Himmel über den Klippen - Judith Kern - E-Book

Himmel über den Klippen E-Book

Judith Kern

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Beschreibung

Zwei Herzen, die füreinander bestimmt sind … Unbeschwert wächst die junge Luise Anfang des 20. Jahrhunderts mit ihren Geschwistern auf dem Familienhof an den Klippen von Rügen auf. Hier lernt sie auch Jacob, den Sohn des Gutsverwalters, kennen, zu dem sie schon bald eine zarte Zuneigung spürt – doch Luises Eltern akzeptieren die Liebe der beiden nicht und zwingen ihre Tochter, sich von ihm fernzuhalten. Als der erste Weltkrieg seine Schatten bis zur Ostseeinsel ausbreitet, meldet sich Jacob freiwillig für die Front, in der Hoffnung, dort sein gebrochenes Herz vergessen zu können. Luise bleibt auf Rügen zurück, wo sie bald ihre eigenen Schlachten zu schlagen hat – doch nie gibt sie die Hoffnung auf, ihre große Liebe eines Tages wiederzusehen … Ein ergreifender Ostsee-Roman von SPIEGEL-Bestsellerautorin Judith Kern.

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Seitenzahl: 588

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

Unbeschwert wächst die junge Luise Anfang des 20. Jahrhunderts mit ihren Geschwistern auf dem Familienhof an den Klippen von Rügen auf. Hier lernt sie auch Jacob, den Sohn des Gutsverwalters, kennen, zu dem sie schon bald eine zarte Zuneigung spürt – doch Luises Eltern akzeptieren die Liebe der beiden nicht und zwingen ihre Tochter, sich von ihm fernzuhalten. Als der erste Weltkrieg seine Schatten bis zur Ostseeinsel ausbreitet, meldet sich Jacob freiwillig für die Front, in der Hoffnung, dort sein gebrochenes Herz vergessen zu können. Luise bleibt auf Rügen zurück, wo sie bald ihre eigenen Schlachten zu schlagen hat – doch nie gibt sie die Hoffnung auf, ihre große Liebe eines Tages wiederzusehen …

Über die Autorin:

Judith Kern, 1968 geboren, wuchs in der Nähe von Stuttgart auf. Sie studierte in Paris, Tübingen und Hamburg Politikwissenschaften, Germanistik und Romanistik und arbeitete lange als Redakteurin. Wenn sie keine Bücher schreibt oder auf Recherche-Reise ist, arbeitet sie heute in Hamburg als Wissensmanagerin.

Bei dotbooks veröffentlichte sie ihre Romane »Das Leuchten des Sanddorns«, »Sturmjahre auf Hiddensee« und »Himmel über den Klippen«.

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eBook-Neuausgabe Juli 2025

Copyright © der Originalausgabe © 2014 by Knaur Taschenbuch.

Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt

Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung eines Motives von Ana / Adobe Stock sowie mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ma)

ISBN 978-3-98952-793-5

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

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Judith Kern

Himmel über den Klippen

Rügen-Saga

dotbooks.

Erster Teil

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Zweiter Teil

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Dritter Teil

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Lesetipps

Erster Teil

Kapitel 1

Das Spiegelbild war nicht freundlich zu ihr. Wie überhaupt das ganze Leben nicht freundlich zu ihr gewesen war in den vergangenen Monaten. Überall auf ihrem Gesicht glaubte sie Falten zu sehen. Um ihre Augen, ihren Mund, selbst auf ihrer bislang makellosen Stirn hatten sie sich eingegraben. Was hatte sich Ferdinand nur dabei gedacht, sie hierher zu verschleppen in diese Wildnis, zu diesen Trampeln, in dieses unwirtliche Leben.

»Auguste! Bist du soweit?« Seine Stimme klang aufgeregt wie die eines Schuljungen, der seinen ersten Schultag kaum erwarten kann. Seit er sich in den Kopf gesetzt hatte, den Weg seines Großvaters zu beschreiten, lag in seiner Stimme dieser überhitzte Ton. Wenn sie es nicht besser wüsste, sie hätte geschworen, er sei nicht ihr Mann.

Sie tat so, als würde sie ihn nicht hören. Auch auf das Klopfen an ihrer Tür zeigte sie keine Reaktion. Und dennoch streckte er Sekundenbruchteile später seinen Kopf in ihr Zimmer.

In Berlin hätte er gewartet, bis sie ihm ein Zeichen zum Eintreten gegeben hätte. Aber hier schienen andere Regeln zu gelten. Ach was, Regeln, hier herrschte reinste Anarchie. Als sie vor einer Woche angekommen waren, standen in der Eingangshalle noch zwei Schränke und eine Kommode von diesem Mehrich und seiner Familie. Und im obersten Stockwerk belegte er noch immer ein Zimmer mit seinen Sachen – Stühle, ein Tisch, Papiere, Zeitungen. Ein kurzer Blick hatte genügt, und sie wusste, dass sie das Zimmer erst würde desinfizieren müssen, bevor sie es benutzen konnte. Alles roch nach Gülle. Sie brauchte dringend eine Haushälterin, die sich darum kümmerte.

»Es ist Zeit. Die Leute warten schon«, sagte er, seinen Zylinder in der Hand, den er ungeduldig gegen seinen Oberschenkel schlug.

»Ich weiß noch nicht einmal, was man zu so einem Anlass anzieht«, erwiderte sie, ohne sich nach ihm umzudrehen.

»Dein bestes Kleid natürlich.«

»Für so eine Sauerei?« Allein der Gedanke daran ließ sie würgen. »Wenn wir in die Oper gingen oder ins Theater. Herrje, Ferdinand, sag bitte, dass das alles nur ein böser Traum ist.«

Er lachte, er konnte einfach nicht anders. Seitdem sie hier waren, hätte er am liebsten die ganze Welt umarmt. Selbst die schlechte Laune seiner Frau vermochte seiner Freude nichts anzuhaben. Dieses Gut zu kaufen war die beste Entscheidung seines Lebens gewesen. Wie herrlich es hier roch. Und dann der Blick. Über sanft abfallende Hügel, wogenden Wellen ähnlich, schaute man direkt aufs Meer. Und dabei hingen in diesen Novembertagen tiefe Wolken über Rügen. Wenn erst die Sonne schien, wenn die Felder in voller Pracht stünden, offenbarte sich der Ort auch seiner Frau als Paradies, daran zweifelte er nicht. Er jedenfalls hatte sich von der ersten Sekunde an heimisch gefühlt.

»Beeil dich, bitte. Wir wollen doch einen guten Eindruck hinterlassen.«

Sie sagte nichts, aber einen guten Eindruck hinterlassen war so ziemlich das Letzte, was sie wollte. Sie wollte mit all diesen Menschen da draußen nichts zu tun haben. Sie wollte einfach nur nach Hause. Langsam stand sie auf. Der samtene Stoff ihres Kleides fühlte sich schwerer an als sonst, als hätte er all die Feuchtigkeit in sich aufgesogen, die sich in diesem kalten Gemäuer über ein Jahrhundert angesammelt hatte. Das Kleid würde sie danach ohnehin wegwerfen können. Nur gut, dass sie nicht ihr bestes gewählt hatte.

Sie streckte ihren Rücken durch und blickte ihren Mann mit einem Widerwillen an, den er geflissentlich übersah. »Dann lass es uns hinter uns bringen.«

Ein Raunen ging durch die Menge, als sie am Kopf der Treppe erschienen. In Windeseile stellten sich die Kinder zu einem Spalier auf. Alle Augen richteten sich jetzt auf sie beide, die der Kinder ebenso wie die des Kutschers, des Schweinemeisters, des Melkmeisters, der Tagelöhner, der Bauersfrauen, des Inspektors und seiner Familie. Für einen Moment herrschte ehrfürchtige Stille.

Es lagen nur fünf Stufen zwischen der Eingangstür des Gutshauses und dem mit Kies aufgeschütteten Hofplatz, aber für Auguste von Salen war es, als käme sie Stufe um Stufe dem Ungeheuerlichen, Unabwendbaren, der schrecklichen Wirklichkeit immer näher. Eine Woche lang hatte sie so getan, als wäre sie gar nicht hier, war nicht einmal vor die Tür gegangen, hatte alles Rosa überlassen, ihrer Köchin aus Berlin. Und nun gab es kein Entrinnen mehr.

Rechter Hand lagen die Schweineställe, und Ferdinand von Salen führte seine Frau geradewegs dorthin. Sein aufrechter Gang, sein edler Frack, alles an ihm verriet seinen Stolz. Auf Augustes Gesicht war keine Regung zu erkennen. Sie hatte sich fest vorgenommen, sich nichts von ihrem Ekel anmerken zu lassen. Schließlich ging das nur sie und Ferdinand etwas an. Allenfalls ihre Kinder durften noch wissen, wie widerwärtig ihr das alles hier war.

Um sie herum herrschte nun geschäftiges Treiben. Wassereimer wurden geschleppt, Messer gewetzt, Bottiche vor dem Stall aufgestellt. Während Auguste gerade eben noch geglaubt hatte, in die immergleichen groben, vom Wetter gegerbten Gesichter zu blicken, erkannte sie jetzt Viktor, ihren Ältesten, der gerade mit zwei großen leeren Eimern an jeder Hand aus dem Stall kam. Ihm folgte Luise, die Jüngste. Sie trug eine Decke unter dem Arm. Und etwas abseits sah sie auch Anton stehen, neben einer in ihren Augen selbst für diese Gegend sonderbar kauzigen Gestalt.

Es war Schlachttag, ihr und ihrem Mann und ihren Kindern zu Ehren. Und wie es sich für eine Gutsherrin gehörte, war es ihr vorbehalten, das Blut umzurühren, damit es nicht gerann.

Der Schlachter führte die Sau aus dem Stall. In Augustes Ohren schrillte ihr Quieken schlimmer als jeder Presslufthammer, den sie neuerdings in Berlin zum Bau der U-Bahn einsetzten. Wie gern wäre sie jetzt dort gewesen. Direkt neben eine der Baustellen hätte sie sich gestellt, freiwillig, einen ganzen Tag lang. Aber Berlin war weit weg. Das hier, dieses Gut, dieser Hof, diese Menschen, dieses Fest – ja, sie hatten es ein Fest genannt, Ferdinand und ihre Kinder, sogar Anton hatte sich darauf gefreut, was ihr unbegreiflich war –, war jetzt ihr Leben.

Schnell hatte sich um sie und das Tier und den Schlachter ein Kreis gebildet. Viktor rieb sich aufgeregt die Hände, Luise drängte sich nach vorn, damit sie besser sehen konnte, Ferdinand stand dicht neben ihr, die Arme verschränkt. Sie erkannte Paul Mehrich, den Inspektor, der, aufgelehnt auf seinem Stock, einer Gruppe Männern Anweisungen zu geben schien. Auch der Mehrich hat einen Zylinder auf, wie Ferdinand, dachte Auguste noch, aber da hob der Schlachter auch schon seinen Vorschlaghammer, und alle Aufmerksamkeit richtete sich jetzt auf ihn.

Es war mucksmäuschenstill. Nur das Quieken der Sau hallte über den Hof. Auguste hätte am liebsten die Augen geschlossen, dabei kam das Schlimmste erst noch.

Ein gezielter Schlag genügte, und das Tier war verstummt. Ohne zu zögern, rannten die jüngeren Kinder zu dem betäubten Schwein und streichelten über seinen prallen warmen Bauch. Das hatten hier noch alle Kinder gemacht, und das Ritual gehörte ebenso zu einem gelungenen Schlachtfest wie das Schwarzsauer am Abend.

Der Schlachter packte das Schwein an den Hinterhachsen und hängte es kopfüber auf.

»Gnädige Frau.« Er zeigte auf den großen Eimer neben Auguste. »Wenn Sie nun den Bottich ...«

Wortlos stellte sie ihn unter das Tier, direkt unter dessen Kopf. Eine der Bauersfrauen reichte Rosa, der Köchin, einen langen Holzrührlöffel, den diese an Auguste weitergab. Die Blicke der beiden Frauen trafen sich nur kurz, aber Auguste glaubte auf Rosas Gesicht den Ekel der ganzen Welt zu erkennen.

Das Messer traf das Schwein mitten ins Herz.

»Gnädige Frau«, hörte sie wenig später den Schlachter erneut sagen, »Sie müssen jetzt rühren.«

Aus dem toten Tier rann das Blut, erst in einem dünnen Rinnsal, dann immer kräftiger. Es roch grauenvoll. Dabei hatte sie schon viel schlimmere Gerüche in der Nase gehabt, Gerüche wie Mist und Moder, Gerüche der Verwesung. Dieses Blut, dieses tote Fleisch, diese klaffende Wunde hingegen rochen nach einem letzten Aufbäumen ohne Hoffnung.

Kaum füllte sich der Eimer, schien der blutrot gefärbte Schweinekopf um sie zu kreisen. Auch der Stall und der Schlachter wackelten bedenklich. Die anderen Menschen verschmolzen vor ihren Augen zu einem Klumpen. Es fehlte nicht viel, und sie wäre gefallen. Mit etwas Pech direkt in den Bottich. Aber Auguste hielt sich beharrlich an dem Stück Holz fest und rührte das Blut.

Langsam löste sich die Menge um sie herum auf. Weitere Schweine standen auf der Schlachterliste, ebenso zwei Rinder. Außerdem gab es viel zu bereden. Nicht nur, dass alle guter Stimmung waren, schließlich versprach dieser Tag für das kommende Jahr fette Würste, dicke Schwarten und feinste Braten, auch die neuen Gutsbesitzer wollten genau in Augenschein genommen werden.

»Siehst du, wie blass sie um die Nase ist?«, fragte eine der Bäuerinnen eine andere, die wie sie mit verschränkten Armen etwas abseits stand.

»Ach, ich finde, sie hält sich wacker. Wenn ich da an die anderen denke. Ich frag mich nur, was er eigentlich die ganze Zeit zu lachen hat.«

»Dem wird das Lachen schon noch vergehen, glaub mir. Allen ist hier noch das Lachen vergangen«, sagte sie, ohne ihren Blick von Auguste abzuwenden.

Für Auguste, die wie in Trance rührte und noch nicht einmal Wortfetzen des Gesprächs aufgeschnappt hatte, kam die Erlösung in Gestalt von Luise. Unter anerkennendem Murmeln des Schlachters löste sie ihre Mutter ab.

Auf wackligen Beinen zwar, aber den Kopf hoch erhoben, ging Auguste von Salen über den Hof. Von allen Seiten trafen sie Blicke. Sobald sie jedoch näher kam, wichen die Menschen zurück und senkten die Köpfe. Keiner sagte etwas, nur einmal schnappte sie ein Nicken auf.

»Auguste, warte.« Ferdinand war ihr mit schnellen Schritten gefolgt. Eine kurze Unterredung mit seinem Inspektor hatte ihn abgelenkt, so dass er nicht wie geplant seine Frau gleich nach dem Ereignis hatte beglückwünschen können. »Komm.« Er reichte ihr seinen Arm zum Unterhaken. »Lass uns ein ruhigeres Plätzchen suchen.«

Nur widerwillig ging sie mit ihm mit, erneut vorbei an den Ställen, dem Wirtschaftsgebäude, der Tenne, in der am Abend das große Fest stattfinden würde, bis hinter die Hofanlage vor zu den Feldern.

»Herzlich willkommen auf Gut Blietzow«, sagte er feierlich, als sie endlich allein waren. »Darf ich dir zu deiner gelungenen Initiation als Gutsherrin gratulieren?«

Auguste zog die Augenbraue hoch. »Initiation? Was für eine gewählte Wortwahl in dieser Wildnis. Du weißt, dass ich gut darauf hätte verzichten können.«

»Ich weiß, meine Liebe, ich weiß.« Seine gute Laune war unerschütterlich. »Aber glaub mir, Berlin war ein Irrtum, nicht Rügen. Schließlich gehörte das alles einmal meinem Großvater. Ich finde, es wurde höchste Zeit, dass dieses Gut wieder in den Familienbesitz zurückgekehrt ist.«

»Du hast gut reden. Wer hat denn eben das Blut gerührt, du oder ich?«

Sein Backenbart hüpfte unter seinem Zylinder, so sehr freute er sich. »Der Mehrich hat mir erzählt, dass die Frau des letzten Gutsbesitzers beim ersten Schlachten ohnmächtig geworden sei. Kannst du dir den Tratsch vorstellen?

Unser Einstand hingegen ist phantastisch. Gleich nächste Woche habe ich einen Termin mit dem Ortsvorsteher von Lohme, und vor Weihnachten noch will mich der Landrat empfangen.« Er legte seinen Arm um ihre Schultern. »Auguste, sag doch, ist es nicht herrlich hier?«

Auguste schwieg, während ihr Blick über die Felder hinunter zum Wasser glitt. Trostlos sahen sie aus in diesem diesigen Licht, fast ebenso grau wie das Meer, das sich kaum vom Himmel unterschied.

Kapitel 2

Am Abend fand das große Schlachtfest statt. In der Tenne war ein langer Tisch aufgebaut. Suppenteller stapelten sich am linken Ende, und daneben lag ein Berg Löffel. An die Balken hatte jemand zwei Strohknäuel gehängt, die mit viel Wohlwollen als Schweineköpfe gedeutet werden konnten. Ansonsten war es karg, vor allem aber kalt in dem Raum. Auguste hatte gefroren wie noch nie in ihrem Leben, als sie am Nachmittag gemeinsam mit Rosa den Platz in Augenschein genommen hatte.

Um den Tisch und die Stühle hatte sich Alma Mehrich, die Inspektorenfrau, gekümmert. »Unser Willkommensgeschenk«, wie sie gesagt hatte, bevor sie nach Jakob und Ella gerufen hatte, ihren Kindern, die ihr beim Aufbauen helfen sollten. Fürs Essen und die Getränke hatten die von Salens zu sorgen. So wollte es der Brauch, und Auguste war klug genug, um zu wissen, dass sie sich dem ebenso wenig widersetzen konnte wie dem Blutrühren am Mittag. »Ein Schlachtfest.« Auguste schüttelte den Kopf. »Rosa, ich vertraue auf dich. Ich hoffe, du weißt, was du zu tun hast.«

»Aber Frau von Salen!« In Rosas Augen stand das Entsetzen. »Schwarzsauer. Ich habe so etwas noch nie gekocht.«

»Dann hol dir Hilfe. Da draußen ist schätzungsweise ein gutes Dutzend Frauen, und ich bin mir sicher, dass jede Einzelne von denen schon mehr als einmal in ihrem Leben Blutsuppe zubereitet hat.«

»Blutsuppe.« Rosa würgte. »Bitte sprechen Sie dieses Wort nicht aus. Keinen Löffel werde ich davon nehmen.«

»Rosa, Liebes, denk an die schönen Karpfen und Rehrücken, die du für uns in Berlin serviert hast. Weißt du noch, wie General Schmeritz einmal zu dir in die Küche gekommen ist, um dich für deine Rotweinsauce zu loben? Heute Abend soll dir ganz Rügen zu Füßen liegen. Die sollen die beste Blutsuppe bekommen, die sie hier auf dieser vermaledeiten Insel jemals gegessen haben.«

Der Topf, den Rosa am Abend mit Viktors Hilfe in die Tenne brachte, war für ihr Gefühl größer als alle Töpfe zusammen, die sie in Berlin je zur Verfügung gehabt hatte. Es roch nach Lorbeer und Nelke, nach Pfeffer und Wurzelgemüse, aber der Anblick war nicht annähernd so gut wie der Duft. Zumindest nicht für Rosa, die sich beim Zubereiten geschworen hatte, so etwas nie wieder kochen zu wollen, und sich jetzt über die leuchtenden Augen der Männer und Frauen wunderte, die erwartungsfroh auf sie und den Topf mit ihrer ersten Schwarzsauer-Suppe blickten. Die Kartoffelklöße waren dagegen ein Klacks gewesen, auch wenn sie so viele hatte machen müssen wie noch nie zuvor in ihrem Leben.

Die Schüsseln mit den Klößen trugen Anton und Luise. Rosa hatte sie dazu verdonnert, und der vierzehnjährige Anton, der sich vergeblich geweigert hatte, sah entsprechend missmutig aus, als er die Klöße auf den Tisch stellte. »Was ist denn mit dem los?« Ella Mehrich, die fünfzehnjährige Tochter des Inspektors, stupste ihren Zwillingsbruder an. »Der geht ja wie der alte Kahnick.«

»Sieht ganz schön behindert aus«, sagte Jakob und zog wie zum Beweis sein linkes Bein nach.

»Ein Hinkebein.« Ella stöhnte. »Das hat uns gerade noch gefehlt. Ich frag mich ohnehin, was die hier wollen. Und diese Luise in ihrem feinen Kleidchen. Wenn sie sich das bloß mal nicht schmutzig macht.«

Jakob zuckte mit den Schultern. »Die bleiben nicht lange, da kannst du drauf wetten. Vater meint, dass der von Salen keine Ahnung hat.«

»Was hast du da gerade gesagt?« Viktor von Salen, ein Jahr älter als die Geschwister und um einen Kopf größer, baute sich vor den beiden auf.

»Geht dich gar nichts an.« Ella grinste.

»Geht mich wohl was an«, erwiderte Viktor grimmig. »Ihr steht hier auf meinem Grund und Boden.«

»Sein Grund und Boden. Hast du das gehört, Jakob?« Jakob nickte seiner Schwester verschwörerisch zu, während er wie Viktor seine Hände in die Hüften stemmte.

»Ihr wisst wohl nicht, mit wem ihr sprecht?«

Jakob und Ella brachen fast zeitgleich in Lachen aus. »Doch«, kam es wie aus einem Mund, »mit einem aufgeplusterten Gockel.«

»Ihr seid ja noch einfältiger, als ich mir euch Bauernlümmel vorgestellt habe. Es ist höchste Zeit, dass man euch mal etwas Respekt beibringt.«

»Wenn du meinst«, sagte Ella spöttisch und stellte sich mit herausforderndem Blick vor ihren Bruder. »Dann zeig mal, was du so kannst.«

»Ich prügle mich doch nicht mit kleinen Mädchen.«

»Und was ist mit großen Jungs, hast du vor denen auch Angst?«

Jakob schob seine Schwester zur Seite, so dass er jetzt direkt vor Viktor stand. Angestrengt blickte er zu diesem auf. Viktors Augen funkelten, aber er rührte sich nicht. Dabei hätte ein Schlag genügt, und Jakob hätte am Boden gelegen. Das spürte auch Jakob, und dennoch senkte er nicht seinen Blick. Ella wurde es langsam mulmig. Als sie kurz davor war, ihren Bruder von Viktor wegzuziehen, schallte zu ihrer Erleichterung Ferdinand von Salens tiefe Stimme durch die Tenne.

»Pass in Zukunft bloß auf, was du sagst«, flüsterte Viktor Jakob noch ins Ohr, bevor er sich an die Seite seines Vaters gesellte, der seine ersten Begrüßungsworte als Gutsherr sprach. »Es erfüllt mich mit Stolz, Sie heute hier willkommen zu heißen. Zu unserem ersten gemeinsamen Schlachtfest«, begann er und sprach dabei so bedächtig, dass auch die Letzten noch Zeit fanden, sich zu setzen. Dann hob er seine Stimme. »Und was für ein Fest das ist! Zehn Schweine und zwei Rinder wurden heute geschlachtet!« Und als könnte er es kaum glauben, wiederholte er die Zahl gleich noch einmal. »Zehn Schweine und zwei Rinder! Was das in Würsten ausgedrückt bedeutet, muss ich Ihnen sicherlich nicht sagen. Dass damit aber der Grundstein gelegt wurde für ein erfolgreiches Jahr 1908, will ich nicht versäumen zu betonen.«

Ein Raunen ging durch die Menge, Blicke wurden getauscht. Jemand flüsterte seinem Tischnachbarn zu: »Säen wir jetzt mit Würsten aus?«

Unbeeindruckt fuhr Ferdinand von Salen fort. »Wie Sie vielleicht wissen, ist dieses Gut nach mehr als siebzig Jahren in den Familienbesitz der von Salens zurückgekehrt. Und glauben Sie mir, ich und meine Frau und meine Kinder«, er winkte seine Familie näher zu sich heran, »wir sind uns der Verantwortung, die damit verbunden ist, wohl bewusst. Wir wollen das Gut wieder zu dem machen, was es einmal war – der Stolz der von Salens und ein Paradies auf Jasmund.« Er hielt kurz inne, als würde er auf Applaus warten, aber alle sahen ihn nur mit großen Augen an. Auch kein Flüstern war mehr zu hören, nur Alwine, das Nesthäkchen der Mehrichs, rutschte ungeduldig auf ihrem Stuhl herum. »Mir ist wohl bewusst, dass das Gut schwierige Zeiten hinter sich hat. In den letzten Jahren war die kaiserliche Zollpolitik der Landwirtschaft nicht gerade freundlich gesinnt. Darüber hinaus hat das schlechte Wetter im vergangenen Jahr meinem Vorgänger im wahrsten Sinne des Wortes die Ernte verhagelt und Ihnen damit auch Ihren Lohn. Aber lassen Sie uns positiv in die Zukunft blicken. Mit Inkrafttreten der neuen Zolltarife im vergangenen Jahr ist meines Erachtens bereits ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung gemacht worden.« Sein Blick traf auf Paul Mehrich am anderen Ende des Tisches, der ihm kaum merklich zuzunicken schien. »Natürlich wäre es vermessen zu behaupten, wenn ich sagen würde, ich hätte auch eine Lösung gefunden, wie wir in Zukunft das Wetter zu unseren Gunsten beeinflussen können, aber ich verspreche Ihnen, ich werde alles daransetzen, Möglichkeiten zu finden, um uns gegen derartige Katastrophen besser zu wappnen.«

»Na, da bin ich ja mal gespannt«, flüsterte der Kutscher seinem Tischnachbarn zu, aber der zuckte nur mit den Schultern.

»Alle zwei Jahre ein neuer Gutsbesitzer. Da wird man ja irre im Kopf.«

Ferdinand von Salen, der von alldem nichts mitbekommen hatte, lachte jetzt wieder sein breitestes Lachen. »Es sei denn, unter Ihnen befindet sich jemand mit einem direkten Draht zum Himmel. Der möge sich bitte nachher vertrauensvoll an mich wenden.«

»Der Kahnick, der kann das Wetter riechen«, rief Ella.

Jakob und einige andere lachten, während Alma Mehrich ihrer Tochter einen bösen Blick zuwarf. »Hör bloß auf mit diesen Spukgeschichten«, zischte sie.

»Ella! Still jetzt!« Paul Mehrich sah entschuldigend zu Ferdinand von Salen, während es am Tisch langsam unruhig wurde.

»Wie lange will der denn noch reden?«, beschwerte sich einer, ohne sich sonderlich Mühe zu geben, leise zu sprechen. »Wenn der so weitermacht, versäumt er noch die Frühjahrssaat.«

Viktor, dem diese Bemerkung nicht entgangen war, hatte Mühe, sich zu beherrschen. Mit geballten Fäusten stand er neben seinem Vater und stellte sich vor, wie er später den Stallburschen für seine Frechheit bezahlen ließ.

Sein Vater zeigte sich dagegen amüsiert. »Es freut mich, dass Sie auch jetzt, da diese wunderbare Blutsuppe auf uns wartet, noch immer an die Arbeit denken. Glauben Sie mir, ich weiß das zu schätzen, denn auch meine Gedanken kreisen unermüdlich um die Zukunft dieses Guts. Und darum möchte ich Ihnen hier und heute noch ein Versprechen geben: Spätestens in zwei Jahren wird auch das Gut Blietzow über einen Anschluss an die Kleinspurbahn verfügen.« Der Applaus war verhalten, zu viel war ihnen in den vergangenen Jahren schon versprochen worden – Platz im Stall für eine eigene Kuh, ein größeres Stück Land zur privaten Nutzung, fließend Wasser. Was brauchten sie da einen Anschluss an die Bahn? Damit würden nur noch mehr Fremde nach Lohme kommen und die Jungen noch schneller das Weite suchen.

Kapitel 3

Je mehr Bier an diesem Abend floss, desto ausgelassener wurde die Stimmung. Schnell war die von den meisten als ermüdend empfundene Rede vergessen, und auch dass die Blutsuppe nicht annähernd so gut schmeckte wie die von Alma Mehrich, sorgte irgendwann nicht mehr für aufgeregtes Flüstern.

Kaum hatte nämlich Rosa die leeren Teller und Schüsseln abgeräumt, erhob sich der Schweinemeister und lobte wie jedes Jahr einen Wettbewerb aus. Wem es als Erstes gelänge, einen der am Balken befestigten Strohschweineköpfe mit einem Holzstab abzuschießen, würde zum neuen Schlachterkönig gekürt.

»Unser amtierender König hat uns ja leider im letzten Sommer Richtung Spycker verlassen. Nutzt also die Gelegenheit, seinen Rekord von nur drei Würfen zu brechen«, sagte der Meister und forderte alle Männer ab zwölf Jahren zum Mitmachen auf.

Tisch und Stühle wurden zur Seite geschoben, eine Leiter geholt, Helfer bestimmt und zwei Gruppen festgelegt. Bis auf Ferdinand von Salen, der als Gutsherr vom Wettbewerb ausgeschlossen war und nun ganz vorne neben Auguste Platz nahm, stellten sich alle Männer in zwei Reihen auf.

Es ging Mann gegen Mann. Den Anfang machten zwei Stallburschen. Der Bessere benötigte neun Würfe. Der Kutscher gewann sein Duell gegen den Schweinemeister in sieben Versuchen, einer der Tagelöhner schaffte es gegen den Melkmeister ebenfalls in sieben, ein anderer benötigte nur sechs Versuche, die meisten blieben jedoch über acht Würfe. Als Viktor an der Reihe war, hatte Anton seinen aussichtslosen Kampf gegen Jakob gerade verloren und kam, den Kopf gesenkt, zurück an seinen Platz. Direkt hinter seinen Eltern stellte er sich neben Luise.

»Sag nichts.« Er sah sie grimmig an. »Ich weiß auch so, dass ich mich vor allen lächerlich gemacht habe.«

»Ach was, immerhin hast du im Gegensatz zu Jakob gleich beim ersten Mal dieses Strohungetüm getroffen«, sagte sie, ohne Viktor aus den Augen zu lassen.

»Dafür hat mein Bruder nur sieben Würfe gebraucht«, zischte Ella triumphierend, die dicht hinter den beiden stand.

»Ja, Glückwunsch. Das war toll«, erwiderte Luise, die noch immer ihren Blick auf Viktor gerichtet hielt.

»Aber gegen so ein Hinkebein ...« Ella schüttelte den Kopf. »Ich weiß gar nicht, ob das überhaupt zählt.« Luise, die unwillkürlich dichter an Anton heranrückte, als wollte sie sich schützend vor ihn stellen, obwohl sie mindestens einen Kopf kleiner war, drehte sich jetzt doch zu ihr um. »Was soll das denn heißen?«

»Sag bloß, du hast noch nicht bemerkt, dass dein Bruder gar nicht richtig gehen kann.«

»Aber beim Werfen muss er doch nicht laufen«, sagte sie, in der Hoffnung, Ella würde verstehen, dass für sie dieses Thema damit beendet war.

»Meine Güte, wo kommst du denn her?« Ella schüttelte belustigt den Kopf. »Hinkebein bleibt Hinkebein, egal, was man tut.«

»Was weißt du denn schon«, sagte Anton leise, aber es war jetzt so laut um sie herum geworden, dass Ella ihn nicht mehr hören konnte. Hätte er doch bloß nie an diesem Wettbewerb teilgenommen. Hätte er sich doch einfach neben seinen Vater gesetzt und das Spektakel über sich ergehen lassen, dachte er, während er seine Mutter und seine Schwester lautstark »Viktor, Viktor, Viktor« rufen hörte. Seit er denken konnte, wurde er wegen seines steifen Beins gehänselt. »Krücke«, »Humpelfuß« und »Hinkebein« waren noch die harmlosesten Namen, die man ihm in den vergangenen Jahren gegeben hatte. Irgendwann war es so schlimm geworden, dass er nicht mehr zur Schule hatte gehen wollen. Danach hatte Auguste ihn und Luise zu Hause unterrichtet. Auf Rügen, so hatte er gedacht, würde alles besser werden. Er hatte sich vorgestellt, wie er über die Felder reiten würde, vorbei an rotgetränkten Mohnblumenwiesen, wie er tagelang niemandem begegnen, wie er stundenlang den Wellen lauschen, wie er durch den Buchenwald streifen würde, von dem ihm sein Vater erzählt hatte, aber er hatte nicht bedacht, dass auch hier Menschen lebten.

Sein Blick streifte Viktors Wurfhand, die gerade ausholte. Er wusste nicht, der wievielte Versuch es war, aber er sah, dass nicht mehr viel fehlte, bis dieser lächerliche Strohschweinekopf herunterfallen würde. Vermutlich hatte er gerade einmal zwei Würfe hinter sich. Gleichsehen würde es ihm ja, dachte Anton, während er über sein ihn jetzt schmerzendes Bein strich.

»Nur sechs Versuche.« Luise klatschte begeisterten Beifall. »Das soll dein Bruder erst einmal nachmachen.«

»Pah, mit einem Kopf größer ist das ja auch kein Kunststück«, giftete Jakob sie an.

»Jakob!« Luise errötete, was in dem Petroleumlicht jedoch nicht zu erkennen war. »Du? Ich dachte ...« Sie stockte. »Entschuldige.«

»Entschuldige was?«, ging Ella dazwischen. »Na, traust du dich jetzt nicht mehr?«

»Du warst toll vorhin«, sagte Luise, noch immer knallrot im Gesicht. »Wirklich, aber ...«

»Aber nicht so gut wie Viktor«, entgegnete Anton, ohne eine Miene zu verziehen.

»Immer noch besser als du, Hinkebein.«

Luises Blick verfinsterte sich. Nicht auch noch Jakob. Dass Ella sich was traute, hatte sie ja schon gemerkt, aber Jakob schien irgendwie vernünftiger zu sein als seine Zwillingsschwester. Zumindest hatte sie das geglaubt. Die Ernsthaftigkeit, mit der er gestern die Pferde gestriegelt hatte, hatte sie jedenfalls beeindruckt. »Warum könnt ihr Anton nicht einfach in Ruhe lassen? Er hat euch doch nichts getan.«

»Lass, Luise, die beiden sind es doch gar nicht wert.« Aber du bist es wert, wollte sie sagen und blickte stattdessen in Jakobs feindseliges Gesicht. Reglos stand er vor ihr, die Hände in den Taschen, vielleicht einen halben Kopf größer als sie. Sie begriff es einfach nicht. Anton war der feinste Mensch, den sie kannte. Aber vielleicht war sie mit ihren dreizehn Jahren zu jung dafür. Am besten, sie sagte nichts. Auch Jakob sagte nichts. Und dennoch ließ er sie nicht aus den Augen. Luise war sein Blick unangenehm. Es war, als wollte er sie immer weiter in die Enge treiben. Ob sie lächeln sollte? Aber sie wollte auf keinen Fall Anton in den Rücken fallen. Sich wegdrehen? Das wäre viel zu feige. Vielleicht sollte sie doch etwas sagen, etwas Versöhnliches, etwas in der Art wie: »Lasst uns doch Freunde sein.« Aber so naiv war sie dann doch nicht. Also sagte sie nichts. Und vermutlich wären sich die beiden noch eine ganze Weile stumm gegenübergestanden, sich immer weiter von ihrer Umgebung entfernend, wenn es nicht Ella irgendwann zu bunt geworden wäre.

»Was glotzt du denn so?«, raunzte sie Luise an.

Jakob zuckte kaum merklich zusammen, während Luise sich kopfschüttelnd wegdrehte. »Dumme Kuh«, flüsterte sie.

»Luise!« Auguste, die dem Zwist in ihrem Rücken bislang keine Beachtung geschenkt hatte, drehte sich abrupt zu ihrer Tochter um. »So etwas will ich nie wieder hören.«

»Ja, Mutter.« Luise senkte den Kopf. »Aber sie hat Anton ...«

»Still jetzt. Solche Ausdrücke dulde ich nicht. Haben wir uns verstanden?« Sie sah ihre Tochter eindringlich an. Das fehlte gerade noch, dass ihre Kinder in dieser Einöde Sitte und Anstand vergaßen. Sie riss sich schließlich auch zusammen. Wie lange saß sie jetzt schon hier auf diesem harten Stuhl und feuerte jeden noch so ungeschickten Werfer an? Gefühlt jedenfalls eine Ewigkeit.

Luise nickte mit zusammengekniffenen Lippen, während sie aus dem Augenwinkel Ella grinsen sah. Und was für eine dumme Kuh sie war!

In der Zwischenzeit hatte sich Anton unbemerkt von allen anderen aus der Tenne geschlichen, während Viktor im Stechen mit den Besten als Erster ausgeschieden war. Den Kampf um die Krone des Schlachterkönigs fochten nun Paul Mehrich und ein Stallbursche aus.

Ferdinand von Salen saß kerzengerade auf seinem Stuhl und sah wie gebannt zu den beiden Kontrahenten. Schon sein Großvater hatte ihm in den letzten Jahren seines Lebens von diesen Spielen erzählt, und dass er jetzt tatsächlich leibhaftig dabei sein durfte, erfüllte ihn nicht nur mit Stolz, sondern vor allem mit Demut. Schließlich hatte er dessen unrühmliches Ende auf Rügen nicht vergessen. »Keinen Taler war unser Leben danach mehr wert«, hatte sein Vater ihn stets angeherrscht, wenn er mit ihm über Rügen und das Gut hatte sprechen wollen, und damit jede Unterhaltung gleich zu Beginn abgewürgt.

Es war jetzt ganz still in der Tenne.

»Drei, zwei, eins, los«, rief der Schweinemeister, und die beiden warfen fast zeitgleich ihre Stäbe nach oben, Paul Mehrich mit ausladendem Schwung, der Stallbursche mit Kraft von unten. Keiner der beiden Strohschweineköpfe wackelte.

»Gibt es denn gar kein Erbarmen?«, flüsterte Auguste, nachdem auch der zweite Versuch ohne Erfolg geblieben war, aber Ferdinand hatte jetzt kein Ohr für seine Frau.

Diese Tenne, dieser Strohgeruch, diese vielen Menschen, die nun für ihn arbeiten würden, forderten seine ganze Aufmerksamkeit. Genauso und doch ganz anders hatte er sich das alles hier vorgestellt. Denn erst jetzt merkte er, dass er sich, noch in Berlin, das Leben auf Jasmund hauptsächlich aus der Vogelperspektive ausgemalt hatte. Jetzt aber saß er mittendrin, mitten in der Erzählung seines Großvaters, die in Wirklichkeit lauter und bunter war. Allein die Gesichter, rotbraun zerfurchte Landschaften. Und die Hosen der Knechte, mit grünem, blauem, gelbem Garn geflickt, waren Fleckenteppichen ähnlicher als seinen Beinkleidern.

Paul Mehrich hob zum vierten Versuch an. Und kaum jemand in der Tenne war so erleichtert wie Auguste, als mit etwas Verzögerung der Strohballen doch noch zu Boden fiel. Alle klatschten und johlten, während der geschlagene Stallbursche aus Ehrerbietung seine Mütze zog.

»Gott sei’s gedankt«, stöhnte Auguste leise, »auch wenn ich dem Jungen die Krone mehr gegönnt hätte.« Ferdinand nickte zufrieden. »So ist es gut. So ist es sogar sehr gut«, sagte er und erhob sich von seinem Stuhl, um dem frischgekürten Schlachterkönig »Paul I., inthronisiert am 16. November 1907«, wie der Schweinemeister salbungsvoll verkündete, zu gratulieren. Dass ausgerechnet sein Inspektor die Krone gewonnen hatte, schien ihn in seinem Entschluss, Paul Mehrich dieses wichtige Amt anvertraut zu haben, endgültig zu bestätigen.

Kapitel 4

Eiskalt, aber glasklar lag der Himmel über Rügen.

Auch die Sonne konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Thermometer an diesem Februartag nur minus zehn Grad anzeigte. Ferdinand von Salen holte seinen besten Pelz aus dem Schrank und gab seinem Kutscher Anweisung, die offene Kutsche mit Kufen zu versehen. Seit Wochen schon lag ganz Rügen unter einer dicken Schneedecke begraben, aber erst seit drei Tagen schien endlich auch die Sonne. Diesen glitzernden Anblick wollte er sich nicht entgehen lassen. Zum Leidwesen von Paul Mehrich, der keinen Pelz besaß, ließ er seinen Kutscher sogar einen Umweg über Nipmerow, Hagen und einen kleinen Teil der Stubnitz fahren.

Wie Ausrufezeichen standen die silbern glänzenden Buchenstämme im strahlend weißen Schnee. Hier und da blinzelte ein Ast oder eine Wurzel hervor, umgestürzte Bäume waren mit weißen, weichen Rundungen versehen, Büsche und Sträucher mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Wäre er mit Auguste hier gewesen, Ferdinand hätte seinen Kutscher geheißen, anzuhalten. Er hätte der Stille gelauscht, dem Knacken der Eisschollen unten am Ufer zugehört, er hätte Auguste in die Arme geschlossen und Gott gedankt für diesen Tag. Aber neben ihm saß ein ungeduldiger und immer verständnisloser wirkender Paul Mehrich, der sich zwar alle Mühe gab, nicht zu zeigen, dass er fror, dessen gekrümmte Haltung ihn dennoch verriet, und so ließ Ferdinand seinen Kutscher weiterfahren.

Außer ihnen schien bei der Kälte keine Menschenseele unterwegs zu sein. Auch die Lohmer Dorfstraße war wie ausgestorben. Vor dem Strandhotel, direkt am Hochufer gelegen, brachte der Kutscher die Pferde zum Stehen. Im Speisesaal war ein runder Tisch gedeckt, an dem bereits der Ortsvorsteher Hagemann mit dem Strandvogt Lenz und dem Baumeister Kunz saßen. Ferdinand von Salen kannte keinen der Herren, aber Paul Mehrich begrüßte die drei so freundschaftlich, dass der Ton schnell vertraulich wurde. Man sprach über die nun schon so lange währende Kälte, die Schäden, die aufgrund des Frostes entstanden waren, und über die Hoffnung, dass nun bald der Frühling kommen möge.

Ferdinand, dessen Blick immer wieder hinauswanderte zu den mächtigen Eisbrocken, die sich vor Lohme zu Bergen stapelten, wunderte sich über diese entspannte Atmosphäre. Nachdem das ursprünglich für Dezember anberaumte Treffen wieder und wieder verschoben worden war, war er darauf vorbereitet gewesen, sich gegen Anfeindungen oder Unterstellungen behaupten zu müssen. Als Nicht-Rügener müsse er eben mit Misstrauen rechnen. Aber hier an diesem Tisch schienen ihm alle wohlgesinnt.

»Ich habe Ihren Großvater sogar noch gekannt«, sagte der alte Lenz.

»Erzählen Sie mir von ihm«, bat Ferdinand, doch der Strandvogt winkte ab.

»Ich war noch jung damals, wissen Sie, und Ihr Großvater ein mächtiger Mann.«

»Sehr mächtig«, bestätigte Paul Mehrich leise und strich sich dabei nervös über seinen Bart.

»Zu schade, dass er das Gut aufgeben musste. Bis zu seinem Tod hat er die Insel sehr vermisst. Ich glaube, er hätte alles dafür gegeben, noch ein letztes Mal herkommen zu können.«

»Da bin ich mir nicht so sicher«, brummte Paul Mehrich, den Kopf Richtung Fenster gerichtet, so dass ihn keiner der Anwesenden richtig verstand.

»Was haben Sie gesagt?« Ferdinand sah ihn neugierig an.

»Ich habe mich nur gewundert, wie kalt es plötzlich geworden ist«, erwiderte Paul Mehrich und nahm hastig einen Löffel von seiner Fischsuppe.

Kalt? Erstaunt sah Ferdinand zu seinem Inspektor, der, ohne den Blick noch einmal zu heben, seinen Teller auslöffelte. Ihm war warm geworden hier drin. In der Ecke knisterte der Kamin, und die Suppe tat ihr Übriges. Und dennoch war auch ihm nicht entgangen, dass die anfänglich freundliche Atmosphäre sich deutlich abgekühlt hatte. Keiner machte Anstalten, die Unterhaltung voranzutreiben, alle beugten sie sich jetzt über ihre Teller und Gläser und aßen und tranken schweigend.

»Herr von Salen«, ergriff der Ortsvorsteher Hagemann schließlich das Wort und hob sein Glas, »lassen Sie uns auf unsere gemeinsame erfolgreiche Zukunft anstoßen.« Nach und nach hoben der Strandvogt und der Baumeister ihre Gläser und prosteten Ferdinand zu, und auch Paul Mehrich schien sich wieder gefangen zu haben. »Auf den Lohmer Hafen«, sagte er, bevor er mit ihm anstieß.

Ferdinand sah ihn irritiert an. »Den Hafen?«

»Wir freuen uns sehr, dass Sie sich so großzügig erweisen wollen, uns bei diesem Bau zu unterstützen«, erklärte Hagemann. »Ohne Ihre Hilfe würden wir das Projekt nicht beenden können, aber das hat Ihnen Paul sicherlich schon erläutert. Deswegen habe ich heute auch den Baumeister Kunz extra zu uns gebeten. Er wird Ihnen für alle Fragen zur Verfügung stehen.«

Noch ehe Ferdinand etwas sagen konnte, hatte er bereits die Kostenaufstellung vor sich liegen sowie einen Stapel mit Bauplänen, die nach und nach für ihn ausgebreitet wurden. Hagemann ratterte Zahlenkolonne um Zahlenkolonne herunter, der Strandvogt überschlug sich vor Dankbarkeit, »vor allem im Namen der Lohmer Fischer«, und Paul Mehrich erörterte Punkt für Punkt, warum der Hafen auch für das Gut Blietzow nur Vorteile bot.

»Direkte Anbindung«, »Verladung der Ware direkt vor Ort«, »sicheres Anlanden«, »87850 Mark« – Ferdinand hörte ihm und den anderen bloß mit halber Aufmerksamkeit zu, so dass er nur Wortfetzen aufschnappte. Ihn interessierte nur eins: Warum hatte Paul Mehrich ihm nichts gesagt? Er warf seinem Inspektor einen scharfen Blick zu, aber der diskutierte gerade mit dem Baumeister das Für und Wider eines Lastaufzugs vom Hafen hinauf ins Dorf und schenkte Ferdinand keine Beachtung. Am liebsten hätte er mit der Faust auf den Tisch gehauen und seinen Inspektor zur Rede gestellt, doch er zögerte nicht eine Sekunde, den Irrtum aufzuklären. Die Folgen konnte er sich lebhaft ausmalen. Paul Mehrich, den er wegen seiner vielfältigen Kontakte dringend brauchte, würde im Handumdrehen seine Glaubwürdigkeit verlieren, er damit einen wertvollen Mittelsmann auf der Insel, und sein Gut wäre dem Ende geweiht, noch bevor er zum ersten Mal die Saat ausgebracht hätte.

Ferdinand setzte sein freundlichstes Lächeln auf, ließ sich alle Details erläutern und unterschrieb zum Schluss eine Abmachung, die ihn auf eine Beteiligung von eintausendfünfhundert Mark verpflichtete.

»Was haben Sie sich nur dabei gedacht«, platzte es aus Ferdinand heraus, kaum dass sie das Strandhotel hinter sich gelassen hatten, »mich so zu brüskieren?«

»Es ist doch wunderbar gelaufen.«

»Wunderbar?«

»Die Herren waren sehr zufrieden.«

»Aber ich bin es ganz und gar nicht, mein lieber Mehrich. Denken Sie nicht, dass es angebracht gewesen wäre, diese wichtige Angelegenheit mit mir vorher zu besprechen?«

»Lieber Herr von Salen, bei allem Respekt, aber haben Sie schon vergessen, warum Sie mich zum Inspektor berufen haben?«

Berufen, wiederholte Ferdinand in Gedanken und schüttelte innerlich den Kopf. »Ich habe Sie angestellt«, sagte er, bemüht, ruhig zu bleiben, »weil ich weiß, dass Sie ein kompetenter Mann sind.«

»Sehen Sie. Und zu meiner Kompetenz zählt auch, die Eitelkeiten der Rügener zu kennen. Und glauben Sie mir, nichts schätzen die Herren mehr, als zu wissen, die Zügel in der Hand zu halten. Verstehen Sie?«

Ferdinand, noch immer wütend über den Alleingang seines Inspektors, schüttelte den Kopf. »Nein, ganz und gar nicht.«

»Ich will es Ihnen erklären. Dadurch, dass ich bei den Herren den glaubwürdigen Eindruck vermitteln konnte, ich sei es gewesen, der sie dazu gebracht hätte, in den Hafen zu investieren, konnte ich wertvolles Vertrauen schaffen. Ich bin einer der ihren, und einem der ihren vertrauen sie eher als einem Fremden. Glauben Sie mir, die eintausendfünfhundert Mark sind gut investiert. In Zukunft werden uns Türen und Tore offenstehen.«

»Sie hätten dennoch mit mir reden müssen, Mehrich.«

»Aber ich wusste doch, dass Sie sich nur für die Kleinspurbahn interessieren, Herr von Salen.«

Ferdinand atmete tief durch. Dass man Intrigen spann, das kannte er aus Berlin, dass man nur die halbe Wahrheit sagte, auch, aber dass man einfach schwieg, um einen vor vollendete Tatsachen zu stellen, war ihm neu. »Wenn das die berühmte Sprache der Rügener sein soll, frag ich mich, warum mein Großvater sie so sehr bewundert hat«, meinte er nachdenklich.

»Hat er das?«

»Von nichts anderem hat er in seinen letzten Jahren geschwärmt, abgesehen von der Landschaft natürlich.«

»Tja, wer weiß, ob er die Rügener immer richtig verstanden hat«, erwiderte Paul Mehrich lachend. Bei genauem Hinsehen konnte man jedoch deutlich ein nervöses Zucken um seine Mundpartie erkennen. Er streckte Ferdinand seine Hand hin. »Auf eine gute Zusammenarbeit, Herr von Salen. Wir wollen beide doch nur das Beste für Blietzow.« Ferdinand zögerte. »Ich hoffe, Sie enttäuschen mich nicht«, sagte er, bevor sie sich kräftig und wie zum Beweis, dass sie nach dieser Erfahrung erst recht zusammengehörten, die Hände schüttelten.

Kapitel 5

Luise! Wie oft muss ich es dir denn noch sagen.

Zieh die Schuhe aus, wenn du von draußen reinkommst. Glaubst du, ich hab sonst nichts zu tun, als den ganzen Tag den Dreck wegzuwischen, den ihr mir hier ins Haus schleppt?« Auguste blickte von der Galerie direkt hinunter in die Eingangshalle, in der sich eine Spur Erdklumpen von der Tür bis fast zum Speisezimmer erstreckte. »Ich wollte doch nur ...«

»Schuhe aus. Und danach machst du sauber.«

»Aber ...«

»Und das Gleiche gilt auch für dich, Viktor«, rief sie ihrem Sohn entgegen, der kurz nach Luise ins Haus gekommen war und jetzt ungerührt die Treppe nach oben direkt auf seine Mutter zuging.

»Was habe ich gerade gesagt?« Auguste sah ihren Sohn ungläubig an.

»Bin schon wieder weg. Ich wollte nur kurz was holen.«

»Ich auch. Ich bin eigentlich gar nicht da«, ergänzte Luise leise und ging auf Zehenspitzen zurück zur Tür.

Auguste hielt sich am Geländer fest und schloss die Augen. Wenn sie das alles doch nur träumte. Seit mehr als vier Monaten lebte sie jetzt schon diesen Alptraum, und es sah nicht danach aus, als dass es für sie demnächst ein Erwachen geben könnte. Ständig platzte jemand ins Haus. Vom Kutscher bis zum Knecht hatten sie alle schon bei ihr in der Eingangshalle gestanden, etwas gefragt, abgeholt oder auf ihren Mann gewartet, und natürlich hatte auch von denen keiner seine Schuhe ausgezogen. Dass aber auch niemand auf ihre Anzeige reagierte. Bald würde mit der Saat begonnen, und sie hatte noch immer keine Haushälterin gefunden. Seitdem Rosa zurück nach Berlin gegangen war, wo sie nun für General Schmeritz arbeitete, musste sie auch noch selbst kochen.

»Luise! Du machst auf der Stelle sauber«, rief sie nach unten. Doch Luise war längst nach draußen verschwunden. Kopfschüttelnd sah Auguste in die leere Eingangshalle. An den Wänden hingen noch immer die Jagdtrophäen der zahlreichen Vorbesitzer. Eigentlich hatte sie die gleich im ersten Monat abnehmen wollen, aber die Einrichtung der Salons und der Gästezimmer hatte Vorrang gehabt. Allein für den großen Eichentisch einen Platz zu finden hatte lange gedauert. Jetzt stand er so, wie Ferdinand ihn von Anfang an hatte haben wollen, mit Blick vom Kopfende über die Felder hinunter zum Wasser. Was allerdings zur Folge hatte, dass der Raum alles andere als harmonisch wirkte. Der Tisch presste sich an die Fensterfront, während der Rest des Zimmers wie verwaist aussah. Hätte Auguste sich durchgesetzt und ihn in der Mitte plaziert, wäre Ferdinands Blick statt auf die Natur auf die rotbraune von hauchdünnen Fäden durchwirkte Tapete gefallen. Auch ihr Kompromiss, den Tisch quer zu stellen, so dass er wenigstens auf die Ställe hätte sehen können, gefiel ihm nicht.

Das holzgetäfelte Musikzimmer war dagegen ganz nach ihrem Geschmack. Nicht, weil darin die moosgrüne Récamiere stand, auf der liegend sie schon in Berlin am liebsten den Grammophonklängen gelauscht hatte, sondern weil dieser Raum der einzige im ganzen Haus ohne Fenster war, sah man von der Speisekammer und sonstigen Arbeits- und Vorratsräumen einmal ab. Hier konnte sie sich ganz der Illusion hingeben, nicht auf Gut Blietzow, sondern an einem in ihren Augen zivilisierten Ort zu sein.

Momentan half jedoch alles Träumen nichts. Der Dreck in der Eingangshalle schien sie regelrecht anzuschreien. Als sie sich gerade wieder so weit gefangen hatte, dass ihr die Aussicht, gleich mit einem Wischlappen über das Parkett kriechen zu müssen, nicht mehr gänzlich unzumutbar erschien, fiel ihr Blick auf Alma Mehrich. Die Arme bis zu den Ellbogen in ihrer Schürze vergraben, stand sie am Eingang, unsicher, wie und ob sie sich bemerkbar machen sollte.

»Kann ich Ihnen helfen?«, rief Auguste von oben in die Eingangshalle hinunter, kaum bemüht, freundlich zu klingen.

»Ich möchte nicht stören. Ich ...«, sagte Alma Mehrich stockend und blickte verunsichert nach oben.

»Sie sehen ja, Dreck, wohin das Auge reicht.« Auguste ging mit langsamen Schritten die Treppe hinunter. »Ich wollte gerade aufwischen.«

»Tauwetter«, erwiderte Alma Mehrich und hob dabei entschuldigend die Schultern, als trüge sie dafür die Verantwortung.

»Und? Was kann ich für Sie tun?«

»Mein Mann schickt mich.«

»Aha.«

»Er ...« Sie stockte erneut, während ihr Blick auf den Dreckklumpen haften blieb. »Er meint, dass ... Na ja.« Wieder zuckte sie mit den Schultern. »Er sagt, sie hätten ... Alwine!«, rief sie plötzlich entsetzt, machte einen Sprung nach vorn und packte ihre Tochter am Arm. Das Mädchen hatte sich unbemerkt von den beiden Frauen in die Halle geschlichen, eine alte Decke hinter sich herziehend, die auf dem Boden braune Schlieren hinterließ. »Ich hab doch gesagt, du sollst draußen warten. Raus mit dir.« Sie gab ihrer fünfjährigen Tochter einen Klaps auf den Hintern, bevor sie sie Richtung Tür schob. »Entschuldigen Sie vielmals, Frau von Salen.« Alma Mehrich wäre am liebsten im Erdboden versunken. »Das wird nicht wieder vorkommen.« Auguste nickte. »Schon gut«, erwiderte sie, obwohl sie am liebsten laut geschrien hätte. Natürlich war nichts gut. Es reichte doch, wenn ihre eigenen Kinder sich hier wie kleine Monster aufführten.

»Mein Mann sagt, Sie suchen noch immer eine Haushälterin«, fuhr Alma Mehrich schnell fort.

»Sieht man das nicht?« Auguste konnte sich diesen Anflug von Ironie nicht verkneifen.

»O nein. Wissen Sie, um diese Jahreszeit sieht es auf Rügen in allen Gutshäusern so aus.«

»Wenn Sie glauben, dass mich das tröstet, täuschen Sie sich«, entgegnete Auguste trocken. Als sie aber merkte, dass Alma Mehrich vor Schreck ganz blass geworden war, fügte sie beschwichtigend hinzu: »Ich wollte nur sagen, dass damit meine Hoffnung auf eine gründlich arbeitende Haushaltskraft nur noch mehr schwindet.«

»Deswegen bin ich hier. Die Marta, also Marta Klemm, würde gerne für Sie arbeiten.«

»Und wer ist diese Dame?«

»Paul, ich meine, mein Mann, er kennt sie noch aus seiner Zeit auf Wittow. Zuletzt war sie auf Schloss Spycker in Stellung.«

Auguste sah Alma Mehrich eindringlich an. »Ihr Mann kennt sie also«, sagte sie, während ihr Blick über die mit roten Äderchen überzogenen Wangen glitt. Es verging kaum ein Tag, an dem sie Alma Mehrich nicht wenigstens von weitem sah, aber an deren Erscheinung hatte sie sich noch immer nicht gewöhnt. Wie klein die Nase im Verhältnis zu diesen kräftigen Wangen war. Und dann diese schwulstigen Lippen. Ein Gesicht wie aus dem Lot geraten, dachte Auguste einmal mehr, während Alwine, die noch immer draußen auf den kalten Stufen saß, ein Kinderlied anstimmte.

»Ja, er kennt sie«, erwiderte Alma Mehrich.

»Was für eine schöne Stimme Ihre Tochter hat.« Auguste trat etwas näher an die Tür, um Alwine besser hören zu können.

»Schlaf, Kindlein, schlaf! Der Vater hüt’t die Schaf, die Mutter schüttelt’s Bäumelein, da fällt herab ein Träumelein. Schlaf, Kindlein, schlaf.«

Auguste wiegte ihren Kopf im Rhythmus des Liedes. Wie gern hätte sie jetzt die Augen geschlossen, hätte sich hinwegtragen lassen von Alwines Gesang. Seitdem sie auf Gut Blietzow lebte, war ihr noch nichts so Schönes begegnet. »Sie sollte Gesangsunterricht nehmen.«

Alma Mehrich senkte den Blick. »Ich sag ihr, dass sie still sein soll.«

»Nein, nein, lassen Sie. Diese Stimme ist eine Wohltat für meine Sinne.« Sie nickte Alma freundlich zu. »Also, Ihr Mann kennt die Dame. Und er hat sie gefragt, ob sie auf Gut Blietzow arbeiten möchte?«

»Ja.«

»Und sie hat nichts von einer anderen Stelle in Lohme, dem Wunsch, lieber auf Wittow statt auf Jasmund arbeiten zu wollen, oder dem kurzfristigen Entschluss, eine Hausmädchenstelle in Binz anzutreten, gesagt? Oder gar etwas von einer bevorstehenden Hochzeit gemurmelt?«

»Gott bewahre, nein. Marta hat die vierzig schon überschritten.«

»Und sie weiß, für wen sie da arbeiten würde?«

Alma nickte.

»Schön«, sagte Auguste, noch immer Alwines Gesang im Ohr, »dann soll er sie zügig vorbeischicken. Und wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich dafür sorgen, dass der Kantor von Bobbin mal die Stimme Ihrer Tochter zu Gehör bekommt.«

»Aber Frau von Salen.« Alma Mehrich wurde ganz rot. »Mein Mann sagt immer, sie singe wie ein Kätzchen mit einer Maus im Maul.«

Auguste lachte laut auf. »Richten Sie Ihrem Mann schöne Grüße aus, er soll doch bitte noch einmal genauer hinhören. Es wäre ein Jammer, wenn er dieses Talent verkümmern ließe.«

Am Abend – Ferdinand hatte den ganzen Tag draußen zugebracht, damit beschäftigt, gemeinsam mit Paul Mehrich die Felder zu bestimmen, die in den kommenden Tagen für die Saat des Getreides und der Kartoffeln bereitet werden sollten – platzte Auguste in sein Arbeitszimmer, wo er bei Kerzenlicht über einer alten Karte von Jasmund saß.

»Was glaubt dieser Mehrich eigentlich, wer er ist?« Die Arme verschränkt, hatte sie sich direkt vor seinem Schreibtisch aufgebaut.

»Wieso, was ist denn?«, fragte er, obwohl er in Gedanken noch immer mit der alten Karte beschäftigt war. Gerade hatte er mit seinen Augen die dort eingetragenen Grenzlinien von 1846 abgefahren, die am Spyckerschen See vorbei nach Polkwitz zum Hoch Selow über Hagen bis hinunter nach Krievitz führten. Sogar ein Teil der Stubnitz fiel damals in den Besitz von Gut Blietzow. Ungläubig sah er noch einmal auf die Karte. Wenn man ihn gefragt hätte, er hätte stets behauptet, dass ein Großteil dieses Gebiets schon immer der Fürstenfamilie gehört hatte. Aber es gab keinen Zweifel, sein Großvater hatte damals diese gestrichelten Markierungen eingetragen.

»Dein werter Herr Inspektor führt sich auf wie Graf Riesengroß.«

»Soso.« Ferdinand hob jetzt doch seinen Kopf und sah Auguste mit einem Schmunzeln an. »Graf Riesengroß.«

»Ich weiß wirklich nicht, was daran so amüsant sein soll, wenn dein Inspektor den Gutsherrn mimt.«

»Warum Gutsherr?« Der Einfall des Kerzenlichts ließ seine ansonsten weder ungewöhnlich große noch kleine Nase wie eine im Abendlicht funkelnde Bergspitze leuchten.

In Berlin hätte Auguste keine Sekunde gezögert, sich über den Tisch gebeugt, gelacht und ihn schließlich geküsst, aber hier auf Rügen hatte sie noch nicht einmal einen Blick für diese Besonderheit. »Bei aller Liebe, Ferdinand, aber glaubst du nicht auch, dass der Mehrich einen Schritt zu weit geht, wenn er überall verkündet, dass auf Gut Blietzow noch eine Haushälterin gesucht wird?«

»Nun, so ist es doch.«

»Ja, so ist es. Ganz recht.« Auguste atmete tief durch. »Aber es ist nicht seine Aufgabe, sondern unsere, Ferdinand, dafür Sorge zu tragen, dass diese Stelle endlich besetzt wird. Wem gehört denn das Gut, ihm oder uns?«

»Konnte er denn behilflich sein?«

»Du scheinst es nicht verstehen zu wollen. Es geht nicht darum, ob er behilflich war oder nicht, es geht darum, was ihm zusteht und was nicht.«

»Sieh es doch von der positiven Seite. Er kennt halb Rügen. Wir sollten ihm dankbar sein, dass er sich ganz in unsere Dienste stellt«, sagte Ferdinand, froh darüber, dass er Auguste nichts von Paul Mehrichs Alleingang erzählt hatte. Von Anfang an hatte sie kein gutes Haar an ihm gelassen, erst waren es die Möbel, dann seine Art, mit den Tagelöhnern zu reden, und jetzt eben seine Einmischung in ihr Leben. Auch wenn ihn die Hafengeschichte noch immer ärgerte, Zweifel an dessen Loyalität hegte er nicht. Sicher, etwas mehr Unterwürfigkeit würde ihm gut zu Gesicht stehen, aber Ferdinand konnte ihm sein forsches Auftreten nicht verdenken. Er wusste eben um seinen Wert für das Gut. »Ich bin jedenfalls froh, dass du endlich durch eine Haushälterin entlastet wirst«, fügte er energischer hinzu, als er es eigentlich gewollt hatte. Aber er hatte wirklich genug zu tun und war nicht gewillt, sich mit Auguste über Paul Mehrich zu streiten. Bald stand die erste Saat seines Lebens an. Dafür brauchte er all seine Kraft. Schließlich wollte er zeigen, dass er ein ebenso guter Landwirt war wie jeder andere, auch wenn er seine Kenntnisse bislang nur aus Büchern gewonnen hatte.

Auguste schüttelte verständnislos den Kopf. »Du verstehst es wirklich nicht. Hast du schon einmal beobachtet, wie er über den Hof stolziert? Als würde er seinen Besitz abschreiten.«

»Du siehst Gespenster«, sagte er, während sein Blick noch einmal auf die Karte fiel. Wessen Besitz hatte sein Großvater da bloß eingezeichnet?

Auguste zog die Augenbrauen hoch, wie sie es immer tat, wenn sie nicht weiterwusste. Vielleicht hatte Ferdinand ja recht. Vielleicht war ihr Blick einfach nur durch ihren Widerwillen getrübt. Gedankenverloren strich sie mit ihren Händen über ihre Taille, die sie sanft hin und her kreisen ließ. »Das alles macht mich noch ganz krank hier.«

Kapitel 6

Keine zwei Sekunden später sprang Ferdinand auf, packte Auguste an der Hand und zog sie aus seinem Arbeitszimmer.

»Was soll das?«, jammerte sie, nachdem er ihr ihren Mantel umgehängt hatte und sie nun in die kalte Nacht hinauszerrte. »Ferdinand, bitte. Was hast du vor?«

Statt ihr zu antworten, packte er ihre Hand nur noch fester und ging schnellen Schrittes Richtung Pferdestall, Auguste im Schlepptau, die wie ein störrisches Kind protestierte. »Kahnick!«, rief er. »Mach mir den Einspänner fertig.« Der Alte rieb sich die Augen. Er hatte seine Kammer gleich neben dem Eingang zum Stall und war gerade eingeschlafen. »Jawohl, Herr von Salen«, nuschelte er, während er mit seinen Gichtfingern versuchte die Kordel an seiner Hose enger zu schnüren. Alles schlotterte an ihm, die zigfach geflickte Hose, das blau-weiß gestreifte Hemd, das einmal einem Fischer gehört hatte, die Jacke, die ihm fast bis zu den Knien reichte.

»Und gib mir die Lene.«

»Jawohl, Herr von Salen.« Er nahm die Petroleumlampe und hinkte davon.

»Ferdinand«, flüsterte Auguste, »was soll das? Es ist mitten in der Nacht.«

»Es ist neun Uhr abends, Zeit für die große Oper«, antwortete er seelenruhig, noch immer darauf bedacht, ihre Hand nicht loszulassen.

Plötzlich drang ein Rascheln aus Kahnicks Kammer.

»Hast du das gehört?«

Ferdinand schüttelte den Kopf.

»Doch, hör doch.«

Beide spitzten sie die Ohren. Und tatsächlich, jetzt hörte er es auch.

»Sicherlich Mäuse«, sagte er.

Wieder raschelte es, dieses Mal jedoch leiser, und mit einem Mal war es still.

»Mäuse«, wiederholte sie und verdrehte die Augen. »Und das in dieser Kälte mitten in der Nacht.«

»Das nenn ich mal eine gelungene Ouvertüre«, entgegnete er trocken. »Aber wart’s nur ab, gleich kommt der Paukenschlag.«

Währenddessen hatte Kahnick, der schon als kleiner Junge nicht bei seinem Vornamen genannt worden war, mit einiger Mühe das Pferd vor den Wagen gespannt. Längst fehlte ihm die Übung, so dass ihm das Halfter immer wieder aus den Fingern geglitten war. Der Kutscher, der mit seiner Familie am Fuß des Hügels wohnte, ließ ihn für gewöhnlich nur noch den Stall sauber machen. »Wünschen Sie gefahren zu werden?«

»Danke, Kahnick. Leg dich wieder schlafen.« Ferdinand ließ sich von ihm die Zügel geben, bevor er Auguste auf den Kutschbock half.

Wenig später lenkte Ferdinand die Kutsche den Hügel hinunter, dann nach rechts und direkt auf den Wald zu. Linker Hand lag die See fast regungslos vor Rügen. Hätte Ferdinand das Pferd zum Stehen gebracht, sie hätten das leise Rauschen gehört, so aber nahmen sie nur das Klappern der Hufe und Räder wahr. Es war lauter als tagsüber. Zumindest kam es Auguste so vor. Als sie in den Wald einbogen, war ihr jedenfalls, als würde es von jedem der unzähligen kahlen Buchenstämme widerhallen.

Ferdinand legte seinen Arm um Auguste, während er mit der linken Hand die Zügel umklammert hielt. Er sagte nichts. Auch Auguste schwieg. Seitdem sie auf dem Kutschbock saßen, hatten sie noch kein einziges Wort gewechselt. Auch wenn sie noch immer nicht wusste, was er mit diesem nächtlichen Ausflug bezwecken wollte, hatte sie mittlerweile verstanden, dass es sinnlos war, sich weiter dagegen zu wehren.

Zaghaft schimmerte der Mond durch die Bäume, so dass die auf dem Waldboden mäandernden Wurzeln und in den Weg ragenden Äste schemenhaft zu erkennen waren. Dennoch kamen sie nur langsam voran. Ferdinand, der bislang erst zweimal eine Kutsche gelenkt hatte, einmal als Kind, einmal vor drei Tagen auf dem Weg nach Glowe, als sein Kutscher dem Stellmacher auf Gut Neddesitz zu Hilfe geeilt war, wollte nichts riskieren. Nicht auszudenken, wenn sie hier gestrandet wären. Augustes Gezeter konnte er sich lebhaft vorstellen. Und diese ständige Nörgelei zehrte langsam an seinen Nerven.

Rechts von ihnen lag jetzt ein Tümpel, auf dessen pechschwarzer Wasseroberfläche der Mondschein silberne Spuren hinterließ. Auguste, die noch nie an Geister oder Hexen geglaubt hatte, hätte es in diesem Moment nicht verwundert, wenn eines dieser phantastischen Wesen vor ihre Kutsche gesprungen wäre. Sie hätte sich auch nicht die Augen gerieben, wenn es sie gezwungen hätte anzuhalten und mitzukommen in seine aus Ästen und Moos gebaute Hütte. Sie hätte noch nicht einmal Angst gehabt, denn nichts schien ihr in diesem Augenblick selbstverständlicher zu sein als die Existenz derartiger Zauberei. Und daher wunderte sie sich auch nicht, als sie mitten in der Nacht ein Eichhörnchen über einen quer im Tümpel liegenden Baumstamm huschen sah.

»Wir sind gleich da«, sagte Ferdinand, als er bemerkte, dass Auguste sich auch die zweite Decke um die Beine wickelte.

Aber sie beklagte sich nicht. Je länger sie durch diesen Wald fuhren, in den sie freiwillig keinen Fuß gesetzt hätte, desto wohler fühlte sie sich. Und das trotz der Kälte, die ihr in alle Poren kroch. Auch das anfänglich tosende Klappern hatte sich verändert. Viel leiser hörte es sich jetzt an, als hätte die Stille des Waldes den Lärm aufgesogen. Auguste schmiegte sich enger an Ferdinand. Es war fast wie früher, als sie dicht an dicht sitzend durch das nächtliche Berlin gefahren waren.

Ihr Weg führte sie über immer schmaler werdende Pfade, bis es schließlich für die Kutsche nicht mehr weiterging. Noch befand sich der Abgrund in einiger Entfernung, aber das helle Meer konnte man bereits durch die schwarzen Buchenstämme blinzeln sehen. Ohne etwas zu sagen, griff Ferdinand nach Augustes Hand, half ihr vom Bock und ging mit ihr, noch immer schweigend, vorbei an dem für Kronprinzessin Victoria errichteten Gedenkstein bis zur Steilküste.

Und da erhob er sich, direkt vor ihnen, der vom Mondlicht erleuchtete Königsstuhl über einer milchig weißen See.

Bislang hatte Auguste nur von ihm gehört, aber wenn sie ehrlich war, Ferdinands überschwänglichen Erzählungen keinen Glauben geschenkt. Unter Schönheit verstand sie eine vollendete Stimme oder eine Opernaufführung Unter den Linden, aber gewiss keinen Felsen auf einer entlegenen Insel. Das zumindest hatte sie stets gedacht. Aber jetzt stand sie hier, mitten in der Nacht, diesen Kreidefelsen vor Augen, und meinte Caruso singen zu hören.

»Ist es das nicht wert?«, fragte Ferdinand.

»Pst.« Sie legte den rechten Zeigefinger auf ihren Mund. »Was ist?«

»Hörst du es denn nicht?«

»Was meinst du?«

»Diesen herrlichen Gesang«, flüsterte sie.

»Ach, die Brandung?«

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Du musst genauer hören.«

Aber Ferdinand hörte nur das Meeresrauschen. »Und?«

Er nickte und tat so, als würde er ebenfalls einer wundervollen Stimme lauschen.

»Findest du nicht auch, dass es sich wie ein Klagelied anhört? Als würde der Fels jeden Millimeter, den er an das Meer verliert, beweinen?«