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Ein Jahr mit zwei Kindern und einem Hund auf 10 Quadratmetern: 2015 begann ein besonderes Jahr für Familie Kruse. Ohne im Vorfeld eine Route festgelegt zu haben, startete sie mit einem Wohnmobil zu einer Tour, die sie schließlich quer durch Europa führen sollte. Eine Zeit lang wurden die 4 dabei von ihrer erwachsenen Tochter und deren Rollstuhl begleitet - bei der Enge des Wohnmobils eine Herausforderung für alle und eine Familienzusammenführung der besonderen Art. Dies ist der 2. Band der Trilogie über das Sabbatjahr. Er berichtet von Begegnungen, Erlebnissen und Gedanken während des ungewöhnlichen Reisejahres, das die 5 Mitglieder der Familie 6 Wochen lang vorbei an 3 Vulkanen auf 1 außergewöhnliche Insel führte - nach Sizilien.
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Seitenzahl: 75
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Meiner Frau Silvia,
der ich ein unvergleichliches Jahr
und viele der hier wiedergegebenen
Gedanken und Bilder verdanke
Im Jahr 2009 haben wir beschlossen ein Sabbatjahr zu beantragen, um durch die Welt zu reisen. Das ist jetzt 6 Jahre her und diese Zeit hat manches verändert. So sind im Laufe der Ansparphase noch zwei kleine Kinder zu uns gekommen. Vermutlich ist mit den Kindern unser Sicherheitsbedürfnis gestiegen, sodass die Reise nicht mehr ganz so abenteuerlich verlief, wie wir sie uns in unseren Gedanken immer vorgestellt hatten. Die Welt, die wir bereisen wollten, ist kleiner geworden, als wir ursprünglich gedacht haben. Wir - Tyra, Fyn, Silvia und Johannes - sind ein Jahr durch Europa getourt.
Dieses Buch ist kein Reiseführer, der über Touren und Besichtigungen informiert. Es ist die erweiterte Fortsetzung unseres Reiseblogs unter „die-kruses.blogspot.de“, in dem wir in unregelmäßigen Abständen über Erlebnisse während unserer Reise berichtet haben. Anders als im Blog sind diese Geschichten hier nicht in der Reihenfolge ihrer Niederschrift, sondern in der Chronologie unserer Reise aufgenommen, sodass sich anhand der Geschichten unsere Reiseroute verfolgen lässt.
Das Sabbatjahr hat uns auch Freiräume zu einem Denken ermöglicht, das nicht durch den Alltag überlagert war. Deshalb sind in dieses Buch außerdem auch Gedanken eingeflossen, die uns im Laufe dieses Jahres durch den Kopf gegangen sind.
Mit Fotos von
Silvia Kruse und
Loni Heidweiler
Vorwort
Teil I
Das Weihnachtswunder
Finnisch für Fortgeschrittene
Temperaturen
Toilette oder Fitnessraum?
Toastbrot
Puderzucker
Parkplatz in Lugano
Autogrill
Pisa am Abend
Günstige Stellplätze
Alle Wege führen nach Rom
Der Gummischuhbaum
Tyras philosophische Ecke
Oh, wie schön ist Kampanien
Paestum - Antike zum Anfassen
160 Kilometer in 7 Stunden
Hochzeitstag
Eintritt frei
Etna
Bräsig in der Sonne brutzeln
Der Kakadu
Zu Dionys, dem Tyrannen
Im Ohr von Dionysos
Tyras philosophische Ecke
Tonnara di Vendicari
Angriff der Killer-Kiwis
Der Feind in meinem Auto
Die 142 Stufen
Tempel, Tempel, Tempel
Die Salinen von Marsala
Peppe Genna
Sicherheit auf dem Campinglatz
See-Kühe
Der Uni-Rock
Der Himmel über Monreale
Der Himmel über Cefalù
Fremdsprachen für Anfänger
Stromboli
Maulwürfe der Straße
Das Déjà-vu
Hilfe, mein Navi spinnt!
Der Soundtrack der Reise
Teil II
Kühlschrank-Variationen
Orte, an denen wir waren
Teil III
Schicksalsschläge
Erinnerung
Die Eltern-NSA
Loslassen
Selbstausleihe in der Bibliothek
Das Optimale ist der Feind des Guten
Nachwort
In diesem Buch sind einige der Kapitelüberschriften Titeln von Filmen, Büchern oder Musikstücken nachempfunden.
Manche sind offensichtlich, andere eher versteckt oder lediglich angedeutet. Wer raten möchte, sollte die Lösungen im Nachwort ab Seite → erst am Schluss lesen.
Es ist Heiligabend. Während ich die Familie zur Kirche fahre, stelle ich fest, dass ich - wieder einmal - vergessen habe, rechtzeitig das Benzin aufzufüllen. Der Bordcomputer errechnet mir noch eine Reichweite von 12 km. Ich beschließe daher, nachdem alle - damit wir einen Sitzplatz bekommen, wie immer eine halbe Stunde vor Beginn - vor der Kirche abgesetzt sind, noch schnell zur Tankstelle zu fahren. Schon als ich mich nähere, erkenne ich, dass ich ein Problem habe: die ortsansässigen Tankstellen sind geschlossen! Alle beide! Für heute wird es noch reichen, aber morgen muss ich nach Braunschweig! Und ich habe keine Ahnung, wie ich mit dem vorhandenen Restsprit bis dorthin kommen soll.
Es ist der Erste Weihnachtstag, 25. Dezember, und ich starte vorsichtig das Auto. Gestern war ich mit einer Reichweite von 7 km zuhause auf den Hof gefahren - das reicht niemals bis zur nächsten feiertagsoffenen Tankstelle! Denn die liegt erst in Groß Düngen. Doch was sehe ich: heute starte ich mit einer Reichweite von 17 km! Keine Ahnung, woher die 10 km gekommen sind, aber ich nehme sie gerne. Mit ein wenig Glück und reichlich Rückenwind komme ich damit hoffentlich zum gewünschten Diesel-Dealer. Und während ich angespannt hinter dem Lenkrad sitzend fahre, geschieht das Wunder: Kaum habe ich Wesseln - auf halber Strecke zwischen Bad Salzdetfurth und Groß Düngen - erreicht, springt die Reichweitenanzeige auf 35 km! Und als ich schließlich Groß Düngen erreiche, weist die Anzeige sogar 37 km auf!
Kurzeitig überlege ich, ob ich ohne zu tanken weiterfahren soll - doch dann ermahnt mich eine innere Stimme und ich biege rechts ab und fahre an die Zapfsäule. Wunder soll man nicht auf die Probe stellen.
Bevor wir erneut mit dem Wohnmobil starteten, waren wir zu einem kurzen Aufenthalt in der Jugendherberge Köln-Deutz. Dort habe ich mein erstes Wort Finnisch gelernt - und ich bin sicher, dass ich es nicht mehr vergessen werde, auch wenn ich es wohl nie werde anwenden können. Gelernt habe ich das Wort auf dem Klo! Unglaublich, wo man Dinge lernt: Archimedes in der Badewanne - und ich auf dem Klo!
Sie lagen unter dem Waschbecken und ich hatte sie vorher völlig übersehen, doch - warum auch immer - plötzlich sprangen sie mir ins Auge: die Hygiene-Beutel für Damenbinden. Und hier waren diese eigentlich recht unscheinbaren Papierbeutel, die mich immer an Pausenbrottüten erinnern, mit einem kleinen Sprachkurs versehen. Die Überschrift "Hygiene-Beutel für Damenbinden" und die folgende Aufforderung, diese nicht ins WC, sondern in den dafür vorgesehenen Behälter zu werfen, waren in 15 (!) weitere Sprachen übersetzt. Ich kam mir vor wie beim Griechen, bei dem man mit dem Besteck Servietten erhält, auf denen sich Redewendungen mit griechischer Übersetzung finden, etwa: Guten Tag - Kalimera. Ich sitze dann jedes Mal und überlege, ob ich die Bedienung mit meinem gerade gelernten Griechisch ansprechen soll, lasse es aber, weil es mir zu anbiedernd scheint und frage mich stattdessen, weshalb mir dieser kostenlose Sprachkurs angeboten wird, dessen Inhalt ich garantiert 5 Minuten nach Verlassen des Restaurants bereits zu 90 Prozent vergessen habe. Immerhin bin ich dann beim nächsten Besuch eines griechischen Lokals wieder gespannt auf meine Serviette mit den Übersetzungen.
Aber hier auf dem Klo der Jugendherberge ist es anders. Schon beim Lesen der finnischen Übersetzung weiß ich, dass ich sie mein Leben lang nicht mehr vergessen werde. Doch ich weiß auch, dass ich sie mein Leben lang nie gebrauchen werde. Nutzloses Wissen, das sich fest in meinen Kopf gebrannt hat und das ich nicht mehr loswerden werde. Blau auf Weiß lese ich die finnische Übersetzung: Hygienapussi! Das bekomme ich sicher nie mehr aus dem Kopf!
Wer weiß: vielleicht werde ich eines Tages in Finnland nur deswegen in ein Geschäft gehen, um Hygiene-Beutel für Damenbinden zu kaufen, damit ich mein erstes Wort Finnisch wenigstens einmal im Leben anwenden kann.
Irgendetwas war vorgefallen. Ich wusste nicht, was es war, doch ich erwachte plötzlich und fror. Es war noch früh am Morgen. Wir standen in Waldshut, nahe der schweizerischen Grenze, und es war bitterkalt im Wohnmobil. Ich wollte mich wieder umdrehen, um tief in die Bettdecke eingekuschelt noch ein wenig weiterzuschlafen, da vernahm ich es, wie aus der Ferne. Eine Stimme, die mich flüsternd und leise schmeichelnd zu locken schien: „Komm! Komm her! Hier hast du's warm!“ Hatte ich das wirklich gehört? Oder litt ich unter Halluzinationen? Schlaftrunken setzte ich mich auf - soweit das im wohnmobilen Alkoven möglich war - und lauschte in die beginnende Morgendämmerung. Da war es wieder, leise zwar, doch deutlich zu verstehen: „Komm her! Hier hast du's warm! Zögere nicht! Komm!“
Irritiert, doch neugierig entstieg ich zunächst dem erhöhten Schlafgemach und schließlich auch dem es umgebenden Mobil und folgte der Richtung des lockenden Säuselns. Das „Komm, ach komm“ war nun deutlicher zu vernehmen. Es hatte einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte, ja, dem ich mich jetzt auch gar nicht mehr entziehen wollte. Ich wollte der sanft säuselnden Aufforderung folgen und ich wusste jetzt, dass ich es auch würde. Nichts konnte mich mehr davon abhalten. Irgendwo hier musste es einen warmen Platz geben und ich wollte ihn finden. Wie in Trance ging ich über die glücklicherweise nur wenig befahrene Straße, denn ich folgte nur noch der Stimme und hatte nicht mehr die Kraft, nach links und rechts zu blicken. Nur der Stimme nach! Dieser Stimme! Und dann sah ich es:
Es war der Rhein, der mich mit seiner Wärme lockte. Mit 5 Grad maß er fast das Doppelte der Außentemperatur. Nur mit Mühe konnte meine Frau, die beste von allen, wie ihr ja wisst, die mir nachgeeilt war, mich von einem Sprung in die wärmenden Fluten des Flusses abhalten. Sie brachte mich zurück ihn unser über Nacht erkaltetes Wohnmobil und zündete die Heizung an. Aber das säuselnde Locken des Rheins hing mir lange noch in den Ohren.
