mit deinen Freudentränen und Jubelstürmen. Du hast mich damit im Irrtum gelassen, heiraten sei idiotisch und unnötig und ein gefährlicher, abtrünniger Weg, ein Kind zu kriegen, aber das beglückendste Ereignis, abgerundet, glatt und ohne Fallen.
Und da stehe ich nun. Mit den beiden allergoldigsten Mädchen der Welt, die ich um keinen Preis zurückgeben würde. Das übliche Fragespiel von Estelle, wenn einer käme und mir hundertmillionentausend Batzen geben würde für sie, wie ich da reagieren würde. Und meine Antwort, dass nicht alle Schätze der Welt ausreichen würden, sie herzugeben, ist keine Kinderantwort, sondern mein absoluter Ernst. Und trotzdem stehe ich nun da, mit den zwei Sonnenstrahlen, einem kinderliebenden Ehegatten, einem gut bezahlten Teilzeit-Managerjob, einem gemieteten Haus (mit zu viel Garten) und einer Putzfee und habe soooooooo oft und viel zu oft das Gefühl, ich raffe es einfach nicht, ich bring es nicht, ich bin eine Versagerin und überhaupt unter den Müttern die mieseste Hausfrau, die ungeduldigste Erzieherin und unkreativste Kinderförderin. Und das hat ganz bestimmt mit dir zu tun (wie so alles eigentlich mit den Müttern zu tun hat …). Gut, auch mit mir, aber du bist meine Quelle, solltest mein Vorbild sein für mein Urselbstvertrauen, eine gute Mutter zu sein.
Das klägliche Hausfrauengefühl, da willst du sicher nicht mit mir streiten, geht auf dein Konto. Mein ganzes Repertoire an Kochkünsten geht genau auf drei Rezepte zurück: Früchtekuchen, Omelett und Birchermüsli. Eine magere Basis für eine Mutter mit zwei Kindern, welche einen Mann geheiratet hat, der aus einer Familie stammt, die zweimal am Tag warm isst und jedes Mal mit Fleisch. Hilfe! Meine größten Bedenken während der Schwangerschaft kreisten nicht um Themen wie Geburtsstrapazen, Kindererziehung oder Organisationsfragen, sondern um die Frage: «Wie kocht man Gemüse?» Ich hatte keine Ahnung. Ernährte mich in Mensen, von Tiefkühl- und Take-away-Produkten oder von Mamas Kost (die Mamas meiner jeweiligen Freunde).
Mühsam habe ich nun die drei vererbten Rezepte auf circa zehn kindertaugliche Mahlzeiten mit maximal dreißigminütiger Kochzeit aufgeblasen. Jedes Mal innerlich fluchend, wenn es darangeht, den Kochherd einzuschalten. Gäste – welch Gräuel. Einziger Rettungsanker: mein kochender Ehegatte. Erik ist ein begnadeter phantasievoller Koch, doch leider nicht zweimal am Tag verfügbar. Das Einzige, was ich in der Küche kann, ist Frühstück richten und Kuchen backen. Der Früchtekuchen hat mich auf die richtige Fährte gesetzt. Also, Kinderparties und Geburtstage stellen für mich kein Problem dar, wenn sie mit Vier-Uhr-Mahlzeiten (sprich Kuchen) geregelt werden können. Offenbar habe ich deine Kochallergie mit der Muttermilch eingesogen. Der Abscheu dagegen und vor allem das mangelnde Selbstbewusstsein, so etwas wie ein Gericht zu schaffen, das kommt von dir, meine Liebe!
Aber wozu wollen wir über solche Banalitäten wie Kochen streiten. Um das geht es ja gar nicht.
Da gibt es doch viel Wichtigeres, was du mir einfach nicht gesagt hast. Verschwiegen, ignoriert, bagatellisiert, tabuisiert. Kein Ton von Dingen wie Abort, ständigen Ängsten um das Wohlergehen der Kinder, Wechselbäder der Gefühle (sauna artig: in der Hitze der Liebe zu dem kleinen Wurm und dem kalten Wunsch, endlich mal wieder man selbst zu sein, unbeschwert, ohne Verpflichtung und Verantwortung durch die Straßen zu gehen, ohne Zeitdruck ein Schaufenster anzusehen, ohne Geldnöte einfach etwas zu kaufen …). Keinen Ton hast du von den Zweifeln verlauten lassen, eine gute Mutter zu sein. Denn weiß Gott, diese guten Mütter gibt es wie Sand am Meer. Du findest sie im Supermarkt, beim Arzt, auf dem Spielplatz, später am Krippenfest oder am Kindergarteninfotag. Diese wundervollen Mütter, adrett gekleidet, sich nimmermüde, liebevoll und geduldig ständig um den Nachwuchs kümmernd, deren Weltinneres aus neuen Kochrezepten (da haben wir sie wieder), tollen Ausflugsmöglichkeiten oder Schnäppchenpreisen besteht. Nie würden solche Mütter innerlich vor Aggression fast zerbersten, weil das Kind nicht einschlafen will, nie schreien diese Mütter ihre Kinder an, nie hocken diese Mütter entmutigt vor großen Wäschebergen, nie wünschen sich diese Mütter einfach eine Woche für sich allein oder einfach ein Gespräch, in dem es nicht um Kinder geht.
Auf dieses Anforderungsprofil hast du mich nicht vorbereitet. Wirklich nicht. Du hast meinen Individualismus gefördert, der mir nun dauernd in der Selbstaufgabe für meine Kinder fehlt. Du hast mein Selbstvertrauen aufgebaut, alles Job- und Lebenstechnische mit links zu meistern, nur den Küchenteil hast du dabei vergessen. Du hast meine Intelligenz geschärft, meinen Hunger nach Literatur geweckt, meine kreative Seite gefördert, mich die Frau werden lassen, die ich heute bin. Alles wunderbar. Nur sind leider für das Muttersein diese Eigenschaften nur bedingt tauglich und förderlich.
Schlimm genug, dass du mich nicht vorbereitet, nicht aufmerksam gemacht, keine geschickten Fragen als getarnte Vorwarnung gestellt hast. Du hast mir noch ein zusätzliches Problem aufgehalst. Die Emanzipation. So bin ich eine arbeitstätige Frau, die ihren Job liebt, die managt, herumwetzt, Konzepte entwirft und umsetzt, Meetings abhält, zweisprachig, in der Schweiz zu Konferenzen und Gesprächen herumreist und dabei oft nicht einmal an ihre Kinder denkt. Aber am Abend, nach elf Stunden tougher Arbeit, nachdem um sechs Uhr der Tag schon damit begann, sich selbst arbeitswelttauglich herzurichten, Frühstück auf- und abzudecken, Kinder anzuziehen und an den verschiedenen Betreuungsplätzen abzuliefern, geht es nahtlos weiter mit Nachtessen kochen (KOCHEN!), Küche aufräumen, Qualitätszeit mit Kindern verbringen, ausgedehntem Schlafritual und dann: Haushalt, Beziehungsarbeit, Sozialdienste, Telefonterror, Inter net … STOPP. Aufhören. Diese Aufzählungen helfen auch nicht wei ter! Kurz. Diese Emanzipation und damit verbunden mein Job stellen mich vor die Zusatzaufgabe, auch noch meine physische Absenz und die ständigen Schuldgefühle auszugleichen. Garniert ist dieser Cocktail (Schuldgefühle, mangelndes Mutter-Selbstwertgefühl und miserable Kochkünste) noch mit der Kirsche der organisatorischen Höchstleistung. Und das alles ohne Gebrauchsanleitung. Denn Vorbilder gibt es keine, fast keine. Und die Familien, die es emanzengerecht aufteilen, sind ebenso am Strampeln wie wir und sozusagen in der Testphase dieses Alpha-Modelles.
Jetzt habe ich mich in meiner Wut und inneren Verzweiflung in tausend Themen verheddert. Außerdem murrt Lucie schon zum wiederholten Male, wahrscheinlich kämpft sie mit dem nächsten Zahn. Ich habe einmal ausgerechnet, wenn sie bei jedem Zahn sieben Nächte nicht schläft, dann ist das knapp ein halbes Jahr meines Lebens, in dem ich wegen Zahnens nicht schlafen konnte. Mal zwei Kinder, macht ein Jahr. Kein Kommentar.
Das Wort Schlafen erinnert mich sowieso daran, dass ich eigentlich hundemüde bin und besser ins Bett verschwinden sollte. Und damit diesen Brief beende, vorläufig auch die Schimpftirade und Vorwurfsliste, was nicht heißt, dass ich nicht gerne eine Antwort darauf hätte.
Schlaf gut.
Maya(immer noch wütend)
Liebe wütende Maya,
die Antwort kannst Du gerne haben. Ich kann Dir sogar verschiedene Variationen anbieten!
Ich könnte zum Beispiel alles von mir weisen, könnte sagen, welche Frechheit, mir derartige Vorwürfe an den Kopf zu werfen! Ich könnte argumentieren, verdammt, ich habe mir wahnsinnig viel Mühe gegeben, nur Dein Bestes gewollt, mich rund um die Uhr um Dich und um Deine Schwester (!) gekümmert, und glaub ja nicht, Du seist ein kleines Engelchen gewesen, das immer dann geschlafen hat, wenn wir es gerne gehabt hätten. Du hieltest uns auf Trab, tagaus, tagein, na ja, das kennst Du ja nun selbst! Aber ich könnte mir auch den obligaten Mutter märtyrerblick aufsetzen, mich an die Stirn fassen, dabei gleichzeitig seufzend mit waidwunder Opferstimme beinahe tonlos von mir geben: Womit habe ich das verdient? Ich könnte mit Pauken und Trompeten ins feministische Credo einstimmen: Klar. Logisch. Kennen wir. Mütter sind an allem schuld. Und was ist mit den Vätern, den säumigen, windigen Drückebergern, den Nullnummern und Schaumschlägern vom Dienst?
Oder aber ich könnte auch anders antworten, einen Moment innehalten und diese verdammt unangenehme Spannung aushalten, die einen in Atem hält, wenn man plötzlich auf der Anklagebank sitzt, so jäh und unerwartet. Und dann, statt lauthals in die Opposition zu starten, an jene Stelle in der eigenen Seele hinrobben, wo wir lieber nicht genau hinschauen mögen, weil so viele Vergangenheiten übereinander und ineinander gestapelt sind, ungeordnet wie auf dem Dachboden, wo alles ineinander verschlungen ist und vor sich hingammelt, was nicht im Alltag Verwendung findet. Ja, und sich dann dem mit einer dicken Staubschicht belegten Abgeschobenen, Ausgegrenz ten stellen, die gräuliche Dreckschicht wegrubbeln und hin schauen. Klipp, klar und irgendwie in kühnem Schwung Bilanz des eigenen Daseins ziehen, da, wo es keine Hintertüre gibt, keine Schummeleien für Beschönigun gen, keine Rechtfertigungen und Entschuldigungen, dann allerdings kann ich nur ganz schlicht und einfach sagen: Jawohl, Du hast Recht. Ich habe es versäumt, Dich zu warnen, habe Dir nicht gesagt, was es heißt, Mutter zu sein, eine emanzipierte noch dazu.
Obwohl, ich erinnere mich sehr gut daran: Neben der unbändigen Freude über Deine Schwangerschaft schlichen sich gleichzeitig bange Gefühle in mein Gemüt. Trotzdem, es hat mich damals einfach erwischt. Es war an Heiligabend. Ich hockte noch in Frankreich, hatte bereits alles in Kisten für den bevorstehenden Umzug in die Schweiz verpackt. Felix und mir war die Festlichkeit abhanden gekommen, ich glaube, an diesem Abend raffte ich mich nicht einmal auf, den obligatorischen Weihnachtskartoffelsalat zuzubereiten (den Du übrigens in der Aufzählliste meiner Kochkünste vergessen hast). Dann öffnete ich Deinen Weihnachtsbrief, las die frohe Botschaft, Weihnachtsbotschaft, die mich mit einem Schlag in jene Gefilde hinein katapultierte, für die ich unter normalen hormonellen Verhältnissen lediglich ein müdes Lächeln übrig habe. Von Felix, der, je älter er wird, umso senkrechter startbereit, sich in wolkiger Himmelsrührseligkeit zu ergehen, tränenfreudenreich flankiert. Und so lagen wir uns in den weihnachtlichen Armen, ihr Kinderlein kommet. Die Bangigkeit indessen ließ nicht lange auf sich warten. Noch in der selben Nacht packte sie mich am Schopf. Schließlich weiß ich, wie ein Kind das Leben verändert, vor allem das der Frau. Was wird aus meiner wundervollen, gescheiten, erfolgreichen Tochter? Wie wird sie ihre Karriere gestalten können, alles so unter einen Hut gebündelt bekommen, dass sie einerseits liebende und fürsorgliche Mutter sein kann und gleichzeitig ihre Fähigkeiten beruflich umzusetzen vermag? Ich wagte nicht daran zu denken, denn mir war schon damals klar, dass es eine Gratwanderung werden würde zwischen einwandfrei funktionierender Organisation und Flexibilität einem Kind gegenüber, das z.B. nicht in die Krippe gebracht werden kann, weil es krank ist. Zudem wagte ich auch nicht daran zu denken, dass ich Dir in diesem Stress nicht beistehen kann, da ich selbst, wie Du weißt, selbstständig berufstätig und nicht rundum altersmäßig abgesichert und verrentet bin und wahrscheinlich noch viele Jahre für meine eigene Existenz aufzukommen habe, was ich einerseits als besonderes Privileg erachte, so einfach am Ball bleiben zu müssen, am Pulsschlag des Lebens, was ich andrerseits aber ziemlich beschissen finde und mich gleich mit weiteren Schuldgefühlen befrachtet. Es gibt Frauen, die waren schlechte Mütter und bügeln das hinterher aus, weil sie sich zu hervorragenden Großmüttern mausern und immer dann einspringen, wenn Not an der Frau ist. Ich habe diese Möglichkeit nicht und bin ganz froh, dass ich nicht Gefahr laufe, in eine neue Zudienfalle hineinzutappen, und dafür sorgen muss, dass Großväter weiterhin unbescholten die ruhige Rentnerkugel schieben.
Wie auch immer und trotz allem liebe ich Dich, auch wenn Du noch so die Sau rauslässt.
Deine Mami
Liebe Mami,
(beachte bitte das liebe …) Bin eigentlich schon nicht mehr so wütend. Dein Brief hat mir den Wind einfach – paff – aus den Segeln genommen. Verstehe deine Antwort. Stell dir auch vor, du hättest mich wirklich gewarnt … Ich wäre noch saurer auf dich gewesen, wenn du mit all den Horrorgeschichten gekommen wärst. Hätte es gemein und geschmacklos gefunden, wenn du mich vor all den Realitäten gewarnt hättest. Schwamm drüber. Themawechsel.
Erinnerst du dich noch, wie du mir Astrid Lindgren vorgelesen hast? Nun lese ich meiner Tochter aus «Karlsson vom Dach» vor. So wie der Karlsson vom Dach der beste Spaßmacher der Welt ist, heißa hoppsa, bin ich wohl die beste Spinnenfrau der Welt. Aber nicht etwa wie Superwoman, die sich elegant, schlank und rank über die Dächer von New York dahinschwingt. Nein, wohl eher wie eine gehetzte Spinne, die versucht, mit ihren langen, haarigen Beinen die vielen Fäden nicht zu verlieren, die sie gleichzeitig am Spinnen ist. Heißa hoppsa.
Wie ich zum Spinnenvergleich komme? Weil ein lumpiger Friseurtermin mich in die tiefsten Untiefen meines selbstgebastelten Systems wirft! Weil mich der Besuch von Alva an den Rand meiner Zeitorganisation treibt! Weil mein ganzes Leben in Viertelstundentranchen auf- und eingeteilt wird! Weil mich mein Vorhaben, dem Babybäuchlein von vier Schwangerschaften und zwei Geburten endlich den Garaus zu machen, total frustriert! Am Willen fehlt es nicht, sondern an der Zeit. Kurz: mein Optimierungszwang ist der nackte Wahnsinn.
Ich sehe schon, du schüttelst den Kopf. Klar. Es tönt jetzt alles etwas wirr, von Karlsson zum absoluten Irrsinn. Heißa hoppsa. Ich erkläre es auch gleich.
Also der Friseurtermin. Wohlweislich meine Zeitnöte bedenkend, habe ich mich nun schon drei Wochen im Voraus um einen Termin bei der Friseuse bemüht. Denn, das kennst du selber, irgendwann schaust du dich am Morgen im Spiegel an und findest, JETZT muss es sein. Und dann muss es jetzt sein, sofort, heute oder morgen, aber ganz sicher diese Woche. Und dieses Gefühl kann ich mir in Anbetracht meiner Zeit-Jonglage einfach nicht leisten. Denn du kannst sicher sein, dass ich heute und morgen in meinem dicht gewebten Spinnennetz keine Zeitlücke finde. Also habe ich mir diesen Moment, wo es zu spät sein wird, im Vorfeld ausgerechnet. Noch so und so viele Sonnentage (siehe Wettervorhersage), die die Haare schneller ausbleichen, der Ansatz nun schon gut 1 cm sichtbar, die Spitzen etwas strohig, aber noch nicht hexenhaft. Gut, spätestens in drei Wochen muss es sein. Meine liebenswerte Friseuse gab mir drei Termine zur Auswahl. Ich rufe sie zurück, war meine Antwort.
Also beginne ich zu brüten. Dieser Termin über Mittag ist nicht machbar, ich arbeite, da kann ich schlecht drei Stunden Mittag machen. Obwohl selbst Chefin (und Chefs erlauben sich so was ja doch hin und wieder), habe ich in solchen Situationen einen wirklich unpraktischen Loyalitätssinn und außerdem – wann erledige ich all die Arbeit, ich habe ja nur drei Tage Zeit pro Woche? Also unmöglich.
Der andere Termin ist früh am Morgen, aber allenfalls wird das DER Estelle-Tag sein. Weil Maxis Hütedienste für drei Wochen wegfallen zwecks Sommerferien, musste ich mich anders organisieren. So nimmt meine geliebte Schwester Alexandra, die, wie du weißt, eigentlich nur die Patin von Estelle ist, aber von beiden als «Gotti» bezeichnet wird, die zwei Mädchen Dienstag und Mittwoch zu sich, damit ich arbeiten kann. Da aber die Krippe am Donnerstag noch offen hat, könnte ich Lucie trotzdem in die Krippe geben und einen GANZEN Tag mit Estelle verbringen. Endlich mal meine große Tochter genießen. Wie sehr vermisse ich sie in all dem Trubel. Wie sehr nimmt mich Lucie dauernd in Beschlag. Wie sehr spielt auch Erik lieber mit der Verständnisvolleren, Älteren. Und von dieser wertvollen Zeit soll ich nun drei Stunden für die Schönheit hergeben? Nein.
Oder am Samstag wäre noch ein Termin frei? O je, nachdem ich Erik vier Tage hintereinander nicht gesehen habe, weil jeder so viele sonstige Verpflichtungen hat, will ich doch endlich mal ein normales ruhiges Wochenende en famille verbringen. No way.
