HimbeerToni - Joachim Seidel - E-Book

HimbeerToni E-Book

Joachim Seidel

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Beschreibung

HIMBEERTONI - der Top-100-Hit von 2010 jetzt für 5,99 statt wie früher bei PIPER 7,99 (Teil 2 gibt es weiter bei Piper-Verlag: ERDBEERSCHORSCH) und trotz Penis-Bruch und diverser anderer Männer-Beschwernisse nicht nur für Jungs zum Ablachen und Nachedenken bestens geeignet! Hier der PIPER-Verlag-Klappentext für Männer (der Klappentext für Mädels folgt weiter unten): "Toni Hornig hat zu viele Probleme: Sein neuer Nachbar tanzt ihm auf Stelzen um den Verstand, Freundin Ada will eine Familie gründen, Kurtchen ist verschwunden, Herr Blümchen wartet am Bahnhof und Holgi hat noch kein Bier gekauft! Denn eigentlich will Anton an diesem Wochenende nur in Ruhe Party machen. Und mit seinen Jungs das 25-jährige Jubiläum ihrer Punkband Remo Smash feiern, die sich nach nur einer Single in den frühen Achtzigern wegen Erfolglosigkeit sofort wieder aufgelöst hatte. Aber die Planetenkonstellation ist nicht die harmonischste: Anton fühlt sich noch nicht bereit für Nachwuchs, Holgi hat sich in krumme Ebay-Geschäfte verstrickt, Kurtchen hat sich unglücklich verliebt, Herr Blümchen plant einen Coup, und der dubiose Polizeimeister Schangeleidt will plötzlich Anton im Gefängnis sehen ... Aberwitzig, anarchisch, klug und weise erzählt HimbeerToni von den späten Ängsten großer Jungs erwachsen zu werden, von Freundschaft und der anhaltenden Vorläufigkeit guter Pläne." ... und der Klappentext für Mädels: "EIN MANN KRIEGT DIE WEHEN: Eigentlich wollten ja beide nie ein Kind haben. Aber bei Ada, freie Redakteurin bei ELLA, tickt die biologische Uhr. Dass sie ausgerechnet jetzt schwanger wird, passt ihrem Liebsten Toni gerade gar nicht ins Konzept. Der sympathische Weichei-Chaot will lieber erstmal weiter mit seinen Kumpels Party machen und bekommt prompt das große Flattern. Das ist genau das, was Ada jetzt so dringend braucht wie Heißhungerattacken und Schwangerschaftsstreifen.

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Seitenzahl: 281

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Joachim Seidel

HimbeerToni

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Problem-Charts, der neue Nachbar und das Schluckaufbaby

2. Der ultimative Chartbreaker: Von null auf eins und fünf nach zwölf!

3. Herr Blümchen, die Achtziger und eine Fata Morgana

4. Kurtchen in Farbe, eine lange Reise und jede Menge Dosenbier

5. Fünfundzwanzig Jahre Remo Smash, Balkanpunk und ein Pfefferminzkuss

6. Zwölf zahlende Gäste, fremde Federn und eine Telefonnummer auf einem Bierdeckel

7. Punk’s not dead, PM Schangeleidt und eine adrenalisierte Schwertkämpferin

B-Seite

1. On-/off-Beziehung, das Back-Stopp-Portal und Kuschelboxen statt Sex

2. Eine kleine Feier, die Spüli-Therapie und ein unorthodox? gekrümmter Handbremsknüppel

3. Roter Korsar, rote Beete, rote Lippen

4. Dreamkarl, Frau Gähdes und ab ins Flugzeug

5. Dick und Doof in Andalusien

6. Serge Gainsburg, Jane Birkin und ich

7. Gebrauchtes Vinyl, ein echter Punk,und Herr Blümchen lernt schwimmen

8. Hecheln mit Dörthe, Klapperschlangen im Bad und Ofen aus

9. Der elektrische Reiter, Stelzen-SOS und der doppelte Kurt

10. Fruchtwasser, zwei zuckende Augen und ein dreifacher Geburtstag

11. Ein singender Müllmann, Showdown mit Mutterkuchen und das Geheimnis des Brotteufels

12. Eine Woche voller Samstage und Welcome to Holgi Helvis & The Presleyholics featuring Radulescu Ursu and his famous Elvis Puppet Show

Coda/Bonus-Track

PRESSESTIMMEN:

Impressum neobooks

1. Problem-Charts, der neue Nachbar und das Schluckaufbaby

Anton aus Tirol – DJ Ötzi

Das Problem Nummer drei in meinem Leben ist seit einigen Jahren mein Name: Ich heiße Hornig, Anton Hornig, und die meisten nennen mich Toni. Natürlich bin ich nicht der Anton aus Tirol, aber diese DJ-Ötzi-CD habe ich, als sie damals erschien, gleich von drei Freunden zum Geburtstag geschenkt bekommen. Und fortan sangen alle, wenn sie mich trafen: »Er ist so schön, er ist so toll…«

Damit hätte ich mich vielleicht gerade noch arrangieren können, doch nur ein paar Monate später brachte Mousse T. ein Lied mit meinem Nachnamen im Refrain auf den Markt, und alle grölten jetzt: »I’m so Horny, Horny, Hornig« oder nannten mich gleich Horny Hornich. Und als dann Sponge Bob auf Super RTL lief, gesellte sich auch noch Plankton, jener amöbenhafte Widersacher von Mister Krabbs auf der erfolglosen Jagd nach der Krabbenburger-Geheimformel, in mein unseliges Spitznamenregister.

In letzter Zeit denke ich immer öfter daran, meinen Namen ändern zu lassen, aber meine Mutter ist gebürtige Finnin und heißt Sinisalo, was so viel heißt wie Blau (sini) und Ödwald (salo) – und Toni Sinisalo finde ich auch nicht wirklich besser.

Mein Problem Nummer eins aber heißt ganz klar Ada Teßloff, ist sechsunddreißig, sieht wahnsinnig gut aus, und wir zwei hatten seit Wochen keinen Sex, obwohl Ada und ich gerade mal seit vier Monaten zusammen sind.

Dabei bin ich eigentlich ’ne Frohnatur, doch in letzter Zeit – vor allem wegen der Probleme eins bis fünf – fühle ich mich manchmal wie Blödwald der Laue, ErdbeerSchorsch und Brause-Paul zusammen, kurz: wie der HimbeerToni vom Dienst.

Früher war ich Basser in ’ner amtlichen Punkband, und Probleme kannte ich eigentlich nur vom Hörensagen. Remo Smash war vorbildlich abgehangene 78er-Schule. Wir haben uns damals in Berlin getroffen und eine der besten Punkplatten überhaupt aufgenommen: Toilet love. Jetzt bin ich über vierzig (Problem Nummer vier), arbeite als freier Textknecht für verschiedene Verlage und versuche in der restlichen Zeit, bislang vergeblich, etwas Bleibendes für die Nachwelt zu hinterlassen (Problem Nummer fünf).

Aber ab heute, Freitagnachmittag, wird zurückgeschossen, denn wir, Remo Smash, feiern unser fünfundzwanzigjähriges Bandauflösungsjubiläum, und dazu werden erwartet: ihre Durchlaucht Herr Blümchen, mein ältester Freund am Schlagzeug, ich natürlich und Sänger Holgi Helvis, mein direkter Wohnungsnachbar. Fehlen werden Guitar-King Kurtchen »König« Reich, denn er ist seit einigen Wochen wie vom Erdboden verschluckt (Problem Nummer sechs), und natürlich Papa Punk, unser Leadgitarrist und Songschreiber, den es vor über zwanzig Jahren schwer zerrissen haben muss und der seitdem verschollen ist.

Mein Neueinsteigerproblem auf Platz zwei wohnt seit ein paar Tagen direkt über mir und meinem Etagennachbarn Holgi Helvis in Stockwerk sechs und hört, soviel ich weiß, auf den Namen Ursu – ein Mann, der so aussieht, als stamme er aus Gregorgisien oder einer anderen dieser früheren sowjetischen Teilrepubliken. Er ist der Logiergast von Ioan Rustavi, dem Intendanten des Theater- und Kulturzentrums unserem Haus gegenüber, wo Ursu, wie Rustavi sagte, schon letzten September mit seiner Puppe aufgetreten ist. Rustavi ist fast nie zu Hause und Hauptmieter der Dachgeschosswohnung über mir, in der diese Ursu-Knallcharge gerade wieder auf meinen und vermutlich auch Holgis Nerven rumtrampelt.

Zermürbt gehe ich rüber zu Holgi. Wir müssen etwas gegen diesen Radau tun. Seine Tür ist wie immer offen. Mein Nachbar liegt zwischen Stapeln von Autoprospekten und pennt. Dann öffnet er die Augen und bläst sein Bazooka-Kaugummi auf. Ich sehe mich um. Rechner und Scanner sind angeschaltet. eBay-Dreamkarl, so nennen wir Holgi manchmal, hat offenbar noch nicht Feierabend. Unter der Woche läutet Holgi nämlich seinen Feierabend für Job Nummer eins gegen zwölf Uhr mittags gewöhnlich mit einer bettschweren Einliterdose Elephant-Bier ein, die nach Verzehr sein Einschlafen beschleunigt. Ich nehme einen tiefen Zug aus Holgis Dose, die auf einem Prospektestapel steht, seinem provisorischen Nachttischchen.

»Mensch, tut das gut!«, sage ich. Über uns poltert es.

»Ey, lass uns hochgehen, Alter!«

Holgi richtet sich auf, greift sich ein frisches Bier. Ich wische mir den Mund am Ärmel meiner Adidas-Joggingjacke ab. Dann gehen wir ins Treppenhaus und tapern treppauf: General Anton Blech mit seinem Blechbüchsenarmisten Holgi Helvis im Schlepptau. Die Dosen im Anschlag, halten wir in Stockwerk sechs inne. Ich bücke mich, presse ein Ohr ans Türschloss. Drinnen spricht ein Mann mit hartem Akzent Englisch. Holgi lauscht ebenfalls. Er liegt mit seinem Tipp wohl richtig, dass der Fremde dort drinnen entweder mit sich selber kommuniziert und einen an der Marmel hat oder aber in ein Telefon spricht. Holgi geht in die Knie, späht durch den Briefschlitz. Ich drücke mein Ohr jetzt fest gegen die Tür.

»Yeah, fine, babe… No, I’ll start at about nine … last time old show, Ursu’s world’s famous magical puppet show, see ya tonight, Adä.«

Adä! Woher kenne ich den Namen? Klingt wie Ada, nur mit ä am Ende, denke ich, während ich mich aufrichte. Und Ada ist meine Geliebte. Direkt vor meiner Nase befindet sich ein Stück verchromtes Metall ohne Aufprägung. Kein Name. Weder Usus, Ouzo, Ursus der Schreckliche noch der des Kulturbetriebs-intendanten.

Ich drücke mein Ohr wieder an die Tür. Zack, geht die Tür auf. Holgi und ich fallen vor Schreck fast vornüber, mit den Ohren noch dort, wo eben noch die Tür war.

»What are you doing here?«

Wir heben die Köpfe und wandern mit dem Blick an einem dunkelhäutigen Mann mit Schmerbauch empor, den er unter einer Tunika aus schwerem schwarzen Vorhangstoff verbirgt. Etwas lugt aus der Tunika heraus. Es sieht einem toten Politiker ähnlich, den ich aus dem Fernsehen kenne, nur in klein. Das Etwas starrt uns aus geröteten Augen an. Dann zieht es sich in den schwarzen Umhang zurück.

Holgi ist sprachlos. Er, der ja auch an Aliens glaubt, kann seinen Blick nicht abwenden von dem Herrn mit dem seltsamen Wirtswesen. Die Stimme des Fremden hat überrascht geklungen, aber nicht unfreundlich. Ich betrachte das gebräunte Gesicht dieses nicht mal unattraktiven Glatzkopfs mit schorfigem Haaransatz. Auch auf den zweiten Blick, finde ich, sieht der Mann weder beängstigend noch besonders außerirdisch aus, denn er hält wie wir eine Dose Bier in der Hand, mit der anderen drückt er sich den Telefonhörer ans Ohr.

»Bye, love«, sagt er und legt das schnurlose Telefon auf der Garderobe ab. Seine Dose lässt er in einer Tasche seines Umhangs verschwinden. Der Mann sieht uns freundlich an und kratzt sich den schrundigen Haarkranz. Wie Schneeflocken rieseln feine Grind- und Schorfpartikel herab, die sich auf dem Umhang mit der seltsamen Wesenheit darunter sammeln. Eines steht fest, dieser Mann ist nicht Ioan Rustavi, der renommierte Theaterintendant. Dieser Herr mit der juckenden Kopfhaut würde nirgendwo auf der Welt als kaufmännischer oder künstlerischer Leiter eines wie auch immer gearteten Kulturbetriebs durchgehen – höchstens als Flohzirkusdirektor, der seinem Ensemble den eigenen Körper als Heim-, Schlafstatt und Futterquelle zur Verfügung stellt.

Und ganz offensichtlich hat der auch auf den dritten Blick recht muslimisch-orientalisch erscheinende Herr gehörig einen an der Marmel. Holgi denkt sicherlich das Gleiche. Mit jecken Typen kennen wir uns aus. Der Mann pult weiter an seinem Kopf. Soweit ich verstanden habe, ist er Künstler. Aber was kann man auch erwarten von einem Zeitgenossen mit blutigem Schorf in der Gesichtsmaske, der am helllichten Nachmittag Bier in sich hineinschüttet und eine kindsgroße Puppe vor dem Bauch spazieren trägt.

»Jetzt weiß ich’s«, rufe ich, »die sieht aus wie Slobodan Milosevic, dieser Serbenführer.« Auch Holgi kann den Blick nicht von der hässlichen Figur nehmen, die aus dem Umhang späht. Ruhe bewahren, denke ich, vielleicht ist der Typ ja richtig irre. Ich tue erst mal so, als wäre es das Normalste der Welt, mit einem hässlichen vor den Bauch geschnallten Wesen herumzulaufen, dessen Maul sich wie bei einem schnappenden Karpfen bewegt und sich dann wieder unseren Blicken entzieht. Wegen der eben belauschten Gesprächsfetzen entscheide ich, mich in Englisch zu verständigen, obwohl ich, sagen wir mal, dieser Sprache nicht gerade mächtig bin.

»I am your neighbour«, sage ich und zeige auf meinen Freund: »This is my friend Holgi.«

»He is called Horny and comes directly to you from down under«, erläutert Holgi und zeigt auf mich.

»Ah, you are horny and from down under«, wiederholt der Dicke.

»My real name is Anton, but you can say Toni to me«, verbessere ich.

Der Mann betrachtet nachdenklich die ordentlich gewienerten Holzdielen zu unseren Füßen.

»Hi, Toni, hi, Holgi, nice to meet ya«, kräht plötzlich eine Fistelstimme.

Woher kam das? Der Südländer hat seine Lippen nicht bewegt. Na klar, der Typ muss Bauchredner sein!

»Hol ihn mal raus!«, sage ich.

»Pardon?«

Holgi zeigt auf die Puppe. »Fetch him out, der kriegt ja gar keine Luft da drin! I mean, when it is a human being.«

»Human being?«

»Mensch!«

»Ah! You mean Milo!«

Der fremde Mann zieht den oberen Teil der Puppe unter seiner Kutte hervor. Der Unterkörper steckt auf einem Stock, der in seinem rechten Hosenbein verschwindet.

»You are Toni?«, krächzt die Puppe.

»Yes. In Englisch and German«, bestätige ich.

»Das Teil kann echt sprechen und sieht aus wie Slobodan Milosevic!«, freut sich Holgi. »Das ist ja ’n Ding.«

»Okay, ihr beiden«, lenke ich ein und fixiere den Südländer und seinen hässlichen Anhang. »The problem is, ich wohne genau unter dir und schreibe, you know? Schreiben. Wie Buch. Roman, you know.«

Holgi legt seinen Arm auf meine Schulter. »Anton – since years he is riding a Roman.«

»Riding a Romän?«, sagt der Fremde.

Langsam werde ich sauer. »Lass man stecken, Alter«, sage ich. »Ich hab kein’ Bock auf das Gekasper hier oben, ich muss arbeiten, schreiben, nix mehr tack, tack, verstehste, stop this Radau here…!«

»Du musst Englisch mit ihm sprechen«, fällt mir Holgi ins Wort. Holgi hat gut reden. Er kann aus dem Stegreif fast fünfzig Elvis-Texte auswendig singen. Mit siebzehn war er als Sänger zu Remo Smash gestoßen. Jahre später heuerte er bei den Fiesen Fettern an, ’ner drittklassigen Prollrock-Truppe für Arme, was ihn leider ziemlich aus der Spur geworfen hat.

»My name is Radulescu, not Radau«, sagt der Mann mit der Puppe.

Ich setze noch mal an. »Seltsamer Herr, I am a writer, not a fighter, sonst würde ich dir jetzt eins aufs Maul geben. I need my silence to write. I am directly from down under, und Holgi ist auch from down under, only the Wohnung daneben.«

»Down under, daneben?« Der seltsame Nachbar betrachtet Holgis Koteletten unter der fettigen Matte, die ausgeleierte Jogginghose und seine uralten Filzlatschen.

»Lass gut sein and don’t forget: Noise annoys or I call the Police«, sage ich.

»You just come up and say stop when it is too loud, okay? No police.«

»Don’t make this fucking Lärm again with your puppet or you’ll get heavy trouble with me and Toni!«, warnt Holgi.

»Bye, Ölgi, bye, Toni, for a free Kosovo, never ever Milosevic again, no Serbs and no police.«

»Letzteres liegt an dir, wie viel Krach du hier veranstaltest. Und freu dich, dass deine Heimat jetzt von fast allen Staaten anerkannt wird.«

»But they destroyed my show, my program!«

»Ruf doch die Polizei!«, sagt Holgi.

»By the way, boys. Be aware of a policeman here in Winterhude, his name is Schangeleidt, PM Schangeleidt, he hates Ausländers und Punks, too«, antwortet unser neuer Nachbar und lacht schallend. »You wanna join my show tonight? Come to the Kampnagel, the theatre on the other side of the street.«

Er reicht uns ein Faltblatt mit dem Programm. Dort steht: 20.30 Uhr: Die Zigeunerkapelle Fanfare Ciocarlia erreicht mit treibenden Paukenschlägen, schreienden Saxophon- und wilden Klarinettenklängen über zweihundert Beats pro Minute und hat bisher noch jeden Saal zum Kochen gebracht. Prämiert mit dem deutschen Schallplattenpreis. Im Vorprogramm: Radulescu Ursu, Kosovo, politische Pantomime, Bauchreden, Akrobatik auf Stelzen. Okay, Bauchreden und Weltmusik im Punkrhythmus, obendrein mit dem deutschen Schallplattenpreis prämiert, das könnte, mit ausreichend Umdrehungen im Blut, durchaus ein weiteres Programm-Highlight unseres Revival-Bandtreffens werden.

»Durchgeknallt, aber grundsympathisch«, kommentiere ich beim Runtergehen.

»War mir klar, Horni. So ’ne Typen gefallen dir.«

»Wie meinste das denn?«

»Du warst früher auch so drauf.«

»Vielen Dank, Holgi. Bist ’n echter Kumpel.«

»Sach ma, kennst du diesen … Schangeleidt?«

»Nee, Alter, Bullen kenne ich grundsätzlich nicht mit Namen.«

»Was jetzt?«, will Holgi wissen, als wir ein Stockwerk tiefer in meiner Küche Platz nehmen. Ich blicke rüber auf die kalt verglaste Fassade des Bürokomplexes, in dem die Staples-Hauptverwaltung das Überleben des dahinter liegenden Kulturzentrums sichert. Fünf Stockwerke unter mir rauscht der Verkehr vierspurig dahin.

»Plan ist: Ich hol Herrn Blümchen vom Bahnhof ab, und du, Holgi, sorgst für die angemessene Aufstockung unserer Biervorräte.«

»Gebongt. Nachher bin ich noch auf Sendung. Muss mich dringend umziehen.«

»Kannste gleich Werbung machen: Fünfundzwanzig Jahre Remo-Smash-Auflösungsparty im Schlachthof heute Nacht«, sage ich. »Beginn ist um elf, und unseren bekloppten Kosovaren auf Kampnagel kannste auch für heute Abend ansagen. Wir treffen uns bei mir um acht.«

»Gebongt«, sagt Holgi schon wieder und geht rüber in seine Wohnung.

Oben bei unserem Bauchredner bleibt es ruhig. Wahrscheinlich denkt er über sein neues Programm nach. Dann klingelt mein Telefon.

»Judith, allerbeste, gute Freundin. Wie geht’s?«, säusele ich.

»Ach, weißt du, Brunochen hat ganz schlimm Schluckauf, ich weiß gar nicht, was er hat.«

Na prima, denke ich, mit drei Jahren Erziehungsurlaub im Rücken kann sie es sich leisten, mir die nächste halbe Stunde minutiös die Befindlichkeiten ihres sechsmonatigen Balgs runterzubeten. Judith ist nämlich nicht nur meine Ex, sie ist seit April verheiratet mit Brunochens Vater. Und Stephan ist IT-Heini drüben bei Staples. Manchmal sehe ich meinen Nachfolger von meiner Küche aus, wie er zum nächsten Meeting über die Flure hetzt. Er arbeitet auch an Wochenenden, und er passt, wie ich finde, gar nicht zu Judith.

Na gut. Verstehen konnte ich Judith damals schon mit ihrem Kinderwunsch, als sie noch mit mir zusammen war; schließlich geht die Gutste auch schon schwer auf die vierzig zu.

Ada, meine geliebte Geliebte und derzeitiges Problem Nummer eins, will zum Glück kein Kind. Das haben wir gleich zu Anfang geklärt. Davon abgesehen kann Ada sowieso keine Kinder kriegen, wegen irgendeiner Eileiterverklebung, was eine Befruchtung zu neunundneunzig Prozent verhindert.

Als wir uns vor vier Monaten kennenlernten, hatte Ada gerade eine ›sehr körperbetonte Bekanntschaft mit einem exotischen Mann‹ beendet. Ich selbst stand damals an einer Art transzendentalem Wendepunkt meines Lebens. Ich war nämlich zu der glorreichen, aber für den üblichen Arbeitsalltag eines fest angestellten Lohnsklavenschreibers kaum nützlichen Erkenntnis gelangt, dass maximal die ersten fünfzehn Minuten im Büro ganz schön und gerade noch erträglich sind: also ankommen, grüßen und begrüßt werden, Kaffee holen, E-Mails checken und noch ein paar Minuten mit den Netten von der Kollegenschaft herumjuxen. Dann ist aber wirklich alles durchgehechelt, die Kaffeetasse leer getrunken, und – schon sind die ersten fünfzehn Minuten um. Wie oft wäre ich nur zu gerne ohne die sich anschließenden neun Stunden gleich wieder gegangen. Und weil ich mir das so von Herzen wünschte, kündigte mir der Chefredakteur meinen festen Vertrag. Seitdem mache ich dieselbe Arbeit frei auf Stundenbasis, ohne Urlaubsgeld und Lohnfortzahlung bei Krankheit, und das alles für zweihundertfünfzig Euro weniger im Monat. Dafür bin ich jetzt in der Künstlersozialkasse.

Judith dagegen hat’s gut. Sie sitzt als gelernte Fotografin zu Hause mit Baby Bruno rum, und Stephan zahlt. Natürlich war sie mit Stephan gleich schwanger, kaum dass wir uns on-off-mäßig am Trennen waren.

»Was ist das eigentlich für ein Geräusch im Hintergrund?«, frage ich etwas genervt. »Hört sich an wie ’ne Schmutzwasserpumpe.«

»Die kluge Frau baut eben vor, hab gehört, ihr feiert heute.«

»Stimmt, und ich hab echt viel um die Ohren«.

»Ach. Und was?«, will Judith wissen.

»Remo Smash feiert ab heute Split-Jubiläumswochenende, komm vorbei. Nachher ist Auftakt auf Kampnagel. Treffen um acht bei mir.«

»Ich arbeite dran, Toni, du weißt ja, ich stille Bruno noch voll, und wenn ich bei euch abstürze…«

»Musst ja nicht abstürzen, würd mich freuen, wenn du kommst.«

»Altpunkparty ohne Absturz ist doch langweilig, Toni. Entweder ganz oder gar nicht.«

Ich schaue auf die Uhr. »Judith, ich muss los, Herrn Blümchen abholen, außerdem schmerzt mein Schädel. Und seit ein paar Tagen leider auch mein Schwanz.«

»Kein Wunder. Du säufst zu viel.«

»Du meinst, mein Schwanz hat einen Kater?«

»Woher soll ich das wissen, wahrscheinlich vögelt ihr wie die Karnickel.«

»Ada und ich hatten seit einem Monat keinen Sex mehr.«

»Dann vögelt ihr eindeutig zu wenig.«

»Judith. Fragst du dich nicht auch manchmal: Was bleibt später mal von dir übrig?«

»Toni. Die Sinnfrage stellt sich für mich nicht mehr.«

»Wie biste denn dahin gelangt?«

»Schaff dir einfach ein Kind an, Toni, das bleibt.«

»Damit ich so ende wie du und Stephan. Nein, Judith. Mit was Bleibendem meine ich Musik, Kunst, Schreiben, etwas Großartiges eben.«

»Toni, du steckst eindeutig in einer Midlife-Krise. Soll ich dir mal einen ehrlichen Rat geben?«

»Nein!«

»Such dir ’nen festen Job, und eier nicht weiter als Freier rum. Das wird dich auf andere Gedanken bringen.«

»Das sagt Ada auch. Seit vier Wochen meckert sie in einer Tour an mir rum.«

»Vielleicht hat Ada ihre Tage?«

»Aber doch nicht einen Monat lang.«

»Vielleicht ist es ja was Ernstes?«

»Ada hat ’nen Termin bei ihrer Frauenärztin. Aber ich weiß nicht, ob die ihr helfen kann. Ohne Unterlass geht das seit vier Wochen: Toni hier, Toni da, dauernd hat sie was Neues an mir auszusetzen, und das trägt sie dann extra in breitestem Schwäbisch vor, weil sie genau weiß, dass mich das verrückt macht. Ich kann das jetzt auch schon. ›Toni, du hängsch dauernd in moir Wohnung ab. Geh doch rübr z dir. Sind doch nur 500 Medr. Und wenn du scho hir bischd: Siahsch nedd, dess dr Müllbeidl so auf koin Fall in den Mülleimr hinoighörd? Die Tüde muss undr den Henkl draa, siahsch, so, sonsch rudschd sie in den Eimr, und i muss den Dregg wiedr oisammeln. Muss man dir noh alls sage??‹ Ich sag dann: ›Ada. Sei mal ein bisschen locker. Das hätte ich schon noch gemacht.‹ Darauf sie: ›Wenn du scho den ganze Abnd hier abhängsch, kannsch ab jedzd bei mir arbeide, wo du sowieso dauernd moi Wohnung okkubiersch.‹ ›Locker bleiben, Ada‹, sage ich, aber es kommt nicht an. ›Wenn du no oimol doi Schuhe bei mir im Flur ausziahsch und bloß so hinknallsch, noh schmeiße i sie dir auf d Schdraße. Und di hinderhr. Hasch mi verschdande? Räum doi Schuhe fälligsch so weg, damid nedd jedr darübr schdolberd.‹«

»Das hört sich nicht gut an«, sagt Judith, »und das passt auch gar nicht zu Ada.«

»Wann ging denn damals bei uns beiden der Stress los?«

Judith schweigt, sie überlegt.

»So nach drei Jahren.«

»Vielleicht liegt’s ja daran: Ada arbeitet im Moment richtig viel. Nach dem Praktikum bei ELLA verdient sie jetzt als feste Freie zum ersten Mal gut Geld mit dem Schreiben. Sie ist ja auch schon fast siebenunddreißig.«

Im Hintergrund heult etwas auf.

»Wart mal, Toni, Bruno braucht was zu trinken, ich geb ihm rasch die Brust…«

Das Pumpgeräusch erstirbt, und Bruno schluchzt, wahrscheinlich schnappt er gerade vergeblich nach Judiths Milchbar. Dann läutet es an meiner Tür.

»Mal ehrlich, Toni. Wenn ihr beiden sowieso keinen Sex mehr habt, dann könnt ihr euch auch ein Kind anschaffen.«

»Danke für den Tipp, Judith, bist ’ne echte Freundin, dann bis heute Abend.«

Ich lege auf. Wovon redet die Frau eigentlich? Ich und ein Kind. Meine Türschelle bimmelt weiter, und in der Wohnung über mir donnert und kracht der Stelzenläufer. Überall Baustellen in meinem Leben, ich denke an mein Problem Nummer eins und gehe gemessenen Schritts zur Tür. Bereits bei unseren ersten Dates vor ein paar Monaten hatte sich bei Ada und mir offenbart: Wir ziehen uns magnetisch an, verfügen aber über diametral entgegengesetzte Temperamente. Ich höre am liebsten Punk-, Indie- und Glamrock, Ada Klezmer und Klassik. Sie trinkt Wein, verträgt nichts und ist Frühaufsteherin, ich bin Langschläfer und Biertrinker, und meine Mutter Piia Hornig, geborene Sinisalo, ist Finnin, und die können bekanntlich saufen, bis der Arzt kommt.

Außerdem belastet eine extrem unharmonische Planetenkonstellation unser Zusammensein. Das jedenfalls wurde uns an einer schäbigen Astro-Bude auf dem Hamburger »Dom« für zehn Euro von einem ratternden Nadeldrucker schwarz auf weiß attestiert. Kurzum – zwischen Ada und mir ist es die… GANZ GROSSE LIEBE.

2. Der ultimative Chartbreaker: Von null auf eins und fünf nach zwölf!

Baby love – Supremes

Ich öffne die Tür. Vor mir steht Ada. Und ein Stockwerk über uns ruckelt der Kosovare vor seiner Tür auf dem Treppenabsatz herum – auf Stelzen.

»Adä, you come to my show tonight?«, krächzt Milo von oben, während gegenüber die Wohnungstür aufgeht und Holgi zu uns auf den Flur schlurft. Mein Nachbar schaut zu Ada und mir, dann hoch und blökt: »Was geht ’n hier wieder für ein Punk ab?«

Welch ein Anblick: Obenherum trägt Holgi seine vollständige Elvis-Montur. Und zwar nicht Elvis, Memphis, Tennessee, 1956, rank, schlank, gut aussehend, sondern Elvis, Las Vegas, 1976/77, mit weißem, paillettenbesetztem Jackett plus chromglänzender Breitwandsonnenbrille in der gedunsenen Gesichtsmaske. Sein öliges Langhaar hat Holgi zusätzlich mit Pomade gebändigt und zu einem schulterlangen Pferdeschwanz verknüpft, sodass uns seine freigelegten Frühsiebzigerkoteletten regelrecht ins Auge springen.

»Kann i vielleichd mol naikomma, odr sollet dia Babbnohsa do älles midgriaga?«

Dass Ada schwäbisch spricht, werte ich als schlechtes Zeichen: »Äh, klar doch, ich mein, was gibt’s denn so Wichtiges, ich denke, du bist bei der Arbeit…«

»Schwätz koin Bäbb, Buala. Lass mi nai, sonsch gibd’s Ärgr, Toni, so isch des.«

Holgi spitzt die Ohren. Ärger in der engeren Nachbarschaft wittert er spürsicher wie ein Zollhund am Flughafen die Kokapaste im Handgepäck eines kolumbianischen Drogenkuriers.

»Ada, Toni, ich will euch ja nicht zu nahe treten, so ein Streit bringt nichts! Ihr müsst vernünftig reden miteinander«, sprudelt es aus ihm heraus.

Holgi als Fachmann in Sachen Beziehungsberatung? Meines Wissens hat er seit Jahren keine Frau mehr in die Nähe seiner Wohnung gelassen, zumindest seit seine Messie-Höhle fast ausschließlich aus Autoprospektestapeln besteht.

Entsprechend beachtet Ada Holgi nicht weiter. Und ich vergesse schlichtweg, den Türrahmen freizumachen und meine Geliebte hereinzubitten. Ada neigt den Kopf zu meinem Ohr.

»Ich war gerade bei Frau Gerstung.«

Ada sieht mich durchdringend an, und ich heuchle interessiertes Erstaunen an ihrer hochdeutschen Feststellung.

»Ach, Frau Gerstung. Wie geht es ihr?«

Schon ist Ada den Tränen nahe, und ich habe leider nicht die leiseste Ahnung, wer Frau Gerstung ist.

»Geht’s ihr nicht gut? Ich mein, Frau Gerstung.«

»Wie’s ihr geht? Frau Gerstung ist meine Frauenärztin, und ich bin in der zehnten Woche schwanger.«

Mir schwindelt.

»Moment mal?«, sagt Holgi. Und das denke auch ich.

Sofern mir mein Gehörsinn nicht gerade einen ganz üblen Streich gespielt hat, toppt in diesem Moment gerade ein neues Problem, mit Namen zehnte Woche, die Spitze meiner persönlichen Problem-Charts.

»Wie, zehnte Woche?«, stammle ich und sehe Ada flehend an.

»Ich, Ada Teßloff, bin in der zehnten Woche schwanger!«

Irgendwas stimmt hier nicht.

»Von wem?«, entfährt es mir.

»Von dir, du Schwachkopf!«

Schwangerer Altpunk-Schwachkopf will aber kein Kind, schießt es mir durch den Kopf. Und jetzt bin ich wirklich platt und bewege die Lippen wie ein Fisch.

Holgi gibt den Elvis und richtet seinen Zeigefinger auf Ada.

»Du bist schwanger?«

Dann zielt er auf mich.

»Von Toni?«

»Jungs, wenn ihr schon alle da seid. Mehr schwanger geht gar nicht«, sagt Ada.

»Dann schon mal alles Gute von meiner Seite.« Holgi Helvis, unser Paartherapeut, nimmt einen tiefen Schluck aus seiner Astraknolle.

»Horni Hornig wird Vater! Ich halt’s im Kopf nicht aus!«, schüttet Holgi sich aus, wobei sein Kopf wie bei einem Wackelhund auf der Hutablage im Auto hin und her pendelt.

»Was ist denn daran so ungewöhnlich?«, will ich jetzt wissen.

»Schon gut, Toni, versteh mich nicht falsch, hätt ich dir bloß überhaupt nicht zugetraut.«

Holgi trottet zu seiner Wohnungstür. Schlurf, schlurf. Und seine halb offenen Original-Siebzigerjahre-Galoschen verursachen das gleiche Geräusch wie seine runtergelatschten Hausschuh-Pantoletten, die ebenfalls aus der Erbmasse seines alten Herrn stammen.

»Alter, ich werd Taufpate, darauf geb ich einen aus.«

Ich lächle schwach und sage: »Verdammt, Ada, du kriegst ein Kind!«

»Wir kriegen ein Kind.«

»Ja klar, wir kriegen ein Kind!«

Ada fixiert mich wie einen bewegungsgestörten Autisten, dem gerade das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom diagnostiziert, das Ritalin von der Kasse gestrichen und die Pflegeversicherung gekündigt wurde. Auf jeden Fall verrät ihr Blick, dass sie sich den Vater ihres Kindes irgendwie anders vorgestellt hat.

Unser Mann von oben hat seine Stelzen abgeschnallt und gesellt sich zu uns. Ich versuche einen kühlen Kopf zu bewahren und zähle erst mal eins und eins zusammen.

»Ada, verrat mir bitte: Das geht doch rein rechnerisch gar nicht. Wir beide haben seit Ewigkeiten nicht mehr miteinander geschlafen!«

»Seit genau einem Monat!«

»Das ist aber lang!«, meint Paartherapeut Holgi, der vor seiner Wohnungstür stehen geblieben ist und mitfühlend nickt.

»That’s totally normal for pregnant women«, erklärt der Stelzenläufer. »I, myself, hab zwei children and two mothers in Kosovo.«

»Two mothers«, staune ich.

»Vier Wochen no sex, das ist no problem, only female hormones.«

»Aber wir haben doch aufgepasst!«, werfe ich in die Expertenrunde.

»Nicht verhütet?«, fragt Holgi ernst.

Ada schüttelt den Kopf und blickt hilfesuchend von mir zu unserem neuen Nachbarn – was geht den das überhaupt an? –, dann zu Holgi, den jetzt offenbar ein neuer Geistesblitz gestreift hat.

»Nur mal angenommen – also gesetzt den Fall – vielleicht ist Toni ja gar nicht der Vater?«

Ada, der Puppenspieler und ich setzen feindselige Mienen auf.

»Ich mein ja bloß«, sagt Holgi, er fühlt sich offenbar in die Enge getrieben. Ich fixiere die drei, beiße mir auf die Unterlippe, balle die Rechte zur Faust, schiebe den angewinkelten Arm rasch vor und zurück und rufe: »Leute, was zieht ihr so lange Gesichter? Ich werde Vater! Und das wird gefeiert.«

»Meinst du das ernst?«, fragt Ada und sieht mich ungläubig an.

»Ich hab nie was ernster gemeint.«

»Happy birthday, Adä, Toni«, kräht Milo, die hässliche Bauchpuppe, und schüttelt den Kopf. »We have to go upstairs: rehearsal. Hope you come all to my show tonight. I will put you on the guest list. Eintritt frei. You will see last time my old Kosovo-program.« Dann stakst er nach oben ab in seine Wohnung.

Auch Holgi wird unruhig. Er hat genug gesehen und gehört. Sein Interesse an Ada, mir und dem Embryo in ihrem Bauch scheint verflogen: »Noch mal die allerherzlichsten Glückwünsche«, singsangt jetzt Holgi Helvis, die alte Rampensau. Er zielt mit dem Zeigefinger auf Ada und mich: »See you later, old Holgi muss auf Sendung. And please do not forget to listen to Holger-Helvis-Räädiioo – hört mal rein nachher, Leute, wie jeden dritten Freitag im Monat, wenn es wieder heißt: Welcome to Helvis-Räädiioo mit dem einzigen one and only true Holgi Helvis, hail, hail, Punk ’n’ Roll!«

»Komm endlich rein«, sage ich zu Ada und nehme meine Geliebte fest in die Arme.

»Toni. Ich liebe dich, und ich will endlich einen Schlüssel für deine Wohnung«, flüstert sie.

»Kriegst du, und ehrlich – wir packen das mit dem Baby!«

Ada schaut immer noch etwas skeptisch, und dann rollen ihr wieder Tränen über die Wangen. Sie geht in meine Küche und setzt sich.

»Ich muss Schachting in der Redaktion Bescheid sagen, dass ich schwanger bin, Toni!« Ich reiche ihr ein Tempo.

»Das hat doch Zeit«, erwidere ich.

»Nein, ich finde es nur fair, dass die rechtzeitig planen können. Ich fahr gleich noch bei ELLA vorbei.«

Während sich Ada weiter die Tränen abwischt, suche ich im Küchenschrank vergeblich nach dem Zweitschlüssel.

»Ich finde das Teil nicht.«

»Toni, du musst dich ändern, bis das Kind da ist. Zumal, wenn wir dann zusammenwohnen!«

»Aber Ada, das Kind ist ja noch gar nicht auf der Welt!«

Ada lässt ihren Tränen wieder freien Lauf. Ich reiche ihr das nächste Papiertaschentuch.

»Woher kennst du eigentlich den Bauchredner?«, frage ich Volltrottel.

»Toni. Ich will einen Schlüssel zu deiner Wohnung, und wenn wir es nicht schaffen zusammenzuziehen, dann…«

Ada geht ohne Abschiedskuss und schlägt die Tür hinter sich zu.

Während ich meine Küche nach dem verdammten Schlüssel auf den Kopf stelle, höre ich vom Treppenhaus noch Adas Schluchzen. Dabei müsste ich sogar noch einen dritten haben. Verdammt. Ganz plötzlich wird mir flau im Magen. Und völlig unvermittelt tut sich der Boden unter meinen Füßen auf. Ich, Anton Hornig, blicke in die Abgründe meines bisherigen Lebens. »I’ve got Angst in my pants«, wie die Sparks diesen Zustand mal so treffend besungen haben. Wieder mal befällt mich diese diffuse Angst vor Bindung und Verantwortung. Zu wenig Geld, kein fester Job und seit Jahr und Tag an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Andere kriegen ihr Leben doch auch gebacken – und das viel früher. Und jetzt bekomme ausgerechnet ich ein Kind. Ich muss mich ablenken, haste in den Flur, sehe mich um. Der Anrufbeantworter blinkt. Scheißblechelse. Ich drücke auf Wiedergabe, Herrn Blümchens Telefonstimme quäkt: »Blümchen hier. Ich freu mich auf Hamburg und die Remo-Smash-Party. Und bring mal was zu lesen mit von deinem selbstgeschreibselten Kram. Ankomme Hauptbahnhof, zwanzig nach zwölf, und tschö.«

Noch mal verdammt. Es ist fünf nach zwölf.

3. Herr Blümchen, die Achtziger und eine Fata Morgana

Train kept a-rollin’ – Motörhead

Ich trinke mein Bier aus, nehme einen Stapel meiner literarischen Ergüsse aus dem Drucker, verstaue sie in meinem Eastpak-Rucksack und mache mich auf den Weg zum Bahnhof. Ich beschließe, weder Herrn Blümchen noch sonst jemandem von meiner Vaterschaft zu erzählen. Mann, wir machen dieses Wochenende Party. Angehender Vater kann ich danach noch lang genug sein.

Im Metrobus muss ich daran denken, wie alles begann: Holgi und Kurtchen waren längst von Hamburg nach Berlin gezogen, als Herr Blümchen und ich aus der Provinz in die Mauerstadt aufbrachen. Wir hatten schon als Teenager zusammen mit Papa Punk in unserem Kaff zusammen in einer Band gemuckt. Dann bekam Herr Blümchen seinen Einberufungsbescheid, wollte die nächsten zwei Jahre aber lieber in Berlin Schlagzeug spielen als zur Bundeswehr. Ich wurde zum Glück ausgemustert, schnappte mir meinen Basskoffer und ging mit.

Bevor wir auf Holgi und Kurtchen trafen, entsprach unser Dasein inhaltlich am ehesten dem Schriftzug auf einem verwitterten Emailschild an einer Westberliner Fabrikhalle, das Herr Blümchen und ich kurz nach unserer Ankunft an einem bitterkalten Januartag Anfang der Achtzigerjahre im tiefsten Kreuzberg entdeckt hatten. Wir, die zwei frisch zugezogenen Wessis, hatten tags zuvor auf dem Flohmarkt am Reichpietschufer abgewetzte Anarcho-Lederjacken erworben, so, wie es sich für zugereiste Neuberliner gehörte. Nun verharrten wir andächtig, zähneklappernd in unseren schwarzweiß gestreiften Spandexhosen mit signalfarbenen Stulpen über den Waden, denn dort auf dem Fabrikschild stand geschrieben:

Wir stellen ein:

Und darunter:

die Produktion

Das entsprach genau unserem Lebensgefühl.

Und heute? Trage ich weder Spandexhosen noch neongelbe Stulpen. Berlin ist längst keine Frontstadt mehr, aber im Winter so deprimierend wie eh und je.

Am Bahnhof angekommen, klingle ich nochmals bei unserem ›lost Gitarrero‹ Kurtchen durch. Seit über zwei Wochen schon ist er wie vom Erdboden verschluckt. Im Kino meinte eine Kollegin, Kurtchen habe kurzfristig Urlaub genommen. Aber ob und wohin er verreist ist? Elsbeth, Kurtchens Ex, will ich deswegen nicht behelligen. So besorgt bin ich dann auch wieder nicht. Kurt ist weiterhin nicht zu erreichen.

Herrn Blümchen erkenne ich schon von Weitem an seiner US-Marines-Brikettfrisur. Er kommt den Bahnsteig entlanggehumpelt, bleibt stehen und krümmt urplötzlich den Oberkörper nach vorn. Müde sieht er aus und fett. Wahrscheinlich hat Herr Blümchen wieder mal versucht, mit dem Rauchen aufzuhören. Er schwitzt und keucht vor Anstrengung, sein Kopf ist puterrot. Hundert Kilo Lebendgewicht muss man eben erst einmal bewegen können. Mein Freund steht nach wie vor geknickt neben sich und einem Koffer mit Rädern unten dran. Er starrt auf die Gleise. Ich fahre mit der Rolltreppe runter zu Gleis 13/14 und bleibe direkt hinter ihm stehen.

»Blümchen, Blümchen an der Wand…«

Herr Blümchen wendet sich um.

»…wer hat den größten im ganzen Land!«, sagt er, ohne eine Miene zu verziehen.

Wir nehmen uns in die Arme. Herr Blümchen zieht mich näher an sich heran und umarmt mich nach Kräften. Eigenartigerweise tut mir plötzlich der Schwanz weh.

Auf mein »Herr Blümchen, an diesem Wochenende liegt Punkrock in der Luft« reagiert der beste Freund halbherzig. Er schaut auf seine Uhr und sagt: »Ich brauch dringend ’ne Mütze Schlaf. Sonst wird das nix mit Pogo.«

»Und du willst Punk sein?«

»Fünfundzwanzig Jahre Remo Smash! Das sollte eigentlich reichen. Was steht sonst an?«, will Herr Blümchen wissen.

»Na ja, heute erst Zigeunerpunk mit ’nem komplett durchgeknallten Stelzenläufer im Rahmenprogramm, der jetzt über mir wohnt, ist genau unsere Kragenweite, anschließend Poetry-Slam und Remo-Smash-Alarm auf ’em Kiez und morgen um vier Uhr Forget the Night – Fugazi live in der Fabrik.«

»Fugazi live? Alter. Ich muss Sonntag wieder um halb drei raus.«

»Alter. Die spielen nachmittags um vier.«

»Wie? Punkrock am helllichten Nachmittag? Und was machen die nachts?« Herr Blümchen gähnt genüsslich.

»Abends haben die was Besseres vor, als sich vor einer Horde ungelenk rumhopsender, grimassierender Altpunks zum Affen zu machen.«

»Ich mach alles mit. Hauptsache, ich muss nicht singen«, grummelt Herr Blümchen.