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Barbara wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind. Nach etlichen Fehlgeburten ist die Freude über die erneute Schwangerschaft riesig. Obwohl die Ärzte dem Kind keine Chance geben wollen, glaubt Barbara fest daran, ihr Kind diesmal gesund zur Welt zu bringen. Als sie dann tatsächlich ein gesundes Kind zur Welt bringt, scheint ihr Glück perfekt zu sein. Doch das Glück ist nicht von Dauer, Depressionen machen ihr das Leben schwer und belasten die ganze Familie. Die Geschichte zweier Schwestern mit dem selben Schicksal, deren Leben nicht unterschiedler verlaufen könnte. Ein berührendes Buch über die Hochs und Tiefs des Lebens und die Chancen die sich daraus ergeben können.
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Seitenzahl: 420
Veröffentlichungsjahr: 2023
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In Gedenken an meine geliebte Mamma, in meinem Herzen wirst du für immer weiterleben
Ausgelassen feiern Barbara und Giorgio mit Freunden Sylvester. Hätte Barbara geahnt, dass ihr Kind vor einigen Tagen zu existieren begonnen hatte, hätte sie die Finger vom Alkohol gelassen. So aber wird gefeiert. Um Mitternacht stossen sie mit ihren Freunden an und Barbara denkt ganz fest an ihren grossen Wunsch, endlich ein Kind zu bekommen. Nach all den vielen vorzeitig beendeten Schwangerschaften musste es jetzt doch endlich klappen!
Schon wenige Tage später keimt in Barbara erste Hoffnung auf, als die Regel ausbleibt. Sollte es wirklich heissen? Barbara traut sich nicht zu Ende zu denken, sie ist kribbelig und nervös. Übermannt von Ihren Emotionen ruft sie gleich Doktor Esposito, ihren Gynäkologen an. Sie solle bereits am nächsten Tag zu einem Termin vorbeikommen. Barbara ist voller Vorfreude, trotzdem nagen auch Verlustängste an ihr. Was, wenn sie das Kind wie all die vielen vorangegangenen Male verlieren würde? Trotz allem verspürt Barbara eine tiefe Zuversicht in sich, diesmal wird es klappen!
Doktor Esposito macht ihr jedoch keine grossen Hoffnungen, „rechnen sie nicht damit, wenn es klappt ist es reiner Zufall, sehr unwahrscheinlich“.
Der Arzt ist sich sicher, dass es dieses Kind nie schaffen wird. Barbaras Gebärmutter ist nämlich nicht ganz entwickelt, so dass es fast unmöglich ist, dass ein Kind darin genügend Platz haben würde. Barbara ist enttäuscht, sie wünscht es sich so sehr, dass es endlich klappen würde. Der Arzt verschreibt Barbara Hormontabletten und Valium. Drei Stück Valium pro Tag muss sie nehmen! Die Medikamente machen Barbara sehr müde, so dass der Alltag teilweise nur sehr schwer zu bewältigen ist. Wie soll man da noch arbeiten können! Vierzehn Tage später hat Barbara erneut einen Termin bei ihrem Frauenarzt, ein Schwangerschaftstest soll Klarheit bringen, ob wirklich ein Kind unterwegs ist. Barbara gibt ihre Urinprobe ab und wartet mit Herzklopfen im Wartezimmer auf das Ergebnis.
„Wenn nun alles nur Einbildung ist“ zweifelt Barbara.
Endlich kommt die Praxishilfe ins Wartezimmer.
„Der Test ist positiv!“, verkündet diese fröhlich. Barbara ist also wirklich schwanger! Ihr Baby soll Mitte September zur Welt kommen, voraussichtlich, so genau weiss man das ja nie. An ihrem Arbeitsplatz im Pressedienst der grossen, nationalen Airline erzählt Barbara lieber noch nichts von ihrem freudigen Geheimnis. Es geht ja noch so lange, zudem, wer weiss ob es diesmal klappen wird. Am Ende des dritten Monats soll eine Cerclage gemacht werden, das heisst, der Muttermund wird zugenäht, damit das Baby nicht herauspurzeln kann. Das Hauptthema am Mittagstisch mit ihrer Arbeitskollegin Vanessa sind die Babys, Vanessa ist nämlich auch schwanger. Sie wird ihr Kind bereits im Juni bekommen. Die Valium machen Barbara nun doch sehr müde, sie muss sich bei der Arbeit schon sehr zusammen nehmen. Aber das ist alles halb so schlimm, wenn nur diesmal alles gut geht!
Mittlerweile ist bereits Mitte März. Die Tage werden länger und auch die Temperaturen sind bereits wieder etwas angenehmer. Mit dem Frühling beginnt die Natur zu grünen und die ersten Blumen öffnen ihre Blüten. Als Barbara am Morgen auf die Toilette geht, stockt ihr der Atem. Blut! So war es all die anderen Male auch, als Barbara eine Verschüttung hatte. Barbara und ihr Mann Giorgio sind deprimiert. Sollen sie den Arzt anrufen?
„Der wird wohl auch nichts mehr machen können“, äussert sich Barbara traurig.
Es blutet sehr stark, Barbara legt sich wieder ins Bett und brütet vor sich hin. Soll diesmal wirklich wieder nichts sein? Am Abend ruft Barbara dann doch ihren Arzt Dr. Esposito an.
„Gehen sie sofort in die Frauenklinik, ich melde sie gleich an“, weist der Arzt sie an.
Schnell packt Barbara das Nötigste zusammen und schon fahren sie los. Obwohl Giorgio sehr vorsichtig fährt, rüttelt es doch sehr stark.
„Können die denn keine besseren Strassen bauen?“, jammert Barbara.
In der Frauenklinik angekommen, wird Barbara sofort in ein Untersuchungszimmer geführt.
„Machen sie sich keine Sorgen, das Baby hat durch die Blutungen keinen Schaden erlitten“, beruhigt sie der Arzt.
Trotzdem geben die Ärzte Barbara deutlich zu spüren, dass sie nicht daran glauben, eine erneute Verschüttung noch aufhalten zu können. Aber so schnell geben Barbara und Giorgio nicht auf. Barbara kann es sich nicht erklären wieso, aber sie ist plötzlich voller Zuversicht. Endlich bringt eine Schwester ein Spitalbett und Barbara wird in die gynäkologische Abteilung gerollt. Da im Moment alles belegt ist, wird Barbara vorübergehend im Aufwachzimmer untergebracht. Sie teilt das Zimmer mit einer jungen Frau, die ganz begeistert ist, als sie erfährt, dass Barbara bei der Swissair arbeitet. Schnell kommen sie ins Gespräch und verlieren sich in ihren Erzählungen über ferne Reisen, so dass Barbara das etwas magere Abendessen zu später Stunde gar nicht auffällt. Während der Nacht kommt die Krankenschwester mehrfach nachschauen ob Barbara noch blutet, doch das Blut ist Gott sei Dank praktisch versiegt. Am Morgen isst Barbara gutgelaunt ihr Frühstück, während ihr Mann im Pressedienst anruft, um zu melden, dass Barbara in nächster Zeit nicht arbeiten kann. Später wird Barbara in ein anderes Zimmer verlegt und bekommt eine sehr nette Zimmergefährtin, Frau Rossi. Wie Barbara im Laufe der Zeit erfährt, war sie früher Revuetänzerin im Lido Paris, ihr Mann ist Schriftsteller und sie haben drei Kinder. Nun kommt der Arzt, der sie am Vortag so grob untersucht hat ins Zimmer, er ist offensichtlich erstaunt, dass die Blutungen zurückgegangen sind. Er gibt Barbara zu verstehen, dass sie sich keine Illusionen machen solle. Barbara fühlt sich sehr unwohl bei diesem Arzt und bittet daher Frau Dr. Costa die Behandlung weiterzuführen, glücklicherweise ist Frau Dr. Costa sofort einverstanden und Barbara entsprechend erleichtert. Vorerst kann die Ärztin jedoch nicht viel tun, Barbara muss absolut ruhig liegen, darf sich überhaupt nicht bewegen, nicht einmal zur Toilette darf sie gehen! Diese Zeit gestaltet sich trotzdem gar nicht so unangenehm für Barbara. Endlich darf sie ihrem ausgeprägten Schlafbedürfnis, hervorgerufen durch die Valium, welche sie immer noch täglich einnehmen muss, nach Herzenslust nachgeben. Zudem tun ihr die anregenden Gespräche mit ihrer Zimmergefährtin Frau Rossi gut und sie hat endlich ausreichend Zeit zum Lesen. Barbara verschlingt in dieser Zeit unzählige Bücher. Jeden Tag wird sie von ihrem Mann Giorgio besucht, auf diesen Besuch kann sich Barbara täglich freuen. Nach ein paar Tagen kommt ein neuer Höhepunkt hinzu, die Krankenschwester kommt mit einem Gerät, mit dem man die Herztöne des Babys hören kann. Sie schmiert Barbara die eiskalte Paste auf den Bauch, an jener Stelle wo sie das Kind vermutet und tastet dann mit so einem metallenen Dings die Gegend ab. Es ist gar nicht so einfach, aber schlussendlich hören sie tatsächlich den Herzschlag ihres Kindes. Ein regelmässiger Herzschlag! Das ist ein wunderschöner Moment, Barbara ist ganz ergriffen davon. Von da an hören sie alle zwei Tage den Herzschlag ab und richten es auch so ein, dass auch der künftige Papa ab und an dabei sein kann. Nach zwei Wochen beschliesst die Ärztin, die Cerclage durchzuführen, ein kleiner Eingriff. Nach insgesamt vier Wochen kann Barbara die Klinik verlassen. Die Zeit war ihr gar nicht so lang vorgekommen, doch ist sie froh, wieder zu Hause sein zu können.
Vier weitere Wochen muss sie noch zu Hause bleiben und so viel wie möglich liegen. Die erste Zeit zu Hause hat Barbara schon manchmal Angst. Ob wohl alles in Ordnung ist?
Sie vermisst es, nicht mehr die Herztöne ihres Kindes abhören zu können, die Bewegungen ihres Kindes kann sie noch nicht spüren. In der kommenden Zeit geht sie regelmässig zu den Untersuchungen bei ihrem Gynäkologen, der Barbara schlussendlich verordnet, dass sie nicht mehr arbeiten darf. Barbara ist einerseits froh nicht mehr arbeiten zu müssen, schliesslich wollen sie ihr Kind um keinen Preis verlieren! Andererseits schleichen die Tage nun endlos vor sich hin, da Barbara fast nichts mehr machen kann ausser liegen und lesen. Dafür ist nun ihr Mann Giorgio umso mehr beschäftig. Er kümmert sich in der folgenden Zeit neben seinem Beruf um den Haushalt und alle anderen anfallenden Arbeiten. Barbara quält das schlechte Gewissen, sie fühlt sich nicht wohl, wenn sie einfach nur so herumliegt, während ihr Mann so viel mehr tun muss. Aber sie sind sich einig, es muss jetzt einfach so sein, sie wollen nichts riskieren! Barbara liest weiterhin viel und sie denken oft gemeinsam an ihr Kind. Wird es wohl ein Junge oder ein Mädchen? Die Namen haben sie bereits ausgesucht, Marisa oder Renato soll ihr Kind heissen. Inzwischen kann Barbara die Bewegungen des Kindes spüren und mit der Zeit können sie das Zappeln auf Barbaras mittlerweile schon recht runden Bauch sehen.
Der Sommer ist aussergewöhnlich heiss, was der hochschwangeren Barbara schon rechte Schwierigkeiten macht, trotzdem geht auch der irgendwie vorbei und der Geburtstermin rückt immer näher. Am Ende des siebten Monats hat Barbara dann keine Angst mehr, dass das Baby zu früh kommen könnte, denn ab dann wäre das Kind bereits lebensfähig.
Dieser Gedanke beruhigt Barbara sehr, dafür kommen jetzt neue Sorgen auf: „Wird es gesund sein?“, fragt sich Barbara oft.
Obwohl sie sich insgeheim ein Mädchen wünschen, spielt diese Frage keine Rolle. Wenn es nur gesund ist!
Mittlerweile ist es September und der Altweibersommer zeigt sich in seiner schönsten Pracht. Beim nächsten Termin entfernt Dr. Esposito die Fäden der Cerclage, nun darf die Geburt in den nächsten Tagen von selbst in Gang kommen. Am 7. September ist Giorgios Geburtstag, doch offensichtlich will ihr Kind seinen Geburtstag nicht mit seinem Papi teilen. Auch am Vollmond zwei Tage später tut sich noch nichts. Serena, Barbaras Schwester, ruft mittlerweile täglich an, um zu erfahren, ob das Kind denn nun endlich unterwegs ist, doch nichts geschieht.
Am dreizehnten September hat Barbara erneut einen Termin bei Ihrem Gynäkologen. Doch vorher gönnt sie sich noch ein ausgiebiges Frühstück im Café der Konditorei Al Porto, wer weiss, wie lange sie danach nicht mehr dazu kommen wird. Freudig wird sie von Dr. Esposito erwartet.
„Ich habe eigentlich dieses Wochenende einmal einen Anruf von ihnen erwartet“, meint der Arzt lachend.
Schliesslich stellt er fest, dass noch nicht alle Fäden der Cerclage entfernt worden sind.
„Am besten machen wir es morgen im Spital unter Narkose. Danach können wir auch gleich die Geburt einleiten“, meint er.
Abends geht Barbara ihren Mann im Geschäft abholen.
„Du kannst Dich für morgen gleich abmelden, morgen kommt nämlich unser Kind zur Welt!“, verkündet Barbara übermütig.
Sie haben ihr Baby in den letzten Tagen ja jederzeit erwartet, doch diese Nachricht scheint Giorgio nun doch etwas zu verstören. Es ist schon ein eigenartiges Gefühl zu wissen, dass es morgen soweit sein soll.
Es ist sechs Uhr morgens in der Früh, als Barbara und Giorgio in der Klinik anrufen, um zu erfahren, ob sie jetzt kommen können.
„Ja, kommen sie bitte gleich, aber nüchtern!“, teilt ihnen die Dame am anderen Ende des Telefons mit.
Nüchtern muss natürlich nur Barbara sein, wegen der Narkose. Sie finden direkt vor dem Haupteingang einen Parkplatz. An der Pforte geben Sie die nötigen Papiere wie Familienbüchlein und die Namenskarte ab. Schon werden sie von einer Schwester abgeholt. Giorgio muss ins Wartezimmer, während Barbara in einen Behandlungsraum geführt wird. Dort muss sie sich ausziehen und bekommt eines dieser Spitalhemden. Die Schwester erledigt in der Zeit noch einige Formalitäten und ruft dann die Hebamme. Es kommen gleich zwei, die Jüngere ist noch in Ausbildung. Sie untersuchen Barbara genau und prüfen, in welcher Stellung das Kind in der Gebärmutter liegt und hören natürlich den Herzschlag des Kindes ab.
„Ihrem Kind geht es gut“, sagt die ältere der beiden Hebammen.
Barbara fühlt sich mit dieser freundlichen Hebamme sogleich wohl. Nun ist sie auch gleich nicht mehr so nervös und harrt gespannt der Dinge, die nun kommen werden. Nun wird ihr ein Einlauf verpasst und sie verbringt die folgenden Minuten auf der Toilette. Schliesslich kann sie in den Gebärsaal umziehen. Es ist acht Uhr, als ihr Arzt Dr. Esposito gut gelaunt im Gebärsaal erscheint. Er freut sich offensichtlich auch, dass heute das Kind geboren werden soll, dem er solange keine Chance gab. Als das Narkoseteam erscheint, geht plötzlich alles sehr schnell und Barbara wird ins Reich der Träume befördert. Ebenso abrupt wird sie daraus wieder entrissen.
„Frau Ferrara, aufwachen, ihr Mann ist da“, wird sie vom Pfleger geweckt.
Tatsächlich steht ihr Mann in einer weissen Schürze vor ihr. Barbara muss lachen, er sieht aus wie ein Arzt.
Einen Moment lang ist Barbara noch etwas beduselt, aber dann schaltet es schnell: „Ach ja, mir wurden ja die Fäden entfernt und nun warten wir auf die Geburt unseres Kindes“.
Die Schwester erklärt ihr, dass der Arzt die Fruchtblase gesprengt hat, um die Geburt in Gang zu bringen. Ihrem Kind wird also richtig der Garaus gemacht, denkt sich Barbara. Nun wird ihr auch noch Wehenmittel durch die Venen eingeträufelt, in zirka zwei Stunden sollten die Wehen einsetzen, schätz die Hebamme. Dann ist Barbara mit Giorgio alleine, nur alle fünfzehn Minuten erscheint die Hebamme, um den Herzschlag des Kindes zu prüfen.
Einmal steckt Dr. Esposito den Kopf ins Zimmer, „spüren sie schon Wehen?“, fragt er.
Aber es tut sich noch nichts. Inzwischen ist es Mittag und Giorgio geht einen Happen essen, auch er hatte heute bisher noch nichts zu sich genommen. Barbara hört ein Baby schreien, welches im Gebärsaal nebenan gerade zur Welt gekommen ist.
„Bald wird hier auch ein Baby schreien – hoffentlich wird es schreien, ist das doch das erste Lebenszeichen“, denkt Barbara bange.
Nach einer knappen Stunde kommt Giorgio vom Essen zurück. Foto- und Filmapparat hat er noch im Auto gelassen.
„Ich habe ja noch lange Zeit, die Kameras zu holen“, meint er.
Immer wieder wird der Herzschlag geprüft.
„Haben sie immer noch keine Wehen“, erkundigt sich die Hebamme.
Barbara spürt manchmal einen leichten Schmerz in Rücken und Bauch, aber wirklich nicht der Rede wert. Die Hebamme wartet das nächste Mal ab und legt dann Barbara die Hand auf den Bauch. Bei einer Wehe wird die Gebärmutter hart, was die geübte Hebamme spürt.
„Doch, das sind Wehen, aber noch sehr schwach“, erklärt sie Barbara.
Bald wird Barbara wissen, was eine richtige Wehe ist. Praktisch übergangslos werden die Schmerzen plötzlich intensiv. Barbara atmet tief durch, wie ihr die Hebamme geraten hat. Um fünfzehn Uhr verabschieden sich die beiden Hebammen, sie werden von einer Neuen abgelöst. Der Herzschlag des Kindes wird nun alle fünf Minuten kontrolliert. Eine Wehe löst nun die Andere ab und Barbara ist richtig froh, dass ihr Mann ihr beisteht und sie moralisch unterstützt. Die Hebamme verabreicht Barbara eine Spritze und beschliesst Dr. Esposito anzurufen. Dann prüft sie, wie weit der Muttermund schon offen ist.
„Drei Zentimeter!“, ruft sie anerkennend.
„Was, erst drei Zentimeter!“ ist Barbara entsetzt.
„Das kann ja noch Stunden dauern“, denn sie hat gelesen, dass der Muttermund zehn Zentimeter weit geöffnet sein muss, damit das Kind durchtreten kann.
Unter diesem Gesichtspunkt empfindet Barbara die Schmerzen nun doch sehr intensiv.
Um sechzehn Uhr meldet die Hebamme: „Ihre Mutter ist am Telefon, können sie schnell an den Apparat kommen?“.
„Ich kann doch nicht“, aber natürlich ist nicht Barbara sondern ihr Mann gemeint.
Er verschwindet schnell, kommt aber sogleich wieder, er will doch nichts verpassen!
Barbara verspürt Pressdrang, „aber das kann doch nicht sein, das kommt doch erst am Ende!“. Es ist aber so.
„Sie pressen ja, mein Gott, da sieht man ja schon das Köpfchen“, ruft die Hebamme.
Nun wird es Dr. Esposito nicht mehr reichen, schnell wird ein anderer Arzt gerufen. Kurze Zeit später kommt Dr. Greco. Nachdem er denn Dammschnitt gemacht hat, soll Barbara pressen so fest sie kann. Barbara spürt, wie der Druck auf ihr Becken schwächer wird, ein letztes Mal pressen.
„Oh, ist das ein kleines“, hört Barbara die Hebamme sagen.
Trotzdem hat Barbara nicht sofort begriffen, dass nun alles vorbei ist.
„Es ist da!“, sagt Giorgio.
Jetzt hebt Barbara den Kopf. Tatsächlich, ein kleines blaues Menschlein liegt vor ihr. Warum schreit es nicht? Eben hat der Arzt die Nabelschnur durchtrennt, ihr letztes Verbindungsstück. Nun beginnt das Kind doch an zu weinen, zaghaft zwar noch, aber immerhin, es lebt!
Der Arzt sieht Barbaras verschreckten Blick und versichert ihr: „es ist alles in Ordnung“.
Gott sei Dank! Erschöpft legt sich Barbara wieder hin. Der Arzt trägt das kleine Wesen zum Wickeltisch nebenan.
„Unser Kind ist geboren und es lebt!“, Barbara ist überwältigt von ihren Gefühlen.
„Hast du gesehen, es hat schwarze Haare wie ich“, bemerkt Giorgio.
Was ist es überhaupt? Diese Frage stellen sie sich erst jetzt.
„Es ist ein Mädchen“, gibt die Hebamme Auskunft.
Demnach werden sie es also Marisa nennen. Nachdem der Arzt Marisa untersucht hat, übergibt er sie Barbara in Tücher eingewickelt. Wieder bemerkt Barbara, dass das linke Beinchen von Marisa nach oben in die Höhe ragt, doch sie ist noch viel zu belämmert von den Medikamenten und den ganzen Ereignissen, um sich darüber Gedanken zu machen. Ihr Kind ist so klein, dass sich Barbara fast nicht traut, es anzufassen. Nun kommt Dr. Esposito herein und macht ein langes Gesicht, als er das Kind bereits in Barbaras Armen sieht. Leider hat es für ihn nicht mehr gereicht, aber er bleibt und übernimmt die weitere Versorgung von Barbara. Die Hebamme legt Marisa nun in ein kleines Bettchen neben Barbara.
Es scheint Barbara, als ob Marisa sie ansähe und dächte, „das sind nun also meine Eltern“.
Doch das ist natürlich nur Einbildung.
Dafür schauen Giorgio und Barbara Marisa unentwegt an, „das ist nun also unser Kind!“.
Noch etwas fremd fühlt sich Barbara gegenüber Marisa, doch sie weiss jetzt schon, dass sich das sehr schnell ändern wird und sie ihr Kind sehr lieben wird. Schliesslich wird Marisa gewogen, nur 2340 Gramm und 45,5 Zentimeter. Das ist schon sehr wenig. Deshalb wird eine Kinderärztin gerufen, die beschliesst, dass Marisa noch zirka zwei Tage in einen Wärmekasten, eine „Isolette“, gelegt werden soll.
„Ihr Kind wird ins Kinderhaus gebracht, sie können es morgen besuchen“, wird Barbara von der Schwester informiert.
Natürlich ist Barbara froh, dass so gut für Marisa gesorgt wird, aber dennoch fällt es ihr sehr schwer, sich schon von ihrem Kind zu trennen und dann gleich bis morgen. Ein Wärmekasten wird ins Zimmer gerollt, Marisa wird in Folie gewickelt und hineingelegt. Wehmütig schaut Barbara Marisa nach, als der Wärmekasten mit ihrem Kind aus dem Zimmer gerollt wird.
„Sie dachten sicher, so würden nur Poulets transportiert“, scherzt Dr. Esposito.
Barbara muss schmunzeln, überhaupt sind sie sehr gehobener Stimmung.
„Wir dürfen zufrieden sein“, meint Dr. Esposito.
Und ob sie zufrieden sind!
Später geht Giorgio Marisa im Kinderhaus besuchen. Barbara muss noch etwas zur Überwachung im Gebärsaal bleiben. Schliesslich kommt Giorgio zurück und berichtet strahlend, dass es ihrem Kind gut geht.
„Es hat schon seine erste Flasche getrunken und schläft jetzt“, erzählt er überglücklich.
Später wird Barbara in ein Zimmer verfrachtet, das sie sich wiederum mit einer anderen Frau teilt. Giorgio bleibt noch kurz und verabschiedet sich dann. Er will noch die Geburtsanzeigen schreiben und das freudige Ereignis einigen telefonisch ankündigen. Kurz nachdem er gegangen ist klingelt das Telefon. Es ist Barbaras Mutter, die ganz erleichtert ist, ihre Tochter am Draht zu haben. Barbaras Schwester Serena hatte sie den ganzen Tag versucht zu erreichen und rief schliesslich, als sie niemanden erreicht hat in der Klinik an, wo sie erfahren hat, das Barbara bereits im Gebärsaal ist. Beide sind erleichtert, als sie erfahren, dass es allen gut geht.
Am nächsten Tag nach dem Frühstück wird Barbara versichert, darf sie ihr Kind besuchen. Jedes Mal wenn die Schwester ins Zimmer kommt, wird sie von Barbara bestürmt.
„Ich komme sie dann holen“, verspricht sie Barbara.
Leider ist Barbara auf sie angewiesen, am ersten Tag nach der Geburt kann sie noch nicht so richtig laufen.
Zudem schmerzt die Naht vom Dammschnitt beim Gehen. Endlich kommt die Schwester und rollt Barbara im Rollstuhl ins Kinderhaus. Barbara kommt sich schon etwas komisch vor, so herumgerollt zu werden. Als sie den Raum der Frühgeborenenabteilung betritt, kann sie sofort sagen, in welcher Isolette Marisa liegt. Ihr würde jedenfalls keiner ein fremdes Kind unterjubeln können! Barbara bekommt eine weisse Schürze verpasst und sie muss ihre Hände bis zum Ellenbogen waschen und mit Alkohol einreiben. Nun darf sie zu Marisa. Durch zwei Löcher in der Isolette kann sie hineinlangen und ihr Kind streicheln. Wenn sie doch ihr Kind nur in die Arme nehmen könnte. Es ist sehr heiss in dem Raum und Barbara muss bereits nach einigen Minuten wieder gehen. Sie hatte sich so sehr gefreut, zu Marisa zu gehen und trotzdem kann sie nicht länger bleiben. Wie beneidet Barbara ihre Zimmergenossin, welche ihr Kind regelmässig zum Stillen ans Bett bekommt. Barbara dagegen bekommt mehrmals tägliche eine Pumpe, um Milch abzupumpen. Nach einigen Tagen hat sie bereits viel Milch. Endlich darf Barbara nun auch das Valium absetzen, die Müdigkeit durch die Medikamente hatte ihr in den letzten Monaten doch schwer zu schaffen gemacht. In den folgenden Tagen geht Barbara ihre Tochter so oft wie möglich besuchen, wenn ihr Mann sie besuchen kommt, können sie das auch gemeinsam tun. Am dritten Tag wird Marisa aus der Isolette in ein Wärmebettchen gesteckt, ab jetzt kann Barbara ihr Kind auch mehr geniessen und ihm die Flasche geben. Der Kinderarzt erklärt Barbara nun auch, dass Marisas Köpfchen etwas schief ist, weil das Kind so wenig Platz in Barbaras Gebärmutter hatte. Tatsächlich hält Marisa ihr Köpfchen schräg, das war Barbara vorher noch gar nicht aufgefallen. Nun erschrickt Barbara doch etwas und sie fragt sich, ob es vernünftig war, mit einer solchen Gebärmutter ein Kind zu bekommen. Sie will auf keinen Fall, das ihr Kind ein Leben lang darunter leiden müsste! Der Arzt versichert aber, dass Marisas Schiefhals weitgehend korrigiert werden könne, sodass später praktisch nichts mehr davon zu sehen wäre. Zudem werden sie sicherheitshalber noch Marisas Hüften röntgen, da ihr linkes Beinchen gestreckt neben ihrem Köpfchen gelegen war. Barbara hatte sich also doch nicht getäuscht. Der Arzt beruhigt sie aber, er glaubt nicht, dass deswegen etwas mit Marisas Hüften nicht in Ordnung ist.
Als Barbara endlich aus dem Krankenhaus entlassen wird, darf sie ihre Tochter noch nicht mitnehmen, da Marisa noch nicht genug Gewicht hat. Das ist wirklich hart für Barbara und Giorgio, sie haben Marisa zu Hause richtig vermisst, obschon sie ja noch nie da war. Doch ihr Kind gehört schon ganz fest zu ihrem Leben, dass es nicht mehr wegzudenken ist. Natürlich haben sie ihr Kind täglich besucht, Barbara sogar jeweils zweimal, um Marisa zu stillen. Das ist auch höchste Zeit, denn die Milch geht bei Barbara schon rapide zurück.
Am zweiten Oktober ist es endlich soweit, sie dürfen ihre Tochter mit nach Hause nehmen. Vorher genehmigen sich die Beiden noch ein feudales Frühstück im Café, denn in nächster Zeit werden sie nicht mehr so ausgehen können. Dann holen sie ihre Tochter mit der Tragtasche ab und lassen sich noch von der Ärztin und der Säuglingsschwester instruieren, wie sie ihr Baby pflegen sollen. Bereits einige Tage zuvor, ist Barbara von einer Therapeutin erklärt worden, mit welchen Übungen sie den Schiefhals ihrer Tochter behandeln soll. Nun, schliesslich ist es soweit, Marisa ist warm in ihrer Reisetasche eingebettet und sie fahren los. Der frischgebackene Papa fährt ja an und für sich schon vorsichtig, aber so behutsam wie bei der ersten Fahrt mit seiner Tochter fuhr er wirklich noch nie. Marisa schläft friedlich in ihrer Reisetasche, das Rütteln scheint sie nicht zu beindrucken. Zu Hause angekommen, lassen sie ihre Tochter solange in der Reisetasche schlafen, bis sie von selbst aufwacht. Aufmerksam und mit grossem Staunen mustert Marisa die neue Umgebung. Es scheint ihr zu gefallen, ist sich Barbara sicher.
Giorgio nimmt sich gleich eine Woche Ferien, nachdem sie das Baby nach Hause geholt haben. Ausruhen kann er sich zwar nicht, denn Marisa hält sie ganz schön auf Trab. Barbara und Giorgio sind noch sehr unerfahren und rennen schon beim kleinsten Piepser los. Auch nachts schläft das Baby natürlich die ersten Wochen oder Monate nicht durch, sodass beide eine Zeitlang ständig übernächtigt sind. In der kommenden Zeit hat die junge Familie viel Besuch, alle wollen Sie das neue, junge Familienmitglied bewundern. Die täglichen Übungen für die Behandlung des Schiefhalses zeigen gute Wirkung, auch die Sorge um die Hüfte hat sich nicht bestätigt. Barbara ist darüber sehr erleichtert, hat sie sich doch in der Zeit nach der Geburt deswegen grosse Sorgen gemacht. Barbara geniesst die Zeit mit ihrem Kind, sie machen ausgiebige Spaziergänge und erkunden die herbstliche Natur. Auch sonst sind sie oft unterwegs und unternehmen allerlei kleinere Ausflüge. Die Tage fliegen nur so dahin und werden immer wieder durch kleine Erlebnisse aufgeheitert. Als sie von ihrem Kind zum allerersten Mal angelächelt wird ist so ein magischer Moment, den Barbara in ganz besonderer Erinnerung behalten wird. Einmal besuchen sie zusammen ihren alten Arbeitsplatz im Pressedienst der Swissair. Die ehemaligen Arbeitskollegen sind begeistert von dem jungen Erdenbürger und ernennen Marisa kurzerhand zum Pressedienst-Baby. Barbara und Giorgio sind sehr beschäftigt, sie haben ein wunderschönes Fleckchen Land in einer Gemeinde nahe des idyllischen Flüsschens für sich kaufen können. Bald schon soll mit dem Bau des Hauses begonnen werden. Barbara malt sich oft aus, wie schön es dann sein wird, wenn sie mit der Familie in dem schönen Haus mit Garten wohnen werden. Auch ein Sandkasten und eine Schaukel für Marisa sind schon geplant.
Die Bauarbeiten für das Haus laufen zügig voran und alles läuft nach Zeitplan. Trotzdem sind Barbara und Giorgio etwas nervös, wird wohl alles rechtzeitig fertig werden. Bald schon will die Familie in ihr neues zu Hause umziehen. Marisa entwickelt sich sehr gut, ständig kann sie wieder etwas neues, Sitzen, krabbeln, ein neues Zähnchen das einem entgegenblitz wenn Marisa lacht. Barbara muss aufpassen, dass sie all die vielen Fortschritte laufend festhält, so schnell läuft die Zeit und man vergisst so vieles.
Als Barbara wieder einmal zur Kontrolle bei Dr. Esposito muss, erfährt sie etwas sehr Trauriges. Die Sprechstundenhilfe muss Barbara wieder nach Hause schicken, da der Arzt vermisst wird. Er war im nahegelegenen See schwimmen gegangen und ist nicht mehr zurückgekehrt. Am nächsten Tag erfährt Barbara dann, dass man ihn tot aus dem See geborgen hat. Barbara berührt die Geschichte sehr, sie hat ihm doch so viel zu verdanken. Gerade weil er so skeptische war, waren sie auch besonders Vorsichtig während der Schwangerschaft, was möglicherweise eine Fehlgeburt verhindert hat. Barbara ist ausserordentlich dankbar dafür Mutter sein zu dürfen, sah es doch lange Zeit so aus, als ob sie ihren Traum begraben müsste. Und Dr. Esposito hatte sich so sehr gefreut über die Geburt ihres Kindes. Barbara will ihn in guter Erinnerung behalten.
Marisa ist inzwischen bereits ein Jahr alt. Bei einem Besuch beim Kinderarzt wird bei Marisa ein Leistenbruch festgestellt, der operiert werden muss.
Barbara ist sofort beunruhigt doch der Arzt beschwichtigt sie, “machen sie sich keine Sorgen, die Operation eines Leistenbruchs ist mittlerweile keine grosse Sache mehr“.
„Marisa wird etwa vier Tage im Spital bleiben müssen, dann wird sie sich bald erholen“. Barbara ist zwar etwas beruhigt, dennoch sieht sie diesem Tag mit Bange entgegen. Vorher wird aber Ende September der lang ersehnte Umzug ins neue Haus anstehen. Marisa verbringt die Tage des Umzugs bei ihrer Nonna, so können sich Barbara und Giorgio ganz auf ihre Arbeiten konzentrieren. Und davon gibt es bei so einem Umzug mehr als genug. Freunde helfen Barbara und Giorgio das neugebaute Haus zu reinigen. Am nächsten Tag ist es dann soweit, die Umzugswagen fahren vor. In der Wohnung stapeln sich Schachteln und Kisten mit all den vielen Sachen, die in den Tagen zuvor eingepackt wurden. „Auf in den Kampf, packen wir’s an“, meint Barbara motiviert. Mit Hilfe der zahlreichen Helfer sind all die vielen Kisten und Möbel erstaunlich schnell in den bereitstehenden Umzugswagen verstaut. Ein letzter prüfender Blick von Giorgio in die Wohnung.
„Wir haben alles, wir können los“, gibt er das Kommando.
Und so setzt sich die Karawane in Bewegung in Richtung des idyllisch gelegenen Städtchens. Es ist fast ein wenig ein mystischer Moment, als sie über die grosse Steinbrücke fahren, welche zum Städtchen führt. Noch einige Kurven den Berg hoch und sie sind am Ziel. Das Haus ist im Wesentlichen rechtzeitig fertig geworden, dennoch sind noch ein paar Handwerker bei der Arbeit, um dem Haus den letzten Schliff zu geben. Nichts desto trotz ist die Stimmung fröhlich und es werden Kisten, Kartons und Möbel ins Haus getragen. Da noch im Haus gearbeitet wird, können sie noch nicht richtig einrichten und so stehen die Möbel kreuz und quer herum.
„Wir haben es geschafft“, sagt Barbara erleichtert.
Am Abend holen sie Marisa bei der Nonna ab. Giorgio und Barbara fallen todmüde aber glücklich ins Bett. Ihre erste Nacht im neuen Heim, hoffentlich wird auch Marisa gut schlafen, die Beiden sind zu erledigt um eine anstrengende Nacht durchzustehen.
Nur wenige Tage nach dem Umzug ist es bereits so weit und Marisas Operation steht an. Barbara ist nervös als sie im Kinderspital ankommen.
Sie werden sehr freundlich von der Kinderkrankenschwester empfangen, „machen sie sich keine Sorgen, ihre Tochter ist bei uns in den besten Händen“.
Sie folgen der Schwester in ein Zimmer. Barbara ist erleichtert, als sie den Raum mit seinen bunten Farben betritt. Sogar ein Kuscheltier wartet bereits auf die junge Patientin. Marisa weint auch fürchterlich und sieht ihren Eltern ganz entsetzt nach, als sie gehen müssen. Barbara bricht es fast das Herz, als sie ihr Kind im Spital lassen und gehen muss. Zu Hause angekommen, kann es sich Barbara nicht verkneifen und ruft im Kinderspital an um sich zu erkundigen.
„Sie hat am Mittag das Essen verweigert, mittlerweile hat sie sich aber gut eingelebt und spielt mit ihrem Kuscheltier“, weiss die Schwester Barbara zu beruhigen.
Am nächsten Tag wird Marisa bereits operiert, natürlich sind Barbara und Giorgio schon im Kinderspital. Als Marisa aus der Narkose erwacht sieht sie noch etwas benommen aus, so als ob sie etwas zu tief ins Glas geschaut hätte. Sie erholt sich jedoch recht schnell und Barbara ist erleichtert, als sie ihre Tochter einige Tage später wieder nach Hause holen kann. Nach einigen Tagen zu Hause, ist dem Kind von den Strapazen schon kaum mehr etwas anzumerken.
„Wie schnell sich die Jungen doch erholen“, Barbara ist erleichtert dass alles gut gegangen ist.
Mittlerweile sind die kalten Wintertage bereits Geschichte, der Frühling zeigt sich von seiner prachtvollsten Seite. Bald ist Ostern, Barbara freut sich, Marisa ist nun inzwischen genug gross für einen kleinen Schokohasen. Vorher aber hat Barbara wieder einen Aufenthalt in der Frauenklinik, sie ist bereits im dritten Monat schwanger, deshalb wird ihr wieder der Muttermund zugenäht, wie bei der Schwangerschaft mit Marisa.
Der Arzt ist diesmal jedoch zuversichtlich, „ihre Gebärmutter wurde durch die letzte Schwangerschaft soweit gedehnt, dass diese Schwangerschaft jetzt kein Problem mehr sein sollte“. Es ist ein kurzer Eingriff und Barbara ist froh, dass sie die Klinik schon bald wieder verlassen kann. Sie ist beruhigt und macht sich diesmal keine Sorgen über mögliche Komplikationen. So macht sich Barbara auch keine Gedanken, als sie Anfang Mai bei ihrem Arzt Dr. Lombardi einen Kontrolltermin hat. Der Arzt streicht ihr die kalte Paste auf den Bauch und schaut konzentriert auf den Bildschirm, während er mit dem Ultraschallgerät ihren Bauch absucht. Seine ernste Miene beunruhigt Barbara nun doch etwas und sie schaut in mit grosser Spannung an.
„Es tut mir sehr leid, ihr Baby ist in ihrem Bauch gestorben“, muss ihr der Arzt mitteilen. Wie konnte das nur sein, Barbara ist verzweifelt, diese Schwangerschaft war doch bislang so problemlos und die Ärzte durchwegs optimistisch.
„Ich melde sie gleich in der Klinik an, packen sie zu Hause ein paar Sachen ein, dann können sie morgen früh gleich im Spital eintreten“, weist sie Dr. Lombardi an.
Tieftraurig fährt Barbara nach Hause, nun wird Marisa doch noch länger auf ein Geschwisterchen warten müssen. Zu Hause ruft sie gleich ihre Mutter an, die Nonna ist sofort bereit, sich in den paar Tagen, die Barbara in der Klinik sein muss um Marisa zu kümmern. Als Giorgio am Abend von der Arbeit nach Hause kommt, wird er von einer tränenüberströmten Barbara empfangen. Schluchzend muss sie ihrem Mann erzählen, dass sie das Kind verloren haben. Giorgio ruft sofort seinen Chef an und entschuldigt sich für den nächsten Tag bei der Arbeit. Er wird seine Frau bei diesem schweren Gang morgen begleiten.
Am nächsten Tag geht es schon in der Früh los. Auf dem Weg zur Klinik bringen sie Marisa zu Ihrer Nonna. Als sie schliesslich vor der Klinik ankommen, wird Barbara ganz klamm ums Herz. Schwermütig treten sie durch den Eingang wo sie bereits von einer freundlichen Schwester empfangen werden. Die Schwester begleitet die beiden in einen Gebärsaal, wo zuerst die Fäden der Cerclage entfernt werden und dann die traurige Geburt eingeleitet wird. Eine Hebamme begleitet Barbara und Giorgio während der ganzen Zeit und ist Barbara eine grosse, mentale Stütze. Es wäre tatsächlich ein Brüderchen gewesen, wie Barbara bereits angenommen hatte. Der Junge hat die Nabelschnur zweimal um den Hals geschlungen, weshalb er es leider nicht geschafft hat. Der Arzt ist jedoch zuversichtlich, dass Barbara wieder schwanger werden kann.
„Solche unglücklichen Sachen passieren leider immer wieder, das können wir nicht verhindern“, bedauert der Arzt.
Das ist natürlich nur ein sehr schwacher Trost für Barbara. Sie muss noch einen Tag zur Beobachtung bleiben, bis sie wieder nach Hause kann. So schnell will Barbara aber nicht aufgeben, sie wünscht sich sehnlichst ein Geschwisterchen für Marisa und sie glaubt fest daran, dass ihr Wunsch in Erfüllung gehen wird.
Marisa ist mittlerweile bereits drei Jahre alt. Barbara hat in der Zwischenzeit wieder angefangen bei der Swissair zu arbeiten, immer am Morgen. Marisa ist in dieser Zeit jeweils bei einer Nachbarin, mit der sich Barbara vor einiger Zeit angefreundet hat. Rosanna hat auch einen Sohn, Sergio, der fast gleich alt ist wie Marisa, die beiden haben schon oft miteinander gespielt. Rosanna und Sergio holen Marisa jeweils am Morgen und Barbara holt sie am Nachmittag nach der Arbeit ab. Marisa freut sich jeden Morgen auf Sergio, er ist mittlerweile ein sehr guter Freund geworden. Mit Sergio spielt Marisa sehr gerne, die beiden verstehen sich sehr gut. Manolo ist der ältere Bruder von Sergio. Vor ihm fürchtet sich Marisa sehr, da er oft sehr laut und auch aggressiv ist. Der Vater hat Rosanna und ihre Söhne schon lange verlassen und so kümmert sich Rosanna ganz alleine um die Familie. Rosanna ist froh um die Aufgabe als Tagesmutter für Marisa, so ist es ihr möglich, einen unbedingt nötigen Zuverdienst zu verdienen und trotzdem für ihre Kinder sorgen zu können. Zu Mittag isst Marisa jeweils noch bei ihrer Tagesfamilie, wo es zum täglichen Kampf ums Essen kommt. Rosanna fühlt sich mit dieser Aufgabe sehr unter Druck und hat Angst, dass es negativ auf sie zurückfallen kann, wenn Marisa so wenig isst. Marisa ist nämlich ein sehr zierliches und äusserst schlankes Mädchen.
„Hör auf deinen Bauch nur mit Wasser zu füllen, so hat es ja keinen Platz mehr für das Essen“, Rosanna nimmt Marisa das Glas weg.
„Jetzt isst du erst einmal ordentlich, dann gebe ich dir das Getränk wieder“, weist sie Marisa an. Doch damit vergeht Marisa endgültig der Appetit und sie stochert nur lustlos im Teller herum. Plötzlich hört man die Haustüre knallen, Manolo kommt wutschnaubend die Wendeltreppe hoch.
„Ich brauch Geld, Mama, gib mir sofort etwas“, schreit er lautstark und wütend.
Er ist seit einiger Zeit immer tiefer abgerutscht und ist mehr und mehr den Drogen verfallen. Wenn er, wie jetzt, dringend eine neue Ration seiner Drogen braucht, wird er unberechenbar. Die Sucht übernimmt dann jeweils die komplette Herrschaft über ihn und er kann nur an seinen nächsten Schuss denken. Natürlich hat er deswegen auch immer ständige Geldschwierigkeiten, wie jetzt auch. Er schreit Rosanna an, er will Geld. Wenn so etwas ist, verziehen sich Marisa und Sergio meist in Sergios Zimmer, bis sich alles wieder gelegt hat.
Auch jetzt schleichen sich Sergio und Marisa in Sergios Zimmer und ausserhalb der Gefechtszone. Draussen hingegen hören sie Manolo wüten, während Rosanna ihn immer wieder zu beschwichtigen versucht, es ist sehr laut und unangenehm.
„Ich brauch Geld, du bist meine Mutter, du musst es mir geben“, schreit er.
„Ich habe selbst immer zu wenig für uns zum Überleben, ich kann dir nichts geben“, verneint Rosanna immer und immer wieder.
„Du musst dir endlich helfen lassen, die Sucht zerstört dich“, versucht Rosanna ihren Sohn unermüdlich wieder zur Vernunft zu bringen. Lange Zeit ist es dann einfach nur still bis Rosanna einige Zeit später den Kopf ins Zimmer steckt, um zu sehen, wie es den beiden geht. Manchmal hat sie geweint, Manolo ist dann immer schon weg, um sich seinen nächsten Schuss zu besorgen.
Die Situation belastet Marisa sehr, sie hat Angst.
„Mami ich will dort nicht mehr hingehen. Manolo ist böse, ich habe immer so viel Angst“, fleht Marisa ihre Mutter an und kann sich die Tränen nicht verkneifen.
Es fällt Barbara nicht leicht, als sie schliesslich Rosanna informieren muss, dass Marisa künftig nicht mehr zu ihr kommen wird.
„Ich brauch das Einkommen, ich habe alles im Griff“, versucht sich Rosanna zu verteidigen. Sie ist enttäuscht, muss aber Barbaras Entscheidung schliesslich akzeptieren. Allerdings ist sie sehr beleidigt und grüsst Barbara kaum noch, wenn sie einander sehen. Dennoch ist Barbara froh über ihre Entscheidung, es ist ihr schon wichtig, dass es Marisa gut geht in der Zeit, in der sie arbeitet.
Zum Glück findet Barbara bei einer anderen Nachbarin schnell eine neue Lösung. Elena wohnt nur einige Häuser weiter in der gleichen Strasse und hat drei Töchter, sehr zur Freude von Marisa.
Weil Barbara nun wieder bei der Airline arbeitet, kommen sie auch wieder in den Genuss von vergünstigten Flügen. Barbara liebt das Reisen in ferne Länder über alles und ist froh, so wieder etwas durch die Welt tingeln zu können. Sie werden an einem der nächsten Wochenenden nach London fliegen, um ihre Freunde, die Familie Wilson zu besuchen. Barbara und Giorgio nehmen sich den Freitag frei, damit sie ein verlängertes Wochenende bei den Wilsons geniessen können. Barbara ist schon etwas aufgeregt, ob ihrer Tochter das Fliegen wohl genauso gefallen wird wie ihr? Sie ist etwas nervös, als es am Freitagmorgen losgeht. Sie werden von Marisas Onkel Mauro zum nahegelegenen Flughafen gefahren.
„Gute Reise, kommt gut an und geniesst die Tage in London“, verabschiedet er sich. Schon braust er wieder los, an den Parkplätzen bei den Terminals darf man immer nur ganz kurz bleiben. Mit ihrem Gepäck laufen sie durchs Flughafengelände zum Check-in.
„Kommt schnell, wir müssen noch einchecken, nicht das wir noch unseren Flug verpassen“, hetzt sie Giorgio.
„Mach dir nicht so viele Sorgen, die fliegen schon nicht ohne uns“, Barbara nimmt‘s gelassen.
Marisa ist beeindruckt von dem ganzen Trubel am Flughafen und nimmt die vielen Eindrücke still in sich auf. Die Dame am Check-in begrüsst sie freundlich.
„Guten Tag, sie möchten einchecken, wohin geht die Reise“, fragt sie Barbara.
Während Giorgio die Koffer auf das Gepäckband stellt, gibt Barbara die Pässe zur Prüfung. Marisa hat natürlich noch keinen eigenen Pass, sie ist noch in Barbaras Ausweis aufgeführt.
„Bist du schon einmal geflogen junge Dame“, fragt die Check-in-Mitarbeiterin Marisa.
Marisa kann nichts sagen, stumm schüttelt sie den Kopf.
„Wird schon schiefgehen, ich bin sicher es wird dir gefallen“, lacht die Dame.
Die Gepäckstücke sind schnell aufgegeben, sie haben ja auch nicht so viel, nur für ein verlängertes Wochenende.
„Ich wünsche ihnen einen guten Flug und einen angenehmen Aufenthalt in London“, verabschiedet sich die Check-in-Mitarbeiterin.
Kurz darauf sind sie auch schon beim Gate und nur wenige Minuten später dürfen sie bereits in das Flugzeug einsteigen.
Die Flugbegleiterin führt sie gleich zur ersten Reihe, „die erste Reihe ist nämlich für Familien mit kleinen Kindern reserviert“, erklärt sie. Marisa klettert sogleich auf einen der Sitze und will sich anschnallen.
„Das Fräulein fliegt anscheinend nicht zum ersten Mal“, glaubt die Flugbegleiterin.
Sie müssen alle lachen. Bei Start und Landung wird Marisa noch auf dem Schoss ihrer Mutter sitzen, mit einem speziellen Sicherheitsgurt mit dem der Mutter gesichert. Als alle Passagiere im Flugzeug sind, rollen sie schon auf die Start- und Landebahn.
„Komm jetzt Marisa, Du musst jetzt auf meinen Schoss sitzen, wir müssen uns anschnallen, das muss man nämlich immer beim Starten und Landen“, erklärt Barbara ihrer Tochter. Der Flug verläuft problemlos und schon bald landen sie auf dem Flugplatz in London. Nachdem sie ihr Gepäck abholt haben, werden sie schon von den Wilsons erwartet, die es sich nicht nehmen liessen, ihre Gäste vom Flughafen abzuholen.
„Oh wie schön euch endlich einmal wiederzusehen“, begrüsst sie Kate Wilson herzlich. Die Fahrt durch das geschäftige London ist eindrücklich, bald schon fallen Marisa müde die Augen zu. Die Erwachsenen allerdings unterhalten sich rege.
Den Samstag verbringen sie geschäftig, nach so langer Zeit, in der man sich nicht mehr gesehen hat, gibt es so viel zu schwatzen. Marisa versteht die englische Sprache natürlich nicht, sodass sie an den regen Unterhaltungen nicht allzu viel Freude hat. Als Melanie Wilson Marisa wieder einmal mehr in ein Gespräch zu verwickeln versucht, flüchtet diese zu ihrem Papa Giorgio.
„So, jetzt kann die endlich nicht mehr so blöd fragen. Die redet so komisch, ich versteh gar nichts“, schmollt Marisa.
Giorgio muss schmunzeln, nimmt’s aber gelassen. Am Sonntag fahren sie dann mit den legendären, roten, doppelstöckigen Londoner-Stadtbussen eine Tour und bewundern beeindruckt die Weihnachtsbeleuchtung in der Fleet Street.
„Schaut einmal diese einzigarte Weihnachtsbeleuchtung. Diese vielen Lichter und Farben“, Barbara ist ganz fasziniert.
Am Montagvormittag werden sie von den Wilsons wieder zum Flughafen gebracht und machen sich auf den Heimflug.
„Wie schnell die Tage doch vergangen sind, ich
hätte gerne noch mehr Zeit mit Euch gehabt, wir hätten noch so viel reden können“, bedauert Barbara.
Innig umarmen sie einander und verabschieden sich doch recht wehmütig voneinander. Es wird wohl einige Zeit vergehen, ehe sie sich wiedersehen können.
Leider gibt es für die Freiflügler kein Mittagessen, da zu wenig Essen geladen worden war, aber was macht das schon! Die Hauptsache ist ja, dass sie überhaupt einen Platz gefunden haben! Kurz nach der Landung haben sie bereits ihr Gepäck wieder bekommen und laufen zum Ausgang. Mauro steht schon da und winkt Ihnen entgegen.
„Seid ihr gut gelandet?“, fragt er, froh alle wieder wohlbehalten zu sehen.
„Ihr müsst mir unbedingt erzählen wie es war“, fragt Mauro neugierig.
So erzählen sie auf der Heimfahrt munter, was sie in den Tagen in London so alles erlebt haben. Barbara ist erleichtert, dass ihre Tochter so unkompliziert mitreist. Barbara ist intensiv vom Airlinevirus befallen, wer davon einmal befallen ist, wird das Virus zu Lebzeiten nicht mehr los. Sie haben noch den diesjährigen Freiflug zugute, den sie bis März beziehen müssen. Barbara und Giorgio planen eine Reise nach Israel, Marisa wird also schon bald eine weitgereiste junge Dame sein.
Einige Tage nach ihrer Rückkehr von der Reise nach London, ist Barbara mit Marisa im Auto unterwegs um einzukaufen. Sie fahren auf der Hauptstrasse durch den Wald zum nahegelegenen Einkaufszentrum. Während sich Barbara auf den Verkehr konzentriert, ist Marisa auf dem Rücksitz mit ihrer Puppe beschäftig. Plötzlich hört Marisa ihre Mutter schreien und schon knallt es, das Auto kommt rasend schnell zum Stehen und überschlägt sich. Nachdem sie sich vom ersten Schreck erholt haben, kommen auch schon die ersten Helfer, die den Unfall mitbekommen hatten. Sie helfen Barbara und Marisa aus dem stark verbeulten Auto, glücklicherweise sind beide unverletzt. Kurz darauf ist auch schon die Polizei vor Ort. Barbara muss sich erst sammeln, bevor sie den Beamten schildern kann, wie sie plötzlich ein Reh von der Seite her rennen sah, dann hatte es auch schon genknallt. Während zwei Beamte mit Barbara und Zeugen den Unfall protokollieren und den Verkehr regeln, fährt ein freundlicher Polizist mit Marisa im Polizeiauto zum nächstgelegenen Bahnhof und spediert dem Mädchen ein Eis auf den Schreck hin. Als sie wieder beim Unfallort eintreffen, sitzt Marisa gutgelaunt Eis leckend auf dem Rücksitz. Der Beamte fährt die Beiden nach Hause, ihr Auto ist nach diesem Unfall nur noch Schrott. Giorgio erschrickt sehr, als ihm seine Frau am Abend von dem Vorfall berichtet, aber auch er ist froh, dass den Beiden nichts passiert ist. Nun werden sie wohl eine Weile ohne Auto auskommen müssen, bis sie wieder einen neuen Wagen haben werden.
Marisa verbringt den Morgen weiterhin bei Elena und ihren Töchtern. Allerdings sind Emma, Gioia und Ariana, die Töchter von Elena, älter als Marisa und gehen schon zur Schule. So hat Marisa in der Regel am Morgen keine Spielkameraden, sie kann sich aber mit den zahlreichen Spielsachen prima selbst beschäftigen. Trotzdem ist die Freude am Mittag jedes Mal gross, wenn die Mädchen eins ums andere nacheinander zu Hause eintrudeln. Die Mädchen wissen immer viel zu berichten, von der Schule, von ihren Freunden und manchmal auch von den blöden Lehrern, wie sie finden.
Barbara hat den Verlust des Brüderchens nie ganz verwunden. Sie hatte schon seit der ersten Geburt von Marisa kein unbeschwertes Gefühl mehr gehabt, aber seit diesem Vorfall ist sie immer depressiver verstimmt, das Leben ist unheimlich schwer und düster geworden. Am Anfang bekam sie haufenweise gut gemeinte Ratschläge von Freunden und Bekannten.
„Du musst dir nur etwas Zeit geben, das kommt schon wieder“.
„So etwas passiert doch vielen Frauen, du wirst da schnell darüber hinweg kommen“.
„Sobald du wieder schwanger bist, hast du das vergessen, du kannst dich doch glücklich schätzen, du hast ja schon ein Kind“.
Das sind nur einige, der ungebetenen, zahlreichen Ratschläge, die sie sich seither anhören muss. Aber das was Barbara belastet, ist weit mehr als blosse Traurigkeit und es wird je länger je schlimmer. Sie empfindet ihr Leben als unheimlich schwer, alleine das Aufstehen am Morgen ist ein unvorstellbarer Kraftakt. Am liebsten würde sie sich nur noch im Bett verstecken, es fehlt ihr die Kraft für alles, die Bewältigung des Alltags ist ein Alptraum, sie fühlt sich mehr denn je ungenügend, empfindet sich selbst als Versagerin. Der Verlust des Babys und dessen stille Geburt waren für sie kaum zu verkraften. Fehlgeburten sind nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu, über das nicht gesprochen wird. Gespräche darüber und etwas Verständnis von ihrem Umfeld würden jedoch so sehr helfen. Ihr Mann kann sie nicht verstehen, er hat kein Verständnis dafür, dass Barbara nicht mehr alles schafft. Das gibt zusätzlichen Druck und Eskalation.
„Hast du heute den Haushalt gemacht“, fragt Giorgio schroff, als er nach Hause kommt. Barbara steht nur stumm da und versucht zu nicken. Gerade wenn sie die Arbeiten nicht geschafft hat, fürchtet sie sich vor der Heimkehr ihres Mannes. Giorgio ist ein Perfektionist, halbe Sachen gibt es für ihn nicht. Er fühlt sich ohnmächtig gegenüber der Verfassung seiner Frau, es macht ihn aggressiv, zumal ihm Barbara keine für ihn vernünftige Erklärung geben kann, weshalb sie nicht mehr in der Lage ist, ihre Arbeiten zu verrichten.
„Ist das wahr?“, fragt Giorgio seine Tochter. Marisa nickt heftig.
„Ja, sie hat Staub gesaugt und ganz viel gearbeitet“, versucht Marisa ihre Mutter in Schutz zu nehmen.
Sie spürt die Not ihrer Mutter und auf der anderen Seite den Zorn des Vaters.
Es ist ein schöner, sonniger Nachmittag, als Marisa beim Spielen ihre Mutter sucht. Barbara sitzt auf dem grossen Polstersessel, sie wirkt ganz in sich versunken, als ob sie alles, was um sie herum geschieht, nicht wahrnehmen könnte. Sie starrt vor sich hin, in ihren Augen spiegelt sich eine riesengrosse Leere. Marisa setzt sich neben ihrer Mutter auf die Couch.
„Mama, bist du traurig?“, fragt Marisa nach einer Weile.
„Nichts, es ist nichts“, bekommt sie zur Antwort.
Marisa weiss genau, dass nicht nichts ist. Sie spürt ihre Mutter, die wie von einer schweren, eisernen Decke tiefster Traurigkeit zugedeckt ist. So sitzen sie stundenlang schweigend nebeneinander. Während Barbara ganz in ihrer Depression versunken ist, driftet Marisa immer mehr in ihre Fantasiewelt ab. Dort sind alle die Sorgen weg und sie kann unbeschwert sein, dort ist alles möglich und es gibt keine Grenzen.
Die Situation spitzt sich in der Folge immer weiter zu, wird zu einer enormen Belastung für die ganze Familie. Eines Morgens schafft es Barbara nicht mehr, sie bleibt wie apathisch im Bett liegen, kümmert sich nicht mal mehr um ihre Tochter und bleibt unentschuldigt der Arbeit fern. Als Elena Marisa kurz nach sieben Uhr abholen will, findet sie Barbara so im Bett vor. Trotz allem guten Zuredens und sämtlicher Versuche, gelingt es auch Elena nicht, Barbara zu helfen.
„Hallo Giorgio“, meldet sich Elena, als Giorgio den Anruf im Büro entgegennimmt.
„Deine Frau liegt immer noch im Bett, sie ist wie apathisch und ich komme nicht zu ihr durch“, berichtet Elena.
Giorgio ist verzweifelt, er ist mit der Situation völlig überfordert und die Wut steigt wieder in ihm hoch.
„Die soll jetzt endlich mal in die Gänge kommen, was soll das ganze Theater eigentlich, ich kann nicht mehr“, platzt es aus ihm heraus.
„Ich würde gerne den Notfallpsychiater anrufen“, versucht Elena zu vermitteln.
„Ich glaube die ganze Sache ist weit ernster als angenommen und wir werden das ohne professionelle Hilfe nicht schaffen“, versucht sie Giorgio zu überzeugen.
Elena ist gelernte Krankenschwester und ahnt, um was es bei Barbara gehen könnte. Die beiden Frauen haben die letzten Jahre immer wieder die Nachmittage zusammen verbracht. Bei diesen Gesprächen hat Elena auch viel über Barbaras Geschichte mit den vielen vorzeitig beendeten Schwangerschaften und dem Verlust des Brüderchens erfahren.
Giorgio sieht sich fast gezwungen einzuwilligen, was soll er denn sonst auch tun? Also wählt Elena nun den Notruf und erklärt dem Herrn am anderen Ende des Apparates die Lage.
„Bleiben Sie bitte vor Ort“, bittet sie der Mann in der Notfallzentrale.
„Ich werde sofort jemanden zu ihnen losschicken“, informiert er Elena.
Zum Glück sind ihre Mädchen bereits in der Schule, so wartet Elena mit Marisa auf den Notfallpsychiater. Sie nutzt die Wartezeit um Marisa zu waschen, anzuziehen und die Haare zu bürsten. Es dauert in der Tat nicht lange, bis es an der Haustüre klingelt. Schnell geht Elena und öffnet die Tür, sie ist froh, nun nicht mehr alleine mit dieser schwierigen Situation zu sein.
„Guten Tag“, begrüsst sie den Mann.
„Vielen Dank dass sie so schnell gekommen sind“, Elena ist sichtlich erleichtert nicht mehr länger alleine für alles verantwortlich zu sein.
„Sie liegt oben im Bett, ich bringe sie gleich zu ihr“, schnell geht Elena vor und zeigt dem Mann den Weg.
„Hallo Frau Ferrara“, wird Barbara von dem Mann begrüsst.
Doch Barbara reagiert kaum auf die Ankunft des Arztes, sie fühlt sich dermassen in einem dunklen Loch, sodass sie ihre Umwelt fast gar nicht mehr wahrnimmt. Der Arzt versucht noch ein paar Mal mit Barbara zu sprechen, merkt aber schnell, dass Barbara unbedingt weitere Hilfe braucht. Elena erzählt dem Arzt kurz von Barbaras Fehlgeburt und der ganzen Vorgeschichte.
„Wir werden Frau Ferrara in der psychiatrischen Klinik stationär aufnehmen, ich werde gleich einen Transport organisieren, der Frau Ferrara dorthin bringt“, erklärt der Arzt.
„Die Frau wird sicher einige Zeit in der Klinik verbringen müssen, können sie sich in der Zeit um das Kind kümmern?“, fragt der Arzt.
