Himmelslandtourist - Henny Frank - E-Book

Himmelslandtourist E-Book

Henny Frank

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Beschreibung

In meinem Roman "Himmelslandtourist" erfindet der musikbegeisterte (bevorzugt Rock und Metal, aber auch anderes) Henning "Henny" Frank eine Geschichte, um sich - wie er sagt - "selbst zu unterhalten". Henny ist an Leukämie erkrankt und findet in dieser Geschichte im gleichaltrigen Carsten sowohl einen Leidensgenossen als auch einen Trostspender. Besonders wichtig wird dies für Henny, als sein Freund Paul an der Krankheit verstirbt. Henny möchte, dass der Krebs wenigstens ein einziges Mal einen Sinn ergibt, und sei es bloß in einer selbsterfundenen Geschichte.

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Seitenzahl: 584

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Henny Frank

Himmelslandtourist

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Himmelslandtourist

I. 1.

I. 2.

I. 3.

I. 4.

I. 5.

I. 6.

I. 7.

I. 8.

I. 9.

I. 10.

I. 11.

I. 12.

I. 13.

I. 14.

I. 15.

I. 16.

I. 17.

I. 18.

I. 19.

I. 20.

I. 21.

I. 22.

I. 23.

I. 24.

I. 25.

I. 26.

II. 1.

II. 2.

II. 3.

II. 4.

II. 5.

II. 6.

II. 7.

II. 8.

II. 9.

II. 10.

II. 11.

II. 12.

II. 13.

II. 14.

II. 15.

II. 16.

II. 17.

II. 18.

II. 19.

II. 20.

II. 21.

II. 22.

II. 23.

II. 24.

II. 25.

II. 26.

III. 1.

III. 2.

III. 3.

III. 4.

III. 5.

III. 6.

III. 7.

III. 8.

III. 9.

III. 10.

III. 11.

III. 12.

III. 13.

III. 14.

III. 15.

III. 16.

III. 17.

III. 18.

III. 19.

III. 20.

III. 21.

III. 22.

III. 23.

III. 24.

III. 25.

III. 26.

III. 27.

III. 28.

III. 29.

III. 30.

III. 31.

Epilog

Impressum neobooks

Himmelslandtourist

von Henny Frank

Meinem Carsten

Für Kuddel und Gustav

In Gedenken an Regine Stokke

und Lemmy (Motörhead war mein erstes Live-Erlebnis!)

Der Zeitraum in dem die Geschichte spielt liegt zwischen Januar 2015 und Juni 2015

Für das Konzert des Lebens kriegt niemand ein Programm.

I. 1.

Mein Name ist Henning, doch seit ich denken kann, werde ich meist Henny genannt; selbst von solchen Leuten, die mir gegenüber nicht so wohl gesonnen eingestellt sind. Mir fallen da zum Beispiel welche aus meiner Klasse ein, die einen immer so richtig fies fertig gemacht haben. Doch das war früher…

Nun aber gehe ich durch den alten Fasa-Park. Heute ist ein trüber Januartag und es hat gerade zu nieseln begonnen. Ich bin ganz allein; weit und breit ist niemand zu sehen.

Die feinen Tropfen, die jetzt vom Himmel herunterregnen, sind so kühl- frisch und ich möchte mehr davon spüren. Darum bleibe ich nun stehen, nehme die Kapuze und die schwarze Baumwollmütze vom Kopf und wende langsam meinen Blick nach oben.

Der Regen erfüllt seine Verheißung - die Tropfen, die jetzt über mein Gesicht und den Kopf perlen, fühlen sich absolut schön an.

Nach einer Weile gehe ich weiter; vorbei an Fichten, Kiefern, Stieleichen Rotbuchen, Brombeerranken und Schwarzem Holunder.

Man hat in diesem Park geradewegs das Gefühl, in einem Wald zu sein. Das Herzstück ist eine weitläufige Auenwiese, an deren Saum sich ein Schwarzerlenwald anschließt und genau den hab ich gerade erreicht.

In diesem Wald und auf dem Auengrund lebt ein zahmes Rotwildrudel. Wenn ich hier bin, füttere ich die Tiere oft und wenn meine Stiefmutter was davon mitbekommt, wird sie jedes Mal regelrecht panisch.

An für sich soll ich überhaupt keine Tiere anfassen, wegen der Infektionsgefahr und so. Mein Immunsystem ist derzeit ziemlich geschwächt und ich muss ständig aufpassen, dass ich mir nicht von irgendwo irgendwas einfange…

Doch daran will ich jetzt nicht denken - und auch nicht daran, was meine Stiefmutter wohl sagen würde, wenn sie wüsste, dass ich gerade ohne Mütze oder Kapuze durch den Regen gehe.

Der ist inzwischen noch heftiger geworden, doch ich empfinde das nicht als unangenehm.

Ich gehe jetzt am Schwarzerlenwald vorbei.

Auf dem Auengrund ist kein Rotwild zu sehen. Wohlmöglich hält sich das Rudel weiter hinten auf der Wiese auf - die Sicht dorthin ist aber durch eine breite Birkenschonung verdeckt.

Vielleicht befinden sich die Tiere auch im Wald, also gänzlich außerhalb des Parks und wären so meinem Blick vollständig entzogen.

Wie dem auch sei, es ist kein Rotwild da und ich beschließe, meinen Weg fortzusetzen. Noch immer freue ich mich über die feuchte Leichtigkeit, die ich so ganz ohne Bedeckung auf meinem Kopf spüre und ich summe leise vor mich hin.

Als ich den Eichensteig erreicht hab, kommt mir aus der anderen Richtung ein Mann entgegen. Er trägt einen schwarzen Regenmantel und als er mich sieht, geht er mit schnellen Schritten auf mich zu. Genau vor mir bleibt er schließlich stehen.

“Hallo Junge”, grüßt er, “kannst du mir sagen, wie ich von hier aus zum Lärchenweg komme?”

“Ja”, antworte ich, “Sie müssen diesen Weg hier noch etwas weiter runtergehen, am Schwarzerlenwald auf der rechten Seite abbiegen, nach ner Weile wieder links und dann…” Ich stocke.

Bilde ich mir das ein - oder sieht der Mann mich jetzt tatsächlich immer merkwürdiger an? Mir ist jedenfalls, als würde er mich mit unverhohlener Neugier mustern. Gleichzeitig scheint er aber, über das was er sieht, fast ein wenig erschrocken zu sein.

Was hat der bloß, denke ich noch - doch dann fällt es mir wieder ein:

Ich trage ja keine Kopfbedeckung…

Na und, könntet Ihr nun vielleicht denken, doch mir ist das alles andere als egal. Wisst Ihr, mein Kopf ist nämlich absolut kahl; so kahl, als ob ich nie ein einziges Haar darauf gehabt hätte.

Hastig fasse ich jetzt nach hinten und setze die Kapuze meiner Jacke wieder auf. Ich fühle mich total unwohl und schäme mich in Grund und Boden. Ich komm einfach nicht darüber hinweg, dass ich keine Haare mehr hab.

Der Mann hat inzwischen seinen Blick wieder von mir genommen und sieht an einem vorbei.

“Und dann?”, fragt er betont ungerührt.

Doch ich bin nun absolut durcheinander und stotterte nur noch irgendwas vor mich hin. Dann wende ich mich unvermittelt ab und stolpere davon. “Danke!”, ruft der Mann mir noch nach, doch ich sehe nicht mehr zurück.

Bloß weg hier…

Als ich mich endlich außer Sichtweite wähne, bleibe ich stehen und krame die Mütze aus meiner Jackentasche hervor. Hektisch ziehe ich die Kapuze runter, setze die Mütze auf und anschließend die Kapuze noch zusätzlich drüber. Ich bin völlig aufgelöst. Der Regen vorhin auf dem

Kopf war so schön, dass ich fast vergessen hatte, warum ich überhaupt ständig Mütze, Tuch oder Kapuze trage.

Ich achte sonst immer sehr darauf, dass mich bloß niemand mit diesem hässlichen kahlen Kopf sieht - noch nicht mal meine Eltern.

Vielleicht übertreib ja ich ein wenig, aber ich finde mich wirklich extrem hässlich, viel schlimmer als je zuvor.

Bis vor zwei Monaten hatte ich ja wenigstens noch Haare, doch als ich wegen dieser Leukämie mit der ersten Chemotherapie angefangen hab, sind sie mir nach ein paar Wochen alle ausgefallen.

Na ja, das heißt, die ersten Büschel fielen von allein aus, doch nachher hab ich den Vorgang ein wenig beschleunigt.

Von Freiwilligkeit kann aber trotzdem keine Rede sein.

Viel mehr war es so, dass ich ja wusste, dass ich die Haare sowieso verlieren würde und ich konnte ihren immer dünner werdenden Anblick nicht ertragen. Das noch verbliebene Haar wirkte trocken und strohig; wie Zuckerwatte irgendwie, und allmählich schimmerte auch jenseits der kahlen Stellen überall die Kopfhaut durch. Im Ernst, ich hatte ausgesehen, wie die Leute in diesen Atomkriegsfilmen, nachdem die Strahlenkrankheit bei ihnen ausgebrochen ist. Hinzu kam noch so ein fieser Juckreiz.

Meine Haare waren zwar nicht lang, aber kurze Haare oder gar keine, das ist doch noch ein ziemlicher Unterschied.

Außerdem hatte ich gerade beschlossen die Haare endlich wachsen zu lassen.

Dann aber kam die Leukämie und so sehe ich jetzt aus.

Die Wimpern und Augenbrauen fehlen mir übrigens auch schon.

Die fallen nämlich ebenso aus; also zuerst die Haare auf dem Kopf und dann nach und nach alle anderen. Meiner Erfahrung nach ist das jedenfalls so. Am Körper sind mir zwar noch nicht alle Haare ausgefallen, aber das wird wohl noch passieren.

Vor einiger Zeit hab ich mal gelesen, dass es Leute gibt, denen die Haare bei ner Chemotherapie überhaupt nicht ausfallen. Weder auf dem Kopf, noch sonst wo, aber ich denk mal, die meisten haben da weniger Glück.

“Bei mir ist alles ausgefallen”, hat Paul mir bestätigt,

“aber das geht wohl fast allen so und ehrlich gesagt glaub ich noch nicht mal, dass das unser größtes Problem ist…“

Paul hab ich auf der Station kennengelernt. Eines Tages gingen wir beide über den Gang und plötzlich standen wir uns gegenüber.

Na?”, hat er mich gefragt. “Wo hast dus?”

“Was?”, war meine dämliche Antwort - aber so bin ich nun mal.

“Was wohl, Krebs”, meinte Paul.

Er schien aber gar nicht ungeduldig zu werden, wegen meiner Begriffsstutzigkeit, sondern eher so angelustigt.

“Ach so der”, murmelte ich und wurde rot. “Im Blut.”

Paul nickte. “Ich auch. Akut oder chronisch?”

“Akut.”

Paul nickte wieder. “Klar”, hatte er gemeint, “chronisch kriegen ja auch meistens eher die Alten.”

Er zupfte an seinem T-Shirt herum. “Lymphatisch oder myeloisch?”, fragte er dann weiter.

“Myeloisch. Und du?”

“Lymphatisch. Kinderkrebs also.” Paul grinste.

Ich zuckte mit den Schultern. “Ja - aber was soll’s. Ätzend sind sie alle beide.”

Da musste er mir Recht geben - und das hatte ich auch.

Ich erklär Euch den Unterschied zwischen lymphatisch und myeloisch, später, okay? Mir ist das jetzt zu langweilig und ich wollte ja auch nur mal schnell erklären, wie ich Paul kennengelernt hab.

Ich finde allerdings, dass ich ohne Haare noch mehr ausseh, als ob ich Krebs hätte und das will ich nicht. Zwar hab ich den ja wirklich - aber muss man mir das gleich so ansehen? Nahezu gedemütigt fühl ich mich und genau das hab ich eben bei der Begegnung mit diesem Mann besonders deutlich gespürt.

Ganz bestimmt hat Paul aber Recht, wenn er sagt, dass der Haarausfall eins der geringeren Probleme ist. Verglichen mit dem Vernichtungsgefühl, der Ohnmacht und der Todesangst ist das nämlich tatsächlich nichts.

Nein, dieser Haarausfall ist bloß ne Nebenwirkung der Chemotherapie - und bei weitem nicht die einzige.

So hab ich zum Beispiel oft ganz furchtbare Magenschmerzen.

Die Schleimhaut hat sich abgelöst und ich bekomm nur noch Schonkost. Im Moment ist das allerdings nicht so schlimm. Ich kann sowieso nichts schmecken und das ist auch wieder so ne Nebenwirkung von dieser Chemokeule.

Chemokeule - na ja, die Dosierung war eher mittelstark.

Ich ziehe die Kapuze fester.

Wisst Ihr, wenn ich sterben sollte, dann will ich aber trotzdem,

dass meine Haare wenigstens wieder etwas nachgewachsen sind…

Ein paar Zenitmeter bloß.

Tut uns leid,werden die Ärzte eines Tages vielleicht zu mir sagen,

wir können nichts mehr für dich tun. Die Therapie schlägt nicht mehr an, einen Knochenmarkspender haben wir auch nicht und wir wissen derzeit nicht, was den Krebs jetzt noch unter Kontrolle bringen könnte…

Der Leukozytenwert steigt ins Unermessliche…

70, 80, 100, 150, 200...

Und ich bin tot.

In der Zeit davor gibt’s keine Behandlung mehr und meine Haare können wieder wachsen. Was für ein Glück, denn auf keinen Fall will ich mit diesem kahlen Kopf von der Welt gehen.

Vielleicht ist so was egal - ich will das aber nicht.

Keine Ahnung, warum nicht, es ist ein rein persönliches Empfinden.

Ich starre auf den Auengrund vor mir.

Diese verdammte Leukämie…Wie satt ich das alles hab.

Ich seufze und da auf der Wiese noch immer kein Rotwild zu sehen ist, beschließe ich, mich nun auf den Rückweg zu machen.

Es regnet nicht mehr, doch das ist mir egal. Ich fühle mich nur noch schlapp und außerdem fand ich den Regen vorhin ja so schön.

Ich mache kehrt und gehe zurück zum Parkcafe, wo meine Eltern auf mich warten.

I. 2.

Ich muss Euch jetzt noch erzählen, dass Ihr mich eben im Park ohne meinen MP3-Player, also ohne Musik, angetroffen habt.

Das ist wirklich ne Erwähnung wert, denn sonst gehe ich nie ohne dieses Teil aus dem Haus.

Heut aber hab ich Trottel ihn liegen lassen…

Wisst Ihr, ich kann höchstens drei Stunden hintereinander ohne Musik sein. Sonst bekomm ich Entzugserscheinungen und mein seelischer Zustand verschlechtert sich dramatisch.

Leider bin ich selbst überhaupt nicht musikalisch.

Ich hab kein Taktgefühl, kann kein Instrument spielen oder singen und zum Komponieren taug ich auch nicht.

Dieses Unvermögen hält mich aber nicht davon ab, Musik über alles zu lieben.

Bei meinen Vorlieben hab ich eine sehr weite Bandbreite.

In erster Linie lieb ich zwar (Hard)rock und Metal, aber Klassik und geistliche Musik auch. Darüber hinaus höre ich Punkrock, Indie, Electronica, mittelalterliche Musik und manche Popmusik.

(So, dies nun als unvollständigen Auszug.)

Auf Konzerte gehen kann ich wegen der Infektionsgefahr derzeit leider nicht, aber ich höre ständig Musik.

Jetzt hab ich seit über drei Stunden keine mehr gehört und beginne, obwohl ich ja nicht gerade so scharf darauf bin ins Krankenhaus zurückzukommen, ungeduldig zu werden.

Ich stecke also in einem ziemlichen Dilemma.

Ich hab inzwischen das Parkcafe erreicht und hier warten meine Eltern auf mich. Sie heißen Johannes und Ulrike und sind die Beiden, die dort hinten am Fenster sitzen.

“Wo warst du so lange?”, fragt meine Mutter mich, als ich an den Tisch geschlenzt komme, gereizt. Mein Vater hingegen mustert mich nur kurz und macht ein entspanntes Gesicht.

“Nun lass ihn doch”, meint er und schiebt mir einen Stuhl heran, damit ich mich setzen kann.

“Lass ihn doch!”, wiederholt meine Mutter ärgerlich.

“Wir hatten uns auf fünfzehn Minuten geeinigt - und nun war er fast eine dreiviertel Stunde weg!“

Sie schüttelt den Kopf. “Henny, ich kann ja verstehen, dass du mal für dich sein möchtest, aber du weißt auch, dass es nicht ungefährlich ist, wenn du ganz allein draußen im Wald herumläufst!”

“Weiß ich auch”, gebe ich zu, “aber erstens ist das ja kein richtiger Wald und zweitens…”

“Du könntest kollabieren”, unterbricht meine Mutter mich ungerührt.

“Und es ist ja auch nicht so, dass dir das noch nie passiert wäre.

Erst neulich bei uns im Garten zum Beispiel. Zwar hat Papa dich gleich gefunden, doch hier findet dich wohlmöglich nicht so ohne Weiteres jemand und schon gar nicht an so einem trüben und nebligen Tag wie heute, wo sich so gut wie niemand im Park aufhält!”

Sie hält inne und schüttelt wieder den Kopf.

Ich will erwidern, dass es im Moment wenigstens für die Jahreszeit ziemlich warm ist, doch sie kommt mir zuvor.

“Nein, Henny - im Grunde hätten wir dir gar nicht erlauben dürfen, allein zu gehen. Und dann noch im Regen!“

Meine Mutter sieht mich streng an. “Hast du dich wenigstens untergestellt? Und bist deshalb bist so lange weggeblieben…“

Ich antworte nicht und sie beginnt, an meinen Klamotten herumzuzehren. “Die sind ja ganz feucht - ach, was sag ich, nass!”, ruft sie aus.

Aufgebracht sieht sie mich an. “Sag mal, Henning, spinnst du?!”

Henning.Wenn sie mich mit meinem richtigen Namen anspricht, muss sie ziemlich wütend sein auf einen…

Wisst Ihr, ich kann meine Mutter ja irgendwie verstehen, aber auf die Nerven geht sie mir doch.

Ich ziehe es jetzt vor, überhaupt nichts mehr zu sagen und sehe aus dem Fenster.

Dafür schaltet sich nun mein Vater ein. “Lass ihn doch”, brummelt er, “das bisschen Regen wird ihn schon nicht umbringen…“

Umbringen. Wie aus dem Nichts fällt mir Paul plötzlich ein und dass sie jetzt für ihn nach einem Spender suchen. Die Chemotherapie wirkt nicht mehr und die Krebszellen vermehren sich völlig unkontrolliert weiter.

Auch in seinen Organen sind sie längst nachweisbar. So hatte er vor einiger Zeit einen Milzinfarkt und sie haben sie ihm raus genommen.

“Die bescheuerten Leukozyten vermehren sich wie verrückt”,

hat er zu mir gesagt. “Irgendwie bringt dieses Zytostatika-Zeug nichts mehr und macht jetzt statt der Krebszellen die ganzen gesunden platt.

Und dabei brauch ich die so dringend…”

Ja, leider haben sie die Kontrolle über seine Krankheit verloren und der Leukozytengehalt in Pauls Blut ist förmlich explodiert.

Ich muss daran denken, wie müde und krank er ausgesehen hat, als meine Eltern mich vorhin abgeholt haben. Früher ist er oft mitgegangen, doch jetzt fehlt ihm zu einem solchen Ausflug die Kraft.

Überhaupt wird er immer schwächer…

“Wir bringen dich zurück in die Klinik”, höre ich die Stimme meine Mutter. Sie scheint von weit her zu kommen.

“Du musst sofort aus den nassen Sachen raus!“

Ich wende den Kopf und fange ihren ungehaltenen Blick auf.

“Und wenn du noch einmal derart unvernünftig bist und dich von oben bis unten nass regnen lässt, dann gehen wir überhaupt nicht mehr mit dir in den Park! Keine Infektionen! Erkältungen vermeiden durch vorsichtiges und umsichtiges Handeln!

Sie fuchtelt mit der Hand in der Luft rum.

“Kannst du nicht einmal auf das hören, was man dir sagt? Fehlt nur noch, dass du diese Hirsche wieder gefüttert hast…“

“Nee - hab ich nicht. Und selbst wenn…”

“Ja - du weißt es selbstverständlich wieder besser! Aber die Sache mit den Infektionen…”

“ Ja, ist ja gut! Meine Güte, ich hab die Hirsche doch überhaupt nicht gefüttert!“ Ich will jetzt nur noch meine Ruhe haben.

Meine Mutter schüttelt einmal mehr den Kopf, wendet sich dann ab und winkt den Kellner heran.

Mein Vater lächelt mir aufmunternd zu und nachdem meine Mutter gezahlt hat, machen wir uns auf den Weg.

“Wollt ihr gar nicht wissen, wies im Park war?”, frage ich, als wir über die kleine Brücke, die vor dem Cafe über einen schmalen Bach führt, zum Parkplatz gehen.

“Doch“, meint mein Vater”. “Das kannst du uns ja unterwegs erzählen.”

Unterwegs - zurück ins Krankenhaus. Ich spüre Tränen in meinen Augen aufsteigen. Ich will nicht zurück, doch es muss wohl sein.

Wenigstens hab ich dort meine Musik und ich beschließe nun,

mich auf meinen MP3-Player zu freuen.

Und o ja, das tu ich auch - viel lieber allerdings würd ich jetzt mit meinen Eltern nach Hause fahren, um dort Musik zu hören.

Aber das geht ja nicht…

Ich will nach Hause…

Ich will nach Hause und irgendwann kann ich das vielleicht auch wieder. Bis dahin - ja, bis dahin hab ich Musik, um meine Angst und Verzweiflung wenigstens etwas zu vertreiben.

Liebe Musik, denke ich, was wäre ich ohne dich?

Vermutlich gar nichts…

I. 3.

Die nächsten Tage verbringe ich im Krankenhaus.

Ich liege auf meinem Bett rum und sehe zu, wie das gelbe Zeug;

diese Zytostatika, aus dem Infusionsbehälter mit der Flüssigkeit in den dünnen Schlauch, der unter die Haut in meine Brustwand eingesetzt wurde, läuft. So ein Ding nennt sich Hickman-Katheter und er führt in eine große Vene in der nähren Umgebung des Herzens.

Aus ihm werden übrigens auch die Blutproben entnommen.

Das hier ist nun mein dritter Zyklus.

Ich bin jetzt schon drei Tage dabei und die ersten Nebenwirkungen; das Kotzen und so, haben nachgelassen.

Ich seufze und starre auf das Buch, das vor mir auf der Bettdecke liegt. Irgendwie ist mir doch nicht nach Lesen. Davon werd ich immer so müde (oder besser gesagt: noch müder) und auf den Inhalt konzentrieren kann ich mich auch nicht. Das ist wieder so ne Nebenwirkung der Chemotherapie, dass die Konzentrationsfähigkeit total eingeschränkt ist.

Lustlos wie ich im Moment bin macht mir das zwar noch nicht mal was aus. Ich muss bloß so oft daran denken, was mir ein paar Andere hier auf der Station erzählt haben: nämlich dass diese Konzentrationsstörungen selbst lange nach der Behandlung bleiben und oft auch nicht mehr viel besser werden… Irgendwie geht dieses Zytostatika-Zeug wohl auch aufs Gehirn, glaub ich. Na ja.

Ich stelle nun meinem MP3-Player an. Ich höre gerade A Midwinter Night`s Dream von Loreena McKennitt.

An für sich ist das ja n Weihnachtsalbum doch was soll’s.

Erstens hör ich immer, worauf ich gerade Lust hab und zweitens leb ich im Dezember ja vielleicht gar nicht mehr…

Okay, so genau weiß keiner, wie lange er noch lebt, aber ich hab im Moment ja nen Anlass, um an so was zu denken.

Während ich hier auf dem Bett liege, Musik höre und leise vor mich hinsumme, vergeht etwas Zeit und plötzlich taucht er wieder auf.

Wer? Na ja, wisst Ihr, es ist ein Junge, etwas jünger als ich vielleicht.

Ich weiß nicht so genau, ob ich ihn erfunden hab, oder ob er mir irgendwie geschickt wurde.

Es ist sehr einsam, allein zu sein und darauf zu warten, dass die Chemo durchläuft. Ich wünschte, ich würde das Zeug in Tablettenform bekommen können…

Nun aber bricht dieser Junge in meine Einsamkeit hinein.

Als ich vor ein paar Tagen nicht schlafen konnte, war er das erste Mal da. Ich hatte gerade solche Angst davor, nicht wieder gesund zu werden und zu sterben. Nachts, wenn es still und dunkel ist, ist es besonders schlimm.

Ich schaltete meinen Mp3-Player ein und plötzlich; mitten in Porcupine Tree`s Sleep together auf der Fear of a blank planet, ist er hinein gebrochen. Allerdings verschwand er ebenso schnell wieder, wie er gekommen war…

Ja, er tauchte ab; zurück in die Tiefen meines Unterbewusstseins und dort blieb er fürs erste auch.

In der Nacht, in der er zum ersten Mal kam, war ich aber von meinen Gedanken an den Tod abgelenkt und konnte schlafen.

In den nächsten Tagen blieb der Junge verschwunden, doch nun ist er plötzlich wieder da. Wie aus dem Nichts ist er gekommen und in diesem Moment scheint er mich eingehend zu mustern.

Zuerst ist sein Blick abschätzend und kühl, doch dann huscht für den Bruchteil einiger Sekunden ein angedeutetes Lächeln über sein Gesicht. Und was für ein Gesicht der hat - soll ich Euch erzählen, wie er aussieht? Zwar ist er so schön, dass ich ihn kaum hinreichend werde beschreiben können, aber ich versuch es trotzdem.

Okay - also, er hat rotbraune Haare, die in leichten, schönen Wellen bis auf seine Schultern fallen. Paul hat mir erzählt, dass er solche Haare hatte. Überhaupt hat der Junge irgendwie Ähnlichkeit mit Paul, wie ich gerade feststellen muss.

Ich sehe ihn mir jetzt noch genauer an, denn ich will ihn Euch so gut wie möglich beschreiben.

Meine Güte, ist der hübsch - so ne klassische Schönheit und Look of the Year in einer Person, find ich.

Im Ernst, so würd ich auch gerne aussehen… Doch selbst wenn ich nicht krank wär, könnte ich da nicht mithalten… Aber wer kann das schon?

Paul vielleicht…

Na ja, ich werd Euch jetzt lieber weiter beschreiben, wie der Junge aussieht. Seine Augen sind so hellblau, wie der Himmel an einem wolkenlosen Sommertag. Meine Güte, wie schöngeistig…

Aber irgendwie läuft es darauf hinaus. Ich hätte nun auch etwas weniger euphorisch babyblau sagen können, oder dass er so blaue Augen hat wie n Siamkater. Mir aber gefällt der Vergleich mit dem Himmel und wem das zu schwülstig ist, der kann ja vergissmeinnichtblau dazu sagen.

Wie dem auch sei - der Junge hat jedenfalls so hellblaue Augen wie Paul. Der hat die blausten Augen, die ich je gesehen hab.

Meine sind zwar auch blau, allerdings eher so graublau. Die Augen des Jungen aber wirken oft gletscherblau wie Eis; glasklar und kühl,

während Pauls Blick gar nicht kalt, sondern warm und strahlend ist.

Oder war. Im Moment ist er nämlich eher matt. Nahezu erloschen…

Also, ich bleibe nun lieber bei dem Jungen.

Ich möchte unbedingt erzählen, wie er aussieht und außerdem unterdrückt dies das seltsam leere, unangenehme Gefühl und die quälende Sorge um Paul.

Der Junge hat hübsch geformte, dunkle Augenbrauen und lange, dichte, fein geschwungene schwarze Wimpern, wie sie in irgendwelchen Werbespots für Mascara diese ganzen Mädchen immer haben.

So was wie Schminke hat er aber gar nicht notwendig.

Seine Gesichtszüge sind fein, der Teint ebenmäßig und rein - nicht so n Clerasiltestgelände wie ich eins hab.

Seine Nase ist klassisch geformt und seine Lippen sind…

Sinnlich und prall (oder so). O Mann, wie das klingt…

Na ja, aber seine Lippen zeigen nun mal eine unübersehbare Affinität zu roten, reifen Obst und genau das denkt auch das Mädchen, das gerade aus dem Pastorat herauskommt und nun an ihm vorbei geht.

Der Junge mit dem Kirschmund fläzt sich auf einer Sonnenliege im Garten vor der Kirche und bedenkt sie mit einem halbherzigen Blick.

Sie errötet daraufhin und geht hastig weiter.

Nach und nach kommen auch andere Jungen und Mädchen in den Garten hinaus, denn für heute ist der Konfirmandenunterricht vorbei.

Der Junge mit dem Kirschmund sieht an ihnen vorbei.

Er weiß, welche Blicke ihn jetzt streifen; er kennt das bereits.

Diese Blicke sind zu gleichen Teilen eifersüchtig, unwillig, respektvoll, bewundernd oder lüstern. Der Junge lächelt selbstverliebt. Er weiß, dass er gut aussieht, ist sich seiner Wirkung absolut bewusst und strotzt nur so vor Selbstvertrauen.

Aus dem Pastorat tritt nun ein Mann, der eine ausgebeulte, schlichte schwarze Hose und einen etwas unförmigen, dunklen Pullover trägt, heraus. Er sieht gutmütig und emphatisch aus, doch er hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem Jungen auf der Sonnenliege.

Trotzdem ist dies sein Vater und überdies der Gemeindepastor.

Der Kirschmund-Junge seufzt, als er ihn erblickt - er weiß nur zu gut,

was jetzt kommen wird.

Der Vater geht auf die Sonnenliege zu und als er sie erreicht hat, sieht er auf den Jungen, lächelt nachsichtig und fragt mild tadelnd:

“Tibor - kannst du nicht, wenn du schon während des Konfirmandenunterrichts mitten auf der Kirchwiese herumliegen und dich sonnen musst, wenigstens das T-Shirt dort sitzen lassen, wo es für gewöhnlich sitzt?“ Der Pastor mustert noch einmal seinen Sohn, der eine enge, schwarze Strechjeans trägt und das angesprochene, ohnehin knappe T-Shirt, über den Bauchnabel nach oben geschoben hat.

Tibor zuckt mit den Schultern.

“Um diese Tageszeit steht die Sonne hier nun mal am besten”, erklärt er.

“Und außerdem kann ich ja nichts dafür, wenn dieser Kindergarten jedes Mal ausflippt, nur weil draußen auf der Liege einer ist.“

Sein Vater schüttelt den Kopf. “Als ob du dir deiner Wirkung nicht bewusst wärst…”

Tibor sieht ihn gelangweilt an. “Ist ja schon gut“, erklärt er,

“künftig bin ich um diese Zeit im Proberaum! Ich will mir ja nicht nachsagen lassen, dass ich es darauf anlege, dass sich irgendwelche Kleinkinder an mir aufgeilen…“

Damit steht er anmutig von der Liege auf und geht über die Kirchenwiese davon. -

Eine coole Sau, dieser Tibor, findet Ihr nicht auch.

Ich komme noch um vor Bewunderung.

So selbstbewusst und attraktiv ist der… Wie Paul…

Ich kann ihn genau vor mir sehen, wie er über die Wiese bei der Kirche förmlich davon schwebt; gut gebaut und leicht.

Genauso ging Paul damals, als er mir draußen auf dem Gang vor den Krankenzimmern entgegen oszillierte, oder wie das heißt.

Ich sehe nun auf und stelle fest, dass von der gelblichen Flüssigkeit zumindest in dem Fläschchen kaum noch was zu sehen ist, wohl aber im Katheter.

Manchmal beunruhigt es mich ja, wenn ich das Gefühl hab, dass ich mich zu absolut nichts mehr aufraffen kann. Doch diese Sache mit Tibor fasziniert mich. Soviel weiß ich jedenfalls schon:

Tibor kommt aus Ungarn; aus einem kleinen Ort in der Puszta.

Den Namen weiß ich allerdings nicht, aber vielleicht kennt Paul ja einen. Er war früher nämlich oft mit seinen Eltern dort.

Tibor ist sechzehn Jahre alt, zwei Jahre jünger als wir.

Paul und ich werden dieses Jahr beide achtzehn; Paul im März und ich im Februar.

Tibors Vater ist der Pastor der evangelischen Kirchengemeinde des Ortes und seine Mutter ist Musikprofessorin.

Tibor selbst hat gerade die Schule hinter sich gebracht und von daher Zeit, sich uneingeschränkt seiner Zukunft zu widmen.

Tibor ist nämlich Musiker. Vor zwei Jahren hat er ne Band gegründet, deren Namen ich aber leider auch noch nicht weiß. Es wird ja wohlmöglich sogar ein ungarischer sein und auf dieser Sprache kann ich ungelogen kein Wort.

Ich frage mich, wie ich überhaupt auf Ungarn als Tibors Heimat gekommen bin. Bestimmt liegt es an der Dokumentation über die Große Tiefebene, die Paul und ich vor einiger Zeit im Fernsehen gesehen haben, und auch daran, dass Paul schon so oft dort war.

O Mann, wie sehr wünsch ich mir, dass ich die Puszta auch mal gesehen hätte! Nicht nur im Fernsehen, sondern ganz in echt…

Ich kann mich genau daran erinnern, wie ich auf den Bildschirm gestarrt hab und ganz plötzlich Sehnsucht nach all dem verspürte; nach der unendlichen Weite und nach dem grenzenlosen Himmel darüber.

Während ich hier jetzt auf meinem Bett liege, sehe ich wieder die grasenden Graurinderherden vor mir und die Ziehbrunnen, die aus der Weite herausragen. Heute Abend vor dem Einschlafen werde ich die ersten sechs ungarischen Rhapsodien von Liszt hören, soviel steht fest.

“Ja“, hatte Paul mir nach der Sendung bestätigt, “das ist wirklich absolut schön da. Weißt du, Sandor Petöfi, das war ein ungarischer Volksdichter, also, der hat geschrieben, dass die Puszta dem oberflächlichen Betrachter als karg und trist erscheinen mag - es ist, als trage sie einen unsichtbaren Schleier, den sie nicht für Jeden lüftet. Doch für denjenigen, für den sie es tut, offenbart sie sich als die Schönste von allen.”

Dafür liebe ich Paul. Er ist nicht nur hübsch, sondern er ist auch belesen und klug und er kennt so schöne Sachen und Zitate.

Die Puszta jedenfalls lüftete ihren Schleier für mich und nun lebt Tibor dort.

Mir fällt jetzt sogar noch was ein: Ich sehe wieder diesen See vor mir,

aus dessen dicht mit Schilf bewachsenen Saum fünf wunderschöne weiße Seidenreiher in die Luft emporstiegen…

Ich spüre einen Schauer, so schön war das, und jetzt weiß ich, dass es wahrhaftig kein Zufall ist, dass ich Tibor gerade dort angesiedelt hab.

Ein Problem könnte allerdings das mit sich bringen:

Ich hab absolut keinen Schimmer über die Lebensverhältnisse in Ungarn.

Ich weiß lediglich, dass es früher mal zu den sozialistischen Staaten des so genannten Ostblocks gehörte, hier aber so ne Art Sonderstellung eingenommen hatte. Das heißt wohl soviel wie dass Ungarn - wie das ehemalige Jugoslawien - für einen Staat des Warschauer Paktes ziemlich westlich orientiert war, über ein reichhaltiges Warenangebot und einigermaßen passable Lebensbedingungen verfügte sowie vom Westen touristisch erschlossen war. Dies galt insbesondere für den Balaton, die Puszta und die Hauptstadt Budapest, glaub ich.

1989 öffnete Ungarn seine Grenze zu Österreich, sodass viele Bürger der DDR in den Westen fliehen konnten.

Damit leitete Ungarn den Zusammenbruch des Sozialismus in Europa ein. War wohl eh gar kein richtiger…

Heute steht Ungarn öfter mal wegen Orban in der Kritik, mehr weiß ich aber nicht.

Ich seufze.

O Mann, ich hab von Politik wirklich absolut keine Ahnung - und von Außenpolitik schon gar nicht.

Seit ich krank bin, sehe ich nicht mal mehr Nachrichten.

Vielleicht ist das alles aber gar nicht so schlimm, weil ich mich wohlmöglich ohnehin vor allem auf Tibor und seine Musik konzentrieren soll. Schließlich will ich ja kein Sachbuch oder nen Tatsachenbericht über die Politik und die Lebensverhältnisse im heutigen und historischen Ungarn verfassen.

Ich sehe nachdenklich vor mich hin und urplötzlich hab ich wieder so eine von meinen Ideen:

Vielleicht spielt die Geschichte ja gar nicht heute, sondern, - sondern schon viel früher - so um 1989 oder in den frühen Neunzigern des letzten Jahrhunderts.

Des letzten Jahrhunderts…

Das klingt, als wäre das sonst wie lange her, aber in Wirklichkeit sind es noch nicht mal dreißig Jahre.

Trotzdem schüttle ich jetzt den Kopf über mich selbst.

Zwanzig, dreißig oder vierzig Jahre - wie um alles in der Welt komm ich bloß auf so was? Was ist so überzeugend oder gar cool daran, Tibor in ne Zeit versetzen, die immerhin fast ne ganze Generation zurückliegt?

Ich denke angestrengt nach, doch außer dass ich das irgendwie gut find, fällt mir kein Grund ein.

Sei’s drum, ich belasse es jetzt einfach dabei und falls ich den Gedanken irgendwann doch nicht mehr so toll finden sollte, kann ich Tibor ja wieder in die heutige Zeit zurückholen.

Und so lange ist das doch wie gesagt auch nicht her -

jedenfalls reden wir nicht über die Zeit des Barock oder gar über das Mittelalter.

Heutzutage ist Tibor längst ein bekannter Musiker, und das nicht nur in Ungarn, sondern auch weit darüber hinaus.

Genaues weiß ich noch nicht, jedenfalls aber macht er Metal.

1989 wusste Tibor noch nicht, wie berühmt er werden sollte,

wenngleich ihm das, selbstbewusst und gesegnet wie er ist, keinesfalls unmöglich oder abseitig erschienen wäre.

Er verfügte und verfügt über eine große musikalische Begabung,

ist ehrgeizig, zielstrebig und wie beseelt von der Musik, die er bereits damals ausnahmslos selbst schrieb.

Tibor spielt (unter anderem) Gitarre. Einen Bassisten und einen Schlagzeuger hatte er auch schon und damals fehlte ihm zu seinem Glück nur noch eins: die ultimative Stimme.

Wie die klingen soll? Keine Ahnung mal wieder, gut würd ich sagen, übermäßig gut. Aber das ist wohl etwas zu vage und außerdem versteht ja auch jeder was anderes darunter.

Ich kann nur sagen, dass es viel war, was Tibor diesbezüglich verlangte. Er zumindest wusste, wie diese Stimme klingen sollte und er wurde allmählich ungeduldig, weil er sie nicht finden konnte…

Die Tür zu meinem Zimmer öffnet sich und Steven kommt herein.

Steven ist einer der Krankenpfleger auf der Onkologischen.

Bis vor kurzem hatte ich mir das Zimmer mit Paul geteilt geht, aber seit es ihm so schlecht geht, und er immer schwächer wird…

Na ja.

Mit schnellen Schritten geht Steven an mein Bett heran und ich schalte den MP3-Player aus.

“So, Henny”, meint er zu mir, während er an dem Behälter, in dem das Medikament war, herumfingert und den Katheter überprüft,

“das war die Chemo für heute.”

Ich nicke ihm zu. Ja, das weiß ich schon…

Ich will jetzt zu Paul und ihm alles erzählen.

Über Tibor, seine Band, die Stimme, die er nicht finden kann - ja, und über die Puszta auch.

I. 4.

Inzwischen ist Freitag und ich gehe zwar gerade nicht durch den Fasa-, dafür aber durch den Krankenhauspark. Dabei atme ich sorgfältig die kühle, klare Luft ein und aus.

Heute geht es mir gut, doch die letzten beiden Tage waren wirklich hart. Plötzlich bekam ich wieder heftige Magenschmerzen, gegen die nur absolute Hammerschmerzmittel Wirkung zeigten.

Von den Dingern wurde ich müde und benommen. Dr. Wegener verordnete mir Bettruhe und so wurde nichts aus einem weiteren Besuch beim Rotwild im Fasa-Park.

Stattdessen lag ich auf meinem Kissen rum und fühlte mich total weggetreten. Selbst Musik drang nicht mehr so richtig zu mir durch,

aber wenigstens waren die Schmerzen weg.

Paul allerdings geht es in diesen Tagen noch viel schlechter.

Ich selbst bin heute ja wieder einigermaßen fit, doch bei ihm wird es immer schlimmer. Erst heute morgen hab ich auf dem Gang seine Eltern darüber sprechen hören, ob sie ihn mit nach Hause nehmen sollen.

Im Krankenhaus können sie - außer Medikamente gegen die Schmerzen geben - derzeit kaum was für ihn tun.

Es muss endlich ein passender Spender gefunden werden.

Pauls Freunde haben nen Typisierungsaufruf im Internet, damit sich möglichst viele Leute untersuchen lassen, gestartet und ich hoffe,

dass jemand dabei ist, der als Spender in Frage kommt.

Die Chancen bei so was sind zwar nicht besonders hoch, aber wer weiß. Vielleicht sollte ich nicht immer so pessimistisch sein und an allem zweifeln. Nein, ich glaube ab jetzt ganz fest daran, dass man einen Spender für Paul finden wird. Es wird in ganz Deutschland und sogar weltweit gesucht. Zum Glück gibt’s ja die DKMS. Die suchen überall nach Spendern und oft finden sie auch jemanden; mitunter sogar von ganz weit her. So kennen wir einen - ehemaligen - Patienten, der war erst letztens wieder zur Nachsorge hier im Krankenhaus, für den ein Spender im australischen Queens gefunden wurde.

Da saß der genetische Zwilling also am anderen Ende der Welt.

Wenn doch aber auch für Paul endlich ein Spender gefunden würde!

Seine Eltern haben ihn jetzt tatsächlich mit nach Hause genommen

und dort wird er vorerst auch bleiben.

Nur noch rumliegen, und warten könne er schließlich genauso gut zu Hause - das hat er selbst gesagt.

Für mich ist das aber ziemlich schwer. Nun hab ich im Krankenhaus niemanden mehr; keinen Freund, wisst Ihr.

Vielleicht sind Paul und ich ja noch nicht mal wirkliche Freunde, doch wir verstehen uns schon ziemlich gut und wir haben viel Zeit miteinander verbracht.

Ich fühl mich total schlecht, wenn ich an Paul denke; beunruhigt und so was von beklommen. Ich hab solche Angst, dass er sterben wird,

aber irgendwie kann ich diesen Gedanken auch kaum an mich heranlassen. Nein - Paul schafft das. Er ist so schön, stark, selbstbewusst und obendrein auch noch lustig, schlagfertig und klug…

Ja, das versuche ich mir immer zu sagen, aber ich weiß ja, dass eine Krankheit keine Rücksicht darauf nimmt, wie toll einer ist.

Nee, wenn man diesen Krebs nicht in den Griff bekommt, dann ist es eben vorbei - egal wie schön, stark oder klug man ist.

Wisst Ihr, ich bewundere Paul aber so sehr und außerdem hat er mir ja auch den Namen der kleinen Stadt in der Puszta, wo Tibor wohnt, verraten: Tiszafüred.

“Das liegt mitten in der Großen Tiefebene und einen See gibt’s dort auch; den Tisza-To. Das ist immerhin der zweitgrößte See in ganz Ungarn und die Theiß ist der zweitgrößte Fluss. Auf ungarisch heißt sie Tisza und Tiszafüred heißt übersetzt soviel wie Bad Theiß.

Da war ich zweimal mit meinen Eltern. Ich könnte sie fragen, ob sie mir die Fotos auf meinen Laptop rüberschicken”, hat er gesagt.

Ich nickte begeistert. “Ja, das wär cool.”

“Na dann”, Paul lächelte mir zu, “frag ich sie heute. Nachher kommen sie ja sowieso noch hierher.”

Ich merkte, dass er versuchte wie immer zu klingen, doch das Sprechen strengte ihn ziemlich an.

Ich erzählte Paul von Tibor und Paul meinte, ja, der könnte ihm gefallen. Allerdings soll ich aufpassen, dass Tibor kein richtig arrogantes Arschloch wird, sondern bloß jemand, der schön und stark ist und in sich selbst ruht.

Ich hätte Paul das gern versprochen. Doch irgendwie hab ich das Gefühl, dass Tibor, wenn er schon kein Arschloch, zumindest aber auch kein richtig feiner Kerl ist. Oder doch…?

Ich weiß es wirklich nicht. So gut kenn ich ihn ja noch nicht.

Im Moment allerdings hab ich eher den Eindruck, dass Bescheidenheit oder gar Demut nicht zu Tibors hervorstechenden Eigenschaften gehören.

“Ach, egal”, murmelte Paul, nachdem ich ihm das erzählt hatte, “das war auch nicht so unbedingt meine Sache…“

Seine Stimme wurde immer leiser und undeutlicher.

Ich hätte ihm gerne noch erzählt, dass Tibor ihm so ähnlich sieht,

doch ich kam nicht mehr dazu, denn mitten im Gespräch war Paul plötzlich eingeschlafen. Er ist ja so schwach im Moment.

Ich stand leise auf und ging und mit einem ziemlich bekommenen Gefühl hinaus.

Jesus, wir müssen einen Spender finden, dachte ich.

Ich hatte wieder solche Angst, dass es keinen geben würde.

Besonders beunruhigte mich in dem Moment auch, dass Paul soeben in der Vergangenheit von sich gesprochen hatte.

“…das war auch nicht so unbedingt meine Sache”.

War…

Warum bloß hatte er“ war“ gesagt?

Hat er das Gefühl, nicht mehr zu sein? Und wenn das so ist - ist das dann so, weil er sich schon aufgegeben hat? Kann er die Schmerzen und all die Warterei nicht mehr länger ertragen und will einfach nur noch seine Ruhe? Und nicht mehr spüren, wie das Leben nach und nach aus ihm weicht…

Wenn er noch kraftloser wird, ist er für eine Transplantation zu schwach. Es bleibt also nicht mehr viel Zeit… Ich schüttelte energisch den Kopf.

Nein, das alles ist ganz anders.

Paul hatte von sich in der Vergangenheit gesprochen, weil er jetzt eben nicht mehr so ist. Genau, er hat damit bloß gemeint, dass er sich verändert hat. Durch die Krankheit oder auch durch irgendwas völlig anderes. So muss es sein…

Und obwohl diese Erklärung ja noch nicht mal allzu hanebüchen oder aus der Luft gegriffen klang, glaubte ich trotzdem nicht so recht daran.

Er könnte es ja tatsächlich auch anders gemeint haben…

Ängstlich schlich ich zurück in mein Zimmer.

Dann kamen diese Tage, an denen ich solche heftigen Magenschmerzen hatte. Heute aber geht’s mir wieder besser. Die Schmerzen haben nachgelassen und auch mit der Milz scheint alles okay zu sein.

Keine Blutung durch zu wenige Blutplättchen, oder so.

Wisst Ihr, durch die unreifen, weißen Leukämiezellen werden die so genannten Thrombozyten (Blutplättchen) verdrängt und dass führt dann zu vermehrter Blutungsneigung.

Ich fühle mich im Moment ein wenig müde und schwach und ich hoffe, dass meine Blutwerte in absehbarer Zeit wieder ansteigen werden.

Die sind nämlich etwas im Keller.

Nun wandere ich langsam durch den Park.

Heute werd ich im Krankenhaus bleiben, aber morgen will ich mit meinen Eltern wieder in den Fasa-Park.

“Sollten dann die Hirsche auf der Auenwiese sein”, murmle ich vor mich hin, “dann füttere ich sie. So gefährlich kann das doch nicht sein…

Und wenn schon - mir egal! Ich will endlich wieder ein Tier streicheln dürfen. Für die Seele soll so was jedenfalls sehr gut sein,

das hab ich schon tausendmal irgendwo gehört oder gelesen…“

Ich habe nun die Bank unter der Buche erreicht, lasse mich dort nieder und sehe in die Baumkrone über mir.

Jetzt im Winter ist sie vollständig blattlos. Ich kann in den Himmel hinauf blicken und nachdem ich dies eine Weile getan hab, lehne ich mich zurück und schließe die Augen.

Am liebsten hätt ich jetzt auch wieder meine Kopfbedeckung abgesetzt, aber wisst Ihr, ich bin ja nicht allein im Park und es ist mir doch ohne Haare vor anderen so unangenehm.

Außerdem sehe ich heut, zumindest für meine Verhältnisse, einigermaßen cool aus. Paul hat mir nämlich sein Tuch mit diesem schwarzen Muster hier gelassen.

“Ich glaub, dass würd dir ganz gut stehen”, hat er gemeint, mir meine Mütze abgesetzt und anschließend das Tuch um den Kopf gebunden.

Danach musterte er mich.

“Siehst du - perfekt”, erklärte er und nickte zufrieden.

Ich ging nach nebenan ins Bad, um in den Spiegel zu sehen.

Paul blieb in seinem Bett, er fühlte sich ja so schlapp und müde.

Als ich mich im Spiegel sah, musste ich zugeben, dass Paul recht hatte -

ich seh jetzt viel besser aus als mit dieser Mütze.

An für sich bin ich ja nie ein großer Kopfbedeckungsträger gewesen, doch jetzt, wo ich keine Haare mehr hab, ist es vielleicht ganz ratsam, sich einen kleinen Vorrat davon zuzulegen.

Als ich aus dem Badezimmer zurückkam, lag Paul in seinem Bett und starrte vor sich hin. Er hatte sich nichts wieder auf den Kopf gesetzt, doch er ist auch ohne Haare bildschön. Im Ernst, er ist der einzige, den ich bisher gesehen hab, dem diese Chemoglatze auch noch steht. Außerdem fangen seine Haare ja nun, wo er schon länger keine Chemo mehr bekommt, wieder zu wachsen an.

Paul gibt allerdings nicht viel darauf.

“Das wird bestimmt total heftig, wenn das Immunsystem und das alte Knochenmark kaputtgemacht werden. Und wie viele Tabletten man dabei schlucken muss - über 90 Stück - pro Tag, stell dir das mal vor!

Und dann diese Isolierungsphase nach der Transplantation…”

Er schluckte. “Überhaupt, was dabei alles für Komplikationen auftreten können…

Jetzt weinte er fast. “Weißt du, ich hab ganz schön Angst.

Aber ohne das alles sterb ich ja auch…”

Ich nahm seine Hand. “Ich weiß. Vielleicht wird aber auch alles gut.”

Er hielt meine Hand und nickte.

So saßen wir ziemlich lange, ohne ein Wort zu sprechen.

Paul tat mir unendlich leid. Ich kann gut verstehen, dass er solche Angst hat, denn die hätte ich an seiner Stelle auch.

So ungefährlich ist diese (allogene) Stammzellentransplantation nämlich wirklich nicht.

Die Übertragung des Knochenmarks geschieht schnell und ist noch das geringste Problem. Der Weg dorthin, die Konditionierung, aber ist hart.

Weil das eigene Knochenmark und damit das Imunsystem vollständig zerstört werden, hat der Körper keinerlei Abwehrkräfte mehr und man muss die erste Zeit nach der Transplantation, bis das neue Knochenmark Blutzellen bildet, in einem absolut sterilen Isolierzimmer verbringen.

Der Tag, an dem die Transplantation stattfindet, heißt übrigens Tag null. Von da an beginnt die Wartezeit, ob das übertragene Knochenmark im neuen Körper auch funktionstüchtig sein wird.

Einige Patienten sterben bevor das geschieht an einem Infekt, weil sie ja überhaupt keine körpereigene Abwehr mehr haben.

Außerdem kann es zu so genannten Abstoßungsreaktionen kommen.

Vom Spender werden nämlich auch Abwehrzellen mit transplantiert und diese richten sich dann möglicherweise gegen Gewebezellen im Körper des Empfängers.

Ich glaube, das wird Graft-versus-Host-Disease” genannt;

übersetzt soviel wie “Transplantat-gegen-Wirt (=Empfänger)-Reaktion.

Das allein kann schon ziemlich gefährlich sein. Und sollte das ganze chronisch werden, dann ist es erst recht lebensbedrohlich.

Die chronische GvHD ist jedenfalls der Hauptgrund, warum Patienten nach einer Stammzellenspende oftmals früh versterben.

Schließlich kann es auch noch vorkommen, dass zwar keine starken Komplikationen oder Infekte auftreten, aber die Ursprungserkrankung; die Leukämie nämlich, wieder ausbricht - ein so genannter Rückfall.

Keine Ahnung wie genau das passieren kann. Vielleicht aber haben ein paar von den Leukämiezellen die Hochdosis- Chemo bei der Konditionierung überlebt, oder es fangen wegen des genetischen Defekts im Körper des Empfängers auch die neuen Stammzellen wieder an, sich unkontrolliert zu vermehren.

Wie auch immer, Ihr wisst nun dass selbst mit nem Spender noch

genügend Möglichkeiten bleiben um abzutreten und genau deshalb hat Paul solche Angst.

Ich seufzte und starre hier unter meiner Buche nachdenklich vor mich hin. Auch mein Schicksal ist ungewiss.

Es ist noch keine drei Monate her, da hatte ich noch nicht mal mit der Behandlung angefangen und ausgesehen wie immer.

Nun hab ich das Gefühl, als hätte ich diesen kahlen Kopf schon mein Leben lang. Im Ernst, es erscheint mir Jahre her zu sein, dass Haare darauf gewachsen sind. Ich kann also noch nicht mal behaupten, dass dieser Kahlschlag neu oder ungewohnt wär.

Nee, das ist es nicht, es ist bloß so erniedrigend irgendwie, aber das hatten wir ja alles schon.

Ich muss jetzt an die Augenblicke denken, in denen es mir so schlecht ging, dass es mir egal war, wie ich aussehe und ich ermahne mich,

dass ich mich daran erfreuen sollte, dass es mir wenigstens heute gut geht - verhältnismäßig gut.

Ach, und wo ich sowieso gerade bei ner Lektion in Sachen positives Denken bin, beschließe ich auch gleich, ganz fest daran zu glauben,

dass es Paul bald wieder besser gehen wird - wenn sie erst den Spender gefunden haben und er all das hinter sich hat.

Und diese bescheuerte chronische GvHD oder irgendeinen anderen Kram; einen Infekt oder nen Rückfall, bekommt er selbstverständlich auch nicht.

Irgendwie bin ich ja neugierig, wie er wohl aussehen wird, wenn er nicht mehr so krank und müde ist und sein Haar, seine Augenbrauen und seine Wimpern wieder nachgewachsen sind.

Wohlmöglich so, wie auf dem Foto, das vor der Krankheit aufgenommen wurde…

Paul ist der schönste Mensch, den ich je gesehen hab und wie schön wird er erst sein, wenn er eines Tages geheilt ist!

Was nun aber mein Aussehen betrifft - na ja.

Aber ne Schönheit war ich sowieso noch nie und da muss ich ja nicht ausgerechnet jetzt, wo ich so krank bin, damit anfangen.

O Mann. Ich seufze wieder.

Wie sehr ich mir wünsche, dass mein Aussehen mein einziges Problem wär…

Es ist aber nicht das einzige; es ist noch nicht mal ein Problem.

Ich denke aber so oft daran, weil es doch schön wäre, wenn es ein Problem sein würde…

So, Schluss jetzt…

Ich setze meinen MP3Player auf und höre Distillers.

Mir ist nach Punk.

I. 5.

Ein paar Stunden später bin ich mit meinem Eltern im Cafe und rühre in meinem Tee rum. Vorher sind wir durch den Fasa-Park gegangen, doch plötzlich hatte es wieder angefangen zu regnen und nun sitzen wir also hier.

Später wollen wir noch mal versuchen, zu den Hirschen zu gehen.

Ich weiß, dass sie sich um diese Tageszeit oft auf der offenen Wiese aufhalten und ich will sie heute ja unbedingt füttern.

Merkwürdig genug, aber meine Mutter hat mir gar nicht widersprochen, als ich diesen Wunsch vorgetragen hab. Ich glaube fast, dass mein Vater noch mal mit ihr geredet und ihr erklärt hat, dass es absolut nicht so viel bringt, wie sie denkt, wenn sie mich jetzt in Watte packen.

Außerdem ist es doch auch so, dass mir das Rotwild noch nicht ein einziges Mal geschadet hat.

“Ein Glück, dass es Henny wieder besser geht”, bemerkt meine Mutter gerade. Anschließend beißt sie in das Stückchen Apfelstrudel auf ihrer Gabel. Die letzten Tage haben meine Eltern damit verbracht, in gespielter Heiterkeit an meinem Bett zu sitzen und sich ihre Sorgen nicht anmerken zu lassen.

“Ja, mir geht’s wieder gut”, erkläre ich und trinke einen Schluck Tee.

Tatsächlich fühle ich mich, seit ich hier im Fasa-Park bin, noch besser und die letzten drei Tage liegen wie ein dunkler Schatten hinter mir.

Wie so ne trübe Düsternis, an die man nicht gern zurückdenkt.

Es gibt halt solche Tage, an denen mir mein Körper deutlich zeigt,

wie krank ich bin.

Dass ich überhaupt was hab, hab ich damals daran gemerkt, dass ich immer so müde war und außerdem meine Nase ständig geblutet hat.

Hinzu kamen Zahnfleischbluten, Kopfschmerzen, Schwindel, Herzklopfen, immer wiederkehrende Infekte, blaue Flecken und ein merkwürdiges, undefinierbareres Krankheitsgefühl.

Blass war ich schon immer, weshalb mein blutleeres Gesicht zunächst auch niemanden beunruhigte.

Meine Eltern nahmen an, dass ich an einer Anämie litt und schickten mich zum Arzt.

Zunächst wurde nichts auffälliges gefunden, doch mein Zustand besserte sich nicht. Es wurden mehr Blutproben genommen und schließlich fand man die Ursache: akute myelosische Leukämie.

Zunächst war es nur ein Verdacht, doch nach einer Knochenmarkpunktion gab es schließlich Gewissheit.

Ich hab tatsächlich Blutkrebs.

Ich weiß kaum noch, wie ich auf die Diagnose reagiert hab.

Daran zurückzudenken, ist wie in ein schwarzes Loch zu starren. Selbstverständlich war ich geschockt und hatte furchtbare Angst -

Angst, dass ich sterben muss und auch vor der Behandlung.

Wisst Ihr, die Knochenmarkpunktion hatte ziemlich weh getan und wer wusste schon, was jetzt noch kommen würde?

Dass ich eine Chemotherapie machen muss, war mir bereits damals klar und ich fand das schlimm. Mit Nebenwirkungen wie Übelkeit, Fieber Müdigkeit hatte ich auch tatsächlich zu kämpfen, doch es gibt auf der Station jede Menge Patienten, die viel schlimmer dran sind als ich.

Jedenfalls hab ich keine Organblutungen oder ne Blutvergiftung bekommen. Mein Magen macht mir zwar ziemliche Probleme, doch der kriegt sich irgendwann schon wieder ein.

Hoffe ich zumindest.

Inzwischen musste ich ziemlich oft eine Knochenmarkpunktion, die fast immer wehtut, machen und mir wird ständig Blut abgenommen.

Des Öfteren bekomme ich auch Bluttransfusionen und gelegentlich Blutplättchenübertragungen.

Die meiste Zeit muss ich im Krankenhaus verbringen, und wenn ich dann doch mal nach Hause darf, bekomme ich entweder Fieber

oder am besten gleich einen Infekt, meine Blutwerte gehen in den Keller oder ich erleide so einen dämlichen Kreislaufzusammenbruch wie neulich im Garten. Krebs ist eine grässliche Angelegenheit und ich beneide jene Leute, die glauben, irgendwelche positiven Erfahrungen oder gar einen Sinn darin finden zu können.

Ja, einerseits beneide ich diese Leute.

Andererseits aber gehen die mir auch ziemlich auf die Nerven.

Ich frag mich nämlich, was denn diese positiven Erfahrungen oder der Sinn sein sollen.

Ich jedenfalls kenne nur Schwäche und Schmerzen, das Gefühl, die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren und dieser Krankheit völlig ausgeliefert zu sein.

Und Angst. Todesangst.

Na ja, vielleicht hab aber auch bloß ich so negative Gefühle und bin zu doof oder nicht positiv genug, um so was nachempfinden zu können. Überhaupt können die allermeisten damit bestimmt viel besser umgehen als ich.

Ehrlich gesagt glaub ich das aber nicht so recht.

Außer mit Paul rede ich nie mit jemanden über solche Sachen.

Auf der Station sind wir im Moment die Jüngsten. Fast hätte man uns sogar noch auf der Kinderkrebsstation untergebracht und abgesehen von diesen Clowns, die da regelmäßig auftauchen, wäre das bestimmt auch lustiger gewesen.

Die schönere Einrichtung und die bessere Betreuung gibt es jedenfalls dort… Aber ich komme vom Thema ab.

Eins verstehen Paul und ich allerdings beide nicht:

diese Sache mit dem Krebs als Sinnstifter und so.

Wir jedenfalls finden, dass Krebs absolut keinen Sinn macht und könnten wir auf irgendwas in unserem Leben verzichten, wäre der das erste.

Paul hatte es vor der Krankheit sehr schön und ich selbst bin vielleicht einfach bloß verbittert.

So schön hatte ich es auch vor der Leukämie nicht.

Meinen Eltern war ich nie gut genug. Ständig nörgelten die an einem rum und in der Schule durfte ich mich mit meinen gemeinen Mitschülern rumplagen.

Die meiste Zeit hing ich - so wie auch jetzt - allein rum und dachte immer wieder darüber nach, was das alles, mein Leben und so, überhaupt soll.

Ich fühlte mich aber so verletzt und unsicher, dass mir dazu nie was einfiel.

Der Unterschied zwischen Paul und mir vor der Krankheit war jedenfalls, dass alles, was er anfasste zu Gold und alles was ich in die Finger bekam, zu Rost wurde.

Dann kam die Leukämie und machte uns beide auf gewisse Art gleich. Dieser Krebs zeigt einem, dass es ihm egal ist, wer man vorher war oder was man hatte, denn wenn er da ist, dann hat er einen ganz.

Das Leben dreht sich nur noch um ihn und Leader wie Loser hängen gleichermaßen an ner Chemoinfusion, haben Schmerzen, Angst und kotzen.

Oje, vielleicht ist ja diese Erkenntnis mit diesem ganzen Sinnkram gemeint… Ich hab keine Ahnung.

Fest steht jedenfalls, dass Paul und ich diese Leukämie einfach nur ätzend finden und insbesondere ich verspür fast nichts als Angst -

und dass obwohl ich derzeit immerhin noch besser dran bin als Paul.

Aber Paul ist ja viel stärker als ich.

Zwar hat auch er Angst, aber nicht so wie ich.

Ich stelle jetzt nachdenklich meine Tasse wieder auf den Tisch.

Wisst Ihr, ich hab das Gefühl, in den letzten zehn Minuten mindestens einen Liter von diesem Zeug getrunken zu haben, doch die Tasse ist noch nicht mal halb leer.

Ich wende den Blick und sehe aus dem Fenster.

Paul, hoffentlich geht es dir schnell wieder besser - wenn du nur endlich einen Spender gefunden hast. Denn sonst können sie nichts mehr für dich tun, das weiß ich… Auch wenn ich es am liebsten gar nicht so genau wissen würde. Aber ich weiß es eben. Du weißt es ja auch.

Unruhig zupfe ich an meinem Kopftuch herum und mein Vater fragt mich nun in meine Gedanken hinein: “Woher hast du das?”

“Was?”, murmle ich.

“Na, dieses Tuch, das du heute trägst. Ist das neu?”

Ich nicke. “Ja, das ist neu. Paul hat’s mir geschenkt. Er meinte, dass sei cooler, als die Mütze.”

“Da hat er recht.” Mein Vater sieht regelrecht begeistert aus. Merkwürdig nur, dass ihm das Tuch bis jetzt noch gar nicht aufgefallen zu sein scheint.

”Wie geht es Paul überhaupt? Hast du was von ihm gehört?“, will meine Mutter wissen.

Ich spüre, wie sich mein Blick regelrecht verdunkelt.

“Wir haben gestern telefoniert. Ihm geht’s nicht gut…”

“Ja…”

Meine Eltern tauschen einen betretenen Blick. Dann räuspert sich meine Mutter und fragt: “Möchtest du noch was, Henny?”

Offenbar will sie nun das Thema wechseln, doch das will ich nicht.

“Nee, ich will nichts mehr. Ich bin froh, wenn dieser Tee hier alle ist.”

Ich starre eine Weile vor mich hin.

“Und was Paul betrifft”, fahre ich schließlich fort, “könnte ich genauso gut an seiner Stelle sein.”

Ich weiß zwar, dass meine Eltern so was nicht hören wollen.

Aber so ist es ja nun mal. Es tut mir auch, sollte Paul sterben, nicht nur für ihn leid, sondern ebenso für mich.

Ich werde dann absolut niemanden mehr haben, mit dem ich sprechen kann und wieder allein sein.

Meine Eltern sind immer viel zu betroffen, andere Verwandte hab ich nicht und was meine Freunde betrifft - also, die kommen immer seltener. Anscheinend haben sie gemerkt, dass Leukämie etwas länger dauert und auch sonst nicht besonders aufmunternd ist.

Zwar versuche ich, mir das so wenig wie möglich anmerken zu lassen, aber krank bin ich eben doch.

Ich starre auf den Tisch.

Selbstverständlich tut es mir in erster Linie für dich leid, wenn du stirbst, Paul. Schließlich bist du es ja, der dann tot ist. Wie das klingt… Na ja.

Es tut mir aber auch leid für deine Eltern, deine Schwester, deine Freunde und alle anderen die dich so oft besucht haben.

Na ja, du verstehst doch - ich glaub, die sind dann aber nicht so allein wie ich. Ich hab nur dich.

Was soll bloß aus mir werden, wenn du gehst.

Aber nein, du gehst ja gar nicht…

Ich starre trüb vor mich hin.

Gibt es denn außer Paul wirklich niemanden, der mich versteht?

Und gab es außer ihm überhaupt schon mal jemanden?

Nein - nie…

Aber jetzt - jetzt wird es jemanden geben.

Wenn ich nur erst mal genauer darüber nachgedacht hab…

Tibor gibt es ja schon, aber ich glaub, da ist noch jemand anderes.

Einer, der für mich wichtig sein wird…

Noch viel wichtiger als Tibor. Eben weil er mich so gut versteht.

Ja, genau das ist es - er kann all das verstehen.

I. 6.

Seht Ihr den blassen, unscheinbaren Jungen, der dort in Kaltenkirchen an der Alvesloer Straße entlanggeht? Wie trüb und freudlos er vor sich hinblickt, doch als er plötzlich in den Zweigen einer Hainbuche hinter einem Gartenzaun ein Rotkehlchen entdeckt zu lächeln beginnt?

Das ist Carsten Wilke.

Carsten Wilke liebt Vögel und er bleibt jetzt sogar stehen, um das Tier genauer zu betrachten. Als es nach einer Weile schließlich davonfliegt, geht er weiter. Die Straße herunter, bis er einen kleinen Seitenweg erreicht hat. Den schlägt er ein und geht durch eine Siedlung auf einen Wendehammer, der das Ende des Weges markiert, zu.

Dort steht ein großes rotes Satteldachhaus und hier wohnt Carsten mit seinen Eltern.

Er geht auf das Haus zu und wirft einen prüfenden Blick in den Garten. Die Blätter der Korkenhasel verfärben sich bereits.

Es ist September, langsam wird es Herbst und auch das Laub der

Kirsch- und Apfelbäume auf der kleinen Streuobstwiese neben dem Haus wirkt jetzt nicht mehr so sattgrün wie im Sommer.

Ganz besonders aber liebt Carsten die Lärche, die am Rande der Hecke vor dem Küchenfenster steht. Wie viele Vögel hat Carsten schon in diesem Baum gesehen! Kernbeißer, Elstern, verschiedene Meisenarten, Finkenvögel, Drosseln, Sperlinge, Ringeltauben, Kleiber und ein Rabenkrähenpaar, das oft mit seinem Nachwuchs vorbeikommt.

Den Tieren des Gartens bietet die Lärche jedenfalls eine reichhaltige Nahrungsquelle und ein sicheres Versteck.

Carsten wirft noch einen letzten Blick auf die beiden Grünfinken,

die durch das Geäst schwirren. Dann geht er weiter.

Je näher er der Haustür kommt, desto langsamer wird er allerdings.

Wenn er an zu Hause denkt, hat Carsten nämlich gar kein gutes Gefühl. Er weiß, dass seine Mutter noch auf der Arbeit ist, doch vielleicht ist der Vater schon zu Hause und das wiederum könnte heißen, dass…

Carsten steht vor der Haustür und seufzt.

“Hoffentlich nicht”, murmelt er vor sich hin. Dann dreht er den Schlüssel im Schloss herum.

Im ersten Augenblick scheinen sich seine düsteren Vorahnungen nicht zu bestätigen. Doch dann entdeckt Carsten einen Schuh seines Vaters,

der vor der Wohnzimmertür mitten auf dem Boden liegt und nun schlägt ihm auch Alkoholdunst entgegen.

Carsten seufzt noch einmal, atmet tief durch und betritt das Haus.

Alles bleibt ruhig und Carsten zieht im Vorflur langsam seine Schuhe aus. Dann geht er ins Wohnzimmer.

Vor dem Sofa findet er den zweiten Schuh des Vaters und unmittelbar daneben auch dessen Jacke.

Der Vater selbst liegt schlafend auf einem Sessel. Auf dem Tisch vor ihm steht eine Flasche Korn. Carsten nimmt sie in die Hand und betrachtet sie eingehend. Die Flasche ist zwar noch zu etwa zwei Dritteln gefüllt,

aber wer weiß, wie viel der Vater schon getrunken hatte, bevor er nach Hause kam…

Carsten stellt die Flasche wieder zurück auf den Tisch.

Vermutlich wird es aber ne ganze Menge gewesen sein, glaubt er,

und er mustert seinen Vater, der sich gerade brummend auf die andere Seite gedreht hat. Carsten wartet einen Augenblick. Dann geht er ans Fenster um nach der Futterstelle zu sehen, die er auf der Terrasse für die Gartenvögel eingerichtet hat. Erst gestern hat er sie saubergemacht,

doch dabei ist ihm plötzlich wieder so schwindelig geworden…

Carsten hat gerade den ersten Blick nach draußen geworfen, als der Vater wieder auf seinem Sessel herumfährt und die Augen aufschlägt. “Carsten”, murmelt er verwaschen, “wo kommst du` n her?”

“Aus der Schule”, erklärt Carsten. Dabei sieht er angestrengt auf die Terrasse hinaus.

“Wie spät ist es denn?”

“Halb vier.”