Himmelsmechanik - Maurizio Maggiani - E-Book

Himmelsmechanik E-Book

Maurizio Maggiani

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Beschreibung

In den Tälern voller Kastanienwälder leben die Menschen der norditalienischen Garfagnana in einer eingeschworenen Gemeinschaft. Seit Generationen in Armut, aber reich an freiheitlichen Traditionen, an Anmut, Zorn und Liebe. Der namenlose Erzähler ist einer von hier. Er wird spät noch Vater, und seine Erinnerungen sind das Vermächtnis dieser Traditionen, die er seiner ungeborenen Tochter mitgibt: Geschichten von seiner Mutter, der Duse, einer Akkordeon spielenden Dorflehrerin; von der als Witwe geborenen Santarellina, der besten Freundin der Duse; vom Omo Nudo, Überlebender des KZ Sachsenhausen, der nackt und zu Fuß in sein Dorf zurückgekehrt ist, oder von Malvina, promovierte Astrophysikerin, die nun das feindselige Haus ihres Großvaters bewohnt. Und auch die Geschichte von Nita, der jungen Frau des Erzählers, die als Fremde kam und im Revier eine neue Familie gefunden hat - in diesem abgelegenen Winkel der Welt, in dem doch die ganze Welt anwesend ist. Himmelsmechanik ist eine Hommage an die Menschen, die in den Wäldern und Tälern des Apennin seit Jahrhunderten ein freies Leben führen, das sich jeglicher Obrigkeit widersetzt. Über die Ereignisse der großen Geschichte hinweg erzählt Maggiani von den kleinen Leuten, ihren Gewitztheiten, Schrulligkeiten und hartnäckigen Überzeugungen: eine Liebeserklä rung an dieses "Revier", dem man entweder verfallen oder aus dem man auswandern muss.

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Seitenzahl: 516

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Maurizio Maggiani

Himmelsmechanik

Roman

Aus dem Italienischen übersetztvon Andreas Löhrer

Edition Nautilus

Die Originalausgabe des vorliegenden Bucheserschien unter dem Titel Meccanica Celestebei Feltrinelli, Mailand, März 2010© Giangiacomo Feltrinelli Editore Milano

Edition Nautilus Verlag Lutz SchulenburgSchützenstraße 49a · D-22761 Hamburgwww.edition-nautilus.deAlle Rechte vorbehalten · © Edition Nautilus 2012Deutsche Erstausgabe Februar 2012Umschlaggestaltung: Maja Bechert, Hamburgwww.majabechert.deEin kleines Glossar findenSie auf den Seiten 341/342Druck und Bindung:freiburger graphische betriebe1. AuflagePrint · ISBN 978-3-89401-751-4eBook · ISBN 978-3-86438-068-6 (ePub)ISBN 978-3-86438-069-3 (PDF)

Dem kriegerischen Liebespaar,das im Kirchturm von Careggine eingemauert istund lebt

Wenn der gesellschaftliche Archaismus (unter anderem die Blutrache) auf Sardinien ebenso überdauert wie in Lunigiana oder in Kalabrien – wie überall, wo die Beobachtung (sofern sie überhaupt möglich ist) eine abgründige Distanz zu den großen Strömungen der Geschichte enthüllt – so vor allem aus dem einfachen Grund, dass der Berg ein Berg ist. Das heißt, ein Hindernis. Zugleich aber auch eine Zuflucht, ein Land für freie Menschen.

Fernand Braudel: Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II.

Ein vorgefallener Vorfall

In der Nacht, in der ich meine Frau geschwängert habe, wurde Barack Obama zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Der Vorfall ereignete sich kurz nach Mitternacht, weit bevor die Nachricht verlässlich war, und die Verbindung zwischen den beiden Ereignissen ist nicht nur natürlich, sondern auch mit absoluter Sicherheit ohne jegliche Bedeutung. Es stimmt aber, dass in jener Nacht die ganze Welt in einer Atmosphäre banger Erwartung zu pulsieren schien; sogar wir hatten ausnahmsweise im Fernsehen einen Sender eingestellt, der eine Wahlrunde mit Studiogästen im Programm hatte. Nur dass sich die Sache in die Länge zog und langweilig wurde.

Der Gedanke war, nach oben zu gehen, uns ins Bett zu legen und ein wenig zu lesen, während die Studiogäste ihr Schlechtestes gaben, und dann, wenn sie sich beruhigt hätten, wiederzukommen, rechtzeitig zum Ergebnis. Wie der Rest der Welt waren wir für Obama, den prophetischen Schwarzen, doch auch in diesen Tagen lasen wir noch viel: Lesen gefällt uns und tut uns gut. So wie die Lektüre der Bibel in den alten Familien alles zusammenhielt, und zwar weit mehr als das, was jeder an Sakralem in diesen verehrungswürdigen Texten zu erfassen wusste, ist es bei uns die Tat an sich, die uns jeden Tag etwas Gutes lehrt.

Der eine in Reichweite des anderen, mit dem Hintern auf demselben Sofa, oder eben auf derselben Matratze, sind dieser Mann und diese Frau schließlich Fahrgäste im selben Zug, mit einem Platz im selben Abteil, die auf ihrer jeweiligen Seite des Fensters zwei verschiedene, sehr wahrscheinlich weit auseinanderliegende Landschaften betrachten. Und wir sehen uns heimlich an und spüren, dass wir da sind; und vielleicht hätten wir den Mut, uns gegenseitig vorzustellen, und vielleicht auch nicht, vielleicht ist es gut so: die Intimität zu hegen und darauf zu warten, dass der Zugführer das Licht löscht und die dunkle nordische Nacht eintritt. Und wohin er auch fährt, zu reisen mit dem Blick auf das Fenster jenes Abteils, nie aufzuhören zu reisen und nie aufzuhören zu schauen, was schon mehr ist, als man sich erhoffen kann. Unser Lesen lehrt uns, zusammenzuleben und wohin auch immer aufzubrechen und dann zurückzukehren. Und das ist natürlich sehr erregend. Eine Erregung, die etwas zu schwach ist, als dass sie sich auf die Selbstverständlichkeit eines Koitus vereinfachen und reduzieren würde.

Doch inzwischen ist der Vorfall geschehen. Ungeplant und nicht gerade passend zur Gelegenheit ist das Unbestimmte Fleisch geworden, das Fleisch zur Lust und die Lust zur Tat. Ein »vorgefallener Vorfall« würde Nita sagen. Denn so, durch Verdoppelung, drückt sie in ihrer Sprache üblicherweise Ungewöhnliches und Einzigartiges aus.

Ein vorgefallener Vorfall.

Ich nahm meine Brille ab, machte ein Eselsohr in die Seite, legte den dicken Abenteuerband weg, der mir an jenen Tagen Freude bereitete, und streckte meine Hände aus. Ganz sanft. Etwas in meinem Herzen, mehr noch als an jeder anderen Stelle, verlangte von mir, das zu tun. Von unten kam immer noch zeitweilig das Zirpen der Experten, doch es war klar, dass vor dem frühen Morgen niemand etwas zu sagen hätte: Rückt die Zahlen raus, großer Gott.

Ganz sanft ist eine Frage, ganz sanft ist eine flehentliche Bitte.

Nita ist nicht taub gegenüber den Bitten eines reinen Herzens, ihr Herz ist selbst ein ständiges Flehen in Form einer Frage, in den Formen einer Bitte. Ganz sanft, im Spiel mit der zarten Oberfläche unseres wechselseitigen Flehens haben wir uns vereinigt. Das ist es, was die Kirchenväter dem Menschen nie zu verweigern wagten, aus der unfruchtbaren Tiefe der Wüsten, wo sie in den vergangenen Jahrtausenden über die Natur des Fleisches und des Göttlichen darin meditierten. Und Urteile fällten.

Ihr Buch, ein feindseliger französischer Roman, bewegte sich ungehörig im exklusiven Gleichklang unseres Gewühls; diese Bedrängnis würde es nicht unbeschadet überstehen. Wir schon: Deshalb rollten wir uns wie Katzen auf einem Teppich aus Katzenminze, wie Kinder vom Festland im Sand des Tyrrhenischen Meeres, wie reife Kakis den Hügel der Cascianella herunter. Wir liebten uns, in einer reinen Liebe. Rein, wie man es von den Tauben sagt seit der Zeit, als Christus sie vor den Augen der Menschen als Beispiel darstellte, damit diese ihrer bösen Unzucht Einhalt geböten.

Und Brandungsspritzer leckten hier und da an den ausgefransten Decken zu Füßen des Bettes, abgerissene Fetzen abgeschmackter Meinungen kamen aus den Abgründen der Talkshow herauf; ein Idiot schwor in dieser Nacht, Dagobert Duck hätte McCain gewählt. Aber das verängstigte uns nicht. Und hätte mich auch nicht ablenken können.

Ich wusste nämlich genau, was ich sagte, als ich Nita zuflüsterte: Kann ich in dich hineinkommen?

Es war das erste Mal. In meinem ganzen Leben. Das ist kein Witz.

Es gibt Männer, es gab sie wenigstens, die ganz genau wissen, was ihnen zusteht und was nicht; aus natürlicher Veranlagung oder durch nachdrückliche Erziehung, je nachdem. Ich bin einer davon, und ich weiß, dass Nitas Schoß mir nicht zusteht. Mit sechzehn Jahren wühlte ich in den Stapeln von Reader’s Digest, die im Keller eines Engländers lagen, auf der Suche nach der Formel, die Männern das Gebären ermöglicht. Als ob ich wirklich in meinem Bauch die Zukunft der Welt besitzen könnte. Aber nicht deswegen habe ich nie den Bauch einer Frau in der Absicht berührt, mich zu revanchieren. Ich habe keine Kinder, weil keine der Frauen, die mich geliebt haben, mich jemals bat, mit ihr welche zu bekommen; das ist kein Unglück, und es sieht auch nicht nach Pech aus: Vielleicht handelte es sich lediglich um Sprachlosigkeit. Oder um vernünftiges Kalkül: Jedes Weibchen einer beliebigen Tierart der Schöpfung hat seine eigene Vorstellung vom Männchen, dem es die Vaterschaft über ihren Nachwuchs gewährt. Ich wäre nie ein guter Vater, vielleicht eine gute Mutter, aber kein guter Vater. Jedenfalls war da immer große Stummheit, wo es doch manchmal vielleicht genügen würde, zu versuchen den Mund aufzumachen.

Kann ich in dich hineinkommen?

Kann man zu dieser nächtlichen Stunde etwas Unpassenderes sagen? In diesem Moment des Lebens? Und noch immer weiß man nicht genau, ob Dagobert Duck die Republikaner gewählt hat, und draußen ist es kalt und windig, und dieses Jahr wird es keine Pilze mehr geben, auch wenn es endlich zu regnen anfangen sollte.

Ein vorgefallener Vorfall, würde Nita sagen.

Aber ich habe es so gut gesagt, dass ich voller Stolz war, als ich es hörte. Ganz unerwarteter, unverhoffter und veralteter animalischer Stolz. Der Menschenaffe hat zu seiner Frau gesprochen und sie um etwas Intimes gebeten; ganz freundlich, denn Tiere haben die Fähigkeit, sanft zu sein. Und das, worum er bat, ist von einer so herzzerreißenden Intimität, dass der Menschenaffe es genießt, als habe er sich plötzlich in einer ungeübten Bewegung aufgerichtet: etwas, von dem er nicht wusste, dass er es konnte. Ein prächtiges ausgewachsenes Exemplar.

Lass dir nicht sagen, was du tun sollst, als müsste man dir etwas erklären. Komm.

Wohin, meine Schöne?

In meinen dunklen Unterschlupf, in meine feuchte Höhle. Vergiss die Meinungsforscher, komm. Halt, du bist angekommen; wie du wissen müsstest, ist weiter hinten nichts mehr.

Nein, tatsächlich. Von da aus sind wir keinen einzigen Schritt weitergegangen. Wohin hätten wir auch gehen können? In Anbetracht dessen, dass Nita schwanger ist. Schwanger an Zeichen, schwanger an Vorahnungen, schwanger an Nachwuchs und zukünftiger Menschheit: Wohin hätte ich da schon gehen können? In dieser Nacht nicht einmal ins untere Zimmer, um die Ergebnisse der Präsidentenwahl zu sehen, allenfalls, um den Fernseher auszuschalten. Etwas Ruhe, bitte.

Und auch etwas schlafen.

Übrigens hatte sie schon am frühen Morgen geschwollene Brüste. Und sie plusterte sich auf, blühend wie ein Klarissengarten.

Komm und spür mich.

Es stimmt, das ist kein Busen mehr, das sind schon Milchbrüste.

Wir tranken Kaffee und aßen Kekse in Herzform. Keine Anspielung: Bei uns zu Hause gab es nur diese eine Backform. Nebenbei, sie kann Kekse backen, besser als jeder renommierte Handwerksbetrieb. Im Radio erklärten sie ausführlich, wie ganz Entenhausen den Schwarzen Obama gewählt hatte, und wie genau in diesem Moment die ganze Welt feierte. Auch wir feierten, zwar etwas bescheidener als in Chicago, aber mit ehrlicher Begeisterung.

Ihre Brüste waren wirklich runder und voller; und man muss bedenken, dass sie ihre schwache Seite, der am wenigsten auffällige Teil von ihr waren. Mit der einen Hand steckte ich mir Mürbeteigherzchen in den Mund und mit der anderen streichelte ich eine Brustwarze. Und ich fühlte mich in Form und hatte noch genau das Bewusstsein meiner aufrechten Position. Alter Berggorilla.

Ich bin dermaßen alt, dass ich keine Gefahr für diese Frau und ihren zukünftigen Nachwuchs darstellen werde.

Sie lachte mit allem, was sie zum Lachen hatte, die Krümel der Herzchen an ihren Mundwinkeln sprangen hin und her, kleine freche Insekten.

Ich bin dermaßen alt, dass ich auf keinen Fall jemanden hier stören kann, und dann, wenn ich wirklich gefährlich werden könnte, bin ich von der Bildfläche verschwunden. Selbst wenn ich Vater sein wollte, es gibt keinen besseren Vater als einen abwesenden Vater. Und das wusste Nita, und deswegen drückte sie meine Hand an ihre Brust und beugte sich leicht zu mir hin, um sie zu küssen. Meine Hand mit den schlanken Fingern und der fast unversehrten Handfläche, eine Hand für feine Arbeiten. Und ihre sanften, mitleidsvollen Lippen, Lippen, die sich über das Thema der Liebe auslassen; jahrelang habe ich ihr verboten, dieses Wort zu benutzen, und sie hat gelernt, sich mit Zeichensprache zu behelfen.

Meinem Sohn und gegebenenfalls umso mehr meiner Tochter bin ich bereit, einen Vater zu wünschen, der im Ausland ist, um Krieg zu führen, anstatt einen Mann, der zu Hause herumläuft und sich widerspricht.

Am Morgen jenes ersten Tages der Schwangerschaft ließ sich der Omo Nudo, der nackte Mann, blicken; er klopfte an das kleine Fenster über der Spüle und begann, uns mit beiden Händen zu winken. Ehrlich gesagt war er dieses Mal nicht nackt. Ich sehe, er trägt ein weißes Hemd, ich sehe, er schwitzt, und ich höre, er nuschelt: Er wird wohl etwas Wichtiges zu erledigen haben. Nita hat ihn hereingebeten, und der Omo Nudo isst Mürbeteigherzchen und beklagt sich über die zuständigen Behörden: Er bleibt stehen, neben der offenen Tür. Draußen ist ein schöner Morgen, der Herbst ist frisch und trocken; oben in den Schluchten des Soraggio brennen die metati noch, und der Geruch des Kastanienröstens weht bis ins Haus, über die Reste an Herzchen und Kaffee und den Wildgeruch des Omo Nudo hinweg.

Denn, so denke ich, das Wesen der Vaterschaft liegt in der Entschiedenheit, der blöden, höchst verlässlichen Autorität. Aus diesem Grund kann der Körper eines Vaters, obwohl sein Geist auch notwendig ist, nur Quelle böser Überraschungen und Enttäuschungen sein. Angenommen, er käme nicht vom Krieg zurück, umso besser: Er könnte zum Mythos werden, vielleicht zur Legende. Eine Legende über mich würde ich nicht verachten. Mein Vater hat seine Legende; aber mein Vater hatte bei seiner Legende auch den Krieg und das Geheimnis auf seiner Seite.

Nita plauderte mit dem Omo Nudo, vergaß dabei aber nicht ihre neuen Brüste und richtete es so ein, dass ich sie in ihrer ganzen Herrlichkeit betrachten konnte, sobald ich den Blick von meinem letzten Herzchen wandte.

Der Omo Nudo ist ein schlimmer Verbrecher und wird von der Gesundheitspolizei des Bezirks verfolgt. Er ist illegaler Schweineschlachter und gedenkt nicht, irgendein entsprechendes Gesetz einzuhalten. Er ist ein Wiederholungstäter und renitent, doch an jenem Morgen war er kurz davor, gegenüber der Behörde klein beizugeben. Denn er hatte Angst vor dem Gefängnis, das sie ihm angedroht hatten, und fürchtete, dass sie ihm die Tiere stehlen würden, sobald er im Kittchen wäre. Und er hatte Angst vor der Hitze im Kittchen. Doch der Omo Nudo gibt nicht gerne klein bei. Auch ich gebe nicht gerne klein bei, und auch ich schlachte illegal; aber immer nur ein Schwein, und ohne renitent zu werden. Der Omo Nudo wird bald eine Legende sein, vielleicht noch bevor er stirbt, obwohl er schon sehr alt ist; ein Held ist er ja schon. Außer es würde etwas mit der Behörde passieren und er sollte wegen einer Gemeinheit bloßgestellt werden. Aber das wird nie geschehen.

Er hat keine Kinder, und für seine Legende sorgen wir; ich werde eine Tochter bekommen, darin ist Nita kategorisch, und die Sache wird etwas komplizierter werden. Einen Vater, wenn er wirklich ein guter Vater ist, beginnt man mit etwa vierzig Jahren gern zu haben, weil man dann schon an einen fernen Ort gegangen und wieder zurückgekehrt ist, und also wird es angebracht sein, dass ich bis dahin ein Vater zum Lieben bin. Aus diesem Grund ist es notwendig, dass ich in der Zeit entfernt und in der Erinnerung vage bin; es wird Fotos geben, es wird Märchen geben, sie wird das Kommando führen, und wenige andere werden mithelfen dürfen.

Jedenfalls, so tapfer Nita und von so gutem Charakter meine Tochter auch sein werden, ich bin nie zu Fuß von Sachsenhausen bis hierher gegangen. Ich bin nicht einmal in Sachsenhausen gewesen, und ich habe auch nie so viel Kälte erlitten wie der Omo Nudo, um zum Omo Nudo zu werden, so wie ich auch nie dem großen Champion William Grover-Williams Brotkrumen geschenkt habe.

»Ich werd froher zur Behörde gehn, wenn die Schöne hier mir einen schönen schüchternen Kuss geben tät«, sagte der Omo Nudo an jenem Morgen zu Nita.

Und die Großbrüstige gab ihm einen Kuss, und dabei stellte sie fest, dass am verwaschenen weißen Hemd des Omo Nudo ein paar Knöpfe fehlten. So fand sie ein paar passende im Kästchen für verwaiste Knöpfe und nähte sie ihm im Stehen an, mit dieser wunderschönen Geste schwangerer Frauen, die den Zwirn mit Spucke befeuchten, um ihn durch das Nadelöhr zu fädeln, die Nadel zwischen den Lippen halten, während sie genau Maß nehmen und den Männern die Knöpfe annähen, wobei sie den Bauch gegen deren Bauch pressen. Wie Maria es wer weiß wie oft bei Josef gemacht hatte.

Man hat später erfahren, dass der Omo Nudo dem Kuss und den Knöpfen Ehre erwiesen und die passende scharfsinnige und wilde Art gefunden hat, sich für die ungerechten Nachstellungen durch die Behörde zu rächen. Aber das geschah, als es schon tiefer Winter war, in jenen wunderbaren Tagen der Ruhe kurz vor Lichtmess, wenn der dunkle Tramontana jeden Abend eine Handbreit Schnee vom Apennin herunterweht; Tage, bestens geeignet für das Schweineschlachten, ruhmreiche Momente für die Metzgerkunst des Omo Nudo.

Damals fielen so große und dichte Flocken, dass sie wie Plätzchen aussahen und man Lust bekam, sie zu essen; die Kinder der Engländer aßen sie wirklich, und Nita sah ihnen hingerissen zu und schüttelte den Kopf und stellte fest, dass der Schnee besser war als das, was sie bei sich zu Hause fanden. Am Morgen kämpften sich die Schneepflüge die Serpentinen hinauf, und in der Stille belästigten und erschreckten sie uns; sie stanken rücksichtslos nach Diesel und sahen aus wie Panzertruppen einer schmutzigen Besatzerarmee, die heraufkam, um uns aufzuscheuchen. Die FIAT 90 waren so alt, dass die Unternehmen niemanden fanden, der sie fahren wollte, auch nicht bei den Mazedoniern, die sich üblicherweise für alles hergaben, und so nahmen sie ehemalige Lastwagenfahrer aus den Dörfern jenseits des Kamms unter Vertrag, die nach dem Krieg gelernt hatten, die Fahrzeuge über die ungeteerten, von den Amerikanern planierten Straßen zu fahren; betrunken und alle kurz davor, auf einen Schlag zu krepieren. Wir kennen sie, sie sprechen noch wie in den alten Zeiten, sodass man Mühe hat sie zu verstehen; mittags halten sie mit ihren Fahrzeugen unterwegs vor einem Gasthaus und essen und trinken miteinander, schweigsam, bis sie beim Fernet-Branca angelangt sind. Dann fluchen sie eine Viertelstunde lang und fahren weiter.

In jenen Tagen war nicht viel zu tun, außer klafterweise Holz in den Kamin zu werfen und den wärmsten Platz zu suchen, an dem man lesen konnte, der am Ende immer das Bett oben war. Nita stellte nachts den Dinkel zum Einweichen hin, und morgens kochte sie die Suppe, dann nahm sie zwei, drei Bücher und legte sich neben mich. Sie störte nicht, war aber bereit, mich bei meiner ersten Bewegung leicht zu berühren.

Der Geruch nach Pilzen, die wir gerade unter den Blättern eines dreihundertjährigen Kastanienbaums gefunden hatten, das leichte Knistern der noch nicht ganz getrockneten Blätter.

Wenn es anfing kalt zu werden, packte mich die Leidenschaft für Geschichten der frühen Antike, sie spürte die Jahreszeiten nicht, und auch unter einem Meter Schnee zeigte sie weiterhin ihre traditionelle anspruchsvolle Frankofonie. Doch wenn es vorkam, dass wir uns berührten, dann sprachen wir von unserer Tochter; und wo ich im Denken eher widerspenstig war, waren ihre Gedanken diesbezüglich klar und entschieden. Sie hätte Locken wie Berenice und würde sie ihrem Mann opfern, denn etwas von ihr sollte auf ewig im Himmel glänzen, da sie aus der Ewigkeit gekommen war. Aber ihr Herz wäre groß und entschlossen wie das des größten Champions William Grover-Williams, und wenn dieses große Herz sie bis zum äußersten Opfer führen würde, dann müsste sie eben so sein, ohne jedes Bedauern. Sie wäre handgreiflich wie Bradamante und auch ein wenig lasziv und promisk wie sie, aber ihr Kopf wäre der von Astolfo; auch weil sie das Auto ihrer Mutter erben sollte, das als Transportmittel sehr viel eher dem Wagen von Elias ähnelte, wenn dieser noch durch die Straßen der Welt bis zum Mond hinauffahren könnte. Und noch weiter, bis ins Paradies. Aber dann dachte sie noch einmal darüber nach und entschied sich für Angelica, wegen der Standhaftigkeit ihrer Liebe, wegen ihrer guten Absichten, wegen ihres außerordentlichen Beitrags zur Befreiung Medoros und des ganzen ländlichen Proletariats.

Als ich es schließlich aufgab und aufstand, um mich mit meinen Arbeiten zu beschäftigen, blieb mir im großen Ganzen das Gefühl, dass aus dieser Tochter ein eher undurchsichtiger Typ werden würde. Doch so ist eben ihre Mutter: mit großem Wissen und kontrovers.

Inzwischen versprachen ihre Brüste immer Besseres und ihr Bauch erblühte; ihre Haut wurde immer zarter und glänzender, ihr Mund breiter, ihre Zähne spitzer: Es hatte den Anschein, als sei sie im Begriff, vom einen auf den anderen Moment zu gebären. Mit einem halben Meter Schnee vor dem Haus fiel es uns dann natürlich leichter, uns zu lieben. Wir versuchten, es nicht inmitten der Bücher zu tun, da wir Regeln lieben und gerade diese mit unbeugsamer Entschlossenheit, erst recht nach der Nacht mit der fatalen Ausnahme. Aber es kam vor, dass wir uns an den kältesten Plätzen des Hauses wiederfanden und dort Lust bekamen. Ich glaube, das kam, weil es zu kalt war, um die Kleider auszuziehen; die Kleider behielten wir nämlich meistens an, und das kam unserem inneren Bedürfnis nach einer gewissen Zurückhaltung beim Koitus entgegen: Der Februar ist immer die Zeit der Reinigung.

Zu Lichtmess kam wie gesagt der Omo Nudo zu uns, um sich im Schnee zu reinigen. Das tat er jeden Winter. Nicht dass unser Schnee etwas Besonderes wäre, aber da war auch noch die Suppe, und Nitas Suppe hatte dieses Ich-weißnicht-was, das dem Omo Nudo etwas sagt. Und es sagt ihm auch etwas, wie der Schnee auf dem kleinen Platz vor dem Haus liegen bleibt, einem kleinen leicht abfallenden Platz; wir pflegen ihn und halten ihn uns nur so zur Zierde mit Klee und Bohnenkraut. In der Mitte, vorsichtigerweise am steilsten Punkt eingepflanzt, steht der Nussbaum des Hauses, der älter ist als das Haus selbst und auch etwas aufrechter und stabiler. Der Nussbaum ist so alt, dass seine Hexen nach allgemeiner Ansicht schon zu Zeiten tanzten, als diese Täler nur von den Banden bewohnt waren, die den Krieg gegen das Römische Reich überlebt hatten, den verbannten Veteranen, die die Besatzer zur zukünftigen Erinnerung an die edelmütige Großzügigkeit des Siegers freigelassen hatten, damit sie an Hunger starben.

Damals, am Anfang, bevor die Priester kamen und sich die Möglichkeit einer anderen, schlimmeren Hölle abzeichnete, waren die Hexen des Ortes ein Trost; da sie nichts zu stehlen und nur wenige Feuer zu löschen hatten, war alles, was sie sich Böses ausdenken konnten, die Männer auf die Nussbäume zu entführen und mit ihnen zu tanzen, bevor sie sie hinunterstießen. Doch das waren Männer, die Schlimmes gewohnt waren, und die schwärzesten Legenden besagten, dass einige von ihnen sie sogar geheiratet hätten. Sicher ist, dass diese einsamen Wilden gezwungen waren, ein für die lebhaften Baumtänze geeignetes Musikinstrument zu erfinden, und dieses Instrument ist kein anderes als die Geige; ja, gerade die Geige, die dann in den kommenden Jahrhunderten der gequälten Seele der Menschen so viel Trost gespendet hat. Das sagt die Santarellina, die von diesen Dingen mehr als alle anderen etwas versteht.

Seitdem wir hier sind, haben uns die Hexen unseres Nussbaums noch nie belästigt; sie sind alt, und wenn sie versuchen würden, von ihren Ästen herabzusteigen, würden sie am Ende den Hang hinunterpurzeln. Und dann sind sie es auch leid, Zeit zu vergeuden, um jemanden zu suchen, der für sie Geige spielt: Die Männer sind sanft und mager geworden, sie können nicht mehr mit der Unersättlichkeit tanzender Zauberinnen mithalten, auch nicht hier bei uns. Jedenfalls legt Nita, weil man ja nie vorsichtig genug sein kann, beim Johannisfest, in der Zeit, wenn die Hexen die grünen Schalen entsprechend giftig gemacht haben, um daraus Likör zu bereiten, bevor sie sich schlafen legt, ein Bündel mit ihren Keksen unter den Nussbaum. Auf diese familiäre Weise lindert sie ein wenig den Hunger unserer alten Hexen nach Süßem, bezeigt ihren Geistern schwesterliche Pflege und hält sie sich für kommende Zeiten gewogen. Die Hexen sind ihr dankbar und haben sie gern, und so geht sie, auch wenn die Nacht voller Feuer leuchtet, die hier und da im Tal angezündet werden, ins Haus hinauf und verschafft sich dabei mit den kleinen Flammen Licht, die aus ihren nach oben gestreckten Fingern kommen: der Votivlampe ihrer Walpurgisnacht. Ich betrachte sie, sehe ihr Licht und begreife, wie Bergbewohner, die nur wenig mehr als Tiere waren, es geschafft haben, eine Geige zu erfinden. Am nächsten Morgen sind die Kekse verschwunden, aber die Diebe sind bekanntlich die Siebenschläfer.

Auf dieses Feld und hinter diesen Nussbaum kommt der Omo Nudo, um sich zu reinigen, wobei er, wenn er auftaucht, an das Fenster über der Spüle trommelt und auf seine wilde Art darum bittet, eintreten zu dürfen. Bei dieser Gelegenheit nuschelt und gestikuliert er nicht, er ist nur mürrisch, weil er es eilig hat und hungrig ist und weiß, dass sich die Sache in die Länge ziehen wird. An diesem Tag hat er nämlich nicht das Recht, sich in die Küche zu setzen, dem einzigen Platz, an dem er gern isst, sondern er muss im großen Zimmer Platz nehmen, wo der große Tisch aus Kastanienholz für ihn gedeckt ist. Auf diesem Tisch, der das heilige hohe Alter und die Mächtigkeit eines Altars für heidnische Brandopfer hat, feiern wir die Riten für unsere häuslichen Manen: Im Frühjahr lassen wir den Teig für die österliche pasimata gehen, im August legen wir die Patronen für die Hirschjagd bereit, Anfang Dezember machen wir Wurst, zum Dreikönigstag bereiten und füllen wir die Tortelli, und um Lichtmess herum decken wir den Tisch für den Omo Nudo. Die Flasche, die Tasse, die große, die, seit ich Kind war, mir gehörte, das Glas, den Löffel. Und die Serviette, denn hier wird eine Zeremonie abgehalten, und wenigstens bei dieser Gelegenheit kann sich der Omo Nudo die Mühe machen, sich den Mund abzuwischen.

Und in der Art der alten römischen Herrscher dreht sich Nita aus der Küche mit der Urne der dampfenden Februen in den Händen und vollführt feierlich den Kreis um das Zimmer herum. Libera nos a malo, reinigt, o Februen, dieses Haus von den Schändlichkeiten des Überflusses. Die Suppe verströmt einen dichten und süßen, einen betäubenden Dampf, einen nahrhaften Weihrauch. Aber mehr noch als nach Weihrauch duftet sie nach Erlösung, diese heilige Suppe. Es wurden sieben Kräuter gesucht, gesammelt und zu den durch den Frost süß gewordenen Kartoffeln und der von ihrer Verbannung im Keller gestärkten Zwiebel gelegt, und zwar: Oregano und Bohnenkraut, Gänsedistel und Salbei, Rosmarin, Rucola und Lorbeer. Im nicht mehr glühendheißen Hauch der Kaminglut wurden unter ständigem Aufkochen die Fermente des Dinkels aufgelöst, und heimlich, vor der Fastenzeit verborgen, mit einem guten Stück Schweinespeck angereichert. Denn dieses ehrwürdige Getreide der Bergbewohner ist allein nicht nahrhaft genug, um sie im Winter auf den Beinen zu halten. Und doch machen drei oder vier Teller Suppe, wie Nita sie kocht, den Omo Nudo ausreichend satt.

Der große Körper eines alten Flüchtlings, nackt und kahlköpfig, als käme er aus den ewigen Gletschern des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Voll heißer Suppe, angetrunken von unserem abscheulichen Wein, springt er auf dem Platz herum und stürzt sich in den Schnee. Und er schwimmt und läuft und hüpft, bis er nur noch eine bewegliche Puppe aus Eiskrusten ist. Dann klettert er auf den Nussbaum, hievt sich auf die erste Astgabel und schüttelt sich das Eis vom Leib. Und singt. Aufrecht und kampflustig, mit einer tragischen Stimme, als würde er um Hilfe rufen, singt er die Hymne, die ihm nachts leise, um nicht auf der Stelle erschossen zu werden, der große Champion William Grover-Williams beigebracht hat.

Aux armes, citoyens! Formez vos bataillons! Marchons! Marchons! Qu’un sang impure abreuve nos sillons!

Es wird nicht unser Blut sein, wir haben uns gerade erst an Lichtmess gereinigt; wir sind vielmehr diejenigen, die die Furchen tränken, die Reinen, die marschieren werden.

Nackt also, ohne ein Haar vom Kopf bis zu den Füßen, und er ist über achtzig Jahre alt. Und stark wie ein Stier hat er es bis hierher geschafft, ohne in seinem Leben je ein Buch gelesen zu haben. Und Nita ist die Einzige im Revier, die es schafft, ihn sich gewogen zu halten. Sie weiß, wie sie ihn nehmen muss: So wie sie alles andere nimmt, und wie sie auch mich nimmt. Wie er seine Schweine nimmt, wenn er ihnen direkt in die Schnauze blickt, und sie ihre Öhrchen zwischen den zerzausten Borsten spitzen und sich mit gesenktem Kopf gutmütig in eine Reihe stellen, wie wohlerzogene Bettler, die für ihre Almosen Schlange stehen.

Mittlerweile nennt Nita ihn bei seinem Namen; denn der Omo Nudo hat einen Namen, nämlich Bresci, und scheinbar erinnert sich niemand mehr daran. Sie, die von außerhalb kommt, scheint die Einzige zu sein, die ihn kennt. Er heißt Bresci mit Vornamen, und das ist nicht leicht zu sagen, doch wenn sie ihn ruft und ihm dabei direkt in die Augen blickt, als wären es die Augen, die seinen Namen erkennen und ihm antworten müssten, sieht man, dass er schüchtern wird. Und dann spricht sie ihn mit Ihr an, einem elegant romanischen Ihr, und das schüchtert ihn noch mehr ein, weil es ihn an seinen Freund William Grover-Williams erinnert.

»Ihr hattet das große Glück, Bresci, einem der faszinierendsten Menschen des Jahrhunderts, zu begegnen.«

Nita kennt diesen Mann, den sie so sehr schätzt. Sie weiß, wie er war, bis in die kleinsten Details, und sie hat mir ein Foto von ihm gezeigt. Was man darauf sah, war ein schöner Mann mit finsterem Blick und gebräunten Wangenknochen, er trug einen Lederhelm und rauchte eine braune Zigarette und lehnte an einen Bugatti-Rennwagen. Das Foto war von 1928, und er hatte gerade den Großen Preis von Monaco gewonnen. Und er hatte noch eine intensive und dramatische Geschichte vor sich.

Nita erzählte mir, dass William Grover-Williams einer jener geborenen Rennfahrer war, die im Leben nichts anderes tun können, als zu schnell zu fahren, und die aus diesem Grund nicht ewig gewinnen können. Doch wenn sie aufhören zu siegen, haben alle Sehnsucht nach ihnen, nach ihrem reinen Mut und ihren wahnsinnigen Heldentaten, zuallererst die anderen Fahrer, und das macht sie zu melancholischen lebenden Mythen. Voller Scham über ihre Niederlagen, noch hungrig nach ihren Siegen, müssen sie von der Piste gehen und sich etwas suchen, für das es sich lohnt zu leben. William Grover-Williams hatte das auf die richtige Weise gefunden, so richtig, dass er wie ein Held daran sterben konnte.

Er war in Frankreich geboren, als Sohn eines englischen Pferdezüchters, der wegen irgendeiner obskuren Geschichte keinen Fuß mehr nach Ascot setzen konnte, und einer Pariser Kellnerin, die sich vom Zauber seiner Koteletten hatte betören lassen. Als kleiner Junge spielte er mit den Panzerwagen, die als Schrott von der Somme-Front zurückkamen, und ihm gefielen unterschiedslos die einheimischen Motoren wie die Kriegsbeuten; er klaute hier und da ein paar Getriebeteile, mit der verrückten Idee, sich seinen ganz eigenen Motor bauen zu können.

Eine Woche vor dem Waffenstillstand war es ihm wirklich gelungen. Ihm fehlten nur noch ein Rahmen, ein Lenkrad und ein Platz, wo er sich entsprechend hinsetzen konnte, und an Weihnachten 1918 hatte er bereits alles zusammen. Damit fuhr er über die Straßen von Monte Carlo, wohin seine Eltern gezogen waren, um sich vor der Front in Sicherheit zu bringen, und schlug jeden möglichen und vorstellbaren Rekord. Mit siebzehn Jahren überließ er seinen Vater den Pferden und fing an, für die Reichen der Côte d’Azur Autos einzufahren. Was die Magnate wollten, die mit Kriegsgeschäften Geld gemacht hatten, waren Autos, die ihnen nicht den Schrecken einjagten, der ihnen während des Krieges erspart geblieben war, und dazu war William Grover-Williams absolut nicht in der Lage: Er konnte nur erschreckend unsichere Autos entwickeln. So hatte er sich darauf beschränkt, als Chauffeur zu arbeiten.

Er fand einen Adligen, der ihn anscheinend zu schätzen wusste; dieser kaufte einen Bugatti, in den er immer weniger einstieg und mit dem sein Chauffeur immer schneller fuhr. Dieser Mann mochte ihn so gern und war so zwielichtig, dass er ihm ein großes Haus am Meer in der Gascogne überließ. Das Haus lag ein paar Kilometer von einer der damals berühmtesten Autorennbahnen entfernt, und in diesem Haus empfing er eine geheimnisvolle Frau, die immer allein und verschleiert an der Tür stand. Diese Frau war wunderschön und voller heftiger Gefühle, die Villa war der Ort, an dem sie die kühnsten und romantischsten Dinge träumen konnten. Nicht zufällig hieß diese Frau Eva. Später erfuhr man, dass sie die Frau seines Wohltäters war, und irgendwann wurde sie auch William Grover-Williams rechtmäßige Gattin. Die Jahre im Haus am Strand der Gascogne waren die Jahre seiner Siege, eine Handvoll wunderbarer Jahre, in denen er der faszinierendste, lachendste, verrückteste Mann aller Rennstrecken Europas war.

William Grover-Williams war natürlich nicht nur ein Verrückter, er war auch ein Freigeist und ein Rebell. So mochte er sich, als wieder Krieg war, und zwar der zweite, den er erlebte, ganz und gar nicht mit dem Gedanken anfreunden, sich in England in Sicherheit zu bringen, um für die Reichen jenseits des Ärmelkanals Bugattis einzufahren, während die Nazis das Land besetzten, in dem er aufgewachsen war und wo er seine schönsten Rennen gewonnen hatte. Eines Tages begab er sich zu den Musterungsbüros; die von der Musterungsbehörde begriffen, zu was er zu gebrauchen war, und informierten die Kollegen von der Spionage. Die von der Spionage nahmen ihn in die Spezialkräfte auf. Zur Musterung war er mit seinem Freund Benoît gegangen, einem, der ebenfalls Rennen fuhr und sich in England befand, um die Rennen zu gewinnen, die William Grover-Williams nicht mehr gewann. Es ist nicht bekannt, warum es den Spionen in den Sinn kam, es wäre eine gute Idee, eine Gruppe von Sabotagefahrern zu bilden, die über den besetzten Gebieten Frankreichs mit dem Fallschirm abgesetzt werden sollten. Tatsächlich wurden beide im Winter ’41 mitten in Paris mit dem Fallschirm abgesetzt, um als Sabotage-Taxifahrer Widerstand zu leisten. Er war zu schön und zu verrückt, denkt Nita, um diese Arbeit gut zu machen. Nach Ablauf eines Jahres wurde die Gestapo William Grover-Williams’ habhaft und schickte ihn nach Sachsenhausen, ins Lager der Politischen. Wahrscheinlich war das eine Vorzugsbehandlung in Erinnerung an seine Rennen auf dem Nürburgring. In Sachsenhausen erwartete ihn der Omo Nudo.

»Eines Morgens luden sie sie mit Tritten in den Hintern vom Lastwagen, und wir waren schon da und wussten nicht, ob es Nacht oder Tag war.« Sie sahen alle mit großen Augen an, und sie waren alle so schön und sauber, dass sie wie Filmschauspieler aussahen.

Obwohl alle hier die Geschichte vom Omo Nudo und seinem besten Freund kennen, kann sich keiner einen Reim darauf machen, wie sie so große Freunde werden konnten. Der Omo Nudo hegt ein absolutes Desinteresse gegenüber Geschehnissen, die seine Person betreffen, und diesbezüglich kann er uns keine Hilfe sein. Wir wissen nicht einmal, wie dieser Ort wirklich ist, wo sie sich getroffen haben: Er spricht immer von »da oben«, und den Namen Sachsenhausen kennen wir nur, weil er in seinen Briefen steht.

»Da oben war nur Leid und nochmals Leid.«

Man kann sich schwer vorstellen, dass dieser gestandene Mann, der in Paris in der schönen Gesellschaft aufgewachsen war, wo die Seinen ihn schon als großen Champion und Kriegshelden verehrten, sich mit einem Jungen zusammentat, der nicht einmal wusste, warum er »da oben« gelandet war. Wir können uns nicht einmal vorstellen, warum der Champion es akzeptierte, wie der Omo Nudo erzählte, mit den Resten seines Brotes ernährt zu werden.

Der Omo Nudo machte sich kleine Krüstchen, die er heimlich in seine Hosen steckte, und gegen Abend kam er den Champion besuchen, und es wurde getauscht. Dieser aß seine kleinen Krüstchen wie ein wahrer Herr, säuberte sich mit dem Taschentuch, das um seinen Hals hing, und dann fing er zu sprechen an.

Wie der Omo Nudo uns erzählt, klärte ihn der Champion William Grover-Williams über die großen Fragen des Lebens auf, ohne es zu versäumen, ihm Wort für Wort die Nationalhymne seines Landes beizubringen. In welcher Sprache sie miteinander redeten? William Grover-Williams konnte nur deshalb drei Wörter Sizilianisch, weil er einmal die Targa Florio gefahren war.

Er sprach ununterbrochen, doch an manchen Orten wie da oben ist es so, dass du dich verstehst, als wärest du unten auf der Straße, und dann hielt er gewisse Reden, als wäre er ein Heiliger, »und dann sag mir, da muss man ihn doch einfach verstehn, oder?«

Der Omo Nudo sagte nie, wie es endete, doch das ist bekannt: Wie sein Leben ist auch der Tod von William Grover-Williams Teil der Geschichte. Nita erzählt, dass er in den letzten Tagen umgebracht wurde, als die Russen schon kurz vor Berlin standen. In jenen Tagen räumten die Deutschen das Lager in großer Eile, und der Großteil der noch lebenden Gefangenen starb auf dem Marsch. William Grover-Williams ist vor Erschöpfung gestorben, er wurde erschossen, weil er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte.

Der Omo Nudo sagte, wenn er beim Appell strammstand, kam er ihm vor wie ein kleines Kind. »Und nicht etwa, weil er keine Kraft gehabt hätte; Tatsache ist, dass er sie nur in seinen Händen hatte.« Denn mit seinen Händen konnte er einen Stein in zwei Teile brechen, doch so oft mussten ihn seine Gefährten stützen, einer hier und einer da.

Zur Vervollständigung der Information fügt sie hinzu, irgendwo im Internet behaupte jemand, dass er in Wirklichkeit überlebt habe, man ihn für tot gehalten und im Tauwetter in Holstein habe liegen lassen. Dass er von den Sowjets aufgefunden wurde und darum gebeten habe, in die Gascogne gebracht zu werden, wo er bis zu seinem Tod lebte, ohne den Mund aufzumachen oder irgendetwas zu tun. Doch das ist die alte Geschichte bei allen großen Champions und Helden. Wäre es so gelaufen, dann wäre der Omo Nudo gar nicht hier, sondern in der prächtigen Villa seines großen Freundes immer noch dabei, die großen Fragen des Lebens zu lernen, ohne einen einzigen guten Grund, um zurückzukehren.

Aber die Dinge liefen, wie sie gelaufen sind. Er gehört zu denen, die noch auf den Füßen stehen, obwohl sie es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr tun dürften, und alles, was er im Kopf hatte, war, an den einzigen Ort auf der Welt zurückzukehren, den er kannte.

Nita sagt, es gäbe jedenfalls ein offizielles Grab von William Grover-Williams in Brookwood, in Surrey. Dieser Platz ist eine Art Totenwald, ein ganzes Tal voller Gräber von Soldaten, die für England gefallen sind. Ihrer Meinung nach ist das kein passender Ort für diesen Mann, und dass er dort ist, verdankt sich nur der Tatsache, dass er sich diesbezüglich nicht mehr äußern konnte. Sie kennt aber einen anderen Platz, einen sehr schönen Ort, von einer herzzerreißenden Schönheit, die zu seinem Ideal passt. Er ist in Frankreich, im Park eines prachtvollen Schlosses in der Nähe der Stadt Valençay. Dort steht ein Monument, das den Gefallenen der Résistance, einschließlich ihres Helden und seines Rennfahrerfreundes Benoît gewidmet ist. Hätte er wählen können, müsste er irgendwo dort im Park begraben sein. Das Monument ist nicht schön und vielleicht sogar hässlich, aber das hat keine Bedeutung; was zählt, ist, dass es im herrlichen Park dieses edlen Schlosses eines sehr alten Geschlechts von Herzögen steht. Sodass, wie sie sagt, sich alle Gefallenen als wahre Herren fühlen können, wie sie es eigentlich auch gewesen sind.

Im nächsten Sommer fahren sie, Nita und der Omo Nudo, nach Valençay. Das wird der erste Ausflug sein, den Bresci macht, seit er aus Sachsenhausen zurückgekehrt ist, und sie bereiten ihn äußerst sorgfältig vor, besonders was das Essen angeht, das sie mitnehmen müssen, da der Omo Nudo nicht in der Lage ist, sich anders zu ernähren als von dem, was er sich selbst zubereitet; mit Ausnahme von Nitas Suppe natürlich. Jedes Mal, wenn sie darüber sprechen, wird der Omo Nudo ganz schüchtern, doch er wird das Schloss seines großen Freundes William Grover-Williams besichtigen gehen, und sei es das Letzte, was er in seinem Leben tun wird. Es wird eine spektakuläre Fahrt sein, da bin ich mir sicher: von hier bis an die Loire in Nitas Auto, einem milchkaffeebraunen Karmann von 1965. Einem Coupé mit widerspenstigem Charakter, den einzufahren und zu einem Rennen zu bringen der große Fahrer nicht verachtet hätte. Offenbar ist es eine Reise zu zweit, und ich werde sie gerne abfahren sehen.

Wird sie dann schon niedergekommen sein? Wird sie auf der Reise entbinden? Wir haben über ihre diesbezüglichen Pläne noch nicht gesprochen.

Wie der Omo Nudo zurückgekehrt ist

So griesgrämig und raubeinig er auch ist, hat sich Bresci doch die Mühe gemacht, all seinen Schweinen einen Namen zu geben; und darin ist er, soweit ich weiß, im ganzen Revier einmalig. Hier hat niemand Lust, mit einem Tier vertraulich zu werden, dessen Herz kaum ein Jahr später von einem Keil aus Karnelkirschenholz durchbohrt werden wird, von eigener Hand oder durch die des Vaters oder des Bruders. Namen gibt man Kühen, Schafen und Hunden, denn wenn man will, dass sie das geben, wofür sie da sind, muss man das ganze Leben lang mit ihnen reden. Man wünscht sich, dass es möglichst lang ist, und manchmal dauert es auch länger als unser eigenes, und das ist auch gut so. Nicht einmal Katzen haben hier bei uns einen Namen, sie würden ja sowieso nicht auf dich hören; und es gibt keine größere Demütigung, keine schlimmere Einsamkeit als die, von seinem eigenen Tier nicht anerkannt zu werden.

Bresci ist unbestritten der beste Schlachter des Reviers, aber er verrichtet seine Dienste nicht für Dritte: Er schlachtet nur seine eigenen Tiere, die, die er kennt. Und er schaut, im Unterschied zu jedem anderen, seinen Tieren, während er sie schlachtet, in die Augen.

Der Omo Nudo sagt, wenn er seine Schweine beim Namen nennt, schüchtern sie ihn ein. In seiner Schüchternheit sind all seine Gefühle enthalten, von denen uns viele unergründlich erscheinen. Vor ein paar Jahren erschien er übrigens in gebügeltem Hemd und kurzer Hose, nur um Nita um Erlaubnis zu bitten, der Sau, die ihm geboren worden war, ihren schönen Namen zu geben. »Denn mit so einem Namen wird sie mir so schön, dass sie einen einschüchtert.« Wir haben uns gefreut, denn es war eine Sau von Rasse, die mehrere Jahre braucht, bis sie Ferkel wirft, und alt und geachtet sterben wird. Aber letztes Jahr wollte er einem Ferkel den besonderen Namen Nesbø geben, obwohl er eine Weile gebraucht hat, bis er ihn selbst für ein Schwein einigermaßen akzeptabel aussprechen konnte; doch mit diesem sprachlichen Opfer nahm er seine Rache an der Behörde. Denn es ist so, dass für den Omo Nudo Ion Nesbø die oberste Autorität ist, der Bezirksveterinär für Gesundheitskontrollen. Der junge Ion Nesbø, eine zarte aschblonde Seele, ist aus dem äußersten Norden hierher gekommen, um sich in dieses Revier zu verlieben, und in ein junges Mädchen, das ihm unvorsichtigerweise nicht nur sich selbst gewährt hat, sondern auch die Möglichkeit, hier zu bleiben, um sich sein Brot zu verdienen und sich fortzupflanzen. Jetzt genießt er das unverdiente Privileg, mit seiner blöden Unflexibilität in der Anwendung der aktuellen hoheitlichen Vorschriften allen das Leben zu vergiften.

Besonders in Hinsicht auf archaische und grausame Schlachtmethoden setzt er seine Normen durch und beschließt Lizenzentzug und Beschlagnahmung. Doch wie man ein Schwein opfert, ist keine Frage des Gesetzes: Es ist ein Prinzip. Die Behörde sagt, sie sei mitleidvoller, gerechter und sauberer, doch der Omo Nudo weiß, dass keiner gerechter, mitleidvoller und sauberer ist als er. Er lebt mit seinen Tieren und teilt mit ihnen das Futter; er schaut seinen Tieren in die Augen und ruft sie mit Namen. Die Behörde betrachtet Fleischstücke und wühlt darin herum, dann schreibt sie Briefe. Ich denke wie der Omo Nudo, wenn ich auch gewitzter bin und es auf meine Weise machen kann, ohne dass der junge Mann aus dem Norden kommt und etwas bemängelt.

Manch einer sagt, es käme der Moment, an dem wir es alle so tun, wie es die Behörde will, alle und in jeder Frage, und zwar dann, wenn Bresci gestorben sein wird. Ich glaube außerdem, dass der Omo Nudo es rechtzeitig, bevor er stirbt, schaffen wird, Ion Nesbø und seine Überheblichkeit zu zermürben. Inzwischen hat er sich die Befriedigung verschafft, ihm mit eigenen Händen die Kehle durchzuschneiden, am Tag, als er sich in seinem Schweinestall blicken ließ, und der Omo Nudo pfiff und rief Nesbø mit Namen, und sein Ferkel kam ihm entgegen, lehnte sich an ihn und hielt ihm seinen Hals hin. Im vollen Bewusstsein der Gerechtigkeit und der Unvermeidlichkeit einer Handlung, die nicht einmal der heilige Antonius in Frage gestellt hätte.

Bresci wurde mit sechzehn Jahren, nur wegen des Namens, den er trug, auf der Straße von den Schwarzen Brigaden ergriffen; sie verkauften ihn an die Deutschen und die deportierten ihn ins Konzentrationslager Sachsenhausen, wo er als Politischer interniert wurde. Und alles, was er damals von Politik wusste, war die Geschichte von jemandem, der zu Zeiten seines Großvaters Amanteo in den Soraggio gekommen war und sich mit ihm angefreundet hatte, und beide gingen ins Kiesbett des Flusses, um zu schießen und dafür zu üben, den König umzubringen. Eine Sache, die dann durch seinen liebsten Freund, Genossen und geistigen Bruder auch durchgeführt wurde, aber ohne den Beitrag seines Großvaters, der damals schon seit einem Jahr als Einwanderer im Londoner Stadtteil Chelsea lebte, wo er als Kellner in einem Luxusbistro arbeitete.

Das Lokal wurde von der Creme des weltweiten Imperialismus frequentiert. Amanteo servierte erstklassigen italienischen Kaffee und spionierte die Entwicklung des Empires aus, um auf den richtigen Moment zu warten, das ganze Unternehmen in die Luft zu jagen. Er schrieb kurze, feurige Postkarten an seinen Sohn Otello; sein Sohn konnte so einerseits die Bilder der berühmten königlichen Vergnügungen und andererseits die äußerst grausamen Neuigkeiten über den Zustand der Sklaverei der städtischen Volksschichten mitbekommen. In seiner subversiven Tätigkeit bekam der Kaffeehauskellner Amanteo Hilfe von einer fünften Kolonne, einem neuen Freund und Bruder und Kaffeeliebhaber, auf den er in jeder seiner Postkarten hinwies. Der Mann hielt ihn über die geheimsten Abgründe der imperialen Schändlichkeiten auf dem Laufenden, deren Opfer er selbst war, obwohl er sich in der privilegierten Lage eines Adligen befand. Wie Amanteo schließlich seinem Sohn verriet, und zwar beim tragischen Anlass der Verhaftung seines Freundes, handelte es sich um niemand anderen als den sozialistischen Schriftsteller Oscar Wilde. Der Omo Nudo erinnerte sich, als Kind von diesem Schriftsteller ein Foto mit Widmung gesehen zu haben, das ihm sein Vater Otello gezeigt hatte, um die tatsächliche Bedeutung des Großvaters zu beweisen. Dieses Foto wird der Preis sein, den der Omo Nudo Nita für die Fahrt zur Gedenkstätte von Valençay bezahlen wird. Bresci hat geschworen, dass er es suchen wird, bis er es findet, auch wenn er es vom Grunde des Sees heraufholen müsste, wo die Trümmer des Krieges und mit ihnen die Hälfte seines Hauses verstreut liegen.

Bresci erzählt auch, dass bei dem Foto auch noch Bücher waren, und laut Otello sei in diesen Büchern die verborgene Wahrheit versteckt, die sein Vater zusammen mit seinem Schriftstellerfreund suchen ging. Und vielleicht hatten sie die Wahrheit auch gefunden, aber mit einem Ehrenpakt geheim gehalten; und das erklärte auch, warum Amanteo nie wollte, dass jemand aus seiner Familie ihn in seinem schönen Chelsea besuchte, um wie er Kaffeehauskellner zu sein und seine Kenntnisse zu teilen. Dann erinnert sich der Omo Nudo, dass eines Tages, kurz nach seinen subversiven Enthüllungen, sein Vater verschwand, von der Nacht verschluckt. Er hatte gerade noch seine Frau Melina geküsst und seinen Sohn angefleht, dem Namen, den er trug, Ehre zu erweisen, und zwar sowohl dem seines Vaters als auch seinem eigenen. Mit Otello waren auch die Bücher der verborgenen Wahrheit verschwunden. Nita möchte, dass Bresci auch diese suchen geht, womit er sich eine weitere Fahrt im Coupé verdienen würde, wohin er auch wollte, aber der Omo Nudo ist der Meinung, dass sie mit Otello begraben wurden. Vielleicht in Paraguay, vielleicht in Kolumbien, vielleicht in Panama, wohin Otello auch gegangen sein mag, sie zu lesen, um zu finden, was er suchte.

Otello ließ einige Monate später mit einem schönen Brief von sich hören, und dann mit noch einem und noch einem, und der Omo Nudo sagt, wir könnten sie lesen, wenn er gestorben sei, denn sie seien heikel. Außer den heiklen Passagen, die uns dann nach seinem Tod offenbart würden, macht das, was Otello in diesen Briefen erzählt, und was Melina ihrerseits im Laufe der langen Jahre ihrer weißen Witwenschaft im ganzen Revier verbreitete, ihren Sohn, der zu Fuß von Sachsenhausen nach Hause gegangen ist, zu einem bescheidenen Reisenden.

Demnach floh Otello vor den Schwarzhemden, die ihn wegen seiner politischen Ideen von Gerechtigkeit und Freiheit umbringen wollten. Er konnte knapp ihren Klauen entkommen, weil er im letzten Moment von der Frau des Truppführers informiert wurde, die eine Frau von guten Manieren und mitleidvollem Herzen war und unter der Grausamkeit ihres Ehemannes litt. Die Santarellina sagt, jetzt, da Melina seit ziemlich vielen Jahren tot ist und sie keine Angst mehr zu haben braucht, dass sie mitbekommt, was die Lebenden sagen, dass der Oberfaschist ihn zwar umbringen wollte, aber aus dem Grund, weil er ihn mit seiner Frau Iside erwischt hatte, und dass das ganze Dorf ihm abzuhauen half, denn wie dem auch sei, auch das war Gerechtigkeit. In Anbetracht dessen, dass die Frau ihrem Ehemann Schönheit und Macht gebracht hatte und dafür nur Leiden und Hörner bekam. Die Gerechtigkeit hätte es ebenfalls verlangt, dass Melina ihren Mann wegen des ihrerseits erlittenen Unrechts erdolcht hätte, doch man vereinbarte, dass unter diesen besonderen Umständen Otello die Gunst des Exils und Melina, wenigstens als teilweise Entschädigung, die durch Schweigen gerettete Ehre gewährt wurde. Damals war die Santarellina ein kleines Mädchen und konnte alles hören, was sie wollte. Sie lebte im Haus von Isides Familie; als sie acht Jahre alt war, hatten sie sie im Waisenhaus gekauft, um sie für die Arbeit auf den Feldern bei sich zu halten.

Otello schrieb dann, dass er mit dem wenigen Geld, das er zu Hause hatte, zu einigen Genossen aus Livorno gegangen war, die ihn übers Meer nach Genua brachten, wo er sich nach Amerika einschiffte, noch den Atem der Schwarzhemden im Nacken. Von da an war es ein ganz anderes Abenteuer gewesen. Er war in Argentinien gelandet, und es gefiel ihm gleich gut, man verstand, was die Leute redeten, und man aß fast wie zu Hause; da er ein tüchtiger und erfahrener Steinbrecher war, entdeckte er sofort, dass sie dort mit dem Stein nicht geschickt waren. Im Handumdrehen zog er einen Handel mit Grabsteinen auf: Von den Meistern aus der Versilia hatte er den Schlag mit dem Meißel gelernt, und er hatte den Katalog mit den Grablettern, den Verzierungen und den Gebeten mitgebracht. Er konnte so gut arbeiten, dass, auch wenn er billigen Serpentin benutzte, ihm seine Stücke besser gelangen als mit Marmor. Das Unglück wollte es, dass er von einem Freund in Versuchung geführt wurde, den er in der Bergregion von Mendoza kennengelernt hatte, wo er sich mit Material versorgte. Dieser Freund, dessen Namen Otello noblerweise in seinen Briefen nie nannte, überredete ihn, dass er, da er es verstand, mit gewöhnlichem Stein zu arbeiten, diesen ebenso gut als Marmor verkaufen könne. Dass es sich nicht lohnte, sich für die Menschen von dort, die von schön und hässlich keine Ahnung hätten, anzustrengen.

Auf diese Weise machten sie nicht wenig Geld, und Otello, der sich ein rechtschaffenes Herz bewahrte, versäumte es nicht, seiner geliebten Frau so viel zu schicken, dass sie den Wald von Trasillico kaufen konnte, der noch heute Brescis Wald ist. Doch dann übernahmen sie sich, und zwar, als sie eine dorische Säule für das Familiengrab des größten Rinderzüchters der Provinz Rio Negro für echt verkauften. Dieser hatte, wie sie erst zu spät erfuhren, bereits ein Haus mit dreißig Zimmern ganz mit echtem Carrara-Marmor ausgestattet. Er präsentierte ihnen sein Haus und ließ sie seinen Marmor anfassen, stolz darauf, 10000 amerikanische Dollar nur für die Charterung des Schiffes ausgegeben zu haben, das diesen hergebracht hatte, woraufhin seine Gauchos sie blutig prügelten. Infolge des unerfreulichen Zwischenfalls verbreitete sich das Gerücht in allen Provinzen, Otello und sein unbekannter Freund seien Schänder von Grabsteinen, und im Nu wurde eine Vereinigung unzufriedener Kunden gegründet, zu dem einzigen Zweck, die Betrüger zu erschießen, sobald man ihrer ansichtig würde. Denn in Amerika ist nicht, wie ihr glaubt, alles schön und einfach, und dort herrschen weder Gerechtigkeit noch Mitleid.

Otello schrieb sechs Jahre lang nicht mehr, und als er wieder etwas von sich hören ließ, schickte er zunächst Geld, so viel, dass Melina fünfzig Milchschafe und dann noch einen Stall mit zwei Kühen kaufen konnte. Dann fing er an, aus Bogotà in Kolumbien zu schreiben, und er sprach von Wundern, die man kaum glauben konnte. In diesen wenigen Jahren hatte er sich, obwohl aus Argentinien geflohen und mit wenig Geld, als Schokoladenhersteller etabliert und ein Vermögen gemacht. Der beste Schokoladenhersteller des ganzen Landes, könnte man sagen. Dabei muss man bedenken, dass Otello, als er losfuhr, noch nie Schokolade gegessen hatte, sondern nur aus Postkarten von seinem englischen Vater davon gehört hatte.

Er war reich geworden, vergaß aber nicht das Ideal. Zusammen mit dem Geld schickte er Ermahnungen an seinen Sohn, der Sache Ehre zu erweisen, er wisse schon, welcher. Und Weiteres fügte er nicht hinzu, er ermahnte ihn nur, wegen der faschistischen Zensur, die auch für Briefe emigrierter Söhne Italiens galt, die doch nur das Vaterland größer machen wollten. Und als die ersten Anzeichen des Krieges sichtbar wurden, befahl er seiner geliebten Frau, ein Bauernhaus hoch genug im Tal zu kaufen, wo sie die Herden und Güter halten und wohin sie selbst mit ihrem Sohn umziehen sollte. Und das ist das Haus, wo der Omo Nudo wohnt, auch wenn er, als er von den Gletschern des Nordens zurückkam, weder Güter noch Herden fand, sondern nur die Mauern mit Maschinengewehrspuren, und auch nicht alle. Otello, so sagt Bresci, ließ nie etwas von einer Rückkehr verlauten, und seine Mutter machte ihm diesbezüglich auch keine Illusionen, auch nicht in den Jahren seiner Kindheit, als ihm der Vater fehlte.

Die Santarellina vermutet, selbst wenn er als Herr von ganz Amerika zurückgekehrt wäre und obwohl seine Freunde als Partisanen auf den Straßen unterwegs waren, hätte ihm Melina dennoch die Kehle durchgeschnitten. Denn hier werden Schulden beglichen, und für Hörner gibt es keinen Preis.

Man vermutet, dass Otello kurz nach dem Krieg gestorben ist. Seine letzten Briefe kamen aus Panama-Stadt, und dort war er Besitzer aller Konditoreien des Landes. Er schrieb, dass er zu Ostern von seinen Köchen die pasimata backen ließ, und dass sie auch bei der Hitze dort so gut wurden wie zu Hause. Am Ostersonntag brachte er dem Gouverneur persönlich einen Korb; dieser Gouverneur war der Enkel eines Italieners und gewährte mehreren emigrierten Brüdern und Genossen Schutz vor Krieg und Verfolgung.

Doch mehr als von seinen Geschäften mit den Konditoreien schrieb Otello vom Krieg und ermahnte sie immer wieder, sich so gut wie möglich zu schützen, denn da, wo er war, bekam er erschreckende Nachrichten über das, was geschah: Manche sagten, die Welt würde sich nie wieder erholen, und alle würden wieder wie Tiere leben. Bresci sagt, sein Vater habe einen Brief über dieses Thema geschrieben, der sehr viel länger als die anderen war. Er ermahnte den Sohn, von dem er wusste, dass er schon groß war, auf sich achtzugeben, sich von allem fernzuhalten, was er erfahren hatte: Dinge, an die die Italiener nicht einmal im Traum dachten.

Otello erzählte seinem Sohn, dass er einen berühmten amerikanischen Schauspieler getroffen habe, der in Panama auf Durchreise war; es war ein großer und dicker junger Mann, der süchtig nach Süßigkeiten und Alchermes war. Er hatte die Augen eines Mörders; cara de asesino, schrieb Otello, der inzwischen ein halber Spanier war, aber er war herzensgut, und wenn er sprach, begriff man, dass er sozialistische Ideen hatte. Er konnte nicht weniger als zehn Sprachen, und wenn er seinen Alchermes trank, gestand er ihm, er sei von Präsident Roosevelt in die Länder Amerikas gesandt worden: Es sei seine Aufgabe, die noch nicht betroffenen Völker über die tödlichen Gefahren des Krieges zu informieren, der bald die gesamte Welt auslöschen würde. Dieser so gebildete Mann wirkte gar nicht wie ein Schauspieler, und der Gouverneur behandelte ihn wie einen Fürsten und behauptete, in den Vereinigten Staaten sei nach dem Präsidenten keiner so berühmt wie er. Otello schrieb, er hieße Orso, Bär, aber Bresci dachte, er habe es falsch verstanden, oder das sei sein Spitzname, den er ihm wegen seines Gesichts verpasst hatte. Ich weiß aber, dass es Orson Welles höchstpersönlich war.

Bresci meint, es sei das Schicksal der Männer seiner Familie, von zu Hause wegzugehen, nur um bedeutenden Männern zu begegnen; das war seinem Großvater Amanteo passiert, seinem Vater und ihm selbst. Alle waren sie mit Pech an den Hacken aufgebrochen, doch letztendlich konnte jeder nur dankbar sein. Also, Orso nahm Otello zu einem Vortrag mit, den er in der Stadt hielt, um besser zu erklären, was er unter Krieg verstand. Otello ging hin und hörte Worte und sah Bilder, die er seinem Sohn nicht zu beschreiben wagte, so sehr hatten sie ihn das Fürchten gelehrt. Er solle sich unbedingt, so bat er ihn, in den Wäldern verstecken. Als dieser Brief ankam, war der Krieg fast vorbei, und es wurde klar, dass er mehr als ein Jahr gebraucht hatte, seitdem er geschrieben worden war. Inzwischen hatte Bresci schon selbst erfahren, was es über den Krieg zu wissen gab.

1947, nur zwei Jahre, nachdem er zu schreiben aufgehört hatte, wurde Melina von der Gewissheit erfasst, dass Otello tot war, und sie ging zum Pfarrer, um die Messe für ihn lesen zu lassen, aber solange sie lebte, wollte sie nie zur Behörde gehen, um sich seinen Tod bestätigen zu lassen. Sie ist immer seine Ehefrau geblieben, auch wenn man sie jedes Mal, wenn sie etwas anfasste, das von Otellos Geld gekauft worden war, im ganzen Tal den Tag verfluchen hörte, an dem sie ihn geheiratet hatte. Die Santarellina sagt, dass Melina, gequält von Kummer und Schmerz über den in der Deportation verschwundenen Sohn, den Pfarrer gefragt habe, ob er ein Sakrament zelebrieren könne, um zusammen mit Otello auch die gotteslästerlichen Worte verfluchen zu können, die er seinem Sohn gesagt hatte, als er die Flucht ergriff. Und sie bat ihn auch zu überprüfen, ob es vielleicht in seiner Macht stände, feierlich und öffentlich von jenem Namen Bresci abzuschwören, Ergebnis von Stolz und Grund des Unglücks, um dem Sohn wenigstens das Fegefeuer zu sichern. Der Pfarrer tat nichts davon, auch weil er Otello eigentlich mochte und seine Ideen ihm nicht so unsympathisch waren, dass er sie in den ewigen Flammen brennen sah.

Als Bresci nach Hause zurückkehrte, sprach seine Mutter schon nicht mehr, sondern weinte und fluchte nur noch. Man weiß nicht einmal, ob sie ihren Sohn wiedererkannte; sie lebte oben im Bauernhaus und konnte noch die vier Schafe hüten, die sie über den Krieg hatte retten können. Jedenfalls jagte sie den Mann nicht weg, der sich als ihr geliebter, wundersam auferstandener Sohn vorstellte, und der Sohn begann Haus und Güter wieder in Ordnung zu bringen, und unterhielt die Frau, die nur vor sich hin brummelte. Das einzige Mal, dass ich den Omo Nudo von seiner Mutter sprechen hörte, war, als er Nita sagte, sie habe so schöne Brüste wie sie. Und dabei funkelten seine Augen so verträumt, als sei er gerade erst abgestillt worden und würde ringsherum nach den Brüsten seiner Mutter suchen.

Und das ist das, was wir alle wissen, denn die Geschichte von Otello, seinem Vater Amanteo, dem englischen Kaffeehauskellner, seiner Frau Melina und seinem heute noch lebenden Sohn ist eine von denen, die wir am liebsten erzählen, weil sie voller Leidenschaft und reich an pikanten Geheimnissen ist.

Da ist also dieser Junge, den sie mit sechzehn Jahren nach Sachsenhausen verschleppen und der drei Jahre später von dort zurückkehrt, nackt wie ihn Melina schuf, und wer ihn fragt, wieso ihm so heiß ist, antwortet er, dass er nach der Kälte, die er da oben empfand, nur noch Hitze spüren kann. Und er sagt »da oben«, ohne Weiteres zu erklären, er hat auch nie etwas von diesem »da oben« erzählt, außer den wenigen Sätzen über seinen Freund William Grover-Williams. Der ihn neben den vielen wertvollen Dingen des Lebens auch die Politik gelehrt hat, aufgrund derer er ins Eis des Nordens geschickt wurde, ohne dass er es in seinem Unwissen merken konnte. Wenn er nun kommt, um sich im Schnee zu Lichtmess zu reinigen, und zum Singen auf den Nussbaum steigt, ist alles, was Nita und ich sehen, ein gesunder und freier, vielleicht sogar glücklicher alter Mann.

Der Omo Nudo freut sich, dass Nita sich an seinen richtigen Namen erinnert, und wenn sie es tut, jauchzt er und suhlt sich in seiner sanften und gezierten Obszönität. Bei allem Leiden, das er ihm einbrachte, liegt ihm etwas an seinem Namen, obwohl er den Spitznamen nie unschicklich fand, mit dem ihn die Welt des Reviers beehrt, und voller Stolz nennt er der Behörde seine vollständigen Personalien: Giannoni Bresci, Sohn des verstorbenen Otello, Omo Nudo für das Volk. Die Behörde zeigt gewöhnlich kein Interesse an der Vollständigkeit der Informationen, die Bresci zur Verfügung stellt, jedoch geht auch der junge Nesbø aus dem Norden, der so gesetzestreu und pflichtergeben ist, wenn er mit ihm etwas besprechen muss, durch das Tal und fragt nach dem sogenannten Omo Nudo.

Als würde er es lieber mit dem Staatsfeind Nummer eins der Schlachthygiene zu tun haben, als diesen Bresci zu erwähnen, der mit seinem Großvater üben kam, um auf den König von Italien zu schießen. Vielleicht fällt es aus demselben Grund allen schwer, ihn mit seinem Vornamen zu rufen: An diesen Namen ist eine Verantwortung gekettet, die Otello unbesonnener Weise auf die leichte Schulter genommen hat, doch im Nachhinein haben wir gelernt, sie zu schätzen. Geister beschwört man nicht leichtfertig, man weckt sie nicht ungestraft.