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Die meisten Töchter wollen nicht werden wie ihre Mutter. Bloß nicht! Mütter genießen in unserer Gesellschaft keine besondere Wertschätzung. Im Extremfall verzichten Töchter deshalb sogar auf eigene Kinder. Doch die Ablehnung der Mütter lässt die Töchter den Kontakt zu sich selbst verlieren. Nur über die Rehabilitierung der eigenen Mutter finden die Töchter zu sich selbst und zu einer kraftvollen eigenen weiblichen Identität. Töchter sollten daher wissen, was ihren Müttern widerfahren ist, was sie an den Rand gedrängt hat – der Lebensweg der Mutter ist für die Tochter wichtig. Auch für die Mutter ist die Beziehung zur Tochter in vielen Fällen problematisch. Erst wenn es Mutter und Tochter gelingt, offen über die ambivalenten Gefühle zu sprechen, kann sich eine unbeschwerte, kraftvolle und für beide beglückende Beziehung entfalten. Die Bestsellerautorin Julia Onken gibt hier eine bewegende Anleitung, wie Frauen ihr Tochtersein akzeptieren und – gegebenenfalls – eine neue Mütterlichkeit entwickeln können.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
Julia Onken
Warum ich meine Muttertrotzdem liebe
Verlag C.H.Beck
Die meisten Töchter wollen nicht werden wie ihre Mutter. Bloß nicht! Mütter genießen in unserer Gesellschaft keine besondere Wertschätzung. Im Extremfall verzichten Töchter deshalb sogar auf eigene Kinder. Doch die Ablehnung der Mütter lässt die Töchter den Kontakt zu sich selbst verlieren. Nur über die Rehabilitierung der eigenen Mutter finden die Töchter zu sich selbst und zu einer kraftvollen eigenen weiblichen Identität. Töchter sollten daher wissen, was ihren Müttern widerfahren ist, was sie an den Rand gedrängt hat – der Lebensweg der Mutter ist für die Tochter wichtig.
Auch für die Mutter ist die Beziehung zur Tochter in vielen Fällen problematisch. Erst wenn es Mutter und Tochter gelingt, offen über die ambivalenten Gefühle zu sprechen, kann sich eine unbeschwerte, kraftvolle und für beide beglückende Beziehung entfalten.
Die Bestsellerautorin Julia Onken gibt hier eine bewegende Anleitung, wie Frauen ihr Tochtersein akzeptieren und – gegebenenfalls – eine neue Mütterlichkeit entwickeln können.
Julia Onken ist diplomierte Psychologin, Psychotherapeutin, Leiterin des Frauenseminars Bodensee (gemeinsam mit ihrer Tochter Maya), Dozentin in der Erwachsenenbildung und Herausgeberin des Magazins Generation Superior – von der Kunst des langen Lebens. Von ihr sind bei C.H.Beck u.a. lieferbar: Feuerzeichenfrau. Ein Bericht über die Wechseljahre (7. Aufl. 2014), Altweibersommer. Ein Bericht über die Zeit nach den Wechseljahren (3. Aufl. 2011), Glück. Ein Bericht aus dem Liebesalltag (3. Aufl. 2003), Vatermänner. Ein Bericht über die Vater-Tochter-Beziehung und ihren Einfluß auf die Partnerschaft (6. Aufl. 2012), Wenn Du mich wirklich liebst. Die häufigsten Beziehungsfallen und wie wir sie vermeiden (3. Aufl. 2011).
www.frauenseminar-bodensee.ch
1. Mutter, ich trage Dich wie eine Wunde auf meiner Stirn…
2. Hallo, Gemeinde
3. Zurück zu den Wurzeln
4. Die eigene Mutter
5. Wie die eigene Mutter das Selbstbild und die Beziehung zu anderen Frauen beeinflusst
6. Mit der besten Freundin auf der Suche nach weiblicher Identität
7. Schicht für Schicht Frauengeschichte freischaufeln
8. Drehbuch Muttermythos
9. Die schlecht bezahlte Hauptrolle
10. Demütigung Geld
11. Die Beschämung
12. Dem mütterlichen Erbe auf der Spur
13. Mütter sind Menschen
14. Vom Ende der Schuldgefühle
15. Vom Anfang einer neuen Mutter-Tochter-Beziehung
Erstellung eines Genogramms
Anmerkungen
Literatur
Es war im Herbst. Die Mutter starb kurz vor der Mittagspause. Ich hatte im Frauenseminar Bodensee die letzten Worte zur Beurteilung einer Prüfung ausgesprochen. Da erschien die Sekretärin mit ernstem Gesichtsausdruck, um mir die Nachricht vom Tod meiner Mutter zu überbringen. Er kam nicht überraschend. Die ganze letzte Nacht hatte ich an ihrem Bett verbracht und geahnt, dass es nicht mehr lange dauern würde. Jetzt fuhr ich rasch ins Altersheim, traf mich mit meiner Schwester, um die weiteren Schritte zu besprechen.
Um 14 Uhr kehrte ich pünktlich zurück und nahm die nächste Prüfung ab. Den Abend verbrachte ich bei meiner Schwester und ihrer Familie. Irgendwie waren wir trotz allem froh darüber, dass sich das Sterben nicht qualvoll hingezogen hatte. Unsere Mutter hatte ein langes Leben gehabt, ein schweres Schicksal. Und nun kam der Tod beinahe sanft und freundlich. Ich atmete erleichtert auf.
Aber ich fürchtete mich auch vor der Nacht. Allein im Haus, den Gedanken, Bildern, Erinnerungen an die Mutter ausgeliefert. Ich fragte meine älteste Tochter, ob sie eventuell bei mir übernachten könne, was sie aber vehement ablehnte. Meine Mutter hatte mich gebeten, ihren Nachruf zu schreiben, was ich ihr vor ihrem Tode zugesichert hatte. Auch ihre zögerlich vorgebrachte Bitte, eine «gewisse Angelegenheit» unerwähnt zu lassen, wollte ich berücksichtigen. Selbstverständlich. Ich wusste, was sie meinte, und wollte ihr diesen Gefallen erweisen.
So saß ich also in der Todesnacht allein im Haus vor meinem Computer, einerseits etwas bange und leicht verunsichert, andererseits aber bemühte ich mich, wachsam über die eigenen Schultern zu schauen, ja beinahe neugierig, was sich nun in den nächsten Stunden ereignen würde. Ich war auf alles gefasst.
Ich verfasste einen kurzen Text über das Leben meiner Mutter, drechselte an der Reihenfolge der Ereignisse in ihrem Lebenslauf herum, beschönigte hier etwas, glich dort etwas aus, vor allem umging ich die «gewisse Angelegenheit», indem ich die biografischen Daten leicht veränderte, damit am Schluss alles irgendwie wieder zusammenpasste.
Es war eine lange Nacht. Gegen Mitternacht klopften ein paar Regentropfen an die kleinen Dachfenster. Später wurde mir kalt, und ich ging in den Keller, um nachzusehen, ob die Heizung noch funktionierte. Am Abend zuvor, ich wollte mich gerade umziehen, um mich für die Nachtwache bei der Mutter herzurichten, hatte es eine kleine Explosion im Heizungsraum gegeben. Auch das noch, hatte ich gedacht, da drang auch schon Wasser durch den Gang. Inzwischen war der Schaden behoben, und die Heizung funktionierte.
Ich fröstelte trotzdem. Nun war also meine Mutter tot. Eine komplizierte und zum Teil quälende Beziehung war beendet. Die letzten Jahre waren vom Bemühen geprägt gewesen, einigermaßen miteinander zurechtzukommen, wenngleich die Versuche mehr oder weniger von schweigendem Groll überschattet waren. Das war nicht immer so gewesen.
Wir hatten auch eine gute Zeit miteinander, zunächst. Ich liebte sie. Sie stand im Mittelpunkt für mich. Sie war meine Königin, und ich war ihre Prinzessin. Wenn ich ins Zimmer eintrat, ging auf ihrem Gesicht die Sonne auf. Alle meine Gedanken drehten sich nur um sie. Wenn es ihr schlecht ging, ging es mir ebenfalls schlecht, und ich überlegte, wie ich sie wieder froh und heiter stimmen konnte. Wenn es ihr gut ging, fühlte auch ich mich wohl und glücklich.
In der Pubertät änderte sich das innige Verhältnis schlagartig. Sie ging mir auf die Nerven, ich konnte ihre Art einfach nicht mehr ertragen, mehr noch, ich dachte, so eine Frau, wie meine Mutter ist, möchte ich nie werden. Und in mir bildete sich ein Kernsatz, den ich immer wieder vor mich hersagte: Frausein ist eine ziemlich beschissene Sache. Ich versuchte oft recht ruppig, mir ihre Zuneigung vom Leib zu halten, sie aber blieb mir stets dicht auf den Fersen, verrichtete pausenlos tausend Liebesdienste, die mir zum Teil nicht ungelegen kamen, mich aber gleichzeitig auch ärgerten. Es war keine gute Zeit, und ich dachte oft darüber nach, wie ich aus dieser miesen familiären Inszenierung wieder herauskommen könnte. Ich wählte den Weg in die Opposition, den viele Jugendliche gehen, um gegen alles zu rebellieren. Äußerlich verunstaltete ich mich derart, dass keinerlei Ähnlichkeit mit ihr mehr erkennbar war. Sie hielt dennoch zu mir, nein, mehr noch, sie war zwar nicht gerade stolz auf mich, aber irgendwie genoss sie dennoch meinen Aufstand. Wenn es um irgendwelche modischen oder gar ausgefallenen Anschaffungen ging, unterstützte sie mich, wie sie nur konnte. Da sie in einer Textilfabrik arbeitete und dafür zuständig war, die Prototypen der Modelle zu nähen, kam sie auch als Erste mit den neuesten Trends in Berührung. Zu meinem 14. Geburtstag schenkte sie mir prompt ein wunderschönes zyklamenrotes Sackkleid, das ich mit großem Vergnügen trug und dabei viel Aufsehen erregte.
Die ersten Liebesabenteuer versuchte sie zu überwachen, aber ich floh stets vor ihr. Doch die Flucht gelang mir nicht wirklich. Wenn ich mich mit einem Jungen traf, musste ich an sie denken. Wenn ich irgendwo in einem Gebüsch herumknutschte, war sie in meinen Gedanken stets mit dabei. Je mehr ich versuchte, sie aus meinem Kopf zu verbannen, umso hartnäckiger nistete sie sich in mir ein. Gleichzeitig fühlte ich mich schlecht. Es war ein ständiges Hin und Her zwischen dem Drang, mich von ihr abzugrenzen, und einem schlechten Gewissen, das mir oft genug das ganze Leben versalzte. Schließlich ist sie meine Mutter, sagte ich mir, aber bevor ich den Satz zu Ende gedacht hatte, meldeten sich eine unbändige Auflehnung und die Sehnsucht, einfach ich selbst zu sein. In meiner Not kaufte ich mir ein Tagebuch und schrieb mit einem Mont-Blanc-Füllfederhalter mit der Federspitze BBB (das sind die ganz breiten) über Seiten «ich hasse sie, ich hasse sie, ich hasse sie …» und auf den nächsten Seiten «es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir leid …» und ganz klein am Rand mit Bleistift «ich liebe sie». Obwohl das Tagebuch abgeschlossen war, gelang es meiner Mutter, es zu öffnen und zu lesen. Das war der Tag, an dem ich auch noch begann, sie zu verachten. Dazwischen funkte immer wieder etwas, was sich wie Zuneigung anfühlte, bei dem ich mir aber nicht sicher war, ob es doch einfach nur Pflichtgefühl war.
Am besten ging es mir mit ihr, wenn ich nicht mit ihr alleine sein musste, wenn es irgendeinen Freund, eine Freundin gab, die sich als Pufferzone zwischen mich und meine Mutter schob. Ich war ihr dann nicht mit Haut und Haaren ausgeliefert und konnte mich im Windschatten der anderen Person aufhalten. Gleichzeitig gab es jemanden, der sich um meine Mutter kümmerte, und dies nicht ungern. Denn meine Mutter war bei anderen als Gesprächspartnerin sehr beliebt.
Als ich dann selbst Mutter wurde und Kinder bekam, wurde es nochmals komplizierter. Eines war klar, so eine Mutter wie sie wollte ich nie werden. Und ich versuchte eigentlich, alles anders zu machen als sie, denn ich wollte unter keinen Umständen in ihre Fußstapfen treten. Der Aufbruch der 68er unterstützte mich darin, sie immer wieder mit kleineren oder größeren Schockerlebnissen außer Gefecht zu setzen. Mit meinem Erziehungsstil nach der antiautoritären Methode verschlug es ihr beinahe den Atem. Dann aber war sie mir wieder eine unentbehrliche Hilfe bei der Betreuung, und es kümmerte mich keineswegs, wenn sie von den Kindern Verhaltensweisen forderte, die aus dem autoritären Lager stammten. Schließlich war sie der Garant dafür, dass ich mich auch mal für einige Tage oder gar Wochen aus dem anstrengenden Familienbetrieb absetzen konnte.
Im späteren Erwachsenenalter pendelte ich weiterhin zwischen verdeckter Zuneigung und offen bezeugter Ablehnung hin und her, je nachdem, in welcher Verfassung ich mich selbst befand. Es gibt wohl kein Gefühl, keine Empfindungsart, die ich nicht bestens kannte. Die ganze Palette von Zuneigung, ja gelegentlich gar Sehnsucht nach ihr, über Mitleid und Mitgefühl für ihre Situation bis zum Gefühl des peinlichen Berührtseins durchlebte ich im ständigen Wechsel. Oft aber schämte ich mich einfach für sie und hätte alles darum gegeben, sie vom Erdboden verschwinden zu lassen. Quälende Schuldgefühle verfolgten mich, überschatteten mein ganzes Leben. Sie veranlassten mich dazu, für sie überschwänglich Geschenke zu kaufen, vor allem schöne Kleider, Seidenblusen in Lila, Altrosa und Crème mit dem jeweils farblich dazu passenden Rock, die sie prompt mit der Erklärung zurückwies «das alles ist viel zu schön für mich». Das ärgerte mich maßlos und veranlasste mich dazu, mich über Wochen aus dem Kontakt abzumelden, was sie wiederum zutiefst verletzte und mir bei der erstbesten Gelegenheit vorwurfsvoll aufs Brot schmierte. Ein Teufelskreis.
Meine Schwester und ich versuchten, die Zeit bis zur Übersiedlung ins Altersheim so lange wie möglich hinauszuzögern. Sie übernahm den Einkauf, begleitete sie bei ihren Besorgungen, und von mir wurde natürlich auch eine entsprechende Dienstleistung erwartet. Da aber alles, was mit Haushalt zu tun hat, noch nie meine Domäne war, sorgte ich dafür, dass sich meine Haushaltshilfe auch um ihren Haushalt kümmerte. Dies hat sie mir – samt meiner Schwester – sehr übel genommen. Ich hörte eigentlich nur Klagen, es würde schlampig gearbeitet und nicht sauber geputzt. Die Kritik, die meine Mutter an meiner Haushaltshilfe übte, galt eigentlich mir. Sie wollte mich erpresserisch dazu zwingen, selbst ihren Haushalt zu machen. Das fand ich dann doch zu viel.
Auf dieser Ebene focht ich mit meiner Mutter eine alte Fehde aus. Zu ihrem Frauenbild gehörte die Fähigkeit, einen ordentlichen Haushalt zu führen. Sie selbst war darin perfekt, obwohl sie berufstätig war. Sie ging morgens um 6 Uhr aus dem Haus, in die Fabrik, kam mittags um 11 Uhr wieder heim, kochte, ging um 13.30 Uhr wieder in die Fabrik, kam abends um 18 Uhr nach Hause und setzte sich nach dem Nachtessen nochmals an die Nähmaschine und erledigte Heimarbeit. Gut, damals in meinen Kinderjahren waren es für mich schöne abendliche Feststunden, ich saß mit ihr zusammen und schnitt die Fäden ab, erzählte ihr alles, was ich über den Tag erlebt und gedacht hatte, und da sie eine gute Zuhörerin war, hatte ich stets das Gefühl, alles, was ich denke und erzähle, ist bedeutungsvoll.
Nebenbei bemerkt, dieses Gefühl hat mich bis zum heutigen Tag nicht mehr verlassen. Ich schätze es als mein mütterliches Kapital, das unantastbar in mir ist und mich schon oft schwierige Situationen überstehen ließ. Da meine Mutter sehr geschickt in Handarbeiten war, lernte ich dies ebenfalls von ihr. Auch das ist etwas, was mich bis heute begleitet. Ich sticke leidenschaftlich nach Bildvorlagen aus dem 17. Jahrhundert Motive und arbeite oft über mehrere Jahre hinweg an einem Wandteppich.
Die berufliche Belastung meiner Mutter war groß, es gab auch keine Ferien, damals war es üblich, einfach rund um das Jahr zu arbeiten, im Krankheitsfall – was bei ihr so gut wie nie vorkam – wurde man nicht bezahlt. Sie arbeitete von Montag bis Freitag. Am Samstag wurde der Haushalt auf den Kopf gestellt, geputzt, geschrubbt, gebohnert, geklopft, geglänzt, getrimmt, Möbel herumgestemmt. Ich hasste dies alles und sah vor allem den Aufwand nicht ein. Der Versuch, mich ebenfalls dafür einzuspannen, scheiterte, und ich schwor, mir niemals mit derartigem Tun das Leben zu vermiesen. Alle sechs Wochen wurde in der Waschküche mit Holz ein großer Zuber aufgeheizt, darin Wäsche gekocht und getreten, alles im Freien aufgehängt, am Sonntag gebügelt, am Montag ging sie wieder in die Fabrik.
Dazu kam vor allem am Sonntag die Kocherei. Bereits um 10 Uhr begann sie damit, flankiert und mit brennendem Interesse unterstützt von meiner Schwester. Es dampfte und zischte und brodelte und roch durchs ganze Haus, ich war als Zudienerin für Zwiebelschneiden und «hol dies» und «hol das» vorgesehen. Aber ich streikte konsequent, was nicht einfach war, da die beiden Köchinnen mich zu ködern versuchten, mir einredeten, wie schön die Arbeit doch sei. Irgendwann ließ sich meine Mutter zu dem Satz hinreißen: Wenn du nicht kochen kannst, wirst du nie eine richtige Frau. Meine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: Dann verzichte ich eben darauf. An diesem Tag beschloss ich, zukünftig sonntags auf das Essen am Mittagstisch zu verzichten, damit mir keinerlei Dienste mehr angehängt werden konnten. Ich verpflegte mich mit dem, was ich im Garten fand, oder schlich gegen 15 Uhr zum Kiosk in der Nähe und kaufte mir etwas Süßes.
Die Zeit an ihrem Lebensende im Altersheim verlief nicht viel besser. Meine Schwester besuchte sie täglich, aber das war für meine Mutter nicht genug. Sie erwartete den gleichen Einsatz von meiner Seite. Obwohl ich ganz in der Nähe wohnte, war ich dazu nicht in der Lage. Wenn ich mich dem Altersheim näherte, bekam ich schon Magenkrämpfe. So engagierte ich mich vor allem im Hintergrund für sie, kümmerte mich um ihre Finanzen und setzte mich vor allem für sie ein, als es einmal eine Auseinandersetzung mit der Heimleitung gab. Meine Mutter hatte eine sehr schöne Beziehung zu einem anderen Heimbewohner. Sie verbrachten jeden Tag miteinander, besuchten sich gegenseitig im Zimmer, wenn einer der beiden z.B. unpässlich war und im Bett bleiben musste. Weil es sich um einen Mann handelte, war das der Heimleitung ein Dorn im Auge, und sie beauftragten mich, meiner Mutter beizubringen, dass dies nicht erlaubt sei. Ich hatte aber bereits im Vorfeld den Braten gerochen und mit dem Sohn des Mannes Kontakt aufgenommen, um zu klären, wie er das sehe. So trabte ich dann eines Tages bei der Heimleitung an und erklärte auch im Namen der Angehörigen des Mannes, dass wir alle größten Wert darauf legten, dass die beiden sich jederzeit besuchen dürften. Mehr noch, falls sie selbst dazu nicht in der Lage wären, müsse das Pflegepersonal dafür sorgen. Das gab mir wenigstens das gute Gefühl, doch noch etwas Gutes für meine Mutter getan zu haben. Selbstverständlich erzählte ich meiner Mutter nichts von den Unruhen, die im Hintergrund liefen. In ihren Augen war ich einfach die Rabentochter, die sich zu wenig um sie kümmerte.
Jetzt aber war sie tot. Und ich würde wohl dieses Problem für immer los sein. Aber da hatte ich mich gehörig getäuscht. In der Todesanzeige meiner Mutter ließ ich folgendes Gedicht von Gottfried Benn abdrucken:
Mutter
Ich trage Dich wie eine Wunde auf meiner Stirn
Die sich nicht schließt
Sie schmerzt nicht immer
Und es fließt das Herz sich nicht draus tot
Nur manchmal, plötzlich
bin ich blind und spüre Blut im Munde.
Die Todesanzeige meiner Mutter stieß auf große Resonanz, vor allem bei Frauen. Einige sprachen mich direkt darauf an, andere schrieben mir. Und ich gewann den Eindruck, dass es zweifellos viele Frauen geben musste, für die die Mutter-Tochter-Beziehung ebenfalls etwas Quälendes war.
Viele Frauen wünschen sich einen sehr viel entspannteren Umgang mit der Mutter, mit der Tochter, vor allem einen weniger konfliktreichen. Und da alle Frauen Töchter und viele gleichzeitig in der Mutterrolle sind, verkreuzt sich die Perspektive der Betrachtung, je nachdem, in welcher Position frau sich befindet. Dies macht es nicht einfacher, die Problematik zu behandeln und neue Möglichkeiten für die Gestaltung der Mutter-Tochter-Beziehung herauszuarbeiten, die sowohl für die Töchter als auch für die Mütter hilfreich sein können.
Von welcher Position wir die Beziehungsstruktur auch angehen, sie ist so oder so eine äußerst schwierige Angelegenheit. Töchter beklagen sich über ihre Mütter. Der Standardsatz lautet: «So wie sie nie!» Aber auch vonseiten der Mütter sind stereotype Sätze zu hören, sie beklagen sich über ihre Rabentöchter: «Meine Tochter kümmert sich nicht um mich.» Und als Hintergrundmelodie klingt noch mangelnde Dankbarkeit mit.
In Internetforen wird die Dringlichkeit der Auseinandersetzung zwischen Müttern und Töchtern dokumentiert, da werden die Dinge dann offen beim Namen genannt:
«Hallo, Gemeinde, ich weiß nicht mehr weiter, helft mir. Meine Mutter, 68, führt ein leidiges Eheleben, versucht es allen recht zu machen, nach außen herausgeputzt, aber nach innen elend. Sie ist eine Meisterin darin, Schuldgefühle zu machen, vor allem mir. Sie will zwar, dass ich mich um sie kümmere, aber sie vergisst meinen Geburtstag, und mein Leben interessiert sie überhaupt nicht. Einladungen von mir nimmt sie nicht an und quasselt pausenlos, sie müsse auf ihren Hund (Köter!) aufpassen. Ich mag einfach nicht mehr. Und möchte sie gar nicht mehr anrufen. Aber es quält mich ständig, und ich denke, ich müsste doch auf sie zugehen. Was soll ich machen?»
